Dreher : Das schwache Individuum in der beratenen Gesellschaft 1
Inhaltsverzeichnis
Seite
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1. Beratung heute
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2. Konzept der Beratung
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2.1 Supervision
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2.2 Coaching
5
3. Der Beratungsprozess als „Spiel sui generis“
8
4. Der wachsende Bedarf nach Orientierung und Beratung
12
5. Die Belastungen und Gefahren der beratenen Gesellschaft
Quellen 14
2 Dreher: Das schwache Individuum in der beratenen Gesellschaft
1. Beratung heute
Wer vor einer Entscheidung oder einem Problem steht, dessen Lösung schwer oder scheinbar unmöglich erscheint, der sucht Rat. Dieser kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen gefunden werden. Angefangen bei dem persönlichen Umfeld bis hin zu ausgewiesen professionellen Beratungsstellen, wobei zu berücksichtigen ist, dass der Titel des Beraters rechtlich nicht geschützt ist. Es steht jedem frei, sich als Berater zu bezeichnen. Schaut man sich bei diversen Internet-Suchmaschinen die Treffer auf den Suchbegriff „Beratung“ an, wird klar, wie komplex und umfangreich dieses Thema ist. Schwangerschaftsberatung, Telefonseelsorge, Polizeiberatung, Bankberatung und Sexberatung sind nur einige der Gebiete, auf denen der Ratsuchende sich beraten lassen kann. Angeboten wird der Rat von Organisationen, Kirchen, Privatpersonen und dem Staat. Die zeitliche Ausdehnung sowie die Kosten variieren dabei stark in Abhängigkeit von dem jeweiligen Angebot. Fasst man diese Aspekte zusammen lässt sich feststellen, dass die Beratung unsere Gesellschaft und damit unser alltägliches Leben vollkommen durchdringt. Die Relevanz von „Beratung“ per se ist kaum in Frage zu stellen, das erhöhte Beratungsaufkommen und gewisse Zweige der Beratung, wie zum Beispiel teure Astro-Beratungs-Hotlines oder das Angebot der entgeltlichen online-psychotherapeutischen Beratung, allerdings schon. Doch die Frage ist, was der Boom und die Ausdehnung von Beratungsangeboten für die Gesellschaft und das Individuum bedeutet.
2. Konzept der Beratung
Wie der englische Philosoph Francis Bacon bereits im 17. Jahrhundert feststellte, ist Wissen Macht. Erkenntnis und Fortschritt machen die Welt komplexer und erweitern ständig den Wissensbestand. So gilt das Humankapital heute als entscheidend und lässt sich auch ökonomisch in Form von Dienstleistungsangeboten verwerten. Die Beratungsindustrie setzt an diesem Punkt an und verspricht mit der Inanspruchnahme von „Beratung“ eine Verbesserung der Lebensqualität, Konflikt- und Krisenbewältigung, Hilfe bei Entscheidungsproblemen oder auch schlicht der Unternehmensbilanzen. Die Form der Beratung ist abhängig von kulturellen und sozialen Gegebenheiten. Die Beratung als kommunikative Form lässt sich in sozialer Hinsicht abgrenzen. 1 In dem Text „Soziologie
1 Schützeichel, R. (2004): Skizzen zu einer Soziologie der Beratung. In: Schützeichel, R. u. Brüsemeister, Th. (Hg.): Die beratene Gesellschaft, VS, S.275.
3 Dreher: Das schwache Individuum in der beratenen Gesellschaft
einer Beratung“ beschreibt Rainer Schützeichel Eigenschaften, Probleme, Kriterien und Folgen von Beratungsprozessen. Es gibt demnach klar definierte Rollen von „Ratsuchenden“ und „Berater“, die sich in dem dialogischen Prozess der Beratung deutlich wiederspiegeln. Der Nutzen des Ratenden liegt entweder in der Bestätigung des sozialen oder ökonomischen Status. Der Ratsuchende dagegen erhofft sich eine Reduzierung von Unsicherheit zum einen und das Offerieren von Entscheidungsoptionen zum anderen. Als Grundanforderung geht dem Gespräch eine Wissensasymmetrie voraus, die den Berater befähigt, Methoden anzuwenden, den Kernpunkt des Problems zu erkennen und auch bei Entscheidungsproblemen, Handlungsoptionen offerieren zu können. In temporaler Hinsicht sind Beratungen begrenzt auf eine vereinbarte zeitliche Ausdehnung. Als Prämisse für professionelle Beratung gilt es, ein klar definierten Anfang und ein Ende festzulegen. 2 Die Hilfestellung beim Lösen von Entscheidungsproblemen gehört in sachlicher Hinsicht zu den Eigenschaften der Kommunikationsform „Beratung“. 3
Die Methoden eines Beraters sind sehr spezifisch und vielfältig. Oft findet in der Praxis ein Methoden-Mix aus systemtheoretischen, psychoanalytischen und psychologische Anwendung. 4 Ebenso differieren auch die Beratungsformen. Mediation, Coaching, Supervision oder auch Organisationsberatung sind nur einige. Viele Berater versuchen hierbei auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückzugreifen. Dennoch kann dieses Wissen nicht immer auf die Praxis übertragen werden und oft hilft dem „guten“ Berater „embodied knowledge“ (verinnerlichtes Wissen), das auf Empathie und Erfahrungswerten beruht, um eine erfolgreiche Beratung durchzuführen.
Das Kriterium der „Freiwilligkeit“ 5 gilt als Grundprinzip, das kritisch betrachtet werden kann wie das der „Ablehnbarkeit“. Schließlich können Beratungen auferlegt, erzwungen oder manipulativ herbeigeführt worden sein. Rainer Schützeichel sieht zudem das Vertrauen als Grundlage für einen Beratungsprozess. Wenn der beratene nicht von dem „Wohlwollen des Beraters“ überzeugt ist, wird er sich entweder von Beginn an sperren, indem er keine oder eine reduzierte Beschreibung seines Problems mitteilt oder er wird die ihm offenbarten Inhalte der Beratung von sich weisen und ihnen keine Bedeutung zukommen lassen.
2 Vgl. ebd., S. 276.
3 Vgl. ebd., S. 276.
4 Deutsche Gesellschaft für Supervision (Hg.) (2006): Konzepte für Supervision. Dgsv-Broschüre, S. 9-32.
5 Vgl. Schützeichel, a.a.O., S. 277.
4 Dreher: Das schwache Individuum in der beratenen Gesellschaft
Doch nicht nur am mangelnden Vertrauen kann eine Beratung scheitern, sondern, wie Schützeichel beschreibt auch gemäß dem Sender-Empfänger-Modell das Problem des Nicht-Verstehens. Es kann demnach passieren, dass der Empfänger der Botschaft bzw. der Information diese nicht versteht. In der Kommunikation selbst liegt damit eine gewisse Schwierigkeit, wenn eine Inkongruenz zwischen gesendeter und empfangener Botschaft entsteht. Zusätzlich kann die Beratungskonstellation schon stark unterschiedlich ausgeprägt sein, wie Schützeichel in drei Prototypen feststellt. 6 So gibt es zum einen die Beratung als Expertenkommunikation, die auf die oben genannte Wissensasymmetrie anspielt, die zwischen dem Laien und dem Experten eines Gebietes herrscht. Der zweite Typ, als „Mode2“ bezeichnet, setzt mehr auf gemeinsam generiertes Wissen, wobei der Berater sein Expertenwissen einfließen lässt. Der letzte Typ sieht Beratung als „maieutischen Dialog“. Mit Unterstützung von Selbstreflexionsprozessen, die durch gezielte Fragetechniken in Gang gesetzt werden, geht der „Experte“ davon aus, dass das benötigte Wissen zur Problemlösung latent bei dem Klienten vorhanden ist. Dieser Prototyp ist somit der, der das Individuum am meisten einbezieht und fordert. Nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ werden die Selbstsicherheit, das Selbstvertrauen und die Stabilität des Selbst gestärkt.
2.1 Supervision
Die Supervision als Beratungsform steht in direkter Konkurrenz mit dem „Coaching“. Diese Konstellation sorgt jedoch für Professionalisierung und ständige Reflektion über das Beratungsangebot, wie es auch in der Broschüre der Deutschen Gesellschaft für Supervision deutlich gemacht wird. 7 Dies führte ebenso dazu, dass heute die Wissenschaft als Voraussetzung und Legitimation für den Beratertitel gesetzt wird. Die Supervision zieht ihren Nutzen aus Theorien (z.B.: „Systemtheorie, „Gruppenanalyse“ und „Psychoanalyse“), die zwar nicht auf diese ausgerichtet, aber sehr gut darauf angewendet werden können. Das Angebot vielfältiger Methoden erhöht die Kompetenz und ist ein deutlicher Vorteil auf dem Beratungsmarkt.
In Unternehmen kann der Supervisor zum einen als „Diplomat“ eingesetzt werden, der bei Interessenkonflikten vermittelt oder als „Aufklärer“, der Widerstände löst, beispielsweise bei Umstrukturierungsmaßnahmen. Zudem ist er „Instrukteur“ und auch „politischer Akteur“.
6 Vgl. ebd., S. 282.
7 Deutsche Gesellschaft für Supervision (2006): Supervision. DGSv-Broschüre.
Arbeit zitieren:
Jennifer Dreher, 2007, Das schwache Individuum in der beratenen Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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