Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Emilia Gould. 4
3. Antonia Avellanos 8
4. Teresa, Linda und Giselle Viola 13
5. Schlussbemerkungen 20
A. Literaturverzeichnis 21
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1. Einleitung
Joseph Conrads Nostromo ist ein komplexer, in erster Linie politischer Roman. Es stellt sich die Frage, ob dies und die Tatsache, dass Conrads Werke im Allgemeinen von zahlreichen Rezipienten als Literatur für Männer angesehen wird 1 , Grund sein kann anzunehmen, die weiblichen Figuren spielten eine untergeordnete Rolle. Auch der Umstand, dass der Roman 1904 erschien, ist insofern wichtig für die vorliegende Untersuchung, als dass Politik in der damaligen Zeit noch männerdominierter als heutzutage war. Figuren wie Charles Gould, Martin Decoud und Nostromo selbst agieren inmitten eines Geflechts aus verschiedenen politischen Strömungen und persönlichen Interessen. Dass sie dies keineswegs von anderen unbeeinflusst tun, zeigt ein genauerer Blick auf die Frauen, zu denen sie in engeren Verhältnissen stehen.
Es handelt sich dabei um fünf weibliche Charaktere: Emilia Gould, Antonia Avellanos, Teresa, Linda und Giselle Viola. Durch sie rücken die rein politischen Entwicklungen der Romanhandlung und deren Einfluss auf die Protagonisten in den Hintergrund, denn die Frauenfiguren offenbaren weitere Sichtweisen. Dazu gehören die emotionale Welt der Charaktere, individuelle Konflikte, bis hin zu persönlichen Tragödien, kurzum: Die weiblichen Figuren in Nostromo eröffnen ausgedehntere Perspektiven und lassen die Charaktere, mit denen sie verbunden sind, tiefer und anschaulicher werden.
Diese These soll im Folgenden anhand genauer Untersuchungen der fünf Frauen bewiesen werden.
1 Vgl. Nadelhaft, Ruth L., Joseph Conrad, S.1: „First of all, Conrad was for almost all of his writing life regarded as a writer of literature for men.“
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2. Emilia Gould
Die Autorin Ruth L. Nadelhaft schreibt in ihrem Buch Joseph Conrad, dass die weiblichen Figuren für Romane wie Nostromo so „undeniably central“ seien, dass es in der feministischen Auseinandersetzung etwa nicht mehr nur darum geht, das Vorkommen oder bloße Agieren weiblicher Figuren zu rechtfertigen. 2 Dem ist zuzustimmen; es gilt nun herauszufinden, was genau eine weibliche Figur wie Emilia Gould ausmacht und welche Form des „new understanding“ 3 es braucht, um sie zu analysieren.
Emilia, Charles Goulds Ehefrau, zeichnet sich zunächst aufgrund der einführenden Beschreibungen durch den Erzähler durch Empathiefähigkeit aus: „She was highly gifted in the art of human intercourse which consists in delicate shades of self-forgetfulness and in the suggestion of universal comprehension. (…) She was always sorry for the homesick people.“ (27) Schon zu Beginn der Handlung wird deutlich, dass die Zustände in Costaguana durch ihre Wahrnehmung bestimmbarer werden. Es geht nicht nur um die Machtverhältnisse zwischen denjenigen, die an der Spitze der sozialen Pyramide stehen, sondern auch um das urmenschliche Bedürfnis nach Sicherheit von Seiten der Bevölkerung. Emilia hat ein Gespür für dieses „weary desire for peace“ (53) unter den Menschen. Nadelhaft zählt Emilia zu den weiblichen Figuren bei Conrad, „[who] stare directly into the human and moral abyss which is the world.“ 4 Die Schattenseiten Costaguanas erfährt der Leser nicht nur durch ihre Sichtweise. Ein Blick auf Dr. Monygham ist ebenfalls aufschlussreich, was die Qualen, die manche Einwohner erfahren haben, betreffen. Der Unterschied, den Emilia ausmacht, ist jedoch, dass sie nachweisbar über die Missstände des Landes reflektiert. Interessant ist, dass ihre Ehe mit Charles trotz ihrer zwischenmenschlichen Qualitäten auf der Strecke bleibt. Dazu trägt er seinen Teil bei; ihm wird die Arbeit rund um die San Tomé Mine zusehends wichtiger, so dass er immer mehr Zeit damit verbringt, sich um sein materielles Projekt zu kümmern. Emilia hat dafür, wie für so vieles, Verständnis. Hierin findet sich eine deutliche Schwäche ihres Charakters, bzw. vielleicht sogar eine bewusste
2 Nadelhaft, S. 81.
3 Ebd., S. 83.
4 Ebd., S. 73.
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Stereotypisierung durch den Autor. Bei Emilia handelt es sich um eine Frau im viktorianischen Zeitalter. Sie erfüllt ihre humanitären Aufgaben und steht hinter ihrem Ehemann. Unabhängig davon wird sie oftmals als stark und gefestigt beschrieben: „(…) she had that power of resistance to fatigue (…)“ (53), „(…) the ‚Never-tired Señora’ (as Don Pepe years ago used to call her in admiration) (…)” (308). Nichtsdestotrotz kann es als eine eigene Leistung ihrerseits verstanden werden, dass sie in der Lage ist, die Anziehungskraft der Mine zu erkennen, dieser selbst zu widerstehen, und zu akzeptieren, dass ihrem Mann das nicht gelingt. Dennoch bleibt ihr Idealismus, sprich ihre mangelnde Kritik an Charles’ Arbeit, problematisch - selbst wenn es nicht ihre primäre Aufgabe wäre, ihren Mann aus der regelrechten Sucht nach der Mine zu befreien. Doch dabei spielt die Art, wie Emilia ihren Mann von Anfang an wahrgenommen hat, d.h. das Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte, eine wichtige Rolle. Nadelhaft weist auf eine Textstelle in Nostromo hin, die sehr deutlich zeigt, was Emilia in Charles sehen wollte: 5 „He had struck her imagination from the first by his unsentimentalism, by that very quietude of mind which she had erected in her thought for a sign of perfect competency in the business of living.” (29) Diese Wahrnehmung wird ihr zum Verhängnis, denn sie zwingt sie dazu, sich mit Charles’ Prioritäten abzufinden. Die vermeintliche Kompetenz, die Charles Gould vermutlich nicht nur in den Augen seiner Frau innehat, setzt ihn unter Druck, denn er muss den äußeren Ansprüchen gerecht werden, und darüber hinaus auch seinen eigenen. Es ist bemerkenswert, dass unter diese Ambitionen nicht der Wunsch fällt, sein Eheleben zu festigen. Man kann davon ausgehen, dass sein materielles Interesse an erster Stelle steht. Dass er mit den wirtschaftlichen Erfolgen Emilia nicht glücklich machen kann, übersieht er dabei. Sie sieht in ihm den fachkundigen Unternehmer; er vernachlässigt sie zu Gunsten seiner Tätigkeit. Man könnte also so weit gehen, zu sagen, dass Conrad hier ein Bild zeichnet, das die generelle Schwierigkeit zwischen Partnern, die in ein vielschichtiges politisches Geschehen eingebettet sind, aufzeigt. Nadelhaft schreibt von „harsh conditions of political exile“, in denen die Frauen, „co-conspirators“ und „equal sufferers“ sind. 6 Dies trifft auch insofern zu, als dass Emilia ihren Mann in der Tat unterstützt.
5 Nadelhaft, S. 87.
6 Ebd., S. 88.
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Die männlichen Romanfiguren, auf der anderen Seite, sind „vulnerable to political action because it provides them with identities that only seem secure.” 7 Hierin findet sich ein Beleg dafür, dass die weiblichen Figuren selbst für einen so politischen Roman wie Nostromo essentiell sind: Sie sind nicht nur verstrickt in die Handlungsstränge; sie bilden quasi ein Gegengewicht zu den Männern. Ohne die Frauen blieben die persönlichen, familiären und emotionalen Entwicklungen unklar. Wie im Verlauf der vorliegenden Untersuchung noch deutlich werden soll, lässt sich insbesondere in Antonia Avellanos’ Fall erkennen, wie die Frauen in der Lage sind, die Geschicke zu lenken. Nadelhaft geht sogar noch einen Schritt weiter: „(…) the power and the authenticity of women as political agents is more considerable than the male characters or commentators can credit or describe.” 8
Gibt man Nadelhaft in ihrer Ansicht recht, die Ehe zwischen Charles und Emilia hätte etwas Illusionäres 9 , dann ist dieses Leitbild nicht nur gescheitert; es steht vielleicht auch symbolisch für die Verbindung zwischen Costaguana bzw. Sulaco und den Bewohnern. Man muss dabei davon ausgehen, dass die Mine tragischerweise das ist, was Costaguana ausmacht: Das Land wirkt hauptsächlich durch sie attraktiv. Die Mine wird zum Verhängnis für Charles Gould und seine Ehe, ebenso wie sie Fluch und Segen für jeden ist, der sich durch sie bereichern möchte. Sie stellt also eine Illusion da; die Illusion, dass durch das Silber, das sie hervorbringt, ein ganzes Land in Wohlergehen leben kann. Das Wunschbild des Lebens der Goulds in Costaguana bricht am Ende genauso zusammen, wie die obengenannte, utopische Vorstellung. Der Autor Aaron Fogel beschreibt es in seinem Aufsatz Silver and Silence: Dependent Currencies in ‚Nostromo’ folgerndermaßen: „As in The Secret Agent, there seems to be no way for political people to draw a line between the dialogue economy with which they meet the world and the dialogue of their marriage.“ 10 Möglicherweise spielt dabei auch die Tatsache eine Rolle, dass die Goulds kinderlos sind und bleiben. Es ist anzunehmen, dass Charles sozusagen die Mine als sein Kind betrachtet. Wie Emilia darüber denkt, bzw. ob sie jemals einen Kinderwunsch hatte, erfährt der Leser nicht. Zumindest bilden die Goulds damit einen Kontrast zu den Violas, die
7 Nadelhaft, S. 90.
8 Ebd., S. 95.
9 Vgl. ebd. S. 85: „The tragic dissolution of the bond between Emilia and Charles Gould in Nostromo illustrates the end of an illusion.“
10 In: Bloom, Harold, Joseph Conrad’s Nostromo, S. 121.
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dank ihrer Großfamilie ein traditionelleres Familienbild abgeben. Hierauf soll später noch weiter eingegangen werden.
Am Ende der Handlung wird Emilia trotz offensichtlicher Desillusionierung in einer „still and sad immobility“ (317) beschrieben. An dieser Stelle erkennt sie zwar augenscheinlich die Besessenheit ihres Gatten („Incorrigible in his devotion to the great silver mine was the Señor Administrador!“), hat jedoch im gleichen Moment Mitleid mit ihm („Poor boy!“) und redet sich sogar ein, er hätte alles richtig gemacht („He was perfect - perfect.“) und sie nichts anderes erwarten können. In der Beschreibung dessen, was sie sieht und vor allem, wie sie es sieht, wird klar, dass sie sich in ihrer Wahrnehmung fundamental von ihrem Mann unterscheidet: „She saw the San Tomé mountain (…) over the whole land, feared, hated, wealthy; more soulless than any tyrant, more pitiless and autocratic than the worst Government (…). He did not see it. He could not see it.“ (318)
Der Leser erfährt besonders viel über Emilia durch Dr. Monyghams Sicht der Dinge; Nadelhaft bezeichnet diese Charakterisierung als „most persistent“. 11 Durch ihn wird erst deutlich, wie sehr Emilia ihren Ehemann an die Mine verloren hat und wie nahe sie ihm, Monygham, steht: „(…) the delicate preciousness of her inner worth, partaking of a gem and a flower, revealed in every attitude of her person.“ (262) In einem letzten Dialog mit Monygham zeigt sich auch, dass Emilia Nostromo bis ins Letzte die Treue hält. Der Titelheld wollte ihr kurz vor seinem Tod das Geheimnis des gestohlenen Silbers anvertrauen. Weder wollte sie davon etwas hören, vermutlich um auch in diesem Fall an dem makellosen Bild Nostromos festzuhalten, noch berichtet sie irgendjemandem, also auch nicht Monygham, davon: „Isn’t it lost and done with? Isn’t there enough treasure without it to make everybody in the world miserable?“ (339) Es scheint, als ob Emilia schlichtweg die Schuld Nostromos ausblendet. Diese Art der Verdrängung steht gewissermaßen beispielhaft für diverse zwischenmenschliche Probleme in der gesamten Romanhandlung; man denke an die von Missverständnissen geprägten Beziehungen zwischen den Goulds, Antonia und Decoud, und der Fassade der Familie Viola.
11 Nadelhaft, S. 85.
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3. Antonia Avellanos
Dem Autoren Ian Watt zufolge, handelt es sich bei Antonia Avellanos zwar um „a real enough character“, jedoch „hardly an interesting one.“ 12 Letztere Ansicht soll im Folgenden widerlegt werden. Zunächst kann schon ein Blick auf Conrads „Author’s Note“ zu Nostromo genügen. Dort bezeichnet er sie selbst als „beautiful Antonia“ und behauptet, dass das Einzige, was ihn dazu bringen würde, Sulaco noch einmal zu besuchen, Antonia sei. Im Weiteren heißt es, ihre Figur sei an eine real existierende Person, Conrad’s „first love“, angelehnt. Der Überschwang dieser Lobrede erscheint beinahe ironisch. Es ist daher sicher ratsam, mit Bedacht an eine Analyse heranzugehen.
Zunächst einmal lässt sich sagen, dass für das Verständnis der Figur des Martin Decouds, Antonias Geliebten, der zumindest als einer der Protagonisten des Romans angesehen werden kann, eine Untersuchung Antonias quasi unverzichtbar ist. Er ist diverse Geschäfte in Costaguana verwickelt, würde es dennoch vorziehen, das Land zu verlassen, allerdings nur mit ihr, seiner Angebeteten. In seinem Aufsatz Four Views of the Hero schreibt Stephen K. Land: „Antonia is for Decoud, much as Emilia is for Gould, an ideal woman under whose influence begins his involvement with Costaguana.” 13 Der Unterschied, was die Bedeutung beider Frauen für ihre Männer angeht, besteht darin, dass Charles Goulds bedeutsamster Lebensinhalt die Mine ist, während Decoud sich sozusagen um Antonia dreht. Land bestimmt sie als „heroine of the story“, aus Decouds Sicht. 14 Daraus lässt sich selbstverständlich noch kein Argument ableiten, das die These belegen würde, ohne Antonia gäbe es keine tragische Decoud-Handlung. Für seine vor allem psychische Isolation ist nicht nur die schwierige Beziehung zu Antonia verantwortlich. Es gelingt ihm nicht, sein allgegenwärtiges Misstrauen zu überwinden: „I (…) don’t really know whether to count myself with the living or with the dead.“ (150)
Antonia wirkt durch manche Schilderungen des Erzählers etwas festgefahren und konservativ: „Decidedly, the stately Antonia looked more mature and infinitely
12 Watt, Ian, Joseph Conrad. Nostromo, S. 62.
13 In: Bloom, S. 83.
14 Bloom, S. 83.
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calm; but she would never have known how to reconcile the sudden sinkings of her heart with an amiable mobility of expression.“ (100) Da sie in Europa aufwuchs, kam sie in den Genuss einer kontinentalen Erziehung bzw. schulischen Ausbildung, die vermutlich der Grund für „her emancipated way“ ist. (95) Diese Emanzipierung wiederum befähigt sie zu einer bemerkenswerten Selbstsicherheit: „Antonia could hold her own in a discussion with two or three men at a time.“ (91) Gerade dadurch wirkt sie jedoch recht unterkühlt; ein Eindruck, den offenbar auch der Autor Adam Gillon teilt: „What appeared to Conrad so profoundly was not merely the fact of Antonia’s ‚mode’ being his first love, but the power of her conviction and her Puritan self-denial.” 15 Dies ist ein interessanter Punkt; gewissermaßen liegt hier ein Rollentausch vor: Antonia steht für Ratio und Selbstbeherrschung, während Decoud an seiner Emotionalität, und letztlich auch Sensibilität durch das erdrückende Gefühl der Einsamkeit, zugrunde geht. Stereotypisch gesehen sind eher Männer für vernunftgemäßes und weniger gefühlsbetontes Verhalten bekannt. Dass dies im Fall Decouds nicht zutrifft, manifestiert sich in erster Linie in seinem Selbstmord, allerdings auch in seinem Verhältnis, und dadurch im Kontrast, zu Antonia. Die Beziehung zu Antonia offenbart Decouds sensible Seite. Stephen Land hält ihn für „unable to accept Costaguana politics“, „unable to live without Antonia“ 16 und weist auf eine Textstelle im Roman hin: „The reality of the political action (…) [and] its crudeness hurt his feelings. He was surprised by his own sensitiveness. (…) His disdain grew like a reaction of his scepticism against the action into which he was forced by his infatuation with Antonia.” (106) Da Decoud nicht in der Lage ist, das Land ohne sie zu verlassen, ist sie an der Verkettung der Umstände, die zu seinem Freitod führen, beteiligt.
Antonia steht auch für eine Ideologie, die man als Wahlpatriotismus bezeichnen könnte. Obwohl sie Europäerin ist, hält sie an ihrer Wahlheimat Costaguana fest, und möchte diese selbst Decoud zuliebe nicht verlassen. Sicherlich spielt dabei auch die enge Beziehung zu ihrem Vater Don José eine Rolle, da dieser sie in ihrem Nationalbewusstsein mit seinem eigenen Patriotismus unterstützt: „Don José Avellanos loved his country. He had served it lavishly (…)“ (83) Der Gegensatz zwischen Decouds praktisch allgegenwärtiger Skepsis und ihrem
15 Gillon, Adam, The Eternal Solitary. A study of Joseph Conrad, S. 95.
16 Bloom, S. 84-85.
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Patriotismus bezeichnet Stephen Land als „the very antithesis“. 17 Es stellt sich daher die Frage, ob es zwei Menschen mit so divergierenden Gesinnungen gelingen kann, diese Hürden für eine Beziehung zu überwinden. Antonias Idealismus, was Costaguana betrifft, hat sicher auch mit ihrer Erziehung und dem daraus resultierenden Scharfsinn für politische Zusammenhänge zu tun. Hält man sich noch einmal Conrads „Author’s Note“ und die Lobrede auch auf Antonias weibliche Schönheit vor Augen, könnte man sich aus einer chauvinistischen Haltung heraus fragen, ob dies ein Gegensatz sein kann, dass sie äußere Attraktivität und Verstand in sich vereint. Im Grunde bleibt jedoch festzustellen, dass Conrad ein recht modernes Frauenbild zeichnet. Diese Mutmaßung wird dadurch gestützt, dass Conrad sich seinerzeit für das Wahlrecht der Frauen einsetzte. In einem Brief an Laurence Housman schrieb er: „I want the women to have the vote and generally their own way in anything and everything under heaven. It will please them and certainly it won’t hurt me.” 18 Es bleibt die Ungewissheit, wie wörtlich Conrads Huldigung Antonias bzw. deren lebendiger Vorlage zu nehmen ist. Der Autor J.A. Verleun kommt in seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Antonia kein romantisches Konzept darstellt. 19 Des Weiteren bezweifelt Verleun, dass Antonia Liebe zu Decoud als Person empfindet; vielmehr sei es das Bild, welches sie sich von Decoud geschaffen hat, das sie hochschätzt. Damit besteht eine weitere Vergleichbarkeit zu Emilia Gould, die ja ebenfalls das Bild ihres kompetenten Mannes verehrt. Diese Tatsache könnte durchaus als Charakterschwäche der beiden Frauenfiguren gewertet werden. Abstrahiert betrachtet formt es die Gestalten jedoch. Verleun hält Conrads Portrait Antonias für „extremely successful“: „She functions perfectly to show up the inadequacies of Decoud, and in the rigidity of her idealism adds a dimension to our understanding of the whys and wherefores of Costaguana politics.” 20 Erinnert man sich nun an Ruth L. Nadelhafts Forderung nach “new understanding”, was die Interpretation Conradscher Frauenfiguren betrifft, so findet sich dieses Verständnis in der Ansicht, dass eine Figur wie Antonia die Wirrungen eines Landes wie Costaguana zumindest entzifferbarer macht.
17 Bloom, S. 85.
18 Knowles, Owen, Oxford Reader’s Companion to Conrad, S. 404.
19 Verleun, Johannes Ary, The Stone Horse, S. 54.
20 Verleun, S. 54.
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Laut Verleun unterscheidet sich Antonia auch äußerlich von den anderen Frauen Sulacos; er verweist auf eine Textstelle im Roman, in der Antonia als „tall, grave girl, with (…) a wide white forehead, (…) rich brown hair, and blue eyes“ dargestellt wird, was zusammen mit ihrer Kultiviertheit dazu führt, dass ihr andere weiblichen Figuren „in awe“ begegnen. 21 Auch dieser Kontrast stützt das fortschrittliche, wenn auch rein europäische Frauenbild, das Conrad zeichnet. Weiter heißt es bei Verleun, dass Antonia durch ihre Emanzipation zur öffentlichen Figur wird, hinter der weitestgehend die restlichen Damen zurückbleiben, von Emilia Gould einmal abgesehen. 22 Antonias Illustration scheint jedoch noch symbolträchtiger als Emilias zu sein. Verleun verknüpft diese mit „the idea of the statuesque, foreshadowing Captain Mitchell’s comment on the medaillon in the Cathedral wall.” 23 Dieser Zusammenhang und die Bezeichnung “sculptural effect [which Antonia produces]” 24 sind sehr treffend, da „statuesque“ sicherlich in erster Linie ein positives, da erhabenes Attribut ist, es jedoch auch für Unbeweglichkeit steht. Antonia ist in ihrer Moral und ihrem Patriotismus sehr wohl erstarrt.
Verleun geht so weit, sie als „Sulaco’s uncrowned queen“ zu bezeichnen, „as Gould is its uncrowned king“. 25 Demnach müsste sie besser zu Charles Gould passen als Emilia. Diese Überlegung ist insofern interessant, als dass sich dadurch zwei rationale Menschen verbinden würden. Allerdings fehlt es Antonia an Einfühlungsvermögen, eine Tatsache, die womöglich Grund für das Scheitern ihrer politischen Ambitionen ist. Verleun schreibt: „(…) she is too little of the Costaguana world (…)” 26 Darin ist im Grunde ein Widerspruch enthalten, da sie sich doch andererseits durch immensen Patriotismus auszeichnet. Doch ohne Mitgefühl und Toleranz hat sie damit keinen Erfolg. Auf der anderen Seite verfügt Emilia über ein zu hohes Maß an Mitgefühl und über zu wenig Stolz und Ehrgeiz. Es gelingt Emilia jedoch gerade durch diese zwischenmenschlichen Fähigkeiten eine Person des Volkes zu sein. Antonia bleibt ein „outsider“ 27 , isoliert und regelrecht gefangen in ihrer intellektuellen Welt.
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Ebd., S. 56.
24 Ebd.
25 Ebd., S. 57.
26 Ebd.
27 Verleun, S. 57.
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Antonia unterscheidet sich in einem weiteren Punkt von Emilia. Während Goulds Ehefrau nicht in der Lage ist, ihren Mann mithilfe ihrer weiblichen Reize vom allabendlichen Gang zur Mine abzuhalten, setzt Antonia ihre Anziehungskräfte ein, wenn auch auf subtile Art und Weise. Verleun nennt beispielsweise ihren Fächer „(…) the sexual instrument which [she], perhaps only half consciously, used to attract Decoud (…)”. 28 Trotz aller Attraktivität - Antonia gelingt es nicht, Decoud so weit in ihren Bann zu ziehen, dass sie ihn vollständig kontrollieren kann. Es ist anzunehmen, dass sie ihm nicht genug menschliche Nähe bieten kann, was ja schließlich auch zu der von Decoud empfundenen Einsamkeit führt. Es ist bemerkenswert, wie sehr Antonia Decoud trotzdem überlegen erscheint: „He soothed himself by saying he was not a patriot, but a lover.“ (106) Verleun bezeichnet ihn als „(…) victim of a desire so crude that this very intelligence is cancelled by it.” 29 Antonia ist intelligent genug, um dies zu bemerken. Darüber hinaus ist sie auch berechnend genug, um seine Schwäche zu nutzen. Sie muss sich im Klaren darüber sein, dass er das Land nicht ohne sie verlassen wird. Verleun weist auf eine Szene hin, während derer sie äußert: „Martin, you will make me cry“, was von dem Autoren als Taktik ausgelegt wird. 30 Antonias Disziplin und sexuelle Anziehungskraft erinnern an Linda bzw. Giselle Viola. In ihrer Sittsamkeit gleicht Antonia der tugendhaften Linda; das Einsetzen von weiblichen Reizen hat sie mit Giselle gemein, bei der allerdings noch ein gewisses Maß an Naivität hinzu kommt, was im anschließenden Kapitel behandelt werden soll.
28 Ebd., S. 60.
29 Ebd., S. 66.
30 Ebd., S. 70.
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4. Teresa, Linda und Giselle Viola
Stephen K. Land schreibt in seinem Aufsatz: „Giorgio and Teresa Viola are particularly important to the thematic structure of the story because they span the gulf between the Gould’s idealism and the popular movement by which Gould is opposed.” 31 Dabei gilt zu bedenken, dass es sich bei den Violas - im Gegensatz zu Emilia und Charles Gould - um eine eher traditionelle, italienische Familie handelt. Giorgio und Teresa haben zwei Töchter, Linda und Giselle. Teresa verhält sich weitestgehend der klassischen Rollenverteilung entsprechend. Land bezeichnet sie als „deeply religious“ und als „the story’s mouthpiece of traditional demotic moral and domestic values“. 32 Sie verkörpert demnach das Volkstum. Ihre Religiosität drückt sich auch sehr stark in ihrem Wunsch nach einem Priester aus, kurz bevor sie stirbt. Dieser Wunsch wird ihr von Nostromo verweigert; ein Fauxpas, der ihn noch lange begleitet. Das Verhältnis zwischen ihm und Teresa ist ohnehin nicht unbelastet, da sie in der Lage ist, ihn nicht nur - wie es viele andere Romanfiguren tun - zu idealisieren.
Nostromo ist eine Art Adoptivsohn im Hause Viola. Durch diese Nähe wird deutlich, dass die Integrität der Violas sowohl ihm, Nostromo, dem Ruf nach „trusty“ (79), als auch Charles Gould konträr gegenüber steht. Lands Aufsatz nach, zeichnen sich Giorgio und Teresa jedoch lediglich durch ihre Tradition aus, da sie „secondary and ineffective characters“ bleiben. 33 Das mag zutreffen, dennoch ist Teresas Argwohn Nostromo gegenüber wichtig für die Handlung und für die differenzierte Sicht auf den Titelhelden. Schon zu Beginn des Romans heißt es, dass sie zwar „under the spell of that reputation [Nostromo] had made for himself“ steht; dessen ungeachtet äußert sie jedoch: „I know him. He thinks of nobody but himself.“ (11) Ihre explizit ausgedrückten Zweifel an Nostromo stehen in auffallendem Gegensatz zu den bewundernden Attributen, die der Erzähler mehrfach an die Erwähnung des Namens des Protagonisten anfügt, wie z.B. „the magnificent“ und „the famous[capataz]“. (76) In seinem Verhältnis zu den Violas offenbaren sich nicht unproblematische Verwicklungen, wie die Beziehung zu den Töchtern. Es wird quasi von ihm erwartet, dass er Linda
31 Bloom, S. 93.
32 Ebd., S. 93-94.
33 Bloom, S. 94.
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heiratet. Stephen Land erkennt darin die Schwierigkeit Nostromos, sich in ein Familienleben und gleichzeitig in das politische Machtgefüge Costaguanas einzuordnen; Land schreibt: „Essentially Nostromo is seeking personal profit while avoiding commitment.“, eine Feststellung, die sich auch durch Teresas Kritik an Nostromo offenbart. 34 Teresa ist sicherlich nicht die einzige Romanfigur, die Nostromo in Frage stellt, auch beispielsweise Dr. Monygham hat, zumindest zeitweilig, Zweifel an der Ehrbarkeit des Helden: „Nostromo is a fool.“ (195) Die Frage ist jedoch, ob die weibliche Perspektive einen Unterschied macht. Es ist möglich, dass Teresas weibliches, d.h. eher emotionales, Empfinden gepaart mit ihrem Traditionsbewusstsein, durch das sie auch gewisse Erwartungen an den Schwiegersohn in spe hat, die Besonderheit ihres Blickwinkels darstellt. Die recht hohen Erwartungen scheinen Teresa regelrecht zu erdrücken; so heißt es, dass sie durch das Geräusch eines abgefeuerten Schusses stirbt „as surely as if the bullet had struck her opressed heart.“ (287) Vermutlich ist es auch der Zwiespalt zwischen mütterlichen Gefühlen, auch zu Nostromo, einerseits und den für sie unübersehbaren Problemen andererseits, den sie sich sprichwörtlich zu Herzen nimmt.
Teresa ist nicht nur zu Beginn der Romanhandlung für das Verständnis der Problematik Nostromos wichtig; als er schließlich erkennt, dass er betrogen wurde, denkt er sofort an sie: „Signora Teresa (…) had been right. He had never been taken into account.“ (255) Damit legt er selbst fest, dass sie es von Anfang an besser wusste. Durch diese Tatsache erhält die Figur der Teresa für den Roman zwar keine besondere Effektivität, nichtsdestotrotz lässt sich daraus auch eine Gabe erkennen, die Conrad den Frauen zuspricht; in diesem Fall die Gabe der Vorhersehung. Ihr Tod schlägt Nostromo in besonderem Maße zu Gemüt, wie schon erwähnt, aufgrund seines schlechten Gewissens. Seine Weigerung, der im Sterben liegenden Frau einen Priester zu rufen hat weniger damit zu tun, dass er ihre Gläubigkeit nicht teilt, sondern vielmehr damit, dass er unter Zeitdruck steht: Er muss sich um das Silber kümmern. Das Silber ist in diesem Moment also wichtiger als die Bedürfnisse einer ihm nahe stehenden, sterbenden Person. J. A. Verleun schreibt zu Teresas Bedeutung für den Roman: „The irony is that Teresa, who believes Nostromo to be unchangeable, is the prime originator of
34 Ebd.
14
change in him.“ 35 Dieser Ansicht zufolge, haben ihre Warnungen sehr wohl Einfluss auf sein Unternehmen. 36 Es lässt sich nicht eindeutig belegen, dass Nostromos Zweifel, die insbesondere während des Versuchs, das Silber außer Landes zu bringen deutlich werden, direkt mit Teresas Mahnungen zusammenhängen. Dennoch ist es auffällig, dass Passagen wie „Even Nostromo himself thought that this was perhaps the end of his desperate adventure.“ (176) zu finden sind. Da er aber angesichts der Niederlage an ihre Worte denken muss, liegt es nahe, dass ihre Worte bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen haben. Unabhängig davon ist klar, dass Teresa trotz aller Kritik, die sie an Nostromo übt, stets an ihm festhält, sich ihn als Ehemann für ihre Tochter Linda wünscht. Verleun hält dies für einen Beweis, „that she too is a victim of his glamour.“ 37 , eine Auffassung, die auch Lands These der Ineffektivität ihrer Figur unterstützt. Zusätzlich heißt es bei Verleun: „(…) Nostromo is as much Teresa’s victim as she is his.” 38 Er kann nicht nur ihren Ansprüchen nicht gerecht werden; ihre misstrauische Haltung lässt ihn in manchen Situationen geradezu trotzig erscheinen: „She cannot upset me.“ (13) Der Leser weiß jedoch, im Kontext des gesamten Romans, wie bereits angesprochen, dass das sehr wohl der Fall ist.
Bei Linda und Giselle Viola handelt es sich um gegensätzliche Schwestern. Linda gleicht in ihrem moralisch-strengen und selbstsicheren Wesen mehr Antonia Avellanos, während Giselle als eine etwas naive Lolita dargestellt wird. Zu diesem Typus Frau gibt es im gesamten Roman keine analoge Erscheinungsform. Verleun hält die Mädchen für „diametrically opposite“ 39 , ein Gegensatz, der Konflikte birgt. Das sieht man schon daran, dass die Männer Costaguanas der hübschen, blonden Giselle hinterher rufen, während Linda nach eigener Aussage unbeachtet bleibt: „They call out after her, ‚Look at the rubia! Look at the rubiacita!’ (…) Nobody calls out after me.“ (16) Da Linda ihre Schwester als schüchtern („She is timid.”) und daher schutzbedürftig ansieht, erscheint sie zunächst nicht besonders neidisch. Sie hätte jedoch Grund zur Eifersucht: Ihr Quasi-Verlobter Nostromo ist Giselle verfallen. Ob man von echter Verliebtheit
35 Verleun, S. 238.
36 Vgl. ebd: “(…) her warnings will radically influence his conduct, and she will help to shape his fate long after her death.”
37 Ebd., S. 240.
38 Verleun, S. 240.
39 Ebd.
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sprechen kann, ist nicht ganz offenkundig. Sicher ist, dass er sich von Giselles Äußerem angezogen fühlt und darüber hinaus weiß, dass sie ihm nicht im Weg stehen würde, was seine weiteren Pläne das Silber betreffend anbelangt. Ebendies ist auch der Grund, weshalb er die Heirat mit Linda fürchtet; Linda könnte er seine Tätigkeit nicht verheimlichen, und wenn sie es erführe, würde sie ihn vermutlich zur Rechenschaft ziehen.
Linda ist, auch Verleuns Argumentation nach, die stärkere, d.h. gefestigtere, von beiden. 40 Der Autor hält die Beschreibung des Aussehens Lindas durch den Erzähler mehr für eine Schilderung ihrer Spiritualität als einer, womöglich sexuellen, Attraktivität. Besonders die Textstelle „(…) her red lips, which were almost too red; but she had admirable eyes, (…) full of intelligence and meaning (…)” (16) soll als Beweis dafür dienen. Auch hier ist die Frage, ob Intelligenz und Sinnlichkeit einander ausschließen, beinahe unvermeidlich. Es ist denkbar, dass Conrad mit der Tatsache, dass sich mehr Männer für Giselle interessieren als für Linda, ebendiese Männer entlarvt: Sie legen damit offensichtlich mehr Wert auf äußere Signale als auf Klugheit, dies gilt zumindest für die namenlosen Verehrer; Nostromo beweist darüber hinaus, dass er aus Bequemlichkeit die anspruchslosere Frau wählen würde. Ihm fehlt der Mut, sich dazu zu bekennen und so plagt ihn sein schlechtes Gewissen und sozusagen auch der Geist der toten Teresa, da er genau weiß, wie wenig sie von einer Verbindung mit Giselle gehalten hätte. Als Giselle ihn fragt, „what could stand between you and me?” antwortet er: “Your dead mother.” (328) Stephen K. Land zufolge, entspricht Linda ihrer Mutter in ihren Ansprüchen an Nostromo. 41 Es dürfte daher nicht verwundern, dass es Teresas Wunsch an ihn war, Linda zu ehelichen. Es scheint sich kein Außenstehender überhaupt vorstellen zu können, dass Nostromo sich mehr für die Schwester interessiert. Das beweist auch Giorgio Violas überstürzter und tödlicher Angriff auf Nostromo, den er versehentlich für einen unsittlichen Bewunderer Giselles hält. Es war zuvor gar nicht auf die Idee gekommen, dass zwischen seinem Schützling und seiner Tochter ein Verhältnis bestehen könnte. Dafür verantwortlich ist wohl hauptsächlich Ignoranz, eine Eigenschaft, die nicht sehr rühmlich für die Familia Viola ist, und doch mit ihrem außerordentlichen Konservativismus zusammenhängt. Teresas Traditionsbewusstsein wird
40 Vgl. ebd. S. 241: “Linda, the ‘fearless’ one (…) is a foil to Giselle, the timid.”
41 Bloom, S. 99.
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konsequent an Linda weiter gegeben: „Linda, with her mother’s voice, had taken more her mother’s place.“ (322) Es ist allerdings auch möglich, dass Nostromo sich eine Art geregeltes Familienleben wünscht, was mit Linda ja möglich wäre. Land bezeichnet diese mögliche Sehnsucht als „gravitational pull of social norms“ auf der einen Seite, gegenüber „[the] goal, the satisfaction of his appetites.“ 42 Diese Befriedigung könnte wiederum sowohl mit dem Silber, als auch mit Giselle zusammen hängen.
Wie sehr die beiden Mädchen nicht nur in die Handlung, sondern auch in die Geographie und -politik des Romans, eingebettet sind, zeigt der Bau des Leuchtturms auf der Insel Great Isabel. Die Schauplätze der Handlung dienen der Versinnbildlichung der weiblichen Figuren. Dies zeigt sich auch in der Beschreibung der Tätigkeit, die Linda schließlich anstelle ihres Vaters im Leuchtturm verrichtet: „(…) Linda sleeps all day and watches the light all night.“ (312) Dadurch wird eine direkte Verbindung zwischen den Frauen und dem Silber hergestellt 43 : Nostromo hat das Silber auf der Insel versteckt und Giorgio fungiert als Leuchtturmwächter; so kann Nostromo sich regelmäßig um „the treasure“ kümmern, ohne jemanden vor den Kopf stoßen zu müssen. Die Bezeichnung „treasure“ trifft durchaus sowohl auf das Silber, als auch auf Giselle zu, denn von seiner Leidenschaft zu beiden kann Nostromo nichts an die Öffentlichkeit dringen lassen. 44 Giselle verkörpert sozusagen das Silber, d.h. die Versuchung, die durch die Verbotenheit noch verlockender erscheint. Sie selbst sagt zu ihm: „Your love is to me like your treasure to you. It is there, but I can never get enough of it.” (333) Dass Giselle blond ist, scheint auf den ersten Blick einem Klischee zu entsprechen. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die hellen Haare sie zur Ausnahmeerscheinung machen. Die meisten jungen Frauen in Costaguana haben dunkles Haar, was vor allem mit deren südländischer Herkunft zusammen hängen dürfte. Conrad hätte jedoch problemlos auch mit Antonia eine blonde Frau erschaffen können. Verleun widerspricht der ebenfalls schon erwähnten Ansicht, Linda reagiere nicht sehr missgünstig auf die offensichtliche Popularität ihrer Schwester; er hält ihre wiederholten Kommentare zu Giselles Schüchternheit für „sexual jealousy of the success of her sister’s blonde sexuality, (…) making her
42 Ebd.
43 Ebd.
44 Vgl. Bloom, S. 100: „Nostromo cannot make his preference [for Giselle] publicly known.”
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stress her courage as a positive which Giselle does not possess.“ 45 Giselle und Nostromo hingegen sind sich in ihrer Wesensart nicht unähnlich, was ihre Amoralität und ihren fehlenden Sinn für soziale und familiäre Verpflichtungen betreffen. 46 Durch Nostromos gesteigertes Interesse an Giselle offenbart sich also für den Leser abermals sein zweifelhafter Charakter, der im Gegensatz zu dem vortrefflichen Ruf steht, den er praktisch bis zum Ende der Handlung beibehält.
Giselle als Lolita zu bezeichnen erhält auch durch den Blick auf eine Szene mit Dr. Monygham Berechtigung: Der Ausdruck ihrer Augen wird vom Erzähler als „half-candid“ bezeichnet, während Monygham denkt: „If I weren’t what I am, old and ugly, I would think the minx is making eyes at me.“ (312) Sowohl „half-candid“, als auch „minx“ sind keine schmeichelhaften Attribute. Sie lassen darüber hinaus die Überlegung zu, ob Giselle, so naiv sie auch geschildert wird, zu einer gewissen Berechnung in der Lage ist. Verleun bezeichnet treffend sie als „semi-innocent.“ 47 Des Weiteren bezieht er sich auf eine Textstelle im Roman, in der Giselles Auftreten mit dem eines Panthers verglichen wird 48 : „(…) [she] raised the altar-cloth from time to time to hide nervous yawns, as of a young panther.” (325) Diese Symbolik hat mit einer latenten Gefahr zu tun, die von ihr ausgeht; sie stiftet Sinnesverwirrung. Verleun formuliert es folgendermaßen: „The panther-simile is obviously there to point to Giselle’s sexual tension and predatoriness, but it does not destroy the impression of a relaxed awareness of sexual power.” 49 Demnach müsste sie also - wenn auch unbewusst - den Vorteil, den sie gegenüber ihrer Schwester hat, nutzen. Es wird im Roman selbst nicht deutlich, ob sie Nostromo aktiv eine erstrebenswerte Alternative zu Linda bieten möchte. „It was her hair like gold, she supposed.“ (326) Dass diese Alternative auch aufgrund ihrer entspannten Haltung zu Nostromos Geheimnis, was das versteckte Silber betrifft, für ihn interessant ist, zeigt seine Reaktion: „’I love you! I love you!’ These words gave him an unwonted sense of freedom (…)“ (329)
45 Verleun, S. 241.
46 Vgl. Verleun, S. 244: „Nostromo and Giselle are basically unembarrassed by [a sense of social and familial duty].”
47 Verleun, S. 243.
48 Ebd., S. 245.
49 Ebd.
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In Giselles Unkompliziertheit angesichts dieses heiklen Themas sieht Verleun „a liberating effect on [Nostromo].“ 50
Als Linda von Nostromos Verhältnis zu ihrer Schwester erfährt, reagiert sie gekränkt, zeigt jedoch sogar zu diesem Zeitpunkt noch ein gewisses Verständnis für die Giselles vermeintliche Schwäche: „But she could not help it probably.“ (334) Dies könnte ein Zeichen für den Zusammenhalt in der Familie Viola sein, was für das Traditionsbewusstsein dieser sprechen würde. Lindas Wut und ihr verletzter Stolz äußern sich jedoch durch den tätlichen Angriff auf ihre Schwester, während dessen Giselle sich ausnahmsweise nicht komplett unterwirft: „Madre de Dios! Are you going to eat me alive, Linda?“ (334) Linda ist diejenige, die letztendlich ihre emotionale Starre durchbricht, nämlich dann, als sie von Nostromos Tod erfährt: „She stood silent, and still, collecting her strength to throw all her fidelity, her pain, bewilderment, and despair into one great cry.” (345)
Die leidenschaftlichen Wirrungen, für die Nostromo insbesondere unter den Viola-Frauen sorgt, haben zur Folge, dass es in dem primär politisch angelegten Roman durchaus eine gewisse Dramatik gibt. Um es mit Verleuns Worten zu sagen: „Nostromo ist he great usurper of love.“ 51
50 Ebd., S. 249.
51 Verleun, S. 254.
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5. Schlussbemerkungen
Es hat sich gezeigt, dass die Frauenfiguren, d.h. ihre Illustration und ihr Einfluss auf die Handlung, eine bedeutsame Rolle im Roman Nostromo spielen. Conrad räumt ihnen in der Darstellung nicht zu unterschätzenden Raum ein. Kritikwürdige Seiten im Charakter der Protagonisten treten nicht zuletzt im Verhalten gegenüber den betreffenden Frauen deutlich zutage und werden dadurch besonders anschaulich.
Mit Blick auf das Alter und die Komplexität des Stoffes ist es generell schwierig eine abschließende und bis ins Letzte belegbare Interpretation der weiblichen Charaktere zu formulieren. Die Frauenfiguren in Nostromo weisen zumindest einen gewissen Grad an psychologischer Vielschichtigkeit auf. Die Formung der weiblichen Figuren ist in jedem Fall eine Bereicherung für den Roman und seine Botschaften.
Erstaunlich ist, dass Nostromos ausgezeichneter Ruf auch nach all seinen Versäumnissen, Eskapaden und denunzierenden Geständnissen über seinen Tod hinaus erhalten bleibt. Diejenigen weiblichen Figuren, die er in irgendeiner Form verletzt oder desillusioniert hat, enttäuschen ihn auch nach seinem Ableben nicht. Es stellt sich die Frage, ob darin eine generelle Ungerechtigkeit beschrieben wird. Denkbar ist allerdings auch, dass der moralische Konflikt, den die Figur des Protagonisten austrägt, nicht aufgelöst werden soll - eben auch nicht durch die weiblichen Charaktere - und so heißt es am Ende: „(…) the genius of the magnificent Capataz de Cargadores dominated the dark gulf containing his conquest of treasure and love.“ (345)
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A. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Conrad, Joseph, Nostromo. (New York: Dover Publications, 2002).
Sekundärliteratur:
Bloom, Harold (Ed.), Joseph Conrad’s Nostromo. Modern Critical Interpretations. (New York: Chelsea House Publishers, 1987).
Gillon, Adam, The Eternal Solitary. A study of Joseph Conrad. (New York: Bookman Associates, Inc., 1960).
Kirschner, Paul, Conrad: The Psychologist as Artist. (Edinburgh: Oliver & Boyd, 1968).
Knowles, Owen and Moore, Gene M., Oxford Reader’s companion to Conrad. (Oxford: Oxford University Press, 2000).
Krenn, Heliéna, Conrad’s Lingard Trilogy. Empire, Race, and Women in the Malay Novels. (New York: Garland Publishing, Inc., 1990).
Nadelhaft, Ruth L., Joseph Conrad. Feminist readings. (New Jersey: Humanities Press International Inc., 1991).
Spittles, Brian, Joseph Conrad. Text and Context. (New York: St. Martin’s Press, 1992).
Verleun, Johannes Ary, The Stone Horse. A Study of the Function of the Minor Characters in Joseph Conrad’s Nostromo. (Groningen: Bouma’s Boekhuis, 1978).
Watt, Ian, Joseph Conrad. Nostromo. (Cambridge: Cambridge University Press, 1988).
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Julia Ebsen, 2007, Die weiblichen Charaktere in Joseph Conrads 'Nostromo' , München, GRIN Verlag GmbH
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