4. Die Mensch Tier Beziehung 39
4.1. Ein historischer Abriss 39
4.2. Positive Wirkung der Mensch Tier Beziehung 42
4.2.1. Physische und physiologische Wirkung 43
4.2.2. Mentale und psychologische Wirkung 44
4.2.3. Soziale Wirkung 45
5. Kommunikation und Interaktion 45
5.1. Die menschliche Kommunikation 45
5.2. Die tierische Kommunikation 47
5.3. Die Mensch Tier Kommunikation 49
5.4. Mensch Tier Interaktion 51
6. Welche Tiere sind als therapeutische Begleiter geeignet
und wo sind sie einsetzbar 56
6.1. Delphintherapie 59
6.2. Hippotherapie 61
6.3. Lama und Alpaka Therapie 63
6.4. Hundetherapie 65
7. Einwände der tiergestützten Therapie 67
7.1. Allgemeine Schwierigkeiten 67
7.2. Instrumentalisierung von Tieren in der Therapie 68
7.3. Tierschutzgesetze 68
7.4. Hygieneaspekte 70
7.5. Ethik 73
7.6. Gefahren 73
7.7. Kritik an tiergestützter Therapie 74
8. Theoretische und konzeptionelle Einbindung in die Sozialpädagogik 78
8.1. Folgerungen für die Sozialpädagogik 78
8.2. Dog Water Therapy nach Elke Otto 82
8.2.1. Zielgruppe 82
8.2.2. Ausbildung der Therapiehunde 83
8.3. Einheitliche Ausbildungsstandarts für tiergestützte Therapie 83
9. Schlussbetrachtung und Ausblick 86
10. Quellenverzeichnis 90
10.1. Literatur 90
10 2
Internet 93
Möglichkeiten der tiergestützten Sozialpädagogik mit dementiell Erkrankten, geistig Be- hinderten und von Schlaganfall betroffenen Patienten bei ambulanter Versorgung
Michaela Bublitz
1. Einleitung
Das Ziel meiner Diplomarbeit ist es, die verschiedenen Arten der tiergestützten Therapie in der Sozialpädagogik vorzustellen und sie kritisch zu betrachten.
Das Thema der tiergestützten Therapie ist keineswegs neu. Bereits im 16.Jahrhundert erschienen erstmals Zeitungsartikel zu diesem Thema und auch einige wenige wissen- schaftliche Berichte. Im 18.Jahrhundert wurden in England Tiere in einer Anstalt für geis- tig Behinderte Menschen eingesetzt.
Immer wieder habe ich in der Literatur und in den unterschiedlichen Studien zum Thema tiergestützte Therapie, von einem oder dem „heilsamen Prozess“ in der Mensch-Tier- Interaktion gelesen. Meistens wird dieser heilsame Prozess jedoch nicht näher erläutert. Darum möchte ich mich in meiner Diplomarbeit genauer damit auseinandersetzen.
Die übergeordnete Frage lautet also: Was genau macht den heilsamen Prozess in der Mensch-Tier-Interaktion aus? Was wirkt warum? Und wie?
Tiere in der Therapie, Pädagogik oder Geragogik sind hierzulande noch nicht sehr be- kannt. Am geläufigsten sind vor allem die Reit – und die Delphintherapien. Im Gegen- satz zu uns, sind die angelsächsischen Länder bezüglich der „animal asstistend thera- py“, wie sie dort genannt wird, uns weit voraus. Besonders in den USA, wo das erste Werk zu diesem Thema schon 1969 erschien, existiert zahlreiche Fachliteratur zu diesem Thema
In den letzten Jahren hat sich die Wissenschaft etwas vermehrter mit dem Thema der tiergestützten Therapie beschäftigt. Dennoch ist Deutschland mit seinen Forschungen zu diesem Thema im Vergleich zu anderen Ländern noch weit im Rückstand. Die Praxis ist der Theorie im deutschsprachigen Raum weit voraus.
So sind die Zahl und auch die Qualität der Praxisprojekte in der pädagogischen oder therapeutischen Arbeit mit Tieren in den letzten zehn Jahren deutlich angestiegen, wis- senschaftlich abgesicherte und anerkannte Erkenntnisse zu diesem Thema gibt es aller- dings nur sehr begrenzt.
Vor allem in den Bereichen der pädagogischen, sonderpädagogischen, heilpädagogi- schen und psychologischen Kinder- und Jugendhilfe kommen Tiere vielfältig zum Ein-
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satz. Es dominieren hier aber individuelle Handlungsansätze, was zur Konsequenz hat, dass es nur bedingt zu einer Informationsweitergabe und zu fachlichem Austausch kommt. Erst seit einigen Jahren gibt es Symposien zu diesem Themenbereich, wodurch der fachliche Austausch angeregt und die Arbeit mit Tieren als Helfer, Begleiter und Co- Therapeut bekannt gemacht und anerkannt werden soll.
Die Medien haben in letzter Zeit verschiedentlich über, tiergestützte Therapie oder Mo- dellversuche, wie Projekte mit Tieren in Gefängnissen, in Schulen oder Seniorenheimen, berichtet. Immer mehr Professionelle aus verschiedenen Richtungen interessieren sich vermehrt für tiergestützte Therapie und setzen Tiere in ihrer Arbeit ein. Dabei können therapeutische oder pädagogische Zielsetzungen im Vordergrund stehen.
Mittlerweile entstehen laufend neue Formen der tiergestützten Therapie. Es sind aber erst wenige theoretische Erklärungsansätze über die Wirkung von Tieren auf den Men- schen vorhanden und nur zögerlich befasst sich die deutschsprachige Wissenschaft mit dem Thema. Neuerdings werden professionelle Weiterbildungen für Heilpädagogen, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Logopäden, Ergotherapeuten ect. in tiergestützten Therapie angeboten.
Verschiedene Studien mit Tieren haben nicht nur im medizinischen Bereich eine Reduk- tion der Herzfrequenz und des Blutsrucks gezeigt, sondern auch z.B. bei „auffälligen“ Kindern die Aufmerksamkeit, die Kommunikationsfähigkeit und die Leistungsfähigkeit erhöht.
Am weitesten fortgeschritten ist die Anerkennung der positiven Wirkungen von Tieren in der Altenhilfe. Die in der Altenarbeit gemachten positiven Erfahrungen mit Tieren sollten auch in die anderen pädagogischen oder therapeutischen Disziplinen genutzt werden.
Der Gedanke, dass Tiere offensichtlich eine positive Wirkung auf den Menschen haben, ist faszinierend und bewegte mich dazu, dieses Thema in meiner Diplomarbeit zu bear- beiten.
Ich werde den Begriff der „Tiergestützten Therapie“ in meiner Diplomarbeit verwenden, da wir als Sozialarbeiter und Sozialpädagogen keine Therapien im allgemeinen Sinn durchführen können und dürfen ist diese Bezeichnung irreführend. Dieser Begriff wird aber so auch in der Literatur verwand.
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Der Aufbau der Arbeit unterteilt sich in neun Kapitel. Kapitel zwei stellt nach der Einlei- tung eine detaillierte Einführung in das Thema dar. Es beginnt mit einigen wichtigen Definitionen der Krankheitsbilder und der gemeinsamen Einschränkungen der von mir aufgeführten Erkrankungen.
Kapitel drei befasst sich mit den Theorien und Ansätzen der tiergestützten Therapie. Es beleuchtet verschiedene Erklärungsansätze wie z.B. von Boris Levinson, Samuel und Eli- sabeth Corson, Edward Osborne Wilson, John Bowlby, Mary Ainsworth und Erich Rotha- cker.
Im Kapitel vier befasse ich mich mit der Mensch-Tier-Beziehung. Es beleuchtet die histori- sche Entwicklung dieser Beziehung und benennt die positiven Wirkungen, die sich für den Menschen ergeben können.
Thema des fünften Kapitels ist die Mensch-Tier-Kommunikation und –Interaktion. Dazu werden jeweils Aspekte der menschlichen und tierischen Kommunikation benannt, um dann darzustellen, auf welcher gemeinsamen (Sprach)Ebene eine artübergreifende Kommunikation stattfinden kann. Es werden außerdem weitere Theorien für den heilsa- men Prozess aufgestellt.
Kapitel sechs beschäftigt sich mit der praktischen Durchführung von tiergestützter The- rapie. Es gibt Aufschluss darüber, für welche Klientel tiergestützte Therapie sich beson- ders empfiehlt und für welche nicht.
Das Kapitel siebte befasst sich mit den Allgemeinen Einwänden gegenüber der tierge- stützten Therapie. Es werden außerdem Überlegungen im Umgang mit Tieren, zum Tier- schutz, Hygienefragen, Ethik und zu den Gefahren in der Zusammenarbeit mit Tieren angestellt und beantwortet.
Das acht Kapitel befasst sich mit der theoretischen und konzeptionellen Einbindung in die Soziale Arbeit. Die Idee von tiergestützter Therapie wird außerdem kritisch diskutiert. Es wird eine Methode der tiergestützten Therapie nach Elke Otto vorgestellt. Das Kapi- tel endet mit Vorschlägen zu einheitlichen Ausbildungsstandards.
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hinderten und von Schlaganfall betroffenen Patienten bei ambulanter Versorgung
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Im letzten Kapitel betrachte ich das Thema der Diplomarbeit kritisch und stelle Überle- gungen zu Entwicklungstendenzen von tiergestützten Fördermaßnamen in der Sozialen Arbeit an.
Um beim Lesen nicht das Gefühl der Benachteiligung entstehen zu lassen, verwende ich in der vorliegenden Diplomarbeit bei in der Einzahl genannten Personenbezeich- nungen mal die weibliche, mal die männliche Form.
2. Allgemeine Erläuterungen
In diesem Kapitel werde ich zunächst einmal die Krankheitsbilder der dementiellen Er- krankung besonders die der Demenz und der Alzheimer Krankheit, der geistigen Behin- derung und des Schlaganfalls darstellen. Aus diesen drei Krankheitsbildern fasse ich dann die gemeinsamen Einschränkungen für die Betroffenen zusammen, die sich aus- schließlich auf die Einschränkungen, die das Gehirn betreffen, beziehen. Es gibt natür- lich noch eine Vielzahl von gemeinsamen Einschränkungen. Da nach führe ich mögli- che Therapieansätze dafür auf. Dann unterscheide ich die tiergestützte Therapie und zum Schluss Definiere ich das Wort Therapie.
2.1 Dementielle Erkrankungen
Hirnaltern und Hirnschwund (Atrophie) mit Demenz sind im Entwicklungsprozess gleich, die Auswirkungen jedoch unterschiedlich. Der Übergang von normaler Hirnalterung zur Demenz hin ist schwimmend. Demenz setzt dann ein, wenn das Ausmaß des Hirngewe- beschadens eine kritische Marke überschreitet.
Ich werde nun drei verschiedene Definitionen der Demenz aufführen.
2.1.1 Demenz
Eine Demenz (lat. dementia „Verrücktheit“) ist eine fast immer, aber nicht aus- schließlich im Alter auftretende Erkrankung des Gehirns, bei der es zu einer fort- schreitenden Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit kommt. Vor allem ist das Kurzzeitgedächtnis, ferner das Denkvermögen, die Sprache und die Motorik, nur bei einigen Formen auch die Persönlichkeitsstruktur betroffen. Maßgeblich ist der Verlust bereits erworbener Fähigkeiten im Unterschied zur angeborenen Minderbegabung (Oligophrenie). Heute sind verschiedene, aber nicht alle Ursachen von Demenzen ge- klärt, und einige Formen können in einem gewissen Umfang behandelt werden, d.h. die Symptome können im Anfangsstadium einer Demenz verzögert werden. Die am häu-
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figsten auftretende Form der Demenz, aber bei weitem nicht die einzige, ist die Alzhei- mer-Krankheit. Eine Demenz kann auf ganz verschiedenen Ursachen beruhen, für die Therapie ist die Klärung dieser Unterscheidungsmerkmale sehr wichtig 1 .
Die diagnostischen Kriterien für eine Demenz beinhalten Kombinationen von Defiziten in kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten, die zu einer Beeinträchtigung von sozialen und beruflichen Funktionen führen. Als Leitsymptom gilt die Gedächtnisstörung. Am Anfang der Erkrankung stehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Merk- fähigkeit, in ihrem weiteren Verlauf verschwinden auch bereits eingeprägte Inhalte des Langzeitgedächtnisses, so dass die Betroffenen zunehmend die während ihres Lebens erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten verlieren.
2.1.1.1 Definition der Demenz nach ICD 10 2
Demenz (ICD-10-Code F00-F03) ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache, Sprechen und Urteilsvermögen im Sinne der Fähigkeit zur Entscheidung. Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Für die Diagnose einer Demenz müssen die Symptome nach ICD über mindestens 6 Monate bestanden haben. Die Sinne (Sinnesorgane, Wahrnehmung) funktionieren im, für die Person, üblichen Rahmen. Gewöhnlich beglei- ten Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivati- on die kognitiven Beeinträchtigungen; gelegentlich treten diese Syndrome auch eher auf. Sie kommen bei Alzheimer-Krankheit, Gefäßerkrankungen des Gehirns und ande- ren Zustandsbildern vor, die primär oder sekundär das Gehirn und die Neuronen betref- fen 3 .
2.1.1.2 Definition der Demenz im DSM-IV 4 / 5
Die kognitiven Defizite verursachen eine signifikante Beeinträchtigung der sozialen und beruflichen Funktionen und stellen eine deutliche Verschlechterung gegenüber einem früheren Leistungsniveau dar. Sie treten nicht im Rahmen einer rasch einsetzenden Be- wusstseinstrübung oder eines Delirs auf. Zur Beeinträchtigung des Gedächtnisses muss noch mindestens eine der folgenden Störungen hinzu kommen:
1 vgl. VON BOSE 1998, S. 299
2 Anhang ICD-10, S. 96 3 GUTZMANN/ZANKE 2005, S. 29 4 vgl. http://www.sanp.ch/pdf/2007/2007-04/2007-04-005.PDF Stand 08.11.2007 5 Anhang DSM-IV, S. 99
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• Aphasie: Störung der Sprache
• Apraxie: beeinträchtigte Fähigkeit, motorische Aktivitäten auszuführen
• Agnosie: Unfähigkeit, Gegenstände zu identifizieren bzw. wieder zu erkennen
• Störung der Exekutivfunktionen, d.h. Planen, Organisieren, Einhalten einer Rei- henfolge
2.1.2 Alzheimer Krankheit
Die Alzheimer-Krankheit (lateinisch morbus alzheimer) ist eine in der Regel über Jahre langsam fortschreitende Demenz-Erkrankung (lat. demens: ohne Geist sein, „verwirrt“) des Gehirns, die vorwiegend im Alter auftritt und mit einer fortschreitenden Abnahme von Hirnfunktionen einhergeht. Die Krankheit beginnt mit geringer, anscheinend zufälli- ger Vergesslichkeit und endet im Verlust des Verstandes. Im Anfangsstadium ist sie schwer von der normalen Vergesslichkeit abzugrenzen. Sie ist eine Erkrankung des Alters und tritt nur selten vor dem 60. Lebensjahr auf.
1906 wurde sie erstmals durch den Arzt Alois Alzheimer diagnostiziert und als Erkrankung organischen, nicht psychischen Ursprungs beschrieben, unabhängig davon etwa zur gleichen Zeit von Oskar Fischer an der psychiatrischen Klinik in Prag. Der Psychiater Emil Kraepelin benannte die Erkrankung in seinem Lehrbuch der Psychiatrie aus dem Jahre 1911 nach Alois Alzheimer.
2.1.2.1 Ursachen
Da die von Alois Alzheimer beobachtete Patientin relativ jung war (um die 50 Jahre), beschrieb er die später nach ihm als Morbus Alzheimer benannte Erkrankung als präse- nile Demenz. Erst später erkannte man, dass dieselben histologischen Veränderungen auch bei älteren Demenz-Patienten auftreten, und bezeichnete diese Erkrankungsform des älteren Menschen zur Unterscheidung gegenüber dem 'echten' (präsenilen) Mor- bus Alzheimer als Senile Demenz vom Alzheimer-Typ, kurz SDAT oder DVAT, nach dem
65. Lebensjahr 6 .
Es kommt zur Degeneration von bestimmten Neuronen und dadurch zu Störungen der normalen zerebralen Funktionen, was bei Patienten zu Störungen bei Sprache, des Denkvermögens und des Gedächtnisses führt. Die Hirnmasse nimmt im Verlauf der Krankheit meist ab, man spricht dann von einer Hirnatrophie. Als Auslöser des Zellverlus- tes werden zur Zeit vor allem intrazelluläre Ablagerungen eines Fragments von APP
6 HEIMANN/KIRCHHEFER 1998, S. 162
8
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(Amyloid Precursor Protein, s.u.) diskutiert. Des Weiteren werden wichtige Neurotransmit- ter, unter anderem Acetylcholin, nicht mehr in ausreichenden Mengen produziert, was zu einer allgemeinen Leistungsschwächung des Gehirns führt 7 .
Einer weiteren Theorie zufolge wird Alzheimer durch eine Insulinresistenz der Zellen im Gehirn ausgelöst und wäre damit eine Folge oder Nebenform von Diabetes.
Es gibt eine genetische Komponente in der Verursachung der Alzheimer-Krankheit. Et- wa fünf bis zehn Prozent der Betroffenen zeigen eine familiäre Häufung (FAD, familiar alzheimer disease), die auf Mutationen zurückzuführen sind.
2.1.2.2 Symptome und Krankheitsverlauf
Erste Symptome sind Vergesslichkeit, daraus entstehend Desorientierung, zuerst in je- weils neuer Umgebung, dann auch im eigenen häuslichen Umfeld. In späteren Stadien der Krankheit verstärken sich diese Symptome, so dass der Patient immer orientierungs- loser wird. Dazu kommt oft eine Sprachstörung (Wortfindungsstörung bzw. falsche Wortwahl), schließlich kann der Kranke die Namen seiner Angehörigen nicht mehr nen- nen oder er erkennt sie nicht. Es kommt zu Störungen in der Affekt-Kontrolle, zur Ant- riebsminderung und damit zur Veränderung des Sozialverhaltens sowie zu schweren Koordinationsstörungen schon bei einfachen Verrichtungen (Apraxie). Andererseits zei- gen die Kranken manchmal Unruhe, fangen an, Möbel zu verrücken usw. Ein weiteres Symptom ist der Wahn, bestohlen worden zu sein. Dieses Symptom tritt häufig in den Anfangsstadien auf.
2.2 Geistige Behinderung
Weil der Begriff der Behinderung, sehr relativ ist, gibt es keine endgültige, allgemein an- erkannte Definition, wann ein Mensch als behindert gilt 8 . Die vier wichtigsten Definiti- onsansätze verschiedener wissenschaftlicher Diszipline sollen an dieser Stelle dargestellt werden. Zu unterscheiden sind der medizinische, der psychologische, der soziologische und der pädagogische Ansatz 9 . Den rechtlichen Ansatz werde ich an dieser Stelle nicht mit einbeziehen.
Nach dem medizinischen Ansatz kann Behinderung folgendermaßen definiert werden: "Behinderung ist die Auswirkung einer Schädigung im Individuum und die dadurch her-
7 GUTZMANN/ZANKE 2005, S. 38F
8 vgl. BLEIDICK 1993, S. 12
9 vgl. SPECK 1993, S. 45ff
9
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vorgerufene Veränderung von Funktionen im menschlichen Organismus. Sie ist immer Folge eines ursprünglich krankhaften Ereignisses" 10 . Eine Behinderung hat demnach im- mer eine körperliche Basis, ist also ein personinhärentes Problem.
Im psychologischen Definitionsansatz steht die Intelligenz im Vordergrund, die über Intel- ligenztests gemessen wird. Entsprechend diesem Ansatz wurde die geistige Behinde- rung lange Zeit direkt als "intellektuelle Retadierung" definiert 11 .
Dem soziologischen Ansatz zufolge ist eine Behinderung eine Folge der sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen. So gibt es Untersuchungen, dass es etwa in sozial schwachen Bevölkerungsschichten zu häufigeren Geburtskomplikationen kommt, die zu Behinderungen führen 12 . Behinderung kann demnach immer auch ein Gesellschafts- produkt sein.
Nach dem pädagogischen Ansatz, "liegt nur dann eine Behinderung vor, wenn der Erziehungsprozess behindert wird" 13 .
Die Darstellung der verschiedenen Definitionsansätze macht deutlich, dass in den jewei- ligen Fachdisziplinen die Schwerpunkte, was eine Behinderung ausmacht, unterschied- lich gelegt werden. Nach Bleidick ist der Begriff “Behinderung” daher "von einem hand- lungsgeleiteten Erkenntnisinteresse zweckbestimmt". Die "Bezeichnungs- Absicht", so Bleidick, "ist zweckgebunden". Während etwa der Arzt "Behinderte heilen" wolle, wolle der Pädagoge behinderte Menschen erziehen 14 . Dies schlägt sich schließlich in den Definitionen nieder. Obwohl jede Behinderung sowohl einen medizinischen, einen psy- chologischen, einen soziologischen und einen pädagogischen Aspekt haben kann, beziehen sich Definitionen von Behinderungen nie ausgewogen auf alle Aspekte.
Als nächstes sei eine Definition von Behinderung wiedergegeben, in der unter Berück- sichtigung des psychologischen und medizinischen der pädagogische Aspekt im Vor- dergrund steht und daher für die pädagogische Arbeit von besonderer Bedeutung ist. So definiert der Deutsche Bildungsrat Behinderung folgendermaßen:
"Als behindert im erziehungswissenschaftlichen Sinne gelten alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die in ihrem Lernen, im sozialen Verhalten, in der sprachlichen Kom- munikation oder in den psychomotorischen Fähigkeiten so weit beeinträchtigt sind,
10 KREBS 1993, S. 22
11 vgl. SPECK 1993, S. 47 12 vgl. SPECK 1993,S. 50ff 13 HAEBERLIN 1992, S. 30 14 BLEIDICK 1993, S. 15
10
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dass ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft wesentlich erschwert ist. Deshalb bedür- fen sie besonderer pädagogischer Förderung.
Behinderungen können ihren Ausgang nehmen von Beeinträchtigungen des Sehens, des Hörens, der Sprache, der Stütz- und Bewegungsfunktionen, der Intel- ligenz, der Emotionalität, des äußeren Erscheinungsbilds sowie von bestimmten chronischen Krankheiten. Häufig treten auch Mehrfachbehinderungen auf ..." 15
Bei der geistigen Behinderung handelt es sich aus medizinisch-psychiatrischer Sicht um einen angeborenen oder früh erworbenen Intelligenzmangel. Synonym zu Geistiger Behinderung werden vor allem in der Psychiatrischen Krankheitslehre Bezeichnungen wie "Minderbegabung", "geistige Entwicklungsstörung", "Oligophrenie" und "Schwach- sinn" verwendet. Dabei wird der "Schwachsinn" mit Hilfe von Testverfahren zur Bestim- mung eines Intelligenzquotienten (IQ) in drei Ausprägungsgraden unterschieden: Debili- tät (IQ 69-50), Imbezillität (IQ 49-20) und Idiotie (IQ 19-0) 16 . Hensle schreibt in diesem Zu- sammenhang: "Abgesehen davon, daß der Ausdruck 'Schwachsinn' sachlich nicht kor- rekt ist - es handelt sich ja nicht um einen Defekt der Sinne - , sind die Termini der psy- chiatrischen Klassifikation zum Teil mit so starken negativen Konnotationen behaftet, daß sie nur mehr als Diskriminierung aufgefasst werden können" 17 .
Eine Definition aus psychologischer Sicht liegt von Bach vor. Er definiert geistig behinderte Menschen als "Personen, deren Lernverhalten wesentlich hinter der auf das Lebensalter bezogenen Erwartung zurückbleibt und durch ein dauern- des Vorherrschen des anschauend-vollziehenden Aufnehmens, Verarbeitens und Speicherns von Lerninhalten und eine Konzentration des Lernfeldes auf di- rekte Bedürfnisbefriedigung gekennzeichnet ist, was sich in der Regel bei einem Intelligenzquotienten von unter 55/60 findet" 18 .
In diesem Zusammenhang sei auf Michel / Novak verwiesen, deren Ansicht nach IQ- Werte nur "grobe Orientierungswerte" sind, "denn die verwendeten Intelligenztests wur- den meist für Nichtbehinderte entwickelt und die Leistungen Behinderter lassen sich - vor allem qualitativ - nicht exakt mit denen Nichtbehinderter vergleichen" 19 .
15 DEUTSCHER BILDUNGSRAT ZITIERT NACH HENSLE 1988, S. 16 f.
16 vgl. VETTER 1995, S. 50ff
17 HENSLE 1988, S. 108
18 BACH ZITIERT NACH HENSLE 1988, S. 106
19 vgl. MICHEL / NOVAK 1991, S. 126
11
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Abschließend möchte ich eine Definition wiedergeben, die aus meiner Sicht weniger defizitorientiert ist, wie die beiden oben genannten, und in der der pädagogische As- pekt den Schwerpunkt bildet. So sieht Speck in einer geistigen Behinderung "spezielle Erziehungsbedürfnisse, die bestimmt werden durch eine derart beeinträchtigte intellek- tuelle und gefährdete soziale Entwicklung, dass lebenslange pädagogisch-soziale Hilfen zu einer humanen Lebensverwirklichung nötig werden" 20 .
2.3 Schlaganfall
Als Schlaganfall (auch Zerebraler Insult, apoplektischer Insult oder Gehirnschlag, in der medizinischen Umgangssprache häufig verkürzend auch Apoplex oder Insult), wird eine plötzlich auftretende Erkrankung des Gehirns bezeichnet, die zu einem anhaltenden Ausfall von Funktionen des Zentralen Nervensystems führt und durch kritische Störungen der Blutversorgung des Gehirns verursacht wird.
Die Terminologie des Schlaganfalls wird nicht einheitlich benutzt. Gleichbedeutend zum Begriff Schlaganfall sind auch die angloamerikanischen Termini Stroke und Cerebrovas- cular accident (CVA) 21 . Diese Bezeichnungen werden häufig als Oberbegriff für unter- schiedliche neurologische Krankheitsbilder benutzt, deren wichtigste Gemeinsamkeit plötzliche Symptome nach einer auf das Gehirn begrenzten Durchblutungsstörung sind, wobei der Funktionsverlust definitionsgemäß nicht auf primäre Störungen der Erregbar- keit von Nervenzellen zurückzuführen sein darf (konvulsive Störung).
Je nachdem, welcher Gehirnanteil betroffen ist, bilden sich unterschiedliche Symptome aus.
In 40 Prozent der Fälle gehen dem eigentlichen Schlaganfall kürzere Episoden mit ähnli- cher Symptomatik voraus 22 :
• Plötzliche Sehstörung auf einem oder beiden Augen (evtl. einseitige Pupil- lenerweiterung) bzw. Gesichtsfeldausfall
• Schwindel, plötzliche Gangstörung, Gleichgewichts- oder Koordinationsstö- rung
• Plötzliche Doppelbilder
• Plötzliches und anhaltendes Taubheitsgefühl im Arm oder Bein
20 SPECK 1993, S. 62
21 HAMANN 2002, S. 8
22 vgl. HEIMANN / KIRCHHEFER 1998, S. 47ff
12
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• Plötzliche Lähmung oder Schwäche im Gesicht, evtl. auch an Arm oder Bein, insbesondere auf einer Körperhälfte (auch: Parese, Erschlaffen)
• Plötzliche Verwirrung, Sprach-, Schrift- oder Verständnisstörung
• Plötzlich stärkster Kopfschmerz ohne bekannte Ursache
Diese Symptome können bleiben; es kommt darauf an, wie rechtzeitig eine Therapie eingeleitet werden kann und sich die Schädigungen beheben lassen.
2.4 Gemeinsame Einschränkungen
In diesem Abschnitt werde ich einige von mir herausgesuchte Einschränkungen, die alle drei Krankheiten, unterschiedlich ausgeprägt aufzeigen, etwas näher beleuchten und ihre Ursachen und Symptome erläutern.
Wie bei allen „Krankheiten“ warten Betroffene auch bei den von mir bereits aufgeführ- ten Erkrankungen auf eine Heilung, wobei ggf. viele Therapien durchlaufen werden. Dennoch gibt es keine vollständige Wiederherstellung des Gesundheitszustandes bei einer dementiellen Erkrankung, einer geistigen Behinderung oder einem Schlaganfall in den vorhergehenden Gesundheitszustand.
2.4.1 Aphasie
Die Aphasie (griechisch αφασία) bedeutet ursprünglich „ohne Sprache“. Ins Deutsche wird Aphasie oft mit „Sprachverlust“ übersetzt. Aphasie wird aufgrund einer Läsion in der linken Hemisphäre verursacht.
Eine Aphasie ist eine Sprachstörung nach neurologischen Erkrankungen (Schlaganfall, Schädelhirntrauma, geistige Behinderung, Gehirnblutung nach Venenthrombose, Tu- moren, Demenz, entzündliche Erkrankungen) nach abgeschlossenem Spracherwerb 23 . Sie verursacht Beeinträchtigungen in den einzelnen sprachlichen Modalitäten (Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen) in unterschiedlichen Schweregraden.
2.4.2 Apraxie
Als Apraxie (gr. άπραξία "Untätigkeit") bezeichnet man eine Störung der Ausführung willkürlicher, zielgerichteter und geordneter Bewegungen bei intakter motorischer Funk- tion. Es liegt weder eine Lähmung noch eine Ataxie vor. Unwillkürliche Bewegungen können koordiniert ausgeführt werden. Betroffen ist die Mimik (Apraxie des Gesichts), 23 vgl. PSCHYREMBEL 1994, S. 92
13
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die Sprache (Apraxie der Sprechwerkzeuge) und/oder die Gestik bzw. der Gebrauch von Werkzeugen (Extremitäten-Apraxie).
Ursachen für diese Störung sind Hirnschädigungen meist der sprachdominanten Groß- hirnhälfte. Häufigste Ursache ist ein Schlaganfall, andere wichtige Ursachen können aber auch Hirntumore, Demenz, Multiple Sklerose, Enzephalitis, Alkoholismus und weite- re sein.
2.4.3 Apathie
Apathie (gr. pathos Leidenschaft, Teilnahmslosigkeit); Gleichgültigkeit gegen äußere Eindrücke, krankhaft besonders bei geistigen Schwächezuständen und bei krankhafter Verdichtung des Vorstellungslebens auf innere geistige Vorgänge. Apathisch teilnahms- los 24 .
Extreme Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit kommen bei manchen psychischen Erkrankungen vor, so zum Beispiel beim Autismus und bei manchen Formen der Schi- zophrenie und bei der schweren Form der Demenz. Teilweise ist u.a. bei Menschen mit kognitiver Behinderung, bei misshandelten Kindern sowie bei Menschen mit psychi- schem Hospitalismus (Deprivation) eine krankheitsbedingte Gleichgültigkeit vorhanden, da der Geist und der Körper sich vor weiterem psychischen Engagement schützen möchten. Dabei spricht man auch manchmal von Apathie.
2.4.4 Affektive Störungen
Bei den affektiven Störungen oder auch Affektstörungen (engl. affective disorders) handelt es sich um akute, chronische oder episodische Störungen des Affektes. Affekt wird hier im Sinne von Grundstimmung gebraucht, es handelt sich also primär um Stim- mungsstörungen. Allerdings müssen Antrieb, Spontanität, vegetative Funktionen (Schlafbedürfnis, Appetit, Libido) und soziale Interaktion mitbetrachtet werden. Ebenso können gleichzeitig Störungen des formalen oder inhaltlichen Denkens und der Wahr- nehmung auftreten. Die Betroffenen haben entweder einen gesteigerten oder einen gedrückten Affekt 25 . Im ersten Fall sind sie übermäßig und der Situation nicht angemes- sen freudig erregt oder auch gereizt bei übersteigertem Aktivitätsniveau (Manie, Eupho- rie, Dysphorie). Eine schwächere Form der Manie wird als Hypomanie bezeichnet. Das andere Extrem ist eine übermäßig niedergeschlagene Stimmungslage mit Energielosig-
24 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Apathie Stand 12.11.2007
25 vgl. PSCHYREMBEL 1994, S. 24
14
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keit (Depression). Beide Zustände können auch mehr oder minder regelmäßig abwech- selnd auftreten, man spricht dann von einer bipolaren Störung (auch „manisch- depressive Erkrankung“ oder Zyklothymie). Eine chronisch gedrückte Stimmungslage mit leichteren Schwankungen, die aber nicht das Ausmaß einer eigentlichen Depression erreichen, wird Dysthymie genannt. Wenn depressive oder manische Episoden wieder- holt auftreten, wird allgemein von einer rezidivierenden Störung gesprochen. Bei einem solchen chronischen Verlauf der affektiven Störungen unterscheidet man monopolare (die Phasen des gleichen Erscheinungsbildes wiederholen sich) und bipolare (Phasen der Depression wechseln sich mit Phasen der Manie ab) Formen 26 .
Eine organische Ursache ist bei der affektiven Störung nicht erkennbar; es handelt sich also um eine endogene bzw. idiopathische Störung. Reaktive Depressionen und hirnor- ganische Beeinträchtigungen des Affekts sind ebenso von der affektiven Störung abzu- grenzen wie reine Affektverflachungen, wie sie unter anderem bei der Schizophrenie oder bestimmten Formen der Demenz auftreten können 27 . Im ICD-10 wird allerdings nicht zwischen reaktiver und endogener Depression unterschieden und beide unter den affektiven Störungen zusammengefasst.
Der Begriff affektive Störung wird in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme 10. Revision (ICD-10) im Kapitel V. Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99) verbindlich definiert 28 .
2.5 Therapiemöglichkeiten
In diesem Abschnitt zeigt ich NICHT – Medikamentöse Therapiemöglichkeiten für die drei Erkrankungen auf, die ich in den Punkten 2.1 bis 2.4 vorgestellt habe.
Außerdem gibt es eine Einführung in das Thema tiergestützte Therapie. Ich definiere in diesem Absatz den Begriff Therapie.
2.5.1 Snoezelen
Die Suche nach dem Ursprung des Begriffs „Snoezelen“ führt in das Jahr 1974 und wird zwei Zivildienstleistenden der niederländischen Behinderteneinrichtung in Haaren zuge- schrieben. Dort wurden ihnen die Aufgabe erteilt, sich für die Bewohner der Einrichtung
26 vgl. http://www.verhaltenswissenschaft.de/
Psychologie/Psychische_Storungen/Affektive_Stoerungen/affektive_stoerungen.htm Stand 12.11.2007
27 vgl. http://www.medfuehrer.de/cms/?f=5&n=10&ns=262&sn=35& Stand 12.11.2007
28 Anhang ICD 10, S. 96
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Möglichkeiten der tiergestützten Sozialpädagogik mit dementiell Erkrankten, geistig Be- hinderten und von Schlaganfall betroffenen Patienten bei ambulanter Versorgung
Michaela Bublitz
Gestaltungsmöglichkeiten für einen Entspannungsraum zu überlegen und diesen zu organisieren. Sie organisierten ein „Aktivitätenzelt“, in dem sie zahlreiche Anregungen zum Sehen, Riechen, Hören und Fühlen eingerichtet hatten.
Aus den beiden niederländischen Worten „snuffelen“ (zu deutsch schnüffeln, schnup- pern) und „doezelen“ (zu deutsch dösen, schlummern) setzten sie das Wort „snoezelen“ zusammen 29 .
Nach den positiven Reaktionen auf das Aktivitätenzelt nahmen Verheul und Hulsegge die Ideen auf und führten sie über zahlreiche Praxisversuche zu einem Therapiekonzept zusammen. Anfang 1980 fand das Snoezelen auch in anderen europäischen Ländern Beachtung, seit 1990 wird das Snoezelen weltweit eingesetzt. Ursprünglich für geistig behinderte Menschen entwickelt, findet sich heute auch in Alteneinrichtungen, Kliniken, Kindergärten oder Werkstätten Platz zum Snoezelen. In Deutschland haben etwa 1000 Einrichtungen einen Snoezelen-Raum 30 .
Stand bei der Basalen Stimulation die Wahrnehmungsförderung durch Berührungen und Erleben des Raumes im Vordergrund, so richtet sich das Snoezelen nun auch an die visuelle, auditive, olfaktorische sowie gustatorische Wahrnehmung, also das Sehen, Hö- ren, Riechen und Schmecken.
Entwickelt wurde das Snoezelen als reines Entspannungsangebot, bei dem behinderte Menschen durch sanfte Reize zur Entspannung gebracht werden sollten. Mit der Zeit wurde bei der praktischen Durchführung realisiert, dass in dieser Entspannungssituation ein erhöhtes Aufnahmepotential für sensorische Reize besteht, so dass sich das ent- spannende Snoezelen auch als eine Therapie- und Fördermaßnahe anbot 31 .
Im Gegensatz zu anderen Therapieangeboten steht beim Snoezelen die Wechselwir- kung zwischen dem Nutzer und den im Raum installierten Geräten im Vordergrund. Die begleitende Person spielt nur eine beobachtende Rolle. So soll sich eine harmonische Beziehung „zwischen gestaltetem Raum, der zu betreuenden Person und dem Beglei- ter“ entwickeln 32 .
29 MERTENS, 2003, S. 9
30 MERTENS, 2003, S. 9-11
31 MERTENS. 2003, S.7
32 MERTENS, 2003, S. 13
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In dieser entspannten Situation sollen sich nach Mertens folgende Ziele verwirklichen:
• die allgemeine Aktivierung zur Förderung von Entwicklungs- und Lernpro- zessen
• die Erweiterung der Umwelterfahrung
• die intensive Aufnahme basaler Reize
• die Konzentration der Reize auf engem Raum und über ein dosiertes An- gebot
• die Integration in soziale Strukturen
• der Aufbau elementarer Beziehungen (u.a. durch nonverbale Kommuni- kation)
• die Vermittlung von Lebensfertigkeiten
• die Entspannung 33
Da das Bestreben, das Snoezelen als Therapie einzusetzen, noch nicht sehr lange be- steht, fehlen auch legitimierende Untersuchungen und Diagnostikverfahren, die den therapeutischen Wert des Snoezelens wissenschaftlich bestätigen um zu beweisen, dass die oben genannten Ziele durch das Snoezelen erreicht werden können. So fehlt dem Snoezelen heute noch die wissenschaftliche Grundlage zur allgemeinen Anerken- nung als Therapie. Solche Verfahren sind vor allem zeitaufwändig und erfordern eine Mitarbeit vieler Einrichtungen, um „Beobachtungsdaten über zahlreiche Variablen“ zu sammeln. Aus diesen Grund wird auch in den nächsten Jahren nicht damit gerechnet, dass das Snoezelen von den Krankenkassen als „Bewegungstherapie auf neurophysio- logischer Grundlage“ anerkannt und finanziell gefördert werden wird 34 . Die Umwelt und das tägliche Leben stellt für den behinderten Menschen oft ein Über- angebot an sensorischen Reizen dar, welche sie durch ihre langsameren Verarbei- tungsprozesse schwerer verwerten können und so oft überfordert sind.
Um ein solches Überangebot beim Snoezelen zu verhindern und der eigentlichen Idee des Snoezelens, der Entspannung, gerecht zu werden, müssen die zur Verfügung ste- henden Medien eher dosiert und gezielt eingesetzt werden, um dem behinderten Men- schen einen Flucht- und Entspannungsort vor dem Reizüberfluss des täglichen Lebens zu bieten.
Aus diesem Grund ist es für den Therapeuten bzw. für die Begleitperson von großer Be- deutung, auch die neurologischen Zusammenhänge zu kennen und sich zuvor intensiv
33 vgl. MERTENS, 2003, S. 30
34 MERTENS, 2003, S. 29
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mit dem Konzept des Snoezelens, aber auch mit dem Snoezelenden selbst, seinen Vor- lieben und Abneigungen, intensiv auseinanderzusetzen.
2.5.2 Basale Stimulation
Das Konzept der Basalen Stimulation findet heutzutage in vielen Bereichen Einsatzmög- lichkeiten. Von Andreas Fröhlich um 1970 für behinderte Kinder entwickelt, wird das Konzept in allen Bereichen der Pflege eingesetzt, in denen Menschen, die in ihrer Fähig- keit zur Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation eingeschränkt oder gestört sind, betreut werden. Dies sind neben Schwertsbehinderten auch dementiell Erkrankte, Schlaganfallpatienten, Bewusstlose, Sterbende, Komapatienten oder auch Frühgebo- rene.
Fröhlich vergleicht den Zustand schwerstbehinderter Menschen mit der Wahrnehmungs- fähigkeit im Säuglingsalter, welches jeder Mensch durchlebt hat. Zu beachten ist je- doch, dass der beeinträchtigte Mensch zwar auf dieser Entwicklungsstufe steht, er je- doch je nach Alter schon weitaus mehr Erfahrungswerte und Eindrücke gesammelt hat. Das „geringe bzw. andere Kommunikationsrepertoire“ verhindert jedoch eine Interakti- on mit seiner Umwelt 35 .
Folgt man dem Konzept von Fröhlich, so soll dem beeinträchtigten Menschen durch die Basale Stimulation die Möglichkeit gegeben werden, „in einen Austauschprozess mit seiner Umwelt zu treten 36 .“ „Basal“ definiert sich nach Fröhlich als „elementar, bei den Ursprüngen der Ent- wicklung anzufangen, keine Vorleistung einzufordern, da zu beginnen, wo der beeinträchtigte Mensch sich in seiner tatsächlichen Entwicklung befindet.“ Mit „Stimulation“ wird eine „Einladung, sich mit dem eigenen Körper, mit Objekten, [...] und eben auch mit Menschen sensorisch-sinnlich zu befassen“ verbunden 37 .
Um den betroffenen Menschen und dessen Kommunikationsfähigkeit zu verstehen und zu fördern, muss man ihn somit auf der Ebene eines Säuglings betrachten und auf Reize zurückgreifen, die das Kind im Mutterleib und im Säuglingsalter erlebt hat.
An diesem Punkt kommt dem Therapeuten und den Kontaktpersonen die wichtige Aufgabe zu, die reduzierte emotionale Körpersprache des Betroffenen zu erkennen und
35 STROTHMANN, 1993, S.222
36 FRöHLICH, 1998, S. 27
37 zitiert nach FRöHLICH, 1996, S.96
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zu interpretieren. Somit ist eine Förderung nur dann sinnvoll und gezielt einsetzbar, wenn die Kontaktperson ein vertrautes Verhältnis zu dem Betroffenen hat, um dessen Reakti- onen verstehen zu können. Dabei muss die Aufmerksamkeit über die normalen und bekannten Signale hinausgehen. „Eine veränderte Muskelspannung, eine Variation im Atemrhythmus, ein Flattern der Augenlieder, ein Kräuseln der Kinnmuskulatur, eine Stimmgebung bei der Atmung, vermehrter Speichelfluss, Augenbewegungen, Pupillen- erweiterung“ können solche „Signale mikroskopischer Natur“ sein. Diese können jedoch nur von der im alltäglichen Umgang mit dem Menschen vertrauten Person erkannt und richtig ausgelegt werden 38 .
Nur wenn der Betroffene merkt, dass seine Signale von den Therapeuten erkannt wer- den, kann ein positiver Lernprozess einsetzen, durch den der Betroffene sich selbst als agierende Persönlichkeit erleben kann. Ohne diese wechselseitige Beziehung zwischen Patient und Therapeuten wird der Mensch seine Kommunikationsversuche reduzieren oder einstellen 39 .
Die Basale Stimulation setzt als konzeptionelle Grundlage drei elementare Wahrneh- mungsbereiche voraus, die dem beeinträchtigten Menschen bereits aus der vorgeburt- lichen Wahrnehmung vertraut sind. Dabei handelt es sich um die somatische, die vesti- buläre und die vibratorische Wahrnehmung 40 .
2.5.2.1 Somatische Anregung
Die somatische Wahrnehmung des Menschen bezieht sich auf das Erleben und Fühlen des eigenen Körpers, ausgehend von der Körpermitte. Über die Haut als „Kontaktfläche zur Außenwelt“ sollen positive Körpererfahrungen gemacht werden.
Dies geschieht bei der Basalen Stimulation über intensive Berührungen mit der nackten Hand oder auch mit Hilfsmaterialen wie Stoffen oder Fellen. Die Berührungen sollten „ausreichend fest, nicht zu leicht, flüchtig oder kurz“ sein. Fröhlich bemerkt auch, dass „die Berührungen fließend und stetig, möglichst nicht unterbrochen“ sein sollten, um den gegenseitigen Kontakt nicht zu unterbrechen. Dies würde den beeinträchtigten Menschen irritieren und kein „gleichmäßiges Körpererleben“ zulassen 41 .
38 FRöHLICH, 1996, S.97
39 vgl. FRöHLICH, 1996, S. 97
40 vgl. FRöHLICH, 1996, S.98
41 FRöHLICH, 1996, S.89-99
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Michaela Bublitz, 2008, Möglichkeiten tiergestützter Sozialpädagogik mit dementiell Erkrankten, geistig Behinderten und von Schlaganfall betroffenen Patienten bei ambulanter Versorgung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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