Inhaltsverzeichnis
Seite
1 Einleitung 4
2 Die italienische Community und die interkulturelle Kommunikation 5
2.1 Zur interkulturellen Kommunikation 5
2.2 Von der historischen Migration bis zur heutigen Community 6
2.3 Junge Italiener zwischen zwei Kulturen 8
2.4 Zur Integration der italienischen Community im Ruhrgebiet 9
2.5 Problemstellung und Hypothesenbildung 10
3 Informantenstruktur und Befragungsmodus 11
3.1 Parameter bei der Auswahl der Informanten 11
3.2 Familienstruktur der jungen Informanten (J) 12
3.2.1 JA: Männlich, in Deutschland geboren, Familienstruktur I I 12
3.2.2 JB: Weiblich, in Deutschland geboren, Familienstruktur I I 13
3.2.3 JC: Männlich, in Italien geboren, Familienstruktur I I 13
3.2.4 J:D Weiblich, in Italien geboren, Familienstruktur I I 14
3.2.5 JE: Männlich, in Deutschland geboren, Familienstruktur D I 14
3.2.6 JF: Weiblich, in Deutschland geboren, Familienstruktur D I 15
3.2.7 JG: Männlich, in Deutschland geboren, Familienstruktur D I 15
3.2.8 JH: Weiblich, in Deutschland geboren, Familienstruktur D I 16
3.3 Soziokultureller Status der erwachsenen Informanten (E) 17
3.3.1 EA: Männlich, Unterschicht-Angehöriger, arbeitslos 17
3.3.2 EB: Weiblich, Unterschicht-Angehörige, arbeitslos 17
3.3.3 EC: Männlich, Mittelschicht-Angehöriger, im Arbeitsverhältnis 18
3.3.4 E:D Weiblich, Mittelschicht-Angehörige, im Arbeitsverhältnis 18
3.3.5 EE: Männlich, Mittelschicht-Angehöriger, im Angestelltenverhältnis 19
3.3.6 EF: Weiblich, Mittelschicht-Angehörige, im Angestelltenverhältnis 19
3.3.7 EG: Männlich, Mittelschicht-Angehöriger, selbstständig 20
3.3.8 EH: Weiblich, Mittelschicht-Angehörige, selbstständig 20
3.4 Aufbau und Gestaltung der vorgelegten Fragebogen 21
4 Ergebnisse und abschließende Überlegungen 22
2
4.1 Indikatoren der kulturellen Kommunikation 22 4.2 Integrationsindikatoren junger und erwachsener Italiener 23 4.3 Alphabetische Auflistung der Integrationsindikatoren 23 4.4 Zur sprachlichen Dominanz und mehrsprachigen Kompetenz junger Italiener im Ruhrgebiet 26 4.5 Kommunikation und Identitätsgefühl junger Italiener im Ruhrgebiet 28 4.6 Italianität als interkulturelle Identität 28 4.7 Identität, Integration und Interkulturalität 29 4.8 Fazit 30
5 Anhang I: Muster der Fragebogen 31 5.1 Fragebogen für italienische Jugendliche (Muster) 31 5.2 Fragebogen für italienische Erwachsene (Muster) 34
6 Anhang II: Daten zur interkulturellen Kommunikation/Integration 37 6.1 Fragestellung (F) und Beantwortung: Junge Italiener (J) 37 6.1.1 J-FB 1 37 6.1.2 J-FB 2 39 6.1.3 J-FB 3 41 6.1.4 J-FB 4 43 6.1.5 J-FB 5 45 6.1.6 J-FB 6 47 6.1.7 J-FB 7 48 6.1.8 J-FB 8 53 6.1.9 J-FB 9 54 6.1.10 J-FB 1 0 54 6.2 Fragestellung (F) und Beantwortung (B): Erwachsene Italiener (E) 58 6.2.1 E-FB 1 58 6.2.2 E-FB 2 59 6.2.3 E-FB 3 60 6.2.4 E-FB 4 61 6.2.5 E-FB 5 63 6.2.6 E-FB 6 65
7 Literatur 66
3
1 Einleitung
Der frühere Botschafter der Republik Italien, Prof. Dr. Luigi Ferraris, hat in einer seiner zahlreichen Reden 1996 gesagt:
„Italien und Deutschland: ein ewiges Problem des Geistes, des Herzens, der Vernunft, der Geschichte. Schwärmerei und Bewunderung, Reiselust und Neugier, Vergangenheit und Gegenwart vermengen sich jedes Mal, wenn die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland, zwischen zwei Kulturräumen, die sich seit zweitausend Jahren gegenüber stehen, beschrieben werden: Oft Freunde, manchmal Feinde, fand zwischen beiden Ländern stets ein unaufhaltsamer Austausch von Gedanken, von Empfindlichkeiten und Taten statt“. 1 Anhand der Belege der hierfür nachgeschlagenen spezifischen Literatur ist nur noch spezifizierend hinzuzufügen, dass die kulturellen Beziehungen zwischen Italien und Deutschland - bereits seit dem späten Mittelalter und der Renaissance selbstverständlich 2 und nicht selten mit „romantischen Reminiszenzen“ ausgeschmückt - von der Auffassung getragen werden, dass eine Reise nach Italien von hohem erzieherischen Wert sein muss. 3 Die Künstlerreise, die in den letzten Jahrzehnten des 17. Jh. als Kavalierstour bei den Reisemodellen zur Dominante wird, geht schon bei Goethe in die Bildungsreise 4 über. 5 . Im 19. Jh. findet dann die sogenannte wissenschaftliche Reise ihren Schwerpunkt. Einer der bedeutendsten Vertreter dieser besonderen Reisetypologie ist mit Sicherheit Jacob Burckhardt. 6
Im 20. Jahrhundert wird schließlich die wissenschaftliche Reise ihrerseits von einer anderen bis heute gültigen Konzeption der Reise allmählich abgelöst, die die Forscher als moderne Erholungs- und Sightseeingreise definieren. 7
Die meisten mir bekannten Publikationen über Italien als „Reiseland“ spiegeln solche Gedanken wider und verstärken dabei Klischees, die mit der Wirklichkeit des heutigen Italien oder des in Deutschland lebenden Italieners kaum etwas zu tun haben: Die Migrationsströmungen der letzten fünfzig Jahre innerhalb Europa einerseits und die
1 Zitiert nach Mazza-Moneta (2000), 7.
2 Vgl. u. a. Brütting (1995); Grimm/Koch/Stehle/Wehle (2002); Haufe (1965) u. a. m.
3 Vgl. Große/Trautmann (1997), 245. Siehe insbesondere Idem, 246:“Bei allem Verwurzeltsein in den Auffassungen seiner Epoche werden gerade bei Goethe die Unterschiede zur adligen oder großbürgerlichen Kavalierstour (die Italientour seines eigenen Vaters eingeschlossen) überdeutlich. Goethe reiste als Künstler“.
4 Ebda.
5 In diesem Zusammenhang stellen Große/Trautmann (1997), 257 mit Bedauern fest, dass dem lebhaften deutschen Italieninteresse im ausgehenden 18. Jh. und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jhs. ein wesentlich geringeres italienisches Interesse an der deutschen Kultur gegenüber steht.
6 Siehe Burckhardt ( Sonderausgabe 2004).
7 Vgl. Watzoldt (1932), Wieder (1980), Zeller (1966) und Grimm/Breymayer/Erhart (1990), zitiert nach Große/Trautmann (1997), 246.
4
Internationalisierung des Berufslebens sowie die Globalisierung der Wirtschaft im heutigen Europa andererseits, die die soziale Struktur ganzer Regionen Italiens, insbesondere die Regionen Süditaliens geprägt haben, haben an die in Deutschland lebende italienische Community ganz neue Forderungen gestellt. Ihre Mitglieder mussten während der letzten 50 Jahre die komplexen Aufgaben bewältigen, die sich durch die Kooperation mit Menschen einer anderen Sprache und einer für sie fremden Kultur ergaben. Die italienischen Community-Mitglieder mussten mit anderen Worten der mündlichen interkulturellen Kommunikation eine immer größer werdende Bedeutung zuteilen, um eine größere und bessere Chance zu haben, durch die gastgebende Gesellschaft akzeptiert und auch integriert werden zu können. 8
2 Die italienische Community und die interkulturelle Kommunikation
2.1 Zur interkulturellen Kommunikation
Durch die umfassende kritische Darstellung des Forschungsstandes über die interkulturelle Kommunikation während der letzten 30 Jahre hat Hiltraud Casper-Hehne - mit ihrem Aufsatz Interkulturelle Kommunikation. Neue Perspektiven und alte Einsichten - einen sehr wichtigen, m. E. fundamentalen Beitrag geleistet. 9 Wir erfahren, dass die interkulturelle Kommunikation heute durch zahlreiche und unterschiedliche Forschungsansätze sehr stark in der Diskussion ist. Auch erkennen wir, vor allem durch die kritische Formulierung, das Wesentliche der bedeutendsten kultur-anthropologischen (G. Hofstede 10 und E. T. Hall/M. R. Hall 11 ),
8 Vgl. de Matteis (2003a), 353ff.
9 ZfAL 31(1999)7, 77-107. Fü die Formulierung der Hypothesen meiner Examensarbeit haben sich die kritisch dargestellten Theorien von grundlegender Wichtigkeit erwiesen.
10 Der bedeutendste Vertreter der kulturanthropologischen Richtung ist der belgische Anthropologe und Wirtschaftswissenschaftler Geert Hofstede. Durch seine 1991 durchgeführte Analyse der mit Hilfe von 120.000 verteilten Fragebögen gesammelten Daten hat Hofstede Schlussfolgerungen auch linguistischer Ausrichtung gezogen, die für die Gesamtstruktur eines Landes von großer Bedeutung waren und heute immer noch sind. Vgl. Casper-Hehne (1999), 79.
11 Edward T. Hall und Mildred R. Hall haben detaillierte, strukturierte Interviews mit Vertretern der Wirtschaft und verschiedener Berufsgruppen wie Schriftstellern, Künstlern usw. durchgeführt. Ein Kriterium zur Einteilung von Kulturen - das ich für meine eigene Datenanalyse hoher Bedeutung zumesse - sind nach Hall/Hall die highcontext- und low-context- Orientierungen: Menschen, die insgesamt enge Beziehungen zu ihren Mitmenschen haben (nach Hofstede die kollektiven Kulturen), gehören zur high-context-Kultur. Sie benötigen nicht sehr viele zusätzliche, detaillierte Informationen über Hintergründe und formulieren deshalb eher indirekt. Zu den highcontext-Kulturen gehören vor allem die Franzosen, Spanier, Italiener und die Völker im Nahen Osten. Deutsche seien eher low-context-orientiert und formulieren deshalb sehr direkt. Siehe Casper-Hehne (1999), 85. Interessante Ergebnisse, basierend auf den kognitiven kulturanthropologischen Ansätzen von Hofstede und Hall/Hall, zeigen die 1995 veröffentlichten Dissertationsergebnisse zur Deutsch-türkischen Kommunikation am Arbeitsplatz von Akser Kartari, insbesondere im Hinblick auf die Definition der deutschen („monochron“, individualistisch, maskulin, low-context-orientiert mit geringer Machtdistanz) gegenüber der türkischen (polychrone, kollektivistische, feminine, high-context-orientierte) Kultur, (vgl. Casper-Hehne (1999), 83f), die ich für meine eigene Arbeit für sehr aufschlussreich halte.
5
psychologischen, 12 soziolinguistischen (J. J. Gumperz 13 und K. von Helmolt 14 ) Schulen einerseits und der perspektivisch neuen Richtungen andererseits, deren Ansatzpunkt interkultureller Forschung eine interkulturelle soziopragmatische Gesprächsanalyse 15 sein wird.
Zusammenfassend kann ich aus den für meine Diplomarbeit herangezogenen einschlägigen Texten über interkulturelle Kommunikation zunächst feststellen, dass das Wissen über kommunikatives Verhalten auch das Wissen über generelle pragmatische Unterschiede im kommunikativen Verhalten erfordert, insbesondere wenn mögliche integrative Ergebnisse erwartet werden sollen. 16 Dabei erfahre ich auch, dass einfache Kenntnisse über sprachliche Vertextungsmittel einer Zielsprache zur fremdsprachlichen Verständigung in einer bestimmten Situation allein nicht ausreichen, um von einer interkulturell funktionierenden Kommunikation zu sprechen. 17 Einen interkulturellen Austausch zwischen Deutschen und Italienern kann ich in der Regel nur unter sehr günstigen, von der Bildung eines Individuums abhängigen Voraussetzungen erwarten, und dieser Austausch kann nur dann auch stattfinden, wenn z. B. die Familie, die Schule und die Gesellschaft - in Deutschland wie in Italien - in diesem Sinne ihren Beitrag leisten. 18
2.2 Von der historischen Migration bis zur heutigen Community
Die italienische Migration stellt wegen ihrer engen Verflechtung mit der ökonomischen Situation und der Politik Deutschlands ein komplexes soziales Phänomen in der Geschichte Italiens dar.
12 Hier seien die psychologischen Arbeiten von Kochmann (1981), Gudykunst/Kim (1992) und Ting-Toomey/Korzenny (1991) nach Casper-Hehne angeführt, in denen zentrale Normen und Wertvorstellungen sowie ihre Auswirkungen auf das Verhalten untersucht werden. Daraus ergaben sich für meine eigene Arbeit wichtige Hinweise: a) zur Stereotypisierung und deren Folgen, b) zum Abbau von Unsicherheit und c) zu der Angst vor der Fremde. Vgl. Casper-Hehne (1999), 89.
13 In seinem Ansatz geht J. J. Gumperz (1982) davon aus, dass Schwierigkeiten in interkulturellen Gesprächssituationen aus dem unterschiedlichen soziokulturellen Wissen resultieren. Werden konversationsbedingte Konventionen und so genannte Kontextualisierungshinweise (etwa: Idiomatik, Codeswitching, Intonem, Pausenstruktur, Rhythmus u. a.) nicht geteilt, so entstehen Probleme, die Äußerungen oder Formulierungen des Gegenübers richtig zu interpretieren.
14 Katharina von Helmolt hat ihre Dissertation zur deutsch-französischen Kommunikation in internationalen Arbeitsgruppen 1997 veröffentlicht. Aus ihrer Untersuchung geht z. B. hervor, dass Franzosen: 1) weniger direkt als Deutsche widersprechen und 2) Widerspruch z. B. durch ein vorausgeschicktes “na ja“, durch Verzögerungen mit Schweigephasen bzw. durch “ja, aber“ oder Ähnliches einleitenden Entschuldigungen eher abschwächen. Für eine ausführlichere Beschreibung siehe Casper- Hehne (1999), 97.
15 Eine Auflistung einiger methodologisch relevanten Parametern zur Durchführung interkultureller soziopragmatischer Gesprächsanalysen ist in Casper-Hehne (1999), 100f. zusammengestellt worden.
16 Vgl. Casper-Hehne (1999), 100ff; de Matteis (1978), (2003) und (2004).
17 Vgl. Schröder (1993), 523.
18 Vgl. Boteram et al. (1987).
6
Merkmale und Umfang der italienischen Migrationsströme in der Zeit vor dem 18. Jh. lassen sich aufgrund fehlender statistischer Daten leider nicht mehr erfassen. Durch die Analyse historischer und diplomatischer Quellen können wir dennoch wichtige Belege über die Wanderungsbewegungen von Handwerkern und Künstlern vom Mittelalter bis zum 19. Jh. nach Deutschland erhalten. 19
Die Migrationsströme aus Italien nach Europa - und somit neben Frankreich und Großbritannien auch nach Deutschland - erreichten nach der Einigung Italiens (1870) einen ersten Höhepunkt. Hauptursache war die große Arbeitslosigkeit, die durch die unterschiedliche industrielle und technologische Entwicklung des Landes entstanden war. 20 Zwischen dem Ende des 19. Jhs. und dem Beginn des ersten Weltkrieges erreichte der Strom der Migration aus Italien seinen Höhepunkt: Mehr als ein Drittel der Migrantenpopulation verließ Italien während der ersten 15 Jahre des 20. Jhs. 21 Wegen der besonderen Politik des faschistischen Regimes zeichnete sich in Italien in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine sichtbare Verlangsamung des Migrationsstroms ab. Dieser lebte jedoch nach Beendigung des Krieges in massiver Form wieder auf: Ein Viertel der italienischen Auswanderer der letzten 100 Jahre fand in der Zeit zwischen 1945 und heute statt. 22
Eine besondere Situation kennzeichnete den deutschen Arbeitsmarkt im Jahre 1954: Während der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard mit dem italienischen Außenminister Gaetano Martino über die mögliche Beschäftigung von über hunderttausend Landarbeitern aus Süditalien in der Bundesrepublik Deutschland verhandelte, meldeten die Arbeitsämter immer noch eine durchschnittliche Arbeitslosigkeit von 7% und meldeten sehr starke Bedenken gegen die Zuwanderungspläne an. 23
Trotzdem trafen die Bundesrepublik Deutschland und Italien am 20. Dezember 1955 vertragliche Vereinbarungen und richteten Anwerbekommissionen in Verona zunächst und dann in Neapel ein.
19 Vgl. Strotdrees (1996), insbesondere 28ff, 59ff und 77ff. in: de Matteis (2003), 34, Anm. 2.
20 Vgl. de Matteis (2003), 28, insbesondere Anm. 4
21 Siehe die Tab. 1 : Der Emigrationsfluss von Italien nach Deutschland, Europa, weltweit für den Zeitraum 1876-1975 in de Matteis (2003), 28.
22 Ebda.
23 Vgl. de Matteis (2004), 7f.
7
In Nordrhein-Westfalen herrschte damals Vollbeschäftigung, 24 und im Ruhrgebiet fehlten hauptsächlich Bergleute. Aus diesem Grunde versuchten die Berggewerkschaften zunächst durch Eigeninitiative Italiener im Alter zwischen 20 und 35 Jahren aus Süditalien und Sardinien per Vertrag nach Bochum, Castrop-Rauxel, Dortmund, Gelsenkirchen, Essen, Herne, Oberhausen usw. anzuwerben. 25
Die Migration der Italiener nach Deutschland während der 60er Jahre betraf vor allem den landwirtschaftlichen Bereich. Es handelte sich hierbei um eine zeitlich begrenzte, saisonale Migration kleiner Bauern und Tagelöhner.
Ganz anders zeigten sich die Migrationsströme der 70er Jahre, da es sich dabei in der Regel um eine endgültige Auswanderung handelte.
Seit den 70er Jahren kamen schließlich immer mehr Migranten aus italienischen Dienstleistungsbetrieben und kleinen Handwerksunternehmen nach Deutschland. 26 Die heute im Ruhrgebiet wohnende italienische Community geht “ - abgesehen von einer zu hohen Anzahl insbesondere jugendlicher Arbeitsloser - einer ordentlichen Arbeit nach, pflegt ihre Kultur und ihre Sprache und versucht mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, sich in der deutschen sozioökonomischen, vor allem aber multikulturellen Umgebung zu integrieren“. 27
2.3 Junge Italiener zwischen zwei Kulturen
Ein von italienischen Eltern in Deutschland geborener Jugendlicher trägt in sich zwei deutliche Zugehörigkeitshaltungen und sollte eigentlich in der Lage sein, beide Haltungen auch einzunehmen. An dieser Stelle fügt aber de Matteis hinzu: “…die Komponenten seiner Persönlichkeit sind jedoch vielfach zahlreicher: Ob es sich um die Sprache bzw. den Dialekt des Vaters und/oder der Mutter, den Volksglauben, die Lebensart, die familiären Beziehungen, den künstlerischen oder kulinarischen Geschmack handelt, mischen sich in ihm in jedem Falle deutsche Einflüsse mit italienischen Einflüssen und stricken ein um das Vielfache komplexeres Muster, das jeder zu akzeptieren hat. Es wird sich um eine bereichernde und fruchtbare Erfahrung handeln, wenn der Jugendliche sich aufgefordert fühlt, seine volle Andersartigkeit zu artikulieren. Es kann hingegen traumatisierende Wirkungen auf den Jugendlichen haben, wenn Mitmenschen diesen als VERRÄTER, sogar als RENEGAT
24 In den anderen Bundesländern meldeten hingegen Gewerkschaften und Arbeitsämter eine hohe Arbeitslosigkeit. Vgl. de Matteis (2003), 29.
25 Siehe in diesem Zusammenhang die ausgezeichnete Einführung in die Geschichte der italienischen Migration ins Ruhrgebiet, in www. angekommen.com des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.
26 Siehe Tab. 3: Anzahl italienischer Migranten nach Herkunftsregionen (Nord-Mittel-Süd und Insularitalien) 1971-1983 in de Matteis (2003), 29.
27 Idem, 30.
8
betrachten, jedes Mal wenn er sich als Deutscher gibt, und wenn er seine Bindungen an Italien, an seine Geschichte, seine Kultur und seine Religion bejaht, auf Unverständnis, Misstrauen oder sogar Feindseligkeit der anderen stößt.“ 28 Betrachten wir den Fall eines jungen Italieners, der vor dreißig Jahren in Dortmund geboren wurde, überwiegend in Deutschland lebt und Deutsch besser spricht und schreibt als seine Eltern: In den Augen der Gesellschaft seiner Wahlheimat ist er kein Deutscher; in den Augen der Gesellschaft seiner Eltern ist er kein wirklicher Italiener mehr. Nach dem gesunden Menschenverstand möchte man, dass er seine doppelte Zugehörigkeit voll in Anspruch nimmt. Nach geltendem Recht und nach der Mentalität der Italiener und der Deutschen darf er jedoch seine sicherlich komplexere Identität nicht in eine angemessenere Form fassen. Wie Günter Renner im März 2000 noch festhielt, bestimmen „Verfassungstreue, Sprachkenntnisse, doppelte Staatsbürgerschaft und Geburtsprinzip (jus sanguinis) die Debatte der vergangenen Monate in der bundesrepublikanischen Politik.“ 29
2.4 Zur Integration der italienischen Community im Ruhrgebiet
In Zusammenhang mit den politischen Bemühungen um die Integration der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden ausländischen Mitbürger mit Migrationshintergrund wird in der Regel auf Bundes- und Landesebene - sicherlich wegen der Brisanz ihres hohen Prozentsatzes, aber auch wegen ihrer Religionszugehörigkeit - fast ausschließlich die komplexe Problematik der 1.764.318 starken türkischen Community thematisiert und behandelt. Die 548.194 starke (164.036 hier geborene) italienische 30 Community hat in dieser Auseinandersetzung hingegen kaum eine Rolle gespielt. 31 Nach de Matteis 32 könnten folgende Gründe dazu geführt haben:
1. Es herrscht in Deutschland die Meinung, dass die hier lebenden Italiener - alle mehr oder weniger - integriert sind;
2. Italientourismus, italienische Kultur, Mode, Design, Küche, Genuss- und
28 de Matteis (2004), 11.
29 Vgl. Vortrag von Günter Renner, Vorsitzender Richter beim Landesverfassungsgericht in Hessen, bei der Auslandsgesellschaft in Dortmund. Der Erwerb einer doppelten Staatsangehörigkeit ist für italienische Staatsbürger erst seit November 2002 nun endlich möglich. Siehe de Matteis (2003), 31 und Anm. 17.
30 Im Jahre 2006 stellt (nach Focus, Ausgabe September 2006) die italienische Community mit Migrationshintergrund in Deutschland die zweitstärkste Gruppe dar.
31 Vgl. de Matteis (2006), 6.
32 Ebda.
9
3. Der Italiener wird als EU-Bürger >>verstanden<< und somit von den Deutschenwas Pflichten und Rechte angeht - nicht unterschieden.
Die Wirklichkeit ist aber eine ganz andere: Für Großteile der italienischen Community sollte in den meisten Fällen eher von einer Assimilation als von einer Integration gesprochen werden, insbesondere wenn in einer Familie einer der Ehepartner - wie etwa die Mutterdeutscher Herkunft ist.
Bereits bei den Kindern einer solchen Familie sind häufig nur noch der Name, der Reisepass und vielleicht die Haare, die Hautfarbe oder die Augen >>italienisch<<, alles andere ist >>deutsch<<. 33
Wenn beide Ehepartner Italiener der ersten Generation sind, ist der Prozentsatz der Fälle von Isolation sehr hoch. Isolation wird hauptsächlich durch mangelnde Sprachkenntnisse (des Deutschen, aber auch des Italienischen, da in den meisten Fällen der Dialekt der Eltern das erste Kommunikationsmittel ist) zumindest begünstigt, wenn nicht sogar verursacht. Kinder aus diesen Familien sind sehr oft die Benachteiligten der Gesellschaft: Mit deren Sprachdefiziten können sie den Ansprüchen des deutschen Schul- und Ausbildungssystems in zahlreichen Fällen nicht gerecht werden: 34 Von einer Integration der italienischen Community, zumindest in Bezug auf die Arbeiterschicht, sind wir aber wirklich sehr weit entfernt.
2.5 Problemstellung und Hypothesenbildung
In meiner Diplomarbeit werde ich auf diese für die italienische Community wenig untersuchte, relevante Problematik, d.h. den Grad der Integration, insbesondere bei Jugendlichen, eingehen und meinen Beitrag zur Klärung bestimmter Aspekte des Problems zu leisten versuchen. Dabei werde ich eine Analyse der einzelnen Antworten durchführen, die die dafür ausgesuchte Informantengruppe (8 Jugendliche und 8 Erwachsene) auf die gestellten Fragen gegeben hat. Die mir als signifikant erscheinenden Praxisfelder werde ich als Merkmale der kommunikativen Prozesse einer interkulturellen Kommunikation zwischen Italienern und Deutschen mit der Erwartung transkribieren und hervorheben, dass sie einen interessanten Aspekt der Problematik zu erhellen vermögen.
33 Ebda.
34 Ebda.
10
Durch den Vergleich der textlich und/oder lexikalisch hervorgehobenen, kulturanthropologisch und/oder soziopragmatisch relevanten Praxisfelder und/oder Sätze möchte ich eine Antwort auf folgende Fragen erhalten:
• Wie sieht es in Wirklichkeit aus bei der Jugend der im Ruhrgebiet lebenden italienischen Community?
• Gibt es signifikante Elemente, die auf eine interkulturell definierbare Kommunikation der jungen Italiener im Ruhrgebiet hinweisen? Wenn ja, welche?
• Was und/oder wie viel von der eigenen Kultur könnten junge Italiener deutschen Gesprächspartnern durch die Kommunikation vermitteln?
• Welche grundlegenden Unterschiede zur kulturellen Identität zwischen den in Deutschland lebenden und den in Italien gebliebenen gleichaltrigen Jugendlichen lassen sich feststellen?
• Welche Merkmale lassen sich aufzeichnen, um einen generationalen Vergleich zwischen heutigen jungen und erwachsenen Italienern der ersten Generation durchzuführen?
3 Informantenstrukturund Befragungsmodus
3.1 Parameter bei der Auswahl der Informanten
Die Beantwortung der o. a. Fragen setzt voraus, dass die auszuwählenden Informanten nach bestimmten soziolinguistisch adäquaten Parametern - wie: Alter, Geschlecht, Nationalität der Mutter, Schulbildung, Wechsel des verbalen Kommunikationsmodells je nach Gesprächspartner (Familienangehörige, Spiel- und/oder Schulfreunde) für die Jugendlichen (⇒ J) und Alter, Schichtzugehörigkeit, Rollendominanz, Ausbildungs- bzw. Bildungsgrad, Sprechhandlungsmodell(e) usw. für die Erwachsenen ( ⇒ E) - gesucht werden mussten. 35 Es wurden deshalb 1.) acht Jugendliche, nach den Parametern:
- Nationalität der Mutter (Italienisch [I]oder Deutsch [D])
- Geschlecht (männlich [m] oder weiblich [w])
- Geburtsland (Deutschland [D]oder Italien[I])
- Schul- und/oder Ausbildung
- Sprechhandlungsmodell (Italienisch - Deutsch - Dialekt) und 2.) acht Erwachsene, nach den Parametern:
- Schichtzugehörigkeit (Unterschicht oder Mittelschicht)
35 Siehe de Matteis (1978), 203.
11
- Geschlecht (männlich [m] oder weiblich [w])
- Sozioökonomischer Status (selbstständig, angestellt, Arbeiter, arbeitslos) ausgesucht, um jugendliche Informanten für die Familienstrukturen:
- Vater (= Italiener) ∩ Mutter ( = Italienerin) ⇒I ∩I;
- Vater (= Deutscher) ∩ Mutter ( = Italienerin) ⇒ D ∩I und erwachsene Informanten für die sozioökonomischen Strukturen:
- Unterschicht-Angehöriger ∩ Arbeitslos ∩ [m] oder [w]
- Mittelschicht-Angehöriger ∩ Arbeiter ∩ [m] oder [w]
- Mittelschicht-Angehöriger ∩ Angestellter ∩ [m] oder [w]
- Mittelschicht-Angehöriger ∩ Selbstständig ∩ [m] oder [w] zu befragen.
Die Einbeziehung der Erwachsenen in die Befragung hat den Sinn, die Besonderheit der Situation bei den Jugendlichen durch den generationalen Vergleich deutlich zu machen.
3.2 Familienstruktur der jungen Informanten (J)
3.2.1 JA: (Dario) Männlich, in Deutschland geboren, Familienstruktur: I∩I ⇒ Italienischer Vater ∩ Italienische Mutter. Italienische Staatangehörigkeit; Alter: 22.
Schulbildung in Deutschland: Hauptschule und Realschule mit Abschluss. Sprachkompetenz Schulbenotung (eigene Einschätzung)
Sprachgewohnheiten: Mit den Familienangehörigen und/oder mit italienischen Freunden spricht er Deutsch und/oder Italienisch.
Berufswunsch: Nach der Schule möchte er einen Beruf erlernen, weil er Wert auf eine Ausbildung legt; die Erlernung eines Berufes ist für seine Zukunft wichtig. Dafür hat er sich um eine Lehrstelle in der Bundesrepublik Deutschland bemüht.
36 Cilentano = Dialektale Variante des Neapolitanischen im Süden Campaniens.
12
3.2.2 JB: (Aurora) Weiblich, in Deutschland geboren, Familienstruktur: I∩I ⇒ Italienischer Vater ∩ Italienische Mutter. Italienische Staatsangehörigkeit. Alter 23. Schulbildung in Deutschland: Realschule, Gesamtschule, Gymnasium mit Abschluss.
Sprachkompetenz Schulbenotung: (eigene Einschätzung)
Sprachgewohnheiten: Mit den Familienangehörigen und/oder mit italienischen Freunden spricht sie Deutsch und/oder Italienisch.
Berufswunsch: Nach der Schule möchte sie einen Beruf erlernen, weil sie Wert auf eine Ausbildung legt; die Erlernung eines Berufes ist für ihre Zukunft wichtig. Dafür hat sie sich um eine Lehrstelle in der Bundesrepublik Deutschland bemüht.
3.2.3 JC: (Guido) Männlich, in Italien geboren, Familienstruktur: I∩I ⇒ Italienischer Vater ∩ Italienische Mutter. Italienische Staatsangehörigkeit. Alter 23.
Schulbildung in Italien und in Deutschland: Scuola Media und Realschule mit Abschluss.
Sprachkompetenz Schulbenotung (eigene Einschätzung)
Sprachgewohnheiten: Mit den Familienangehörigen und/oder mit italienischen Freunden spricht er Deutsch und/oder Italienisch.
37 Dialekt beider Eltern: Sizilianisch.
38 Palermitanisch des Vaters und neapolitanisch der Mutter.
13
Berufswunsch: Nach der Schule möchte er einen Beruf erlernen, weil er Wert auf eine Ausbildung legt, die für seine Zukunft wichtig ist. Er möchte arbeiten, studieren, nach Italien zurückkehren.
Er hat sich um eine Lehrstelle in der Bundesrepublik Deutschland und in Italien bemüht.
3.2.4 JD: (Marialuisa) Weiblich, in Italien geboren, Familienstruktur: I∩I ⇒ Italienischer Vater ∩ Italienische Mutter. Italienische Staatsangehörigkeit. Alter 21.
Schulbildung in Italien und in Deutschland: „Scuola Media“(in Italien) ohne Abschluss und Realschule (in Deutschland) mit Abschluss.
Sprachgewohnheiten: Mit den Familienangehörigen und/oder mit italienischen Freunden spricht sie Deutsch und/oder Italienisch.
Berufswunsch: Nach der Schule möchte sie einen Beruf erlernen, weil sie Wert auf eine Ausbildung legt, die für ihre Zukunft wichtig ist.
Sie möchte arbeiten; sie hat sich um eine Lehrstelle in der Bundesrepublik Deutschland und in Italien bemüht.
3.2.5 JE:(Marc) Männlich, in Deutschland geboren, Familienstruktur: D∩I ⇒ Deutscher Vater ∩ Italienische Mutter. Deutsche und italienische Staatsangehörigkeit; Alter 21.
Schulbildung in Deutschland: Gymnasium mit Abschluss. Sprachkompetenz Schulbenotung (eigene Einschätzung)
39 Dialekt der Mutter: Neapolitanisch.
14
Arbeit zitieren:
Dipl.-Soz.-Wiss. Eugenio Tomei, 2007, Interkulturelle Kommunikation am Beispiel der jungen Italiener im Ruhrgebiet, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Eine empirische Untersuchung z...
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Magisterarbeit, 230 Seiten
Identitätsbildung bei Kindern aus bilingualen Familien
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Italienische Gastarbeiter der 2. Generation - eine Untersuchung zur Id...
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Bachelorarbeit, 66 Seiten
Die Einflussnahme von Private-Equity-Gesellschaften auf Beteiligungsun...
BWL - Investition und Finanzierung
Diplomarbeit, 100 Seiten
Corporate Social Responsibility - Echte Verantwortung oder Mittel zum ...
BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik
Bachelorarbeit, 51 Seiten
Corporate Social Responsibility in KMU - Erfolgsfaktoren und Strategie...
BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik
Diplomarbeit, 106 Seiten
Du verstehst mich nicht... : Kommunikationsprobleme und Lernprozesse i...
Magisterarbeit, 90 Seiten
Besonderheiten, Probleme und Lösungsansätze in interkulturellen Verhan...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Diplomarbeit, 50 Seiten
Identität und Einstellungen im frankophonen Kanada
Romanistik - Französisch - Sonstiges
Forschungsarbeit, 36 Seiten
Eugenio Tomei's Text Interkulturelle Kommunikation am Beispiel der jungen Italiener im Ruhrgebiet ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Eugenio Tomei hat den Text Interkulturelle Kommunikation am Beispiel der jungen Italiener im Ruhrgebiet veröffentlicht
Eugenio Tomei hat einen neuen Text hochgeladen
Texte und Übungen zum interkul...
Jürgen Bolten, Claus Ehrhardt
Interkulturelle Kommunikation: Methoden, Modelle, Beispiele
Friedemann Schulz von Thun, Dagmar Kumbier, Christian Hannig, Wolfgang Müller
Interkulturelle Kommunikation und Zusammenarbeit
Interkulturelle Kompetenz trai...
Astrid Podsiadlowski
Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation 2
Länder, Kulturen und interkult...
Alexander Thomas, Stefan Kammhuber, Sylvia Schroll-Machl
Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation Band 1
Grundlagen und Praxisfelder. B...
Alexander Thomas, Eva-Ulrike Kinast, Sylvia Schroll-Machl
Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation Band 1 und 2
Alexander Thomas, Eva-Ulrike Kinast, Sylvia Schroll-Machl
Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz
Grundbegriffe - Theorien - Anw...
Jürgen Straub, Arne Weidemann, Doris Weidemann
Evolution oder Revolution? Die Entwicklung der Erforschung Interkultur...
Ein regionaler Vergleich
Nadja Riedlberger
0 Kommentare