Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 3
1.1. Der zeitliche und geschichtliche Rahmen 4
1.2. Vom griechischen Naturheiligtum zum Tempelbezirk 6
2. Vom Naturheiligtum zum Tempel
2.1. Die Weiterentwicklung der Naturheiligtümer 9
2.2. Das Megaron
2.2.1. Die relative Abfolge 10
2.2.2. Die Abfolge anhand von Beispielen 12
3. Form und Funktion des klassischen griechischen Tempelaufbaus 25
4. Beispiele der kontinuierlichen Entwicklung vom Megaron zum Tempel
4.1. Olympia 30
4.2. Delphi 32
4.3. Eleusis 33
5. Schlussfolgerung 36
6. Literaturverzeichnis 38
7. Abbildungsverzeichnis 41
8. Bildanhang 43
2
1. Einführung
Religion entsteht stets aus zwei Punkten heraus: der Mensch hat das Bedürfnis an eine übernatürliche Macht zu glauben, die sein Leben lenkt und auch den negativen Geschehnissen einen Grund gibt. Zudem bedarf jedes Individuum einer Erklärung für Unerklärliches und sieht diese in eben jener Macht, die die Welt um ihn definiert. Dies trifft auf die modernen Religionen wie auch auf die prähistorischen und antiken zu. Die frühesten griechischen religiösen Ansätze lassen sich dabei, ebenso wie alle anderen prähistorischen, kaum fassen. Sie manifestieren sich uns in der Form von Objekten, die wir selbst nicht erklären können und häufig als kultisch definieren, ebenso wie in gleichartig zu beschreibenden Bauten. 1
Kultische Bauten der Griechen können wir dabei erst ab den Tempeln der protogeometrischen Periode fest definieren, während uns kultische Objekte schon früher begegnen, ebenso Bauten, die Kultcharakter zeigen.
Die Umbruchphase des Neolithikums kehrt auch um 6000 v. Chr. in Griechenland ein, nachdem sie bereits zwei Jahrtausende früher in den Gebieten des Vorderen Orients ihren Anfang genommen hatte. Mit der wachsenden Bedeutung des Ackerbaus als Lebensgrundlage der Menschen beginnen diese, die Feldfrüchte und die Erde, die jene hervorbringt zu verehren und ihr jene Würdigung entgegen zu bringen, die sie in ihrer Bedeutung bestätigt. Man mag die Vermutung aufbringen, dass anfangs die Frucht und das Korn selbst eine Verehrung erfuhren und mit der Zeit zu dieser die Kräfte hinzu traten, die die Jahreszeiten und das regelmäßige Gedeihen sowie die Fruchtbarkeit der Erde möglich machten. Diese frühe Phase einer Religion ist für uns nicht fassbar, scheint sich aber in allen Teilen der Welt gleichartig widerzuspiegeln. Warum, wird sich schnell zeigen. Scheint sich die allgemeine Verehrung für die dem prähistorischen Menschen unerklärbaren Dinge mit der Zeit zu spezifizieren, so entstehen Kulte für alle bedeutenden Teile des Lebens: die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Erde, die Jahreszeiten, das Wasser und das Wetter mit all seinen Erscheinungen. Diesen spezifischen Dingen werden sodann Namen gegeben und sie erhalten die Funktion und die Gestalt eines Gottes, der sich auch bildhaft manifestiert. So finden sich Götter für diese Erscheinungen in allen religiösen Gesellschaften. In der griechischen Welt sind uns ihre Namen wohl bekannt. 2
Wenn Religion und Kult also im prähistorischen Griechenland ebenso entstanden, können wir ihre einzelnen Phasen als solche fassen, wenn uns auch die kultischen Abläufe und Gedanken
1 Zu nennen seien hier nur die sogenannten „Kykladenidole“.
2 Schachermeyer, Älteste Kulturen, S. 230 - 235.
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dahinter fremd bleiben. Da die griechische Religion jedoch keine reine Naturreligion bleibt, die das, was sie verehrt, auch an jenen Orten verehrt, an denen es sich zu zeigen scheint, sondern ihren Göttern Häuser baut, in denen sie sie jederzeit anzutreffen glaubt, können wir anhand der Entwicklung dieser Gebäude auch die Religion dahinter ein Stück weit besser verstehen, vor allem in ihren „dunklen“ Anfängen.
Wir kennen die klassische griechische Religion aus Literatur und Bildnis so gut, dass wir aus ihrem Glauben Rückschlüsse auf ihre Entstehung schließen können, denn wie die Religion an sich waren auch ihre Götter immer Veränderungen unterworfen, hatten in ihren verschiedenen Kulten verschiedene Aufgaben und wurden dem Wandel der Menschen und der Gesellschaft angepasst. Doch eins blieb stetig gleich: der Glauben an diese Götter, „an die Kraft und den Segen, die vom Kultbild ausgingen, an die Macht der Riten, an die Wirklichkeit der kultischen Begehungen, an die Wirkkraft der „erhobenen Hände“, der beschwörenden Rufe [..], an die Wirkung der Gebete, Weihgüsse und Weihgaben.[..] Es gab keinen Zwiespalt zwischen Glauben und Leben. Das Leben war gelebter Glaube und der Glaube gelebtes Leben.“ 3
1.1. Der zeitliche und geschichtliche Rahmen
Der Rahmen, in dem ich mich im Verlauf dieser Arbeit bewegen werde, ist nicht einfach zu bewältigen. Er besteht aus zahlreichen komplexen Chronologien, die durch bedeutende Geschehnisse und Entwicklungen immer wieder Veränderungen erfahren. Trotzdem werde ich probieren, ihn zu umreißen.
Der Beginn ist das Neolithikum, das im griechischen Raum am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. endet, ungefähr ein Jahrtausend vor Mitteleuropa. Die Bronzezeit dieses Raumes gliedert sich in verschiedene Kulturräume. Diese sind vor allem das griechische Festland, Hellas genannt, die Kykladen und Kreta. Auch die Chronologie Trojas wird mit angeführt. Die frühen Phasen dauern von ca. 3000 bis 2000 v. Chr., die mittleren bis 1500 und die späten bis 1000 v. Chr. Insoweit ist die Einteilung bei allen für diese Arbeit bedeutenden Kulturkreisen gleich. Die feinere Einteilung I, II usw., sowie die noch kleineren Epochen a, b usw. gestaltet sich jedoch unterschiedlich. Dazu möchte ich auf Abbildung 1 und 2 verweisen. Die späte Phase nimmt bei allen Kulturkreisen die mykenische Zeit ein. Sie begann um ca. 1500 v. Chr. und im Laufe der drauffolgenden Zeit eroberten die Mykener die gesamte Ägäis, sowie Kreta. Die eigenständigen Entwicklungen fanden damit weitestgehend ein Ende. 4
3 Walter, Heraion, S. 11 - 12.
4 Gruben, Heiligtümer, S. 16 - 17.
4
Etwas voneinander abweichende Entwicklungen der Keramik, Kunst und Architektur gibt es natürlich weiterhin, doch bleiben die groben Ähnlichkeiten soweit erfassbar, dass sie alle in einen großen Kontext eingefügt werden können.
Das soll jedoch nicht bedeuten, dass all diese Kulturkreise vor dem mittleren zweiten Jahrtausend keinen Kontakt gehabt hätten. Mit der Entwicklung der Seefahrt im 3. Jahrtausend wird die ägäische Inselwelt durch Handel erschlossen. Dabei führen die vorderasiatischen Kulturen, die anatolischen und auch die griechischen einen regen Austausch miteinander, der nicht nur Waren, sondern auch Ideen einband. 5 Verschiedene dieser gegenseitigen Einflüsse, aber auch der eigenständigen Entwicklungen werden im Verlauf dieser Arbeit aufgegriffen werden.
Die mykenische Kultur ging im 12. Jahrhundert unter und von ihrem „Staatssystem“ blieb nicht viel. Die Burgen wurden verlassen und auch die Gesellschaft veränderte sich. Man erklärt dies im Allgemeinen mit der Einwanderung der Dorer nach Griechenland. Diese Volksgruppe stammte wahrscheinlich aus dem Balkanraum und übernahm in Griechenland, was von den Mykenern und ihrer Tradition übrig geblieben war. So erhielten zahlreiche Heiligtümer neue Götter und die ansässige Bevölkerung wanderte an die anatolische Küste aus, um dem Zugriff der Dorer zu entkommen. 6 Die Kolonisation fand mit Schiffen statt, es wurden kleine Städte in fruchtbaren Gebieten gegründet, in unmittelbarer Nähe zum Meer. Von hier aus konnten Häfen angelegt und Handel getrieben werden. Die Siedlungen sind zumeist von Beginn an stark geschützt, sie bildeten ummauerte Ortschaften auf Höhen. Der Kontakt mit den autochthonen Bevölkerungsteilen scheint nicht immer friedlich gewesen zu sein und auch ein Übergriff vom griechischen Festland ist möglich. Anfangs hatten die Siedlungen nur „einige hundert oder wenige tausend Menschen“. Es ist möglich, dass auch in Kleinasien die Höhensiedlungen für die neuen Könige vorbehalten gewesen sein sollten, ähnlich den mykenischen Palästen. Schließlich sind die ausgewanderten Menschen die direkten Erben der Mykener gewesen. Die „alte Ordnung“ scheint an den neuen Siedlungsplätzen jedoch nicht funktioniert zu haben, denn auch die einfache Bevölkerung lebte hier mit in den befestigten Siedlungen. Wahrscheinlich war auch dies eine Schutzmaßnahme. Es lassen sich jedoch „Herrscherviertel“ auf den Burgspitzen ausmachen. Ansässig in der neubevölkerten Gegend waren vor allem Karer und Lyder. Das hethitische Großreich war bereits um 1200 zerfallen. Von den kleinasiatischen Völkern erhielten die Griechen jedoch auch zahlreiche neue Elemente. „Durch Bündnisse und kulturelle wiewohl
5 Hueber, Ephesos, S. 25.
6 Hueber, Ephesos, S. 28; Gruben, Heiligtümer, S. 25.
5
auch ethnische Verschmelzung entstand jenes Ionien, das lange vor dem griechischen Festland zur höchsten Blüte gelangte.“
Ebenso wie auf dem griechischen Festland wurde auch in den ionischen Gebieten die Demokratie zur Staatsform im 7. Jahrhundert. Zuvor hatte es Könige und auch Oligarchien gegeben. Die ionischen Städte blühten. Allen voran sind hier Milet, Smyrna und Ephesos zu nennen. Sie waren „bis in klassische Zeit die blühendsten Städte Ioniens. 7 Bis zum 5. Jahrhundert gingen viele griechische Entwicklungen von Ionien aus und wurden nach und nach vom Festland übernommen. Mit den Perserkriegen erlebte ganz Griechenland am Beginn des 5. Jahrhunderts einen Tiefpunkt. Ab ihrem Ende lässt sich eine weitestgehend gleichmäßige Entwicklung feststellen.
Der in dieser Arbeit erörterte Tempelbau war kanonisch geworden und mit dem Wiederaufbau vieler Städte und Heiligtümer nach 480 v. Chr. gestalteten sich die Tempel nach einer gleichartigen Ordnung. Die Zeit der Weiterentwicklung ist damit zu Ende und soll auch in diesem Rahmen kaum noch genannt werden.
Die Epoche zwischen dem Untergang der Mykener und dem Ende der Perserkriege wird als „Geometrische Zeit“ bezeichnet, anhand der in dieser Zeit vorkommenden geometrisch dekorierten griechischen Feinkeramik. Sie soll neben der Bronzezeit vorrangig behandelt werden. 8
1.2. Vom griechischen Naturheiligtum zum Tempelbezirk
Wie alle Religionen hatte auch die griechische vom Zeitpunkt ihrer Entstehung an stets Orte in der Natur, an denen sich ihre Mythen und Vorstellungen manifestierten. 9 Dies kann verschiedene Gründe haben: zum einen indem sich der Ort eines mythischen Motives in der Natur wiederzuspiegeln scheint, zum zweiten weil ein Platz heilig erscheint oder sich in ihm eine Hierophanie offenbart oder zum dritten weil der Ort eine lebensnotwendige Sache verkörpert, die sich die Menschen nicht erklären konnten. 10
Der erste Punkt scheint leicht verständlich, soll aber an einem bekannten modernen Beispiel kurz erklärt werden: Schliemann suchte nach Troja anhand der von Homer beschriebenen Landschaftsmerkmale. Homer und seine Epen sind also der Mythos. Dass Schliemann Troja tatsächlich fand interessiert in diesem Fall nicht. Wenn bereits die prähistorischen Griechen Legenden hatten, die sie von Generation zu Generation weiter trugen, wenn auch mündlich,
7 Hueber, Ephesos, S. 29.
8 Hueber, Ephesos, S. 28.
9 Schachermeyer, Älteste Kulturen. S. 230 - 235; Schmitt, Handbuch, S. 1.
10 Devereux, Naturtempel, S.
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so ist es gut möglich, dass sie die darin vorkommenden Orte in ihrer Umgebung wider gespiegelt sahen und damit den Ort zur Legende machten. So kommt es, dass es einige legendäre Orte mehrmals in Griechenland gab, so wie man heute auch um historische Schauplätze ringt. Zu nennen sei nur die Schlacht im Teutoburger Wald oder die Heimat von Siegfried und Krimhild aus den Niebelungensagen. Der Unterschied besteht darin, dass die Griechen ihre Mythen für Geschichte hielten und in ihren Heroen Vorbilder sahen, Erschaffer, oder Halbgötter.
Die Hierophanie lässt sich nur schwerlich nachvollziehen. Sind doch die modernen Menschen kaum offen für das Geflüster des Windes in den Blättern eines Baumes oder die versteckten Worte im Rauschen eines Baches. Auch das Spiel des Lichtes in Höhlen scheint heute kaum noch etwas Heiliges, wenn doch beeindruckendes, an sich zu haben. Diese Naturheiligtümer sind schwer auszumachen, ohne ihren genauen Standort zu kennen. Möglich ist es allein durch das Folgen der sichtbaren Spuren - moderne Ortsnamen oder Hinweise in antiken Quellen - oder durch zufälliges Entdecken. 11 „Es handelt „sich nicht um die Anbetung eines Steines als solchen oder um einen Kult des Baumes als solchen. Der heilige Stein, der heilige Baum werden nicht als Stein oder als Baum verehrt, sie werden verehrt, weil sie Hierophanien sind, weil sie etwas zeigen, was nicht mehr Stein oder Baum ist, sondern das Heilige, das ganz andere.““ 12
Auch der dritte Punkt scheint keine Erleichterung zu verschaffen. Sind Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Boden, das Wetter und die Jahreszeiten auch Grundlage des Lebens der prähistorischen Griechen, lassen sich Orte, die dies verkörpern doch nur schwer finden. Man mag an ein üppig grünes Feld denken, an einen alten Baum oder an einen Gebirgsbach. Eine Erleichterung biete hier die Tatsache, dass heilige Plätze stets heilig bleiben. So finden sich vielerorts griechische Tempel oder christliche Kirchen an alten heiligen Plätzen und verstecken unter ihren Mauern noch ältere Heiligtümer.
In späteren Zeiten wird es einfacher. Ab dem 12. Jahrhundert „wurden die Götter in ihren eigenen Herrschaftsbereichen, in freier Natur verehrt, wo immer das Wesen eines Gottes sich in der Landschaft offenbarte: Zeus auf Berggipfeln, Poseidon auf umbrandetem Vorgebirge, Demeter bei einer Quelle in fruchtbarer Ebene, Athena mitten in der Stadt. Bäume, Quellen; Höhlen oder Felsen bilden oft die ursprünglichen Kultmale. Oder die Verehrung heftet sich an die numinosen Ruinen, an Gräber und Burgen der mykenischen Vorzeit, in der die mythisch
11 Bammer - Muss, Artemision, S. 16, 20, 27.
12 Walter, Heraion, S. 21, nach Mircea Eliade.
7
verklärten Könige und Helden jener Zeit als schützende Stammväter und als zwischen Göttern und Menschen fortwirkende Heroen mit Wettkämpfen und Spielen gefeiert werden“. 13 Um die Grundlage der griechischen Religion und des griechischen der die Verehrung heftet sich Tempelbaus darzulegen, soll hier auf ein beispielhaftes Naturheiligtümer eingegangen werden. Eine besonders bedeutende, weil gut erforschte Möglichkeit, bietet sich dafür in der sogenannten Zeusgrotte auf Kreta. Diese ist uns auch aus den antiken Quellen bekannt. In ihr soll Zeus, der Göttervater, versteckt vor seinem Vater aufgezogen worden sein. Ist auch letztlich nicht ganz festzulegen, dass die hier vorgestellte Grotte jener aus den Mythen entspricht, weisen ihre Funde, sowie Form und Lage zumindest auf eine lang zurückreichende Funktion als Opferplatz hin und die Griechen mögen in ihr eben jene Höhle des Mythos gesehen haben, der historisch an sich schon als nicht fassbar gelten kann. Die Höhle liegt auf 900m Höhe am Berg Ida im Zentrum Kretas an der obersten Lebensgrenze. Siedlungsspuren finden sich hier ab minoischer Zeit. Die Grotte besteht aus zwei Kammern. (Abb. 4a, 4b) Die obere hat eine unregelmäßig-rundliche Form und ist von Süden her begehbar. Sie ist in eine nördliche und eine südliche Hälfte geteilt, beide sind durch eine Umfriedung voneinander getrennt. Im Norden fand man einen Altar in Form eines künstlich geformten rechteckigen Steines. (Abb. 5) Auch der Fußboden wurde von Menschenhand begradigt. Auf ihm, den Altar umgebend, fand sich eine Ascheschicht. Diese lässt sich in mehrere Schichten unterteilen. Die älteste besteht aus verbrannten Keramikscherben und kalzinierten Knochen. Sie gehört in die frühminoische Zeit. Die zweite Schicht zeigt sich als mittelminoische Begräbnisstätte. Es folgt eine weitere Scherbenschicht und ab spätminoischer Zeit kann das Kultgeschehen als gesichert gelten. Hier finden sich neben Keramik und Asche vor allem Bronzeobjekte, die bis zur geometrischen Zeit reichen. Zwischen dieser und der darauf folgenden Schicht gibt es eine Unterbrechung des Kultes bis in die frühe römische Kaiserzeit. Ab dieser setzen sich die Funde bis in die byzantinische Zeit fort. (Abb. 6a - c)
Zur unteren Kammer hin fällt das Fußbodenniveau stark ab. Der Zugang war von Menschenhand mit einem Fels verschlossen gewesen, wann dies geschah lässt sich jedoch kaum sagen. Hinter dem Durchgang schließt sich ein 60m tiefer Abgrund an, dessen Höhle von Stalagmiten und Stalagtiten geprägt ist und einen See über ihrem Grund birgt. Die dahinter liegende ist nur über einen Seitenweg zu erreichen und hat einen Grundriss von ca. 10 x 5,5m. In ihr, sowie in den zahlreichen Felsspalten der unteren Ebene fanden sich zahlreiche Funde verschiedenster Epochen. Trotz der schweren Begehbarkeit scheint in der
13 Gruben, Heiligtümer, S. 29.
8
Höhle ein stetes und intensives Kultverhalten geherrscht zu haben. Zu den Funden gehören Bronzeobjekte, Fibeln, Doppeläxte und Waffen, Figurinen und Schmuck. (Abb. 7a, 7b, 8, 9) Es lässt sich kein Hinweis auf ein Kultgeschehen, im Sinne eines Rituals, hier finden. Es gibt weder einen Altar noch Ascheschichten oder ähnliches.
Auf einen Kultplatz lässt hier neben der Vielzahl der anderen Funde vor allem ein Tympanon schließen. (Abb. 10) Das Stück hat einen Durchmesser von 1,55 Meter. Allein seine Größe ist schon beachtlich. Geschmückt ist es mit einer männlichen Figur in der Mitte, die mit dem linken Fuß auf einem Stier steht. Die Person wird auf beiden Seiten von geflügelten Wesen flankiert. Alle drei halten selbst Tympana in ihren Händen. Die zentrale Person wird aufgrund des Fundkontextes als Zeus gedeutet. Das Interessante an diesem Stück sind jedoch vor allem die beiden geflügelten Wesen. Sie lassen sich stilistisch in die Kunst des Vorderen Orients, vor allem Assyriens, einreihen. Das Selbe trifft auf die Darstellung des Zeus zu. Seine Haltung findet sich in den assyrischen Reliefs wieder, der Fuß auf dem Nacken eines Stieres würde ihn dort als einen Gott charakterisieren. (Abb. 11a, 11b) Da das assyrische Reich im 8. Jahrhundert v. Chr. unterging, lässt sich das Tympanon sicher früher datieren. Ein Austausch zwischen der Kunst des Vorderen Orients und Kreta kann hier bestätigt werden, seine genaue Ausführung ist jedoch nicht passend für den Rahmen dieser Arbeit. Während die obere Kammer also der Ort des Kultes war, scheint die untere der Niederlegung und Ehrerbietung an Zeus gedient zu haben. 14
Während man unter Naturheiligtümern all jene rituellen Verehrungsplätze versteht, welche sich unter freiem Himmel oder in freier Natur befinden und nur wenig bis gar nicht von Menschenhand verändert wurden, ist ein Tempel stets ein Bau, der in Griechenland auch einen Komplex umfasst. Die Veränderung an frühen Verehrungsplätzen umfasst dabei meist die Begradigung und zum Teil Befestigung des Bodens sowie die Schaffung eines Altars aus großen Steinen, die bereits in Urform als solcher gedient haben können und dann an die Bedingungen des Menschen angepasst wurden. So werden sie beispielsweise in eine regelmäßigere Form gebracht, die Oberfläche wird geebnet und die Form eines Tisches kann entstehen. 15
14 Rutkowski - Nowicki, Psychro, S. 7 - 19; Schefold, religiöse Gehalt, S. 89.
15 Gruben, Heiligtümer, S. 29.
9
Der Altar bleibt stets der Ort in einem Heiligtum, an dem der Kult stattfindet. Der Tempel selbst ist das Haus des Gottes, in dem sein Bild aufgestellt ist. Er ist mit seiner Front auf den Altar im Vorhof ausgerichtet, so dass der Gott durch die geöffneten Türen den Kultvorgang beobachten kann. 16 (Abb. 12)
Der nächste Schritt auf dem Weg zu einem Tempelkomplex ist dann die Umgebung des Gebietes um den Altar mit einer Mauer, um aus ihm einen Temenos zu machen, den heiligen Bezirk und das Eigentum eines Gottes. Dies geschah im 10. Jahrhundert v. Chr. 17 „Temenos heißt das aus dem Umland „Herausgeschnittene“, ein der Gottheit zugeteilter Besitz. Die Umfriedung setzt dem Menschenrecht Grenzen, es gelten eigene Gesetze. [..] Der heilige Bezirk ist unverletzlich. Wer sich in ihn begibt, steht unter dem Schutz der Gottheit und ist dem Zugriff von außen entzogen. [..] Das Temenos ist ein sakraler Ort, in dem kultische Handlungen vollzogen, Opfer dargebracht, mythische Geschehen wiederholt werden.“ 18 Darauf folgt im 8. Jahrhundert ein Gotteshaus, indem der Gott wohnt und sein Kultbild steht, aber nicht der Kult stattfindet. 19 Dieses wird mit Bedeutung des Gottes und dem zunehmenden Reichtum der Menschen größer und umfangreicher, bis schließlich ab der archaischen Zeit der Tempel seine letztendliche Form erreicht hat und sich nur noch das Baumaterial von Holz in Stein, sowie Verzierung und Ausstattung ändert. „ Nach vorherrschender Ansicht war es denn auch der Kultplatz im Freien, der zur Aufspaltung in Tempel und Altar, zum Tempel in seiner eingeschränkten Funktion als Behausung des Kultbildes geführt hat.“ 20 Den Abschluss des Komplexes bilden weitere Bauten, die für den Kultbetrieb weniger bedeutend sind. Dazu gehören Schatzhäuser, Unterkünfte für die Priester und auch einfache Verwaltungs-, Speicher- und Versorgungsbauten. Der Weg vom einfachen Xoana zur Unterbringung des Kultbildes bis zum klassischen griechischen Tempelaufbau vollzog sich jedoch über zahlreiche Stationen und war vielen Einflüssen ausgesetzt.
Die grundlegende Form des griechischen Tempels bildet das Megaron, ein lang-rechteckiger Bau mit Eingang und Vorhalle an einer der Schmalseiten. Sein ursprüngliches Aufkommen ist noch nicht sicher festzustellen, doch finden sich die frühesten Formen im Vorderen Orient,
16 Østby, Tempelarchitektur, S. 17.
17 Gruben, Heiligtümer, S. 29.
18 Walter, Heraion, S. 15 - 16.
19 Gruben, Heiligtümer, S. 29.
20 Drerup, Baukunst, S. 124.
10
sowie im Raum zwischen Balkan und Schwarzem Meer im Neolithikum. 21 Sein Weg auf das griechische Festland verläuft auf zwei verschiedenen Wegen: zum einen sind frühe Megara als Wohnbauten in Nordgriechenland in der ausgehenden Jungsteinzeit und in der frühen Bronzezeit bekannt, so in Dimini (Abb. 14a - c) und Sesklo (Abb. 15a, 15b) 22 , und scheinen dann wieder zu verschwinden, zum anderen erschient dieselbe Hausform, neben einfachem Wohnhaus auch als Herrscherpalast oder Teil des Palastkomplexes, ab der Frühen Bronzezeit in Kleinasien und scheint von hier aus ihren erneuten Weg nach Griechenland zu nehmen. „Das Auftreten von Stadtstaaten während der Bronzezeit in Anatolien hat sich auch in der Errichtung von Monumentalbauten niedergeschlagen, die die Macht der herrschenden Klasse widerspiegeln sollten.“ 23
Das Megaron nimmt in der Forschung zur Prähistorie Griechenlands, der ägäischen Inselwelt, sowie zu Anatolien einen breiten Raum ein. Sein Weg nach Griechenland aus Kleinasien in der frühen Bronzezeit scheint gesichert, während seine Form sich anscheinend ständigen Veränderungen ausgesetzt sieht. Die ursprünglichen Megara des kleinasiatischen Raumes sind stets rechteckig. Mit ihrem Übertritt in griechische Gebiete erhalten sie jedoch zum Teil eine apsidiale Form. Diese lässt sich mit der Kombination des Megaron mit dem Ovalhaus, dem Wohnhaus der griechischen Bauern und Handwerker erklären. 24 Im weiteren Verlauf der Bronzezeit ist das Megaron als Wohnhaus konstant in allen Bereichen der Ägäischen Welt anzutreffen, behält in Anatolien jedoch einen rechteckigen Grundriss, während in Griechenland auch die apsidiale Form eine Möglichkeiten bleibt. Interessant mag in diesem Zusammenhang erscheinen, dass zur Zeit der minoischen Thalssokratie auf Kreta das Megaron nicht vorkommt. Es scheint nicht bis dorthin gelangt zu sein, trotz der zahlreichen Handelskontakte der Insel in alle Himmelsrichtungen. Dass die Kreter das Megaron kannten, ist nicht auszuschließen, doch wahrscheinlich entsprach es nicht ihren Ansprüchen oder Vorstellungen an eine Unterkunft.
Über die Mittlere Bronzezeit hinaus bleibt das Megaron Wohnhaus. Die herausragende Stellung innerhalb einer Siedlung, die es in der Frühen und beginnenden Mittleren Bronzezeit vor allem in Anatolien schon einmal erfahren hatte, nimmt es erst wieder innerhalb der Herrschaft der Mykener über Griechenland und weite Teile der Ägäis ein. In den
21 Voigtländer, Teichiussa, S. 69 ff., Velkov, Thrakien, S. 97 Østby, Tempelarchitektur, S. 20; . Auf
vorderorientalische Beispiele möchte ich nur im Bildanhang unter Abb. 13 verweisen. Hier sei auch auf
Schachermeyer, vormykenische Perioden verwiesen, der die Gemeinsamkeiten der neolithischen Keramik
zwischen Balkanraum, Griechenland und Ägäis, sowie Anatolien aufweist und damit Aufschluss über Kontakte
der verschiedenen Gebiete zueinander gibt, die der Herkunft des Megaron dienlich sein könnten.
22 Gruben, Heiligtümer, S. 13
23 Karul, Kanligecit, S. 668.
24 Drerup, Baukunst, S. 78.
11
mykenischen Burgen von Mykene, Tyrins, Pylos und Eno Anglianos stellt es sich eindeutig als der Mittelpunkt der Palastanlagen dar, auf den „alle Wege hinführen“. Hier begegnet es wieder in seiner ursprünglichen rechteckigen Form. Die apsidiale scheint für ein paar Jahrhunderte, zwischen dem 15. und 12. Jahrhundert v. Chr., zu verschwinden. Dies mag an der Vorbildstellung der Burgen liegen, die wohl über das ganze Land reichte. Mit dem Untergang der mykenischen Kultur verliert das Megaron seine Stellung als Herrscherpalast in Griechenland nun endgültig und auch die apsidiale Hausform tritt wieder in den Vordergrund. In Kleinasien werden sowohl Stellung als auch Form beibehalten. Dies ist der Zeitpunkt, an dem in Griechenland die Umwandlung in einen eindeutig sakralen Bau stattfindet. Während bis hierher der Herrscher stets auch die Funktion des Priesters innehatte und ein sakraler Bau auch profan sein konnte, gibt es nach den mykenischen Herrschern keine alleinigen Obersten mehr, die Funktion des Kultleiters kann auf einen anderen Menschen übergehen und die Nähe zwischen Palast und Herrscherhaus löst sich auf. Bis in die späte Bronzezeit haben kultische Versammlungen und Kultmahl anscheinend im Haus des Herrschers stattgefunden. Brandopfer fanden, wie in allen Zeiten und auch aus logischen Gründen heraus, stets an einem Altar im Freien statt. Dieser war zur Zeit der mykenischen Herrscher, deren Priesterfunktion wir am besten fassen können, stets in unmittelbarer Umgebung des Megaron gewesen. Es umschließt also an diesem Punkt der Geschichte alle bedeutenden Funktionen einer Gesellschaft in sich.
2.2.2. Die Abfolge anhand von Beispielen
Beginnen will ich dieses Kapitel mit der Siedlung Demircihüyük. (Abb. 16) Sie liegt im Norden Kleinasiens. Sie war bereits um 3000 v. Chr. besiedelt. In der FB I wurde sie bereits mit einer Mauer umgeben, die ungleichmäßig runde Siedlung mit einem Durchmesser von ca. 70 Metern umschloss. Die Siedlung selbst war um einen zentralen Platz herum angelegt. Die Gebäude bildeten Gruppen von 5 bis 8 Bauten, die eng aneinander grenzten und sich zum Teil auch Seitenmauern teilten. Sie alle waren längs-rechteckig mit einem Eingang an der Schmalseite. Dieser war bei allen Gebäuden auf den Platz im Zentrum ausgerichtet. Ihre Ausmaße reichen von 3,5 bis 7 Meter in der Breite und von 11 bis 19,6 Meter in der Länge. Die Bauten waren in zwei bis drei hintereinander liegende Räume aufgeteilt. In jedem Haus befand sich mindestens ein kreisrunder, steinern eingefasster Herd und auch die Keramik ist Haushaltswaren zuzuordnen.
12
Arbeit zitieren:
2008, Haus der Menschen – Haus der Götter, München, GRIN Verlag GmbH
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