Inhaltsverzeichnis
VORWORT 4
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS 5
1. EINLEITUNG 6
1.1 ÜBERLEGUNGEN ZU THEORIE UND METHODIK 8
1.2 ERKENNTNISINTERESSE UND ANALYSEGLIEDERUNG 10
1.3 BEGRIFFSBESTIMMUNGEN 11
2. DIE HISTORISCHE DIMENSION DES ZYPERNKONFLIKTS 13
2.1 VON DER VORGESCHICHTE BIS ZUR LATEINERHERRSCHAFT 13
2.2 DIE OSMANENHERRSCHAFT 15
2.3 DIE BRITISCHE KOLONIALHERRSCHAFT 18
2.3.1 Die britische Kolonialverfassung 18
2.3.2 Zypern als britische (Kron-)Kolonie 20
2.3.3 Die Internationalisierung der Zypernfrage 22
2.3.4 Antikolonialkampf und Unabhängigkeit 25
2.4 VON DER STAATSGRÜNDUNG BIS 1974 30
2.4.1 Die Verfassung der Republik Zypern von 1960 30
2.4.2 Die Zypernkrise von 1963 und 1964 31
2.4.3 Das Eingreifen der Türkei 1974 34
2.5 VON DER TEILUNG BIS ZUM EU-BEITRITT 39
2.5.1 Nord-Zypern nach 1974 39
2.5.2 Die Republik Zypern nach 1974 41
2.5.3 Lösungsinitiativen bis 2004 und EU-Beitritt 43
3. DIE AKTEURE DES ZYPERNKONFLIKTS 54
3.1 DIE REPUBLIK ZYPERN (RO)C 54
3.1.1 Die Geografie Zyperns 54
3.1.2 Das Politische System der Republik Zypern 55
3.1.3 Die machtanalytische Disposition der Republik Zypern 62
3.1.4 Konfliktperzeption und -interessen der Republik Zypern 65
3.2 DIE TÜRKISCHE REPUBLIK NORD-ZYPERN (TRNZ) 68
3.2.1 Das Politische System der TRNZ 68
3.2.2 Die machtanalytische Disposition der TRNZ 73
3.2.3 Konfliktperzeption und -interessen der TRNZ 75
3.3 DIE TÜRKEI 77
3.3.1 Das Politische System der Türkei 78
3.3.2 Die machtanalytische Disposition der Türkei 82
3.3.3 Konfliktperzeption und -interessen der Türkei 85
3.4 GRIECHENLAND 88
3.4.1 Das Politische System Griechenlands 88
3.4.2 Die machtanalytische Disposition Griechenlands 92
3.4.3 Konfliktperzeption und -interessen Griechenlands 94
2
Inhaltsverzeichnis
3.5 DIE GRIECHISCH-TÜRKISCHEN KONFLIKTBEZIEHUNGEN 97
3.5.1 Der Ägäiskonflikt 97
3.5.2 Das Minderheitenproblem 99
3.6 MULTI- UND INTERNATIONALE AKTIONSEINHEITEN ALS KONFLIKTAKTEURE 102
3.6.1 Konfliktperzeption und -interessen der Europäischen Union 102
3.6.2 Konfliktperzeption und -interessen der Vereinten Nationen 103
4. SYNOPSIS: DIE KONSTELLATION DES ZYPERNKONFLIKTS 105
5. BEWERTUNG UND SCHLUSSFOLGERUNGEN 109
LITERATURVERZEICHNIS 112
ANHANG
GLOSSAR 117
ZEITTAFEL 119
ABBILDUNG 1: Übersichtskarte Zypern 120
ABBILDUNG 2: Verfassung und Organe der Republik Zypern (1960) 121
3
VORWORT
Im Sommer 1999 konnte ich an einem von der Friedrich-Ebert-Stiftung initiierten deutschzypriotischen Jugendtreffen auf Zypern teilnehmen. Bei diesem Besuch hatte ich die Gelegenheit, mich im Rahmen zahlreicher Gespräche und Diskussionen mit jungen Zyperngriechen, aber auch mit Regierungs- und Oppositionspolitikern der Republik Zypern (u.a. Ioannis Kassoulidis 1 und Vassos Lyssarides 2 ) erstmals direkt mit der Problematik des Zypernkonflikts zu befassen.
Ein Besuch des türkischen Teils der Insel war mir zwar aufgrund meiner griechischen Staatsangehörigkeit nicht möglich doch konnte ich, durch den gemeinsamen sprachlichen und ethnischen Hintergrund, aufschlussreiche Einblicke in das Gefüge der Ansichten, Wünsche und Hoffnungen meiner zyperngriechischen Gesprächspartner gewinnen. Dabei habe ich eine starke Entfremdung der jungen Zyperngriechen von den benachbarten Zyperntürken festgestellt und erfahren, dass meine Gesprächspartner einer Vereinigung mit dem türkischen Inselnorden meist ablehnend gegenüber standen. In der Hauptsache sahen sie eine Lösung des Zypernkonflikts in zwei möglichen Szenarien:
a) die türkischen Truppen verlassen die Insel, die zyperngriechischen Flüchtlinge kehren zurück, es werden Entschädigungen an die Zyperngriechen gezahlt und es wird ein Einheitsstaat mit klarem Mehrheitsprinzip eingeführt oder b) der Status quo wird beibehalten.
Trotz oder gerade wegen meiner griechischen Herkunft (meine Eltern sind zu Beginn der 1960er Jahre aus Nordgriechenland als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und als Einwanderer hier geblieben) sehe ich mich in der Lage, ein weitgehend objektives Bild der Situation wiederzugeben. Durch meine ausschließlich in Deutschland erfolgte Sozialisation habe ich trotz Sympathie für Griechenland die nötige kritische Distanz, die es mir ermöglicht, mich emotionslos und wissenschaftlich unvoreingenommen mit dem Zypernkonflikt zu befassen.
Die Eindrücke, die ich während meines Zypern-Aufenthalts bekam und die sich während der weiteren Befassung mit dem Zypernkonflikt verstärkten, werfen die auch für diese Arbeit zentrale Frage auf: Ist unter den gegebenen Fakten eine Wiedervereinigung Zyperns überhaupt möglich oder handelt es sich bei der vieldiskutierten Wiedervereinigung nur um eine Illusion der internationalen Politikdiskussion?
1 Damals Außenminister der Republik Zypern
2 Vorsitzender der damaligen EDEK
4
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
AKEL Anorthotiko Komma Tou Ergazomenou Laou (=Aufbaupartei d. arbeitenden Volkes)
BDH
BIP Bruttoinlandsprodukt
CHP
CTP Cumhüriyetci Türk Partisi (=Türkisch-Republikanische Partei)
DHP Demokratik Halk Partisi (=Demokratische Volkspartei)
DIY
DP Demokrat Parti (=Demokratische Partei)
EDEK
EG Europäische Gemeinschaft(en)
EOKA B
EP Europäisches Parlament
EU Europäische Union
EVSP
GASP Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU
KISOS
KOP
ND
NSR Nationaler Sicherheitsrat (in der Türkei und in der TRNZ)
OSZE Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
PEO
ROC Republic of Cyprus (=Republik Zypern)
SYN
TKP
TRNC Turkish Republic of Northern Cyprus
UBP
UNFICYP United Nations Peace-Keeping Force in Cyprus (=UN-Friedenstruppe in Zypern)
UN United Nations (=Vereinte Nationen)
USA United States of America (=Vereinigte Staaten von Amerika)
5
„Das Cypern-Problem ist zwar nicht undurchschaubar [...] aber es ist in der Tat komplizierter als die meisten [...] Probleme internationaler Politik.“ 3
1. EINLEITUNG
Diese Arbeit setzt sich mit einem der wohl ältesten und am schwierigsten zu verstehenden politischen Konflikte der heutigen Zeit auseinander, dem Zypernkonflikt.
Als im April 2004 der sog. Annan-Plan am negativen Votum der Zyperngriechen scheiterte, herrschte in den Kreisen der westlichen Diplomatie Verwunderung und Ärger zugleich, da die bisherigen Verhältnisse sozusagen „auf den Kopf gestellt“ wurden. Während die, ehedem als „Lösungsverhinderer“ geltenden, Zyperntürken sich eindeutig für die Vereinigung aussprachen, lehnten die bis dahin stets auf Vereinigung pochenden Zyperngriechen den Plan mit überwältigender Mehrheit ab. Somit entstand für den Beobachter der Eindruck, dass „ein Rollentausch der Neinsager“ 4 stattgefunden hatte. Die zyperngriechische Ablehnung machte die von der Europäischen Union (EU) gehegte Wunschvorstellung des Beitritts eines vereinten Zyperns zunichte. In der Konsequenz wurde der Zypernkonflikt seinem Ruf als „Diplomatenfriedhof“ einmal mehr gerecht.
Der Zypernkonflikt ist von außerordentlich komplexer Natur. Zuallererst ist er ein Konflikt zwischen den griechischen und türkischen Zyprern sowie zwischen der Republik Zypern und der Türkei. Er ist aber auch Teil des komplizierten Konfliktgefüges zwischen den Bezugsnationen der zyprischen Volksgruppen - Griechenland und der Türkei - und damit auch ein Konflikt zwischen NATO-Partnern.
Die Auseinandersetzung auf und um die Mittelmeerinsel betrifft auch die EU, da der griechische Teil, die Republik Zypern (ROC), am 1. Mai 2004 im Rahmen der Osterweiterung der EU beigetreten ist. Die Schwierigkeit dabei: Formal und in territorialer Hinsicht ist zwar die gesamte Insel in die EU aufgenommen worden, tatsächlich existiert im Inselnorden mit der Türkischen Republik Nord-Zypern (TRNZ) ein, außer von der Türkei, international nicht anerkannter, zyperntürkischer Nationalstaat, der sich
3 Zit. n. Kadritzke, Niels/Wagner, Wolf: Im Fadenkreuz der NATO - Ermittlungen am Beispiel Cypern, Rotbuch Verlag, Berlin, 1976; S.11
4 Wania, Sylvia: Rollentausch der Neinsager auf Zypern, in: Hamburger Abendblatt v. 26.04.2004; URL: http://www.abendblatt.de/daten/2004/04/26/288129.html?prx=1 (Abruf vom 19.09.2006)
6
der Kontrolle durch die Regierung der ROC entzieht. Insofern stellt die seit mehr als 30 Jahren bestehende UN-Pufferzone zwischen der Republik Zypern und der TRNZ faktisch eine EU-Außengrenze dar.
Mit dem EU-Beitritt der ROC ist also eine vielschichtige Konfliktkonstellation zwischen ihr und der TRNZ, dem EU-Beitrittsaspiranten Türkei, die ihrerseits die Republik Zypern völkerrechtlich nicht anerkennt, dem EU-Staat Griechenland und der EU selbst entstanden.
Die nach dem Scheitern des UN-Vereinigungsplans von 2004 resultierende Situation wirft eine Reihe von Fragen auf: Sind die Ziele und Interessen der Zyperngriechen und der Zyperntürken überhaupt in einem gemeinsamen Staat vereinbar? Inwiefern handelt es sich bei der im Referendum von 2004 gescheiterten Wunschvorstellung der Internationalen Politikdiskussion - nämlich der Wiedervereinigung Zyperns in einem bi-zonalen, bi-kommunalen und föderativen Staat - um eine Illusion?
Der Zypernkonflikt geht zudem in seiner Bedeutung über die Insel und die Bezugsnationen hinaus. Die Republik Zypern liegt geografisch „im Vorhof“ des unruhigen Nahen Ostens und ist der EU-Vorposten in einer insgesamt sehr konfliktträchtigen Weltregion. Somit sind auch die militärstrategischen Interessen der NATO, der USA und Großbritanniens betroffen (die Briten unterhalten nach wie vor zwei ausgedehnte Militärstützpunkte auf der Insel). Von manchen Ereignissen ist Zypern sogar direkt betroffen - man denke hierbei an die jüngsten (2006) kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Hisbollah-Milizen im Süd-Libanon. Mehr als 30.000 Kriegsflüchtlinge aus dem Libanon suchten auf Zypern Schutz. 5
Die Ursachen und Folgen des Zypernkonflikts werden in der Perzeption der direkten Konfliktgegner höchst unterschiedlich bewertet. Während die Zyperngriechen in der türkischen Militäroperation vom Juli 1974 die Ursache für den heutigen Zypernkonflikt sehen, wird die türkische Besetzung Nordzyperns von der zyperntürkischen Seite immer noch als Befreiungs- und Befriedungsmaßnahme verstanden. Die Zyperntürken sehen die türkischen Soldaten als Sicherheitsgarantie - die Zyperngriechen fühlen sich durch die starke Militärpräsenz massiv bedroht.
5 o.V.: „Libanon-Krieg : Weiterer Flüchtlingsstrom erreicht Zypern“, auf: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,428140,00.html (Abruf vom 24.07.2006)
7
In der Zypern-Forschung gibt es im Wesentlichen zwei Richtungen: Die herrschende Meinung in der Politikwissenschaft (mit Autoren wie Pavlos Tzermias, Peter Zervakis oder Heinz-Jürgen Axt) geht ebenso wie die Politik vom Paradigma der Wiedervereinigung aus. Die davon abweichende Auffassung, vor allem vertreten von (zypern)türkisch-stämmigen bzw. turkophilen Autoren (z.B. Gülistan Gürbey, Suzan Tatli oder Uli Piller), begründen die Möglichkeit einer endgültigen Teilung einschließlich der allgemeinen völkerrechtlichen Anerkennung der TRNZ und befürworten diese als Lösung. Der Verfasser dieser Arbeit möchte sich in seinen Ausführungen aber keiner dieser beiden Richtungen in Gänze anschließen, sondern eine unvoreingenommene, nicht paradigmatische Sicht auf den Zypernkonflikt finden.
1.1 Überlegungen zu Theorie und Methodik
Das Ziel dieser Arbeit ist es, im Sinne des oben bereits angedeuteten Erkenntnisinteresses, diesen Teilbereich der Internationalen Politik in strukturierter, realitätsnaher und rational begründeter Art und Weise abzubilden und, unter Nutzung dieser Darstellung, mögliche Entwicklungstendenzen prognostisch zu untersuchen.
Der Zypernkonflikt mit seiner ethnischen und religiösen Dimension ist geradezu prädestiniert dafür, für eine der beiden Seiten (Zyperngriechen oder Zyperntürken) Partei zu ergreifen und so in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema eine emotionale und womöglich tendenziöse Richtung vorzugeben. Um eben dies zu vermeiden und um eine möglichst objektive Sicht auf den Zypernkonflikt zu gewinnen, soll dieser Abhandlung der neorealistische Ansatz nach Gottfried-Karl Kindermann als theoretischer und methodologischer Analyserahmen zugrunde liegen. Auf dieser Grundlage verpflichtet sich der Untersuchende zu einer praxisorientierten Form der Analyse und zur Theoriebildung anhand des systematischen Vergleichs historischer Erkenntnisse. Dabei folgt diese Untersuchung analytisch und methodisch in wesentlichen Teilen der (stark vereinfachten) Form einer Konstellationsanalyse nach Kindermann. 6 Kindermann folgend, handelt es sich bei einer Konstellation um
6 Kindermann, Gottfried-Karl (Hrsg.): Grundelemente der Weltpolitik, Serie Piper, B. 553, 3. erweiterte Auflage, Verlag Piper, München, 1986, S.106 ff.
8
„die konkrete Beschaffenheit eines Beziehungsgefüges zwischen Staaten zum Zeitpunkt einer bestimmten historischen Situation.“ 7
Die Komponenten einer Konstellation sind die beteiligten Staaten (als Primäreinheiten) und die weiteren außenpolitisch bedeutsamen Aktionseinheiten, wie z.B. die EU oder die UN sowie deren konfliktbezogene Interaktionsprozesse. Dabei wird auf makroanalytischer Ebene einer Verortung der Konstellation in Bezug auf die Weltpolitik vorgenommen. Auf der mikroanalytischen Ebene werden die innerstaatlichen Subsysteme untersucht. Die Konstellation stellt also ein aus Teilsystemen bestehendes, multipolares Interaktionssystem dar. In der Analyse werden dementsprechend zunächst die relevanten Teilsysteme festgelegt und untersucht. Bei der Betrachtung der Teilsysteme werden die folgenden Untersuchungen vorgenommen:
a) Normenanalyse - also die Untersuchung der rechtlichen, d.h. verfassungsmäßigen Grundlagen des Staates;
b) Systemanalyse - d.h. eine Untersuchung hinsichtlich des Politischen Systems; c) Machtanalyse - in dieser Arbeit die Untersuchung der volkswirtschaftlichmilitärischen Disposition der Akteure;
d) Perzeptionsanalyse - also die Betrachtung, wie die jeweiligen Akteure die Konstellation wahrnehmen;
e) Interessenanalyse - d.h. die Hinterfragung der Interessen der Akteure der Konstellation.
Nach der daraus folgenden Darstellung des Wirkungszusammenhangs der Teilsysteme wird anschließend eine re-integrierende Synopsis vorgenommen. Entsprechend der Konstellationsdefinition Kindermanns wird es zudem notwendig sein, vor Beginn der Untersuchung eine Abgrenzung des Analysezeitraums bzw. eine Definition des Analysezeitpunkts vorzunehmen. Darüber hinaus ist es erforderlich, in Form einer historischen Betrachtung diejenigen Begebenheiten zu beleuchten, welche zur Konfliktkonstellation geführt haben und sie erklärbar machen.
7
Zit. n. Kindermann, 1986, S.106
9
1.2 Erkenntnisinteresse und Analysegliederung
Das zentrale Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit besteht darin, zu analysieren inwieweit und aus welchen Gründen die von der Internationalen Politikdiskussion favorisierte und von der Politik propagierte Wiedervereinigung Zyperns eine realistische Perspektive oder eine Illusion darstellen könnte.
Zur zeitlichen Abgrenzung der Untersuchung soll der Analysezeitraum auf die Zeit zwischen dem Beitritt der Republik Zypern zur EU am 1. Mai 2004 und der Jahresmitte 2006 begrenzt werden. Dieser Zeitraum beeinhaltet auch den Zeitpunkt des EU-Beitritts der Republik Zypern am 1. Mai 2004. Der Beginn des Analysezeitraums wird also durch die mehrheitliche Ablehnung der Wiedervereinigung durch die Zyperngriechen im Referendum hinsichtlich des von der UN vorgeschlagenen Einigungsplanes charakterisiert.
Darüber hinaus soll bei der Darstellung der historischen Dimension des Zypernkonflikts nicht darauf verzichtet werden, die für das bessere Verständnis und die Entwicklung der Analyse notwendigen Teilaspekte der neueren und alten Geschichte Zyperns und des Zypernkonflikts zu beleuchten. Aufgrund der derzeitigen Aktualität und den damit einhergehenden Entwicklungen wird der Analysezeitraum jedoch nicht klar abgegrenzt sondern eher als Richtlinie verstanden.
Direkt von der Konfliktkonstellation betroffen sind die Zyperngriechen und die Zyperntürken. Die entsprechenden staatlichen Aktionseinheiten sind die Republik Zypern und - trotz ihrer Nichtanerkennung durch die Völkergemeinschaft - die Türkische Republik Nord-Zypern. Diese beiden Teilsysteme sollen daher einer detaillierten Analyse unterzogen werden. Da der Türkei nicht nur als ambitionierte Regional-und Schutzmacht der TRNZ sondern als EU-Beitrittskandidat, im Zypernkonflikt eine besondere Rolle zukommt, wird auch sie näher untersucht. Griechenland spielt als Bezugsnation der Zyperngriechen zwar eine maßgebliche Rolle, ist aber nicht im gleichen Umfang vom Konflikt berührt wie die Türkei und soll daher in weniger ausführlicher Form analysiert werden. Es soll darüber hinaus auch eine Verortung des Zypernkonflikts im Rahmen der griechisch-türkischen Konfliktbeziehungen vorgenommen werden.
10
Da EU und UN nicht in gleichem Maße wie die o.g. Hauptakteure betroffen sind, soll hier auf die ausführliche Teilsystemanalyse verzichtet werden. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, werden die anderen betroffenen Akteure und Aktionseinheiten wie USA, Großbritannien und NATO nicht in die Betrachtungen mit einbezogen. Ohnehin ist davon auszugehen, dass eine zukünftige Konfliktlösung nur im Zusammenspiel der Hauptakteure einschließlich EU und UN erreicht werden kann. Abschließend soll versucht werden, in Form einer re-integrativen Synopsis der Analyse aller untersuchten Aktionseinheiten und der sich ergebenden Wirkungszusammenhänge, eine zukunftsorientiert-prognostische Aussage hinsichtlich der Fragestellung der Arbeit zu formulieren.
1.3 Begriffsbestimmungen
Einige der in dieser Arbeit verwendeten Begriffe bedürfen zum klareren Verständnis einer Definition, da sie auch in der fachwissenschaftlichen Literatur nicht immer eindeutig oder wertfrei gebraucht werden.
Im Rahmen dieser Abhandlung werden die Bezeichnungen „Republik Zypern (ROC)“ und „Türkische Republik Nord-Zypern (TRNZ)“ als nomenklatorisch gleichwertig angesehen, obwohl die TRNZ völkerrechtlich nicht anerkannt ist. Demzufolge verzichtet der Verfasser auf die in der Literatur und in zyperngriechischen wie zyperntürkischen Veröffentlichungen häufig anzutreffende „Gänsefüßchennomenklatur“ oder auf entsprechende Relativierungen (z.B. „TRNZ“ oder „griechisch-zyprische Verwaltung“ statt „Republik Zypern", etc.). Des Weiteren finden in der vorliegenden Arbeit die Begriffe „griechische Zyprer“, „Zyperngriechen“ und „zyperngriechisch“ resp. „türkische Zyprer“, „Zyperntürken“ und „zyperntürkisch“ jeweils synonym Verwendung. Auf den Gebrauch der ebenso häufig in der einschlägigen Literatur anzutreffenden Kunstbegriffe „Inseltürken“ und den Begriff „Türkenzyprer“ resp. „Inselgriechen“ und „Griechenzyprer“ möchte der Verfasser aus sprachästhetischen Gründen verzichten und nimmt damit eine oftmalige Wiederholung der o.g. Begriffe bewusst in Kauf. Der veraltete Begriff „Zyprioten“ wird ausschließlich im Rahmen der historischen Betrachtungen bis 1878 gebraucht um die griechischen Inselbewohner zu benennen. Für die Zeit nach 1878 und in den anderen Teilen der Arbeit wird bewusst auf die Benutzung dieses Begriffs verzichtet. Findet die Bezeichnung „Zyprer“ Verwendung, so sind
11
damit stets alle Bewohner Zyperns, unabhängig von ihrer ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit, gemeint.
Wenn im Rahmen der historischen Betrachtungen von „Kommunalwahlen“ die Rede ist, so sind damit nicht etwa Gemeindewahlen nach üblichem Verständnis gemeint, sondern vielmehr Wahlen innerhalb der beiden zyprischen Volksgruppen. 8
8 „Kommunalwahlen“ also im Sinne eines bi-kommunalen Staates
12
2. DIE HISTORISCHE DIMENSION DES ZYPERNKONFLIKTS
Um die für das bessere Verständnis der Konfliktkonstellation und die Entwicklung der Analyse notwendigen Teilaspekte der alten und neueren Geschichte Zyperns und des Zypernkonflikts zu beleuchten, ist es unerlässlich, die für die heutige Situation immer noch prägenden historischen Hintergründe der Insel darzustellen. Dabei wird bewusst recht weit in die Vergangenheit der Insel zurückgeblickt um diejenigen Aspekte aufzuzeigen, die noch heute die Konfliktperzeption durch die Akteure beeinflussen, bzw. aufgrund derer die Zyperngriechen resp. die Zyperntürken ihre jeweiligen Ansprüche auf die Insel rechtfertigen.
Von der Vorgeschichte bis zur Lateinerherrschaft 9 2.1
Bereits ab dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend begann mit der Besiedelung Zyperns durch die Achäer der Prozess der Hellenisierung, durch den die griechische Sprache und Kultur auf Zypern verwurzelt wurden. 10
Als strategisch bedeutsamer Stützpunkt sowie zur Ausbeutung von Bodenschätzen und Bevölkerung war die Insel stets von Interesse für zahlreiche Eroberer z.B. für Ägypter oder Perser. Da diese jedoch Zypern nicht systematisch kolonisierten und die wenigen nichtgriechischen Siedler von der Bevölkerung schnell assimiliert wurden, blieb der antike griechische Einfluss auf der Insel trotz der wechselnden Herrscher ungebrochen. Der bestehende Hellenisierungsprozess wurde durch die spätere Zugehörigkeit zum Reich Alexanders des Großen und zum hellenistischen Reich der Ptolemäer noch verstärkt. 11 Ab 58 v. Chr. war Zypern römische Provinz und wurde bereits im vierten Jahrhundert christianisiert. 12 Mit der Verlagerung der Hauptstadt des Römischen Reiches von Rom nach Konstantinopel im Jahr 330 n. Chr. ging die Herrschaft Roms fließend in die Herrschaft Ostroms über. Somit wurde Zypern Teil des sehr stark griechisch geprägten Byzantinischen Reiches. 13
9 Zu diesem Abschnitt siehe Hillenbrand, Klaus: Cypern, Beck’sche Reihe: Aktuelle Länderkunden, BsR 837, Verlag C.H. Beck, München, 1990, S.24 ff.
10 Presse- und Informationsamt Zypern (Hrsg.): Zypern, Nikosia, 1999, S.17
11 Presse- und Informationsamt Zypern (Hrsg.): Zypern, Nikosia, 1999, S.17
12 Mühleisen, Hans-Otto: Der Zypernkonflikt 1950 -1984, in: Inseln als Brennpunkte internationaler Politik, Verlag Wissenschaft und Politik, Köln, 1986, S.110
13 Tzermias, Pavlos: Geschichte der Republik Zypern, 3., überarbeitete u. aktualisierte Auflage, A. Francke Verlag, Tübingen, 1998, S.7
13
In dieser Epoche entwickelte sich die griechisch-orthodoxe Kirche zu einer bedeutenden machtpolitischen Instanz für die Insel. Verstärkt wurde die Bedeutung des orthodoxen Klerus durch die im fünften Jahrhundert erteilte Autokephalie (Glossar), welche bis heute Bestand hat. 14 Der auch heute immer noch spürbare Einfluss des Klerus auf Politik und Gesellschaft ist darauf zurückzuführen. Von kurzen arabischen Einfällen abgesehen, gehörte Zypern fast 900 Jahre lang Teil zum Byzantinischen Reiche. Dieser Umstand und die Tatsache der antiken Hellenisierung, werden sowohl in der (zypern-)griechisch geprägten Literatur, als auch in der Wahrnehmung der Griechen bzw. der Zyperngriechen als Argument für den uneingeschränkt griechischen Charakter Zyperns angeführt. So schreibt George Tenekides 1960, dass die Insel „seit 2000 v.Chr. griechisch [ist] und [...] es trotz aller Wechselfälle der Geschichte bis heute geblieben [ist]”. 15 Diese Einschätzung der zyperngriechischen Perzeption kann man ohne weiteres auch heute noch gelten lassen. Die Tatsache, dass die Zyperntürken von den Zyperngriechen nur als Minderheit und nicht als gleichberechtigtes Staatsvolk wahrgenommen werden und die Zyperngriechen nicht bereit sind, Macht und Souveränität mit ihnen zu teilen, findet wohl darin ihre Ursache.
Nach der Eroberung durch die Kreuzfahrer im 12. Jahrhundert begann die Herrschaftszeit der Franken und Lateiner. 16 Zunächst beherrschte die französische Dynastie der Lusignans die Insel, danach gehörte Zypern von 1498 bis 1571 zur Republik Venedig.
In der lateinischen Herrschaftsperiode fanden keine nennenswerten demografischen Strukturverschiebungen statt - lediglich die herrschende Oberschicht war nichtzypriotischen Ursprungs - einige wichtige gesellschaftliche Veränderungen gab es aber: Viele Zyprioten gerieten in Leibeigenschaft und auch die griechisch-orthodoxe Kirche musste unter den römisch-katholischen Machthabern erhebliche Beschränkungen hinnehmen, so wurde beispielsweise um das Jahr 1275 das wichtige Amt des Erzbischofs abgeschafft. 17 Dies war u.a. einer der Gründe, weshalb die grie-chisch-orthodoxe Kirche zum Mittelpunkt des Widerstands gegen die Lateinerherrschaft wurde und sich die griechische Bevölkerung mit ihr solidarisierte.
14 Mühleisen, 1986, S.110
15 Tenekides, Georges: Zypern - Jüngste Geschichte und politische Perspektiven, Nagel Verlag, Genf, 1966, S.13
16 Tzermias, 1998, S.8
14
Zypern hatte für die Republik Venedig die Bedeutung eines wichtigen, militärstrategisch vorteilhaften Stützpunkts. 18 Im Zusammenspiel mit der, ebenfalls venezianischen Insel Kreta sollte Zypern dem Ziel dienen, das östliche Mittelmeer zu kontrollieren. 19
2.2 Die Osmanenherrschaft
Nach langer Belagerung durch die Osmanen endete im Jahr 1571 die Herrschaft der Venezianer über Zypern und es begann die Herrschaftsperiode des Osmanischen Reiches. Jedoch waren die Eroberungskämpfe sehr verlustreich und allein beim Kampf um die stark befestigte Stadt Famagusta verloren 50.000 osmanische Kämpfer ihr Leben. 20 Der Umstand, dass Zypern „teuer erkauft wurde“ ist den (Zypern)Türken heute noch im Bewusstsein und auch ein Grund für die heutigen türkischen Besitzansprüche auf Zypern. Dieser Regimewechsel wurde von einigen der damals 200.000 Zyprioten 21 begrüßt und nicht wenige kooperierten mit den osmanischen Eroberern. 22 Angesichts der repressiven und ausbeuterischen Herrschaft Venedigs scheint dies auch nachvollziehbar. Treffend formuliert Gülistan Gürbey:
„Manchem Zyprioten schien der türkische Turban angesichts der venezianischen Ausbeutungspraktiken willkommener als der Lateinerhut.“ 23
Der Beginn der Osmanenherrschaft war also keineswegs ausschließlich von Feindschaft geprägt, obwohl die meisten Zyprioten gemeinsam mit den Venezianern gegen die osmanischen Angreifer kämpften. 24 Mit der Eroberung Zyperns durch die Osmanen wurde der Grundstein für die türkische Bevölkerung der Insel gelegt. Es wurden zwischen 15.000 und 20.000 demobilisierte Soldaten und anatolische Bauern auf der Insel angesiedelt. Da dies nicht in räumlich konzentrierter Form erfolgte, lebten diese Neusiedler verstreut auf der Insel und bildeten überall eine Minderheit unter der griechischen Bevölkerung. 25 Bei den Bauern und den ehemaligen Soldaten han-
17 Gürbey,Gülistan: Zypern - Genese eines Konfliktes, Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler, 1988, S.13
18 Tzermias, 1998, S.12
19 Tenekides, S.35
20 Tenekides, S.37
21 Hillenbrand, 1990, S.19
22 Tzermias, 1998, S.13
23 Zit. n. Gürbey, S.13
24 Gürbey, S.13 u. Tzermias, 1998, S.13
25 Hillenbrand, 1990, S.18 f. u. S.36
15
delte es sich nicht ausschließlich um Türken oder Muslime sondern um Angehörige anderer Ethnien und Religionen. 26
Aufgrund der Tatsache, dass Muslime im Osmanischen Reich wesentlich geringere Abgaben zu leisten hatten als Angehörige anderer Religionsgemeinschaften, konvertierten viele Griechen zum Islam. Viele dieser Konvertiten waren Kryptochristen (Glossar). 27 Nicht selten traten komplette christliche Dörfer zum Islam über, pflegten aber weiterhin den Gebrauch der griechischen Sprache. Beleg dafür sind u.a. Dörfer, die selbst nach sehr langer Zeit immer noch nach christlichen Heiligen benannt waren, obwohl sie nur mehr muslimische Einwohner hatten. 28
Die Interessen osmanischer Eroberungspolitik lagen nicht in der Assimilation der un-terworfenen Völker sondern vielmehr die Erwirtschaftung möglichst hoher Tributzahlungen. 29 So wurde den christlichen Zyprioten trotz der muslimischen Herrschaft ein verhältnismäßig hohes Maß an Freiheit zugestanden. Dies geschah im Rahmen des osmanischen Millet-Systems (Glossar). In diesem Zusammenhang wurde das Amt des griechisch-orthodoxen Erzbischofs wieder eingeführt und seit dem 18. Jahrhundert trug der jeweilige Erzbischof, als Führer der Zyprioten resp. der (griechisch-orthodoxen) Christen, den Titel eines Ethnarchen (Glossar). Der Erzbischof und die drei Bischöfe Zyperns wurden zudem mit einem besonderen Recht ausgestattet: Sie durften sich als Vertreter ihrer Religionsgruppe direkt an die Hohe Pforte (Glossar) wenden, ohne vorher den osmanischen Statthalter der Insel konsultieren zu müssen. 30 Diese hervorgehobene Position der griechisch-orthodoxen Kirche war die Voraussetzung dafür, dass trotz der 300 Jahre andauernden Besatzung durch die Osmanen, das Griechentum auf Zypern erhalten blieb. 31
Die einflussreiche Stellung der Kirche wurde 1821 empfindlich geschwächt, als der Erzbischof, die Bischöfe und über 400 weitere orthodoxe Würdenträger unter dem Vorwurf hingerichtet wurden, dass sie, animiert durch den Befreiungskampf in Grie-chenland, einen Aufstand geplant hätten. 32 Dieses Ereignis wurde von den griechi-
26 Kadritzke/Wagner,S.13 f.
27 Kadritzke/Wagner, S.13 f. u. Hillenbrand, 1990, S.19
28 Kadritzke/Wagner, S.13 f. u. Hillenbrand, 1990, S.19
29 Kadritzke/Wagner, S.13f.
30 Gürbey, S.13 f.
31 Tzermias, 1998, S.15
32 Tenekides, S. 40 f. u. Tzermias, 1998, S.19
16
schen Zyprern bis heute nicht vergessen und prägt nach wie vor das Verhältnis von Zyperngriechen und Zyperntürken. 33 Tatsächlich nahmen in den 1820er Jahren auch zahlreiche Zyprioten am griechischen Unabhängigkeitskampf teil. 34
Die Entstehung des griechischen und des türkischen Nationalismus im 19. bzw. 20. Jahrhundert war für die griechisch-orthodoxen Zyprioten sowie für die türkischen und nicht-türkischen Muslime gleichermaßen identitätsstiftend. Erstere verstanden sich auf Grund von Sprache und Religion fortan als Griechen und fühlten sich dem nationalen Befreiungskampf verpflichtet. Für die Ausprägung der nationalen Identität der Zyperntürken war die Religion, aber nicht die Sprache entscheidend. Als Muslime verstanden sie sich fortan als Türken, zählten sich eindeutig zur türkischen Volksgruppe und nahmen letztlich auch die türkische Sprache an. 35 Auch die nationalistische Reformbewegung der Jungtürken und die kemalistische Revolution waren prägend für das zyperntürkische Nationalbewusstsein. 36
Als 1822 der unabhängige Staat Griechenland ausgerufen wurde, versuchten die Zyprioten auf diplomatischem Weg einen Anschluss an Griechenland zu erreichen. Eine entsprechende Initiative des jungen Nationalstaates Griechenland scheiterte jedoch am osmanischen Widerstand, ebenso wie an der Ablehnung durch die Großmächte England, Frankreich und Russland. 37 Zudem gab es zahlreiche aber weitgehend erfolglose Rebellionen der Zyprioten gegen die Osmanenherrschaft.
Aufgrund des Millet-Systems war eine vollständige Turkisierung Zyperns nicht möglich, denn statt zu einer Verschmelzung der griechischen Bevölkerung mit den türkisch-osmanischen Siedlern kam es zur Institutionalisierung eines geordneten Ne-beneinanders der Religionen und Ethnien. Religiösen Schranken verhinderten eheliche Verbindungen zwischen Christen und Muslimen, so dass eine Vermischung der Volksgruppen auch auf diesem Wege ausgeschlossen war. 38
34 Presse- und Informationsamt Zypern (Hrsg.): Das Zypernproblem, Nikosia, 1998, S.5
35 Kadritzke/Wagner, S.13 f. u. Hillenbrand, 1990, S.19
36 Hillenbrand, 1990, S.47
37 Tenekides, S.41
38 Hillenbrand, 1990, S.19
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2.3 Die britische Kolonialherrschaft
Die osmanische Niederlage im russisch-türkischen Krieg (1878) brachte für Zypern bedeutsame Veränderungen mit sich. Die Briten konnten die Hohe Pforte davon überzeugen, zum Schutze des Osmanischen Reiches vor künftigen russischen Angriffen ein Verteidigungsbündnis mit Großbritannien einzugehen. 39 Im Rahmen dieser Allianz stand Zypern fortan unter der faktischen Herrschaft Londons, obwohl das Osmanische Reich die völkerrechtliche Souveränität über die Insel behielt. 40
Schon kurze Zeit nach der Übergabe an Großbritannien wandte sich der griechisch-orthodoxe Bischof von Kition 41 an den Hochkommissar für Zypern und betonte das Einverständnis der Zyperngriechen mit der britischen Regierungsübernahme. Zugleich erinnerte er an die 1864 erfolgte Übergabe der Ionischen Inseln an Griechenland. 42 Der Bischof gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass Großbritannien auch eine Vereinigung Zyperns mit Griechenland unterstützen würde. 43 Diese Vorstellung wurde von den Briten freilich nicht geteilt. Wie schon zuvor bei den Venezianern war auch das britische Interesse an Zypern nach rein machtpolitischen Gesichtspunkten ausgerichtet. Die Insel hatte für Großbritannien eine wichtige strategische Bedeutung als militärischer Vorposten im östlichen Mittelmeer. Sie vervollständigte die Kette der britischen Marinestützpunkte von Gibraltar und Malta. 44 Selbstbestimmungstendenzen und Vereinigungsbestrebungen seitens der großen Mehrheit der Inselbevölkerung tangierten die britische Regierung in ihrer Politik zu keiner Zeit.
2.3.1 Die britische Kolonialverfassung
Die Briten strukturierten die alte osmanische Verwaltung um und etablierten eine koloniale Verfassung, worin dem britischen Hochkommissar unter anderem ein Gesetzgebender Rat (GR) zur Seite gestellt wurde. Dieser GR setzte sich aus maximal acht Mitgliedern zusammen, wobei eine Hälfte der Mitglieder aus britischen Beamten und die andere aus Inselbewohnern bestand. Diese wurden aber nicht gewählt, son-
39 Tenekides,S.50
40 Tzermias, 1998, S.24
41 Kition (das heutige Larnaka) ist einer der drei zyprischen Bischofssitze.
42 Die Ionischen Inseln (Korfu, Zakynthos, etc.) standen bis dahin unter britischer Herrschaft.
43 Tenekides, S.52 f. u. Hillenbrand, 1990, S.46
44 Tenekides, S.50
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dern für die Dauer von zwei Jahren von der Regierung Großbritanniens ernannt. Der GR hatte zwar parlamentarischen Charakter aber keine echten legislativen Befugnisse. Seine Beschlüsse wurden mit absoluter Mehrheit gefasst und in Pattsituationen entschied die Stimme des Hochkommissars. 45
Obwohl sich die Zyperngriechen schon bald eine erweiterte Mitbestimmung erkämpfen konnten, sollte dies für sie kein realer Zugewinn an Einfluss sein. Der GR wurde zwar auf 18 Mitglieder vergrößert und sechs britischen Beamten standen nun 12 Vertreter der Bevölkerung gegenüber, jedoch hatten sich Zyperngriechen und Zyperntürken diese Vertreterposten im Verhältnis ihres jeweiligen Anteils an der Gesamtbevölkerung der Insel zu teilen. Somit hatten die Briten gemeinsam mit den drei Zyperntürken und der Stimme des Hochkommissars stets die Möglichkeit, die Zyperngriechen zu überstimmen. Dazu kam es regelmäßig, da Briten und türkische Zyprer meist miteinander abstimmten. 46 Diese Konstellation kam auch zum Tragen, als die zyperngriechischen Mitglieder des GR 1895 erstmals die Frage der Enosis (Glossar) also der Vereinigung mit Griechenland, zur Debatte stellten. Dieses Antrag wurde mit der Stimme des Hochkommissars abgelehnt. Ein weiterer Versuch der griechischen Zyprer, die Enosis im GR beschließen zu lassen (1917), endete mit dem gleichen negativen Ergebnis. 47
Bereits in der kolonialen Verfassung der Briten ist also eine Bi-Kommunalität der Insel festgeschrieben worden, die durch eine Separierung beider Volksgruppen hinsichtlich ihrer Mitbestimmungsmöglichkeiten institutionalisiert wurde. Der bereits vor-handene Gegensatz zwischen Zyperngriechen einerseits und Kolonialverwaltung und Zyperntürken andererseits wurde durch die beschriebene Abstimmungspraxis noch verstärkt. In dem Umstand, dass die Zyperntürken mit den Briten stets darin übereinstimmten, dass eine Enosis nicht in Frage käme, ist sicherlich auch ein weiterer Aspekt des späteren Volksgruppenkonflikts zu sehen. Ronald Meinardus fasst dies knapp zusammen:
45 Kellner, Leonhard: Die geschichtliche Entwicklung, in: Zeitfragen, Zypern - Macht oder Land teilen?, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München, 1987, S.18
46 Kellner, 1987, S.18
47 Kellner, 1987, S.20
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„Unter dem Einfluß nationalistischer Ideologien verwandelten sich die interkommunalen Beziehungen von einem Verhältnis des Nebeneinanders zu einem Verhältnis des Gegeneinanders.“ 48
2.3.2 Zypern als britische (Kron-)Kolonie
Die Phase britischer Administration und Herrschaft unter nomineller osmanischer Souveränität endete 1914 mit dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches auf Seiten der Achsenmächte. Die Insel wurde von Großbritannien annektiert und Bestandteil des britischen Kolonialbesitzes. 49 Die Zyperntürken waren vor die Wahl gestellt, sich entweder für den Verbleib auf der Insel oder „die Repatriierung in die Türkei“ zu entscheiden. Nur wenige entschieden sich für die Türkei. 50
Im Jahr 1915 machte Großbritannien der griechischen Regierung einen Vorschlag, welcher die Zypernfrage ganz in (zypern-)griechischem Interesse hätte lösen können: den Anschluss der Insel an Griechenland. Die Briten wollten Zypern für den Fall eines griechischen Kriegseintritts auf alliierter Seite an Griechenland übergeben. 51 Da aber die griechische Regierung eine neutrale Haltung gegenüber den Mittelmächten favorisierte, wurde der britische Vorschlag zurückgewiesen. 52 Die Tatsache jedoch, dass Großbritannien überhaupt ein Angebot dieser Art gemacht hat, offenbart die damalige Irrelevanz (zypern-)türkischer Interessen für die Zypernpolitik Londons. 53 Und obwohl das britische Angebot niemals wiederholt wurde, war es für die Zyperngriechen ein weiterer eindeutiger Beleg „für das Griechentum der Insel“. 54
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem griechisch-türkischen Krieg (1921 bis 1923), bei dem Griechenland eine katastrophale Niederlage erleiden musste, verzichtete die unter Kemal Atatürk neugegründete Republik Türkei im Rahmen des Lausanner Vertrages von 1923 in aller Form auf sämtliche Ansprüche auf Zypern. Analog zur entsprechenden Vereinbarung zwischen Griechenland und der Türkei wurde damals
48 Meinardus, Ronald: Die Türkei-Politik Griechenlands, Verlag Peter Lang, Frankfurt a. M., 1985, S.377
49 Tenekides, S.53 u.Kellner, 1987, S.18
50 Zit. n. Presse- und Informationsamt Zypern (Hrsg.): Das Zypernproblem, Nikosia, 1998, S.5
51 Tzermias, 1998, S.26 f.
52 Die damalige, königstreue Regierung folgte dabei der Linie König Konstantins I. einem Schwager von Kaiser Wilhelm II.. Der König favorisierte deshalb eine zumindest neutrale Haltung gegenüber den Mittelmächten.
53 Tzermias, 1998, S.26 f.
54 Zit. n. Tenekides, S.54
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erwogen, auch auf Zypern einen Bevölkerungsaustausch durchzuführen. 55 Die Tatsache, dass dieser nicht stattfand, verschonte Zyperngriechen und -türken vor den Grausamkeiten einer Zwangsumsiedlung. Heinz A. Richter beschreibt die folglich unveränderte Situation martialisch, aber treffend:
„Die unterbliebene ethnische Flurbereinigung ließ eine politische Zeitbombe entstehen“. 56
Diese „ethnische Flurbereinigung“ sollte 50 Jahre später, infolge der Enklavenbildung und der türkischen Militäroperationen, trotzdem erfolgen. 57
In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg waren die griechischen Regierungen, vor allem unter Eleftherios Venizelos, bestrebt, den Anschluss Zyperns an Griechenland zu erreichen. Seitens der liberalen politischen Kräfte in Großbritannien erwarteten sich Griechen und Zyperngriechen eine freundliche Geste zugunsten Griechen-lands. 58 Diese Hoffnung bekam nochmals Nahrung, als Zypern 1925 zur britischen Kronkolonie erklärt wurde, denn die Perzeption der Kolonialherren durch die Griechen und die Zyperngriechen war geprägt von der Annahme, dass ein demokratisches, christliches und mit Griechenland befreundetes Land wie Großbritannien dem Wunsch nach der Vereinigung mit Verständnis und Zustimmung begegnen würde. 59 Diese Erwartung sollte sich jedoch keineswegs erfüllen, denn die konservative, strategisch-geopolitische Denkweise setzte sich in London durch, 60 und im Rahmen der Erhebung zur Kronkolonie stellten die Briten klar, dass eine Vereinigung der Insel mit Griechenland nunmehr vollends ausgeschlossen sei und diese Frage in Zukunft auch nicht mehr diskutiert würde. Diese Haltung der Briten führte zu einer Verstärkung des Gegensatzes zwischen Zyperngriechen und Kolonialverwaltung. 61
55 Diese Vereinbarung führte dazu, dass 1,4 Mio. Griechen und 400.000 Türken vertrieben und zwangsumgesiedelt wurden. Bruno Schoch weist auf die diesbezüglich entstandenen Traumata als Ursache für den noch heute bestehenden nationalistischen Gegensatz zwischen Griechen und Türken hin. Siehe hierzu Schoch, Bruno: Zypern wird EU-Mitglied - und der Konflikt?, HSFK-Report 14/2003, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Frankfurt, 2004, S.17
56 Zit. n. Richter, Heinz A.: Friede in der Ägäis - Zypern - Ägäis - Minderheiten, Romiosini Verlag, Köln, 1988, S.12
57 Wolfe, James H.: Entsteht eine neue Verfassung? Die Suche nach einer strukturellen Lösung, in: Zeitfragen, Zypern - Macht oder Land teilen?, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München, 1987; S.66 f.
58 Tzermias, 1998, S.28
59 Obwohl es in Großbritannien durchaus Politiker gab, die eine Übergabe Zyperns an Griechenland befürworteten, z.B. Lloyd George, so fehlte diesen doch stets die Unterstützung der Mehrheit des britischen Unterhauses. Vgl. Kellner, 1987, S.20
60 Tzermias, 1998, S.28 f.
61 Kellner, 1987, S.20
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Letztlich sahen die Zyperngriechen keine Möglichkeit, ihr Ansinnen auf politischem Wege wirkungsvoll zu vertreten und auch die fortwährend ablehnende Haltung Großbritanniens und der Zyperntürken konnte ihren Willen zur Vereinigung mit Grie-chenland nicht brechen. 62 Es kam 1931 zu aufstandsartigen Protestaktionen, welche von den Briten mit massiver Waffengewalt unterdrückt wurden. 63 In der Folge dieser „Oktoberrevolution von 1931“ 64 erklärte die Kolonialverwaltung den Ausnahmezu-stand und verhängte zahlreiche Restriktionen. 65
Mit dem Eintritt Griechenlands in den Zweiten Weltkrieg legte sich die antibritische Stimmung unter den griechischen Zyprern und die Kolonialregierung lockerte ihre repressive Politik, woraufhin sich das politische Leben wieder entfaltete. Im Jahr 1941 wurde die antibritische Arbeiterpartei AKEL gegründet und entwickelte sich schnell zu einer bedeutenden politischen Größe. 66 Daneben entstanden auch einige rechts-nationale und ebenfalls antibritische Parteien. 67 In den Folgejahren gewann die Forderung der Zyperngriechen nach Enosis wieder an Dynamik und es kam abermals zu gewalttätigen Streiks und Kundgebungen. 68 Die britische Seite lehnte aber nach wie vor jede Forderung der Zyperngriechen ab, die nach einer grundlegenden Veränderung des Status’ der Insel als Kronkolonie verlangte.
2.3.3 Die Internationalisierung der Zypernfrage
Das Zypernproblem bestand bis 1950 hauptsächlich in dem Widerspruch der britischen Militär- und Kolonialinteressen einerseits und dem Bestreben der Zyperngriechen nach Vereinigung mit Griechenland andererseits. Das zyperngriechischzyperntürkische Spannungsverhältnis sollte sich erst später deutlich herausbilden.
Im Jahr 1950 wurde von Erzbischof Makarios II. 69 ein inoffizielles Referendum initiiert, bei dem aber ausschließlich die Zyperngriechen befragt wurden. Das Ergebnis, bei dem sich eine überwältigende Mehrheit von fast 96 Prozent 70 aller Befragten für
62 Kellner, 1987, S.20
63 Richter, 1988, S.13 u. Kellner, 1987, S.21 f.
64 Zit. n. Tenekides, S.59
65 Zit. n. Tenekides, S.59
66 Tenekides, S.60 f. u. Kellner, 1987, S.22
67 Kellner, 1987, S.22
68 Tenekides, S.68
69 Makarios II. war der Vorgänger des bekannten Makarios III.. Siehe hierzu die Anmerkung auf der folgenden Seite.
70 Bei den übrigen vier Prozent handelte es sich um Enthaltungen. Siehe hierzu Kellner, 1987, S.23
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die Enosis aussprach, wurde von London nicht zur Kenntnis genommen, da die Briten die Zypernfrage als abgeschlossene Angelegenheit betrachteten. 71 Obwohl die Volksbefragung keine direkte Auswirkung auf die britische Haltung hatte, war sie doch einer der Gründe für die Verschärfung der Situation, denn in der Folge begab sich eine zyperngriechische Delegation mit dem Ziel ins Ausland, den eindeutigen Enosis-Wunsch der griechischen Zyprer der Weltöffentlichkeit kundzutun. 72 Vor diesem Hintergrund wandte sich Makarios II. hilfesuchend an die Regierung Griechen-lands, die seinem Anliegen sehr distanziert begegnete, um das griechisch-britische Verhältnis nicht zu belasten. Diese Umstände führten dazu, dass der 1950 neugewählte Erzbischof Makarios III. 73 den Versuch unternahm, das Zypernproblem weiter zu internationalisieren und die Vereinten Nationen (UN) dazu zu bringen, sich mit dem Thema zu befassen.
Da es aber nur einem Mitgliedsstaat möglich war, die Zypernfrage zur Debatte zu stellen, forderte Makarios die Athener Regierung auf, die Sache vor der UN zur Sprache zu bringen. 74 Der griechischen Regierung war jedoch sehr daran gelegen, eine Internationalisierung des Problems zu vermeiden, um nicht Großbritannien und womöglich die Türkei auf den Plan zu rufen. 75 Doch die daraufhin unternommenen Versuche Griechenlands, die Angelegenheit auf bilateraler Ebene mit Großbritannien zu einer Lösung zu führen, scheiterten wiederum am Unwillen Londons. 76 Die von Griechenland vorgeschlagene Formel „Enosis gegen Stützpunkte“ (also den Fortbe-stand der Militärbasen im Fall der Vereinigung) wurde von der britischen Regierung brüsk abgelehnt. 77 Die folgende Ankündigung Athens, nun doch die UN involvieren zu wollen, konterte London mit dem Hinweis, dass die Zypernfrage eine Angelegenheit sei, die auch die Türkei betreffe. Es wurde oben bereits dargestellt, dass die Türkei mit dem Lausanner Vertrag auf all ihre Ansprüche auf Zypern formell verzichtet hatte. Demnach war es, wie Heinz A. Richter konstatiert,
71 Tenekides, S.62
72 Tzermias, 1998, S.53
73 bürgerlich: Michail Mouskos (*13.08.1913 / +03.08.1977); im Folgenden kurz Makarios genannt; wenn in der Arbeit von Makarios gesprochen wird, ist stets Makarios III. gemeint.
74 Richter, 1988, S.13 u. Kellner, 1987, S.25
75 Tenekides, S.77
76 Tenekides, S.80 f.
77 Zit. n. Richter, Heinz A. (Hrsg): Historische Hintergründe des Zypernkonflikts, in: THETIS - Mannheimer Beiträge zur klassischen Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns, Band 4, Mannheim, 1997, S.311
23
„ganz offensichtlich, daß London versuchte, die griechischen Ambitionen durch türkische zu neutralisieren, also die Mutterländer gegeneinander auszuspielen.“ 78
Mit diesem taktischen Manöver sollte also die Türkei miteinbezogen werden, um die zyperngriechischen Enosis-Bestrebungen zu konterkarieren. Griechenland und die Türkei wurden von Großbritannien gegeneinander ausgespielt, um die eigenen strategischen Interessen durchzusetzen. Dies gelang zum einen, da die türkische Regierung sofort umfassende Ansprüche auf Zypern anmeldete. Zum anderen schlossen die Zyperntürken einen möglichen Anschluss der Insel an Griechenland kategorisch aus. 79 Als Gegenreaktion auf die zyperngriechischen Enosis-Forderungen etablierten die türkischen Zyprer ihrerseits nun die Forderung nach Taksim (Glossar), der Spaltung der Insel und Trennung der Bevölkerung in einen türkischen und einen griechischen Teil. 80 In der Frage um den Status Zyperns betrieb Großbritannien eine Politik des divide et impera und spielte die Türkei gegen Griechenland und die Zyperntürken gegen die Zyperngriechen aus. 81
Die griechische Regierung brachte die Zypernfrage 1954 dennoch vor die UN und berief sich auf die UN-Charta, die die Anwendung des Prinzips der Gleichberechtigung sowie die Selbstbestimmung der Völker vorsieht. 82 Bemerkenswert ist in diesem Kontext die mit der Internationalisierung einhergehende terminologische Veränderung: Aus der Forderung nach Enosis wurde die Forderung nach Selbstbestimmung, doch am erklärten Ziel der Zyperngriechen - nämlich der Vereinigung mit Griechenland - änderte dies nichts. 83 Vielmehr wurde die Selbstbestimmung nur deshalb gefordert, weil die UN-Charta kein Recht auf Anschluss kennt.
Der griechische Antrag stieß jedoch nicht nur in London auf Ablehnung - auch die USA waren aus sicherheitsstrategischen Gründen gegen den diesen Vorstoß. 84 Griechenland und die Türkei waren 1952 der NATO beigetreten und Washington
78 Zit. n. Richter, 1997, S.311
79 Richter, 1988, S.13 f.
80 Tatli, Suzan: Zypern-Konflikt, Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler, 1986, S.26
81 Gürbey, S.45
82 Richter, 1988, S.13 u. Gürbey, S.56
83 Kellner, 1987, S.25
84 Richter, 1988, S.15
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