Das Wesen der Psychose - Objektive und subjektive
Theorien der Schizophrenie
Mag. Johanna Vedral, 2008
Was ist eine Psychose?
Im Folgenden betrachten wir das Wesen ,,Psychose" mit verschiedenen ,,Brillen": Wir
finden psychoanalytische, neurophilosophische, klinisch-psychologische,
humanethologische, psychiatriekritische, entwicklungspsychologische, soziologische,
philosophische, existenzanalytische, biochemische, mythologische, subjektive und
spirituelle Erklärungsansätze.
2
Inhaltsverzeichnis:
Das Wesen der Psychose - das Wesen ,,Psychose" ... 1
Was ist eine Psychose? ... 1
Psychiatrische Klassifikationen ... 3
Die Psychose als ,,Wesen" ... 4
Ist die Schizophrenie wirklich eine Krankheit? ... 5
Ätiologische Sichtweisen derPsychose ... 6
Psychoanalytische Erklärungsansätze ... 7
Humanethologischer Erklärungsansatz... 9
Die gespaltene schizophrene Seele ... 9
Wissenschaftliche Mythen in der Schizophrenieforschung... 10
Vulnerabilitätstheorie ... 10
Interdisziplinäre Theorie der Schizophrenie ... 12
Existenzanalytisches Modell der Psychose ... 13
Schizophrenie als psychospirituelle Krise... 13
Podvolls Psychiatrie des Mitgefühls ... 14
Biomythologie der Schizophrenie ... 19
Genetische Modelle der Schizophrenie ... 22
Gibt es die Krankheit Schizophrenie überhaupt oder ist sie nur ein Mythos?... 23
Subjektive Krankheitstheorien der Psychose ... 25
Literatur: ... 30
3
Psychiatrische Klassifikationen
Schizophrenie ist eine psychische Erkrankung und wird zu den ,,endogenen
Psychosen" gerechnet. Der Begriff ,,endogen" bedeutet, dass es bis heute kein
sicheres Wissen über die Ätiologie dieser Krankheit gibt. Nach den Alterspsychosen
ist die Schizophrenie die am häufigsten auftretende Psychose. Schizophrenie ist kein
kulturgebundenes Phänomen, sie tritt auf der ganzen Welt bei ca. 1- 2% der
Bevölkerung auf.
Der Begriff Psychose (deutsch: Geisteskrankheit) bezeichnet eine uneinheitliche
Gruppe von psychiatrischen Erkrankungen, die mit einem zeitweiligen weitgehenden
Verlust des Realitätsbezugs einhergehen. Auffällige Symptome sind oft Wahn und
Halluzinationen.
1
Schizophrenie stellt ,,eines der verwirrendsten und umstrittensten
Konzepte der psychiatrischen Nosologie dar."
2
Psychiatrische Klassifikationssysteme gibt es seit fast 100 Jahren. Bleuler und
Kraepelin teilten die psychischen Symptome in pathologische Gruppen ein, um die
großen Krankheitsentitäten zu definieren. Sie beschreiben die psychopathologischen
Kennzeichen (Symptome) von Syndromen und leiten daraus Diagnosen ab.
Für Bleuler und Kraepelin zeigt sich die Krankheit als eine Essenz, eine spezifische
Entität, auffindbar durch die Symptome, in denen sie sich äußert, die Krankheit ist
quasi eine botanische Spezies.
3
Kraepelin (1856-1926) unterschied Manie, Depression, akute und chronische
Schizophrenie (bei ihm ,,dementia praecox", d.h. frühzeitige Verblödung).
Bleuler (1857-1940) prägte den Begriff ,,Schizophrenie" und beschrieb dieses
Krankheitsbild als eine Störung mit verschiedenen Ausdrucksformen und Verläufen
(Gruppe der Schizophrenien).
1
Foucault 1968, S.17f
2
DSM-III-R (S.208).
3
Foucault 1968, S.17f
4
Heute finden wir zwei auf dieser Tradition aufbauende international anerkannte
Klassifikationssysteme, ICD-10
4
und DSM-IV
5
. Diese haben den Begriff Psychose
quasi abgeschafft, weil die Begriffe Neurose und Psychose an die psychoanalytische
Theorie gebunden sind. Bei den meisten Ärzten und Psychotherapeuten ist das
traditionelle Begriffspaar Neurose/ Psychose aber nach wie vor üblich. Deshalb ist an
dieser Stelle ein Bezug auf dieses Konzept unerlässlich:
Die Psychose ist eine Störung der Gesamtpersönlichkeit
6
, in der Neurose hingegen
ist nur ein Teil der Persönlichkeit von der Krankheit betroffen. Im Unterschied zur
Neurose erleben die Erkrankten in der Psychose nicht sich selbst, sondern ihre
Umwelt als verändert und erlangen zumeist im Akutstadium keine Krankheitseinsicht.
In der offiziellen Nomenklatur des ICD-10 heißt Psychose nun psychotische Störung
und wird deskriptiv verwendet: ,,Vorkommen von Halluzinationen, wahnhaften
Störungen oder bestimmten Formen schweren abnormen Verhaltens, wie schwere
Erregungszustände, Überaktivität, ausgeprägte psychomotorische Hemmungen und
katatone Störungen."
Die Psychose als ,,Wesen"
Lehmann
7
vergleicht die psychiatrischen Anstrengungen zur Beschreibung,
Erkennung und Unterteilung von Schizophrenie mit der mittelalterlichen Praxis,
,,durch fortwährende Beschwörungen als existente Wesen apostrophierte Teufel in
allen Klassifikationsformen real werden zu lassen." Der Psychiater Szasz nennt die
Schizophrenie ,,das heilige Symbol der Psychiatrie"
8
.
Die Krankheit als Wesenheit im Sinne einer botanischen Spezies ist 21. Jahrhundert
im Verschwinden begriffen, man fasst sie nur noch als abstraktes Raster über der
Zukunft des kranken Individuums auf. Die psychische Krankheit wird als
Veränderung im Inneren der Persönlichkeit, eine innere Desorganisation ihrer
Strukturen und ein progressives Abweichen von ihrer Zukunft gesehent:
4
Internationale Klassifikation psychischer Störungen
5
Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen
6
Denken, Affekte, Bewusstseinskontrolle
7
Lehmann
8
Stevens
5
,,Je mehr die Einheit des Menschen als ein Ganzes aufgefasst wird, desto mehr
verflüchtigt sich die Wirklichkeit der Krankheit als einer spezifischen Entität; und
umso vordringlicher wird anstelle der Analyse der natürlichen Formen der Krankheit
die Beschreibung des Individuums in seinen pathologischen Reaktionen auf seine
Situation."
9
Der erste Blick auf das Wesen ,,Psychose" hat es nicht entschleiert ist es ein
Trugbild, eine Halluzination, eine Chimäre? Und die Schizophrenie ist das wirklich
eine Krankheit? Was verbirgt sich unter dem Etikett ,,Schizophrenie"?
Ist die Schizophrenie wirklich eine Krankheit?
,,Es ist unverständlich, daher ist es unheimlich, daher ist es psychotisch, weil es unheimlich ist, weil es
psychotisch ist, weil es unverständlich ist."
10
Für Leferink ist die Schizophrenie ,,eine, wenn nicht die Krankheit der Moderne"
11
, da
die Krankheit des modernen Subjekts die Unsicherheit und Verzweiflung über die
von kulturellen Wurzeln und Traditionen mehr und mehr abgeschnittene eigene
Existenz sei. Die Schizophrenie sei ,,wie ein Spiegel, in dem die bekannten oder auch
die unausgesprochenen Gedanken einer Epoche reflektiert werden."
12
Ist Psychose ein anderer Wirklichkeitsbereich, das Reich des Jenseits, eine
Überflutung des Ich-Bewusstseins vom Unbewussten, eine gescheiterte
schamanische Reise, eine Geisteskrankheit, ein biochemisches Ungleichgewicht im
Gehirn?
All das und viel mehr kann ich mit einer Definition in ein gut verschnürtes Paket
einpacken und beschriften mit dem Label ,,Psychose". Und wenn ich dieses Paket
öffne, sehe ich... Eine Blutspur am Strand, ein weinendes Kind, in meine Nase dringt
der Gestank nach Verwesung, ein Lachen aus verzerrenden Spiegeln, lauf...
9
Foucault 1968, S.21
10
Laing 1983, S.68
11
Deleuze und Guattari: "Sie ist unsere `Krankheit', die des modernen Menschen." 1974, S. 169
12
Leferink S.4
6
Wer steht da auf der Bühne? Der gefährliche, unberechenbare Wahnsinnige?
13
Der
sensible, an der Gesellschaft leidende Rebell? Der arme Betroffene, der unschuldig
in die Fänge der Psychiatrie geraten ist und dort richtig verrückt gemacht wurde? Der
eigentlich völlig normale und sehr begabte junge Mensch, bei dem biochemische
Prozesse verrückt spielen?
Die Psychose ist bereits beim Versuch, eine Definition oder ein gültiges kulturelles
Bild zu finden, wie ein glitschiger Fisch, der sich dem Begreifen entwindet, ein
verschwommenes Trugbild:
14
"Ist es nicht gerade das Wesen der Geisteskrankheit,
im Gegensatz zum normalen Verhalten, dass sie zwar erklärt werden kann, jedem
Begreifen aber widersteht?"
15
, fragt Foucault. Wie können wir hier klarer sehen?
Ätiologische Sichtweisen derPsychose
Es gibt mehrere ätiologische Sichtweisen der Psychose, wie bei allen psychischen
Erkrankungen. Heute gehen wir wird kaum mehr von einer monokausalen Erklärung
der Psychose aus, denn die Psychose entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel
von Körper, Seele und sozialer Wirklichkeit. Durch diese vielschichtig einwirkenden
Variablen gleicht keine auftretende Psychose einer anderen. Jeder macht aus der
Schizophrenie seine eigene Sache das heißt, die Schizophrenien von Forschern
wie Freud, Bleuler oder Laing und die Erzählungen von Psychoseerfahrenen sind
psychologisch und phänomenologisch sehr unterschiedliche Konstruktionen.
Gibt es eine gültige Sichtweise der Schizophrenie?
,,Die Wahrheit der Verrücktheit ist nicht in einem bestimmten Bild, sondern in der
Mannigfaltigkeit der Bilder und Diskurse kodiert."
16
13
Das Stigma psychischer Erkrankungen wird auch als "zweite Krankheit" bezeichnet. Das Stereotyp
der Gefährlichkeit von schizophren Erkrankter ist gerade für die gesellschaftliche Wiedereingliederung
von Patienten ein großes Hindernis. Dabei wird das Gefahrenpotenzial durch schizophren Erkrankte
von Laien stark überschätzt.
14
Während meiner Psychose war ich wieder und wieder damit beschäftigt, diesen Fisch zu fangen, zu
zerlegen, wieder zusammenzusetzen, zu beschreiben, zu benennen, zu essen, zu verdauen, zu
erbrechen, wieder auszuscheiden.
15
Foucault 1968, S.73
16
Leferink S.6
7
Im Folgenden betrachten wir das Wesen ,,Psychose" mit verschiedenen ,,Brillen": Wir
finden
psychoanalytische,
neurophilosophische,
klinisch-psychologische,
humanethologische, psychiatriekritische, entwicklungspsychologische, soziologische,
philosophische, existenzanalytische, biochemische, mythologische, subjektive und
spirituelle Erklärungsansätze.
Psychoanalytische Erklärungsansätze
Mit der Brille der Psychoanalyse sehen wir Psychose als Ausdruck des
Unbewussten: Für Freud
17
ist die Psychose eine pathologische Schwächung der
,,kritischen Zensur" oder eine ,,Verstärkung der unbewussten Erregungen". Er wagt
nicht, psychotisch Erkrankte analytisch zu behandeln, da er die Schizophrenie zu
den ,,narzisstischen" Erkrankungen zählt, bei denen der Patient nicht
übertragungsfähig sei.
Eine neue Sichtweise auf psychotisch erkrankte Menschen entwickelte der
Neopsychoanalytiker Harry Stack Sullivan.
18
Ihm zufolge gehen sowohl Psychose als
auch Neurose auf Lebenserfahrungen zurück; die Übergänge zwischen beiden
Störungen sind fließend. Er sieht die Schizophrenie als einen ,,Versuch, durch
Regression auf frühere Denkprozesse, auf infantile oder sogar pränatale geistige
Funktionsweisen komplexere Lebenserfahrungen erfolgreich zu integrieren, die
bisher nicht in einer funktionellen Einheit strukturiert waren."
19
Der Schweizer Psychiater Adolf Meyer sieht im Schizophrenen einen Menschen, der
entscheidende ,,Lebenstechniken" nicht gelernt habe. Sein Zusammenbruch erfolge,
wenn er Belastungen ausgesetzt sei, denen er sich nicht gewachsen fühle.
Auch C.G.Jung
20
versucht, Ausdrucksformen und Ideen des Wahns aus der
Lebensgeschichte der Betroffenen abzuleiten.
21
In der analytischen Psychologie wird
Schizophrenie als Ausdruck eines unbewältigten psychischen Konflikts
17
Freud 1900, S.511
18
Chicagoer Sociological School
19
Sullivan 1924, zit. nach Bock
20
1939
21
Stern (1977) glaubt, dass das gesamte Jung'sche Werk aus einem lebenslangen Kampf mit der
eigenen Schizophrenie entstanden sei.
8
gesehen. Im Gegensatz zu Freud geht Jung davon aus, dass bei Schizophrenen
nicht das Bewusstsein besonders schwach, sondern vielmehr das Unbewusste
besonders stark entwickelt ist. Ob es zu einer Psychose kommt, hängt nicht von den
Inhalten des Unbewussten ab, sondern von der Kapazität, diese zu verarbeiten.
Gaetano Benedetti, ein Schweizer Psychoanalytiker, zeigt uns Psychose als
Entwicklung
22
: Die Entstehung einer psychotischen Struktur reicht zurück in die Zeit,
als das Kind noch keine Objekte wahrnehmen konnte, bis in die ersten
Lebenswochen, bis zum Trauma der Geburt und möglicherweise weiter zurück bis in
den Mutterleib.
23
Das Wesen der Psychose ist uns in dem Maß unverständlich, wie
wir uns nicht mehr in die vorsprachliche Realität eines Kindes in diesem Alter
hineinversetzen können. Das psychotische Erleben kann nur umschrieben und
angedeutet werden, weil es die Begriffe sprengt. Benedetti geht davon aus, dass
einer Psychose eine langsame Entwicklung vorausgeht, bis zum Kulminationspunkt,
in der in die Psychose hinein gesprungen wird, oft in der Pubertät. Der Rückzug in
eigene innere seelische Räume, in Tagträume und Fantasien, eine wichtige
Voraussetzung zur Entwicklung von Identität, findet in dieser Zeit verstärkt statt.
Entwickelt sich dieser Rückzug zu einem autistischen Rückzug:
24
, bezeichnet
Benedetti diesen Zustand als ,,Moratorium", als eine Art Pause in der
Auseinandersetzung mit der unfassbaren Wirklichkeit.
Die Psychose kann auch als Realitätsbezugsstörung gesehen werden: Lempp
25
erklärt die Entwicklung einer Psychose als Störung der inneren Balance durch
Überreizung und gleichzeitig die Bedrohung der Identität durch Isolation. Aus der
Überreizung
entstehen
paranoide
Vorstellungen,
aus
der
Isolation
Wahnvorstellungen.
Krausz
26
sieht jeden Menschen grundsätzlich als schizophreniefähig, weil er ,,von
vornherein die Fähigkeit zu schizophrenem Denken und Erleben in sich trägt...weil er
schon in seiner Kindheit und weil er jede Nacht im Traum so gedacht und erlebt hat."
22
Benedetti 1964
23
Vgl. Eberwein
24
Benedetti 1947
25
Lempp 1984
26
Krausz 1990
9
Humanethologischer Erklärungsansatz
Der humanethologische Blick auf die Schizophrenie vergleicht den Schizophrenen
mit dem Frühmenschen und sieht psychotische Phänomene als Durchbrüche
phylogenetisch alter Programme:
27
Der Schizophrene könne wie sein
frühmenschlicher Vorgänger die körperliche Nähe anderer nicht ertragen und fliehe
vor dem Gedränge und könne die negativen Gefühle nicht unterdrücken, die ein
ungenügender Lebensraum auslöse. Die Überbevölkerung sei für ihn ein
permanenter Stress. Er sei sich ständig unausgesprochener Nuancen bei der
Kommunikation mit anderen bewusst, da ein schützender Perzeptionsfilter fehle.
Auch Misstrauen und Furcht vor anderen trete unverhüllt in Erscheinung, er suche
deshalb die Einsamkeit.
Die gespaltene schizophrene Seele
Sehr bekannt ist das Bild der ,,gespaltenen schizophrenen Seele": Die Bezeichnung
"Schizophrenie" (Spaltungsirresein) geht auf Bleuler zurück. Für ihn bestand das
Charakteristische dieser Erkrankung in einem Mangel an der Einheit der
Persönlichkeit, in einer Zersplitterung und Aufspaltung des subjektiven Gefühls der
Persönlichkeit sowie der psychischen Tätigkeiten des Fühlens, Denkens und
Wollens. Das heißt, der schizophrene oder psychosenahe Mensch leidet in
gesteigerter und radikalisierter Form an Spaltungen, die dem menschlichen Leben
eigen sind und am eigenen Unvermögen, auf einer symbolischen Ebene die
Gegensätze zusammen zu bringen.
28
In Umfragen wurde mehrfach bestätigt, dass
etwa jeder dritte die Vorstellung hat, bei der Schizophrenie komme es zu einer
Spaltung der Persönlichkeit, einer Verdoppelung der Identität wie bei "Dr. Jekyll und
Mr. Hyde". Das Krankheitsbild Schizophrenie wird demnach vielfach mit dem
assoziiert, was Psychiater als "multiple Persönlichkeitsstörung" bezeichnen.
27
Ploog 1964; Jonas und Jonas 1977, beide zit. Nach Süllwold 1995
28
Bock 1999, S.30
10
Wissenschaftliche Mythen in der Schizophrenieforschung
Werfen wir auch noch einen Blick auf wissenschaftliche Mythen in der
Schizophrenieforschung - die mittlerweile ausgemusterten, da empirisch nicht
beweisbaren psychoanalytischen Theorien, die die Ursache der Schizophrenie in der
Familie sehen. Mit diesen Theorien der pathologischen Kommunikationsmuster
innerhalb der Familie wurden die Mütter oder beide Eltern angeschuldigt, für die
Psychose ihrer Kinder verantwortlich zu sein, was schlimme psychologischen Folgen
für die Eltem schizophren Erkrankter hatten. Die Psychoanalytikerin Frida Fromm-
Reichmann
29
sprach von der ,,schizophrenogenen Mutter", die durch
Überfürsorglichkeit und dominierendes Verhalten ihre Söhne in die Schizophrenie
treibt. Der amerikanischen Psychiater und Kommunikationsforscher Bateson
30
legte
die Doppelbindungstheorie (Double-bind-Theory) vor, die von der Annahme ausgeht,
dass den später Schizophrenen als Kindern in ihren Familien gehäuft unlösbar
widersprechende Botschaften vermittelt würden. Daraus erklärte Bateson die
,,Verwirrung" des Denkens und das ambivalente und bizarre Verhalten
Schizophrener. Wissenschaftliche Belege gibt es weder für das Konzept der
,,schizophrenogenen Mutter", noch für die Double-bind-Theorie.
Vulnerabilitätstheorie
Eines der wichtigsten ätiologischen Modelle der Schizophrenie ist die
Vulnerabilitätstheorie,
31
die besagt, dass grundsätzlich alle Menschen
psychosefähig sind, die Erkrankung aber erst dann ausbreche, wenn sie durch
einen Stressor getriggert werde. Die zentrale Störung der Schizophrenie sei eine
überdauernde erhöhte Verletzbarkeit, die sich erst unter bestimmten Bedingungen in
einer schizophrenen Episode manifestiere. Diese Verletzbarkeit wird als
Schwellensenkung des Individuums gegenüber sozialen Reizen wie z.B.
Lebensereignissen (die dadurch zu Stressoren werden) definiert. Diese Stressoren
können über Zwischenschritte psychotische Episoden auslösen. Die Vulnerabilität
besteht aus angeborenen (genetisch und in der Neurophysiologie des Organismus
29
Fromm-Reichmann 1948
30
Bateson 1956
31
Ciompi 1982
11
festgelegten) und erworbenen (durch Traumata, spezifische Erkrankungen,
perinatale Komplikationen, ungünstige Familienerfahrungen) Anteilen.
Der Psychoanalytiker und Traum-Spezialist Ernest Hartmann
32
baut seine
Persönlichkeitstypologie auf dem Begriff der Vulnerabilität auf. Er beschreibt in
seinem Konzept der ,,boundaries" zwei Extreme der Persönlichkeit dickfellige
Menschen mit ,,thick boundaries" und dünnhäutige mit ,,thin boundaries".
Dünnhäutige Menschen sind meist empathisch, ungewöhnlich "offen" bei
psychologischen Interviews, erinnern sich mehr an ihre Träume, sind leichter zu
hypnotisieren und gelten als fantasievoller. Hartmann beschreibt die dünnhäutigen
Persönlichkeiten als schutzlos im psychoanalytischen Sinn, das heißt, sie haben
meist nicht die Schutzmechanismen, die andere benützen, um (unangenehmes)
Material aus dem Unbewussten abzuwehren. Um mit Hartmann zu sprechen:
"Everything in their minds seemed to flow together. They did not separate things out,
nor did they have barriers or walls to separate themselves from the world."
33
Eine der zahlreichen Internetpublikationen, die über Schizophrenie aufklären
möchten, beschreibt eine schizophrene Psychose als einen ,, Zustand extremer
Dünnhäutigkeit mit dem Risiko der Überflutung durch Wahrnehmungen von
Außen und Impulsen von Innen und der Flucht in eine andere /eigene Realität als
Schutz. Diese Durchlässigkeit gilt in beide Richtungen. Inneres dringt ungehindert
nach Außen und nimmt als Vision oder Stimme Gestalt an. Reale äußere Reize,
Spannungen und Konflikte, die wir im "normalen" Zustand filtern und verdrängen,
treffen ohne jede Abwehrchance ins Innere."
34
C.G. Jung schätzte das Verhältnis von latenter zu manifester Psychose in der
Bevölkerung auf 10:1. Daraus folgerte Jung, dass bei einem Fünftel der Bevölkerung
mit latenter Psychose zu rechnen sei, das heißt, es handelt sich um ,,dünnhäutige"
Personen mit einer schwachen psychischen Konstitution oder einem übermächtigen
Unbewussten.
35
32
Hartmann 1991
33
Hartmann, 1991, S.16, zit. nach Douglas G. Richards
34
Schmidt
35
Ribi 1993, S. 487ff.
12
Interdisziplinäre Theorie der Schizophrenie
Der Psychiater und Philosoph Mitterauer
36
verbindet neurophilosophische und
biologische Hypothesen für seine interdisziplinäre Theorie der Schizophrenie und
entwickelt ein biologisches Erklärungsmodell des Verlustes der Selbstgrenzen, wobei
er von der allgemeinen Annahme ausgeht, dass Wahnideen und Halluzinationen auf
einem Verlust der Ich-Grenzen beruhen.
37
Dabei führt er an Stelle des schwer
definierbaren Begriffs der Ich-Grenzen das neurophilosophische Konzept des Selbst
als die Fähigkeit eines lebenden Systems zur Selbstbeobachtung ein: Nach der
Theorie der Subjektivität lebender Systeme
38
beruht die Grenzsetzung zwischen dem
Selbst und dem Nicht-Selbst auf der Fähigkeit der Verwerfung. Schizophrene können
nicht verwerfen, auf diese Weise lösen sich die Selbst-Grenzen auf.
Mitterauer führt die schizophrene Hauptsymptomatik auf den Verlust der Grenzen
zurück: Ein Verlust der begrifflichen Grenzen führe zu Denkstörungen, ein Verlust der
ontologischen Grenzen zu einer Konfusion zwischen Innen- und Außenwelt und
damit zu Wahnideen, ein Verlust der perzeptiven Grenzen führe zu Halluzinationen,
ein Verlust der motorischen Grenzen zu katatonen Symptomen (als Ausdruck einer
motorischen Generalisierung) und ein Verlust der emotionalen Grenzen zu
Affektverflachung.
Auf der phänomenologischen Ebene resultiert aus dem permanenten
ununterbrochenen Informationsfluss in den Synapsen ein Zeiterleben des ,,ewigen
Jetzt". Durch die nicht mehr mögliche Unterscheidung zwischen Selbst und Nicht-
Selbst (jedes gleicht dem anderen wie eine endlose Gleichung) wird das Gehirn zu
einem universalen psychischen Zentrum, das seine selbst geschaffene psychische
Qualität ununterscheidbar auf die gesamte äußere Welt überträgt. Dieses
Wirklichkeitserleben wird als wahnhafter Panpsychismus bezeichnet. Mit dem Verlust
der Selbst-Grenzen geht daher keine Spaltung des Bewusstseins, sondern ein
36
Mitterauer 2005
37
Der dem Verlust der Selbstgrenzen zugrunde liegende biologische Mechanismus könnte folgender
sein: Die Grundstörung der Schizophrenie beruht darauf, dass nicht-codierende Introne bei der RNA-
Transkription nicht herausgeschnitten (non-splicing) werden, wodurch es zu funktionsunfähigen
Proteinen kommt. Die Gliazellen, die in ihrer Interaktion mit den neuronalen Netzwerken eine Grenzen
setzende Funktion haben, verlieren diese Funktion, der Informationsfluss in den Synapsen wird nicht
mehr durch die Glia determiniert. Die Synapsen sind unbalanciert, es kommt zu einer Überflutung der
postsynaptischen Rezeptoren mit Neurotransmittersubstanz.
38
Günther 1962, zit. Nach Mitterauer 2005
13
existenzieller Holismus einher. Mitterauer schlägt deshalb vor, den Begriff
Schizophrenie durch den Begriff Holophrenie zu ersetzen.
Existenzanalytisches Modell der Psychose
Psychose kann durch die existenzanalytische Brille als Problem der Sinnfindung
gesehen werden: Jeder Mensch ist konfrontiert mit unvermeidbarem Leid,
unausweichlicher Schuld und dem unentrinnbaren Tod. Der Psychiater Frankl
39
stellt
eine für den Psychotiker oft zentrale Frage: ,,Wie ist es möglich, trotz all dieser
tragischen Aspekte der menschlichen Existenz trotzdem Ja zum Leben zu sagen?"
Betrachten wir die Psychose als existenzielle Krise:
40
Krisen sind Phasen, in
denen man sich neu finden muss, wie die Loslösung vom Elternhaus, die Bindung an
einen Partner, die Geburt eines Kindes, der Eintritt ins Berufsleben, sowie alle
Formen der Trennung. Je nachdem wie dünnhäutig oder dickfellig jemand ist,
braucht es mehr oder weniger Stress, Reizüberflutung oder Isolation, um eine
Psychose auszulösen. Nicht nur die Anlässe, auch die grundlegenden Themen der
meisten Psychosen spiegeln menschliche Grundkonflikte: z.B. das schwierige
Ringen um eine unverwechselbare Eigenheit, die Balance von Nähe und Distanz zu
Anderen, die Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt, die
Auseinandersetzung mit dem Tod.
Der von der Entwicklungspsychologie eingeleitete Prozess der Entpathologisierung
von Krisenphänomenen wird durch den Begriff der spirituellen Krise in der
transpersonalen Psychologie religionspsychologisch weitergeführt.
Schizophrenie als psychospirituelle Krise
Der psychiatriekritische Psychiater Breggin sieht Schizophrenie als psychospirituelle
Krise, als Überwältigtwerden von Lebensereignissen wie romantischer Liebe,
Adoleszenz, Gipfelerfahrungen oder religiöser Ekstase.
41
39
Frankl 1984, S.51
40
Perry 1994, zit. nach Bock
41
Breggin 1996
14
Ronald Laing geht davon aus, dass manche Psychotiker "transzendentale
Erfahrungen" machen, behauptet aber nicht, dass psychotische Erfahrungen dieses
Element offenkundiger beinhalten als normale Erfahrungen. Psychotiker als Mystiker
zu definieren, wäre eine wenig hilfreiche Romantisierung der Geisteskrankheit.
Christina und Stanislaf Grof, wichtige Vertreter der transpersonalen Psychologie,
weisen auf die Notwendigkeit hin, spirituelle Krisen von Psychosen zu unterscheiden.
Es gibt sowohl religiöse Erfahrungen mit psychotischen Anteilen wie auch
Psychosen, in deren Verlauf echte religiöse Erfahrungen gemacht werden. In der
modernen Gesellschaft besteht die Gefahr weniger darin, die Psychose zu
mystifizieren als vielmehr darin, dass Menschen, die durch spirituelle Erfahrungen
aus ihrer Alltäglichkeit herausgerissen werden und zeitweilig die Orientierung
verlieren, vorschnell als Psychotiker abgestempelt werden und eine Therapie
bekommen, die ihrem Leiden nicht entspricht.
Der Psychiater Scharfetter betont die Möglichkeit der Veränderung durch die Krise:
Wie einer mit der Krise der Krankheit umgeht, was er daraus macht, welchen Sinn er
ihr gibt, welchen wandlungsfördernden Aufschwung er unter Umständen daraus
entnimmt, hängt dann von der individuellen Verarbeitung und Biographie ab. Das
transformative Potenzial ist in der Krise enthalten; es besteht aber auch die Gefahr
des Versagens.
Podvolls Psychiatrie des Mitgefühls
Der Psychiater Podvoll verbindet buddhistische Meditationspraxis mit westlicher
Psychotherapie und eröffnet dadurch einen ungewöhnlichen neuen Blick auf die
Psychose, die "Psychiatrie des Mitgefühls".
Er sieht
Psychose als die
,,unvermeidliche Kehrseite der menschlichen Natur" und verwendet anstelle des
Begriffs ,,Psychose" den von Michaux eingeführten Begriff ,,zweiter Zustand."
Darunter versteht man eine andere Denkordnung, in der der Mensch die bewusste
Herrschaft über den Verstand verliert. Die Denkvorgänge machen sich selbstständig
und galoppieren davon, es offenbart sich eine ,,komplizierte Maschinerie mentaler
15
Mikrooperationen."
42
Diese Mikrooperationen sind die Keime, aus denen die
verschiedenen Phänomene des Wahnsinns ungehemmt in rasender Geschwindigkeit
hervorwuchern und das Bewusstsein zerschneiden können.
Podvoll stellt die Mikrooperationen in der Reihenfolge dar, in der sie wirken, wenn ein
Mensch wahnsinnig wird:
· Wiederholung: Vorstellungen und Bilder wiederholen sich wie anstürmende
Wellen.
· Multiplikation:
Alle
Bewusstseinsinhalte
vervielfachen
sich,
alles
überwuchernd..
· Verbreitung: Die Gedanken stürzen wie in einer Flucht der Ideen davon, es
gibt keine Lücke im Gedankenstrom.
· Gedanke und Bild: Durch die Verbindung von Gedanke und Bild entstehen
Imaginationen und Halluzinationen und die Empfindung: ,,Ich erschaffe
Welten!"
· Innen oder außen? Wo ereignet sich das alles?
· Gegensätzlichkeit: Jedes Bild erscheint mit seinem Gegen-Bild, ein Chor
disharmonischer Stimmen, einander widersprechender Befehle und
widerstreitender Gefühle.
· Infernalische Belebung: Wesen, Geschöpfe, Dämonen entstehen durch die
Neigung des Menschen zu personifizieren.
· Perverse Impulse: Unnatürliche Impulse, personifiziert als Wesenheiten,
bestürmen das Bewusstsein und es kommt zum Gefühl, verfolgt oder
besessen zu werden.
· Die Ichs kommen und gehen.
· Gefühl der Gewissheit: Alles wird zum Zeichen.
· Zwei Orte auf einmal: gespaltenes Bewusstsein.
· Neuorientierung:
fortwährende Orientierungssucht, eine unaufhörliche
erschöpfende Suche nach den eigenen Koordinaten.
· Die Wachzone: Auch im zweiten Zustand gibt es den ,,unbestechlichen
Beobachter", Augenblicke der Wachheit oder Inseln der Klarheit, wenn die
Assoziationen langsamer werden oder die Gedanken gar aussetzen, wie in
42
Podvoll 2004, S.199
16
der Entspannung nach einer Geburtswehe. Der Mensch empfindet diese
Wachzone als den eigentlichen Kern seiner Existenz und als Moment von
spiritueller Bedeutung, der dem Leben eine andere Richtung gibt. Podvolls
therapeutischer Ansatz besteht darin, die Wachzone zu schützen und
auszuweiten. Dies ist zum Beispiel möglich durch Atem- und
Körperbewusstseins-Übungen, denn das Bewusstsein vom eigenen Körper
verlangsamt den Fluss der Gedanken. Um nicht von den verführerischen
Bildern des Wahnsinns gefangen genommen zu werden, soll eine Beobachter-
Position eingenommen werden. Die Unbeständigkeit wird zum einzigen
Fixpunkt und zur Erinnerung daran, wach zu bleiben. Wenn ein Gefühl des
Mitgefühls entdeckt wird, wurde das Gegenmittel zum Wahnsinn gefunden.
Podvolls Arbeitsmodell der Psychose
43
beginnt mit dem ,,Cocktail", d.h. einer
Mischung von Ursachen, die zur Erzeugung eines Ungleichgewichts führen. Das
Ungleichgewicht besteht aus einer durch eine Verletzung verursachten neuen
Beziehung zwischen Körper, Neurotransmittern und Psyche und ermöglicht den
,,zweiten Zustand" der Mentalfunktionen. Der zweite Zustand differenziert sich dann
in verschiedene Zonen des Bewusstseins aus, z.B. das manische Bewusstsein; eine
funktionale Psychose ist entstanden.
Der ,,Cocktail" besteht aus Grenzsituation, Intention, Aktivität, chemischer Substanz
und Geistesabwesenheit und kann auch als alchemistischer Prozess gesehen
werden, der das Gleichgewicht stört und von Natur aus heilsame neurochemische
Substanzen in Gifte verwandelt.
· Grenzsituation: Mehr Menschen sind durch unglückliche Liebesbeziehungen
wahnsinnig geworden als durch Gifte, defekte Gene oder andere Störungen
zusammengenommen, bringt Podvoll auf den Punkt.
· Intention: Die Intention zur Transformation der Wunsch, jemand anderer zu
werden - wartet nur auf den auslösenden Katalysator, z.B. den geliebten
idealisierten Menschen.
43
Podvoll 2004 S.235ff.
17
· Aktivität: Nun werden Verfahren und Rituale angewandt, um die Intention zu
realisieren und Körper und Geist zu destabilisieren und zu desynchronisieren:
Schlafentzug, automatisches Schreiben, Gebete, rhythmische Bewegungen...
· Chemische Substanz: Natürlich findet sich auch immer eine Substanz, ein
Stimulans als Beschleuniger der angestrebten Transformation, ein
Zaubertrank, wie Halluzinogene, Alkohol oder Marihuana.
· Geistesabwesenheit: Absencen.
Podvoll beschreibt den ,,Teufelskreis des Verrücktwerdens" auch als Gang durch
sechs Bewusstseinszustände/ Seinsbereiche/ ,,Reiche" der Wirklichkeit:
44
Die
Antriebsenergie für den Übergang von einem Reich zum nächsten ist die Hoffnung
auf spirituelle Erfüllung.
· Reich der Sehnsucht: die Sehnsucht, ein besserer (spirituellerer) Mensch
zu werden
· Reich der Gier: Die Empfindungen werden intensiver, es entsteht Gier
nach mehr spirituellen Highs.
· Reich des unwiderstehlichen Drangs: Aus der Gier entwickelt sich eine
Getriebenheit, Macht auszuüben, weiter zu gehen
· Reich der Götter: Für kurze Zeit bricht man in himmlische Gefilde ein, eine
Empfindung, die Ewigkeit zu erfahren und die Furcht, alles wieder zu
verlieren.
· Reich der Paranoia: Angriffe von allen Seiten, Stimmen, Dämonen... Nur
der Einsatz noch größerer Energie kann vor den Dämonen retten.
· Hölle: Nun wird man von der vollen Wucht der eigenen Projektionen
getroffen (Hass, Selbstzerstörung, böse Stimmen...)
Dieser Zyklus wird viele Male durchlebt. In jedem dieser ,,Reiche" gibt es auch
typische Momente der Gesundheit, Inseln der Klarheit, Momente des Erwachens
(,,Träume ich?"), des zu sich Kommens, eine plötzliche Ausdehnung des
Bewusstseins in die Außenwelt hinein, eine Offenheit für die Wahrnehmung der
Außenwelt. Doch neben den Inseln der Klarheit gibt es immer wieder die Gefahr,
zurückgezogen zu werden in den ,,Traumstrudel der Psychose". Diese ,,Verlockung
44
Die Existenz dieser Reiche ist nicht auf Psychosen beschränkt.
18
des Wahnsinns" kann sogar so unwiderstehlich sein, dass die Betroffenen nach einer
psychotischen Episode die unaufhörliche innere Aufforderung erleben, die
faszinierend schillernde Wahrheit der Psychose noch einmal zu erleben, wenigstens
noch ein einziges Mal, sich wieder in die Psychose hineinzusteigern (wie im
,,Cocktail" beschrieben).
Es geht Podvoll im Grunde darum, der "Verlockung des Wahnsinns", die
"Verlockung der Realität" entgegenzusetzen.
Das Bahnbrechende an Podvolls Ansatz ist die Aussage: Heilung ist möglich.
Wie
in jedem Menschen die Anlage zur Geisteskrankheit verborgen ist, besitzt auch jeder
Mensch die Fähigkeit, sich von einer Psychose zu heilen, sie allmählich
,,aufzuwickeln". Der entscheidende Moment auf dem Weg zur Heilung ist das
Erwachen von Mitgefühl für die Leidensgefährten und letzten Endes hängt die
Heilung eines Psychotikers davon ab, welche Bereitschaft und Fähigkeit er besitzt,
sich auf die detaillierte Erkundung seines eigenen Geisteszustandes einzulassen,
und zwar aus eigenem Antrieb und auf sich allein gestellt.
Podvolls Zugang erinnert an die Reise des Helden, wie sie der Mythologe Josef
Campbell beschreibt. Die Heldenreise ist eine Metapher, die die Reise einer Person
in innere Räume widerspiegelt. Eintrittspforten sind häufig eine Verletzung, Krise,
Mangel, Ängste, Lebensübergänge, etc. Eine solche Reise kann durch äußere
Ereignisse sowie durch innere Prozesse ausgelöst werden. Die mythische
Abenteuerfahrt des Helden entspricht der Abfolge eines Übergangsritus` zwischen
zwei Lebensstadien: Trennung - Initiation Rückkehr. Diese Formel nennt Campbell
den einheitlichen Kern des Monomythos.
45
Auch Stanislaf und Christina Grof sehen Psychose als mythischen ,,Weg des
Helden in die Unterwelt". Statt einen solchen Weg medikamentös zu verhindern,
wie es in der Psychiatrie üblicherweise geschieht, soll der ,,Held" ihn in
verständnisvoller Umgebung durchstehen und bewältigen, ähnlich wie Indianer ihre
Initiation zum Schamanen.
46
45
Campbell 1999, S. 36
46
Zundel 1991, S. 188
19
Auch Paul Rebillot setzt die Heldenreise therapeutisch ein. Er entwickelte vor dem
Hintergrund seiner Theaterarbeit, seiner persönlichen Erfahrung von außergewöhnlichen
Bewusstseinszuständen,
der
Gestalttherapie
und
verwandter
humanistischer
Therapiemethoden und Campbells mythologischer Arbeit ein therapeutisches Ritual, das
er die Heldenreise nannte. Diese Heldenreise sollte Ärzten und Schwestern, die mit
psychisch Kranken arbeiteten, Verständnis für die Vorgänge in einer psychischen Krise
und das Transformationspotenzial bei deren Bewältigung ermöglichen. Rebillot´s
Heldenreise-Ritual folgt den uralten Heldenmythen. Da gibt es immer einen Helden, der
zu einer wichtigen Aufgabe gerufen wird, und einen Gegenspieler, den Dämon, der ihn
davon abhalten will. In den Mythen ist dieser Widerpart zum Beispiel der Drache oder der
Zwerg, der den Schatz bewacht. Im Heldenreisen-Ritual können wir die widerstreitenden
inneren Personen "Held" und "Dämon" herausarbeiten, einander gegenüberstellen und
ein Stück weit integrieren.
Wie wir bereits weiter oben bei Podvoll gesehen haben, braucht es immer eine
biochemische Substanz, ein Stimulans, einen Beschleuniger, um in den zweiten
Zustand der Psychose zu kommen. Michaux, Leuner und Grof konnten in ihren
Experimenten mit Halluzinogenen experimentelle Psychosen auslösen und auch von
innen beschreiben. Die wirksamsten natürlichen Halluzinogene und die
Neurotransmitter gehören derselben chemischen Familie an. Dopamin zum Beispiel
wirkt an sich, ohne metabolische Veränderung, wie ein Halluzinogen.
Womit wir zum bei Psychiatern wie Laien gängigsten und am weitesten verbreiteten
Modell zur Erklärung der Entstehung und der Behandlung von Schizophrenie
kommen: dem biochemischen Paradigma bzw. zur ,,Biomythologie".
Biomythologie der Schizophrenie
Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten, so lautet seit 150 Jahren das Credo. Es
handelt sich bei der Schizophrenie um organisch verursachte Störungen, und
wir stehen kurz vor dem Durchbruch, die entsprechenden körperlichen
Ursachen zu finden.
Die Behandlung der Wahl sind Neuroleptika mit
20
unbedeutenden Nebenwirkungen wie tardiver Dyskinesie, Libidoverlust oder
Gehirnschrumpfung.
Die bedeutendste biochemische Theorie zur Entstehung von Schizophrenie ist die
Dopamin-Hypothese: Sie geht davon aus, dass Schizophrenie aufgrund einer
exzessiven Dopaminaktivität entsteht, d.h. aufgrund einer Neurotransmitterstörung,
sozusagen einer Überschwemmung des Gehirns mit Dopamin.
Diese
Hypothese
beruht
auf
pharmakologischen
Erkenntnissen
zur
antipsychotischen Wirkung von Substanzen, die die Dopaminaktivität blockieren.
Allerdings gibt es zur Zeit keinen Weg, die Hypothese der Dopaminhyperaktivität zu
beweisen, weil die Studien fast immer mit Patienten erfolgten, die Neuroleptika
einnahmen.
47
Aufgrund der angeregten Neuronentätigkeit in unserem Gehirn, welches beständig
neue Wirklichkeiten erzeugt, wären wir alle psychotische Patienten, gäbe es nicht
immer wieder Stabilisierungsvorgänge in Form von Bewertungen, die vom limbischen
System ausgehen.
48
Schizophrene bewerten zwar, diese Bewertungen sind aber
erstaunlich instabil, d.h. sie scheinen wenige Minuten später schon keine Rolle mehr
zu spielen.
49
Andere Forschungsergebnisse sprechen von strukturellen Veränderungen im
Gehirn von Schizophrenen: In mehreren Untersuchungen
50
wurde eine
Vergrößerung der inneren Hohlräume des Gehirns und eine herabgesetzte
Durchblutung der Frontallappen bei chronisch schizophrenen Patienten mit
Überwiegen von Negativ-Symptomatik nachgewiesen, wobei nicht geklärt ist, wie
weit diese Veränderungen mit der Menge der von den Patienten eingenommenen
Neuroleptika korreliert.
Der Psychiater Breggin bringt als Argument gegen die Lehrmeinung, dass es sich bei
der Schizophrenie um eine biochemische Erkrankung des Gehirns handle, dass sich
Menschen mit einer Gehirnkrankheit (wie Alzheimer, einem Schlaganfall oder einem
47
Textbook of Psychiatry der American Psychiatric Press, zit. Nach Breggin 1996, S.170
48
Solche Bewertungen können Mögen und Nichtmögen, ja oder nein, "schmeckt gut" oder "schmeckt
schlecht" sein.
49
Kruse 1996
50
vgl. Rey/ Thurm in Reinecker 1994, S.514; Davison/ Neale 1996, S.467 ff.
21
Tumor) nicht in Symbolen ausdrücken wie Schizophrene: ,,Anstelle bedeutungsvoller
Metaphern treten bei gehirngeschädigten Menschen als erste Anzeichen dafür, dass
ihr Geist nicht mehr so gut funktioniert wie vorher, Gedächtnislücken auf. (...) Die als
Schizophrenie bezeichneten Denkprozesse setzen höhere geistige Funktionen
voraus und erfordern daher ein intaktes Gehirn. Ganz gleich, wie bizarr die Ideen
erscheinen mögen, sie erfordern symbolisches und oftmals abstraktes Denken."
51
Das biologische Krankheitskonzept der Psychiatrie prägt auch die Therapie
schizophrener Erkrankungen. Im Lehrbuch der Klinischen Psychologie fassen
Davison & Neale zusammen: ,,Den zweifellos bedeutsamsten Fortschritt in der
Behandlung schizophrener Störungen stellen die verschiedenen sogenannten
antipsychotischen Medikamente dar, die in den 50er Jahren auf den Markt kamen.
Wegen ihrer Nebenwirkungen, die zu Verhaltensmanifestationen ähnlich denen bei
neurologischen Krankheiten führen, nennt man sie auch Neuroleptika."
52
Neuroleptika werden als ,,noch immer reformbedürftige Medikamente"
53
gesehen, die
eine ,,erfolgreiche psychiatrische" Versorgung gewährleisten, allerdings auch als
,,chemische Zwangsjacke missbräuchlich verwendbar" seien und auch als solche
wahrgenommen werden, wenn die Nebenwirkungen überwiegen. Denn: ,,Das
subjektive Befinden ist nicht so positiv, wie die Behandler das wünschen."
54
Die Wirkungen der Neuroleptika sind:
55
· Antipsychotisch wirkend: Sie setzen v.a. an den Positiv-Symptomen der
Schizophrenie an, d.h. sie reduzieren Denkstörungen, Halluzinationen,
psychotisches
Wahndenken,
aggressives
Verhalten
und
psychomotorische Erregungszustände. Sie haben keine Auswirkungen
auf die sogenannten Negativ-Symptome wie Apathie, Antriebslosigkeit,
Affektverflachung und soziale Zurückgezogenheit.
· Gegen formale Denkstörungen wirkend: Neuroleptika wirken gegen
Entgleisungen, Sperrungen, Faseln und Neologismen.
· Gegen katatone Symptome wirkend
· Sedierend wirkend
51
Breggin 1996, S.51
52
Davison & Neale, 1996, S.478
53
Schmitz, M. (2004, S.159)
54
Schmitz, M. (2004, S.159)
55
vgl. Schmitz, M. (2004, S.161 f.)
22
Warum muss sich nun ein Psychiater, bevor er diese ,,Wunderdrogen" verordnet,
intensiv mit dem Complianceproblem auseinandersetzen?
Neuroleptika haben neben den oben beschriebenen erwünschten Wirkungen eine
Vielzahl von Nebenwirkungen:
Der Psychiater P.R. Breggin fasst die Wirkung der Neuroleptika wie folgt zusammen:
,,Die Neuroleptika sind chemisch lobotomierende Wirkstoffe ohne spezifsche Wirkung
auf irgendein Symptom oder Problem. Ihre Hauptwirkung ist es, das Individuum zu
dämpfen und zu unterwerfen. (...) Sie bewirken eine chemische Lobotomie und
wirken als chemische Zwangsjacke."
56
Er schreibt plakativ: ,,Statt eine Krankheit zu
heilen, schaffen Neuroleptika eine Krankheit."
57
Zusätzlich zur Nebenwirkung
,,geistige Lethargie" führt er Dystonie und Akathisie an: Die Patienten entwickeln
bizarre Formen von Hyperaktivität, verbunden mit einer inneren Reizbarkeit, die die
Person zu ständiger Bewegung treibt (Akathisie), verbunden mit schmerzhaften,
entkräftenden Krämpfen ihrer Muskeln (Dystonie), die so starr werden können, dass
der Patient nicht in der Lage ist, aggressive Handlungen oder irgendeine kraftvolle,
spontane Aktivität auszuführen (,,chemische Zwangsjacke").
Kein Wunder, dass nur jeder zweite Patient, dem Neuroleptika verschrieben wurden,
regelmäßig seine Neuroleptika einnimmt (Compliance von 50%)!
Genetische Modelle der Schizophrenie
Sehr beliebt ist im biologischen Krankheitskonzept auch der Blick mit der Brille der
Genetik: Zu den konsistentesten Daten der ätiologischen Schizophrenieforschung
gehören die Befunde zur familiären Häufung dieser Erkrankung:
58
Es gibt eine
genetisch bedingte erhöhte Vulnerabilität für das Risiko, an einer
Schizophrenie zu erkranken.
59
Das heißt, jeder zehnte Verwandte ersten Grades
eines Schizophrenen hat das Risiko, im Verlauf seines Lebens an Schizophrenie zu
erkranken, bei eineiigen Zwillingen betrifft das sogar jeden zweiten. Es handelt sich
56
zit. Nach Breggin, P.R. 1996, S.109
57
zit. Nach Breggin, P.R. 1996, S.114
58
Zwillings- und Adoptionsstudien wie auch Risk-Forschung an Kindern schizophrener Eltern
59
Gottesmann 1993, zit. Nach Klicpera/ Gasteiger Klicpera 1996, S.55
23
hier wahrscheinlich um einen polygenetischen Erbgang, bei dem nicht die
Krankheit selbst, sondern eine Disposition, die Krankheit zu entwickeln,
vererbt wird.
60
Davison & Neale
61
sprechen von einem Einstellungswandel der Experten betreffend
des gängigen Paradigmas zur Verursachung von Schizophrenie: Vor einer
Generation waren die meisten Experten davon überzeugt, dass der primäre Auslöser
in der psychischen Umgebung (Familie) liege, da die Wurzeln der Schizophrenie in
der frühen Kindheit gesehen wurde. Heute wird davon ausgegangen, dass es einen
körperlichen und möglicherweise genetischen Faktor gäbe, der zur Schizophrenie
prädisponiere, wobei nur noch unklar sei, welche Art von Stressor einen
schizophrenen Schub bei einem prädisponierten Individuum auslösen könne.
Gibt es die Krankheit Schizophrenie überhaupt oder ist sie nur ein
Mythos?
Neben harten Daten wie denen der Genetik finden wir zweifelnde Stimmen gibt es
die Krankheit Schizophrenie überhaupt oder ist sie nur ein Mythos? Das Wesen
Psychose wird fast durchsichtig oder scheint sich aufzulösen wie ein Traumbild...
Wie die obigen Ausführungen zeigen, gibt es keine eindeutigen Hinweise auf eine
körperliche Verursachung von Schizophrenie, und die therapeutischen Maßnahmen
der biologischen Psychiatrie (von den Psychopharmaka bis zum Elektroschock)
entfalten ihre Wirkung durch die Schädigung des Gehirns.
62
Wie ist daher der
Siegeszug der biologischen Psychiatrie zu erklären?
Der systemische Organisationstheoretiker Simon
63
weist in diesem Zusammenhang
auf die gesellschaftliche Aufgabe der Psychiatrie hin, soziale Störungen durch
unberechenbare Individuen zu beseitigen. Das biologische Krankheitskonzept und
die Anwendung von Psychopharmaka als Therapie eignen sich ideal dafür, dieser
sozialen Kontrollaufgabe gerecht zu werden.
60
vgl. Rey/ Thurm in Reinecker 1994, S.512
61
Davison & Neale 1996
62
Breggin 1996, S.16
63
Simon, F.B. in Breggin 1996, S.18f.
24
Der Psychiater Szasz behauptet, dass Bleuler die Schizophrenie erfunden habe, um
dem Zwang der Gesellschaft nachzukommen, diese unerwünschten Personen aus
der Gesellschaft auszuschließen und in der Psychiatrie einzusperren. Die
Bezeichnung der Krankheit habe weniger medizinische als gesellschaftliche
Gründe.
64
Ebenso radikal formuliert der Psychiater Scharfetter:
65
"Die Schizophrenie gibt es
nicht (...) aber es gibt Menschen mit bestimmten Erlebnissen, deren Ursprung wir
erkennen (...) können, wenn wir das rechte Hinhören und -schauen in uns selbst
geschult haben; Menschen, die sich im Zusammenhang mit diesen Erlebnissen in
besonderer Weise verhalten."
Fassen wir die Polyphonie der wissenschaftlichen Definitionen und Klassifikationen
zusammen:
Jeder Mensch ist schizophreniefähig. Bezüglich der Entstehung von Schizophrenie
wird nach derzeitigem Stand der Forschung eine multifaktorielle Genese
angenommen, wobei biologische, soziale und psychologische Variablen zu
berücksichtigen sind.
Eine Psychose verändert das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen. Der
psychotische Mensch nimmt anders wahr als andere Menschen. Das führt zu
verfälschten Überzeugungen, ungewöhnlichem Misstrauen und großer Angst. Der
Betroffene kann unter Verfolgungswahn leiden und unter Halluzinationen, er kann
fremde Stimmen hören, er kann manisch sein oder depressiv, er kann sich für Gott
halten oder selbstmordgefährdet sein.
Jede Psychose ist anders und erzählt eine eigene Geschichte. Sie ist immer in ihrer
individuellen Besonderheit, im sozialen Zusammenhang und mit all ihren subjektiven
Bedeutungen zu betrachten.
64
Szasz 1961
65
Scharfetter 1982, S. 55
25
Subjektive Krankheitstheorien der Psychose
Nach der verwirrenden Vielfalt des polyphonen Chors der ,,objektiven" Theorien zur
Psychose hören wir noch mehr Stimmen, Stimmen von innen, die Stimmen von
Psychose-Erfahrenen und Psychiatrie-Betroffenen.
Die psychotische Erfahrung hat für die meisten Betroffenen einen sehr privaten
Charakter, deshalb bedeutet, darüber zu sprechen, sie zu veröffentlichen, immer
Verletzungsgefahr und geschieht mit Vorsicht und unter Vorbehalt.
Psychose-Erfahrenheit und Psychiatrie-Betroffenheit sind keineswegs identisch; es
gibt zahlreiche Menschen in psychiatrischen Instituten, die nicht aufgrund verrückter
Erlebnisweisen dort sind, und umgekehrt gibt es viele, die intensive Erlebnisse von
Verrücktheit haben und nie in der Psychiatrie landen.
Der Psychologe Thomas Bock
66
untersuchte das Krankheitsverständnis und die
Lebensentwürfe von Menschen mit unbehandelten Psychosen. Leitfragen seiner
Untersuchung waren dabei Fragen zum Psychoseerleben, Deutungsmustern,
Integrationsversuchen und Selbstrekonstruktionen, Erfahrungen mit bzw.
Einstellungen zur Psychiatrie, Selbsthilfestrategien, Alltag und Lebensqualität,
Reaktionen der Umwelt, soziale Ressourcen, Entwicklungsprozesse, biographische
Einordnung des Geschehens sowie Perspektiven und Pläne.
Bock verweist darauf, dass sich eine gemeinsame Sprache von Psychiatrie und
Psychose-Betroffenen erst entwickeln kann, wenn ,,wir den Worten von Psychose-
Erfahrenen ohne professionelle Deutung zuhören" und mit einer grundlegenden
Haltung von Akzeptanz.
Compliance wird meist als einseitige Anpassungsleistung der Patienten gesehen, die
einsehen sollen, was sie im medizinischen Sinne sind oder haben. Compliance sollte
vielmehr als wechselseitiger Annäherungsprozess gesehen werden, in dem für beide
Seiten ein Zugewinn an Verständnis erreicht wird.
66
Bock 1999
26
Wie Menschen ohne den Einfluss psychiatrischer Behandlung mit psychotischen
Erfahrungen umgehen, ist individuell sehr verschieden. Die Psychose erscheint oft
als Ausdruck tiefer Ambivalenz, einer Gleichzeitigkeit von Gesundheit und Krankheit,
und bezieht sich immer auf grundlegende menschliche Konflikte wie die
Unentrinnbarkeit des Todes, die Unvermeidbarkeit von Schuld und die
Unausweichlichkeit von Einsamkeit. Meist geht es um eine Gratwanderung zwischen
zwei Polen, die in einer psychotischen Krise gipfelt. Psychose bedeutet aber nicht
nur Störung, sondern auch Lösung, d.h. sie ist ähnlich dem Traum eine menschliche
Anpassungs- und Selbstheilungsleistung. Die Psychose kann auch eine Sucht sein,
d.h. psychotische Wahrnehmung wird nicht nur negativ erlebt, sondern kann auch
gesucht werden.
Bock plädiert für die Auseinandersetzung mit Psychose-Erfahrenen die Haltung eines
interessierten zugewandten Laien, der die Äußerung des anderen ernst nimmt und
neugierig ist auf das Fremde, statt die eigene professionelle Wahrnehmung zum
absoluten Maßstab zu machen.
Das Konzept der Subjektiven Krankheitstheorien ermöglicht die wissenschaftliche
Untersuchung von Vorstellungen zur eigenen Krankheit. Unter subjektiven
Krankheitstheorien versteht man "komplexe Aggregate krankheitsbezogener
Kognitionen, die in bestimmter Weise organisiert und repräsentiert sind und das
Insgesamt aller Wissens- und Vorstellungsinhalte abbilden, die mit der jeweils
betrachteten Erkrankung assoziiert sind."
67
Einfacher gesagt, wird die Einstellung zur
Krankheit definiert als Vorstellungen zur Entstehung der Beschwerden und als
Erwartungen an mögliche Therapieformen.
68
Die subjektiven Krankheitstheorien der Patienten beeinflussen den Verlauf der
Erkrankung, den therapeutischen Prozess und die Compliance der Patienten.
Deshalb spielen diese subjektiven Theorien und die Fähigkeit der behandelnden
Ärzte, sich in die individuelle Welt ihrer Patienten einzufühlen, eine wesentliche Rolle
für tragfähige und therapeutisch wirksame Patient-Arzt-Beziehungen.
67
Filipp, 1990, zit. nach Vedral 1997
68
Vgl. Bock 1999, S.46
27
Solojenkina
69
untersuchte die subjektiven Krankheitstheorien von Patienten mit
Schizophrenie. Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede in den subjektiven
Krankheitstheorien der untersuchten Patienten und den Vorstellungen der Patienten
bezüglich ihres Krankheitsbildes und den entsprechenden Einschätzungen ihrer
behandelnden Ärzte:
Nur jeder dritte Patient hielt sich für krank, während 70 % der Ärzte der Meinung
waren, dass ihre Patienten ihre Erkrankung einsehen.
69 % der Patienten wollen ihre Behandlung geändert sehen, doch nur jeder dritte
Arzt war der Ansicht, dass seine Patienten eine solche Änderung wünschten.
Jeder zweite Patient schildert den starken Wunsch, ,,nicht weiter behandelt, sondern
aus der Klinik entlassen zu werden", von den behandelnden Ärzten hat dies nur jeder
zehnte angenommen.
Jeder dritte Patient glaubt, dass er gesund werden könne, wenn er umsorgt würde.
Die Ärzte haben diese Antwort nicht angegeben.
Bei Patienten mit Schizophrenie überschätzen die Ärzte die Krankheitseinsicht und
Compliance der Patienten und behandeln sie entsprechend ihrem ärztlich-
wissenschaftlichen Krankheitskonzept. Die Patienten halten medikamentöse oder
psychotherapeutische Behandlungen soweit für wichtig, wie es ihnen entsprechend
ihrer eigenen Krankheitskonzepte als sinnvoll erscheint.
Die Ergebnisse dieser Untersuchung stimmen nachdenklich: Wie wirksam ist eine
psychiatrische Behandlung bei so wenig Compliance? Reden Psychiater und
Schizophrene aneinander vorbei? Sollten die behandelnden Psychiater mehr den
Dialog mit den Patienten suchen, um so mehr über deren (Innen-)Sicht der
Schizophrenie zu erfahren und daraus wirksamere Behandlungspläne zu entwickeln?
Der Psychiater Mohelsky
70
schreibt dazu: "Das subjektive Erleben während einer
Psychose ist bedeutungsvoll, weil es uns etwas Wichtiges über uns mitteilt. Wir
69
Solojenkina 2004
70
Mohelsky 1994, zit. In Buck online
28
sollten diese fremdartigen Blüten unseres Geistes wie Geschenke behandeln, die wir
mit uns herumtragen und mit denen wir arbeiten können. Wir sollten sie zu
Mosaikstücken in der Landschaft unseres Lebens werden lassen. (Daher ist es)
wichtig, Menschen zu ermutigen und zu unterstützen, ihre Psychosen zu erforschen,
zu verstehen und Erklärungsmodelle über die Natur ihrer Erfahrung zu entwickeln.
Das ist auf zweierlei Weise hilfreich. Einmal sagt es uns, wie diese Erfahrung zu
verstehen ist. (...). Zum anderen helfen persönliche Erklärungen und Modelle den
Fachleuten und Forschern, aus einer anderen Perspektive zu lernen."
Von einem gleichberechtigten Nebeneinander von objektiven und subjektiven
Theorien sind wir aber noch weit entfernt. Die subjektiven Krankheitstheorien passen
nicht in das System der soziale Kontrolle ausübenden Psychiatrie.
Trotzdem gibt es Veranstaltungen wie die Kongressreihe ,,Die subjektive Seite der
Schizophrenie" oder die Psychose-Seminare als Begegnungsorte von Erfahrenen,
Angehörigen und in der Psychiatrie tätigen Menschen. Ziel der Psychose-Seminare
ist, eine gemeinsame Sprache zu finden und eine respektvolle Begegnung zwischen
allen zu ermöglichen. Es geht um ein besseres Verständnis von dem, was eine
Psychose bedeutet.
Dorothea Buck, Bildhauerin, Autorin und bedeutende Persönlichkeit der Bewegung
Psychiatrie-Erfahrener, kritisiert scharf das psychiatrische Dogma der erblich und
körperlich verursachten und darum sinnlosen und unheilbaren endogenen
Psychosen. Dieses Dogma verhindere jedes ärztliche Gespräch mit den
psychotischen PatientInnen über die Vorgeschichten und Inhalte ihrer Psychosen
und Sinnzusammenhänge mit deren Lebensgeschichten.
Frau Buck beschreibt eine Psychose als ,,eine sehr große Erschütterung. Man hat ein
total anderes Weltbild, von dem ich heute immer noch glaube, dass es der Wahrheit
mehr entspricht als unser normales. Man spürt überall Sinnzusammenhänge und ist
erschüttert von ganz anderen Welterfahrungen. Ich habe es ,,Zentralerleben"
genannt, weil ich das Gefühl hatte, dass alle menschlichen Bereiche auch die
Natur von einem Zentrum ausgehen und dieses Zentrum ist Gott. Im Alltag könnte
man mit dieser Erschütterung nicht leben. Das normale dicke Fell ist durchlässig
29
geworden und weil man damit allein ist, kann der Alltag nicht mehr bewältigt
werden."
71
Eine Art Janus-Blick auf die Psychose haben psychoseerfahrene Menschen, die als
professionelle MitarbeiterInnen in der Psychiatrie tätig sind. Es erfordert besonderen
Mut, diesen Seitenwechsel in den Diskurs einzubringen, um das ,,Lagerdenken" in
der Psychiatrie zu überwinden auf der einen Seite die, die behandelt werden, auf
der anderen Seite die, die behandeln... Die doppelte Psychiatrie-Erfahrung dieser
Menschen ist hilfreich und problematisch zugleich. Das Weglaufhaus in Berlin, ein
antipsychiatrisches Projekt, nützt die Ressourcen von Menschen mit
Doppelerfahrung: jeder zweite Mitarbeiter dieses Projekts ist psychiatriebetroffen.
Wir haben das schillernde Wesen Psychose aus unterschiedlichen Perspektiven
betrachtet. Und doch entsteht nicht der Eindruck, dieses Wesen entschleiert zu
haben erscheint es nun nicht noch mehr verhüllt als zuvor?
71
BPE Rundbrief 3/2005
30
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