Inhaltsverzeichnis
1. Der Autor 3
2. Andersen - ein Homosexueller? 4
3. Der Undinemythos 7
4. Interpretation 9
4.1 Die Vorgeschichte der „Seejungfrau“ 9
4.2 Inhalt 10
4.3 Zwei Welten 11
4.4 „Halbe Fraulichkeit“ 14
4.5 „Männerkleidung“ 15
4.6 Die Kunst 16
5. Homosexualität und Literatur 18
6. Abschluss 20
7. Literatur 21
2
1. Der Autor
Am 2. April 1805 in Odense geboren, wächst Hans Christian Andersen in großer Armut und unter sehr schwierigen familiären Verhältnissen auf. Seine trinkende Mutter, der geisteskranke Großvater und der ebenfalls geistig instabile Vater bieten Hans nicht gerade die Bedingungen, die ein Kind zum Aufwachsen benötigt. So verläuft seine Kindheit eher trostlos. Da er auf Grund seines weichen, sensiblen und angreifbaren Charakters in seiner Umwelt als „Sonderling“ gilt, bleibt Hans immer Außenseiter. Tatsächlich ist Hans anders als die anderen Kinder: Er spielt kaum mit Gleichaltrigen, versinkt in der Schule in Tagträumereien, in denen er als großer Künstler gefeiert wird, beschäftigt sich - seiner Geschlechtsrolle entsprechend ungewöhnlich - ausgiebig mit Puppen und besitzt eine außergewöhnlich gute Singstimme, die er gern in kleinen Gesellschaften erklingen lässt, wobei er es liebt, dazu zu tanzen. Dieser musischen Begabung will Andersen denn auch beruflich nachgehen. Entgegen dem Willen seiner Mutter, die ihn gern als Lehrling der Schuhmacherei gesehen hätte, macht er sich 1820 auf nach Kopenhagen. Nach mehreren Anlaufschwierigkeiten gelingt es ihm, als Schüler zunächst in die königliche Tanzschule, später in die Gesangsschule aufgenommen zu werden. Seine Begabung erweist sich jedoch nicht als so außerordentlich, dass er damit Geld verdienen könnte. In dieser verzweifelten Lage, in der es um seine bloße Existenz ging, hat Andersen großes Glück. Der Theaterdirektor Jonas Collin nimmt sich seiner an. Collin beschafft Andersen ein Stipendium für die Lateinschule und wird von diesem Zeitpunkt an zu einem Vaterersatz für ihn. 1 Während dieser Zeit kommt Andersen mit Edvard Collin, dem etwa vier Jahre jüngeren Sohn Jonas Collin in Kontakt. Mit ihm verbindet Andersen eine enge Freundschaft, die jedoch zu seinem Leidwesen nie über ein platonisches Verhältnis hinauswächst. Diese Freundschaft gab in der Forschung denn auch den Anlass zu Spekulationen über eine eventuelle Homosexualität Andersens, die in engem Zusammenhang mit seinem Werk erforscht wurde. Der am intensivsten in diese Richtung untersuchte von Andersen vorliegende Text ist zugleich auch sein bekanntester: „Die kleine Seejungfrau“. Er entstand 1837, nachdem Edvard Collin seine Verlobte Louise ehelichte und Andersen fast fluchtartig das Land verließ. „Die kleine Seejungfrau“ wird damit in der Forschung im Rahmen Andersens gesamter Märchen als Spiegel der homosexuellen Neigungen Andersens zu Edvard betrachtet. Ob und wie diese homoerotische Camouflage von Andersen in dem dramatischen Märchen der kleinen, unglücklich verliebten Nixe erreicht wird, soll Thema dieser Arbeit sein.
1 Bredsdorf, Elias: Hans Christian Andersen: Des Märchendichters Leben und Werk. München und Wien 1980.
3
2. Andersen - ein Homosexueller?
In der Andersen-Forschung herrscht nach wie vor Unklarheit über die sexuelle Orientierung des Schriftstellers. Nach wie vor gibt es kontroverse Diskussionen zu dieser Thematik. Die Tendenz geht - v.a. in der neueren Andersen-Forschung - jedoch in Richtung Homosexualität Andersens. Bereits Albert Hansen, der älteren Forschung zugehörig, hält Andersens Homosexualität für völlig unzweifelhaft. In seinem 1901 erschienenen Aufsatz „H.C. Andersen. Beweis seiner Homosexualität.“ versucht er die Homosexualität aus dem biographischen Hintergrund Andersens zu untermauern. Mit seiner Sopranstimme, der Neigung zum Puppenspiel, seinem eitlen Drang nach Schönheit und seiner typisch fraulichen Putzsucht sei Andersens ein Homosexueller par excellence gewesen. 2 Als Beweis Andersens Homosexualität führt Hansen ebenso dessen freundschaftlichen Kontakt zu Jünglingen an. Auch verkehrte er mit mehreren herausragenden Persönlichkeiten, deren Homosexualität außer Zweifel sei. 3 Die erotische Neigung Andersens zum andern Geschlechte sei „gleich Null“ gewesen, allerdings habe er wie zahlreiche andere Homosexuelle versucht, seine wahre Naturanlage durch Simulation zu vertuschen 3 . Andersen habe - „um dem gehässigen Gerede der Welt vorzubeugen“ 3 - einige kleine Liebesangelegenheiten erfinden müssen. Dieser Meinung schließt sich auch Elias Bredsdorf an, in dem er ebenso feststellt, die Liebe zu Riborg Voigt, Louise Collin, Jenny Lind und anderen Frauen, die Andersen scheinbar anbetete, sei nur vorgetäuscht gewesengewissermaßen eine Tarnung, um in einer Zeit, in der Homosexualität allgemein als verabscheuungswürdig galt, seine wahre Veranlagung zu verbergen. 4 Albert Hansen stellt weiterhin fest, dass die Liebe zu Edvard einer Leidenschaft mit allen unverkennbaren Merkmalen der grande passion entspräche. Als denn Edvard schließlich seine Verlobte Henriette ehelicht, schreibt Andersen an ihn: „Wie Moses stehe ich am Berge und blicke ins gelobte Land, wohin ich nie gelangen werde. [...] Mein Leben lang soll ich einsam bleiben, Freundschaft muss mir Alles sein, [...] “ 5
Hansens Abschlussurteil lautet: „Er war ein Urning und ein lautredendes Zeugnis, dass man als solcher ein Mensch von großem Geist und hohem Seelenadel sein kann.“ 6 Dieser Aussage schließt sich auch der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering an, der Andersens Homosexualität jedoch v.a. auf Grund seiner besonderen literarischen Ausdrucksweise und der Aussage seiner Märchen und Geschichten als erwiesen ansieht. Detering selbst sagt: „Das Erstaunlichste am Forscher-Streit um Andersens Homosexualität ist aber weder seine Dauer noch die Vielfalt der Meinungen.
2 Hansen, Albert: H.C. Andersen. Beweis seiner Homosexualität. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 3
(1901), 205ff.
3 Ebd., S.227.
4 Bredsdorf, Elias: Hans Christian Andersen: Des Märchendichters Leben und Werk. München und Wien 1980,
S.364.
5 Hansen, s.o. S.222.
6 Ebd., S.230.
4
Das Erstaunlichste ist, daß es diesen Streit überhaupt gibt.“ Denn das „ausdauernde Bemühen des Verfassers [...] dezidiert homoerotische Neigungen und Sehnsüchte zu artikulieren und sich als erotisch abweisend verständlich zu machen“ sei schlechterdings unübersehbar. 7 Speziell an Andersens Beziehung zu Edvard Collin macht Detering seine These fest. In seinem Aufsatz „Geistige Amphibien“ dokumentiert er Andersens - zwischen 1830 und 1837 stattfindenden - Briefwechsel mit Edvard unter dem Aspekt der Homosexualität. In diesen Briefen werde bereits sichtbar, was die „homoerotische Camouflage“ in Andersens Dichtungen ausmachen werde. 8 Andersen versuche in diesen Briefen Edvard seine Gefühle mitzuteilen, zugleich aber auch diese Gefühle so hinter literarischen Zweideutigkeiten zu verbergen, dass sie keineswegs als anstößig gelten können. Als „werbender Verliebter“ 8 sähe sich Andersen denn auch folgerichtig in Konkurrenz zur Verlobten und späteren Ehefrau seines Angebeteten. Im Sommer 1835 schrieb Andersen an Edvard, er solle sich von seiner Braut Jette sagen lassen: „Jeg elsger Dig! (ich liebe Dich!) und dies als ein Botschaft von ihm, Andersen, verstehen. „Sie darf wohl ‚liebe‘, darf wohl ‚du‘ sagen, bei einem Manne wird es zur Sentimentalität, und das ist etwas, was ich von mir abgeschüttelt habe...“ Mit dieser Aussage spielt er auf die sogenannte Duz-Geschichte an, im Verlaufe derer Andersen Edvard das ‘Du’ anbot, welches dieser entschieden ablehnte und damit Andersen ungemein verletzte. 9
Die nach Detering „entschieden erotische Beschaffenheit dieser Liebe“ 10 werde jedoch nicht nur in Andersens Briefen veranschaulicht, sondern auch in „genuin poetischen Strategien“ 10 . So offenherzig viele seiner Briefe scheinen, so umsichtig versucht Andersen doch zunehmend, Collins Sanktionierungen zu vermeiden - etwa indem er auf poetische Texte verweist, deren Lektüre er Collin als eine Art Fortsetzung des Briefwechsels mit anderen Mitteln empfiehlt [..] 10
Im Medium der poetischen Fiktion gewinnt Andersen damit die Möglichkeit, sich dem abweisenden Briefleser mit geringerem Risiko und größerer Deutlichkeit verständlich zu machen als in der unverkleideten Briefform. 11 So können bestimmte Texte Andersens als verschlüsseltes Tableau für die Leiden des enttäuschten Liebenden gelten, der seinen Angebeteten nie für sich gewinnen wird, weil seine Liebe allen geltenden Konventionen zuwiderläuft.
Die Gegenbehauptungen von Forschern wie dem Psychiater Hjalmar Helweg scheinen damit nichtig zu sein.
Er schrieb in seinem Aufsatz: „H.C. Andersen und die Behauptung seiner Homosexualität.“: „Er war heterosexuell veranlagt [...]. Physisch blieb er ein unheilbarer Onanist, geistig suchte
7 Detering, Heinrich: Geistige Amphibien. Hans Christian Andersen. In: ebd.: Das offene Geheimnis. Zur
literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann. Göttingen 2002, S.174.
8 ebd., S.179.
9 Nielsen, Erling: Hans Christian Andersen in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg 1958, S.70.
10 Detering, s.o., S.183.
5
und fand er Zuflucht in gefühlvollen Freundschaftsbeziehungen, die zuweilen erotischen Charakter haben konnten.“ 12 Es unterliege keinem Zweifel, dass Andersen in seiner Jugend und in seinen reifen Jahren eine starke und natürliche Neigung zu Frauen gehegt hat; allein zur Befriedigung dieser Neigung sei er nie gelangt. 12 Während Hansen dieses Verliebtsein in Frauen als eine Erfindung auffassen wollte, hinter welcher Andersen ein homosexuelles Gefühl und vielleicht ein homosexuelles Verhältnis verbergen wollte, ließe sich beweisen, dass Andersen mehrmals in seinem Leben leidenschaftlich in Frauen verliebt gewesen sei. Da er jedoch seine Neigungen nie befriedigen konnte, war er gezwungen zu masturbieren; „das geistige Element, das Liebesbedürfnis, mußte auf anderem Wege befriedigt werden. So entstanden die heißen, fast glühenden Freundschaften, an denen sein Leben so reich ist, und die vor allem anderen als Stütze für die Annahme seiner Homosexualität benutzt werden.“ 13 In dem Märchen der „kleinen Seejungfrau“, das v.a. Detering als das Beweisstück für Andersens Homosexualität anführt, drücke dieser lediglich sein Verlangen nach den unerreichbaren Höhen der Poesie aus. 14
Helwegs Abschlussurteil lautet : „Die von Hansen aufgestellte und von prominenten Forschern leider unkritisch akzeptierte Hypothese, daß Andersen homosexuell gewesen sein soll, ist ein glänzender Beweis dafür, wie falsch es ist, die Diagnose der Homosexualität auf Grund äußerer, willkürlich gesammelter sog. uranistischer Charakterzüge zu stellen[...]}. Eine derartige Untersuchung ergibt, daß Andersen [...] entschieden heterosexuell war.“ 15 Aus diesen wenigen Beispielen aus der Forschungsliteratur ist zu erkennen, wie kontrovers die Diskussionen um diese Thematik verlaufen. Wie Michael Maar jedoch richtig feststellte, scheint sich aber doch die Meinung durchzusetzen, dass die „Widerlegungsversuche weniger überzeugend sind als die Indizien für eine wo nicht manifeste Homosexualität, so doch homoerotische Neigungen.“ 16 Auch Detering meint, Andersen sei vielleicht nicht homosexuell gewesen - „Bestimmt man hingegen vorsichtiger ‚homoerotische‘ Neigungen als erotische Anziehung eines Mannes durch bestimmte andere Männer - unabhängig davon, ob es zu manifesten sexuellen Kontakten kommt, und ebenfalls unabhängig davon, ob diese Neigung exklusiv ist oder auch Neigungen zu Frauen erlaubt-, so muß man für Andersen solche Neigungen annehmen.“ 17
Zur Interpretation des Märchens von der „kleinen Seejungfrau“ möchte ich mich daher nun auch der Meinung Deterings, Hansens u.a., die die These der Homosexualität Andersens
11 Detering, Heinrich: Geistige Amphibien. Hans Christian Andersen. In: ebd.: Das offene Geheimnis. Zur
literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann. Göttingen 2002, S.184.
12 Helweg, Hjalmar: H.C. Andersen und die Behauptung seiner Homosexualität. In: Zeitschrift für die gesamte
Neurologie und Psychiatrie 118 (1929), S.786.
13 Ebd., S.787.
14 Ebd., S.785.
15 Ebd., S.788.
16 Maar, Michael: Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg. München/Wien 1995, S.285.
17 Detering, s.o. S. 78.
6
Arbeit zitieren:
Susann Lüdeke, 2004, H. C. Andersens „kleine Seejungfrau“ als Ausdruck homoerotischer Camouflage, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Susann Lüdeke hat den Text H. C. Andersens „kleine Seejungfrau“ als Ausdruck homoerotischer Camouflage veröffentlicht
Susann Lüdeke hat einen neuen Text hochgeladen
Gender Camouflage: Women and the U. S. Military
Francine D'Amico, Laurie Weinstein, Gerald Sorin
Camouflage Isn't Only for Combat: Gender, Sexuality, and Women in the ...
Melissa S. Herbert
Gender Camouflage: Women and the U. S. Military
Francine D'Amico, Laurie Weinstein, Seth Forman
Camouflage and Markings of the Aeronautica Nazionale Repubblicana 1943...
Ferdinand D'Amico, Gabriele Valentini
0 Kommentare