Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
1.1 Georges Dor 3
1.2 Zum Begriff der Transkription 4
1.2.1 Definition 4
1.2.2 Verbildlichung der Transkription. 5
2 Analyse der Verbildlichung. 5
2.1 Die Instanz Sprecher/ Hörer 6
2.1.1 Die Sprechsituation 7
2.2 Die Instanz Transkribent 10
2.2.1 Transkriptionstechniken 12
2.3 Das Transkript 14
2.3.1 Transkriptionsdarstellung. 15
3 Georges Dors Realisierung von Transkriptionskonventionen. 18
3.1 Das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem (GAT)/ Die Ulmer Textbank 18
3.2 Analyse von Dors Transkription 20
4 Zur Verifizierbarkeit von Transkription 23
5 Schluss 26
5.1 Evaluation der Transkription Georges Dors und seine Ideologie 26
6 Literaturverzeichnis 29
2
1 Einleitung
Diese Hausarbeit entstand in Zusammenhang mit dem Hauptseminar ‚Sprachpolitische Diskurse in Quebec‘, das im Wintersemester 1999/ 2000 stattfand. In der Veranstaltung beschäftigten wir uns mit unterschiedlichen Stellungnahmen diverser Publizisten bezüglich der sprachlichen Situation in Quebec. Zwei davon werden von Georges Dor und Marty Laforest vertreten. Ich werde diese im Folgenden grob skizzieren: Dor vertritt die Ansicht, dass sich das Französisch in Quebec immer mehr vom internationalen Französisch distanziere. Diese Entwicklung bewertet er negativ, er kritisiert sie und macht die Quebecer dafür maßgeblich verantwortlich.
Laforest hingegen betont, dass eine Evolution, eine Veränderung einer Sprache, ein völlig normaler Prozess sei. Sie äußert Kritik am Vorgehen Dors bei seiner Untersuchung: Seine Methoden bei der Erstellung, der Analyse und der Auswertung der Beispieltranskripte, die seine Argumentation stützen sollen, seien unwissenschaftlich.
Diese Arbeit soll sich mit diesen eben beschriebenen Verfahren zur Transkriptionserstellung beschäftigen.
1.1 Georges Dor
Zunächst ist es sinnvoll, sich mit der Person Georges Dor, seinem Werk ‚Anna braillé ène shot‘ und der Replik Marty Laforests ‚Etats d’âme, états de langue‘ zu beschäftigen, um einen ersten Einblick in die Thematik zu erhalten.
Der Quebecer Georges Dor veröffentlichte im Jahr 1996 sein Buch ‚Anna braillé ène shot‘. Es handelt sich hierbei um eine Abhandlung über das gesprochene und geschriebene Französisch in Quebec. Dor moniert dessen ‚schlechten‘ Zustand und kritisiert die Gleichgültigkeit der Quebecer demgegenüber und das fehlende Bewusstsein zur Sprachpflege. Er möchte seine Landsleute auf diese Problematik hinweisen, indem er an verschiedenen Beispielen illustriert, wie die Quebecer stammeln, Wörter verschlucken und undeutlich sprechen („[...] sans cesse bredouiller et mâchonner une langue informe [...]“ 1 ), nach den einfachsten Worten suchen („Nous cherchons, sans les trouver, les mots les plus simples.“ 2 ), sich verhaspeln („[...] bafouillant depuis la petite enfance jusque dans la vieillesse,[...]“ 3 ), etc. Des Weiteren will Dor die Quebecer ‚bekehren‘, einen ‚Besserungsprozess‘ einleiten. Diese Notwendigkeit besteht aus seiner Sicht: Er betrachtet sich selbst als Literaten und Intellektuellen, der nach seinem Rollenwechsel vom einfachen Volk zur Bildungselite auf das ‚gemeine Volk‘
1 Dor (1996): 15
2 Dor (1996): 22
3
herabblickt. Er plädiert für eine Orientierung am internationalen Französisch als Standardvarietät.
Um zu illustrieren, dass die sprachliche Misere ein Problem aller Quebecer ist, betont Dor, dass er nicht als Wissenschaftler schreibt, sondern vielmehr als eine Art Beobachter, als ‚einer von ihnen‘. Gleichsam setzt er sich aber von ihnen ab, indem er sie in seinem Buch kontinuierlich beleidigt. Das folgende Beispiel steht für viele weitere, deren Aufzählung den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde: „La plupart d’entre eux [les enfants Québecois] ne sont- ils pas, à des degrés divers, des handicapés linguistiques?“ 4 . Dor geht also nicht beschreibend, sondern bewertend an dieses Phänomen heran.
Genau dies tut Marty Laforest nicht. Stattdessen beschreibt sie die Sprachsituation in Quebec und bemängelt das Vorgehen sowie die Art und Weise der Darstellung der Problematik bei Dor.
In dieser Hausarbeit möchte ich auf einen der von Laforest kritisierten Aspekte eingehen, nämlich auf die Transkription.
1.2 Zum Begriff der Transkription
Bevor ich in Punkt 1.2.1. auf die Definition eingehe, möchte ich den Untersuchungsgegenstand explizieren. Anhand der Begriffsbeschreibung wird deutlich, mit welcher Bedeutung der Terminus ‚Transkription‘ in der vorliegenden Hausarbeit jeweils verwendet wird. Anschließend, in Punkt 1.2.2. wird diese Definition mit Hilfe einer Abbildung verbildlicht. An diesem Schema orientiert sich die Gliederung des Hauptteils I.
1.2.1 Definition
Nach Greisbach hat der Begriff ‚Transkription‘ drei Bedeutungen:
3 Dor (1996): 95
4 Dor (1996): 52
5 Greisbach (1988): 11
6 siehe eben da
4
1.2.2 Verbildlichung der Transkription
Das folgende Schaubild verdeutlicht die obige Definition. Es greift die Partizipienten des Transkriptionsvorgangs auf und zeigt gleichzeitig deren Funktion bzw. deren Aufgaben und Tätigkeiten.
2 Analyse der Verbildlichung
Dieser Teil der Hausarbeit beschäftigt sich mit der Analyse des Schaubilds. Die Instanzen der Transkription ‚Sprecher/ Hörer‘ und ‚Transkribent‘ werden aufgegriffen und im Hinblick auf Dors Buch mit dem Titel ‚Anna braillé ène shot‘ analysiert. Die Instanz ‚Leser‘ wird hierbei zunächst außer Acht gelassen. In Punkt 4 ‚Zur Verifizierbarkeit von Transkription‘ kommt dessen Funktion als kritische, prüfende Instanz dann zur Sprache. Diesen Punkt habe ich gesondert aufgeführt, weil er einen wichtigen Einzelaspekt behandelt, nämlich die Frage, ob die Transkription verifizierbar, das heißt nachprüfbar und somit allgemeingültig ist. Außerdem werden in diesem Abschnitt weitere wichtige Sachverhalte anhand von Beispielen aus Dors Werk illustriert. Hierbei handelt es sich um die Sprechsituation, in der sich
7 Greisbach (1988): 12
5
Produzent und Rezipient befinden, sowie die Transkriptionstechnik und die -darstellung, die der Transkribent für sein Transkript wählt und anwendet.
2.1 Die Instanz Sprecher/ Hörer
Nach Koch und Oesterreicher nehmen die Interaktionspartner, gegebenenfalls im Wechsel, die Rolle des Produzenten und des Rezipienten ein. Dabei produzieren sie einen Diskurs (in der mündlichen Sprache) oder einen Text (in der Schriftsprache) 8 . Im Folgenden konzentrieren wir uns auf den erstgenannten Aspekt, da Dor in seinem Buch hauptsächlich auf Beispiele der gesprochenen Sprache eingeht.
Die Produktion eines Diskurses steht, laut Koch und Oesterreicher, in einem „[...] Spannungsfeld [...] zwischen der Linearität sprachlicher Zeichen, den Vorgaben der Einzelsprache und der komplexen, vieldimensionalen außersprachlichen Wirklichkeit.“ 9 . Dor beschreibt in ‚Anna braillé ène shot‘ einen solchen Kommunikationsakt, in dem sich Sprecher und Hörer untereinander verständigen: Dor schreibt an mehreren Stellen „On se comprend.“ 10 . Jedoch ist das Spannungsfeld, wie es Koch und Oesterreicher beschreiben, nicht aufgelöst, da die Einzelsprachen, die Varietäten der Quebecer, zu sehr von der Schriftsprache abweichen. Die ‚Linearität sprachlicher Zeichen‘, fixiert durch die Schriftsprache, weicht von der
‚Einzelsprache‘, der tatsächlich gesprochenen Varietät ab. Deshalb wertet er die Kommunikationsfähigkeit der Quebecer ab und stellt sie als Irrglauben dar: „[...] quand on s’exprime à peu près, on se comprend de même!“ 11 .
Die Richtlinien zur gesprächsanalytischen Transkription (im Folgenden GAT genannt), auf die ich in Punkt 3.1. explizit eingehen möchte, gliedern ein Transkript in zwei Teile: den ‚Transkriptionskopf‘ und das ‚Gesprächstranskript‘ 12 . Der erste dieser zwei Teile ist an dieser Stelle von Wichtigkeit. Auf Seite 93 f. beschreiben die Autoren des GAT die Inhalte des ‚Transkriptionskopfes‘. Unter anderem ist auch der Punkt ‚Varietäten der Sprecher/ Dialektalisierungsgrad‘ aufgeführt 13 . Diesen Aspekt nimmt Dor nur insofern mit auf, als dass er das Quebecer Französisch ständig abwertet und sich über die Sprecher mockiert und deren Kompetenz anzweifelt. Eine objektive Beschreibung des québécois findet nicht statt. Ebensowenig greift Dor eine kurze Charakterisierung der Sprechenden, wie sie in den Konventionen des GAT verankert ist, auf. Renée van Bezooijen unterscheidet in diesem
8 Koch und Oesterreicher (1990): 8
9 siehe eben da
10 Dor (1996): 69
11 Dor (1996): 69
12 Selting/ Auer et al. (1998): 93
6
Zusammenhang zwischen „fairly stable speaker characteristics“ und „Affective markers“ 14 . Unter dem erstgenannten Begriff verstehe man relativ unvariable extralinguistische Merkmale der Sprecher, wie zum Beispiel Alter, Aussehen oder Geschlecht. „Affective markers“ bezeichnen vorübergehende emotionale Zustände der jeweiligen Person. Beispielsweise zeigen sich Emotionen unter anderem am Sprechtempo, an der Lautstärke der Äußerung oder an der Qualität der Sprache.
Bei Dor werden diese beiden Charakteristika nicht beachtet. Stattdessen macht er vage Angaben über die von ihm beobachteten Personen: Er spricht von „[...] des gens du peuple [...]“ 15 , „[...] un enfant d’une douzaine d’années [...]“ 16 . Des Weiteren beschreibt er seine Technik wie folgt: „[...] j’entends autour de moi [...]“ 17 oder „[...] j’ai entendu un homme parlant au téléphone installé près de la porte.“ 18 .
2.1.1 Die Sprechsituation
Produzenten und Rezipienten befinden sich stets in einer bestimmten Sprechsituation. Diese ist determiniert durch „personale, räumliche und zeitliche Zeigfelder (Deixis)“, durch „Bestimmte Kontexte“ und durch „bestimmte emotionale und soziale Bezüge“ 19 . Koch und Oesterreicher untersuchen die Sprechsituation, indem sie Parameter der
Kommunikationsbedingungen und der Versprachlichungsstrategien bestimmen und deren Varianzspektrum darlegen. Ich möchte nun im Folgenden auf einige dieser Aspekte eingehen und sie an Beispielen Dors illustrieren.
Kommunikationsbedingungen sind Aspekte der Situation, in der sich Sprecher und Hörer befinden (außersprachliche Bedingungen). Koch und Oesterreicher nennen hier unter anderem folgende Aspekte:
Diese ausgewählten Parameter bieten sich zur Analyse folgender Situation an, die Dor in seinem Buch schildert: Zwei Quebecer Damen unterhalten sich in einem Supermarkt in Montreal.
13 Selting/ Auer et al. (1998): 94
14 van Bezooijen (1987): 119
15 Dor (1996): 15
16 Dor (1996): 22
17 Dor (1996): 21
18 Dor (1996): 26
19 Koch und Oesterreicher (1990): 8
7
Es stellt sich zunächst die Frage nach dem Grad der Vertrautheit der Partner. Das bedeutet beispielsweise eine Analyse der vorgängigen gemeinsamen Kommunikationserfahrung, des gemeinsamen Wissens, etc. Daraus kann der zweite Aspekt, der Grad der emotionalen Beteiligung, resultieren. Dieser beinhaltet nämlich eine affektive Reaktion, „die sich auf den / die Partner [...] und/ oder auf den Kommunikationsgegenstand [...] richten kann.“ 21 . Von Dor erfahren wir nichts über diese beiden Parameter. Marty Laforest merkt an, dass „On dissèque rarement ses émotions devant le comptoir des viandes du supermarché et on parle peu de philosophie kantienne lorsqu’on fait ses courses le samedi matin;“ 22 . Damit schränkt sie den Grad der emotionalen Beteiligung ein. Dies muss jedoch nicht zwingend der Fall sein, da der Leser nichts über das Gesprächsthema der beiden Damen erfährt. Gleichzeitig stellt Laforest mit ihrer Aussage einen hohen Grad der Spontaneität fest, das heißt, der Kommunikationsakt weist eine geringe vorhergehende Planung auf. Ebenso ist der Grad der Themenfixierung sehr hoch. Natürlich hängt dieser auch vom Grad der Vertrautheit ab: Wenn man sich näher kennt, ist das Spektrum der Gesprächsthemen größer, als wenn sich die Kommunikationspartner nur flüchtig kennen. Auch darüber findet der Leser bei Dors Situationsbeschreibung keinerlei Anhaltspunkte.
Versprachlichungsstrategien sind Aspekte der Kommunikationsakte (innersprachliche Bedingungen). Koch und Oesterreicher nennen unter anderem die folgenden drei Punkte:
andere kommunikative Kontexte 23 . und
Zur Analyse der Versprachlichungsstrategien verwende ich die Situation, die Dor auf Seite 27 f. beschreibt: Eine Mutter ist mit ihrem Kind im Einkaufszentrum unterwegs. Als ein Clown vorbeiläuft, zeigt sie mit dem Finger auf ihn und sagt: „Gad! Gad là!“. Zunächst beschäftige ich mich mit dem situativen Kontext: Laut Koch und Oesterreicher beinhaltet dieser „in der Kommunikationssituation wahrnehmbare Personen, Gegenstände und Sachverhalte.“ 24 . Es stellt sich also die Frage, ob das Kind in der oben beschriebenen Situation den Clown überhaupt wahrnimmt, oder ob es durch etwas anderes abgelenkt ist. Dann muss man sich fragen, ob es den Clown als solchen identifizieren kann (Hat es schon einmal einen Clown gesehen?). Dies ist natürlich abhängig vom Alter und vom Erfahrungshorizont des Kindes, über den uns Dor wiederum nicht unterrichtet.
20 siehe eben da
21 siehe eben da
22 Laforest (1997): 18
23 Koch und Oesterreicher (1990): 10 f.
24 Koch und Oesterreicher (1990): 10
8
Sprachlich- kommunikativer Kontext meint „vorherige und folgende Äußerungen“ 25 . Darüber informiert uns Dor nicht. Der Leser erfährt weder über was sich die beiden vorher unterhalten haben, oder ob sie das überhaupt getan haben (Kann das Kind schon sprechen?), noch weiß der Leser wie das Kind auf „Gad! Gad là!“ reagiert hat, das heißt, ob die Äußerung verständlich war oder nicht. Des Weiteren ist nicht bekannt, ob die Äußerungen dialekt- oder akzentfrei waren oder nicht.
Der Aspekt ‚andere kommunikative Kontexte‘ beinhaltet die Unterscheidung zwischen parasprachlich- kommunikativem Kontext (Intonation) und nichtsprachlich- kommunikativem Kontext (Gestik, Mimik) 26 . Zu Ersterem ist anzumerken, dass Dor in keinem seiner Beispiele auf die Intonation eingeht. Somit erfährt der Leser auch nicht, ob die Mutter im geschilderten Fall aufgeregt, hektisch, freudig erregt, begeistert, oder andersartig emotional bewegt war (² Grad der emotionalen Beteiligung), was sich auf die Intonation auswirken würde. Bezüglich der Gestik wissen wir aus Dors Beschreibung nur, dass die Mutter mit dem Finger auf den Clown zeigt. Es wird nicht berichtet, welchen Gesichtsausdruck sie dabei hat oder wie das Kind nichtsprachlich- kommunikativ reagiert.
Dor geht nur insofern auf die Sprechsituation ein, als dass er dem Leser die Quellen seiner Studien angibt, wobei dies, wie im Folgenden ersichtlich wird, auch nicht immer explizit geschieht.
Georges Dor nennt vier Hauptquellen, aus denen er seine stichprobenhaften Beispiele zieht: Seine Kindheitserinnerung: „J’étais enfant dans mon village quand j’ai entendu pour la première fois cette expression: «Ah! Moé toé là!»“ 27 An dieser Stelle sind einige Zweifel angebracht: Wie genau stimmen seine Erinnerungen an den Wortlaut damals mit dem von heute überein?
Er sitzt an einem Tisch eines Cafés in einem Montrealer Einkaufszentrums. Der Leser erfährt weder wann noch wo genau Dor diese Beobachtungen durchführt. Außerdem bleibt unklar, wie ausführlich diese Beobachtungen waren. All diese Informationen sollen laut GAT- Richtlinien ebenfalls im ‚Transkriptionskopf‘ erscheinen. Dor führt Sprechbeispiele seines Sohnes und dessen Freunde sowie einige Äußerungen von Kindern aus der gegenüberliegenden Schule an.
Hiermit möchte er zeigen, dass nicht nur Erwachsene, sondern auch schon Kinder die Varietät verinnerlicht haben und Erstere als Vermittler auftreten: „Ne sont- ce pas les parents de ces enfants que j’entends, au centre commercial ou au dépanneur baragouiner [...]“ 28 .
25 Koch und Oesterreicher (1990): 11
26 Koch und Oesterreicher (1990): 11
27 Dor (1996): 11
9
TV/ Radio
Georges Dor betont immer wieder in seinem Buch, dass die ‚Krankheit‘ Québécois schon alle ‚angesteckt‘ habe: „[...] on s’est toujours flatté, glorifié même, au cœur de cette médiocrité.“ 29 . Dabei schließt er auch die Medien nicht aus. Durchgehend in seinem gesamten Buch benennt Dor aber keine exakten Quellen für seine Beispiele, so dass ein Nachforschen nur schwer möglich ist.
2.2 Die Instanz Transkribent
Wie aus dem Schaubild ersichtlich wird, hat der Transkribent die Aufgabe, die Produzenten und die Rezipienten wie auch die Sprechsituation zu beobachten. Dieser Abschnitt befasst sich mit der Funktion und den Fähigkeiten des Transkribenten allgemein und Georges Dor im Speziellen.
„Transcribing speech is a learnable skill, which depends above all on learning to reproduce and learning to listen.“ 30 . Dor aber interessiere sich nicht für das Erlernen dieser Fähigkeiten, für das wissenschaftliche Arbeiten, wie das folgende Zitat von Laforest zeigt: „Pourquoi s’intéresser aux travaux d’universitaires, ces faiseux, quand il suffit, n’est- ce pas, d’avoir des oreilles pour entendre ce qui se dit?“ 31 . Dor sagt sogar selbst: „Je ne suis pas linguiste et pas davantage grammairien, ou philologue, ou phonéticien, ou rien de ce qui s’approche de l’étude des langues en général et du français en particulier. Je ne suis pas non plus professeur.“ 32 . Dor definiert sich vielmehr als durchschnittlichen Quebecer, der sich für seine Sprache und dessen [angebliche] Misere interessiert. Er sei also auch gar nicht in der Lage, wissenschaftliche Studien zu betreiben. Diesbezüglich sagt er: „[...] j’en serais bien incapable.“ 33 . Diese Unfähigkeit, wie er es selbst beschreibt, zeigt sich auch in folgender Aussage Dors: „[...] il est presque impossible de reconstruire ou de reproduire ce langage informe;“ 34 .
Auch Marty Laforest geht auf diesen Sachverhalt ein, indem sie Dor „une méconnaissance profonde du fonctionnement des langues.“ 35 vorwirft. Außerdem klagt sie ihn an, den Linguisten zu spielen („[...] faire le linguiste [...] 36 ).
28 Dor (1996): 52
29 Dor (1996): 30
30 Vieregge (1987): 7
31 Laforest (1997): 11
32 Dor (1996): 39
33 siehe eben da
34 Dor (1996): 88
35 Laforest (1997): 15
36 Laforest (1997): 17
10
Zu einem wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich der Transkription gehören laut Greisbach mehrere Fähigkeiten: Neben einer „intensiven Ausbildung“ beanspruche die Arbeit auch „höchste Konzentration“ und einen „erheblichen Zeitaufwand“ (2). In diesem Zusammenhang stellt Greisbach außerdem die folgenden Fähigkeiten eines Transkribenten in den Vordergrund: Zunächst spricht er von der Notwendigkeit eines „Training[s] der auditiven und artikulatorischen Werkzeuge“ 37 . Das bedeutet, dass der Transkribent einerseits im Stande sein muss, das Gehörte zu verstehen, andererseits muss er gleichsam fähig sein, diese Phänomene treffend beschreiben zu können. Bei Dor trifft dies alles nicht zu. Man kann ihn bzw. seine ‚Fähigkeiten‘ bezüglich dieses Aspekts in folgendem Zitat wiederfinden: „[...] der eine hört, beobachtet, unterscheidet mit grosser Gewandtheit, der andere erklärt, phonetisch wenig begabt zu sein, was mir weit häufiger der Fall zu sein scheint, er hat sich noch nie der Mühe und Unbequemlichkeit unterzogen seine eigenen Sprachwerkzeuge in systematischer Gymnastik auszubilden und zu studieren, Auge und Ohr zu schulen.“ 38 Als weiteren Punkt betont Greisbach die „Schulung der Schreibfertigkeit“ 39 . Diese sei von Wichtigkeit, um möglichst schnell, treffend und vor allem lesbar zu transkribieren. „Der Transkribent muß darüber hinaus auch die dem Alphabet zugrundeliegende „phonetische Philosophie“ verstehen, um notfalls die für die Lösung seines Problems notwendigen Abänderungen und Ergänzungen „systemgerecht“ vorzunehmen.“ 40 . Dies ist der dritte Aspekt, den Greisbach hervorhebt.
Außerdem sei Objektivität von großer Bedeutung, um die Authentizität des Transkripts zu wahren. Diese ist bei Dor aber nicht gegeben, was sich zum Beispiel an dieser Textstelle ersehen lässt: „A mon grand étonnement, j’entends aussi blasphemer sans arrêt, même des adolescents.“ 41 . Hier mischt sich Georges Dor gedanklich, auf inhaltlicher Ebene, ins Gespräch mit ein, er transkribiert nicht einfach, neutral bleibend, das Gesagte. Auf diesen Aspekt werde ich zu einem späteren Zeitpunkt (Punkt 4) noch eingehen. Bezooijen stellt den Unterschied zwischen geübtem und ungeübtem Transkribenten wie folgt dar: „[...] the rating with trained listeners takes about ten times longer than the rating with untrained listeners.“ 42 . Dies impliziert, dass die Erfahrung des Transkribenten von enormer Bedeutung ist. Auch Bertil Malmberg geht auf diesen Sachverhalt ein: „Il a été prouvé que
37 Greisbach (1988): 46
38 Schädel, B. (1910) „Über Schwankungen und Fehlergrenzen beim phonetischen Notieren“, in: Bulletin de Dialectologie Romane 2, 2, in: Greisbach, Reinhold (1988) Grundlagen der Automatisierbarkeit phonetischer Transkription, Hamburg: Helmut Buske Verlag, 46
39 Greisbach (1988): 46
40 Greisbach (1988): 45
41 Dor (1996): 25
42 van Bezooijen (1987): 123
11
nous ne pouvons enregistrer, au maximum, qu’une centaine d’impressions sensorielles par seconde.“ 43 Dies führt er zum Einen auf die physiologische Reaktion des Ohres, zum anderen aber auch auf die Fähigkeit der Kategorisierung von Lautungen nach bisherigen Erfahrungen zurück.
Dor geht fälschlicherweise von der Annahme aus, dass „[...] nous [les Québecois] sommes incapables de nous exprimer, même de manière primaire.“ 44 . Darauf stützt er seine Transkription. Er spricht von „[...] décoder et traduire pour en extraire le sens.“ 45 . Das heißt, dass Dor sich nicht auf die eigentliche Arbeit, die Transkription konzentriert, sondern vielmehr eine Inhaltsanalyse vornimmt. Dies wurde ebenfalls am obigen Beispiel zur nicht vorhandenen Objektivität Dors ersichtlich.
2.2.1 Transkriptionstechniken
Der Transkribent verwendet im Zuge seiner Beobachtungen verschiedene Transkriptionstechniken. Im Folgenden soll auf einzelne Aspekte dieser Techniken eingegangen werden, und zwar erläutert an theoretischen Erklärungen, mit denen dann Dors Techniken verglichen werden.
Dor sagt bezüglich seiner Transkriptionstechnik nur sehr wenig aus. An einer Stelle heißt es: „[...] j’écoute attentivement ce qui se dit près de moi, [...]“ 46 . Hier stellt sich die Frage, was er mit ‚attentivement‘ meint. Malmberg sagt: „[...] toute perception [...] est sélective.“ 47 . Das bedeutet, dass trotz aller Mühen, trotz aller Aufmerksamkeit dennoch Informationen verloren gehen können. Greisbach konkretisiert diese Problematik wie folgt: „Beim Arbeiten ohne Tonaufzeichnungsgerät befindet sich der Sprecher notwendigerweise in der Nähe des Transkribenten. Da niemand ein Sprachsignal identisch wiederholen kann [...], muß es dem Transkribenten [...] gelingen, unmittelbar nach jeder Äußerung des Sprechers sofort die Notation durchzuführen.“ 48 . Dies ist bei Dor, sofern er dem Leser davon berichtet, nicht der Fall. Er ist weder im Café, noch vor dem Fernseher oder in der Schule mit Bleistift und Papier ausgerüstet.
Um „Leichte Lesbarkeit der erstellten Transkripte“, geringen „Aufwand bei der Transkription“ und „Computerverträglichkeit der Transkripte“ 49 zu realisieren, bietet sich die
43 Grève, M. de/ F. van Passel (1968) Linguistique et enseignement des langues étrangères, Brüssel/ Paris, 52, 53, in: Malmberg, Bertil (1971) Les Domaines de la Phonétique, Vendôme: Presses Universitaires de France, 142
44 Dor (1996): 22
45 Dor (1996): 21
46 Dor (1996): 21
47 Malmberg (1971): 140
48 Greisbach (1988): 33
49 Mergenthaler (1992): V
12
instrumentelle Transkription an. Diese „erlaubt [also] Geräte, welche die vom Transkribenten zu bewertende Information (optischer oder akustischer Natur) aufzeichnen und zu jeder gewünschten Zeit in gleicher Form, optisch oder akustisch wiedergeben können. Darüber hinaus gestattet die Transkriptionspraxis üblicherweise den Einsatz dieser Geräte nicht nur zur einfachen Wiedergabe der Information, sondern auch [...] für eine zeitlich manipulierte Wiedergabe: [...]“ 50 . Unter letzterem Aspekt verstehe man unter anderem die Bandschleife, den Langsamlauf, etc.
Als eine der Hauptquellen für Dors Beispiele erwähnte ich das Radio bzw. das Fernsehen. Aus seinen Beschreibungen geht aber nicht deutlich hervor, ob er eine Aufzeichnung der Sendungen vornimmt, um eine repetetive Wiedergabe zu ermöglichen. Auf Seite 27 von ‚Anna braillé ène shot‘ erwähnt Dor den Einsatz eines Tonbandgerätes. Er geht aber nicht darauf ein, wie er die gesammelten Daten weiter auswertet, das heißt seine Transkriptionstechnik bleibt unklar. Rischel vergleicht in seiner Ausarbeitung ‚Tape-Recording‘ mit ‚Transcription in Situ‘, das heißt ohne technische Hilfsmittel 51 . Die Arbeit mit dem Tonbandgerät sei eine „physical representation of the spoken data“ und könne als „corrective measure.“ eingesetzt werden. Bei der ‚Transcription in Situ‘ hingegen bringe Wiederholung Variationen mit sich („[...] repetition entails variation [...]“ 52 ). Rischel merkt an, dass „If a tape is the only source of information available, the analyst is rather badly off unless he has a very good command of the language (and indeed the precise dialect) in question and can make out from the context what the text is about.“ 53 . Deshalb könne nicht genug betont werden, „that tape recording can never be a substitute for meticulously careful transcription in the field, though it is an extremely important supplement to it.“ 54 . Aus diesem Grund solle der Transkribent sich während seiner Untersuchung Notizen machen, denn „Facts of all kinds come to his attention from the very beginning of his first interview with an informant, and should be filed away as they appear, even if some of them cannot be immediately accomodated in a larger system.“ 55 .
Eine gute Möglichkeit, Notizen und die Informationen vom Tonbandgerät zu vereinen, besteht in der Benutzung von Videogeräten. Damit werden akustische und optische Informationen zusammengebracht. Eine repetetive Wiedergabe ist ebenfalls möglich. Dadurch könne man, so Greisbach, zu einer Mittelwerttranskription kommen, was bedeutet,
50 Greisbach (1988): 144
51 Rischel (1987): 69 ff.
52 Rischel (1987): 71
53 Rischel (1987): 72
54 Rischel (1987): 71 f.
55 Bloch (1973): 89
13
dass „[...] der Laut, den der Sprecher üblicherweise in diesem Kontext verwendet [...] ” 56 transkribiert wird. Möglicherweise werden dadurch zwar einzelne Nuancen zerstört, aber „Für die einzelne zufällig geäußerte Aussprachevariante bieten linguistische Theoriebildungen meist keinen Platz.“ 57 . Ob Dor eine solche Mittelwerttranskription vornimmt, ist zweifelhaft. Erstens weiß der Leser nicht, ob Dor alle Äußerungen aufzeichnet, zweitens ist seine Vorgehensweise beim Verschriftlichen ebenso unklar, weil er der Leserschaft diesbezüglich keine Informationen zukommen lässt. Was an Dors Transkript ersichtlich wird, ist, dass nicht alle hörbaren Zeichen aufgenommen werden. Darunter fallen nämlich im Einzelnen „[...] die verbalen, die paraverbalen und die nicht- verbalen sprachlichen Äußerungen der beteiligten Sprecher sowie situationsgebundene Geräusche.“ 58 .
2.3 Das Transkript
Wie schon aus der Definition in Punkt 1.2.1. hervorging, handelt es sich beim Transkript um das Resultat einer Transkription. Dies wird auch aus dem Schema in 1.2.2. deutlich: Der Transkribent teilt dem Leser seine Beobachtungen in schriftlicher Form durch das Transkript mit.
Die Qualität des Transkripts hängt maßgeblich von der Qualifikation des Transkribenten ab. In einem Vergleich zwischen geübten und ungeübten Transkribenten stellt Renée van Bezooijen fest, dass „with more training more nuances can be distinguished.“ 59 , wohingegen das Transkript eines ungeübten Transkribenten „less detailed“ und „more impressionistic“ 60 sei. Dies sei zurückzuführen auf limitierte Erfahrung und vor allem darauf, dass „the choice of labels is limited to those that occur naturally in every- day language to describe the human voice.“ 61 . Weitere Details zu Fähigkeiten eines qualifizierten Transkribenten finden sich in Punkt 2.2. dieser Hausarbeit.
Dor ist eindeutig den untrainierten Transkribenten zuzuordnen. Seine Ungenauigkeit und Subjektivität bei seiner Arbeit beschreibt Marty Laforest wie folgt: „Notre perception auditive est filtrée par nos convictions et nos attitudes sur la langue.“ 62 . Da Dor von Vornherein eine negative Einstellung zum Quebecer Französisch habe, gehe er nicht objektiv an seine Forschungsarbeit heran. Bertil Malmberg drückt diesen Sachverhalt mit folgenden Worten
56 Greisbach (1988): 24
57 siehe eben da
58 Mergenthaler (1992): 1
59 van Bezooijen (1987): 125
60 siehe eben da
61 siehe eben da
62 Laforest (1997): 130
14
aus: „[...] l’homme perçoit ce qu’il a appris à percevoir.“ bzw. „[...] nous ne percevons que des éléments choisis.“ 63 .
Ich möchte nun Dors Ungenauigkeit an ausgewählten Beispielen illustrieren. Auf Seite 88 leitet er eine Ansammlung von Beispielen mit den Worten „C’étaient des choses du genre: [...]“ ein. Dieser Ausdruck ist sehr vage. Dor benennt die Phänomene nicht konkret. An dieser Stelle verweise ich zu weiteren Beispielen auf Punkt 3.2., in dem ich die Ungenauigkeit expliziter beschreiben werde.
Auch das folgende Beispiel wird im weiteren Verlauf der Hausarbeit nochmals aufgegriffen und erläutert, und zwar in den Punkten 3.2. und 4. Der Satz „Allah- tu ou si Allah pas?“ 64 enthält eine Zurechtlegung von Transkriptionskonventionen wie Dor es für seine Argumentation, sein Sich- Mockieren über die Gedankengänge der Quebecer und deren sprachliche Realisierung braucht. Es geht hier speziell um das Wort ‚Allah‘. Dor fragt sich, warum die Quebecer, wenn sie „Elle a ou elle n’a pas?“ fragen, plötzlich von Allah reden. Dieses ‚Missverständnis‘ beruht aber ausschließlich auf der Art der Verschriftlichung durch Dor: Hätte er das Wort klein, mit nur einem ‚l‘ und ohne ‚h‘ am Schluss geschrieben (Lauttranskription), fiele diese Anspielung wohl gar nicht ins Auge. Die Interpretation beruht also auf Transkriptionskonventionen, die Dor selbst erstellt hat.
2.3.1 Transkriptionsdarstellung
Bei der Transkriptionsdarstellung geht es einerseits um die graphische Ausgestaltung des Transkriptionscodes. Andererseits stellt sich die Frage: phonetische Umschrift oder orthographische Repräsentation? Diese beiden Aspekte möchte ich in diesem Teil meiner Hausarbeit behandeln.
Zur graphischen Ausgestaltung nennt Greisbach drei Haupttypen als Möglichkeiten, nämlich „ikonische, analphabetische und alphabetische Systeme bzw. Alphabete [...]“ 65 . Bei ikonischen Systemen „beschreiben die Symbole gewissermaßen die artikulatorische Bildungsweise des zugehörigen Lautes.“ 66 . Wegen seiner Komplexität sei dieses, wie auch das analphabetische System, bei dem eine „(formelmäßige) Einzelbeschreibung der Artikulatorenstellungen“ 67 erfolgt, umstritten. Man greife daher am ehesten auf ein alphabetisches System zurück, da dies auf den gebräuchlichen Schriftsystemen, besonders auf
63 Malmberg (1971): 140
64 Dor (1996): 147
65 Greisbach (1988): 17
66 siehe eben da
67 Greisbach (1988): 18
15
dem lateinischen - und dem kyrillischen - beruht. Der Zeichenvorrat müsse allerdings erweitert werden, um alle Laute beschreiben zu können. Auch Dor greift auf ein solches System zurück, nicht nur weil es für den Transkribenten nicht sehr aufwendig ist, sondern auch, weil es für den Benutzer leicht lesbar ist. Genau darauf zielt Dor ab: auf eine breite Lesermasse.
Koch und Oesterreicher gehen auf den zweiten eingangs erwähnten Punkt ein, die Frage nach phonetischer Umschrift oder orthographischer Repräsentation 68 . Je nachdem für welches Verfahren man sich entscheide, ändere sich die Qualität des Transkripts. Die phonetische Umschrift sei „[...] für den Herausgeber sehr aufwendig und für den Benutzer nicht leicht lesbar [...]“ 69 . Auch Greisbach betont, dass die phonetische Umschrift die „aufwendigste und anspruchsvollste Methode“ 70 sei. Bloch unterstreicht ihre Wichtigkeit mit folgendem Zitat: „Only one kind of written record [...] is scientifically relevant: ‚a record in terms of phonemes, ignoring all features that are not distinctive in the language‘ [...]“ 71 . Die phonetische Umschrift sei „the only safe and adequate basis for further investigation of linguistic structure;“ 72 . Greisbach ergänzt die folgende Information: „Beim phonetischen Transkribieren soll der Transkribent eine sprachliche Äußerung ausschließlich auf der Basis eines allgemein phonetischen Bezugssystems beurteilen. Kenntnisse über das Phonemsystem der Sprache, gar ein ‚Verstehen‘ der in der Äußerung enthaltenen Mitteilung darf er nicht heranziehen.“ 73 . Dies widerspricht der Vorgehensweise von Georges Dor, denn er urteilt über, bzw. verurteilt, das Phonemsystem des Quebecer Französisch, ohne es natürlich so zu benennen („[...] il faut en entendre l’intonation et la prononciation. Ou plutôt, la nonprononciation.“ 74 ). Und er geht auch auf die Inhalte von Äußerungen ein (er schließt von mangelhaftem Sprachgebrauch auf mangelndes Denkvermögen und umgekehrt: „[...] ils risquent fort, également, de devenir des handicapés intellectuels [...]“ 75 ). „[...] wenn es ihm [dem Transkribenten] also tatsächlich gelingt, die Einflüsse seiner normalen Sprachwahrnehmung auszuschalten, so müsste er Äußerungen in seiner eigenen Sprache genauso gut transkribieren können wie die in einer ihm völlig fremden Sprache.“ ergänzt
68 Koch und Oesterreicher (1990): 27
69 siehe eben da
70 Greisbach (1988): 2
71 Bloch (1973): 88
72 siehe eben da
73 Greisbach (1988): 49
74 Dor (1996): 26
75 Dor (1996): 52
16
Greisbach 76 . Dies ist bei Dor wiederum nicht der Fall, wie sich im weiteren Verlauf der Hausarbeit zeigen wird.
Koch und Oesterreicher weisen darauf hin, dass bei Benutzung der phonetischen Umschrift das Ziel eine phonetisch- phonologische Analyse sei. Diese Analyse möchte Dor in seiner Arbeit vornehmen, er sagt „[...] il faut entendre l’intonation et la prononciation. Ou plutôt, la non- prononciation.“ 77 . Gleichsam möchte er die „[...] structures bâtardes [du Québecois] [...] son vocabulaire rachitique et son élocution flasque [...]“ 78 untersuchen, was nach Koch und Oesterreicher unter den Aspekt einer syntaktischen, lexikalischen und/ oder textpragmatischen Auswertung fällt. Diese Analyse definieren die Wissenschaftler als das Ziel der orthographischen Repräsentation. Dor führt also beide Analysen anhand eines Transkriptes durch, in das er phonetische Elemente aber auch Elemente der Schriftsprache gleichermaßen einbringt. Dies wird explizit in Punkt 3.2. dargestellt, wenn es um die Analyse von Dors Transkription geht. Koch und Oesterreicher äußern sich eindeutig gegen ein solches Vorgehen: „Inakzeptabel scheint uns eine willkürlich- partielle Hereinnahme phonetischer Besonderheiten in die orthographische Transkription [...]. Wünschenswert wäre im Prinzip eine doppelte, parallele Wiedergabe jedes Corpus in phonetischer und orthographischer Form [...]“ 79 .
An diesem Punkt möchte ich auf den Gegensatz ‚Mündlichkeit -. Schriftlichkeit‘ eingehen. Dieser ist ja, wie bereits dargestellt, bei Dor ein Problem, da er in seinem Transkript Lautungen der gesprochenen Sprache nach seinen eigenen Konventionen verschriftlicht, an anderer Stelle aber die gewöhnliche Schriftsprache verwendet. Marty Laforest sagt dazu, dass „[...] les exemples présentés par Dor sont assez perversement transcrits au son, ce qui accentue leur caractère déviant et contribue par là à appuyer son propos.“ 80 . Des Weiteren stellt sie klar, dass „En réalité, langue écrite et langue orale diffèrent l’une de l’autre parce qu’elles constituent des canaux de communication différents qui répondent à des besoins différents.“ 81 , „L’uniformité linguistique n’existe pas ailleurs que dans les pages des grammaires, [...]“ 82 . Weiterhin kritisiert sie bezüglich des Aspektes der Mündlichkeit, dass Dor nicht untersucht, dass „[...] la parole [...] est relayée par le geste, l’expression,
76 Greisbach (1988): 49
77 Dor (1996): 26
78 Dor (1996): 16
79 Koch und Oesterreicher (1990): 27
80 Laforest (1997): 19
81 Laforest (1997): 39
82 Laforest (1997): 41
17
l’intonation, le contexte, etc.;“ 83 . Dieser Punkt betrifft die Sprechsituation, auf die bereits in 2.1.1. eingegangen wurde.
3 Georges Dors Realisierung von Transkriptionskonventionen
An dieser Stelle werden im ersten Unterpunkt zunächst einige Transkriptionsvorschriften beschrieben. Im Anschluss erfolgt jeweils eine Analyse, inwiefern Georges Dor diese Regeln beachtet hat oder nicht. Dazu dienen Beispiele aus ‚Anna braillé ène shot‘ als Illustration. Im folgenden Unterpunkt findet dann eine detaillierte Untersuchung von Dors Transkription statt. Hierbei soll es auch darum gehen, seine Transkriptionstechnik aufzudecken und einzelne Beispielsätze ins ‚Französische‘ zu übersetzen.
3.1 Das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem (GAT)/ Die Ulmer Textbank
Diese beiden Systeme geben eine Anleitung zur Erstellung eines Transkripts, das einem Mindeststandard entspricht, um „to help reduce the hitherto often unmotivated variation in transcripts of spoken verbal interaction.“ 84 . Ein solches Basistranskript besteht laut GAT aus einem ‚Transkriptionskopf‘ und aus dem ‚Gesprächstranskript‘. Diesen ersten Teil lässt Dor fast außer Acht, er beginnt gleich mit dem zweiten Teil. Lediglich einzelne Elemente nimmt er in sein Script mit auf. Hier ist beispielsweise das Erwähnen der Teilnehmerrollen (zum Beispiel Mutter- Kind/ Verkäufer- Kunde) oder die Charakterisierung der Situation (Gespräch im Café/ Telefongespräch) anzuführen. Diese Informationen stellt Dor aber nicht explizit hervor, außerdem gelten sie nicht für alle von ihm beschriebenen Gespräche. Des Weiteren fehlen Angaben zu „Herkunft, Zugehörigkeit zu einem bestimmten Korpus bzw. Projekt“, zum „Aufnahmetag“, dem „Ort der Aufnahme“, zur „Charakterisierung der Sprechenden“ oder zur „Charakterisierung des Gesprächsverlaufs“ 85 .
Zum Basistranskript sagt Mergenthaler Folgendes: „In das Transkript werden alle auf der Tonbandaufzeichnung hörbaren Zeichen aufgenommen. Im Einzelnen sind dies die verbalen, die paraverbalen und die nicht verbalen sprachlichen Äußerungen der beteiligten Sprecher sowie situationsgebundene[n] Geräusche.“ 86 . Bereits hier findet man eine Regelübertretung Dors, denn er verschriftlicht nicht die paraverbalen und die nicht verbalen Äußerungen, sondern nur die verbalen.
Ich möchte im Folgenden einzelne Regelbeispiele aus der Ulmer Textbank und aus GAT herausziehen. Die Beispiele sind ausgewählt im Hinblick auf Dors Nicht- Einhalten dieser
83 Laforest (1997): 39
84 Selting/ Auer et al. (1998): 91
85 Selting/ Auer et al. (1998): 93 f.
86 Mergenthaler (1992): 1
18
Regel bzw. dessen partieller Realisierung. Beginnen möchte ich mit Regeln, die verbale Äußerungen betreffen.
GAT nennt in diesem Zusammenhang beispielsweise die Verwendung von Doppelpunkten innerhalb eines Wortes zur Kennzeichnung von Dehnung 87 . Diese Konvention realisiert Dor in seinem Transkript nicht, stattdessen wendet er ein Element der Schriftsprache an, nämlich einen accent aigu: zum Beispiel in „afféres“ 88 .
Eine weitere Regel des GAT und auch der Ulmer Textbank behandelt Pausen innerhalb eines Sprechaktes. Pausen werden in der Ulmer Textbank, je nach Länge, mit einem bzw. mehreren Bindestrichen gekennzeichnet 89 . GAT schlägt eine Markierung durch Punkte vor, wobei die Dauer der Pause geschätzt wird und entsprechend, entweder durch Ziffern in Klammern oder durch ein oder mehrere Punkte in Klammern, dargelegt wird 90 . Dor setzt, unabhängig von der Länge der Pause, immer drei Punkte, um eine Verzögerung im Sprechablauf zu kennzeichnen: „Ben ... euh ...“ 91 .
Auch Wortabbrüche verschriftlicht Dor nicht nach vorgegebenen, sondern nach seinen eigenen Transkriptionskonventionen. Er transkribiert beispielsweise folgendermaßen: „Ta mé tu là?“ 92 („Ta mère est là?“). Das Wort ‚mère‘ wird also abgebrochen. Nach der Ulmer Textbank müsste dies wie folgt aussehen: „me-„, denn Wortabbrüche werden mit einem Bindestrich im Anschluss an das Wort gekennzeichnet 93 Dieses Wort ist außerdem ein Beispiel für die oben beschriebene Dehnung eines Vokals durch accent aigu. Unverständliche Äußerungen sollen laut GAT durch leere Klammern ersetzt werden 94 . Dies findet bei Dor kontinuierlich keine Anwendung, stattdessen versucht er, so sagt er selbst, das „meneu meneu“ 95 zu transkribieren, obgleich ihm das Ein oder Andere vielleicht unverständlich ist.
In Bezug auf paraverbale sprachliche Äußerungen ist anzumerken, dass Dor wiederum seinen eigenen Maßstäben folgt. Wie bereits angemerkt, vernachlässigt Dor die Paraverbalität in seinem Transkript. GAT schreibt zum Beispiel die Markierung von Akzenten durch Großbuchstaben vor 96 . Über Betonung bzw. Hervorhebung einzelner Silben oder Laute erfahren wir durch Dors Transkript nichts. Gleiches gilt für nonverbale Äußerungen. Die
87 Selting/ Auer et al. (1998): 99
88 Dor (1996): 27
89 Mergenthaler (1992): 7 ff.
90 Selting/ Auer et al. (1998): 98 f.
91 Dor (1996): 23
92 Dor (1996): 26
93 Mergenthaler (1992): 7
94 Selting/ Auer et al. (1998): 102
95 Dor (1996): 46
96 Selting/ Auer et al. (1998): 103
19
GAT- Konventionen sehen verschiedene Zeichen zum Einfügen nonverbaler Handlungen und Ereignisse vor 97 : Eine „Charakterisierung parasprachlicher und außersprachlicher Handlungen und Vorgänge“ 98 erfolgt durch eine Angabe in doppelten, runden Klammern, interpretierende Kommentare des Transkribenten können mit spitzen Klammern eingefügt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt bezüglich der Transkriptionskonventionen wird in der Ulmer Textbank erwähnt: Für alle Fragen der Rechtschreibung sollte ein Referenzwerk zu Rate gezogen werden können 99 . Dies ist bei Dor aber nicht möglich, da er eine Lauttranskription vornimmt, die subjektiv beeinflusst ist.
3.2 Analyse von Dors Transkription
An dieser Stelle wird auf jene Lauttranskription anhand von ausgewählten Beispielen aus Dors Werk eingegangen. Zunächst einmal ist zu erwähnen, dass Dor sich nicht auf die Lauttranskription beschränkt, sondern sie mit einer Transkription nach den Regeln der Orthographie vermischt. Dies illustriert das folgende Beispiel:
A m’a dit qu’ a y ava dit qu’ a l’ava fini en retard.
Elle m’a dit qu’ elle lui avait dit qu‘ elle l’avait fini en retard.
Dies trifft auf fast alle seiner Beispielsätze zu. Auch am folgenden Satz kann man dieses Phänomen feststellen:
A sma à rire.
97 Selting/ Auer et al. (1998): 101 f.
98 siehe eben da
99 Mergenthaler (1992): 15
20
Elle se met à rire.
Bei der Transkription von ‚se met‘ kann man eine Bindung von Phonemen (Im Beispiel rot gekennzeichnet) und Graphemen (Im Beispiel blau gekennzeichnet) konstatieren, die man auch ein ‚mot phonitique‘ nennt. Georges Dor nimmt folglich keine Abgrenzung von Lautfolgen (Segmentierung) vor. Stattdessen geht er nach der Lautung, wobei er seine Lauttranskription aber auch nicht konstant durchführt, wie an den obigen Beispielen deutlich wurde.
Ich möchte nun etwas näher auf die grammatische Analyse eingehen. An Beispielen soll deutlich werden, dass Dor diese systematisch weglässt: Es fällt auf, dass er wahllos Endungen an Wörter anfügt, Beispiele sind in „ouère“ 100 , „icite“ 101 oder bei „toué“ 102 zu finden. Auf der anderen Seite verschriftlicht er beim Sprechen ausgelassene Laute mit einem Apostroph, so dass zum ‚Entschlüsseln‘ der Transkription der Kontext vonnöten ist: „C’t [...]“ 103 = ‚c’est‘, ‚cet‘ oder ‚cette‘. Eine Segmentierung fand also nicht statt. Gleiches gilt für folgendes Beispiel: „Chu tallé [...]“ 104 . Hier wird nicht klar, ob es sich beim Sprecher um eine männliche oder eine weibliche Person handelt. Da kein weiteres ‚e‘ an das Partizip gehängt wurde (² Lauttranskription), muss der Leser davon ausgehen, dass der Sprecher männlich ist. Ferner analysiert Dor nicht die Diphtongierung. Dies wird am Wort „afféres“ 105 ersichtlich. Dor greift hier auf die Schreibweise mit ‚é‘ zurück, weil das Graphem ‚ai‘ in diesem Beispiel die selbe Lautung hat. Anders ist es bei „le frança“ 106 . Der Diphtong ‚ai‘ wird hier gar nicht erst verschriftlicht, weil Dor sich auf die Lautung konzentriert. Gleichsam transkribiert er den s- Laut aber mit ‚ç‘, so dass man hier eine Transkription nach der Orthographie und eine Lauttranskription innerhalb eines Wortes findet. Summa summarum wird also eine morphologische Analyse völlig außer Acht gelassen.
100 Dor (1996): 16
101 Dor (1996): 27
102 Dor (1996): 88
103 Dor (1996): 28
104 Dor (1996): 61
105 Dor (1996): 22
106 Dor (1996): 88
21
Dor tut also Folgendes: er verzichtet auf eine Segmentierung, er lässt eine grammatische Analyse weg;
Des Weiteren verschriftlicht er dialektale Elemente sowie Anglizismen, mitunter in französischer Schreibweise (3), und er lässt bestimmte Silben aus (4). Beim dritten Punkt möchte ich eine Zweiteilung vornehmen. Zuerste gehe ich auf dialektale Elemente in Dors Transkript ein. Dor beschreibt in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Verwendung des Verbs ‚pogner‘, ohne jedoch dessen Bedeutung in die Standardvarietät zu transferieren 107 . „Inque à ouère.“ 108 heißt „Rien qu’à voir.“, wobei ‚inque‘ eine dialektale Variante von ‚rien que‘ ist. GAT schreibt in Bezug auf die Transkription dialektaler Varietäten die „standardsprachliche Realisierung als Bezugsnorm“ 109 vor. Daran hält sich Dor nicht. Dies wird auch an diesem Beispiel deutlich: „pétates“ 110 bedeutet „patates“. „C’pas ma job.“ 111 : Auch hier ist eine dialektale Variante vorhanden, das ‚ma‘. Gleichsam, und so leite ich zum zweiten Aspekt des dritten Punktes über, enthält dieser Satz einen Anglizismus. Dor verschriftlicht diesen in der englischen Schreibweise, unterrichtet den Leser aber nicht über dessen Aussprache: [dzab] = englisch oder [zab] = französisch. Gleiches trifft zu auf „lighter“ 112 und „game“ 113 . An anderer Stelle versucht Georges Dor, Anglizismen in französischer Schreibweise zu transkribieren: „Chu ben moé tou.“ 114 . Hier ist das ‚tou‘ vom englischen ‚too‘ abgeleitet. „Enoueille“ 115 soll ‚anyway‘ heißen. Auch übernimmt Dor die englische Semantik: Der Satz „Le gars que je travaillais pour...“ 116 ist vom Englischen gestützt. Dort heißt es „The man (that) I am working for“. ‚Que‘ wie auch ‚that‘ sind umgangssprachlich, ‚pour‘ bzw. ‚for‘ sind sogenannte orphelinische Präpositionen, das heißt Präpositionen, die ‚verwaist‘, also losgelöst vom Bezugsobjekt, stehen. Nun zum vierten Punkt, dem Weg- bzw. Auslassen von bestimmten Silben. Auch hier geht Georges Dor nach der Lautung und notiert das Gehörte auch so. Ich veranschauliche diesen Sachverhalt lediglich an vier Beispielen, eine weitere Ausführung würde sicherlich den
107 Dor (1996): 92 ff.
108 Dor (1996): 13
109 Selting/ Auer et al. (1998): 96
110 Dor (1996): 61
111 Dor (1996): 120
112 Dor (1996): 19
113 Dor (1996): 92
114 Dor (1996): 40
115 Dor (1996): 19
116 Dor (1996): 18
22
Rahmen dieser Hausarbeit sprengen, da Dor kontinuierlich Silben auslässt. Beispiele sind: „Gad! Gad là!“ 117 , „C’t à côté du magasin du meub.“ 118 , „la tab“ 119 oder „Pis toujours“ 120 .
4 Zur Verifizierbarkeit von Transkription
Im Schema von Punkt 1.2.2. wurde bisher die Instanz Leser noch nicht näher beschrieben. Dieser fungiert als Überprüfungsinstanz der Transkription. Diese Aufgabe muss selbstverständlich auch vom Transkribenten wahrgenommen werden, denn er ist ja für die Qualität seiner Arbeit verantwortlich. Wenn nun der Leser die Arbeit prüfend analysiert, so handelt er als kritischer Leser. Für den Transkribenten gilt die Zielsetzung, dass sich „die Ergebnisse von Transkriptionen [eher] wie Meßergebnisse verhalten.“ 121 Dabei gelten laut Greisbach die folgenden drei Kriterien: Definierbarkeit, Reliabilität, Validität 122 .
Definierbarkeit
Jede Messung soll ein „operational definierbarer Prozeß“ 123 sein, das heißt, dass sie so objektiv wie möglich gehalten werden sollte, damit andere Wissenschaftler bei der Durchführung dieser Messung vergleichbare Ergebnisse erhalten können: „Maximale Operationalisierbarkeit [...] garantiert die Reproduktionstechnik.“ 124 . Dabei spiele, so wird es im GAT erwähnt, auch die Relevanz eine Rolle: „Es sollen die Phänomene erfaßbar und darstellbar gemacht werden, die sich entweder aufgrund bisheriger Forschung als relevant für die Interpretation und Analyse verbaler Interaktion erwiesen haben, oder die als relevant nachgewiesen werden sollen.“ 125 . Bei Georges Dor ist die Relevanz sprachlicher Phänomene gegeben, jedoch stellt sich die Frage, ob diese durch seine Art der Transkription „erfaßbar und darstellbar“ gemacht werden. Hier kommt die „Kompabilität mit anderen üblichen Transkriptionssystemen“, wie sie GAT auf Seite 93 beschreibt, ins Spiel. Dors Transkription ist insofern nicht objektiv, als dass er sein eigenes Transkriptionssystem verwendet (²
117 Dor (1996): 27
118 Dor (1996): 28
119 Dor (1996): 110
120 Dor (1996): 146
121 Vieregge, W. H. (1985) Ein Mass zur Reliabilitätsbestimmung phonetisch- segmenteller Transkription, in: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 52, 167- 180, in: Greisbach, Reinhold (1988) Grundlagen der Automatisierbarkeit phonetischer Transkription, Hamburg: Helmut Buske Verlag, 124
122 Greisbach (1988): 124 f.
123 Greisbach (1988): 125 7 nach Wilks, S. (1961) Some aspects of quantification in science, in: Isis 52, 135- 142
124 Greisbach (1988): 126
125 Selting/ Auer et al. (1998): 93
23
Laforest : 19) Durch die Vermischung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit werde die
Objektivit ät nicht gewahrt.
Dors Subjektivität zeigt sich außerdem an der Situation, in der sich Dor gedanklich, auf
inhaltlicher Ebene, in ein Gespräch einmischt: „A mon grand étonnement, j’entend aussi
blasphemer sans arrêt, même des adolescents.“ 126 Auch an anderer Stelle nimmt er
Inhaltsanalysen vor und schließt stets von der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit auf die
Intelligenz: „La plupart d’entre eux les enfants ne sont- ils pas, à des dégres divers, des
handicap és linguistiques? ils risquent fort, également, de devenir des handicapés
intellectuels “ 127 Hier bewahrt Georges Dor also nicht seine Neutralität, seine
Objektivit ät, mit der er an seine Arbeit herangehen sollte.
Reliabilit ät
Reliabilit ät bedeutet „Reproduzierbarkeit des Ergebnisses“ 128 , Variationen innerhalb des
Transkripts müssen erklärbar sein (beispielsweise durch die Tagesform des Transkribenten,
dessen Qualifikation, die Anzahl der Sprecher, etc.) Hier fügt GAT ergänzend hinzu, dass
„Ein Transkript einer bestimmten Detailliertheitsstufe ohne Revision der weniger
differenzierten Version ausbaubar und verfeinerbar sein.“ 129 soll. Da Dors Transkript wie in a)
erkl ärt wurde aber nicht reproduzierbar ist, ist die Ausbaubarkeit und die Verfeinerbarkeit
durch andere Wissenschaftler ebenso unmöglich. Allein Dor selbst kann diesen Schritt
durchf ühren.
Hier möchte ich nochmals die Kompabilität mit anderen üblichen Transkriptionssystemen
aufgreifen , die ich bereits in a) erwähnte. Es stellt sich die Frage, warum diese bei Dor nicht
gegeben ist, das heißt letztendlich, warum sein Transkript nicht reliabel ist. GAT schreibt im
Abschnitt Transkriptionsprinzipien und -kriterien folgende drei Aspekte vor:
“Ökonomie und Eindeutigkeit: Jede darzustellende Kategorie erhält
m öglichst nur ein einziges einfaches Transkriptionszeichen. Dieses ist
eindeutig definiert.“,
“Robustheit: Das Basistranskript soll ohne Sonderzeichen auskommen
“,
“Ikonizität: Transkriptionszeichen sollen nicht vollständig arbiträr sein,
sondern ikonischen Prinzipien folgen.“ 130
126 Dor (1996): 25
127 Dor (1996): 52
128 Greisbach (1988): 125 8 nach Wilks, S. (1961) Some aspects of quantification in science, in: Isis 52, 135- 142
129 Selting/ Auer et al. (1998): 92
130 Selting/ Auer et al. (1998): 93
24
Georges Dor verwendet zwar einfache Zeichen und keine Sonderzeichen, er folgt aber weder den Prinzipien der Ökonomie und Eindeutigkeit noch denen der Ikonizität. Dor verwendet willkürlich Transkriptionszeichen und variiert diese sogar innerhalb eines Satzes. Als Beispiel sei hier der Satz „Quossé qu’y dit“ 131 genannt. Der Laut [i] wird hier durch zwei verschiedene Zeichen repräsentiert, nämlich ‚y‘ und ‚i‘.
Validität
„Drittens muß die Validität (oder Akkuratheit) des Ergebnisses garantiert sein, d. h. der Meßvorgang ein ‚richtiges‘ Ergebnis liefern.“ schreibt Greisbach auf Seite 125. Wilhelm H. Vieregge beschreibt diesen Sachverhalt mit der Frage „[...] does it measure what it says it measures?“ 132 . GAT führt dazu zwei Aspekte an: Erstens müsse die Lesbarkeit (auch für Nicht- Linguisten) gewährleistet sein. Wie bereits erwähnt ist das bei Dor aufgrund seiner Transkription nach eigenen Konventionen nicht der Fall. Zweitens müsse eine „Formbezogene Parametrisierung“ stattfinden, das heißt „Die Transkription soll die relevanten formbezogenen Einzelparameter und deren Kombination zu Merkmalsbündeln erfassen und explizieren.“ 133 . Diese Exaktheit bei der Arbeit findet man also nicht, seine Transkription entspricht folglich keiner „concensus [sic!] transcription“ 134 , die von mehreren Wissenschaftlern erzielt werden könnte. Des Weiteren ist zum Punkt ‚Validität‘ anzuführen, dass Dor die eingangs erwähnte Frage Vieregges („[...] does it measure what it says it measures?“) nicht beachtet: Er legt das Messergebnis von Vornherein fest, schon im Vorwort spricht er von der „langue déglinguée“ 135 , anstatt es als Ziel seiner Untersuchung zu definieren.
131 Dor (1996): 52
132 Vieregge (1987): 31
133 Selting/ Auer et al. (1998): 93
134 Vieregge (1987): 31
135 Dor (1996): 13
25
5 Schluss
Im Schlussteil dieser Hausarbeit möchte ich das Augenmerk vor allem auf die Ideologie Georges Dors richten. Dabei erfolgt gleichsam eine Evaluation seiner Transkription. Dieser Abschnitt resümiert einzelne Aspekte, die bereits in verschiedenen Teilen der Arbeit erwähnt wurde, und trägt sie zu einem Ganzen zusammen. Hinsichtlich der Ideologie ist zu sagen, dass ich mich in dieser Hausarbeit lediglich auf den Aspekt ‚Transkription‘ und damit zusammenhängende Sachverhalte beschränke, da die Ausarbeitung sonst zu umfangreich wäre.
5.1 Evaluation der Transkription Georges Dors und seine Ideologie
Georges Dor ist von der Richtigkeit und Allgemeingültigkeit seiner Transkription überzeugt. Deshalb stützt er auch seine Argumentation darauf. Laforest merkt diesbezüglich an, dass „Notre perception auditive est filtrée par nos convictions et nos attitudes sur la langue.“ 136 . Dors Arbeit sei also durch vorherige Meinungsbildung beeinflusst und „[...] contribue par là à appuyer son propos.“ 137 . Das unwissenschaftliche Vorgehen zeige sich unter anderem auch in der Auswahl der Sprecher bzw. der Sprechsituation und der Transkriptionstechnik. In Bezug auf den erstgenannten Aspekt ist anzumerken, dass Dor nur eine minimale Stichprobe an Sprechern untersucht, die nicht als repräsentativ für die Quebecer stehen kann, da sie viel zu klein ist. Außerdem fällt Sprache immer auf den Sprecher zurück, was Dor ebenfalls außer Acht lässt, indem er die Fehler eines Sprechers, ohne Überlegung, auf die Äußerungen eines anderen projiziert. Das bedeutet, dass Dor extralinguistischen Merkmalen wie zum Beispiel Alter oder Bildung keine Beachtung schenkt. Im Ergebnis einer Studie heißt es jedoch, dass „[...] seuls le niveau d’éducation et l’âge influencent l’étendu du vocabulaire [...]“ 138 . Bezüglich der Transkriptionstechnik verweisen Koch und Oesterreicher auf die Entscheidung für ein Medium der Darstellung 139 . Dor hat sich zwar für die herkömmliche Schriftsprache als Medium entschieden, nimmt aber gleichsam eine Lauttranskription vor, für die eine Repräsentation mit Symbolen für bestimmte Laute aufgrund der Vielfalt angemessener wäre. Des Weiteren betonen die beiden Sprachwissenschaftler die Wichtigkeit einer Unterscheidung von gesprochener und geschriebener Sprache. Dors Konzeption einer idealen Sprache, die in Wort und Schrift identisch ist, ist also nicht tragbar. Während bei mündlicher Sprache die Spontaneität bzw. auch die Untermalung des Gesagten durch Gestik und Mimik zum Tragen
136 Laforest (1997): 130
137 Laforest (1997): 19
138 Laforest (1997): 62
139 Koch und Oesterreicher (1990): 5
26
kommt, besteht bei der schriftlichen Sprache die Möglichkeit des ‚Korrekturlesens‘, das heißt, ein Sachverhalt kann letztendlich expliziter ausgedrückt werden. Georges Dor schließt von fehlerhafter Aussprache auch auf fehlerhafte Orthographie und umgekehrt: Er sagt, dass die Quebecer „comme des analphabètes“ 140 sprechen (Hier vernachlässigt Dor sehr deutlich den Unterschied zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, denn Analphabeten können sehr wohl korrekt sprechen, nur eben nicht schreiben). Gleichsam führt er Schriftbeispiele von Studenten an 141 . Dazu merkt er an, dass die Verfasser wohl auch so sprechen würden wie sie schreiben, nämlich fehlerhaft: „Et celui qui a écrit: Nous prévons au lieu de «Nous prévoyons», dans quelle langue s’exprime-t-il donc?“ 142 . Weiterhin geht Dor von einer Idealsprache, die er ‚LE français‘ nennt, aus. Nur wer diesem Standard entspreche, so Dor, habe ein hohes Bildungsniveau. Damit verknüpft er automatisch „langue et pensée“ 143 , er schließt von der Sprache auf die Intelligenz. Dor legt subjektiv einen Standard bzw. einzelne Niveaustufen fest, doch „Dans la réalité, aucune langue ne peut être formellement divisées en niveaux.“ 144 , sondern es gebe nur Varietäten, die aber wertungsfrei behandelt werden müssten. Dass dies bei Georges Dor nicht der Fall ist, beweist das folgende Zitat: „L’être humain accède aux divers degrés d’humanité par le langage“ 145 . Da er den Quebecern das Nichtvorhandensein einer Sprache unterstellt, hieße das, dass sie auch keinen Zugang zum Menschsein haben. Im Zuge seiner Diskriminierung der unteren Niveaustufen lässt er auch die historische Betrachtung außer Acht. Nach Beginn des 17. Jahrhunderts fanden in Frankreich und in Quebec getrennte Entwicklungen statt, so dass die Quebecer bestimmte Normierungen nicht ‚mitbekommen‘ haben, weil diese nur für Frankreich relevant waren. Dieser Abbruch des Sprachkontakts führte zu eigenständigen Entwicklungen in beiden Ländern. Daran anknüpfend stellt Laforest ausführlich dar, dass alle Sprachen einem steten Wandel unterliegen 146 . Das heißt, selbst Französisch in Frankreich befindet sich in diesem Evolutionsprozess, der viele Jahre dauert. Da dieser Prozess in Quebec noch nicht sehr lange andauert, ist noch kein einheitlicher Standard (zum Beispiel ‚LE Québécois‘) fixiert.
Dennoch moniert Dor den ‚Verfall‘ des Québécois, das ‚schlechte Französisch‘ der Ungebildeten, der geistig Armen, wie er sie bezeichnet. Dies passiert aus seiner Rolle als Literat, als Intellektueller, in der er sich selbst, im Gegensatz zum ‚gemeinen Volk‘ sieht. Hier
140 Dor (1996): 27
141 Dor (1996): 65 f.
142 Dor (1996): 67
143 Laforest (1997): 20 ff.
144 Laforest (1997): 44
145 Dor (1996): 54
146 Laforest (1997): 25 ff.
27
wird die Problematik des sozialen Aufstiegs deutlich. Er selbst hat den Rollenwechsel von ‚unten nach oben‘ vollzogen, und das verlangt er nun auch von seinen Mitbürgern. Er geht davon aus, dass es möglich sei, einen Soziolekt selber auszuwählen. Dies ist aber fraglich, denn Elternhaus und Schule prägen nachhaltig in sprachlicher Hinsicht. Mit seinem Bündnispartner Frankreich versucht Georges Dor, seine Meinung durchzusetzen, wobei für die Quebecer dabei aber wohl nur eins zählt: „On se comprend.“ 147 .
147 Dor (1996): 69
28
6 Literaturverzeichnis
van Bezooijen, Renée (1987) „Transcription of Long- Term Speech Characteristics“,
in: Almeida, Antonio/ Angelika Braun (Hrsg.) Probleme der phonetischen Transkription, in: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beihefte; Heft 54, Stuttgart: Steiner- Verlag-Wiesbaden- GmbH, 111- 138
Bloch, B. (1973) „Phonetics,Transcriptions, and Orthographies“, in: Phonology, hrsg. v. E. C. Fudge, Middlesex: Penguin Books Ltd.,83- 89
Dor, Georges (1996) Anna braillé ène shot. Elle a beaucoup pleuré. Essai sur le langage parlé des Québecois, Québec: Lanctôt Editeur
Greisbach, Reinhold (1988) Grundlagen der Automatisierbarkeit phonetischer Transkription, Hamburg: Helmut Buske Verlag
Koch, Peter/ Wulf Oesterreicher (1990) Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch, Italienisch, Spanisch, Tübingen: Niemeyer
Laforest, Marty (1997) Etats d’âme, états de langue, Québec: Nuits blanches
Malmberg, Bertil (1971) Les Domaines de la Phonétique, Vendôme: Presses Universitaires de France
Mergenthaler, Erhard (1992) Die Transkription von Gesprächen. Eine Zusammenstellung von Regeln mit einem Beispieltranskript, Ulm: Ulmer Textbank
Rischel, Jørgen (1987) „Phonetic Transcription in Fieldwork“, in: Almeida, Antonio/ Angelika Braun (Hrsg.) Probleme der phonetischen Transkription, in: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beihefte; Heft 54, Stuttgart: Steiner- Verlag- Wiesbaden-GmbH, 57- 76
Selting, Margret/ Peter Auer et al. (1998) Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem (GAT), in: Linguistische Berichte, 173, 91- 119
Vieregge, Wilhelm H. (1987) „Basic Aspects of Phonetic Segmental Transcription“, in: Almeida, Antonio/ Angelika Braun (Hrsg.) Probleme der phonetischen Transkription, in: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beihefte; Heft 54, Stuttgart: Steiner- Verlag-Wiesbaden- GmbH, 5- 48
29
Arbeit zitieren:
Martina Sobel, 2000, Sprachpolitische Diskurse in Quebec, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Schizophrenie - eine soziologische Betrachtungsweise
Soziologie - Medizin und Gesundheit
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Therapieziele stationärer akutpsychiatrischer Behandlung bei Psychose-...
Diplomarbeit, 369 Seiten
Martina Sobel hat den Text Sprachpolitische Diskurse in Quebec veröffentlicht
Martina Sobel hat einen neuen Text hochgeladen
Normen und Normverletzungen. Aktuelle Diskurse der Fachdidaktik Franzö...
Dagmar Abendroth-Timmer, Christiane Fäcke, Lutz Küster, Christian Minuth
0 Kommentare