Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Geschichte der wechselseitigen Schuleinrichtung 3
3. Grundzüge der Schulen 6
4. Die Ideologie 8
5. Das Disziplinarsystem 11
5.1 Bestrafungen 13
5.2 Belohnungen 16
6. Zusammenfassung 19
7. Ausblick 21
8. Literatur 22
2
1. Einleitung
Disziplin ist - obwohl oft unterschätzt - ein zentrales Thema der heutigen Schulerfahrung. Lehrkräfte beklagen zunehmend mangelnden Respekt seitens der Schüler, den Verlust von Ordnung, Provokationen und vor allem demonstrierendes Desinteresse. Eltern stoßen sich an den zu „laschen“ Disziplinarmaßnahmen und -forderungen der Schule, der geringen Autorität und dem scheinbar grenzenlose Verständnis der Lehrkräfte. Mangelnde Disziplin wird als Verlust empfunden. Dabei existierte ein solch „goldenes Zeitalter der Schule“, in dem alle an der Schule Beteiligten ihre Forderungen und Wünsche erfüllt sahen, nie. Es erscheint als nostalgische Verklärung, wenn man - wie so oft die ältere Generation - damalige Zustände als optimal ansieht und die Gegenwart selbst als dem Verfall preisgegeben betrachtet. Dass dies nicht der Fall ist, zeigt uns ein Beispiel von Unterrichtsführung um 1800. Es handelt sich hierbei um die Wechselseitige Schuleinrichtung, fälschlicherweise auch Bell-Lancaster-Methode genannt. Sie zeigt uns - auch stellvertretend für andere Schularten -, dass Disziplin im 19. Jh. keineswegs als sinnvoller pädagogisch-didaktischer Entwurf konzipiert war, sondern vor allem zweckentfremdet genutzt wurde, um sich die Massen gefügig zu machen.
2. Die Geschichte der wechselseitigen Schuleinrichtung
Schon im Altertum und der Antike wurde das Prinzip des wechselseitigen Unterrichts genutzt. Der römische Pädagoge Quintilian zum Beispiel beschrieb bereits die hohe Wirksamkeit dieser Methode. Das gegenseitiges Aufsichtssystem, welches die Disziplin unweigerlich fördere, wurde denn auch Jahrhunderte später wieder aktuell. Eine erste eigene Einrichtung, die sich diesem Unterrichtsprinzip verschrieb, entstand bereits 1747 in Paris. Dabei handelte es sich um eine Schule für Armenkinder, die - unter der Leitung des Direktors Herbault - durch diese Methode den Unterricht ökonomisch und zweckmäßig gestalten konnte. Nach dessen Tode wurde die Einrichtung nicht weitergeführt und das Prinzip geriet in Vergessenheit. 1 Andrew Bell (1753-1832) war es schließlich, der sich Ende des 18.Jh. wieder des Prinzips der gegenseitigen Unterrichtsführung annahm. Der ursprünglich als Pfarrer in Schottland tätige Geistliche ging nach Ostindien und übernahm in Madras Lehrfunktionen in einer Anstalt zur Erziehung der Kinder männlichen Geschlechts des europäischen Militärs. Die dortige Unfähigkeit der übrigen Lehrkräfte und die mangelnde Disziplin unter den Schülern inspirierte schließlich das Tutorensystem, das 1795 von Bell eingeführt wurde. Er reformierte die klassische Art und Beaufsichtigung des Unterrichts grundlegend, entließ seine Lehrer und erzog sich selbst die befähigteren Schüler nach altindischem Gebrauch zu Schulgehilfen. Dabei bekam Bell
1 Hamel, J.: Der gegenseitige Unterricht. Geschichte seiner Einführung und Ausbreitung durch D.A. Bell, J.
Lancaster u.a. Paris 1818, S.25.
3
zahlreiche Anregungen aus den indischen Dorfschulen, deren Wesen er gründlich studierte. Vor allem übernahm er die für das Prinzip des wechselseitigen Unterrichts prägende Methode des Helfersystems und das Unterrichten durch Schreiben im Sand von diesen doch recht primitiven Einrichtungen. Der Unterricht in seiner Schule, in der er die Oberaufsicht inne hatte, wurde von diesem Augenblick an einzig und allein von Schülern erteilt. 2
Als er schließlich nach London zurückkehrte, bemühte sich Bell, seine positiven Erfahrungen mit dieser Unterrichtsmethode bekannt zu machen. So entstand 1797 der Aufsatz bzw. Bericht: „An Experiment in Education, made at the Male Asylum of Madras: suggesting a system by which a school or familiy may teach itself, under superintendance of the master or parent.“, der allerdings kaum Beachtung fand. Später setzte sich Bells Idee jedoch durch und verbreitete sich durch die Unterstützung der Hochkirche in England. 3
Fast zeitgleich, jedoch aus anderem Anlass, beschäftigte sich ein anderer mit einer Reform des Schulwesens: Joseph Lancaster (1778) war Inhaber einer Armenschule in London. Da ihm die Mittel zur Besoldung von Lehrern oft fehlten und er um Arbeitsmittel und andere dringend benötigte Schulmittel regelrecht - und oft ergebnislos - kämpfen musste, ökonomisierte Lancaster seine Schule im Sinne des gegenseitigen Unterrichts, allerdings unabhängig von Bells Aufsatz. 4 So gelang es ihm nach und nach den Unterricht für die Hälfte oder ein Drittel des üblichen Schulgeldes anzubieten. Seine Erfahrungen schrieb er 1803 ebenfalls in einem Aufsatz nieder: „Improvements in Education , as it respects the industrious classes of the communitiy; containing a short account of ist present state, hints towars ist improvement, and a detail of some practical experiments conducive to that end.“ 5 Unterricht sollte also unabhängig von sozialem Stand und Einkommen für jeden möglich sein. Eine Idee zur Durchsetzung des Volksunterrichts war geboren. Das Problem der elementaren Massenbildung wurde nun durch die sogenannten Monitorialschulen zu lösen versucht.
Im Jahre 1805 unterrichteten sich bereits 1000 Knaben an seiner Schule gegenseitig. Trotz massiver Geldprobleme, die Lancaster auf Grund seiner als Quäker eher unchristlichen Einstellung inne hatte, existierten schließlich einige Jahre später über 100 dieser Schulen in England. Der Plan fand große öffentliche Unterstützung, dokumentiert nicht zuletzt durch das Spendenaufkommen. Die Spenden dienten der Gründung von Free Schools, die sich selbst tragen sollten. 6
2 Ebd., S. 31.
3 Ebd., S. 33.
4 Loos, J. (Hrsg.): Enzyklopädisches Handbuch der Erziehungskunde Bd. 1. Wien und Leipzig 1906, S.111.
5 Hamel, J.: Der gegenseitige Unterricht. Geschichte seiner Einführung und Ausbreitung durch D.A. Bell, J.
Lancaster u.a. Paris 1818, S.45.
6 Ebd., S. 51.
4
Im Jahre 1813 schließlich entstand die sogenannte Central-Schule in London als Muster für andere Einrichtungen, der ebenso ein Institut für die Ausbildung von Lehrer(innen) nach der neuen Methode angehörte. 7
Im Zuge des allgemeinen Strebens nach Bildung der unteren Bevölkerungsschichten schlug die Methode sogar bis ins Ausland hohe Wellen. Nachdem Joseph Hamel im Auftrag des Zaren von Russland England bereist, die Methode Lancasters und Bells studiert und schließlich 1818 in einer mit 12 Kupferstichen illustrierten Publikation „Der gegenseitige Unterricht“ bekannt gemacht hatte, erregte die Methode vor allem auf dem Kontinent großes Aufsehen. 8 Das verfälscht Bell-Lancastersche Methode genannte Unterrichtsprinzip wurde in ganz Europa ausprobiert, besonders intensiv „in den expandierenden Bildungssystemen, die noch ohne große Budgetsicherheit mit knappen Mitteln auskommen und zugleich die staatliche Schulpflicht erfüllen mussten.“ 9 Sogar in Kanada, den Vereinigten Staaten und Australien existierten Niederlassungen des Schulunternehmens. Bevorzugte Pflege fand der wechselseitige Unterricht in Dänemark und in Schleswig-Holstein. Aber auch in den übrigen deutschen Staaten sind durch Harnisch, Zerrenner, u. a. vielfache Versuche angestellt worden, die wechselseitige Schuleinrichtung für die deutsche Volksschule fruchtbar zu machen. In Deutschland war der Erfolg trotz vielfacher Propaganda eher gering, was vor allem den uneinheitlichen Schulverhältnissen zuzuschreiben war. 10 Zudem waren die Verhältnisse der Elementarbildung durchschnittlich arm und schon aus diesem Grunde an Systementwicklung kaum interessiert. Wenige Jahre nach seinem Höhepunkt verschwand die Methode Bells und Lancasters auch wieder aus den Schulsystemen. Obgleich sie ökonomisch, effektiv und geeignet schien, den Volksunterricht zu etablieren, setzte sie sich - vor allem durch den Widerstand verschiedenster Pädagogen und die Tatsache, dass der Unterricht in der Praxis doch nicht die Erfolge erzielte, die er versprach - gleichwohl nicht durch.
Während der wechselseitige Unterricht in einigen Ländern 1820 noch Vorbildcharakter hatte, trat der Widerstand bereits wenig später auf. (lex)
Das hier abgedruckte Bild, das mehr als 2 Generationen nach dem Aufkommen der Methode entstand, zeigt im Stile einer Reportage diese Art des Unterrichts: Ein einziger Lehrer leitet in einem großen Saal den Unterricht von weit über 100 Schülern, in dem er nach einem strengen Ritual die wechselseitig in kleinen Gruppen durch Mitschüler unterrichten läßt. (S WS.254)
7 Hamel, J.: Der gegenseitige Unterricht. Geschichte seiner Einführung und Ausbreitung durch D.A. Bell, J.
Lancaster u.a. Paris 1818, S.57.
8 Schiffler; Winkeler: Bilderwelten der Erziehung. Die Schule im Bild des 19.Jahrhunderts. Weinheim und München
1991, S.254.
9 Oelkers, J.: Fachunterricht in historischer Sicht.
www.paed.unizh.ch/ap/downloads/oelkers/vortraege/110_Fachunterricht.pdf.
10 www.susi.e-technik.uni-ulm.de:8080/.../1021890845764/BandNr/16.
5
3. Grundzüge der Schulen
Die Grundidee des “wechselseitigen Unterrichts” - empfohlen als Grundlage der Volksschulreform - war die möglichst präzise Anordnung von möglichst vielen Schülern in möglichst großen Räumen bei möglichst optimaler Nutzung der Lernzeit. Hauptsächlich thematisiert wurde so das Ideal hohen Effizienz des Unterrichts - im Sinne eines erfolgreichen Elementarunterrichts “to at least One Thousand Boys”. 11
Die angewandte Methode basierte auf dem Monitorialsystem, im abteilungsweisen Unterricht und im Durchlaufen von homogenen Klassen, die nicht nach Jahrgängen organisiert waren. Als Helfer des Lehrers wurden fortgeschrittene Schüler, die sogenannten Monitoren eingesetzt. So nahm der wechselseitige Unterricht das alte Schul- und Unterrichtsprinzip, dass ältere Schüler im Unterricht helfen oder selbstständige Aufgaben übernehmen auf und verändert das Helfer-, bzw. Mentorensystem so, dass die Schul- und Unterrichtsorganisation dadurch bestimmt wird. 12 Mentoren, d.h. ältere Schüler unterrichten jüngere Schüler. Dabei existieren die unterschiedlichsten Monitorarten: eine wichtige Rolle spielte z.B. der „signal monitor“, der den anderen Knaben, die über verschiedene Bereiche der Disziplin die Aufsicht führen, das Signal zur ihrer Ausführung gab. Die wichtigste Aufgabe kam jedoch dem „teaching monitor“ zu, der vollständig die Aufgaben des klassischen Lehrers zu übernehmen hatte. Dieser Monitor wurde aus den besten der Klasse erwählt und führte über sie die Aufsicht. „Er hat über Ordnung, gutes Betragen und Fleiss der Schüler seiner Classe zu wachen“ Dabei steht ihm lediglich ein Gehilfe zu. 13 „Ebenso wie das Geschäft des Lehrens geteilt ist, so ist es auch die Handhabung der Ordnung und Schuldisziplin überhaupt, in dem aus der Mitte der Schüler selbst einige zu Aufsehern über die verschiedenen Abtheilungen derselben bestimmt werden; der neue
11 Lancaster, J.: Ein einziger Schulmeister unter tausend Kindern in einer Schule. Ein Beytrag zur Verbesserung der
Lehrmethode und Schuldisciplin in niedern Volkschulen. Übersetzt und kommentiert von Natorp. Duisburg und
Essen 1808, S. 10.
12 Elzer, H.-M.: Begriffe und Personen aus der Geschichte der Pädagogik. Hrsg. Von Franz Joachim Eckert und
Klaus Lotz. Frankfurt a.M. 1985, S. 423.
13 Lancaster, s.o., S. 26f.
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Susann Lüdeke, 2004, Die Disziplin in der Einrichtung des Wechselseitigen Unterrichts von Joseph Lancaster und Andrew Bell, München, GRIN Verlag GmbH
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