durch die Verbreitung der Individualisierung eine „Kuschelschule“ befürchtet wird. Mehr Freiheit für den Einzelnen führt nämlich gleichzeitig zu mehr Undurchsichtigkeit und Unsicherheit. Standardisierung ist also u.a. sogar eine Folge der Individualisierung. Unter Standardisierung verstehe ich hier Unterrichtsnormen und standardisierte Lehrpläne, die gleiches Wissen sicherstellen sollen. Eine Überprüfung des sogenannten Outputs der Lernleistungen wird durch diese erst ermöglicht. Dieser Standardisierungsgedanke kommt aus der Wirtschaft: Unsere Schulen werden von Steuergeldern finanziert. Somit soll sich die Investition in Schule lohnen und als unverzichtbar gelten (Qualitätssicherung). Bildung spielt sich ferner immer mehr in der Öffentlichkeit ab; Tests führen zu immer mehr Tests. Ebenso wie Individualisierung führt Standardisierung also zu Unsicherheiten. Insbesondere Fächer wie Kunst und Musik werden durch den Standardisierungstrend bedroht, da eine Evaluation innerhalb dieser Fächer schwierig ist. Bei Tests werden nur objektive Lösungen erwartet und Individualität wird verdrängt. Zudem wird diesen Fächern ihre Bedeutsamkeit abgesprochen. Es soll sich auf gute Leistungen in z.B. Mathematik und Sozialwissenschaften konzentriert werden. Die SchülerInnen sollen sich auf dem wirtschaftlichen Arbeitsmarkt vergleichen lassen Dies widerspricht vollkommen dem Individualisierungstrend und sogar der „Individualisten“-Nachfrage in der Wirtschaft. Denn Kreativität und Innovation sind gefragt - aber eben nicht messbar. Der Standardisierungsgedanke löst nicht nur auf dem beruflichen Bewerbungsmarkt, sondern auch in den Schulen wirtschaftliches Konkurrenzdenken aus. Bei den Tests wollen letztere natürlich jeweils besonders gut abschneiden (Schülerwerbung). Folglich löst Standardisierung einen Leistungsdruck auf LehrerInnen und SchülerInnen aus. Dieser erweist sich als lerndestruktiv. Einerseits entstehen psychische Belastungen und andererseits fällt das Lernen schnell testorientiert aus. Es wird nur für den Test gelernt und nicht - wie es sein sollte - für das Leben. Es wird nicht mehr hinterfragt und der Lernstoff wird von (schulalltags-)fremden Menschen entschieden. Es wird zudem nur gelernt, was direkt verwertbar ist. Das sehe ich persönlich als sehr negativ an. Bloßes Output-Abrufen macht ebenfalls bekanntermaßen wenig Sinn, da reine Rekapitulation kein Verstehen und Weiterdenken benötigt. Beim Lernen braucht man nur noch nachzuvollziehen, was sich jemand anderes vorher ausgedacht hat. (Das ist beim Aneignen von Strategien allgemein sinnvoll, aber nicht wenn z.B. nur eine bestimmte Strategie auf Arbeitsblättern eingeübt wird, denn dann werden bestimmte Problemlösungsstrategien beigebracht, welche die selbstständige Auseinandersetzung mit einem Problem nicht aufkommen lassen.)
Wie soll also Bildung aussehen? Standardisierung und Individualisierung beeinflussen und beieinträchtigen sich wie ich nun erklärt habe gegenseitig. Individualisierung bzw. das Bewusstsein über die Individualisierung (Lerntheorien etc.) steht der Standardisierung (glücklicherweise?) im Weg, aber individualisierter freier Unterricht kann die Qualitätssicherung bedrohen. Kaspar Spinner sieht im Verhältnis von Standardformulierung und meiner bereits angesprochenen pädagogisch-neurobiologischer Umsetzung das eigentliche Problem: es findet eine wechselseitige Reduktion statt. So kann es wie bereits erläutert möglich sein, dass aufgrund von Standardisierung deutlich weniger und schlechter gelernt wird.
Meiner Meinung nach sollte man alle Testergebnisse nicht überbewerten (man bedenke auch verzerrende Faktoren wie Testmotivationen etc.). Studien wie PISA dienen nicht der Leistungsdiagnose des einzelnen Schülers. Lernleistung ist stets individuell biographisch gedingt und lässt sich somit eigentlich gar nicht beurteilen, das heißt wie etwas gelernt wurde und ob das Wissen tatsächlich verwertbar ist bleibt ungeklärt. Ich finde, man sollte sich also mehr vom aufdrängenden Standardisierungsgedanken trennen und sich stattdessen auf die Möglichkeiten und die Grenzen der Individualisierung konzentrieren. Auch Standards der Schulorganisation wie Ortsgebundenheit, Unterrichtseinheiten,
Notenskalen etc. könnten individuell abgelöst und verändert werden. Forschendes Lernen im Internet lässt sich z.B. meist nicht im 45 Minuten-Takt bewerkstelligen. Andererseits lebt Schule bildungsgeschichtlich von diesen Standards, die nur schwer von der Institution Schule getrennt werden können. Schulen können nur im Rahmen einer bestimmten Form, die universell ist, individuell sein und wird an Grundverständnissen von Schule gerüttelt, kommt es schnell zu erwähnten Befürchtungen, Undurchsichtigkeiten und Unsicherheiten. Mindeststandards, die persönlich-individuelle Möglichkeiten zulassen, bringen einen von der Gesellschaft als auch von der Wirtschaft geforderten innovativ denkenden und mündigen Bürger hervor.
Ich stelle mir eine Schule der Zukunft vor, in der Rücksicht auf die individuellen Fähigkeiten der SchülerInnen genommen wird, die spontanes Lernen und kreative Arbeit ermöglicht und die den persönlich angesprochenen und teilnehmenden SchülerInnen Fertigkeiten vermittelt, die sie im Erwachsenenleben benötigen. Dazu gehören Einschränkungen institutioneller Selbstverständlichkeit (z.B. Lernen in vorgesehenen Räumen, Führung/Begleitung der Lehrer durch den Lernstoff) und Freiheiten insofern, dass auf Interessen und Wünsche (lenkend) eingegangen werden kann.
Literatur
Crain, William (2005). Lernen für die Welt von morgen. 1. Aufl. Freiamt im Schwarzwald: Arbor Verlag http://www.uni-potsdam.de/u/sozpol/Oelkers.pdf; Stand: 30.06.2008
Spinner, Kaspar H (2005). Der standardisierte Schüler. In: Didaktik Deutsch 18, 11. Jg., S. 4-13 Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschaftler. 3. Aufl., Heidelberg: Springer. http://www.freitag.de/2004/02/0402601.php; Stand: 30.06.2008
Klieme, Eckhard (2003). Bildungsstandards - Ihr Beitrag zur Qualitätssicherung im Schulsystem. In: Die Deutsch Schule, Nr.95, S.10-16
Arbeit zitieren:
Susanne Pillmann, 2008, Der heutige Bildungstrend - Standardisierung vs. Individualisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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