Universität des Saarlandes
Fachrichtung 4.1 - Germanistik
Sommersemester 2007
Hauptseminar: Die Literatur der Reformationszeit
Die Judenfeindschaft im
literarischen Werk Hans Folzens
Zwischen Antijudaismus
und Antisemitismus
Verfasser:
Timo Flätgen
Studiengang:
Germanistik und Geschichte (LAG)
10. Semester
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
1
2.
Die Darstellung der Judenfeindschaft in Der falsche Messias
2
3.
Die Darstellung der Judenfeindschaft in Die Wahrsagebeeren
8
3.1 Fassung 1 der Wahrsagebeeren
8
3.2 Fassung 2 der Wahrsagebeeren
11
4.
Ursachen und Hintergründe der Judenfeindschaft im Werk Hans Folzens
12
4.1 Folzens literarisches Schaffen unter Berücksichtigung seines Werdegangs
14
4.2 Die Entwicklung des negativen Judenbildes im Mittelalter
15
4.3 Folzens Etablierung im spätmittelalterlichen Nürnberg
16
4.4 Die Juden in Nürnberg zur Zeit Hans Folzens
17
5.
Schluss
19
6.
Quellen- und Literaturverzeichnis
21
6.1 Primärquellen
21
6.2 Sekundärliteratur
21
1
1.Einleitung
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung der Judenfeindschaft im literarischen Werk des spätmittelalterlichen Autors Hans Folz.
Dabei werden zunächst exemplarisch zwei Reimpaarsprüche, Der falsche Messias und
Die Wahrsagebeeren, hinsichtlich der darin zum Ausdruck kommenden
Judenfeindschaft analysiert. Sie sind dafür prädestiniert, da an ihnen im Gegensatz zu den generell von einer eher derberen
Sprache geprägten Fastnachtsspiele graduelle Unterschiede in der Qualität des Antijudaismus aufgezeigt werden können. Anschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse in Bezug zu biografischen, historischen und sozialen Faktoren gesetzt, wobei auch
das im 13. und 14. Jahrhundert geschaffene Judenbild berücksichtigt werden soll.
Dadurch soll abschließend eine Bewertung der Leistung des Autors in seiner Zeit und seinem Umfeld möglich sein sowie überprüft werden, inwiefern Hans Folz als Vorläufer
der judenfeindlichen Autoren der Reformationszeit, wie beispielsweise auch
Martin Luther mit seiner Schrift Von den Jueden vnd jren Luegen, bezeichnet werden kann.
Als Sekundärliteratur zur Judenproblematik im Werk Hans Folzens dienten v.a. die
Arbeiten von Edith Wenzel1 und Matthias Schönleber.2 Hilfreiche Forschungsergebnisse zu
Biografie und Werksgeschichte lieferten Hanns Fischer3 und Johannes Janota,4 und
wichtige Hintergrundinformationen zur spätmittelalterlichen Situation der Juden
und deren Bild in der Gesellschaft finden sich bei Winfried Frey,5 Klaus Geissler6 sowie Arnd
Müller.7
1
Edith Wenzel, Zur Judenproblematik bei Hans Folz, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 101 (1982), S. 79-104 sowie Edith Wenzel, ,,Do worden die Judden alle geschant". Rolle und Funktion der Juden in spätmittelalterlichen Spielen, München 1992 (= Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur).
2
Matthias Schönleber, ,,der juden schant wart offenbar". Antijüdische Motive in Schwänken und Fastnachtsspielen von Hans Folz, in: Ursula Schulze (Hrsg.), Juden in der deutschen Literatur des Mittelalters. Religiöse Konzepte Feindbilder Rechtfertigungen, Tübingen 2002, S. 163-182.
3
Hanns Fischer, Hans Folz. Altes und Neues zur Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 95 (1966), S. 212-236.
4
Johannes Janota, Hans Folz in Nürnberg. Ein Autor etabliert sich in einer
stadtbürgerlichen Gesellschaft, in: Heinz Rupp (Hrsg.), Philologie und Geschichtswissenschaft. Demonstrationen literarischer Texte des Mittelalters, S. 74-91.
5
Winfried Frey, Das Bild des Judentums in der deutschen Literatur des Mittelalters, in: Karl E. Grözinger (Hrsg.), Judentum im deutschen Sprachraum, Frankfurt/Main 1991, S. 36-59.
6
Klaus Geissler, Die Juden in mittelalterlichen Texten Deutschlands. Eine Untersuchung zum Minoritätenproblem anhand literarischer Quellen, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 38 (1975), S.163-226.
7
Arnd Müller, Geschichte der Juden in Nürnberg 1146-1945, Nürnberg 1968 (= Beiträge zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg, Bd. 12).
2
2.
Die Darstellung der Judenfeindschaft in Der falsche Messias
Die Handlung des zwischen 1483 und 14888 von Hans Folz veröffentlichten Reimpaarspruchs Der Falsche Messias9 spielt in einer Stadt im Schlesischen Land und entwickelt
sich am Sujet der schönen Tochter eines Juden, welche von einem christlichen Studenten geschwängert wird. Die Namen dieser Figuren erfährt man nicht, was auch nicht
zwangsläufig erforderlich ist. Wesentlich ist, dass die Tochter jüdischen und der Student
christlichen Glaubens ist. Da die Fenster der Kammern beider aneinander grenzen, kann
der Student des nachts mittels eines Brettes zur schönen Jüdin gelangen und mit ihr den
Geschlechtsakt vollziehen. Das stellte zu dieser Zeit zwar ein Sittlichkeitsdelikt dar,
welches zum Teil sogar mit Verbrennung bestraft wurde, in Nürnberg der Stadt, in der
Hans Folz schrieb und sein Publikum hatte jedoch mit beispielsweise der Ausweisung
aus der Stadt menschlicher geahndet wurde.10 Folz geht auf den Gesetzesverstoß nicht
näher ein; er setzt diese Tatsache offenbar als dem Leser bekannt voraus, indem er die
Handlung damit fortsetzt, dass der Student Vorkehrungen zur Verschleierung der
Schwangerschaft trifft, sobald er von dieser erfährt. Er hat bereits einen Plan und lässt
sich dazu die Schlafkammer der Eltern der Jüdin zeigen.
Bei einem Schreiner lässt er sich ein Rohr anfertigen, mit dem er sich nachts
ins Schlafgemach der Eltern seiner Geliebten schleicht und diesen, als
scheinbarer Prophet, verkündet, dass ihre Tochter den Messias empfangen habe. Um sie er spricht sie übrigens
mit den Namen Abraham und Sara11 an von seiner Prophezeiung zu überzeugen, setzt
er auf listige Art sowohl Anreize durch Verlockung und Verführung als auch durch Drohung. Es lassen sich drei Aspekte in der nächtlichen Ansprache feststellen, auf denen
die Argumentation des Studenten beruht.
8
Vgl. Hanns Fischer, Hans Folz. Altes und Neues, S. 212-236.
9
Der falsche Messias, in: Hanns Fischer (Hrsg.), Hans Folz. Die Reimpaarsprüche, München 1961, S. 92-98.
10 Vgl. Arnd Müller, Geschichte der Juden in Nürnberg, S. 51.
11 Damit verwendet er die Typennamen des Judentums: Abraham gilt im jüdischen Glauben als ältester
der drei Erzväter Israels, dessen Verdienst es ist, wenn Israel trotz Sünden vor Gott bestehen kann. Abrahams Frau und sogleich Halbschwester ist Sara, die erste der vier Erzmütter. Folz
nutzt diese Namen, um beim Rezipienten die beiden Figuren die Eltern der später zum Christentum übertretenden Hauptperson noch stärker als dem jüdischen Volk zugehörig zu positionieren und damit in der ,,Pointe" die Schande für die Juden zu verstärken. Vgl. s. v. Abraham bzw. Sara, in: Julius H. Schoeps (Hrsg.), Neues Lexikon des Judentums, 2. Aufl., Gütersloh 2000, S. 17 bzw. 735.
3 Erstens und hauptsächlich wird auf die Messiaserwartung der Juden angespielt:
Den warhafftigen Massias
Dein dochter heint empfangen hot,
Und ist darmit gottes gepot12
Besagte Messiaserwartung bedeutet, dass nach jüdischer Glaubenslehre ,,ein (endzeitlicher) Messias als Heilbringer und Erlöser erwartet wurde, der ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens errichten würde. Im Einzelnen verbanden sich damit unterschiedliche Vorstellungen; allen gemeinsam ist, dass der Messias immer als Mensch, wenn auch als ein von Gott besonders erwählter Mensch, gedacht wird."13 Der Gedanke stand im Gegensatz zur christlichen Lehre, die ihren Messias in Jesus sah. Diese Differenz kam im Mittelalter und der frühen Neuzeit vielfach in der Verspottung des jüdischen ,,Irrglaubens" durch die christliche Seite zum Ausdruck; als weiteres herausragendes Beispiel hierfür kann auch auf die Sabbatianische Bewegung im 17. Jahrhundert und deren Verspottung in der Literatur oder auf Flugblättern verwiesen werden. Doch für die Juden war dieser Aspekt ihrer Lehre ein überaus wichtiger, aus dem sie Kraft und Hoffnung schöpfen konnten, was sich im Falschen Messias dadurch zeigt, dass Folz die Argumentation des Studenten auf dieser Hoffnung aufbaut. Er setzt dabei darauf, dass die Sehnsucht nach dem Erscheinen des Messias größer ist als rationale Überlegungen.14
Weiterhin setzt Folz in der Argumentation des Studenten einen negativen Anreiz durch das Androhen der Strafe Gottes, sollten die Eltern die Voraussagung nicht ernst nehmen:
Sunder, ob ir des nit wert glauben,
Wirt euch got ern und seld berauben
Und alls eüer geschlecht verdamen.15
Der dritte Schritt ist wiederum mit einer positiven Verheißung verbunden, indem der prophezeiende Student dem so lange unterdrückten Volk der Juden die Herrschaft über Heiden und Christen und damit gewissermaßen die Weltherrschaft als weitere Folge der Niederkunft des Messias verspricht:
12 Der falsche Messias, v. 36-38.
13 s. v. Messias, in: Brockhaus Enzyklopädie Online, eingesehen am 02.04.2008; vgl. auch s. v. Messias,
in: Schoeps (Hrsg.), Neues Lexikon des Judentums, S. 564.
14 Vgl. Wenzel, Zur Judenproblematik, S. 81.
15 Der falsche Messias, v. 41-43.
Quote paper:
Timo Flätgen, 2007, Die Judenfeindschaft im literarischen Werk Hans Folzens, Munich, GRIN Publishing GmbH
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