1. Einleitung Im Folgenden soll es nicht darum gehen Bildung abzuschaffen oder Lernen in Frage zu stellen, sondern vielmehr müssen in Zukunft mehr Freiräume für die Gestaltung von Lernchancen geschaffen werden. Der Staat muss neue Strukturen und Regelungen finden, um in der Bildung mehr Demokratie zu ermöglichen: „Die zentrale These zur Verbesserung der Bildungs- und Schulkultur heißt: ,Mehr Demokratie wagen!’“ (Klemm 2001, S. 13) Schule heute hat vor allem ein strukturelles Problem. 650.000 Lehrer unterrichten etwa 10 Millionen Schüler. Ein großer Anteil der Schüler „bleibt sitzen“, verweigert die Schule oder verlässt sie ohne einen Abschluss. Das zweite Problem ist der Zusammenhang von Bildung und Herrschaft. Schule unterliegt stark politischen Strukturen und Einflüssen. Immer wieder werden drei Schullegenden kritisiert, die sich hartnäckig halten: 1. Es gibt kein effektives Bildungssystem, das nicht staatlich beaufsichtigt ist. 2. Ohne staatliche Schulpflicht findet eine Ausgrenzung von Bildungschancen für Benachteiligte statt. 3. Für viele Menschen ist das Lernen in der Schule der einzige Zugang zur Kultur. Schule ist so zu einem Mythos geworden, der sich erfolgreich gegen Reformen und Veränderungen sträubt. Auch wenn sich in den letzten Jahren eine Aufbruchstimmung in der BRD eingesetzt hat, die sich um eine Reform des klassischen Bildungssystems bemüht, wurde dies in der Praxis noch nicht erlebt. „So geht es um eine Ausein-andersetzung mit der industrialisierten Bildungslandschaft in Deutschland und um eine pädagogische Antwort auf die Informationsgesellschaft und auf Globalisierungstendenzen.“ (ebd., S. 16)
1.1 Das „Prinzip Schule“ und seine Kritik
Schulkritik gibt es schon fast solange wie es die Schule gibt. Doch unabhängig von zeitlichen und gesellschaftlichen Bedingungen geht es im Kern der Kritik immer wieder um dieselben Erschei-nungen, welche mit institutionalisiertem Lernen einhergehen.
• Der Schüler ist das Zielobjekt der Schule
• Ineffektive Lehr-Lern-Prozesse
• Die Frage danach, wem die Schule gehört (organisations- und bildungspolitische Probleme)
• Lehrer als Pädagoge (Professionalisierung) Diese Sachverhalte wurden und werden unterschiedlich bewertet und führten zu mehr oder weniger nachhaltigen Veränderungen der Institution Schule. Das Prinzip der Schule -Erzeugungsdidaktik statt selbstorganisierte Ermöglichungsdidaktik - bleibt aber unangetastet, es verändern sich lediglich Rahmenbedingungen (z.B. gesellschaftliche Ziele oder Lerninhalte). Einer Auseinandersetzung mit der Schule als Lernort für Kinder und die damit
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verbundenen Kritik ist in Deutschland nicht nur selten, sondern wird auch als frevelhaft angesehen. „Die Schule bzw. der Schulzwang wird in allen politischen Lagern als eine zentrale Errungenschaft der Neuzeit gesehen und entsprechend hoch als ein stabilisierender Faktor für demokratische Gesellschaft bewertet“ (ebd., S. 18)
1.2 Radikale Schulkritik in der Diskussion
Eine generelle Ablehnung von Schule als Lernort ist relativ neu. In den 1960er Jahren werden erstmals Gedanken zu einer entschulten Gesellschaft in einem öffentlichen Kontext laut. Zu einer weltweiten Diskussion über Entstaatlichung von Bildung kommt es zum ersten Mal in der Geschichte der Pädagogik durch die Schriften von Ivan Illich, die er im Zusammenhang seiner Arbeit im Institut CIDOL veröffentlicht. Aus dieser Perspektive wird vor allem der Monopol- und Zwangscharakter von Schulen, die antidemokratischen Strukturen und das klassische Schüler-Lehrer-Verhältnis beanstandet. Ob Bildung ohne Schule funktionieren kann, wurde auf verschiedenen Ebenen diskutiert. Politisch wird die Schule als Herrschaftsinstrument definiert, die Ungleichheit herstellt und Abhängigkeiten fördert. Auf der bildungssoziologischen Ebene wird aufgeführt, dass die Schule mit ihrer Binnenstruktur lern- und bildungshemmend ist. Weiter wird methodisch-didaktisch argumentiert, dass Lernen nicht auf die kognitive Wissensvermittlung herabgesetzt werden darf und so die vorhandene Vermittlungspraxis kritisiert. Zu einer neuerlichen Diskussion um Entstaatlichung von Bildung kommt es seit den 90er Jahren in der Erziehungswissenschaft. „Hans Bartcher und Hans-Ulrich Grunder stellen in diesem Sinne auch die Leitfrage dieser Diskussion: „Wie viel Staat braucht die Schule?“ (ebd., S.23) Der Gedanke ist der, dass die staatliche Verfügungsgewalt über die Schule nicht mehr in das heutige Verständnis von Demokratie passt. Es wird in diesem Zusammenhang festgestellt, dass die Schule, so wie sie heute aufgebaut ist, selbst nicht genügend demokratische Strukturen aufweist, um die Jugend zu demokratischen Staatsbürgern zu erziehen.
2. Thesen zur Aktualität entschulter und entstaatlichter Bildung
Im Folgenden soll die Aktualität entschulter und entstaatlichter Bildung anhand von sechs Thesen verdeutlicht werden. Allen Thesen liegt die Auffassung zugrunde, dass die BRD eines fundamentalen Wandels der Bildungspolitik und –struktur bedarf, um neue Leitideen wie etwa lebenslanges und selbstgesteuertes Lernen zu ermöglichen. Da die klassische
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Schule diesbezüglich zunehmend kontraproduktiv erscheint, fordern die folgenden Thesen durchgehend eine Entschulung von Lernen.
2.1 Erste These: Bürgergesellschaft als Plädoyer für eine demokratische und partizipatorische Lernkultur
Der Grundgedanke einer Bürgergesellschaft ist der „Versuch der Ergänzung repräsentativer demokratischer Strukturen mit Elementen der direkten, plebiszitären Demokratie“. (ebd., S. 39) In der repräsentativen Demokratie, wie wir sie derzeit in der BRD vorfinden, ist die bürgerliche Einflussnahme auf Wahlen politischer Parteien beschränkt, welche die Interessen des Volkes vertreten sollen. Diese Anhängigkeit soll durch mehr direkten Einfluss, etwa in Form von Volksentscheiden, verringert werden. Die Realisierung einer Bürgergesellschaft setzt jedoch voraus, dass die Bürger ein grundsätzliches demokratisches Bewusstsein besitzen und bereit sind, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Jedoch erscheint die Erfüllung dieser Voraussetzungen derzeit äußerst zweifelhaft, da es an entsprechenden Gelegenheiten und Herausforderungen, sowie an Informationen mangelt. Dies führt vielfach zur Resignation deutscher Bürger.
An dieser Stelle gilt es nun, den Zusammenhang von Bürgergesellschaft und Bildung zu erläutern. Demokratisches Bewusstsein und Verantwortungsbewusstsein sind nicht elementar gegeben, sondern müssen erlernt werden. Dieser Lernprozess beginnt bereits im Kindesalter und sollte daher in einen Lernort wie Schule integriert sein. Die klassische Schule scheitert hier jedoch auf zwei Ebenen. Einerseits versagen die Konzepte politischer Bildung, da der schulische Unterricht überwiegend un-demokratisch gestaltet ist. So entscheidet in der Regel der Lehrer über Lerninhalte und –formen, während die Schüler keine oder nur künstlich erzeugte Einflussmöglichkeiten besitzen. Durch Unter-richt, in dem demokratisches Handeln nicht direkt erlebt wird, kann ein entsprechendes Bewusstsein gar nicht authentisch vermittelt werden. Ebenso undemokratisch wie die Unterrichtsstruktur ist die politische und organisatorische Verfasstheit der Schule. Die Schule in der BRD ist eine Staatsschule mit Schulzwang, in der alle Beteiligten fremdbestimmten Rahmenbedingungen ausgeliefert sind. Hier besteht ein enormes Demokratie-Defizit, da eine Institution, die in ihrer organisatorischen Struktur keinerlei demokratische Spielregeln zulässt, niemals in der Lage sein kann, die Vermittlung eines demokratischen Bewusstseins zu realisieren.
Somit kann festgehalten werden, dass die klassische Schule in ihrer momentanen politischen und pädagogischen Verfasstheit eine Bürgergesellschaft bereits im Ansatz verhindert.
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Arbeit zitieren:
Michaela Schnisa, Marie Seedorf, 2007, Lernen ohne Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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