Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Aufbau des Briefs und Entstehungshintergrund 3
3 Der Inhalt 4
4 Realitätsanspruch 5
5 Subjektivität 6
6 Kafka als Advokat und Ankläger 8
7 Der Brief als Literatur 12
9 Zusammenfassung 14
9 Literatur 15
2
1 Einleitung
Der ungewöhnliche Literat Franz Kafka, der einen ganz eigenen Stil zu entwickeln vermochte, zeichnet sich nicht nur durch seine einmaligen Romane, Erzählungen und Fragmente aus. Wer mehr über den Menschen Kafka erfahren will, muss sich seinen Tagebüchern und Briefe widmen, in denen man einen sehr tiefen Einblick in das Seelenleben des Autors gewinnen kann. Neben den zahlreichen literarischen Tagebuchaufzeichnungen sind vor allem die Briefe Kafkas durch ihre bemerkenswerte Individualität lesenswert. Sie zeichnen sich durch Frische, Originalität, ästhetische Geschlossenheit und kompositorische Gefügtheit aus. Alles Formelhafte, Unpersönliche vermied Kafka. 1 Seine brieflichen Korrespondenzen gerieten für ihn nie zur stumpfsinnigen Routine, äußerliche Höflichkeitsrücksichten waren nicht sein Stil. Stets bemerkt der Leser die geistige Gegenwart des Schreibers. Kafka spricht bildhaft und kann sich in den Briefpartner hineinversetzen. Die durch die Situationsbedingtheit häufig vorkommenden Selbstkorrekturen machen die Briefe um so lebendiger. Das Korrespondieren stellte für Kafka eine wesentliche Lebensform dar. Er unterlag Zeit seines Lebens „dem Irrglauben, durch Briefverkehr menschliche Vertrautheit herstellen zu können“ 2 . Für ihn ersetzte der Briefverkehr die Stellung der persönlichen Begegnung, da er „das Gemeinte freier und unabhängiger ausdrücken [konnte], wenn er nicht unmittelbar mit jemandem konfrontiert war“. 2
Ein besonders außergewöhnliches Dokument Kafkas liegt uns in Form des „Briefs an den Vater“ vor. Dieser sehr subjektive und emotionale Brief lässt den Leser tief in Kafkas Innenleben blicken, indem er dessen größten Lebenskonflikt - die Beziehung zu seinem Vater - beschreibt. Er ist sowohl Selbstoffenbarung und Bekenntniswerk, als auch Lebensbewältigung und -dokument. Neben einer kurzen Einführung in den Inhalt des Briefs wird sich diese Hausarbeit vorwiegend auf den Aspekt der Brieflichkeit und der literarischen Subjektivität des Dokuments konzentrieren.
2 Aufbau des Briefs und Entstehungshintergrund
Der ‚Brief an den Vater‘ entstand im November 1919 in Schelesen, einem vorübergehenden Aufenthaltsort Kafkas in Böhmen. Kafka schrieb ihn im Alter von 36 Jahren und befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seines literarischen Schaffens.
1 Binder, H.: Kafka in neuer Sicht. Mimik, Gestik und Personengefüge als Darstellungsformen des
Autobiographischen. Stuttgart 1976, S.33.
2 Ebd., S. 32.
3
Der Brief entstand nach der misslungenen Heirat mit der in des Vaters Augen unstandesgemäßen Schustertochter Julie Wohryzek und stellt ein mehr oder weniger autobiografisches Dokument dar, das von Kafkas engstem Freund und Nachlassverwalter, Max Brod, 1937 aus Rücksicht auf Kafkas Familie nur in Auszügen veröffentlicht wurde und erst 1952 vollständig erschien.
Kafka schrieb den Brief zunächst handschriftlich, fertigte jedoch im Sommer 1920 eine Kopie an. Das Typoskript, das von der handschriftlichen Fassung geringfügig abweicht, ist - aus unbekannten Gründen - nicht ganz zu Ende geführt worden und bricht kurz vor Schluss mitten im Satz ab. Max Brod legte es seiner Edition des Textes zugrunde, wobei er die Schlusspartien nach der Handschrift ergänzte. 3
Der Brief lässt sich grob in drei Teile gliedern: Den ersten Teil, in dem Kafka sein Bild von Person und Charakter des Vaters illustriert. An ihn schließt sich im zweiten Teil die Erkenntnis der Entfremdung zwischen Vater und Sohn an. Kafka analysiert das eigene Denken und Handeln psychologisch und versucht diese mit Ereignissen der Vergangenheit oder menschlichen Unzulänglichkeiten zu erklären. Im dritten Teil schließlich folgt eine imaginäre Antwort des Vaters auf diesen Brief.
Der Brief gelangte nie in die Hände von Hermann Kafka. Vermutlich war er zur Übergabe an den Vater durch die Mutter bestimmt. Diesen Weg scheint er aber nie genommen zu haben, da er in Kafkas Nachlass gefunden wurde. In seinem 'Kafka-Kommentar' analysiert Binder, "dass Kafka die Endredaktion gar nicht beendete, den Brief also niemals seiner Mutter zur Weitervermittlung übergeben haben kann.“ 4 Politzer schreibt: “Er gab den Brief weder auf, noch fand er die Kraft ihn zu überreichen“ 5 . Es ist allerdings denkbar, dass die Mutter Teile daraus las und ihrem Sohn abriet, das Schreiben dem Vater zu überreichen.
3 Der Inhalt
Nach einem Blick auf die Länge des Briefes von über 100 Seiten stellt der Leser schnell fest, dass es sich hierbei um keinen gewöhnlichen Brief handelt, sondern um eine umfassende Darlegung Kafkas Sicht auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Der Brief gestaltet sich als Anklage gegenüber dem laut Franz Kafka despotischen Unterdrücker und herrschsüchtigen Tyrann Hermann Kafka, der seinen Sohn nach seinen Erfahrungen zu formen versucht, anstatt auf dessen Individualität einzugehen. Franz, der sich gegenüber seinem Vater minderwertig fühlt, gestaltet auf der einen Seite einen Vater, der mit beiden Beinen in der Wirklichkeit steht und auf der anderen Seite den
3 Müller, M. (Hrsg.): Kafka, F.: Brief an den Vater. Stuttgart 1995, S. 66.
4 Binder, H.: s.o., S. 423.
5 Politzer, Heinz: Franz Kafka. Der Künstler. Gütersloh 1965, S. 406.
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schwächlichen und nichtsnutzigen Sohn, der aufgrund des imposanten Vaters „das Vertrauen zu eigenem Tun“ 6 verliert.
Statt nach dem Herausstellen der völligen Unvereinbarkeit der beiden die logische Konsequenz der endgültigen Trennung zu ziehen, analysiert Franz jedoch immer wieder aufs Neue sein eigenes Wesen und das seines Vaters, setzt die Ergebnisse in Relation und versucht, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu verbalisieren und Punkte freizulegen, an denen ein Übereinkommen möglich sein könnte.
Politzer sieht Franz als einen „Sklaven vor dem vergötterten Vaterbild“ 7 , dem des Vaters „geistige Oberherrschaft“ 8 imponiert und von dem er sich nicht zu trennen vermag. Konsequent wird für Kafka sein eigener Vater zum »Maß aller Dinge« 9 , zur »Welt« 9 selbst, alles, was er sagt, ist für den Sohn »Himmelsgebot« 9 , »das wichtigste Mittel zur Beurteilung der Welt«, ja, der Vater lebt für ihn in absoluter unirdischer Reinheit. Diesem „Übervater“ kann Franz nicht standhalten und so konstruiert er sein ganzes Leben Franz als eine Reihe von Versuchen, aus der Sphäre des Vaters auszubrechen, in Regionen zu gelangen, die dem Einfluss des Vaters entrückt waren. 10 Er beschreibt Fluchtversuche zu Freundschaften, dem Judentum, Ansätze zur Eheschließung und das Scheitern all dessen. Kafka schrieb diesen Brief im Alter von 36 Jahren, und doch spricht aus seinen Worten noch immer das völlig verunsicherte Kind, das hilflos vor einem übermächtigen Vater steht und nicht weiß, wie es sich ihm gegenüber behaupten soll. „Als er nachträglich den Brief als ganzes, und besonders seinen Schluß, überprüfte, muss ihm gekommen sein, wie abhängig und erschreckend ohnmächtig er gegenüber dem Vater war.“ 11 „Ein reifer Mann und Künstler vom Format Franz Kafkas bleibt so in einem ausweglosen »Prozess« mit dem eigenen Vater verstrickt, ist außerstande, sein Kind-Vater-Verhältnis zu verwandeln in die freie Begegnung zwischen zwei »ebenbürtigen« Männern.“ 12
4 Realitätsanspruch
Gegen die Annahme, der Brief könnte ein fiktionalen Charakter besitzen, spricht, dass die geschilderten Ereignisse mit Kafkas Leben weitgehend deckungsgleich sind. Neben der Figur des Vaters Hermann sind auch die anderen Personen, die im Verlauf des Briefes auftauchen, real und in Kafkas Leben existent, so wie sich auch die genannten Orte mit seiner Lebensgeschichte vereinbaren lassen.
6 Kafka, Franz: Brief an den Vater. Hrsg. und kommentiert von Michael Müller. Stuttgart 1995, S. 20.
7 Politzer, H.: Franz Kafka. Der Künstler. Gütersloh 1965, S. 408.
8 Kafka, Franz: s.o., S. 13.
9 Kafka, Franz: s.o., S. 15.
10 Brod, M.: Franz Kafka. Eine Biographie. Frankfurt a. M. 1954, S. 33.
11 Binder, H.: Kafka Kommentar zu den Romanen, Rezensionen, Aphorismen und zum Brief an den Vater.
München 1976, S. 426.
12 http://www.geo.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka?Rubrik=briefwechsel&Punkt=1919&Unterpunkt=brief.
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Arbeit zitieren:
Susann Lüdeke, 2004, Zu: Franz Kafka - "Brief an den Vater", München, GRIN Verlag GmbH
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