Afghanistan weiter protegiert. Er richtete sogar neue Drohungen gegen die westliche Welt. Die Frage, die sich im politischen Kontext der westlichen Welt stellt, lautet: Wie kann die jeweilige nationale Bedrohungssituation gelöst bzw. Sicherheitslage entspannt werden? Als Lösung beschlossen die USA mit ihren Verbündeten einen äußerst breit gefächerten und komplexen Krieg gegen den Terrorismus und seine Unterstützer auf politischer, militärischer, ökonomischer, diplomatischer Ebene etc. Diese anfänglich auch als "Feldzug" bezeichnete Kampagne richtet sich sowohl gegen einzelne Terrororganisationen wie El Kaida als auch gegen Staaten, die eng mit diesen assoziiert sind bzw. diese logistisch und anderweitig unterstützen. Der Erfolg dieser Gegenmaßnahmen läßt sich bis dato noch nicht absehen.
3. Politikwissenschaftliches Problem: Die politikwissenschaftliche Zugangsweise zu diesem aktuellen und komplexen Themenbereich kann von der Fragestellung ausgehen, ob und wie sich das Vorgehen der USA und ihrer Verbündeten gegen El Kaida und Afghanistan "theoriegeleitet" erklären, analysieren und damit gegebenenfalls plausibilisieren läßt. Der Term "theoriegeleitet" ist hier nicht im streng meta- oder wissenschaftstheoretischen Sinne aufzufassen, vielmehr bedeutet er, daß versucht werden soll, eine möglichst adäquate Theorie in der Menge der "Theorien der Internationalen Beziehungen" erfolgreich auf die Problem- und Aufgabenstellung anzuwenden. M.a.W., aus der Alltagsproblemstellung (1, 4) ergibt sich ein politisches Problem (2), welches dringend politikwissenschaftliche Bearbeitung, Begleitung und eventuell auch Beratung erfordert (3, 5). Generell kann man nach der Analyse und Erklärung internationaler Beziehungen fragen, hier konkreter den Beziehungen der Anti-Terror-Allianz versus den Terrorismus: Welche Maßnahmen trifft warum, mit welchen Konsequenzen, wann und wozu die Anti-Terror-Allianz? Bei einer Emphase der Sicherheits- und v.a. der Friedenskomponente - also einer Konnotation der teleologischen oder Wozu-Komponente - lauten die Fragen beispielsweise: Wie und warum kann die Sicherheit der Nationalstaaten der Anti-Terror-Allianz wiederhergestellt und wie kann dauerhafter Frieden erreicht werden? Wie kommt es dann zu Kooperation und Frieden im Rahmen internationaler Anarchie? Übergeordnete Gesamtforschungsfrage aber ist mit Blick auf die Beziehungsanalyse: Wie lässt sich der Konflikt zwischen westlichen Ländern und nicht-westlichen Ländern und Terrororganisationen erklären?
4. Alltagsperspektivische Abgrenzung und Problemspezifizierung: Sofort nach den
terroristischen Angriffen begannen die USA - zusammen mit ihrem engsten Verbündeten Großbritannien - mit massiven Truppenbewegungen. Große Teile der Marine - die heute beinahe militärisch allumfassend ist, da Flugzeuge, Helikopter, Landetruppen, Raketen etc. inbegriffen sind - wurden im Indischen Ozean und damit in maritim unmittelbarer geographischer Nähe zu Afghanistan stationiert. Es folgte ein ergebnisloses diplomatisches Tauziehen mit der Taliban-Regierung um die Auslieferung des mutmaßlichen Top-Terroristen Bin Laden. Fast genau einen Monat nach den Terroranschlägen wurde mit der Bombardierung Afghanistans begonnen. Dies ist - glaubt man den wiederholten Aussagen des US-Präsidenten und seiner Administration - nur eine von vielen Komponenten in einem breit gestreuten und umfassenden globalen Krieg gegen den Terrorismus. Problematisch daran ist ihre - bereits vorsorglich seitens der Verantwortlichen postulierte - Intransparenz, d.h. Unüberprüfbarkeit. Via Medien werden so - und zwar beiderseits - nicht falsifizierbare Allgemeinplätze postuliert, und unliebsame Komponenten werden qua Zensur ausgeblendet. Auf diplomatischer Ebene wird versucht, die der Kooperation mit Terroristen als schuldig identifizierten Länder zu isolieren. Desweiteren wird mit ökonomischen und politischen Repressalien vorgegangen. So werden identifizierte Gelder der Terrororganisationen und ihrer Unterstützer eingefroren. Gegen Unterstützerstaaten werden weitere ökonomische und waffentechnische Embargos erwogen. Ferner wird politisch-psychologischer Druck aufgebaut, indem die Anti-Terror-Allianz der afghanischen Landesbevölkerung klarmacht, daß sich die Angriffe nicht gegen sie richten, daß ein Wechsel ihrer Regierung auch für sie günstig sei und daß humanitäre Hilfe trotz des Kriegszustands weiter geleistet werde. Sicherlich können hier nicht alle in diesen Zusammenhang gehörenden Aspekte aufgezählt werden.
5. Wissenschaftsperspektivischer Argumentationsgang: Der aus dem dargelegten Sachverhalt identifizierbare strukturelle Zustand der Anarchie des Internationalen Systems läßt es angeraten scheinen, sich der neorealistischen Theorie zuzuwenden. 5.1 Begründete Analyserasterwahl und Modellrekonstruktion: Der Neorealismus ist eine der Theorierichtungen der politikwissenschaftlichen Teildisziplin "Internationale Beziehungen", die auch heute noch teilweise "en voque" ist. Exemplarisch können hierzu S. Huntingtons vielbeachtete Thesen zum Zivilisationskonflikt angeführt werden. Unzufrieden mit der Übertragung anthropologischer Thesen auf den Staat (reines Analogieverfahren) und der
empirischen Gehaltlosigkeit des traditionellen Realismus, wurde die neorealistische Theorie entwickelt. Die dem Realismus immanente anthropologische Prämisse wurde zugunsten einer systemischen verändert, deren Ausgangspunkt nunmehr die anarchische Struktur des Internationalen Systems ist und nicht mehr das stark an Hobbes erinnernde pessimistische Menschenbild (Macht-, Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb): Entwicklungen der internationalen Politik werden also eher durch strukturelle Zwänge als durch das Verhalten seiner Einheiten geprägt. Die neorealistische Perspektive verläuft metropolitanstaatenzentrisch. Zwei Forschungsinteressen liegen ihm zugrunde. Ein Fokus liegt auf der Analyse und Erklärung der internationalen Beziehungen. Fragt man nach dem Wozu dieses analytischen, im wesentlichen ex-post (potentiell aber auch ex-ante) Zugangs, so ergibt sich, daß das nunmehr "teleologisch" ausgerichtete Forschungsinteresse in den Voraussetzungen und Bedingungen von Friedensherstellung und -wahrung besteht. Als Frage formuliert, nimmt sich das so aus: Wie kommt es zu Kooperation und Frieden im Rahmen internationaler Anarchie? Prämissen des Neorealismus sind, daß Internationale Beziehungen als Nullsummenspiel aufgefasst werden können und daß wirtschaftliche unter staatliche Interessen geordnet werden, die von innenpolitischer Stabilität bis zur internationalen Sicherheit reichen. Generalziel, -fokus und -gegenstand des Neorealismus ist damit auch das Überleben des Staates und die Wahrung der Freiheit ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklung. Dabei werden als analytische Zugangs- und Zugriffsmöglichkeiten drei Analyseebenen unterschieden. Die systemische Analyseebene beschäftigt sich mit der Machtverteilung im internationalen System. Nationalstaaten und Volkswirtschaften sind ihrerseits die zentralen Kategorien der subsystemischen Analyseebene. Greift man auf die problemorientierte Analyseebene zurück, so rückt v.a. das Politikfeld Sicherheit ins Blickfeld. Formuliert man die zentralen Annahmen des Neorealismus aus, ergibt sich folgendes Bild. Staaten stellen in der internationalen Politik die Hauptakteure dar. Aufgrund der Souveränität der Staaten gibt es keine übergeordnete Instanz, die externes staatliches Verhalten regulieren, kontrollieren oder sanktionieren kann. Dies führt - analog zu Hobbes' Schlußfolgerungen hinsichtlich eines immerfort auf staatlicher Ebene herrschenden Naturzustandes - zur Annahme, daß auf (zwischen-) staatlicher Ebene Anarchie herrscht. Durch diesen Anarchiezustand werden die Souveränität und folglich auch die Sicherheit der Staaten bedroht. Dieses Sicherheitsproblem besitzt absolute Priorität innerhalb der staatlichen Problemhierarchisierung. Konkret heißt das, daß z.B. umwelt- und sozialpolitische Probleme dem generellen wie auch konkreten Sicherheitsproblem(en) nachgeordnet werden. Eine Neuerung zum und Abgrenzung vom Realismus ist die
Arbeit zitieren:
Dr. Stefan Schweizer, M.A. Pia-Johanna Schweizer, 2008, Terrorismus und Internationale Politik - Der Neorealismus und der 11. September, München, GRIN Verlag GmbH
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