Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Soziologisches Seminar
Hauptseminar SS 2006
,,Geht uns die Arbeit aus?"
Hausarbeit
Arbeit Problem oder Lösung?
Zusammenhänge und Ausblicke
Lisa Quetting
Französisch (HF), Soziologie (NF), BWL (NF)
siebtes Fachsemester
1
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2.Wandel in fünf Bereichen
3
3. Konsequenzen für die Erwerbsgesellschaft
5
4. Individualisierung
8
4.1 Generation Praktikum und digitale Bohème
8
4.2 Frauen, Erwerbstätigkeit und Familie
11
5. Solidarität oder Konkurrenz?
14
6. Welcher Kurs für die Zukunft?
17
7. Literaturverzeichnis
20
2
1. Einleitung
Das Thema ,,Arbeit" wird im gesellschaftlicher Diskurs oft verkürzt auf die Schlagworte
,,mehr Arbeitsplätze, Wachstum, Liberalisierung, mehr Kinderbetreuung" doch wie
gestalten sich die Zusammenhänge, was sind Ursachen, Folgen und wie könnte die
weitere Entwicklung verlaufen?
Dass sich die Arbeitsgesellschaft und die Ökonomie zurzeit im strukturellen Wandel
befinden, daran bestehen im gesellschaftlichen (und politischen) Diskurs kaum Zweifel.
Die Interpretationen dieser Veränderungen und die daraus abgeleiteten Konsequenzen
variieren jedoch erheblich. Vor einer Analyse der Folgen möchte ich aber zunächst die
Ursachen bzw. Rahmenbedingungen des Wandels und die Zusammenhänge von
Wirtschaft, Politik und (Erwerbs-)Gesellschaft näher betrachten, wobei auch hier schon
die Meinungen auseinander gehen, welchen Einfluss welcher Faktor tatsächlich auf die
aktuellen Umbrüche hat.
Um mit Ulrich Beck zu sprechen, geht es um den Übergang von der Ersten zur Zweiten
Moderne, der sich in Europa etwa seit Beginn der 1980er Jahre vollzieht. Das Regime des
Wachstums und der Regulation wird abgelöst durch ein Regime des Risikos und der
Unsicherheit im ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen System. Die
Veränderungen in den verschiedenen Bereichen lassen sich anhand der folgenden
Schlagworte analysieren: ,,Globalisierung. Ökologisierung, Digitalisierung,
Individualisierung und Politisierung der Arbeit"1, die ich im ersten Kapitel nur kurz
anreißen kann, bevor ich auf ihre weiteren Konsequenzen für die Arbeitsgesellschaft
eingehen werde. Dem Prozess der Individualisierung als speziell soziologischer
Dimension möchte ich ein eigenes Kapitel widmen, um unter anderem die Lebens- und
Arbeitsumstände zweier betroffener Gruppen zu beschreiben. Im weiteren Verlauf soll
das Thema ,,Frauen, Beruf und Familie" behandelt werden. Im Anschluss an die Frage
nach Solidarität und Organisation der von dem Wandel der Arbeitswelt Betroffenen
sollen Überlegungen zu den möglichen zukünftigen Entwicklungen den Abschluss dieser
Arbeit bilden.
1 U. Beck (Hg.): ,,Wohin führt der Weg, der mit dem Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft beginnt?", in: Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt a. M. 2000, S. 7-66, hier S. 43.
3
2. Wandel in fünf Bereichen
Der Modebegriff der Globalisierung lässt sich in mehreren Dimensionen untersuchen,
von denen zumindest die ,,ökonomische, industrielle und politische Globalisierung"2 an
dieser Stelle genannt werden müssen. Als Hauptkonsequenzen seien hier vor allem die
Aufhebung der Ortsgebundenheit von Arbeit und Produktion sowie die zunehmende
Vernetzung der globalen Finanz- und Absatzmärkte genannt, die mit einem
Machtzuwachs der international agierenden Konzerne einhergehen. Diese können ihre
Entzugsmacht gegenüber den national gebundenen und damit unterlegenen Regierungen
ausspielen, um sich durch angedrohten Abbau von Investitionen und Arbeitsplätzen
günstige Steuer- und Produktionsbedingungen zu erpressen.3 Nationale Politikkonzepte
werden folglich in Frage gestellt, innerhalb derer die Regierungen kaum noch Einfluss auf
bedeutende Märkte sowie den Großteil der ökonomischen Wertschöpfung nehmen
können und dennoch für das Paradoxon der wachsenden Arbeitslosigkeit bei
gleichzeitigem Wirtschaftswachstum und Gewinnanhäufung verantwortlich gemacht
werden.4 Anstelle von transnationalen Politikkonzepten sind dann oft Nationalismus und
Protektionismus die Folge, was auch in Zusammenhang mit gestiegenen
Einwanderungszahlen in den letzten Jahrzehnten zu stellen ist. Doch Abschottung ist
kaum noch möglich und auch nicht sinnvoll, da die Nationalstaaten auf internationales
Kapital und Wissen angewiesen sind, um Demokratie und Wohlstand erreichen zu
können.5
Die Globalisierung wird erst durch die Digitalisierung möglich diese hat damit außer
der technischen und ökonomischen auch eine soziale Bedeutung, auch wenn sie noch
nicht übergreifend eingeschätzt werden kann. Die Produktion wird jedenfalls in Folge der
Durchsetzung von Computern verstärkt flexibilisiert, virtualisiert und rationalisiert, wobei
die Rationalisierung sich einerseits auf die Zahl der Arbeitsplätze auswirkt: ein Teil der
industriellen Arbeit wird durch die technologischen Möglichkeiten schlicht
wegrationalisiert (oder in Länder mit geringeren Produktionskosten verlagert), was
zunehmend auch im Dienstleistungsbereich durch die Nutzung der
2 W. Bonß: ,,Was wird aus der Erwerbsgesellschaft?", in: U. Beck (Hg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt a. M. 2000, S. 327-415, hier S. 343.
3 siehe U. Beck (Hg.): ,,Wie wird Demokratie im Zeitalter der Globalisierung möglich?", in: Politik der Globalisierung, Frankfurt a. M. 1998, S. 7-66, hier S. 18-25.
4 siehe ebenda.
5 siehe ebenda, S. 28.
4
Informationstechnologie geschieht, etwa durch Onlinebanking, Selbstinformation im
Internet oder durch Verlagerung von vor allem einfachen, routinemäßigen
Dienstleistungen (wie Steuererklärungen oder Callcenter-Tätigkeiten) ins Ausland. 6
Umso bedenklicher erscheint vor diesem Hintergrund, dass in jüngster Vergangenheit
gerade solche Dienstleistungen ausgebaut wurden, die in hohem Maße Rationalisierungs-Möglichkeiten beinhalten.7 In Zukunft werden zwar durch die demographische
Entwicklung in den Pflegeberufen zahlreiche Arbeitsplätze entstehen, aber zumindest
teilweise auffangbar ist dieser Prozess nur durch wirkliche Produkt-Innovationen und
damit der Erschließung neuer Märkte, die jedoch wahrscheinlich auch keine
Vollbeschäftigung mehr ermöglichen werden.
Darüber hinaus gehen mit der Digitalisierung neue Ausschluss-Prozesse einher wer sich
Informationen mit Hilfe der neuen Technologien beschaffen und mit ihnen umgehen kann
und wer nicht, wird verstärkt über neue bzw. erneuerte soziale Ungleichheiten
entscheiden.8 Damit verändert sich aber auch der Charakter der bzw. die
Qualifikationsanforderungen an die ,,übrige" Arbeit: Die Anforderungen steigen
insgesamt an und zielen auf einen neuen Idealtypus des Wissensarbeiters oder ,,Symbol-Analytikers", der die neuen Technologien nutzt, um vernetzt und quasi ortsungebunden
zu arbeiten.9 Seine Aufgaben sind Dienstleistungen, die ein hohes Qualifikationsniveau
erfordern und die Identifizierung, Vermittlung und Lösung von Problemen
verschiedenster Art beinhalten.10 Die gesellschaftlichen Folgen eines solchen neuen
Ideals sind im Folgenden noch zu untersuchen.
Die durch die Digitalisierung mitermöglichte Flexibilisierung der Produktion lässt
darüber hinaus Forderungen an die Flexibilität der Arbeiter entstehen sowohl zeitlich,
als auch räumlich und vertraglich. Diese Ansprüche begünstigen ihrerseits wiederum den
Prozess der Individualisierung, der somit zumindest teilweise als gesellschaftliche Folge
des ökonomischen Wandels zu sehen ist. Individualisierung der Erwerbsarbeit bedeutet
auch das Entstehen von Risikobiographien, worauf ich jedoch in einem separaten Kapitel
genauer eingehen möchte.
Ein weiterer Prozess, der Teil an den momentanen Umwälzungen hat, wird mit dem
Begriff der Ökologisierung bezeichnet. Der prinzipielle Konflikt, in dem die westliche
6 siehe T. L. Friedman: Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts, Frankfurt a. M., 2006, S. 18-20.
7 siehe W. Bonß: ,,Was wird aus der Erwerbsgesellschaft?", S. 386.
8 siehe ebenda, S. 354-356.
9 siehe U. Beck: ,,Wohin führt der Weg, der mit dem Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft beginnt?", S. 45.
10 siehe W. Bonß: ,,Was wird aus der Erwerbsgesellschaft?", S. 390.
Arbeit zitieren:
Lisa Quetting, 2006, Arbeit – Problem oder Lösung?, München, GRIN Verlag GmbH
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