Inhalt
EINLEITUNG. 3
A. Die Vorbereitung. 9
1. Zur Kirchengeschichte 9
2. Zur Bewegung der Renaissance 12
B. Das Kopernikanische Ereignis. 16
C. Die Folgen 23
2
EINLEITUNG
Die Aufgabe ist, Sonne zu denken. (Ich lasse den Artikel absichtlich beiseite). Denken, das heisst zunächst negativ: Sonne wird in dieser Studie weder Objekt wissenschaftlicher Forschung sein, noch wird sie mythisch beschworen werden.
Denn was geschieht im einen und im anderen Fall?
1. Sonne als Objekt der Forschung
Hier kommt unser gelber Zwergstern der Leuchtkraftklasse fünf entweder als Energielieferant, als Prototyp der Energiegewinnung oder als Modell zum Bau der Wasserstoffbombe in den Blick. Diese Dinge sind jedermann bekannt. Der Physiker C. F. von Weizsäcker, der selbst 1938 ein Referat über die Umwandlung der Elemente in der Sonne hielt, schreibt später:
„Historisch haben die astrophysikalischen Theorien über Kernprozesse in der Sonne in der Tat zur Erfindung der Wasserstoffbombe beigetragen“ 1
Die Physik denkt Sonne nicht, sondern nutzt sie.
2. Beschwörung von Sonne.
Martin Heidegger, damals Rektor der deutschen Universität Freiburg, hielt am 24. Juni 1933 auf dem Universitätsstadion eine kurze Rede zur Sommersonnenwende. Der Feuerspruch lautete:
„Die Tage fallen - unser Mut steigt / Die Tage fallen - dem Dunkel und der Härte des Winters entgegen, / unser Mut steigt - das Dunkel zu brechen und der kommenden Härte mannhaft standzuhalten. / Feuer! Sage uns: Ihr dürft nicht blind werden im Kampf, sondern Ihr müsst hell bleiben für das Handeln. / Flamme! Dein Lodern künde uns: Die deutsche Revolution schläft nicht, sie zündet neu umher und erleuchtet uns den Weg, auf dem es kein Zurück mehr gibt. / Die Tage fallenunser Mut steigt. / Flammen zündet! Herzen brennt!“ 2
1 C. F. von Weizsäcker, Die Tragweite der Wissenschaft, Stuttgart 1964, S. 160. - In einem neueren, von der
Presse gelobten Buch zur Naturwissenschaft unter dem Titel Alles, was man wissen muss lautet der erste Satz
zum Sonnensystem (da der Physiker über die Entstehung desselben orientiert ist): „Die Sonne ist aus
Recyclingmaterial hergestellt.“
2 M. Heidegger, GA Bd. 16, Frankfurt a. M. 2000, S.131.
3
Zündende Flammen, brennende Herzen: Man kennt die Folgen des unumkehrbaren Weges der Deutschen.
Was entnehmen wir den beiden angeführten Punkten? Antwort: Dass sowohl der erforschende als auch der beschwörende Bezug zu Sonne gefährlich ist. Wir wissen nicht, warum das so ist. Die Gefahr, die im einen wie im anderen Bezug an den Tag kommt, ist in ihrer Tatsächlichkeit einfach hinzunehmen. Allgemein können wir sagen: Das radikal getätigte Entbergen (in den Modi: Erforschen und Beschwören) von Sonne birgt Gefahren. Diese Gefahren entstehen dadurch, dass die Entbergungskraft des Menschen Sonnenkraft auf Erde anwesen lässt. Oder anders: Dass im Umkreis des menschlichen Daseins auf Erde entborgene Sonne Wirklichkeit wird.
Man fragt sich nun, ob nicht auch der denkende Bezug zu Sonne Gefahren birgt. Gilt nicht für jeden solchen Versuch, was Georges Bataille im Vorwort zu La Part Maudite (1949) sagt:
„Es ist gewiss gefährlich, wenn man die kalte wissenschaftliche Forschung bis zu einem Punkt treibt, wo ihr Gegenstand einen nicht mehr gleichgültig lässt, sondern einen vielmehr versengt. Das Sieden, das ich untersuche und das den Erdball bewegt, ist auch mein Sieden. So kann das Objekt meiner Untersuchung nicht mehr vom Subjekt geschieden werden, genauer noch: vom Subjekt auf seinem Siedepunkt.“ 3
Zwei Fragen stellen sich: a) was versteht Bataille unter dem Sieden des Erdballs und b) wie kommt er dazu, sich selbst als ‚Subjekt auf dem Siedepunkt’ in die Untersuchung miteinzubeziehen? Erst durch Klärung dieser Fragen wird möglicherweise die auftauchende Gefahr verständlich werden.
a) Bataille vertritt eine energetische Weltsicht. Sein Projekt einer Ökonomie im Rahmen des Universums (L’économie à la mesure de l’univers) versucht den Bezug von Erde und Sonne im Rahmen einer allgemeinen Energiebilanzierung zu denken. Er stösst dabei auf die unbezweifelbare (auch naturwissenschaftlich gesicherte) Tatsache, dass für den biosphärischen Energiehaushalt der Erde beinahe vollständig die Sonne aufkommt (zu ca. 99%). Das Leben auf der Erde verdankt sich der verschwenderischen Energieabgabe des Zentralgestirns unseres Sonnensystems. Er schreibt zunächst zur Ökonomie: „Der Reichtum ist wesentlich Energie: die Energie ist Grund und Zweck der Produktion. Die Feldpflanzen, die wir anbauen, und die Tiere, die wir züchten, sind Energiesummen, die die
3 G. Bataille, Die Aufhebung der Ökonomie, München 2001, S. 36.
4
Landarbeit verfügbar gemacht hat. Wir nutzen, wir verzehren diese Tiere und Pflanzen, um die Energie zu erlangen, die in der Gesamtheit unserer Arbeiten verausgabt wird.“ Die Frage nach der Herkunft der von uns umgesetzten Energie (d.h. des Reichtums) beantwortet Bataille so:
„Die grünen Teile der Pflanzen des Festlands und des Meeres bewirken die unaufhörliche Aneignung eines bedeutenden Quantums der Lichtenergie der Sonne. Auf diesem Wege erzeugt und belebt uns das Licht, die Sonne, und bringt unsere Überschüsse hervor. ...
Praktisch, aus dem Gesichtspunkt des Reichtums betrachtet, zeichnet sich die Sonnenstrahlung durch ihren einseitigen Charakter aus: sie verliert sich ohne Berechnung, ohne Gegenleistung. Die Sonnenökonomie gründet auf diesem Prinzip.“ 4
Das Faszinierende an den Überlegungen Batailles ist die Zusammenschau der sonst meist getrennt analysierten Himmelskörper Sonne und Erde. Indem er das organische Leben als Produkt des Zusammenspiels von Erde und Sonne fasst und darin primär den von der Sonne induzierten Energieüberschuss findet, kann er der beschränkten irdischen Ökonomie seine allgemeine Sonnenökonomie entgegenstellen. Folgerichtig werden in seinen ökonomischen Analysen nicht Verteilungsprobleme und Mangelbehebung thematisiert, sondern die Notwendigkeit der schliesslichen Verschwendung des Reichtums. Das durch Sonne induzierte Sieden des Erdballs entäussert sich immer wieder durch explosionsartiges Verströmen des gestauten Überschusses. Er schreibt:
„Zu einem gegebenen Zeitpunkt, wenn das Wachstum des Systems seine Grenze erreichen wird, wird die aufgefangene Energie nicht anders können, als ihren Lauf wiederaufzunehmen und sich verlieren. Der Sonnenstrahl, der wir sind, findet am Ende die Natur und den Sinn der Sonne wieder: er muss sich verschenken, sich ohne Berechnung verlieren. Ein lebendes System wächst, oder es verschenkt sich grundlos.“
b) Damit ist die Konsequenz der pan-energetischen Weltanschauung ausgesprochen und die Rede vom ununterscheidbaren Sieden - des Erdballs, des Subjekts - motiviert. Die Gefahr des Versengens entsteht, weil Bataille auf der Spitze der allgemeinen Ökonomie dazu getrieben wird, Sonne sich im Menschen wiederfinden zu lassen und diesen als solaren Imitator zum Rückgeber des empfangenen Sonnenenergieüberschusses stilisiert. Ziel und Höhepunkt der Bataille’schen Sonnenökonomie ist entsprechend nicht: Sonne zu denken, sondern: Sonne zu sein. Von hier aus ist der Satz gesagt: „ Es ist gewiss gefährlich, ... „ (s.o.)
4 ebd., S. 289ff.
5
Unsere Aufgabe aber ist, Sonne zu denken. Entsprechend sind wir gezwungen, neben dem erforschenden und dem beschwörenden nun auch den imitierend-identifizierenden Zugang zu Sonne auszuschliessen.
Was aber bleibt dann noch? Erweist sich die gestellte Aufgabe nicht als undurchführbar? ABER WIR SIND JA SCHON AN DER ARBEIT, SONNE ZU DENKEN!
Oder war das Thema unseres kurzen kritischen Weges denn nicht Sonne? Und: Stellten wir nicht fest, dass die Gefährlichkeit der verschiedenen Zugänge zu Sonne in der Einseitigkeit und Unmittelbarkeit ihrer Bezugnahmen liegt? Würde dann nicht die Aufgabe des Denkens darin bestehen, statt selber Sonne zu entbergen, die Vielzahl der möglichen Bezüge als Ereignisse des Entbergens von Sonne zu verstehen? Das Denken wäre dann in die Geschichte verwiesen. Die Aufgabe, Sonne zu denken, müsste sich als Historische Heliologie vollziehen. Damit fangen die Schwierigkeiten erst richtig an. Denn stand die Untersuchung eben noch in der Gefahr einer allzu grossen Nähe zu Sonne, so taucht jetzt des Problem auf, dass sie sich nicht in totaler diskursiver Vermittlung völlig von ihr entfernt. Wer einmal die Idee einer historischen Heliologie gefasst hat, sieht sich bei seinen Nachforschungen alsbald vor eine kaum überschaubare Stoffmasse von Darstellungen aus den verschiedensten Wissensgebieten gestellt. So wie die Physikgeschichte ihre Version der kopernikanischen Wende hat 5 , so hat die Theologiegeschichte die ihre 6 ; so wie die Ägyptologie ihren Fokus auf die Solarmythologie der alten Ägypter richtet 7 , so findet die Philosophiegeschichte in Griechenland die Anfänge der Lichtmetaphysik 8 . Bald beginnt man daran zu zweifeln, ob eine historische Heliologie als allgemeine und wissenschaftliche Heliologie überhaupt durchzuführen ist. Ist das Feld nicht zu weit? Lässt sich dieses weite Feld noch in verantwortbarer Weise überblicken?
Die institutionalisierten Wissenschaften hätten ihre Antwort schnell gegeben. Neben der Skepsis, die sie der Idee überhaupt entgegenbringen würden, hätten sie noch vor Beginn des Projekts ihr paralysierendes Urteil darüber gesprochen: unwissenschaftlich! Aber hat sich das wirkliche Denken je von der Beschränktheit einzelner Wissenschaften und ihren Methoden gängeln lassen?
5 T. S. Kuhn
6 W. Philipp
7 J. Assmann
8 W. Beierwaltes
6
Arbeit zitieren:
Dr. Markus Semm, 2006, Historische Heliologie, München, GRIN Verlag GmbH
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