Reformulieren wir das systemtheoretisch. Die Erinnerungen an die Ereignisse des Im Zentrum des anarchisch-elitistischen Jahres 1872 werden Nietzsche fortan be-Sozialsystems steht der ‚geliebte Meister‘ gleiten. Nie wieder wird er in ein ähnlich Richard Wagner; er ist das eine Vorbild, starkes Band der gelebten Freundesliebe die eine ‚Sonne‘ für die beiden um ihn eintreten können, wie es ihm noch vor seikreisenden ‚Planeten‘ Nietzsche und Roh-nem dreissigsten Lebensjahr im Kreis um de. Das die Stabilität erhaltende polysym-Wagner gelungen ist. In den Jahren 1873bolische 1 Medium bildet das Gesamt-76 erscheinen die vier Stücke der Unzeit- kunstwerkBayreuth - d.h. Wagner als gemässen Betrachtungen; dann, 1878, Komponist, Stifter und Grundsteinleger der erste Band von Menschliches, Allzu- desselbenund die beiden ihn unterstüt- menschliches. ImSchluss-Aphorismus zenden Textassistenten Nietzsche und Der Wanderer (Nr. 638) des letztgenann-Rohde. Nachdem der Erstere zunächst die ten Werkes gibt Nietzsche einen Vorblick Komplexität des Sozialsystems um Wag-auf das Kommende. Er spricht vom Wanner durch den Buchbeitrag Die Geburt derer und der Morgensonne, die diesem aufgeht. Im Jahre 1880 erscheint dann Der der Tragödie aus dem Geiste der Musik erhöht hat, sich die Umwelt daraufhin ge- Wandererund sein Schatten 5 als zweiter gen den allzu expansiven Sinn - der in und letzter Nachtrag zu der Gedanken-andere Gebiete einzudringen drohte (Phi-sammlung Menschliches, Allzumenschliches lologie) - zur Wehr setzte, reduziert und dann, 1881, publiziert Nietzsche die schließlich der Letztere die entstandene Morgenröthe. Nach der allmählichen Ab-Komplexität durch eine weitere Erhöhung lösung von seinem einst geliebten Meister, der Komplexität (Gegenschrift) 2 zur wei-der krankheitsbedingten Aufgabe seiner teren Ausdifferenzierung des Systems. Basler Professur und der damit verbun-Halten wir fest: denen, einsamen und nomadischen Lebensweise, nimmt Nietzsche es nun in die 1. Nietzsche war, besonders in jenem Jahr Hand, jene Erinnerung an das gelebte Son- 1872 3 ,integraler Bestandteil einer durch nensystem der Freundesliebe denkend zu und durch enthusiasmierten Gemeinschaft restituieren. Seine Selbsterkenntnis ein von Künstlern und Schriftstellern. Er er-Unzeitgemässer zu sein, sein Bruch mit lebte inmitten jenes Aufbruchs wirklich an Wagner, den er vor dem christlichen Kreu- sich dieAufhebung - wie wir sagen - des ze niedersinken sah - „Aber zuletzt strich Problems doppelter Kontingenz im sozia-er sich selber durch, ... die „Entzückunlen Ereignis von Bayreuth 4 . gen“ des Protestantischen Abendmahls verführten ihn!“ heißt es später (Nachlass 2. Das Zentrum, gleichsam der Punkt der 1884, KSA 11, 26[31]) - nötigen Nietz-Selbstreferentialität des sozialen Ereignis-sche schließlich auf seinen eigenen Weg. ses, wird von Nietzsche mit den Worten Dieser Weg verweist ihn in die Geschichvom ‚Sonnensystem‘ bezeichnet: Das te. Die paradigmatisch an Richard Wag-Ganze gruppiert sich um den „Licht-ners Triumphen erkannte Größe eines gebringer“ (WB 6, KSA 1, S. 464) Wagner schichtlichen Ereignisses (s.o. Anm. 4) als um seine ‚Sonne‘ . war nicht mehr in der Gegenwart auffindbar, sogar unmöglich auffindbar - noch
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nach Wagners Tod gelten seine mitunter Saulus unter den Gesetzen und Gebräuschärfsten Töne dem einstigen Meister chen der Juden stehend, bekehrt sich der von Bayreuth. Doch womit galt es nun, vormalige Christenverfolger zum Apostel sich zu messen? Mit welchem geschicht-Christi. Nietzsche notiert, Lüdemann zu lichen Ereignis - bereits geschehenen ge-Paulus zitierend: schichtlichen Ereignis - galt es nun, den Kampf aufzunehmen? Welches ist der
wahre würdige Gegner eines über alle his-torischen Zeiten blickenden Psychologen der Moral? Das Ziel und die Aufgabe die können.<
an Nietzsches Horizont auftaucht, ist die
Destruktion des Christentums. Im Sommer des Jahres 1880, am 22. Juni,
schreibt Nietzsche an seinen treuesten Freund, den Theologen Franz Overbeck, einen Brief. Er fordert ein Buch an: Herr-Und zum Wunder von Damascus: mann Lüdemanns
Anthropologie des Paulus
(Kiel 1872). Es ist dringend, Nietz-
sche hat eine Vermutung. Am 7. Juli doppelt er nach:
„Im Fall Du die Bücher, von denen ich neulich schrieb [neben Lüdemann Die paulinische Umwertung des Sterbens wünschte er noch ein theol. Buch über Christi am Kreuz zum absolut notwendi-Justinus], entbehren kannst, sende sie, gen Ereignis in der göttlichen Geschichte ich bitte; ich habe inzwischen so oft - das fasziniert Nietzsche. Er wird später über „christliche Moralität“ nachge-erwähnen, dass für Paulus der lebendige dacht, dass ich förmlich heisshungrig Jesus gar nie ins Blickfeld rückte, dass nach einigem Stoff für meine Hypo-dessen Klugheit im Gegenteil erst mit dem thesen bin.“ (KSB 6, S. 26) toten Messias etwas anzufangen wusste (AC 42) - „ach der Heilige Paulus! Man Schließlich erhält Nietzsche das Buch von sieht bei ihm durch und durch.“ (Ebd., Lüdemann
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. Die Erkenntnisse, die er aus 4[255]). In Paulus hat der Unzeitgemäße ihm gewinnt, werden später im Aphoris-seinen historisch weit entfernten Antipomus Nr. 68 der
Morgenröthe
präsentiert. den gefunden. Eine kurz darauf folgende Doch ist es von alles entscheidender Be-Aufzeichnung ruft frohlockend aus: deutung, die chronologische Gedankenentwicklung Nietzsches gerade in dieser
Phase streng zu beachten. Seine Aufmerksamkeit richtet sich, wie den Aufzeichnungen zur Lektüre Lüdemanns zu entnehmen an.“ (Ebd., 4[271]) ist, primär auf die paulinische Sinngebung des Kreuzestodes Christi. Zunächst als
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Natürlich war ihm nicht entgangen, dass der Lichter: um ihn dreht sich fürderdas am Kreuz vergossene Blut des Erlö-
sers, kombiniert mit den Worten Jesu vom neuen Bund anlässlich des letzten Mahls, die Geschichtswirksamkeit des christli-Zum Gedanken der Wiederkunft des ewig chen, paulinisch interpretierten Gottes-Gleichen notiert er kurz nach dem Erlebgeschehens auf Erden verbürgt. Und nun nis von Surlej:
stellt er dieser geschichtsmächtigen ‚Wahrheit‘ seine Wahrheiten, seine Schriften,
„die er jederzeit mit [s]einem ganzen Leib und Leben geschrieben“ (Ebd., 4[285]) hat, entgegen. Mit dem Willen zum Einsatz seines Lebens als des Leibes seiner Schriften begibt sich Nietzsche in jenen Raum, in dem das damit herausgeforderte Schicksal den Tod des Herausforderers bedeuten kann. Wenn von Nietzsche Mit der Intuition von Surlej verschafft sich als einem ‚Ereignis der Religionsgeschich-Nietzsche definitiv den Titel des Unzeitte‘ 7 gesprochen werden kann, dann von gemäßen: Ab August 1881 öffnet sich für dem Tage an, da er zu sich selber sagte: ihn der legitimatorische Horizont in Jahrtausenden zu rechnen. Er, nun auch über Darf ich doch mitreden! einen Gedanken der Gedanken verfü-Man kennt jene berühmte Stelle, mit der gend, gesellt sich wirkungsgeschichtlich Nietzsche in Ecce homo die Geschichte in strategische Nähe zu seinem Hauptseines Werks Also sprach Zarathustra antipoden Paulus. „Die Lehre der ewigen einleitet. Tatsächlich findet sich unter den Wiederkunft“, wird er später schreiben, nachgelassenen Aufzeichnungen jenes auf ist der „Hammer in der Hand des mäch-Anfang August 1881 datierte Blatt auf dem tigsten Menschen“ (Nachlass Sommerder Gedanke der „Wiederkunft des ewig Herbst 1884, KSA 11, 27[80]). Der End-Gleichen“ hingeworfen ist (KSA 9, 11 kampf gegen das Christentum kann be-[141]). Zurecht macht Jörg Salaquarda ginnen. Taktisch drängen sich zwei Maßdarauf aufmerksam, dass Nietzsche nur nahmen auf: Erstens muss an die Wurzel dieses für seinen Zarathustra initiale Er-der Umwertung der Werte Hand angelegt eignis vor dem „pyramidal aufgethürmten werden - Nietzsche sieht klar: „Paulus Block unweit Surlei“ (EC, KSA 6, S. 335) glaubte an Christus, weil er ein Objekt und das Gesicht des Paulus bei Damas-nöthig hatte, das ihn concentrierte“ (Nachkus mit der Wendung vom ,Gedanken der lass Sommer 1880, KSA 9, 4[261]) - und Gedanken‘ in Verbindung bringt 8 . Zu Pau- Zweitens kanndie Wirksamkeit der Umlus’ Damaskus-Erlebnis heisst es in der wertung nicht über eine gängige philosophische Prosa gesichert werden, sondern Morgenröthe: die Rede muss zwingend, aufgrund des „...er hat den Gedanken der Gedanken, paulinischen Vorbildes, eine predigende den Schlüssel der Schlüssel, das Licht Verkündergestalt ins Zentrum rücken und
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Mit den letzten Zeilen dieses Gedichts sind als Ausgangspunkt benutzen. So gedie beiden letzten Strophen aus dem dichschieht, was geschehen muss: Nietzsche terischen Schluss des Werks
Jenseits von
findet, nur drei Wochen nach dem Ent-
Gutund Böse
zu vergleichen. Der Nachwurf zum Gedanken der Wiederkunft des gesang
Aus hohen Bergen
hat die Sehn-Gleichen, ebenfalls im Engadin, seinen sucht nach Freunden zum Thema, gewidantichristlichen Prediger „Zarathustra“, met ist er Heinrich von Stein, der Nietzder „geboren am See Urmi“ im „dreissche im August 1884 in Sils Maria besucht sigsten Jahre seine Heimat“ verließ und in hatte. Analog zum Lied des
Prinzen Vo-
den„zehn Jahren seiner Einsamkeit im Ge-
gelfrei
heißtes hier: birge den Zend-Avesta“ verfasste (Nachlass Frühjahr-Herbst 1881, KSA 9, 11 [195]).
Nietzsche hat
Also sprach Zarathustra
verschiedentlich als heiliges Buch, als
‚fünftes Evangelium‘ bezeichnet; die Fi-Freund Zarathustra kam, der Gast der gur des Zarathustra selbst wird von ihm Gäste! immer wieder als sein Kind, sein Sohn verstanden. Sehen wir uns etwas näher an,
wie Nietzsche seinen Sohn gebärt - also nicht als strategisches Kriegsmittel herbeisternis .....“ (KSA 5, S. 243) schafft, sondern ihm Leben einzuhauchen versucht 9 . Es gibt dazu verschiede-In diesen Wendungen zelebriert der Au- neHinweise. In einem Anhang, der der tor Nietzsche die Geburt seines Sohnes zweiten Ausgabe der Fröhlichen Wissen-Zarathustra. Das geschieht bezeichnen- schaft beigegebenwurde, den Liedern des derweise zur Mittagszeit - da die Sonne Prinzen Vogelfrei, findet sich ein kurzes am höchsten steht - und als eine Art Gedicht mit dem Titel Sils-Maria: ‚Selbstverdoppelung‘ (Eins zu Zwei): Der Dichter Nietzsche dividiert sich selbst „Hier sass ich, wartend, wartend,analog zur Doppelung von beschienener doch auf Nichts, Erde und strahlender Sonne zur ‚Hoch-Jenseits von Gut und Böse, bald des zeit von Licht und Finsterniss‘ . Man hat Lichts
zurecht von der ‚imitatio solis‘ des neu-Geniessend, bald des Schattens, ganz en Propheten Zarathustra gesprochen 10 . nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Nietzsche wäre nicht Nietzsche, wenn wir Ziel.
in seinem Werk nicht den nüchtern formulierten Hintergrundgedanken für diese Da, plötzlich, Freundin! Wurde Eins zu nachmaligen, poetisch ornamentierten Zwei -‚Geburtsvorgänge‘ fänden 11 . Lesen wir - Und Zarathustra ging an mir vorbei ...“ dazu den Aphorismus Nr. 260 aus der (KSA 3, S. 649) noch vor Also sprach Zarathustra verfassten Fröhlichen Wissenschaft:
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Arbeit zitieren:
Dr. Markus Semm, 2007, Nietzsche :: Janus, München, GRIN Verlag GmbH
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