post@larshennings.de * 3 * 12.08.08
Karl Marx und Max Weber als Gründerväter der Soziologie?
Lars Hennings
150 Jahre nach dem „allerersten“ Band des „Kapitals“, der „Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859, und 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der sowjetideologischen Welt, scheint ein neuer Blick auf Marx und Engels aus wissenschaftshistorischer Sicht sinnvoll. 1 Grundlage für die Sicht auf die Facetten ihres Werkes sollte sein, daß es sich bereits ab 1845 um Gesellschaftswissenschaft handelt, nicht mehr um die Philosophie (Hegels) und auch nicht bloß simpel um Ökonomie! Sie zeigen in ihrem Wirken ein so hohes analytisches Verständnis für die moderne Gesellschaft, daß sie, bzw. vor allem Marx, nicht bloß als Vorläufer der Soziologie bezeichnet werden können. Bereits 1845 haben sie mit dem Basis-Überbau-Modell - wie ich es ganz bewußt als soziologisches Modell bezeichne - ein bis heute schlüssiges Konzept der sozialen Evolution vorgelegt, wenn sie es damals auch nicht publizieren konnten. Das geschah erst 1859 durch Marx, wenige Monate bevor Darwin mit seiner Arbeit zur biologischen Evolution herauskam. Von der positiven Wissenschaft Marx‘ und Engels‘, die allerdings mit einer Marxschen und nicht Hegelschen Form der Dialektik zusammengedacht werden muß, denn es geht relativ allgemein um den Prozeß, ist in diesem Text in aller Kürze die Rede. Meine Argumentation ist andernorts ausfürlich dargestellt. 2 Max Weber, der weitgehend unangefochten als einer der bedeutendsten Gründungsväter der Soziologie gilt, ist in diesem Zusammenhang herauszuheben, gilt er doch vielen als der wichtigste Marx-Widerleger. Das ist er aber mitnichten, eine ausgeführte Kritik an Marx oder an „Marxisten“ gibt es gar nicht, seine hin und wieder eingestreute Kritik am ökonomischen Materialismus richtete sich gegen jene „Jüngeren“ in der Sozialdemokratie, die sich später auf Marx und Engels beriefen, ohne die Substanz der „marxistischen“ Wissenschaft zu durchdringen. Schon Engels hat nach Marx‘ Tod diese Kritik geführt, jene gingen zu dogmatisch damit um, was sie zugleich als „historischen Materialismus“ oder „wissenschaftlichen Sozialismus“ kennzeichneten. Weber ist dagegen ein Bewunderer „unseres großen Denkers“ Marx, wie er ihn nennt, und von dem er sagt, der habe wissenschaftstheoretisch mit dem „Idealtypus“ gearbeitet, jenem soziologischen Konstrukt, das Weber
1 Das gilt auch hinsichtlich ihrer politischen Vorstellungen, die hier aber ebensowenig zentrales Thema sind wie die Ökonomie. Denn immer noch wird überwiegend ein Bild von ihnen gezeichnet, wie es beispielsweise bei wikipedia.de zu sehen ist, das sich von der Ansicht in der damaligen DDR kaum unterscheidet, wie u. a. die unkritische Nutzung der einschlägigen „Ost-Literatur“ deutlich macht.
2 In meinem Buch „Marx, Engels und die Teilung der Arbeit - ein einführendes Lesebuch in Gesellschaftstheorie und Geschichte“, Berlin 2007; Band 1: ISBN 978-3-638-94546-2, Band 2: 978-3-638-94547-9, ist meine Argumentation ausführlich dargestellt. (http://www.grin.com ; Inhaltsverzeichnis und die Einführung von ca. 70 Seiten unter: http://www.LarsHennings.de/wiss-1- 1.htm )
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für sich selbst herausgehoben formuliert hatte, obwohl er sonst sich gern von anderen absetzte, vom Normaltypus Tönnies‘ beispielsweise. Nach Weber ist Godelier zu nennen, der 1963 in einer kleinen Studie für die Akademie der Wissenschaft der DDR („Nur für den Hausgebrauch“!) einen anderen Aspekt der theoretischen Konstruktion bei Marx heraushob, daß der nämlich nicht mehr als Hegelianer zu verstehen sei, sondern als Strukturalist, ein Vorläufer Levi-Strauss‘ also. Denn schon in der Konstruktion von Basis und Überbau gäbe es nicht mehr die strenge Form der Hegelschen Dialektik. Und dann nenne ich Pohlmann dafür, diese Vorstellung 1987 aufgegriffen und am Beispiel des Marxschen Hauptwerkes von 1867 „Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie“ weitergeführt zu haben, das „Kapital“ sei als soziologisches Modell ausgeführt und habe mit Hegel nichts mehr zu tun. Allerdings haben Marx wie Engels bis zu ihrem Tod von Dialektik als wesentlicher Methode ihrer Arbeit gesprochen. Marx sprach dabei aber von seiner dialektischen Methode, noch 1872 im Nachwort zur zweiten Auflage des „Kapitals“. 1859, bei der Veröffentlichung der „Kritik der politischen Ökonomie“ präzisiert Marx das Basis-Überbau-Modell als Leitfaden seiner Forschung. Nun ist von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen als produktiver Basis der Gesellschaft, aus der der geistige Überbau sich entwickle, und übergreifend vom Sein (Basis und Überbau) die Rede, aus dem sich das Bewußtsein der Individuen bilde.
Was verstanden Marx und Engels unter Dialektik, unter einer dialektischen Methode? Lag Lenin daneben, der betonte, es müsse Hegel studiert werden, um Marx zu verstehen? War das gerade der falsche Weg, einer der direkt zurück zur spekulativen Philosophie und dadurch in die Sowjetideologie führte, als einem falschen Bewußtsein „wahrer Sozialisten“, wie Marx und Engels wahrscheinlich gespottet hätten? Nur insofern ist Lenin in Schutz zu nehmen, als er die „Deutsche Ideologie“ nicht kannte, die erst um 1930 publiziert wurde, wie auch weitere sogenannte Frühschriften. Andere haben bei deren Veröffentlichung Marx dann vor allem wieder als Hegelianer begriffen, wie Fromm, der der Kritischen Theorie zuzuordnen ist, um ihn nun nicht mehr primär als Ökonomen sehen zu müssen, sondern ihn in ihre Philosophie einbeziehen zu können, vor allem unter dem Begriff der Entfremdung. Dagegen ließe sich ja auch wenig sagen, wenn durch einseitige Interpretation nicht zugleich das Soziologische untergegangen wäre. Grundlage für diese besondere „marxistische“ Philosophie waren besonders die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“, auch die „Pariser Manuskripte“ genannt. Aber diese Manuskripte hatte Marx abgebrochen, um mit Engels die „Deutsche Ideologie“ zu schreiben, deren erster Teil „Feuerbach“ eine eindeutige Erklärung enthält, nun ginge es nicht mehr um Hegel, nicht mehr um Philosophie, sondern um positive Wissenschaft. Allerdings nicht um Positivismus im späteren Verständnis einer eingeschränkten rein empirischen Methode, wie sie heute oft Comte zugeordnet wird. Diese positive Wissenschaft - als dessen Gegenstand meist das von den
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Naturwissenschaften (!) Erfaßbare im Sinne einer Erfahrungswissenschaft verstanden wird - ist erstens zugleich durch die Marxsche Dialektik ergänzt, und zweitens machen Marx und Engels nicht diese Einschränkung, es gehe nur um Erfahrungswissenschaft, die sie zwar auch betonen, doch sie untersuchen auch Ideologien und das Religiöse. Die Marxsche Dialektik steht schlicht gesagt für: Prozeß. Und das nicht in der streng teleologischen, auf ein Ziel (Gottes) gerichtet, verlaufenden Form Hegels. Alles im weiten Sinn empirisch erhobene positive Wissen muß zugleich prozessual interpretiert werden - erst beides zusammen und übertragen auf Gesellschaftswissenschaft, die dabei in großer Nähe, analog zur, aber nicht als (!) Naturwissenschaft verstanden ist, ergibt die Marxsche Methode. Mit Weber kann dann gesagt werden, Marx analysiert den Kern seiner Hauptarbeit, die Kapitalverwertung, als Idealtypus, beziehungsweise als soziologisches Modell. Allerdings bezog sich Marx stets auf „seine Ökonomie“, auf die Kritik der politischen Ökonomie, die die Nationalökonomie wissenschaftlich ausdrücklich erneuern sollte, darunter wurde aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft verstanden, nicht etwa nur Volkswirtschaft. Lesen wir heute die Marx-Engels-Werke (MEW = #) in der Reihenfolge ihres Entstehens, entblättern sich die hier aufgestellten Thesen wie von selbst. Es wird nicht nur deutlich, wie zuerst die Philosophie kritisiert, dann „aufgehoben“, also überwunden wird, sondern Marx wie Engels betonen immer und immer wieder, sie hätten nun mit Hegel nichts mehr zu tun. Schon im zweiten Satz der „Deutschen Ideologie“ wird vom Verwesungsprozeß des Hegelschen philosophischen Systems gesprochen. (#3: 17) Denn da, wo die Hegelsche Spekulation aufhöre, beim wirklichen Leben, beginne die wirkliche, positive Wissenschaft. (#3: 27) Von Dialektik ist im Kapitel „Feuerbach“ überhaupt nicht die Rede, aber über die Hegelschen Momente in der Dialektik wird gespottet. Und die darin formulierte Kritik an den Jung- wie Alt-Hegelianern kann nicht darüber hinwegtäuschen, Hegel selbst ist gemeint. Das Werk der beiden bestätigt die grundlegende Abwendung von der Teleologie Hegels, dessen System zielgerichtet darauf ausgerichtet war, wozu er nach Berlin gerufen wurde, Preußen als Endpunkt göttlichen Wirkens zu legitimieren. Zugleich wandte sich das neue Wissenschaftskonzept gegen utopische Vorstellungen, als ließe sich jede gewünschte gesellschaftliche Perspektive auch umsetzen.
Es wird hier nicht nur um die Theorie Marx‘ und Engels‘ gehen, sondern auch dargestellt, wie viele frühe Soziologen sich auf beide positiv beziehen. Weber wurde genannt, aber auch Tönnies - selbst nicht immer als Mitgründer der Soziologie akzeptiert, obwohl viele Jahre in der Führung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie tätig - muß betrachtet werden, ebenso Sombart, um die Wertigkeit ihrer Forschung zu erfassen. Zusätzlich werden jüngere soziologische Arbeiten herangezogen. Auf Habermas, Berger/ Luckmann und Dux werde ich zurückkommen (in meiner genannten Hauptarbeit auch auf Esser u. a.). Ich sehe einen interessanten wissenschaftlichen Kommunikationsprozeß.
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Einerseits haben die Genannten an Marx (und Engels, der aber kaum wahrgenommen wird) angeknüpft, auch durch Kritik. Andererseits haben vor allem die jüngeren mit ihren Arbeiten jene frühen Thesen fortgeführt und z. T. dabei weitergehend und als bis heute sinnhaft belegt. Insgesamt wird in der detaillierten Betrachtung deutlich, wie intensiv tatsächlich die Theorie Marx‘ und Engels‘ ihren Platz in der Soziologie hat. Wichtige Sätze der heutigen Soziologie haben beide bereits 1845 formuliert, wie den der unintendierten Folgen rationaler Handlungen, der üblicherweise Merton zugeschrieben wird -100 Jahre später. Interessant ist, wie zugleich in ihrem Werk implizit mit Handlungs- und Systemtheorie operiert wird. Diese und weitere Ansätze zeigen deren Vorstellungen bis in die heutige Zeit als aktuell, so daß nicht verstehbar ist, wie wenig sie, bzw. Marx, in der generellen Bewertung zu den herausragenden Gründungsvätern der Soziologie gezählt werden. Nur die Realität der Sowjetideologie und dann die „Marxistenhetze“ der Nazis, sowie deren „Deutsche Soziologie“ - so darf vermutet werden - sind als Ursache dafür auszumachen, 1 wohl manchmal Comte, aber nicht Marx in die erste Reihe der Gründer der Soziologie einzureihen. Was ist von ersterem in der heutigen Soziologie außer der Namensgebung „Soziologie“ noch präsent? wäre zu fragen. Selbst wenn der nicht als allzu simpler Positivist, sondern - mit Eliasals derjenige angesehen wird, der für die neue Wissenschaft, die ursprünglich zur Anknüpfung an die erfolgreiche Naturwissenschaft als „soziale Physik“ bezeichnet wurde, gerade die Differenz von sozial und Physik herausgestellt habe, wie es ebenso bei Marx und Engels zu sehen ist.
neue Wissenschaft und deren Methode reflektiert. Nach einer Kritik an Feuerbachs Begriff „der Mensch“ schreibt er 1844 im zweiten überlieferten Brief an Marx: „Wir müssen vom Empirismus und Materialismus ausgehen, wenn unsre Gedanken und namentlich unser Mensch etwas Wahres sein soll; wir müssen das Allgemeine vom Einzelnen ableiten, nicht aus sich selbst oder aus der Luft à la Hegel. (#27: 12) Denn nun soll es nicht mehr um den, sondern um die konkreten Menschen gehen. Und es soll nicht mehr die philosophische (!) Deduktion Hegels im Vordergrund stehen, sondern die Induktion analog (!) zu den Naturwissenschaften (von vielen einzelnen Experimenten zum Allgemeinen Naturgesetz). Den Bezug zu den Naturwissenschaften gilt es in
1 Auch daß Marx bis heute so oft als Jude bezeichnet wird geht wohl aufs 1.000jährige Reich zurück, denn er selbst hat nirgends eine Religiosität erkenntlich werden lassen, sondern gegen die Gemeinsamkeit des jüdischen und des christlichen Glaubens argumentiert (sein Vater war evangelischer Konvertit). Das gilt später auch für den religionslosen Engels, der allerdings früh einen inneren Glaubenskampf als Pietist ausficht. Anders als Engels hat Marx den üblichen Bildungsgang als Gymnasiast durchlaufen, studierte dann Jurisprudenz und wechselte zur Philosophie nach Berlin. Manche sehr frühe Äußerungen beider verweisen nicht auf „Genialität“, sondern eher auf die Diskussionen im kleinen Bildungsbürgertum.
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besonderer Weise zu entschlüsseln, in welcher Weise seinerzeit von Naturgesetzen gesprochen wurde. Damit auch inhaltlich deutlich wird, es wird nicht von Teleologie ausgegangen, auch nicht, wenn von Naturgesetzen die Rede ist. Marx ironisiert 1853 das Geheimnis der modernen politischen Ökonomie: „Es besteht einfach in der Umwandlung veränderlicher gesellschaftlicher Verhältnisse, die einer bestimmten historischen Epoche angehören und einem gegebenen Stand der materiellen Produktion entsprechen, in ewige, allgemeine, unveränderliche Gesetze, in Naturgesetze, wie sie auch von den Ökonomen bezeichnet werden“. (#9: 254; Herv. h.) Hier kritisiert er, was ihm selbst aber sprachlich auch unterläuft, wenn er im Vorwort des „Kapitals“ von „Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion“ schreibt, (#23: 12) dabei aber davon ausgeht, es sei eine soziale, vom Handeln der Menschen abhängige Gesetzlichkeit, die in der „bürgerlichen“ Ökonomie als „ewiges“ Naturgesetz bezeichnet werde! Für Marx hat aber jede Epoche eigene, also nicht ewige, sondern veränderliche ökonomische Gesetze. Der Unterschied ist schwer zu erkennen. Doch in dieser Weise wurden „Gesetze“ lange generell in den Kulturwissenschaften verstanden. Max Weber (1904) hat das so formuliert, es handele sich nicht „um im engeren, exakt naturwissenschaftlichen Sinne ‚gesetzliche‘, sondern um in Regeln ausgedrückte adäquate ursächliche Zusammenhänge“. Das Wirken solcher Gesetze gilt, meinen Marx und Engels, vor allem, solange den Menschen die Bedeutung ihres Handelns unerkannt bleibt, sie verstehen solche Naturgesetze als sich „mit eherner Notwendigkeit wirkender und sich durchsetzenderTendenzen“ der Entwicklung, wie es im „Kapital“ auch heißt. (#23: 12) Gemeint ist damit, im Prozeß der rationalen Kapitalverwertung entstehen sekundäre unintendierte Prozesse mit der Tendenz, die Kapitalverwertung tendenziell unmöglich zu machen. Viel später schreibt Engels davon, ökonomische Gesetze seien nur „Ausdrücke für sich allmählich durchsetzende und sich gegenseitig durchkreuzende Tendenzen“. (Brief an Schmidt, 4.2.92; #38: 268) Bezüge auf die Naturgesetze in der Marxschen Arbeit sind also keineswegs solche der Naturwissenschaft, sondern solche der Gesellschaftswissenschaft, soziale Gesetze, die analog wirken wie solche in der Natur. Der notwendig kommende Untergang des Kapitalismus gerät unter dieser Prämisse nicht zu einer naturgesetzlichen Prognose, sondern zu einer solchen im Marxschen Modell der Kapitalverwertung. Und dieses Modell zeigte sich nicht als komplex genug, um die für Marx und Engels unerwartet lange Lebensdauer der bürgerlichen Gesellschaft zu erklären; sie rechneten ja zuerst mit einer weiteren bürgerlichen Revolution, nachdem die Revolution von 1848 - 1849 verloren war, der eine proletarische bald folgen würde. Marx hat dieses Problem veränderter Entwicklungstendenzen des neueren Kapitalismus offensichtlich bereits bemerkt, wie sein Zögern bei der Arbeit am „Kapital“ zeigt, dessen Forschungsarbeit er bereits 1867, nach der Veröffentlichung des (heute so verstandenen) ersten Bandes einstellte.
Geschichte. Die könne „von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abgeteilt werden. Beide Seiten sind indes nicht zu trennen ... Die Geschichte der Natur, die sogenannte Naturwissenschaft geht uns hier nicht an ... Die Ideologie selbst ist nur eine der Seiten dieser Geschichte“. (#3: 18) Auch die Ideologie gilt es also in dieser Methodik zu untersuchen. 1 Bereits vor dem Schreiben der damals unveröffentlichten „Deutschen Ideologie“ gaben Marx und Engels zusammen ein Buch mit dem Titel „Die heilige Familie“ heraus. Vieles in diesem Band ist, wie auch große Teile der „Deutschen Ideologie“, polemische Auseinandersetzung mit den Berliner Junghegelianer um die Gebrüder Bauer. 2 Es gibt darin aber eine interessante - Bacon zustimmende - Stelle von Marx, die beinahe als positivistisches Manifest durchgehen kann. „Die Wissenschaft ist Erfahrungswissenschaft und besteht darin, eine rationelle Methode auf das sinnlich Gegebene anzuwenden. Induktion, Analyse, Vergleichung, Beobachtung, Experimentieren sind die Hauptbedingungen einer rationellen Methode“. Aber das Zitat geht noch weiter, und nun wird die Erfahrungswissenschaft in unserem Verständnis (und auch der Positivismus) negiert, oder ergänzt: durch Dialektik, durch die Bewegung, den Prozeß. „Unter den der Materie eingebornen Eigenschaften ist die Bewegung die erste und vorzüglichste, nicht nur als mechanische und mathematische Bewegung, sondern mehr noch als Trieb, Lebensgeist, Spannkraft, als Qual - um einen Ausdruck Jacob Böhmes zu gebrauchen - der Materie“. (#2: 135) Dieser Zusammenhang wird später noch deutlicher werden, ist er hier doch noch ganz philosophisch angedacht. Und ein weiterer zukunftsweisender Punkt ist anzusprechen: der wissenschaftliche Standpunkt wird formuliert, von dem aus die neue Wissenschaft auf die Welt blicken soll. In einer handschriftlichen Skizze hatte Marx zu jener Zeit die sogenannten „Feuerbach-Thesen“ hinterlassen. In der zehnten These heißt es: „Der Standpunkt des alten Materialismus [incl. Feuerbachs] ist die bürgerliche Gesellschaft, der Standpunkt des neuen die menschliche Gesellschaft oder die gesellschaftliche Menschheit“. (#3: 7) Was in den früheren Gesellschaften als bloß Pöbel, Masse oder Menge eigentumsloser Menschen angesehen wurde, gehöre nun in die moderne Gesellschaft hinein, heißt das. Und insofern ist diese neue
1 Diese Passage wurde zwar im Text wieder ausgestrichen, dies aber offenkundig nicht, wie aus der Analyse der Wissenschaftsmethodik bei ihnen herausgelesen werden kann, weil sie dann als falsch angesehen wurde, sondern vielleicht, weil sie an dieser Stelle nicht passend erschien.
2 Engels, der vom Vater ohne Abitur in eine Kaufmannslehre gesteckt worden war, kam als Einjähriger, als Rekrut mit privatem Wohnsitz in die Hauptstadt Preußens, denn seit der Niederlage Napoleons war das Rheinland zu Preußen geschlagen. Er brachte es immerhin dazu, in den Kreis der Junghegelianer, den Doktorklub, aufgenommen zu werden, kurz nachdem deren Mitglied Marx Berlin verlassen hatte. Während Marx dann die Leitung der „Rheinischen Zeitung“ übernahm, ging Engels nach England zur weiteren Ausbildung. Auf der Rückreise Engels‘ nach Deutschland beginnt dann die intensive Zusammenarbeit an der „Heiligen Familie“ und wenig später an der „Deutschen Ideologie“, beide von 1845.
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Wissenschaft vom Standpunkt des Proletariats entwickelt worden und nicht mehr nur von dem der bürgerlichen Gesellschaft. Doch nur politisch wird das ein parteiischer Standpunkt. Aus der Sicht der Wissenschaft aber nicht, dort wird er zur methodischen Voraussetzung für den Blick auf die ganze Gesellschaft durch die neue Wissenschaft. Die ist für Marx und Engels das Höchste. Marx: „Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst..., sondern von außen, ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu akkommodieren [anzupassen] sucht, nenne ich ‚gemein‘“. (#26.2: 112) Engels warnt vor einem Ideal, damit könne niemand Wissenschaft betreiben.
Die Feuerbachthesen sind aber aus einem weiteren Grund von Bedeutung. Auch in ihnen wird implizit auf den Prozeß, auf Dialektik, nun aber im Marxschen Sinne, verwiesen. Das geschieht mit dem Begriff der Praxis. Am bisherigen Materialismus, den Feuerbachschen mit eingerechnet, wird kritisiert, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit würde nur unter der „Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt, nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv“. Feuerbach fasse die menschliche Tätigkeit nicht als gegenständliche. Das Objekt, das den Menschen - als Subjektengegenübersteht, ist also nichts bloß äußerliches, nicht nur Natur, Umwelt o. dgl., sondern die Praxis selbst. Die menschliche Tätigkeit, der Lebensprozeß ist das Objekt, in dem die Menschen als das Subjekt also wiederum enthalten sind. Deshalb sei - heißt es dann in der sechsten These - das Individuum in seiner Wirklichkeit „das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. (#3: 5f) Und deshalb kann es in der „Deutschen Ideologie“ heißen, daß „also die Umstände ebensosehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen“. (#3: 38) Spätestens hier sind 1845 nicht nur die Empirie und der Materialismus als Grundlage der neuen modernen Gesellschaftswissenschaft formuliert, sondern diese Grundlage ist eingebettet in eine nachhegelsche Form der Dialektik, in „meine dialektische Methode“, wie Marx im Nachwort zur zweiten Ausgabe des „Kapitals“ 1872 schreibt. Und die wird nicht nur der Hegelschen direkt entgegengesetzt, nicht nur vom Kopf auf die Füße gestellt, wie Marx selbst einmal formuliert, sondern führt später weit darüber hinaus in die kommende Struktur- oder Systemtheorie der modernen Soziologie, in die wissenschaftliche Analyse gesellschaftlicher Prozesse.
Was ist ein dialektischer Prozeß? Marx beschreibt ihn im Sinne Hegels in seiner Polemik gegen Proudhon 1847, in jenem Band, in dem die neuen gesellschaftlichen prozeßhaften Vorstellungen bereits direkt als Evolution bezeichnet werden. Bei Proudhon handele es sich „um Abstraktion, nicht um Analyse“. (#4: 127, 129) Er kritisiert Proudhon darin, wie der die Dialektik anwendet. Sobald nicht die historische Entwicklung der Produktionsverhältnisse verfolgt werde, sobald in Kategorien nur von selbst entstandenen Ideen, von den wirklichen Verhältnissen unabhängige Gedanken (!) gesehen würden, werde der „Ursprung dieser Gedanken in die Bewegung der reinen Vernunft“ (Hegels)
10 > Neue Wissenschaft
verlegt. (126) Aus der Individualität eines Hauses - erläutert Marx die Abstraktion - werde, wenn von Baustoffen abgesehen werde, eine (bestimmte) Form, davon abgesehen entstehe im nächsten Schritt (nur noch) ein Körper, werde von diesem Körper abgesehen, ergäbe sich nur ein Raum und als nächstes bloße Quantität. So ergäbe sich zuletzt nur noch die logische Kategorie als Substanz. Da alles, was auf der Erde und im Wasser lebt, nur vermittelst irgendwelcher Bewegung existiere, (!; 128) ließe sich nun auch von dieser abstrahieren und so ergäbe sich formelle Bewegung, eine logische Formel, die absolute Methode, wie Hegel sage, die Metaphysik, (!) die Bewegung der reinen Vernunft (die Ausrufungszeichen (!) verweisen auf ähnliche Formulierungen bei Engels). Die bestünde darin, sich selbst zu setzen, sich sich selbst entgegenzusetzen und schließlich wieder mit sich selbst in eins zu setzen: These, Antithese, Synthese. (127f) „Aber, einmal dahin gelangt, sich als These zu setzen, spaltet sich diese These, indem sie sich selbst entgegenstellt, in zwei widersprechende Gedanken, in Positiv und Negativ, in Ja und Nein. Der Kampf dieser beiden gegensätzlichen, in der Antithese enthaltenen Elemente bildet die dialektische Bewegung. Das Ja wird Nein, das Nein wird Ja, das Nein wird gleichzeitig Ja und Nein, das Nein wird gleichzeitig Nein und Ja; auf diese Weise halten sich die Gegensätze die Waage, neutralisieren sie sich, heben sie sich auf“. (128f) Und aus dieser Verschmelzung werde ein neuer Gedanke gebildet, die Synthese (oder Negation der Negation), und damit zugleich eine neue These. 1 Aus der einfachen Kategorie entstehe die Gedankengruppe und so fort zum ganzen philosophischen System. So sei „für Hegel alles, was geschehen ist und noch geschieht, genau das, was in seinem Denken vor sich geht“, und die Philosophie der Geschichte sei bloß noch die Geschichte der Philosophie. (129) Es gäbe dann nur die Folge der Ideen in der Vernunft. Hegel habe geglaubt, die Welt vermittels der Bewegung des Gedankens konstruieren zu können, während er nur die Gedanken systematisch ordne. Marx: „Was die dialektische Bewegung ausmacht, ist gerade das Nebeneinanderbestehen der beiden entgegengesetzten Seiten“. (133) In der wirklichen historischen Bewegung sei es aber immer das Negative, welches die dialektische Bewegung voranbringe, wie die Leibeigenen im Feudalismus, die in die Städte flüchteten und in ihnen das frühe Bürgertum unterstützten, oder jetzt das Proletariat in der bürgerlichen Gesellschaft, welches ja für Marx eine neue, weil ergänzte Welt repräsentiert. Dieses (schöpferische) Negative wolle der kleinbürgerliche, an handwerklicher Produktion orientierte Proudhon allerdings stets ausmerzen. So Marx 1847; und schon in diesem frühen Text sagt er auch, die Geschichte ginge nicht so kategorisch vor - wie bei Hegel und Proudhon ist gemeint. (145) Es gäbe - heißt das - keine logische Abfolge der Geschichte, also auch keine deterministische, sondern nur eine historische, es kann eben so oder anders kommen. So wie es in Rom/ Byzanz zwar bereits Kapital und freie Arbeit
1 Gelegentlich wird die Nutzung von These bis Synthese als naiv o. dgl. hingestellt, undenkbar für wirkliche WissenschaftlerInnen soll das heißen - hier hören wir einen Ober-Naiven.
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gegeben habe, aber dennoch kein Kapitalismus entstanden sei, wie er an anderer Stelle sagt. Der dialektische Prozeß, kann auch gesagt werden, entsteht aus dem inneren Widerspruch, nicht durch äußeren Einfluß: eine Identität/ Einheit (These) entwickelt einen inneren Widerspruch und wird dabei zur Antithese und im nächsten Schritt zu einer neuen Qualität der ursprünglichen Einheit (Synthese), spiralförmig, hat Engels das mal genannt. Diese stringente Form ist bei Hegel nur als teleologische, als auf ein bestimmtes Ziel hin führende Entwicklung denkbar. Bei Marx gehen solche prozessualen Bewegungen aber nicht mehr, zeigt Godelier, nur von einer Einheit aus, weil sie bei ihm an wichtiger Stelle schon 1845 zwischen zwei Einheiten/ Strukturen stattfände, zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Der dialektische Prozeß ist also ein sich selbst verändernder Prozeß. Dem entspricht schon die alte griechische Dialektik in der Kommunikation, woraus sich die Begriffe von These, Antithese und Synthese entwickelten. Klassischer Fall des sich selbst verändernden Prozesses ist die Kapitalverwertung. Durch den Umlauf des Kapitals kommt es im Erfolgsfall für das einzelne Kapital regelmäßig, durchschnittlich oder typischerweise, zu einer Erhöhung des Kapitals. Nach Produktion und Verkauf einer Ware ist mehr Kapital vorhanden als zuvor. Die Bedingungen beim nächsten Umlauf des Kapitals sind andere als bei dem zuvor, weil in diesem Prozeß eine besondere Ware funktioniert, wie Marx schreibt, die mehr Wert produziert als sie verbraucht - die Arbeitskraft der Lohnabhängigen wird geringer bezahlt als sie Wert schafft (nach Abzug der Produktionskosten). Aber auch derjenige Teil-Prozeß ist zu nennen, bei dem durch die Konkurrenz in einer Fabrik immer weniger Leute beschäftigt werden, weil bessere Maschinen die Produktivität erhöhen, zugleich dadurch aber der produzierte Mehrwert sinkt, den nur Beschäftigte erarbeiten. Dieser Prozeß führt notwendigerweise zum Untergang des Kapitalismus. Jedenfalls, wenn ein solcher Umlauf des Kapitals - wie im ersten (!) Band des „Kapitals“ analysiert - isoliert, insofern typisch, statisch betrachtet wird. In der Realität geht es aber um die Summe der Fabriken, um die anarchische Industrie mit nicht statischen, sondern dynamischen Prozessen als einem weitergehenden Typus (im dritten ! Band), die sich aus dieser Verringerung der Mehrwertproduktion in den Fabriken ergeben. Weshalb nur von einer Tendenz des Untergangs die Rede sein kann (tendenzieller Fall der Profitrate). Und in dieser evolutionären Entwicklung, also im Prozeß innerhalb der Produktivkräfte, dann aber auch zwischen Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen, entstehen zugleich Vergesellschaftungen, z. B. wenn für immer bessere Maschinen immer besser ausgebildete Beschäftigte benötigt werden, die bald den Laden auch allein schmeißen und sich ein Management engagieren können, wie Marx findet. Doch der wichtigste dialektische Prozeß im frühen Werk von Marx und Engels ist der der gesellschaftlichen Entwicklung selbst: durch Arbeit in der Natur verändern die Menschen ihre Umwelt, durch die sie geprägt werden, wodurch sie sich selbst ändern - in ihrem Lebensprozeß, ihrer Praxis. So wird
Arbeit zitieren:
Dr. Lars Hennings, 2008, Karl Marx und Max Weber als Gründerväter der Soziologie?, München, GRIN Verlag GmbH
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