Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Vorbereitung der Interpretation 4
2.1 Themen und Probleme der Textauszüge Buch X, Vers
508,1-517,10 und Buch XII, Vers 611,16-620,12 4
2.2 Die Themen und Probleme des Textauszugs im Kontext des
Romans 5
2.3 Vergleich des Textauszugs mit Chrétiens Conte du Graal’ 7
3. Interpretation des Textauszugs 8
3.1 Die Macht der Liebe zwischen Gawan und Orgeluse 8
3.2 Abkehr von Rache und Besinnung auf Liebe 11
3.3 Gawan im Dienst Orgeluses 13
4. Schlussbemerkungen 16
A. Literaturverzeichnis 17
2
1. Einleitung
Die Figur der Orgeluse von Logroys ist auf vielfältige Weise untersuchungswürdig: Dazu gehört die Art ihrer Darstellung durch den Erzähler und die damit verbundene
Verhaltensentwicklung, die Orgeluse durchläuft. Dabei geht es auch um die Psychologie der Romanfigur und die Tatsache, dass sich dieses Phänomen allein durch seine Existenz von Chrétiens Vorlage unterscheidet. Ebenfalls ist Orgeluses Position im Roman bzw. ihre Einbettung in die Handlung zu berücksichtigen, gerade bei der Frage nach der Relevanz ihrer Beziehung zu Gawan. In diesem Zusammenhang gilt es ferner, die wechselseitige Wirkung der beiden Figuren aufeinander, die insbesondere durch die Dialoge illustriert sind, in die Betrachtung mit einzubeziehen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, in wie weit sich die Figur des Gawan durch die Bekanntschaft mit Orgeluse entfaltet oder wandelt. Allein die Gegebenheit, dass Orgeluse eine von Wolfram auf ungewöhnliche Weise konzipierte Figur ist, spricht für eine generelle Analyse ihres Charakters. Sie ist darüber hinaus als untypische Frauengestalt der mittelalterlichen Literatur anzusehen, was das Problem aufwirft, dass ihre Eigenschaften und Verhaltensweisen trotz der scheinbaren Modernität im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen und interpretiert werden müssen. Gleiches gilt für die Überlegung, ob die Darstellung der Minne bzw. des Minnedienstes im speziellen Fall von Orgeluse und Gawan, Auswirkungen auf die mediävale Auffassung des Verhältnisses zwischen Ritter und Dame hat.
3
2. Vorbereitung der Interpretation
2.1 Themen und Probleme der Textauszüge Buch X, Vers 508,1-517,10 und Buch XII, Vers 611,16-620,12
In den genannten Textauszügen geht es vorwiegend um das Verhältnis zwischen Orgeluse und Gawan. Der erste Textabschnitt zeigt die Situation ihrer ersten Begegnung, die von Orgeluses Spottreden beherrscht ist. In der zweiten Passage manifestiert sich bereits ihre emotionale Wandlung in einer überraschenden Unterwerfung der Figur. Um Orgeluses gesamte Veränderung nachvollziehen zu können, muss die vollständige Episode berücksichtigt werden, auch wenn der Schwerpunkt auf den erwähnten Textstellen liegt. Am Ende steht die Genesung der ganzen Gesellschaft auf Schastel marveile. Damit ergibt sich zunächst das Thema der Macht der Liebe und in wie weit sich diese auf Orgeluse und Gawan auswirkt, bzw. was diese Macht sozial auslösen kann. Doch anfangs wird die Liebe, im Sinne von Minne, zwischen den beiden Figuren problematisiert gezeichnet: Orgeluse stellt Gawan keinen Liebeslohn für seinen Minnedienst in Aussicht, zumindest keinen Lohn im klassischen Sinn. Sie kündigt ihm an: „des lônes ir an mir niht hat: ir mugt wol laster hie bejagen“ (510,12-13). Warum Gawan sich überhaupt auf dieses zunächst aussichtlose Unterfangen einlässt, und wie er dabei vorgeht, ist ebenfalls Gegenstand dieser Untersuchung.
Gegen Ende der Orgeluse-Episode findet eine Heilung und eine Art Läuterung ihrer Figur statt. Thematisch gesehen erfolgen die Abkehr von Rachebesessenheit und daran anschließend die Besinnung auf Liebe.
4
2.2 Die Themen und Probleme des Textauszugs im Kontext des Romans
Die Macht der Liebe offenbart sich auch durch die Beziehung zwischen Parzival und Condwiramurs: Sie verleben selbst die vielen Jahre der räumlichen Trennung in absoluter Treue zueinander. Beiden spendet allein der Gedanke an ihre Liebe und die gemeinsame Zukunft genug Kraft, um diverse Strapazen zu überstehen. Ihr Verhältnis unterscheidet sich dabei von Gawans und Orgeluses insofern, als dass es sich von Anfang an als weniger kompliziert erweist.
Die für das mittelalterliche Verständnis unkonventionelle Form des anfänglichen Minneverhältnisses zwischen Gawan und Orgeluse, nämlich Minnedienst ohne Lohn, taucht in der umgekehrten Variante im Fall der amourösen Begegnung Gawans mit Antikonie auf: Antikonie bietet ihm Minnelohn ohne Dienst. Es ist anzunehmen, dass Wolfram das klassische Thema des Minnedienstes ad absurdum führt, um damit zu zeigen, dass die wahre, tragfähige Liebe auf Tiefschürfenderem beruht, als auf gesellschaftlichen Sitten und Bräuchen. Mit Orgeluses Bekanntschaft steht Gawan vor der einmaligen Herausforderung, die Frau, in die er sich verliebt hat, aus ihrer emotionalen Starre zu befreien. Orgeluses Rachebesessenheit resultiert aus dem traumatischen Verlust ihres geliebten Ehemanns. Der gewaltsame und plötzliche Tod des Partners findet sich bei zahlreichen Frauenfiguren im Roman; z.B. im Fall von Belakane, Herzeloyde und Sigune. Diese Frauen reagieren völlig anders auf das Ableben ihrer Gatten bzw. Geliebten als Orgeluse: Belakane stirbt letztendlich am Schmerz ihrer Trauer, ebenso wie Sigune, die dem Leben abschwört, und sich vor ihrem Tod mit der Leiche ihres Freundes einmauert.
5
Herzeloyde gibt ihre Herrschaft auf und zieht sich in die Einöde zurück, nachdem sie von Gahmurets Schicksal erfahren hat. Im Vergleich zu Orgeluse reagieren sie mit Passivität und Resignation. 1 Orgeluse hingegen wandelt ihren Kummer in Hass um, der sich in erster Linie gegen den Mörder ihres Mannes richtet, aber auch, in Form von extremem Zynismus, gegen buchstäblich alle Menschen in ihrer Umgebung. Die Art und Weise, wie Gawan mit dieser Verhaltensstörung umgeht, ist beispiellos im Roman.
1 vgl. Emmerling: S. 140.
6
2.3 Vergleich des Textauszugs mit Chrétiens ‚Conte du Graal’
Orgeluse ist bei Wolfram eine außerordentlich komplexe und facettenreiche Figur. Ihre anfängliche Aggressivität ist nur Fassade, denn dahinter liegt ihre Verletzlichkeit verborgen. Die l’Orgueilleuse de Logres bei Chrétien hingegen wird nur durch ihre Boshaftigkeit und Einfalt definiert. Der Hohn, mit dem sie Gauvain begegnet, findet sich auch in Wolframs Darstellung. Ebenfalls ähnlich ist die Veränderung des Verhaltens der l’Orgueilleuse, aber sie bleibt ein paradoxer Charakter. 2 Wolfram was es erkennbar ein Anliegen, seine Orgeluse zu formen und ihr emotionale Tiefe zu verleihen. Die Ursache für das streitsüchtige Benehmen der l’Orgueilleuse liegt in ihrer destruktiven Haltung begründet: Seit dem Tod ihres Freundes wünscht sie sich zu sterben und versucht durch Provokation, einen Ritter dazu zu bringen, sie zu töten. 3 Zu Gauvain fasst sie letztendlich Vertrauen und begleitet ihn; danach ist aber von ihr im ‚Conte du Graal’ nicht mehr die Rede. 4 Dies ist ein grundlegender Unterschied zu Wolframs Fassung: Die reifende Beziehung zwischen Gawan und Orgeluse, inklusive der Erfüllung des Liebeslohns, und schließlich die durch Gawan initiierte Heilung der ehemals vom Schmerz zerrissenen Orgeluse und der vormals trübsinnigen Gesellschaft von Schastel marveile. Diese Abweichung ist für die vorliegende Untersuchung von zentraler Bedeutung, da sich hier zeigt, wie entscheidend die Rolle der Orgeluse für das weitere Geschehen der Gawan-Bücher ist. Dies gilt auch für ihre Einbindung in die Gralshandlung, d.h. speziell ihr Verhältnis zum Gralskönig Anfortas; auf diesen Themenbereich soll jedoch aus Gründen der Fokussierung nicht weiter eingegangen werden.
2 vgl. Bumke S. 99.
3 ebd. S. 106.
4 ebd. S. 106.
7
3. Interpretation des Textauszugs
3.1 Die Macht der Liebe zwischen Gawan und Orgeluse
Die Verbitterung, die Orgeluse nach dem Mord durch Gramoflanz an ihrem Ehegatten Cidegast empfindet und nach Außen trägt, erweckt den Eindruck, dass sie den Glauben an die Liebe verloren hat. Männer werden von ihr vornehmlich instrumentalisiert, um ihre Rachegelüste zu befriedigen. Den Wert eines anderen Menschen weiß sie nicht mehr zu schätzen und sie isoliert sich als Einzelkämpferin, was, gepaart mit ihrer Grobschlächtigkeit anderen Menschen gegenüber, dazu führt, dass ihr eigenes Volk sie ablehnt. Der Natur eines jeden Menschen gemäß kann dieser Zustand nicht zufrieden stellend sein. Es ist daher anzunehmen, dass sie, wenn auch unbewusst, auf jemanden gewartet hat, der sie rettet. Sie erkennt nicht sofort, dass Gawan derjenige ist, aber sie beschließt vergleichsweise zügig, ihn zu begleiten. Sie ist somit wenigstens bereit, es auf einen Versuch ankommen zu lassen, und sei es nur um die Erprobung seiner Fähigkeiten willen. Je mehr Zeit sie mit ihm verbringt und je mehr sie einsehen muss, dass ihre Provokationen bei Gawan nicht die gewünschte Wirkung haben, desto geringer wird ihre Resistenz gegen ihn. Hierbei stellt sich allerdings die Frage, was genau Orgeluse eigentlich mit ihrem Spott beabsichtigt. Es ist schwer vorstellbar, dass es ihr Freude bereitet hätte, Gawan zu vergraulen. Dies hätte sie nur in ihrer Misanthropie bestätigt. Eher einleuchtend erscheint die Annahme, dass sie seine physische sowie psychische Belastbarkeit herauszufinden und zu beurteilen sucht. Um jedoch überhaupt zu diesem Unternehmen bereit zu sein, muss ihr schon beim ersten Blick auf Gawan bewusst geworden sein, dass es sich lohnen würde, ihm eine Chance zu geben. Gawans friedfertige Reaktion beeindruckt sie, denn damit kann sie kaum
8
gerechnet haben. Sie beginnt, Gawan zu akzeptieren und als gleichrangig zu betrachten. Umgekehrt ist es ähnlich; zwar respektiert Gawan sie von Anfang an, und doch ist es gerade ihre Widerspenstigkeit, die ihn reizt und fordert. Das alles hat noch nicht allzu viel mit Liebe und deren Kraft auf die Menschen zu tun. Trotzdem ist das Machtspiel zwischen den Figuren wichtiger Teil des Weges zur gegenseitigen Hingabe. Gawan sagt es selbst: „swem ist ze werder minne gâch, da hoeret dienst vor unde nâch“ (511, 15-16). Die Tatsache, dass er alles auf sich nimmt, was Orgeluse von ihm verlangt, zeugt von einem festen Glauben an eine angehende Vereinigung mit ihr, und von tiefem Vertrauen in die Liebe zwischen Mann und Frau. Er findet tatsächlich einen Zugang zu Orgeluses Wesen. Eine solche humane Leistung legt den Grundstein für eine intakte Beziehung. Gawan macht durch seinen Umgang mit Orgeluse keine andere Person aus ihr, sondern kehrt den positiven Menschen, der sie eigentlich ist, wieder hervor. Der beschwerliche Pfad, den beide Figuren gehen müssen, veranschaulicht, dass die Liebe nicht einfach selbstverständlich stattfindet, sondern dass sie auch mit Arbeit und Willenskraft verbunden ist. Dafür ist Orgeluse insofern prädestiniert, als dass sie im Allgemeinen alles andere als untätig oder ergeben handelt. Es dauert nur eine Weile, bis sie begreift und zulässt, dass Gawans Liebe ihr helfen und sie sogar erlösen kann. Gawan wiederum stellt seine eigenen Interessen vermeintlich in den Hintergrund. Bevor er Orgeluse trifft, hatte er es vermieden, oder zumindest versucht, sich auf nicht unbedingt notwendige Kämpfe einzulassen. Bestes Beispiel dafür ist der Konflikt in Bearosche (s. Buch VII), in den Gawan zunächst nicht eingreifen möchte, und erst von Obilot umgestimmt werden muss. Doch schon zu diesem Zeitpunkt befürchtet Gawan, dass ein feige wirkendes Verhalten sein Ansehen als Ritter
9
beschädigen könnte. Nun fordert Orgeluse ‚werlîche leben’ (511, 18) von ihm und verkündet: ‚mîn dienst bedarf deheines zagen’ (511, 20). Gawan folgt kurzweg ihren Aufforderungen, auch wenn sie ihm keinen Lohn in Aussicht stellt. Die Erprobung eines Ritters im Kampf, und somit auch die allgemeine Bereitschaft zum strît, sind zwar einerseits unausweichliche Bestandteile des Minnedienstes, dennoch handelt es sich bei Orgeluses Dienst mehr um ein „Prüf-Verfahren“, wie Bumke es nennt. 5 Orgeluse ist weniger daran interessiert zu sehen, ob Gawan ein tapferer Ritter ist; vielmehr möchte sie herausfinden, ob er sich bewährt, und sie ihn für ihre Zwecke gebrauchen kann. Gawans Bereitwilligkeit, Orgeluse ohne Rücksicht auf Verluste zu dienen, und von seinen ursprünglichen Maximen abzurücken, beweist sein hohes Maß an Zielstrebigkeit.
Insgesamt besteht das Thema der Macht der Liebe aus dem Einklang zwischen dem einzelnen Menschen und dessen Bereitschaft, sich überhaupt, auf die Liebe einzulassen, und der Wechselwirkung zwischen den sich gegenseitig liebenden Menschen. Es gilt dabei auch zu bedenken, dass Wolfram die Liebesgeschichte zwischen Gawan und Orgeluse eigenständig veranlasst und vollendet hat, während bei Chrétien an keiner Stelle von Liebe zwischen l’Orgueilleuse und Gauvain die Rede ist: Gauvain befreit sie aus ihrer rätselhaften Erstarrung und damit endet die Episode. 6 Das Thema der Liebe hat in Wolframs Roman einen sehr hohen, wenn nicht den höchsten, Stellenwert. Die Frage, die Parzival dem bisherigen Gralskönig Anfortas stellen muss, um ihn von seinen Qualen zu befreien, ist nichts anderes als ein Ausdruck der Nächstenliebe. Es ist daher nur konsequent, das Motiv der Liebe auch auf die Figuren Gawan und Orgeluse auszuweiten. In ihrer Geschichte manifestiert sich der Glaube, dass die Liebe jedes Hindernis überwinden kann.
5 Bumke: S. 166.
6 Emmerling: S. 133.
10
3.2 Abkehr von Rache und Besinnung auf Liebe
Wie schnell sich Orgeluses Wandlung vollzieht, überrascht den darauf unvorbereiteten Rezipienten zunächst, da ihre Darstellung durch den Erzähler bis dato derart negativ war, dass, um es mit Bumkes Worten zu sagen, „der Erzähler es schwer (hat), eine Gestalt, die er zuvor so abstoßend beschrieben hat, den Zuhörern nachträglich nahe zu bringen“. 7 Nachdem Gawan von Gramoflanz zurückkehrt, zeigen sich in Orgeluses stolzer Haltung deutliche Risse und sie bittet Gawan unterwürfig um Verzeihung. Schon als der Sprung über die Furt, eine lebensgefährliche Aufgabe, die sie ihm zuvor gestellt hatte, misslingt, wird durch ihre ängstliche Reaktion deutlich, dass Gawan ihr am Herzen liegt. An dieser Stelle zeigt sich, wie traumatisch der Verlust ihres Mannes zuvor für sie gewesen sein muss. Trauer in Hass umzuwandeln ist eine aus Selbstschutz und beabsichtigter emotionaler Verhärtung heraus versuchte Kompensation. Dieses Unterfangen ist zum Scheitern verurteilt, zumal wenn man die Liebe als das höchste Gut des Menschen ansieht. Rache ist immer nur eine kurzweilige Befriedigung von Bedürfnissen, die aus Frustration und Enttäuschung entstehen. Sie löst keine fundamentalen Probleme. Gawan kann sich in dieser Form darüber nicht im Klaren sein, da er Orgeluse in ihrem Bestreben, Gramoflanz zu töten, zunächst einmal unterstützt. Dennoch gelingt es ihm, Orgeluses zwanghafte Rachebesessenheit zu mildern, indem er ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst lenkt und sie schließlich für sich einnimmt. Da sie mit ihm und durch ihn Glück erfährt, fällt plötzlich die lang ersehnte Rache nicht mehr so sehr ins Gewicht. Darin zeigt sich, dass der Wunsch nach Vergeltung nicht so stark gewesen sein kann, wie der Wunsch nach Zuneigung und Geborgenheit. Zweiter gehört zu den wesentlichen Bedürfnissen eines jeden menschlichen Wesens, was wiederum für Orgeluses verborgene
7 Bumke: S. 103.
11
Liebenswürdigkeit spricht. Auch offenbart Orgeluses Abwendung von Rache, dass die Erfüllung des Vergeltungswunsches ihr nicht die erhoffte Befriedigung hätte verschaffen können. Diese findet sie in der Liebe zu Gawan. Im Bezug auf Orgeluses Zögern, als sie Gramoflanz schließlich einen Versöhnungskuss geben soll, spricht die Autorin Sonja Emmerling von Stolz und kritischem Widerspruchsgeist, die wichtige Merkmale Orgeluses bleiben, auch wenn sie sich überwiegend Gawans Wünschen unterordnet. 8 Dies ist jedoch legitim, da es Orgeluses Wesen entspricht, und nicht heißt, dass sie gar nicht über ihren eigenen Schatten springen kann.
8 Emmerling: S. 147.
12
3.3 Gawan im Dienst Orgeluses
Betrachtet man zunächst die Figur des Gawan, so stellt man fest, dass er sich in der vorangegangen Handlung seiner gleichnamigen Bücher solide und eher unauffällig verhalten hat. Dies soll sich mit dem Eintritt Orgeluses in das Geschehen ändern. Emmerling nennt es eine „Umorientierung für Gawan“ seine Werte betreffend. 9 Dabei sieht es anfangs nicht danach aus, als käme er zum Ziel, denn Orgeluse weigert sich beharrlich, Sympathie Gawan gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Auf ihre Verspottung und Beleidigungen reagiert er erstaunlich gelassen und unbeirrt. Dieses Verhalten dürfte allerdings insofern nicht verwundern, als dass er sich bisher alles andere als streitlustig, sondern vielmehr besonnen und nahezu pazifistisch, verhalten hat. Dennoch sind Orgeluses Provokationen kaum tragbar für einen Ritter seines Standes. Sein Stoizismus scheint also Teil hat einer Strategie zu sein, die sich im Nachhinein tatsächlich als erfolgreich erweist. Orgeluse wird vom Erzähler als sehr schöne Frau beschrieben, was augenscheinlich ein Grund für Gawans Faszination ist. Ihre äußere Schönheit steht jedoch im krassen Gegensatz zu der Hässlichkeit ihres verbalen Ausdrucks. 10 Es wäre jedoch verfehlt, anzunehmen, dass Gawan sich lediglich vom optischen Liebreiz Orgeluses blenden ließe. Zwar räumt er ein, ihr Gefangener zu sein (510, 19), und ist sichtbar entschlossen, alles für sie zu tun, dennoch muss es einen tieferen Grund für die Ruhe geben, die er ihr gegenüber bewahrt. Wolfgang Mohr ist der Meinung, dass Gawan trotz seiner Verliebtheit nie wirklich unterlegen ist. 11 Es erfordert ein hohes Maß an Menschenkenntnis, um sofort zu realisieren, dass jemand Verwundbarkeit und Schmerz mit Bosheit zu kaschieren
9 Emmerling: S. 70.
10 vgl. Bumke S. 96.
11 in: Rupp, Heinz: Wolfram von Eschenbach. S. 295.
13
versucht. Im Verlauf der Handlung erkennt Gawan dieses Problem bei Orgeluse sicherlich, zumal sie ihm vom gewaltsamen Tod ihres Mannes durch Gramoflanz berichtet. Zuvor muss es jedoch etwas anderes sein, das ihn dazu bringt, so viel Geduld mit ihr zu haben. Wenn man bedenkt, dass Orgeluse im Vergleich mit anderen mittelalterlichen Frauenfiguren außerordentlich aktiv und selbstbewusst auftritt, könnte Gawans Begeisterung auch mit dieser Besonderheit zusammenhängen. Emmerling nennt als Gründe Orgeluses „(…) geistreichen Provokationen und Sticheleien (…), ihre Schlagfertigkeit, ihre Bestimmtheit, ihre sprühende Aktivität, kurz ihre ganze Persönlichkeit.“ 12 Die Autorin weist des Weiteren darauf hin, dass Wolfram die im Mittelalter dominierende Ansicht, äußere Schönheit bedeute automatisch einen guten Charakter und hohe Moral, zu relativieren versucht. 13 Dies spricht für die Bedeutsamkeit der Rolle, die Orgeluse für die Rezeption des Romans spielt. Wolfram zeichnet mit ihr ein Beispiel dafür, dass man einen Menschen kennen lernen muss, um ihn beurteilen zu können. Die Tatsache, dass ein Mensch einen anderen erst durch Vertrauen wirklich zu lieben und schätzen lernt, scheint nur im ersten Moment eine eher moderne Anschauung zu sein. Im Grunde ist diese Ansicht zeitlos. Gawan nimmt sich Zeit und scheut auch keine Mühen, um Orgeluse zu verstehen und Bindung zu ihr herzustellen. Unabhängig davon, ob er sich von Beginn an eine Strategie zurechtgelegt hat, erweist sich sein Verhalten ihr gegenüber als erfolgreich. Als sie im zweiten ausgewählten Textabschnitt vor Gawan auf die Knie fällt und ihn um Verzeihung bittet, kritisiert er ihr Benehmen zum ersten Mal: „ob der schilt sîn reht sol hân, an dem hât ir missetân“ (612, 5-6). Emmerling drückt es als das Ende der „therapeutische(n) Schonzeit“ aus. 14 Auch Wolfgang Mohr verwendet den Begriff des Psychiaters im Zusammenhang mit
12 Emmerling: S. 137.
13 ebd. S. 136.
14 ebd. S. 107.
14
Gawan. 15 Dies ist sicherlich ein neuzeitlicher Interpretationsansatz, da die geläufige Form der Psychotherapie im Mittelalter noch unbekannt war. Dennoch ist das Einfühlungsvermögen, das Wolfram seiner Gawan-Figur verleiht, beachtenswert. Gawan bringt Orgeluse dazu, ihn über ihre Vergangenheit aufzuklären und ihm so ein klareres Bild der inneren Zusammenhänge ihrer Verstörung zu bieten. Die Art und Weise, wie sie Gawan ihre Geschichte erzählt, mutet wie eine Beichte an; zumindest wird deutlich, dass sie sich ihren Schmerz von der Seele spricht (vgl. 612, 21-619, 19). Darin zeigt sich, dass Gawan, unabhängig von der Zeit in der die Handlung stattfindet, sehr wohl eine psychologische Leistung vollbracht hat, weil er die „Patientin“ dazu animieren konnte, sich ihm zu öffnen. Gawan muss nach seiner Kritik an Orgeluses Verhalten mit keinen negativen Folgen ihrerseits rechnen, denn nun hat er sie „swâ (er) wolte“ (510, 25). Am Ende gelingt ihm nicht nur die Heilung seiner Geliebten, sondern auch die der Gralsgesellschaft auf Schastel marveile, die er ebenfalls aus ihrer Erstarrung und Liebesunfähigkeit erlöst. Ohne die lehrreiche Episode mit Orgeluse wäre es aber höchstwahrscheinlich nicht dazu gekommen, zumindest nicht in der Abfolge. Diese ist jedoch essentiell, da die Genesung Orgeluses mit der der Gesellschaft kausal verknüpft ist: Gawan musste erst selbst erfahren, dass nichts konstruktiver ist, als die Erfüllung von Liebe. Dank seines eigenen Liebesvollzugs wird er zum „Heiler der Gesellschaft“. 16 Dazu brauchte es eine komplizierte Frau wie Orgeluse. Durch sie erlernte Gawan welche menschlichen Fähigkeiten er in sich trägt und was er damit, im Zusammenspiel mit der Macht der Liebe, bewirken kann.
15 in Rupp: „Gawan (behandelt) sie behutsam, unangreifbar und hartnäckig, wie der Psychiater mit seinem ‚Fall’
umgeht.“ S. 295.
16 Emmerling: S. 97.
15
4. Schlussbemerkungen
Es hat sich gezeigt, wie unverzichtbar die Figur der Orgeluse, mit all ihren scheinbar widersprüchlichen Facetten, für die Gawan-Handlung ist; besonders im Hinblick darauf, dass Humanität und Liebe zentrale Themen sind. Das gilt nicht nur für die Gawan-Bücher, sondern für den gesamten Roman. Mit Blick auf das Alter des Stoffes ist es generell schwierig eine abschließende und bis ins Letzte belegbare Interpretation zu formulieren. Niemand weiß wirklich genau, welchen Impuls und welche Intention Wolfram an einzelnen Stellen hatte. Die Parzival-Forschung nimmt mit fortschreitender Zeit immer wieder andere Akzente an, auch wenn einige grundsätzliche Auslegungen oft seit Jahrzehnten unangefochten zugrunde liegen. Die zeitgenössische Entwicklung stellt einen Interpreten oftmals vor das Problem, auf der einen Seite die mittelalterliche Kultur, Gepflogenheit und, allgemeiner formuliert, den Stand der Dinge, zu berücksichtigen, auf der anderen Seite sind gewisse moderne Mittel zur Analyse nicht zwangsweise unsinnig. Die Tatsache, dass die Figur der Orgeluse psychologische Komplexität aufweist, und durch ihren Eintritt in die Handlung eine solche auch bei Gawan deutlich werden lässt, zeigt, dass Wolfram seiner Zeit voraus war. Die Formung und Vollendung der Orgeluse ist in jedem Fall eine Bereicherung für den Roman und seine zentralen Botschaften.
16
A. Literaturverzeichnis
Werkausgaben:
Chrétien de Troyes: Le Roman de Perceval ou Le Conte du Graal. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1991. Wolfram von Eschenbach: Parzival. Band II: Buch 9-16. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2003.
Kritische Literatur:
Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. Stuttgart: 2004 Emmerling, Sonja: Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern des „Parzival“. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2003. Mohr, Wolfgang: Parzival und Gawan. In: Rupp, Heinz: Wolfram von Eschenbach. Band LVII. Darmstadt: 1966.
17
Arbeit zitieren:
Julia Ebsen, 2006, Die Figur der Orgeluse und ihr Einfluss auf die Gawan-Handlung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Orgelusefigur im "Parzival"
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 13 Seiten
Die Funktion Keies in der Artusgesellschaft
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Weise, heilende Frauen in der hochmittelalterlichen Gesellschaft und i...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 50 Seiten
Der Kampf um die "rechte" Minne - Über den Antagonismus vo...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 19 Seiten
Wertung der weiblichen Figuren bei Hartmann von Aue und Chrétien de Tr...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Darstellung der Artusgesellschaft in Wolfram von Eschenbachs "...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 34 Seiten
Vergleichende Analyse von Cund...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Form und Funktion von Iweins Wahnsinn
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 24 Seiten
Didaktische Betrachtung eines Gedichts – Georg Brittings „Fröhlicher R...
Hausarbeit, 29 Seiten
Zur Rolle der Frauen in Wolframs von Eschenbach "Parzival"
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 16 Seiten
"ein magt gein triuwen wol gelobt": Zur Figur der surziere C...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 23 Seiten
Zur Intertextualität nach Gérard Genette
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Forschungsmeinungen zu "das Urteil" v. Kafka
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Skript, 10 Seiten
Adaption Courtoise. Wolfram von Eschenbachs 'Parzival' und Chr...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 22 Seiten
Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrun...
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Examensarbeit, 96 Seiten
Franz Kafka: Das Urteil. Vier Interpretationsansätze
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Laudine - Fee, Minne- oder Landesherrin?
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 18 Seiten
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Julia Ebsen hat den Text Die Figur der Orgeluse und ihr Einfluss auf die Gawan-Handlung veröffentlicht
Julia Ebsen hat einen neuen Text hochgeladen
Wolframs von Eschenbach »Parzival« als Entwicklungsroman
Gattungstheoretischer Diskurs ...
Ruth Sassenhausen
German Poetry from the Beginnings to 1750: Hartmann Von Aue, Wolfram V...
Ingrid Walsoe-Engel, Wolfram Von Eschenbach, George C. Schoolfield
Die 'Parzival'-Überlieferung am Ausgang des Manuskriptzeitalters
Handschriften der Lauberwerkst...
Gabriel Viehhauser
The Art of Recognition in Wolfram's 'Parzival'
Dennis Howard Green, D. H. Green, Green Dennis Howard
0 Kommentare