1. EINLEITENDE GEDANKEN 2. DIE STELLUNGNAHME ZUM FREITOD UND DIE STELLUNGNAHME ZUM NATÜRLICHEN TOD VOM STANDPUNKT DER „ERSTEN GEWISSHEIT“ DES ABSURDEN AUS.
3. CAMUS‘ ANALYSE DER GRUNDMÖGLICHKEITEN DES MENSCHLICHEN VERHALTENS ZUM TOD UND DIE KONSEQUENZEN FÜR DIE ETHIK. 4. ABSCHLIESSENDE GEDANKEN 5. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 6. ANMERKUNGEN 7. LITERATURVERZEICHNIS
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Am 17. November 1913 erblickte Albert Camus in Mondovi das Licht der Welt. Sein Vater war ein Landarbeiter elsässischer Herkunft und seine geliebte Mutter eine spanische Magd. Seiner Heimat, der algerischen Erde, blieb er bis zuletzt treu.(1)
Camus‘ Vater, Lucien Auguste Camus, fiel im Ersten Weltkrieg in der Marneschlacht. Er starb am 11. Oktober 1914 und Albert war noch nicht einmal ein Jahr alt. Seine Frau, Catherine Camus, kehrte mit ihren beiden Söhnen zurück zu ihrer Mutter nach Algier. Als Putzhilfe gelegentlich tätig, lebte sie mit ihrer Familie im Armenviertel von Algier. Es war eine harte Zeit, da sie die Ihren ohne staatliche Unterstützung durchbringen mußte.(2) Das Leben in Belcourt formte Albert Camus. Hier wohnte er bis zum 17. Lebensjahr und er kehrte immer wieder zurück in sein vertrautes Ursprungsland, wo er stets Schutz und Geborgenheit wahrnahm. Die Menschen, die im Armenviertel Belcourt wohnten, verrichteten für kargen Lohn Schwerstarbeit in den kleinen Fabriken, als autonome Handwerker oder als Tagelöhner in den Hafenanlagen. Auch Büroangestellte, Händler und kleine Beamten zogen dorthin. Die Faßbinderei, ein kleiner bedeutsamer Industriezweig in diesem Viertel, verhalf der Camus-Sintes-Familie zu überleben.(3)
Im Kindergarten lernte Camus lesen und schreiben. Für sein Alter war er klein und schwächlich und seine Spielkameraden verspürten wohl den Drang ihn irgendwie beschützen zu müssen. Sein Lieblingssport war Fußball. Er stand beim Spiel im Tor und blieb somit vom rauhen Spielgeschehen verschont.(4)
Camus ging in Belcourt zur Schule und erhielt, aufgrund eines Vorschlages seines Lehrers Louis Germain, ein Stipendium. Das erlaubte dem gegabten, beredeten und belesenen Schüler Albert von 1924 bis 1930 das Gymnasium zu besuchen. Dort lernte er auch Latein und Griechisch.(5) Im Jahre 1930 kam Jean Grenier als Philosophieprofessor an seine Schule. Ihm blieb Camus sein ganzes Leben lang zutiefst verbunden. Zu dieser Zeit wurde Camus tuberkulös. Während der langen Rekonvaleszenz lebte er im Hause seines Onkels Gustave Acault. Dieser war Anarchist und Voltaire-Anhänger. Von ihm bekam Albert nicht nur die nötigen Fleischrationen zu essen, sondern auch beachtliche Weltliteratur zu lesen. Camus studierte Schopenhauer, Nietzsche, Dostojewski, Yoyce, Andre` Gide, Grenier und Proust. Aus diesem Grunde faßte er den Entschluß, Schriftsteller zu werden.(6) Durch Grenier lernte Camus die griechische Literatur und Philosophie kennen und lieben.(7) Er schrieb in sein Tagebuch: „Die Welt,
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in der ich mich am wohlsten fühle: der griechische Mythos.“ Camus sagte von sich selbst: „Ich bin kein Philosoph. Ich glaube nicht genug an die Vernunft, um an ein System zu glauben.“(HT,152) Weiters notierte er in den Tagebüchern: „ Die antiken Philosophen verbrachten ( mit gutem Grund) viel mehr Zeit mit Nachdenken als mit Lesen. Deshalb hielten sie sich so streng ans Konkrete. Der Buchdruck hat das geändert. Es wird mehr gelesen als nachgedacht. Wir besitzen keine Philosophien, sondern nur Kommentare.“(Tgb I,173)
In der Welt des griechischen Mythos fühlte sich Camus also am wohlsten. Er versuchte ihn neu zu beleben (8), denn: „Die Mythen leben nicht aus sich selber. Sie warten darauf, daß wir sie verkörpern.“(LE,159) Bereits zu Beginn der Dreißigerjahre dürstete Camus nach
Gerechtigkeit- nach sozialer Gerechtigkeit. Er spielte mit dem Gedanken der kommunistischen Partei beizutreten. Der „ fleißige“ Gymnasiast bestand das Abitur ohne Mühe. Physisch gesehen war er ein braungebrannter, sportlicher und junger Mann von deutlich spanischem Typ. Neben seiner Leidenschaft für die Philosophie begeisterte sich Camus für Fußball und das Theater. Sonntags spielte Camus stets den Torhüter der „Racing Universitaire“. Und an einem dieser Sonntage kam es zur ersten Tragödie. Stark durchschwitzt traf er nach einem anstrengenden Spiel zu Hause ein. Er erkältete sich und wurde krank. Die Diagnose war Lungenentzündung. Weiters stellte man fest, daß er an Tbc erkrankt war.(9) Von sich selbst berichtete Camus im Vorwort zu „Licht und Schatten“ : „Aber letzten Endes begünstigte sie ( die Krankheit) jene Freiheit des Herzens, jenes unmerkliche Abstandwahren gegenüber den Interessen des Menschen, das mich vor jedem Re`ssentiment bewahrt hat.“ Im Herbst 1933 begann Camus sein Studium. Noch immer von seinem Onkel unterstützt, studierte er an der Universität in Algier zunächst Ethik, Soziologie und Psychologie. Dann führte Grenier ihn in die indische und chinesische Philosophie ein. Ebenso studierte er Platon, Descartes, Spinoza und Kierkegaard.(10) Am 25. Mai 1936 erhielt Camus sein Diplome d` Etudes Superieures de Philosophie. Er schrieb eine Arbeit mit dem Titel „Christliche Metaphysik und Neoplatonismus“. Darin beschäftigte er sich mit dem Verhältnis von Hellenismus und Christentum. Das Gesundheitsamt verweigerte ihm wegen seiner Tuberkulose das vorgeschriebene Gesundheitszeugnis, deshalb wurde er als
Lehramtskandidat zurückgewiesen.(11)
Bereits in seinen ersten Publikationen sind wichtige Themen seiner späteren Werke vertreten: die Einsamkeit des Menschen, die Liebe zum Meer und das unerfüllte Bedürfnis nach Liebe.(12) Von Nietzsche, dem deutschen Dichterphilosophen, übernahm Albert Camus die Erfordernis eines unzugänglichen Denkklimas sowie die instinktive Verabscheuung von jeglichem christlichen und platonischen Idealismus.(13)
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Camus sah im Atheismus nicht das Unparteiische, sondern die Auflehnung gegen den Allmächtigen. Denn Gott verlangt vom Menschen das Befolgen seiner Gebote und demütige Unterwerfung.(14) Die bislang klarste Darstellung von Camus` Weltanschauung gab uns Jean Grenier: „Diese Vorstellung eines allmächtigen Wesens muß ihn entsetzt haben, denn sie erscheint in fast seinem ganzen Werk und ist jedesmal gleichermaßen abstoßend dargestellt.“* Man kann also unmöglich
abstreiten, daß Camus ein entschiedener Ungläubiger war. Er lehnte sich gegen die göttliche Allmacht auf, da er sie für das maßlose Leid auf Erden belangte.(15)
Albert Camus wandte sich an den gedemütigten und erniedrigten, zerrissenen und ohnmächtigen Menschen. Mit seinen Lebenslehren wollte er gegen die Übermacht des Alls eintreten. Auch wenn seine Erkenntnisse unvermeidlich unerträglich und hart sind, wollte er den Erdenbürgern dennoch eine Hoffnung vermitteln, die ihnen die Energie verleihen solle, es auszuhalten in einer unbarmherzigen Welt.(16) Das Maß eines
mediterranen, griechennahen Denkers fordert vom absolut freien Dasein das Leben und Sterben wieder zu lernen. Der Existierende muß sich weigern Gott zu werden, um Mensch zu sein.(17) Für Camus hatten die weltlichen Güter nur eine geringe Bedeutung. Man sagt sogar: sie rannen ihm durch die Finger.(18) Albert Camus - Schriftsteller, Journalist, Dramatiker, politischer Denker und Philosoph - war keiner Systematik verpflichtet, sondern er trat für den leidenden Menschen in concreto ein.(19) Camus selbst: „Das Elend hinderte mich, zu glauben, daß alles unter der Sonne und in der Geschichte gut sei, die Sonne lehrte mich, daß die Geschichte nicht alles sei.“(LS,10) „Denn ich liebe es nicht, daß man mogelt. Der wahre Mut besteht immer noch darin, die Augen weder vor dem Licht noch vor dem Tod zu verschließen.“(LS,74)
Camus wies alle religiösen Tröstungen vehement zurück. Denn sie wollen mittels einer grandiosen Lebenslüge „das Hinüberschlummern“ erleichtern. Der Denker glaubte an die heidnischen Götter Pan und Dionysos, an „das klopfende Herz“ des Werdens, welches er als den Inbegriff alles Lebendigen betrachtete.(20) Camus lehnte das Christentum dezidiert ab. Er selbst stellte seine Passivität künstlerisch, in der Wirklichkeit und Sinnlichkeit seiner Naturverbundenheit, dar. Die Ablehnung des Künstlers gegenüber der christlichen Religion hatte ihre Wurzeln im Leid der Welt. In seinen Worten: „Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“( Zitat aus seinem Werk „Die Pest“ -1948) Blanchet bezeichnete ______
*J.Grenier in seinem Vorwort zur Gesamtausgabe der Werke von Camus im Jahre 1962
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Camus im Jahre 1960 als einen „Atheisten von Geburt und aus Solidarität.“(21)
Nach Camus gehören Essenz und Existenz wie Geist und Leib untrennbar zusammen.* Sie bilden jene Ganzheit, die die „menschliche Natur“, seine „Göttlichkeit“, ausmacht.(22) „Die Geschichte hat keine Götter, und die vom Herzen erleuchtete Intelligenz ist der einzige Gott, der je in seinen tausend Gestalten auf dieser Welt begrüßt worden ist.“(Tgb II, 137) Walter Lesch hat, zusammen mit vielen anderen seiner Generation, Camus nicht als literarischen oder philosophischen Meisterdenker kennengelernt, sondern zunächst als Autor für die Schule: „Ich könnte sogar sagen, daß ich mit Camus Mitte der 70er Jahre in Nordrhein-Westfalen Französisch gelernt habe - mit einer großen Begeisterung für das humanistische Ethos seiner Texte.“(23) Camus` Talent besteht darin uns zu lehren, daß es keine Wahl zu treffen gilt. Denn in jedem Menschen wohnt ein Teil Geschichte und ein Teil Ewigkeit.(24) Sein Werk „Mythos von Sisyphos“ sollte man nicht mit den Maßstäben systematischer Philosophie messen. In diesem Buch versucht Camus die Bejahung des Lebens und die Verzweiflung am absurden Status der Welt zusammenzubringen. Camus` Essay, der in der Tradition der philosophischen Moralistik zu sehen ist, ist eine Gattung zwischen Literatur im engeren Sinn und Philosophie. Der „Essay über das Absurde“ versucht aus der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz eine Ethik abzuleiten.(25) Grundlage des Denkens Camus` bleibt eine Erfahrung, ein Gefühl - eine sinnliche Erkenntnistheorie.(26) Camus ist der Inbegriff des „subjektiven Denkers“. Das Existieren oder Nichtexistieren wird zum Grundproblem seiner Reflexion. Die Frage danach, ob sich das „absurde Leben“ lohnt oder nicht, kann Ausweglosigkeit und Freitod nach sich ziehen.(27)
In Saint-des- Pres hatte der Existentialismus seinen Ort. In den Cafes tranken und diskutierten die elitären Intellektuellen. Darunter befanden sich Maurice Merleau-Ponty, Simone de Beavoir, Arthur Koestler, Jean Paul Sartre und Camus. Gehört Albert also zu den Existentialisten? Nein! In verschiedenen Interviews erklärte er ausdrücklich, daß er kein Existentialist sei. Nicht im ästhetischen Sinn wie Husserl, Heidegger und Sartre und auch nicht im religiösen Sinn wie Pascal, Kierkegaard und Jaspers.(28) ______
• Vgl. dazu Soren Kierkegaard: „ Der Mensch ist eine Synthesis des Seelischen und des Leiblichen. Aber eine Synthesis ist nicht denkbar, wenn die Zwei nicht in einem Dritten vereinigt werden. Dies Dritte ist der Geist.“
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So sehr sich Camus auch dagegen wehrte, er blieb der „ Prophet des Absurden“. 1950 schrieb er resigniert (29): „Man hat die Formel gewählt: ich bleibe absurder denn je zuvor.“(R,177)
Die junge Generation, die auf ihn hörte, räumte ihm den Platz ein, den vorher Sartre und noch früher Gide inne hatte.(30) Camus notierte in seinen Tagebüchern: „Ich bin nicht für die Politik geschaffen, weil ich unfähig bin, den Tod eines Gegners zu wünschen oder zu billigen.“(Tgb I,209) „Warum bin ich ein Künstler und nicht Philosoph? Weil ich in Worten und nicht in Ideen denke.“(Tgb I,204) „Man denkt nur in Bildern. Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane.“(Tgb I,12)
Albert Camus war außergewöhnlich vielseitig talentiert. Die Palette reichte vom Dramaturgen, Regisseur, Schauspieler, Bearbeiter und Autor von Bühnenstücken, bis zum Verlagslektor, Romanschriftsteller, Philosophen, Journalisten, Essayisten und Erzähler. Seine literarischen Werke wurden von den Kritikern als „dichterische Verbrämung blutleerer philosophischer Ideen“ abqualifiziert. Seinen philosophischen Arbeiten warf man eine „mangelnde spekulative Durchdringung“ vor. Die Theologen erklärten gar den überzeugten Nichtchristen als einen der Ihren.(31) (Wahnsinn!)
Am 16. Oktober 1957 kam ein junger Kellner an den Tisch, an welchem sich Camus gerade in Gesellschaft befand, und teilte dem Künstler mit, daß man ihm den Nobelpreis verliehen hatte. Aufgeregt und blaß im Gesicht wiederholte er immer wieder, daß der Preis an Malraux hätte gehen müssen.(32) Einen Tag später wurde zu Ehren von Camus bei Gallimard ein Gratulationscour gegeben. Von den Reportern wurde er gefragt, wie er denn die Nachricht von der Auszeichnung aufgenommen habe. „Mit großer Überraschung und guter Laune“ lautete seine Antwort. „Ich lege auch großen Wert darauf zu sagen, daß, wenn ich an der Wahl beteiligt gewesen wäre, ich Andre‘ Malraux gewählt hätte, für den ich große Bewunderung und Freundschaft hege und der für mich einer der Lehrer in meiner Jugend war.“(33) Malraux‘, der selbst keinen Augenblick lang zögerte dem Preisträger zu gratulieren, Worte darauf waren: „Diese Antwort ehrt uns beide.“(34)
Der Freitod war für Albert Camus niemals nur ein theoretisches Problem. Er wurde von ihm immer wieder in seinen Essays behandelt. Das Thema des Suizids ist stark geprägt von persönlich durchlittenen Erfahrungen, welche ein wichtiger Impuls für seine literarischen Arbeiten waren.(35) Am 4. Januar 1960 fuhr gegen ein Viertel nach zwei Uhr auf der Straße Sens-Paris ein Wagen, laut einem Augenzeugen, mit schwindelerregender Geschwindigkeit dahin. Der Reifen eines Hinterrads platzte, kurz darauf geschah das Unfaßbare. Der Wagen kam zum Stehen und auf dem Feld lagen drei Menschen. In den Trümmern des Fahrzeuges befand sich ein
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lebloser Körper. Als man seine Taschen untersuchte, stellte man fest, daß es der große junge Künstler und Nobelpreisträger für Literatur Albert Camus war. Michel Gallimard, ein Neffe vom Verleger Camus‘, war der Fahrer des Wagens; er starb vier Tage später. Ihn empfand Albert als einen Bruder im Geiste. Auf der ganzen Welt hörte man sagen: „ein
vorzeitiger, ein ungerechter, aber vor allem ein absurder Tod.“(36) Camus‘ Leichnam wurde im Saal der Bürgermeisterei von Villeblevin aufgebahrt. Zwei Tage nach dem tragischen Unfall fand in Lourmarin das Begräbnis statt. Der Sarg wurde nicht in die Kirche getragen, sondern man trug ihn direkt auf den Friedhof. Dort ruht Albert Camus in Frieden, nur wenig von seinem Haus entfernt.(37)
Bereits im Jahre 1946 schrieb Francois Bondy: „Albert Camus ist nicht ein Denker, der Probleme stellt und löst, sondern ein Schriftsteller, der in einem ganz bestimmten geistigen und moralischen Klima vibriert und eine Realität erlebt, die auf sehr verschiedene und doch verwandte Art auch Celine und Sartre, Moravia und Vittorini, William Faulkner und Malraux erfassen: die Wirklichkeit des Absurden, den Riß zwischen den Menschen und ihrer Welt, zwischen der Welt und unserem Glück, zwischen der Wahrheit und dem Trost.“(38)
Der Freitod wird in Camus‘ Werken dezidiert verabscheut.(39) „Wenn man zu denken anfängt, beginnt man untergraben zu werden. ... Der Wurm sitzt im Herzen des Menschen. Dort muß er auch gesucht werden. Diesem tödlichen Spiel, das von der Erhellung der Existenz zur Flucht aus dem Leben führt, muß man nachgehen, und man muß es begreifen.“(MS,15) Dem Problem des Suizides widmet Camus eine eingehende Untersuchung. Er stellt sich die Frage warum der Selbstmord, angesichts der Situation des Menschen, so selten vorkommt. Die Antwort lautet: der Mensch weicht aus. Camus verlangt ein „Jasagen zur eigenen Situation“ sowie die „innere Einwilligung zum Leben in der Einsamkeit“. Weiters fordert er vom Erdenbürger die „illusionslose Einsicht in die Unerbittlichkeit der Weltzusammenhänge“.(40) „Man hat den Selbstmord immer nur als soziales Phänomen dargestellt. Hier dagegen geht es darum, zunächst nach der Beziehung zwischen individuellem Denken und Selbstmord zu fragen. Eine solche Tat bereitet sich in der Stille des Herzens mit demselben Anspruch vor wie ein bedeutendes Werk.“(MS,14) Die Selbsttötung wird zu einem Luxusphänomen, zu einem typischen Problem von Übergesellschaften. Und die dazu gestellten Fragen müssen wohl jenen Existierenden, die um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen, äußerst fremd vorkommen.(41) Camus zitiert Tolstoi: „Wenn das Leben nicht unendlich ist, dann ist es ganz einfach absurd, ist es nicht wert, gelebt zu werden, und man muß sich seiner so schnell wie möglich durch Selbstmord entledigen.“(Tgb I,123) „Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere ... kommt erst später.“(MS,13) Wenn das Absurde ein Faktum, eine Realität ist, dann gilt es zu erklären, ob der Mensch überhaupt noch leben soll. Denn das Absurde läßt sich durch keine noch so große Anstrengung aus der Welt schaffen.(42) Aber: „Eine Welt, die sich - wenn auch mit schlechten Gründen - deuten und rechtfertigen läßt, ist immer noch eine vertraute Welt.“(MS,16)
Für den Denker Albert Camus ist der Freitod der Ernstfall des Lebens und Sterbens. Eine Entscheidung also, die nicht unbesonnen getroffen werden soll. Denn man stirbt nicht für philosophische oder
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Arbeit zitieren:
Alessandro de Michel, 1999, Mythos Tod - Das absurde Dasein und der Tod: Camus‘ Stellung zum Todesphänomen im „Mythos von Sisyphos“, München, GRIN Verlag GmbH
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