Die Kurzgeschichte A White Heron von Sarah Orne Jewett aus dem Jahr 1886 dokumentiert einerseits ein einschneidendes Erlebnis der jungen Protagonistin Sylvia, welches einen zentralen Stellenwert in ihrer Persönlichkeitsentwicklung einnimmt. Jene wird weiterhin geprägt durch den Versuch einer Integration in die Welt der Erwachsenen, der ebenso in der Geschichte beschrieben wird. Andererseits ist die Kurzgeschichte eine Millieustudie, die das Leben auf dem Land im Gegensatz zur Stadt beschreibt. Diese von Jewett beleuchteten Aspekte implizieren eine Initiation: Lern- und Erfahrungsprozesse prägen Sylvias Charakterentwicklung von der Kindheit zum Erwachsensein.
Zu Beginn der Geschichte tritt ein kleines, neun Jahre altes Mädchen auf, das um kurz vor acht Uhr an einem Juniabend eine alte Kuh spazierenführt. Der Leser weiß weder wo genau, d. h. in welchem Wald New Englands ("The woods [...]/ S. 484 é familiarizing article) die
Handlung stattfindet, noch an welchem Tag in welchem Jahr. Vage Anhaltspunkte für eine Datierung ins späte 19. Jh. sind in der Geschichte enthalten, nämlich die Existenz einer Waffe und das Erlaubtsein des Jagens von seltenen Tieren.
Diese Kuh, Mistess Moolly, sowie alle weiteren in der Geschichte auftretenden Tiere sind für Sylvia gleichwertige Freunde,die Kuh wird beispielsweise als "valued companion" bezeichnet (S. 484). Es verbinden sie ähnliche Eigenschaften, beide trödeln beispielsweise gerne und sind auch sonst recht gemütlich ("Besides, Sylvia had all the time there was and very little use to make of it"/ S. 484), sie verbringen viel Zeit miteinander. Sylvia hat, wie sonst wohl keiner in ihrem Alter, keine weiteren Spielkameraden und ist diesbezüglich alleine, aber nicht einsam. Alleine heißt, es gibt für sie keine direkte Bezugsperson, zumindest vom Alter her gesehen: Sie lebt mit "old Mrs. Tilley" (S. 484), ihrer Großmutter zusammen auf einer einsam gelegenen Farm, und selbst Mistress Molly ist schon "an old cow" (S. 484). Dennoch ist Sylvia glücklich in ihrer Welt, draußen in der Natur. Letztere steht in starkem Kontrast zu der
Welt, in der das Mädchen ihre vorherige Kindheit zugebracht hat. Diese acht Jahre lebte das Kind nämlich in einer "crowded manufacturing town" (S. 484), die, laut und schmutzig, keine Lebenserfüllung für Sylvia bedeutete. In ihr herrscht Anonymität, eine individuelle Verwirklichung ist kaum möglich, und so kommt es, daß "for Sylvia herself it seemed as if she never had been alive at all before she came to live at the farm" (S. 484). Ein Symbol für
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diesen Zustand der Unvollkommenheit, für die Vertrocknung der Individualität in der Stadt ist die am Ende des zweiten Abschnitts auftretende "wretched dry geranium" (S. 484), die von Sylvia geradezu angebetet wird, denn es ist etwas Grünes im alltäglichen Grau der Stadt. Diese für wohl jeden anderen Menschen recht kümmerliche Topfblume hat für das kleine Mädchen eine zentrale Bedeutung, weil die Pflanze sie immer wieder daran erinnert, daß die Natur Teil des menschlichen Lebens ist bzw. sein sollte und man für sie sorgen muß. Sonst welkt das Grün und mit ihm 'welkt' das Gefühl der Verantwortung für den Nächsten und die Natur. Ihre Fürsorge für Tiere und andere Menschen gipfelt darin, daß Sylvia sich selbst als Teil der Natur empfindet: "[...] and it made her feel as if she were a part of the gray shadows and the moving leaves" (S. 485) und auch das 'schläfrige Gezwitscher' der Vögel stimmt sie müde (S. 485). Man erkennt also, daß Sylvia sich völlig in ihre Umwelt integriert, Pflanzen und Tiere quasi als Ersatz für Menschen dienen.
Als menschenscheu bezeichnet Mrs. Tilley ihre Enkelin, mehr noch als "afraid of folks" (S. 484). das Mädchen möchte gar nicht mehr zurück in die Stadt, sie läuft lieber allein durch die Landschaft. Und hierbei führt ihr Weg auch durch einen dunklen Wald, den sie durchqueren muß, um die Kuh zur Weide und wieder zurück zu bringen. Die Dunkelheit ist für Sylvia unheimlich und ruft Angst hervor. Die Sonne geht unter und verteilt ihre letzten Strahlen über der Landschaft. Doch Sylvia muß in den dunklen Wald, weg von der wärmenden, hellen Sonne, hinein in die kalte, abstoßende Finsternis. "[...] the cow taking slow steps, and the child very fast ones", Sylvia hat es eilig, aus der unbehaglichen Situation herauszukommen und ist froh, die Weide mit dem Bach außerhalb des Waldes erreicht zu haben. Der Bach symbolisiert die Zeit, die so vor sich hin plätschert. Sylvia stellt sich hinein, möchte den Fluß der Zeit am liebsten anhalten, um diesen einzelnen Moment des Glücks zu genießen. Doch sie muß weiterlaufen ("She waded on through the brook
[...]"/ S. 485), denn auch die Zeit schreitet voran, es ist schon spät, deswegen muß sie nun nach Hause gehen. Auf dem Weg durch die grauen Schatten, die die Bäume werfen, fühlt sie sich an den "great red-faced boy" (S. 485) (Rot als Zeichen für Gefahr!), der sie damals ärgerte, erinnert. Sie spürt die Schatten ihrer Vergangenheit und möchte diese so schnell wie möglich hinter sich lassen, denn im Moment fühlt sie sich noch als Teil derselben. Sylvia fühlt
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sich durch die gleichzeitige Präsenz von a) der negativ besetzten Vergangenheit und b) der bedrohenden Wirkung des Waldes genötigt, davon zu rennen. Sie fühlt sich aber gleichzeitig auch als Teil der durch den Wind bewegten Blätter, d. h. leicht und unbeschwert, so als träge sie der Wind hinaus aus dem ungeliebten Wald.
Diesem Abschnitt geht eine Passage voraus, die, eingeschoben in die eigentliche Handlung, die alltägliche Ankunft Sylvias bei ihrer Großmutter beschreibt (S.484 unten bis S. 485 oben). Es taucht darin eine Katze auf, " a deserted pussy", die ebenso wie Sylvia auf der Suche nach Zuneigung und Anerkennung ist. Hier wird wiederum die Parallele zwischen dem Kind und Tieren deutlich.
Die ursprüngliche Handlung, die Beschreibung des prägenden Erlebnisses, wird also auf Seite 485 oben fortgesetzt und erfährt in Zeile 64 ff. einen entscheidenden Impuls. Noch bevor es Sylvia nämlich gelingt, dem Wald zu 'entkommen', taucht der 'Stranger' auf. Dieser, der übrigens im Laufe der Zeit für das Mädchen immer 'Stranger', also 'Fremder' oder 'Unbekannter' bleibt, löst schon beim ersten Auftreten Unbehagen bei Sylvia aus. Ein zusätzlich negativ einwirkender Faktor in dieser Situation ist der Ort des Treffens, nämlich der von Sylvia ungeliebte Wald. Dieser 'Stranger' flüstert dem Kind etwas zu und dieses Flüstern klingt nicht etwa freundlich, wie das eines Vogels gewesen wäre, sondern es klingt "determined, and somewhat aggressive" (S. 485). Dieser erste Eindruck läßt den Unbekannten gleich als Feind auftreten ("The enemy [...]"/ S.485), Sylvias Impression wird noch durch seinen fröhlichen und unbeschwerten Tonfall bestärkt. Er versucht, auf eine ziemlich direkte und forsche Art und Weise mit ihr Freundschaft zu schließen. Das Mädchen ist "more alarmed than before" (S. 485), als der 'Stranger' so plötzlich in ihr bis dahin noch gewohnt ablaufendes Leben eindringt (allein die späte Uhrzeit, zu der Sylvia unterwegs ist, unterscheidet diese Situation von denen der anderen Tage). Bis zu diesem Zeitpunkt verlief ihr Leben noch wie gehabt, ihre angstauslösende Vergangenheit hatte sie weitestgehend verbannt, doch nun stand der Angstfaktor 'fremder Mann' direkt vor ihr und noch dazu trug er eine Waffe über der Schulter. Dies fördert die Antipathie und das Mißtrauen ihm gegenüber, denn für sie bedeutet ja das Abschießen von Tieren ebenso eine Vernichtung der menschlichen Existenz. Demzufolge sieht Sylvia diese Begegnung als einen "accident" (S. 485), einen "fault" (S. 485)
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an. Noch mehr Unverständnis ihrerseits tritt auf, als ihre Großmutter diesen 'Stranger' mit Gastfreundschaft empfängt und die "gravity of the situation" (S. 485) offenbar verkennt. Die Protagonistin erlebt hier ein für ihre weitere Persönlichkeitsentwicklung bedeutendes Erlebnis, sie entdeckt 'das Böse' und muß erfahren, daß die Erwachsenen oder eben ihre Mitmenschen Geschehnisse anders auffassen als sie es vielleicht von ihnen erwartet hätte. Dieses existentielle Erlebnis ist Teil des Initiationsprozesses und dient der Charakterformung. An dieser Stelle erfolgt die schon eingangs erwähnte Millieustudie. "[...] you're welcome to what we've got" (S. 486) zeigt schon die Armut auf, die in diesem "primitive housekeeping" (S. 486), im Farmleben existiert. Jenes steht in Opposition erstens zum Stadtleben, das Sylvia früher geführt hatte ("dull little life"/ S. 486) und zweitens zum 'Stranger' an sich, der in dieses Leben eintritt und sich später noch durch sein Geldgebot und seine Einstellung zum Jagen klar von der "existance heart to heart with nature" (S. 488) distanziert. Sein Gedanke "It was a surprise to find so clean and comfortable a little dwelling in this New England wilderness" (S. 486) wird durch eine Erzählerinstanz wiedergegeben. Hierbei handelt es sich um einen personalen Erzähler, eine Reflektorfigur, durch deren Augen der Leser das Geschehen miterlebt. Kennzeichen dieser Erzählsituation sind u. a. die Überlagerung von Erzähl- und
Figurenrede (siehe vorheriges Zitat) und die Tatsache, daß der Leser mehr über die Figuren weiß als sie über sich selbst wissen. Dieser letzte Aspekt wird am vorliegenden Text besonders deutlich: Der Leser kennt z. B. die genauen Gefühlsmomente Sylvias und ist in jeden Gedanken eingeweiht.
Betrachtet man die Erzählperspektive, d. h. mit wessen Gefühlen der Erzähler spricht, so stellt man einen Wechsel fest. Zu Beginn beispielsweise beschreibt er/ sie (über das Geschlecht des Erzählers findet man keine Anhaltspunkte) die Szenerie und die Geschehnisse, es gibt jedoch mit dem Satz "[..] there never was such a child for straying about out-of-doors since the world was made!" (S. 484) einen Sprung in die Gedanken und Gefühle der Großmutter. Die Perspektive wechselt also von außen nach innen. Weitere Wechsel werden dann im folgenden Fließtext erläutert.
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Das Vorhandensein einer Erzählerinstanz deutet auf das Prinzip des "telling" hin, der Leser wird durch Formulierungen des Berichtenden zu Bewertungen verleitet, so z.B. bei der subjektiven Bezeichnung "The good woman" (S. 484).
Weitere formale Aspekte der Kurzgeschichte A White Heron sind Zeitdehnung, d.h. die erzählte Zeit ist länger als die Erzählung selbst, und der Handlungseinsatz ab ovo. Das bedeutet, daß die Handlung nicht in medias res, sondern mit den eigentlichen Ereignissen beginnt. Der Plot hingegen, der kausale Rahmen des Textes, fängt erst mit dem zweiten Satz an, in dem die eigentliche Handlung einer Person, nämlich Sylvias Kuhtreiben, beginnt. Weiterhin kann man schon nach den ersten Abschnitten des Textes flache und runde Charaktere festmachen. Zu ersteren gehören Mrs. Tilley, die Kuh und der 'Stranger', zu letzteren Sylvia, über die wir durch ausführliche Erläuterungen am meisten wissen. Demzufolge wurde das Mädchen schon zu Anfang der Interpretation 'Protagonistin' genannt. 'The White Heron', der weiße Reiher taucht erst auf Seite 487 zum ersten Mal auf, als der 'Stranger' erwähnt, schon seit fünf Jahren auf der Jagd nach diesem seltenen Tier zu sein. Er hofft, von Sylvia die nötige Information bezüglich seines Aufenthaltes zu erhalten und nur aus diesem Grund versucht er, ihre Freundschaft zu gewinnen (was aber lediglich für den Leser ersichtlich ist, der zusätzliche Informationen durch den Erzähler bekommt). Eigentlich interessiert sich der Fremde auch gar nicht für Mrs. Tilleys Gerede, die hoffte in ihm einen gleichwertigen Gesprächspartner gefunden zu haben, was ja in dieser Abgeschiedenheit durchaus selten vorkommt. Der Leser erfährt an dieser Stelle etwas über die familiäre Situation: die Großmutter hat Sylvia aus unbekannten Gründen von ihrer Tochter mitgenommen. Sie hat außer ihrer Tochter nur noch einen Sohn, der aber vielleicht auch schon tot ist., ihre anderen Kinder mußte sie beerdigen. Man sieht also, daß sie nicht nur einsam wohnt, sondern auch einsam ist. Dan, ihr Schwiegersohn, Sylvias Vater, war ebenfalls ein Jäger. Hier ist also eine Parallele zum 'Stranger' erkennbar und die von Mrs. Tilley erwähnte Tatsache, daß Sylvia ihm ähnlich sei und ebenfalls alle Wege und Tiere der Umgebung kenne, weckt "his eager interest" (S.486). Der Leser erfährt aber auch im Laufe der Geschichte nie etwas über den Grund, wegen dem Sylvia bei ihrer Großmutter lebt. Das Mädchen verhält sich während der Unterhaltung der Erwachsenen passiv, denn erstens ist ihr
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der Mann immer noch unheimlich, erst recht jetzt am dunklen Abend ("[...] while the moon came up" /S.486), und zweitens beschäftigt sie sich lieber mit den Tieren als über sie zu reden ("But Sylvia was watching a hop-toad in the narrow footpath"/ S.487). Die Kröte ist für Sylvia der Inbegriff von freiem Leben, sie kann herumspringen wo sie will, ist an keinen festen Ort gebunden wie Sylvia und kann sich jederzeit in einem Erdloch verkriechen, was das Kind auch wohl am liebsten tun würde, um dem seltsamen Mann zu entkommen bzw. ihn erstmal aus einer sicheren Entfernung beobachten zu können.
Sylvia hört aber dennoch mit einem Ohr zu und ihre "shining gray eyes" (S.486) und ihr wild schlagendes Herz verraten, daß sie sehr wohl den weißen Reiher schon gesehen hat und vielleicht auch weiß wo er sein Nest hat. Auch der Reiher steht, wie alle übrigen Tiere, als Symbol für Freiheit. Er kann seine eigenen Entscheidungen jederzeit spontan treffen (sofern man bei Tieren von Entscheidungen sprechen kann und nicht von Instinktverhalten) und er hat die Möglichkeit sich in sein sicheres Nest zu flüchten, wenn Gefahr droht. Sylvia versuchte, auch in ihr Nest, in ihr Zuhause, zu fliehen, doch der 'Stranger' drang in diese Welt ein, das Nest ist nicht geschützt gewesen wie das des Vogels. Und wie dieses weiße, unschuldige Tier möchte auch Sylvia fortfliegen, um sich in einer anderen Welt (der Welt ihrer Kindheit) geborgen fühlen zu können. Doch stattdessen kommt ein Fremder daher, der den Vögeln nicht nur diese Freiheit rauben will, indem er sie 'nur' einsperrt, sondern er will sie gleich erschießen und ausstopfen. Und dieser Fremde bietet auch noch zehn Dollar für eine Information, was für Mrs. Tilley und ihre Enkelin eine enorme Bereicherung wäre: die alte Dame "gave amazed attention to all this"(S.487) und Sylvia malt sich später in ihren Träumen aus, was man alles mit diesem Schatz machen könnte. Doch auch die Natur ist ein Schatz, den man hüten und wahren muß weiß das Mädchen. Aber in diesem Moment siegt der Reiz des Geldes und auch die Abenteuerlust, denn sie weiß ungefähr, wo sich das Reihernest befindet. Sie hat es zwar noch nie gesehen, weil ihre Großmutter ihr verboten hat, den Sumpf zu überqueren, doch sie kennt den ungefähren Ort. Dieser Sumpf also ist ein Hindernis zur Freiheit, gilt es doch, ihn zu überqueren. Dahinter, so weiß Sylvia, liegt das Meer, in weiter Ferne für sie. Das ist für das kleine Mädchen ein Traumziel: einmal dessen scheinbar grenzenlose Weite zu erfahren. Die "great voice"(S.487) ruft Sylvia ja schon förmlich zu, sie
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muß einfach diese Freiheit spüren. Auch sie möchte ein einziges Mal in ihrem jungen Leben frei wie ein Vogel sein und hoch in der Luft das Meer überblicken können. Aus diesen Gründen entschließt sich Sylvia am nächsten Tag mit dem jungen Sportler zu gehen. Übrigens tritt dieser immer nur unter Bezeichnungen wie 'the stranger', 'young sportsman', 'the man', etc. auf, d.h. sein Name wird nie erwähnt.(die Person bleibt den Charakteren eigentlich fremd, nur der Leser weiß um dessen Gedanken und Gefühle). Sylvia weiß also auch gar nicht, wie sie ihn eigentlich anreden soll. Sylvia findet ihn dennoch nett und sympathisch, Jewett spricht sogar von einem "dream of love"(S.487) von seiten des Mädchens, wobei die Frage ist, ob sich diese Liebe auf den jugendlichen Typ und das was er vorspielt zu sein bezieht oder auf den 'Stranger' an sich. Sylvia ist nämlich immer noch skeptisch, was seine Erscheinung anbetrifft: "Sylvia would have liked him vastly better without his gun". Trotzdem lernt sie gerade in diesem Augenblick eine wichtige Charaktereigenschaft hinzu: Akzeptanz bzw. Toleranz anderer Menschen und deren Interessen. Dies, nämlich die Begegnung mit der Lebenserfahrung, ist also auch ein Reifungsprozeß. Sylvia wagt sich, in eine für sie unbekannte Welt ( die Welt der Erwachsenen) vor und läßt dabei ihre eigene Welt (die Welt ihrer Kindheit) eine Zeitlang hinter sich. Dann aber erfolgt wieder ein Rückschritt in ihre eigene (Sammlung neuer Erfahrungen auf der Grundlage ihres bisherigen Horizonts). Wichtig in diesem Textabschnitt auf Seite 487 ist die Bedeutung des Wortes "desert-islander": "And he gave her a jackknife, which she thougt as great a treasure as if she were a desert-islander"(S.487). Der Ausdruck verdeutlicht die Situation Sylvias, die einerseits als 'Schiffbrüchiger', gestrandet auf einer einsamen Insel, ganz auf sich alleine gestellt ist (Vergleich: Sylvia in der Welt der Erwachsenen). Zweitens fühlt sich Sylvia in ihrer Welt gefangen wie auf einer einsamen Insel, es scheint kein Rettungsboot in Sicht. In dieser speziellen Nacht spürt Sylvia ein "new exitement"(S.488): Zum einen fühlt sie die Neugier auf die Erfahrung, von der Baumspitze aus das Meer die große Freiheit, eben die ganze Welt sehen zu können. Zum anderen meint sie, die Aufmerksamkeit und die Achtung ihrer Großmutter und des 'Strangers' auf sich ziehen zu können, wenn sie ihr Geheimnis, also auch das der Natur, preisgäbe. Dies meint also die Loslösung von der Natur und die gleichzeitige Hingabe zum menschlichen Leben. Die Nacht bietet die besten Voraussetzung zur
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Realisierung des Projekts: es ist dunkel, alles schläft und nur der Mond sieht das Geschehen (nach Sylvias Auffassung der Natur sind der Natur ja die Menschen gleichgestellt é Personifikation des Mondes). Es ist Zeit für geheime Taten, nämlich für die Suche nach dem Reihernest. Zu Beginn des zweiten Teils der Geschichte (S.488) erfolgt zunächst eine detaillierte Beschreibung der Kiefer durch den Erzähler. Dieser Baum kann als Metapher für Sylvias Situation angesehen werden. Auch sie ist nämlich in dieser Gegend die einzige ihrer Generation, wie eben die Kiefer. Man kann dies auch als Einzelkämpferdasein interpretieren, denn immerhin ist es der Pflanze gelungen, über Jahre hinweg seine Standort zu bewahren und auch das Mädchen behielt bisher ihre Position bei. Ebenso wird die Wichtigkeit des Baumes als "landmark for sea and shore miles away"(S.488) verdeutlicht. Parallel dazu ist Sylvia wichtig als einzige Person in meilenweitem Umkreis, die ursprüngliche Werte wie z.B. Nächstenliebe wahrt. In diesem Sinne ist auch sie eine gewisse "landmark". Ihr Vorhaben, auf diesen Baum zu klettern, um ein weiteres Geheimnis der Natur zu ergründen, bzw. dessen Realisierung ist eine völlig neue Erfahrung für sie. Dementsprechend aufgeregt ist das Kind: "What a spirit of adventure, what wild ambition![...]"(S.488). Hier stellt man einen Wechsel von beschreibender Erzählweise zur erlebten Rede fest. Schon in Zeile 214 ff. erfolgt aber wiederum die Verwendung der beschreibenden Erzählform. Zu diesem Aufgeregtsein kommt dann noch die Angst vor dem nächsten Morgen, denn einerseits würden sich die Erwachsenen sicher über ihren nächtlichen Ausflug beunruhigen und andererseits würde das Morgenlicht die nächtliche neue und aufregende Atmosphäre zerstören und damit Sylvias Traum von Freiheit beenden. Der Zeitdruck gibt der Aktion also einen zusätzlichen Impuls und als Sylvia den großen Hauptmast der reisenden Erde besteigt (S.489), scheint es als klettere sie "almost to the sky itself"(S.488). Hierbei verwendet Jewett ein fac simile: ihre Füße und Finger greifen "like bird's claws"(S.488) in den Stamm. Man erkennt also eine Annäherung bzw. eine Identifikation (Identifikation als psychische Bindung an ein Vorbild) des Mädchens mit der Natur. Demzufolge wird sie auch nur als "harmless housebreaker" (S.488) bezeichnet, denn sie ist ja für die Tiere ungefährlich, da sie zu deren Welt gehört. Beim Hinaufklettern tritt ein "spark of human spirit" (S. 489) auf, d. h. Sylvia erfährt die Erkenntnis, daß neben der Natur auch noch das Menschsein existiert. Die "great
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wave of human interest which flooded for the first time" (S. 488) zu Beginn ihrer Expedition wurde also konkretisiert. Das Hinaufklettern auf den Baum ist gleichsam ein Aufsteigen in eine andere Welt, ebenso ein Prozeß des Loslösens vom Bisherigen, auch von Sylvias Kindheit. Jener Weg ist aber nicht einfach, wie man an den Bemühungen des Kindes sehen kann. Es ist ein harter Weg, der durch die Existenz von "sharp dry twigs" (S. 489) und "thorny boughs" (S. 489) erschwert wird. Kurz vor dem Ziel, der Spitze des Baumes, geht die Sonne auf. Die Morgendämmerung steht für den Beginn von etwas Neuem, das Erwachen aus einem dunklen Traum, nämlich ihrem bisherigen Leben. In diesem Moment übertönt das Herzklopfen des "solitary gray-eyed child" (S. 489) alle anderen Geräusche der Natur. Sylvia
steht zu diesem Zeitpunkt einsam da, sie hat den "spark of human spirit" in sich
aufgenommen. Jetzt beobachtet sie die Natur von oben. Sylvia befindet sich nun auf gleicher Ebene mit den mächtigen Adlern (die anderen Vögel hat sie bereits beim Hinaufklettern hinter sich gelassen). Das Mädchen erfährt nun die Freiheit und "lawlessness" (S. 489) der Natur und genießt zitternd, müde aber triumphierend das Gefühl, sich selbst in die Lüfte schwingen zu können. Und an diesem Punkt findet sie einen Teil ihrer bisherigen Weltauffassung bestätigt: sie trifft eine Abgrenzung zwischen der Welt dort unten ("[...] truly it was a vast and awesome world"/ S. 489) und der Welt, in der sie sich momentan befindet. Das sich zu diesem Zeitpunkt vollziehende Naturspektakel tut sein Übriges zur Situation: Der Gesang der Vögel wird lauter und lauter, die Sonne geht auf und die Wolken ziehen weg. Der Leser wird an dieser Stelle möglicherweise an eine Theateraufführung erinnert: Das Orchester beginnt zu musizieren, die Scheinwerfer beleuchten den Ort des Geschehens und der Vorhang öffnet sich schließlich. Er öffnet sich für die eigentliche Schau, hier das Auftreten des weißen Reihers. Der Erzähler gibt Sylvia direkte Befehle ("Now look down again, Sylvia,[...]"/ S. 489) und trifft sogar Vorhersagungen ("[...] there where you saw the white heron once you will see him again; [...]/ S. 489). So erhält sie die gewünschte Information und ist beim Herunterklettern noch völlig sicher, dem Fremden den Weg zum Nest zu zeigen. Im folgenden entscheidet Sylvia sich aber dann, es doch nicht zu tun. Die Gründe dafür werden nicht explizit angeführt, doch der Leser kann sich denken, daß sie das Leben des Reihers bewahren und deshalb das Geheimnis der Natur hüten will. "[...] they watched the sea and the morning together" (S. 490)
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drückt ein gewisses Gemeinsamkeitsgefühl, eine treue Freundschaft aus. Dies ist eine Rückkehr zu ihren alten Prinzipien, die sie für einen Moment nur aufgeben wollte. Der mittlere Abschnitt der Seite 490 handelt von der Suche der Erwachsenen nach Sylvia, ist also zeitlich parallel einzuordnen. Zur Erhaltung der Spannung ist dieser Paragraph aber danach angeführt. Während Mrs. Tilley ihre Enkelin sucht aus Sorge um deren Wohlergehen, hat der 'Stranger' nur ein Ziel: Er will nämlich Sylvia nur deshalb finden, weil er begierig darauf ist zu erfahren wo sich das Nest des Reihers befindet. Beide Erwachsene wissen, daß das Mädchen den genauen Aufenthaltsort kennt und beide haben andere Gründe, dies zu erfahren: Der 'Stranger' möchte das Tier für seine Sammlung erschießen und Mrs. Tilley möchte a) aus Freundschaft zum 'Stranger' und b) ob der zehn Dollar, daß Sylvia ihr Geheimnis preisgibt. Sylvia selbst ist zwar einerseits bedrückt, als der Fremde ohne jegliche Information über den Reiher fortzieht, andererseits aber ist sie stolz auf ihre persönliche Charakterformung. Sie selbst hat nämlich entschlossen, der großen Welt (S. 490) zu widerstehen und stattdessen ihr eigenes persönliches Leben zu führen. Sie selbst hat auch mit dem Mann und seinem Charakter abgeschlossen, seine 'Jagdsucht' erschüttert sie nicht mehr: "She forgot even her sorrow at the sharp report of his gun and the piteous sight of thrushes and sparrows dropping silent to the ground, their songs hushed and their pretty feathers stained and wet with blood" (S. 490). Für sie sind die Federn nämlich nicht mehr "pretty" und die Laute, die die Drosseln und Sperlinge von sich geben, erscheinen für sie noch nicht einmal mehr "piteous". Sie selbst bleibt das "countrychild" wie sie es vorher war, nur ist sie nun mit dem 'Bösen' oder dem 'Negativen' konfrontiert worden, was sie letztendlich nicht ablehnt, sondern als Bereicherung ihres persönlichen Lebens ansieht. Das "lonely countrychild" ist, wie zu Beginn, immer noch einsam aber nicht allein. Dies veranlaßt den Erzähler zu einem Appell an die Natur ("woodlands and summer-time" (S. 490)): "Bring your gifts and graces and tell your secrets to this lonely countrychild" (S. 490). Das heißt, die Natur soll sich weiterhin mit Sylvia vereinen, so daß Tugenden wie Pflege der Nächstenliebe, Wahrung der Schöpfung etc. in ihr bewahrt werden.
Alle Zitate aus: Sarah Orne Jewett, A White Heron
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Martina Sobel, 1998, Interpretation einer Kurzgeschichte - Sarah Orne Jewett's 'A White Heron', München, GRIN Verlag GmbH
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