1. Einleitung 3 2. Einführung 3 3. Theoreme 6 3.1. Mobile, vernetzte ethnische Gruppen 7
3.1.1. Transnationale Ökonomien, transnationale 7 Unternehmen
3.1.2. Transnationale ethnisch - nationale Netzwerke 9 3.2. Fokus auf (imaginierte) Mobilität 11 3.2.1. Diaspora 11
3.2.2. Transnationale und transethnische Identitäten 13 3.3. Globalisierung, die Mobilität zum Normalfall macht 17 3.3.1. Kreolisierung 17
3.3.2. Das Globale wirkt in das Lokale - Socioscapes und Sociosheres 19 3.3.3. Ethnische Landkarten und Imagination als soziale Praxis 20 4. Führen MigrantInnen bereits die Leben, die für Ulrich 23
Becks Konzept der reflexiven Modernisierung charakteristisch sind? 4.1. Grundzüge der reflexiven Modernisierung 23 4.2. Der kosmopolitische Blick 26 4.3 Der durchschnittliche Migrant: Translegaler, autorisierter, nicht 28 anerkannter Kosmopolitismus von unten 4.4. Transnationale Migration: der gelebte Kosmopolitismus in der 29
reflexiven Modernisierung - Zusammenführung der transnationalen Theoreme mit der Theorie der reflexiven Modernisierung und des kosmopolitischen Blicks 5. Schluss 31 6. Literaturverzeichnis 33
2
1. Einleitung
Die aktuelle Debatte über Migration wird im politischen Mainstream allzu oft mit Integration in Verbindung gebracht. Es scheint fast so, als gäbe es zwischen beiden Begriffen eine wechselseitige Interdependenz. Diese Erwartungshaltung einer „einheimischen“ Bevölkerung, die eine Angleichung aller „Nicht-Einheimischen“ fordert, geht von Annahmen aus, die sich in der Debatte um den Transnationalismus als unhaltbar herausstellen. Im Folgenden möchte ich nun eine Einführung in das Konzept des Transnationalismus geben und durch die Abgrenzung zu vorherigen Migrationstheorien aufzeigen, was an diesem Blick auf Migration neu ist. Im zweiten Teil werde ich verschiedene Theoreme des Transnationalismus ausführen und ihn im dritten Teil mit der Theorie reflexiver Modernisierung in Verbindungen bringen. Zum Schluss stelle ich die Frage, ob MigrantInnen nicht bereits die Leben führen, die für Ulrich Becks Konzept der reflexiven Modernisierung charakteristisch sind. 2. Einführung
Bei dem Konzept des Transnationalismus handelt es sich um einen Perspektivenwechsel innerhalb der Migrationsforschung. Migration wird also nicht als neues Phänomen verhandelt, sondern der Blick auf die Mobilität von Menschen ändert sich grundlegend.
Durch die Durchsetzung der Idee von Nationalstaaten und -gesellschaften in der ersten Moderne wurde Migration als ein Übergang von einem nationalstaatlichen Container in den anderen aufgefasst 1 . Dementsprechend stand die Untersuchung von Pull- und Pushfaktoren, meist ökonomischrationalen Gründen, die „die MigrantIn“ veranlassen aus ihrem „Herkunftsland“ 2 zu emigrieren (push) und Faktoren, die „die MigrantIn“ 1 Pries 2001: 5
2 Da die Begriffe „Herkunfts- Ankunftsland“, sowie „home“ und „host“ im Kontext transnationaler
Forschung problematisch sind, weil sie weiterhin in einem begrifflich- nationalstaatlichen-Container
verhaften, aber bisher keine anderen Begriffe zur Verfügung stehen, sind sie im Kontext
3
veranlassen in ein bestimmtes „Ankunftsland“ zu immigrieren (pull), im Vordergrund.
Dieser Blick ist im methodologischen Nationalismus verhaftet und betrachtet Migration innerhalb geschlossener und klar begrenzter Systeme. "Sie ist verknüpft mit einer Vorstellung von Körpern ohne Willen, mitgerissen durch das Walten von Kräften, die weit aus stärker sind als sie.“ 3 Diese mehrheitsgesellschaftliche Perspektive versucht sich in der Kontrolle von Migration, die diese in diesem Kontext gerne mit Naturmetaphern wie Flut und Ansturm umschreibt. Sie geht von einer territorial begrenzten Gesellschaft aus, die Integration auf diesem Hintergrund legitimiert. Sie setzt eine homogene Kultur, mit gleichen Werten und Normen voraus, an die sich „die MigrantIn“, nach dem Modell der Chicagoer Schule innerhalb eines siebenstufigen Assimilierungskonzepts integrieren soll und dessen Ziel es ist ein „Einverständnis mit den Werten und Normen der Aufnahmegesellschaft“ zu erreichen. Diesem geht kulturelles Lernen, eine Entwicklung einer positiven Einstellung zur Aufnahmegesellschaft, Entwicklung einer negativen Einstellung zur Herkunftsgesellschaft, wirtschaftliche Akkomodation und Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft voraus. 4 Doch das Versprechen der Integration, das im Kern die
Zugehörigkeit durch Blut und Boden in sich trägt, kann per Definition nie eingelöst werden.
Der Transnationalismus verabschiedet sich von dieser Perspektive und unterstreicht die Rolle der ProtagonistInnen, ohne ihre objektive Schwere zu leugnen. 5 Er untersucht aus der Perspektive der Akteure ihre Selbstorganisation und unterstellt damit eine Autonomie der Migration, 6 sowie ein Aktiv-Sein in den Entscheidungen der MigrantInnen. transnationaler Forschung in Anführungszeichen gesetzt.
3 Mezzadra 2005: 794
4 Pries 2007: 113
5 Mezzadra 2005: 794
6 Mezzadra 2005: 794
4
Er wendet sich von der Vorstellung des unilokalen Ortswechsels von „Herkunftsland“ zu „Ankunftsland“ ab, da er von den Welten dazwischen, also den transnationalen, deterritorialen, ethnischen Räumen ausgeht, die durch migrantische Mobilität eines plurilokalen Hin- und Her entstehen. Diese werden vor dem Hintergrund der Globalisierung und der reflexiven Modernisierung verhandelt, die ihrerseits Enträumlichungen und Entgrenzungen schafft und bis in das Lokale wirkt. Dies stellt das Konzept einer homogenen Kultur als „„Kultur“ in einer vernetzten Welt“ 7 in Frage und beschäftigt sich mit dem Konzept hybrider bzw. kreolisierter, entgrenzter, heterogener Kultur.
Der Transnationalismus untersucht multilokale Netzwerke, migrantische Praxen sowie die Praxis der Migration. Er wendet sich von ausschließlich rationalen Faktoren, die zur Migration führen ab und der Imagination als Gründe für die Migration zu. Damit erkennt er eine neue Herausforderung für die ethnologische Praxis, weil er Phantasie als soziale Praxis etabliert, da „immer mehr Menschen als je zuvor, in mehr Teilen der Welt als je zuvor heute mehr Variationen möglicher Leben in Betracht ziehen als je zuvor.“ 8 In einer entgrenzten Weltrisikogesellschaft 9 wird Migration zu einer weiteren Kritik am methodologischen Nationalismus und zu einer weiteren Aufdeckung der Nationalstaaten als „immagined communities“ 10 . So wird beispielsweise die Kopplung von Bürgerschaft an Nation, an Wohlfahrtsstaat , an politischer Partizipation fragwürdig. „Die
Wanderungsprozesse destabilisieren die grundlegenden Institutionen, die die Zughörigkeit zum modernen Staat regeln: Staatsbürgerschaft und Ausländerstatus.“ 11 Zwischen diesen beiden Kategorien kommt es nun zu Verwischungen, die sich gerade in der globalen Stadt entflechten. So schlägt Rosi Braidotti eine Staatsbürgerschaft als Partizipation auf Verhandlungsbasis vor und kritisiert die Einheitlichkeit von Staatbürgerschaft, Politik und
7 Hannerz 1995: 64-84
8 Appadurai 1998: 21
9 Beck 2007
10 Anderson 2001
11 Sassen 2005: 823
5
Identität. 12 Manuela Bojadzijev sieht eine Zusammenhang zwischen Rassismus und Bürgerrechten, da sich Rassismus in Europa um die Migrationsprozesse dynamisier(t)en und damit schon immer mit Bürgerrechten verbunden waren. Sie sieht Migration als zentralen Faktor in einem historisch gewachsenen, institutionellen Kompromiß in der Aushandlung um Bürgerrechte. „Die historischen Kämpfe für ein Recht auf Rechte haben die rassistische Unterdrückung nicht beseitigen können, wohl aber zu ihrer Transformation beigetragen.“ 13
Der Transnationalismus sieht diese sozialen und kulturellen Kämpfe, die sich als Reaktion auf die Behandlung der Migration durch den Nationalstaat und dessen Steuerung entfachen. „Ernst nimmt die These von der Autonomie der Migration den Gedanken, dass in den Migrationen, die sich als soziale Bewegungen versteht, Wünsche, Erwartungen und Vorstellungen finden, die in der Lage wären, eine radikale Neubestimmung der Konzepte von Gleichheit und Freiheit zu befördern.“ 14
So wurde durch den transnationalen Blick erst möglich zu sehen, was dem bisherigen nationalstaatlichen Containerblick verwehrt geblieben war. 3. Theoreme
In dieser Einführung habe ich mich nun mit dem Transnationalismus befasst. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es sich bei diesem Konzept nicht um ein homogenes handelt, dass von all den ForscherInnen gleich verhandelt würde. Natürlich gibt es unterschiedliche Schwerpunkte, Widersprüche und Zielsetzungen in den Forschungen und Ansätzen. Beispielsweise kann das Konzept der „Immagination von anderen Leben“ Arjun Appadurai zugerechnet werden. Hier sollte vor allem betont werden, welche Inhalte mit dem Perspektivenwechsel einhergehen. Im Folgenden werde ich diesen
12 Braidotti 2005: 833
13 Bojadzijev 2005: 247
14 Mezzadra 2005: 794
6
Facettenreichtum der verschiedenen Theoreme, sowie deren
unterschiedliche Schwerpunktsetzung vorstellen. Dabei wird zwischen der Betonung auf mobile, vernetzte Gruppen, wie ethnisch, nationale Netzwerke und transnationale Ökonomien, (imaginäre) Mobilität wie Diaspora und transnationale Identitäten und einer Mobilität als Normalfall in der Spätmoderne, wie sociosheres und ethnoscapes unterschieden.
3.1 Mobile, vernetzte, ethnische Gruppen
3.1.1 transnationale Ökonomien, transnationale Unternehmen
Alejandro Portes beschäftigt sich in seinem Text „Globalisation from below: The Rise of Transnational Communities. Transnational Communities Programm.“ 15 mit dem Entstehen von transnationalen Räumen am Beispiel von kleinen transnationalen Unternehmen und widerspricht damit dem Konzept „capital is global, labor is local“ 16 Aufgrund seines marxistischen Blicks geht es Portes vor allem um Kapitalakkumulation und ökonomische Globalisierung. Er denkt
Erwerbstätigkeit als Grundlage transnationalen Handelns und sieht in der Migration weder eine Autonomie, noch eine individuelle Entscheidung, sondern den Zwang zur Migration. 17
„Instead comtemporary immigration is driven by twin forces that have their roots in the
dynamic of capitalist expansion itself. These are, first, the labor needs of First World
economies, in particular the need for fresh supplies of low-wage labor. Second, the
penetration of peripheral countries by the productive investment, consumption
standards, and popular culture of the advanced societies. Contrary to the widespread
perceptions, immigrants come to the wealthier nations less because they want to than
because they are needed. A combination of social and historical forces has led to
acute labor scarcities in these economies.“ 18
15 Portes 1997
16 Portes 1997: 2
17 Portes 1997: 5
18 Portes 1997: 5
7
Diese Zwänge ergeben sich aus der kapitalistischen Logik, die die Macht der transnationalen Unternehmen und globalen Eliten hervorhebt. So führt Portes den Control Act von 1986 an, in dem 2,5 Millionen Migranten Arbeits-und Aufenthaltspapiere erhielten. Dies geschah nicht aus humanitären Gründen, sondern aufgrund der Nachfrage der Unternehmen nach günstigen Arbeitskräften.
Aufgrund der widrigen Umstände in denen sich die MigrantInnen in der neuen Heimat befinden - niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen - verdichten sich die Bindungen an die eigene soziale Gruppe, auch über große Distanzen hinweg und machen so informelle ökonomische Strategien gegen die Hegemonie der Unternehmerschaft möglich. 19 Es gründen sich kleine und mittlere Unternehmen, wie in der Dominikanischen Republik, die von ehemaligen U.S. MigrantInnen eröffnet und von Angehörigen in den U.S.A finanziert werden. Es bestehen enge Geschäftsbeziehungen mit diesem sozialen Netz in den U.S.A und so pendeln sie über Grenzen hinweg, um ihre Produkte zu verkaufen und neue Geschäftspartner zu finden. Das stärkt sowohl die Gemeinde in der Dominikanischen Republik, als auch die in den U.S.A Lebenden. Die MigrantInnen agieren dabei wie die großen Unternehmen und benutzten wie sie die neuen Technologien für ihre Unternehmensführung. 20 Daraus entsteht ein Transnationalismus mit kumulativem Charakter, bei dem es nicht nur um die Anhäufung quantitativer, sondern qualitativer Kriterien geht und der auf sozialem Kapital basiert. 21 Hier erschaffen MigrantInnen soziale Felder über geografische, kulturelle und politische Grenzen hinweg, sind weder hier noch dort, sondern in beiden Gesellschaften beheimatet und bringen transnationale Begriffe wie „dominicans ausentes“ (abwesende Dominikaner) und „dominican Yorkers“ 22 in den alltäglichen Sprachgebrauch.
19 Portes 1997: 7 - 8
20 Portes 1997:10
21 Portes 1997:16
22 Portes 1997:11
8
Doch betont Portes auch, dass nicht alle MigrantInnen in die transnationalen Aktivitäten verwickelt sind. Er reserviert den Begriff des Transnationalismus ausschließlich für Aktivitäten, die ökonomisch, politisch und kulturell in regelmäßigen Verstrickungen der Teilnehmer stattfinden und auf der Erwerbstätigkeit basieren. Es handelt sich nicht um MigrantInnen, die ein Mal im Jahr nach Hause fahren und Geschenke mitbringen. Für Portes haben die kleinen und transnationalen Unternehmen ein subversives Potential, da sie auf lange Sicht an den Fundamenten der Hegemonie ökonomischer Eliten (die Arbeiterklasse ist lokal, die Eliten sind global) rütteln. 23
„Mulitinational elites and national goverments may believe that the process of
transnationlization is still too feeble to pose any significant challenge to the status quo.
In realitiy, the tiger may have already left the cage and there would be little point in
closing it after him.“ 24
3.1.2 Transnationale ethnisch - nationale Netzwerke
Nina Glick Schiller, Linda Basch und Cristina Szanton Blanc kritisieren als eine der Ersten die vorherige Sichtweise auf Migration. Sie betonen, dass transnationale Migration einen Prozess darstellt, in dem weiterhin Beziehungen zu den „Herkunftsländern“ aufrecht erhalten werden und MigrantInnen somit sowohl in die „host-“ wie „home-“ Gesellschaft involviert sind.
„Transmigrants are immigrants whose daily lives depend on multiple and constant
interconnections across international borders and whose public identites are configured in
relationship to more than one national-state.“ 25 Die Betonung des Artikels liegt im Gegensatz zu Alejandro Portes weniger auf dem Zwang zur Erwerbstätigkeit. Sie ziehen hier zwar ebenfalls eine Verbindung zur Globalisierung und der Umstrukturierung des globalen Kapitals, aber sie konzentrieren sich auf deren Bedeutung für Grenzen und
23 Portes 1997:18-19
24 Portes 1997:20
25 Glick, Schiller, Nina, Linda Basch & Cristina Szanton Blanc 1997: 121
9
Arbeit zitieren:
Marina Ginal, 2008, Perspektivenwechsel Transnationalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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