Universität/Gesamthochschule Paderborn Einführung in die romanische Sprachwissenschaft
WS 1993/94
Die Soziolinguistik
Seminararbeit von
Simone Ernst 1.Sem. Französisch und Mathematik Sek. II.
eingereicht am 28.2.1994
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung:Was ist Soziolinguistik
Hauptteil:
1. Womit beschäftigt sich die Soziolinguistik
1.1. Gegenstandsbereiche der französischen Soziolinguistik
2. Problemstellung
3. Wissenschaftsgeschichte
3.1. Soziolinguistik in Nordamerika
3.2. Soziolinguistik in England
3.3. Soziolinguistische Sonderentwicklung in Frankreich
4. Sprache und Generationen am Beispiel des Französischen
4.1. Altersspezifische Varietäten
4.2. Kommunikation zwischen verschiedenen Altersgruppen
Schlußteil: Perspektiven
Bibliographie
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Einleitung
Der Begriff Soziolinguistik läßt sich nicht eindeutig definieren. Schon die in die Soziolinguistik eingehenden Wissenschaften Soziologie und Sprachwissenschaften haben kein fest umrissenes Wissenschaftsfeld und sind in ihren Inhalten sehr vielschichtig. So kommt es, daß der Begriff "Soziolinguistik verschiedenen Leuten Verschiedenes bedeutet." 1 Ganz allgemein kann man die Soziolinguistik als eine Disziplin verstehen, die die Verflechtung von Sprache mit der sozialen Struktur der Gesellschaft analysiert. Aus dieser nicht ganz eindeutigen Umschreibung könnte man nun ableiten, daß sich die Soziolinguistik nur der Untersuchung diastratischer Varietäten widmet. Dies wäre jedoch zu einseitig, denn die diatopischen und diaphasischen Varietäten gehen genausogut in den Gegenstandsbereich der Soziolinguistik ein.
Zur Entwicklung der Soziolinguistik ist zusagen, daß es sich hier um eine recht junge Wissenschaft handelt. Sie etablierte sich erst in den 60er Jahren als eigenständige Disziplin. Dies setzt allerdings voraus, daß es auch schon vorher soziolinguistische orientierte Forschungen gab. So datieren die ersten Ansätze der soziolinguistischen Tradition bis zum Ende des 19., spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Bereits Ferdinand de Saussure faßte in seinem "Cours de Linguistique Générale" (nach Mitschriften seiner Vorlesungen von 1906-1911 entstanden) Sprache (frz.: "langue") als "fait social" 2 auf. Saussure kommt es auf eine strikte Trennung der Begriffe "langue" (dt.: Sprache), "parole" (dt.: Sprechen) und "langage" (dt.: menschliche Rede) an. Während langage nur die Sprechfähigkeit, also die vielförmige und ungleichartige Gesamtheit der sprachlichen Erscheinungen und Sprechbetätigungen, bezeichnet, bezieht sich langueauf den sozialen Teil der menschlichen Rede Langue ist das System sprachlicher Gewohnheiten, das durch die Praxis des menschlichen Sprechens entsteht - sozusagen das Regelwerk, das jeder im Kopf hat. Davon hebt sich die parole ab, der individuelle Teil der menschlichen Rede. Mit parole bezeichnet man den individuellen Akt, langue (Sprache) umzusetzen. Hier geht es also um die aktualisierte Sprache, die individuelle Praxis der sozialen Übereinkünfte der Sprache. Hierraus folgt, daß in der parole die Veränderungen der Sprache zuerst vor sich gehen. Nach Saussure ist nur die langue , also der soziale Teil der menschlichen Rede, Gegenstand der Sprachwissenschaft. Auf die Frage, womit sich die gegenwärtige Soziolinguistik beschäftigt, werde ich im ersten Kapitel eingehen.
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Hauptteil
Wir haben in der Einleitung bereits festgestellt, daß aus den breitgefächerten Problemfeldern der Soziologie und der Sprachwissenschaft der große Themenkomplex des Phänomens Sprache in der Gesellschaft resultiert.Wie kann man nun dieses breitgefächerte Spektrum systematisch darstellen? Ammon charakterisiert die Soziolinguistik nach folgenden Merkmalen:
"Sie bezieht sich soziologisch zentral auf die soziale Ungleichheit, und zwar zunächst in den Kategorien der sozialen Schichtung. Linguistisch stehen die von Basil Bernstein so bezeichneten restringierten und elaborierten Kodes im Zentrum der Betrachtung. Hinzu kommen als die wohl entscheidensten Unterschiede gegenüber den früheren soziolinguistischen Ansätzen: der Bezug der gesellschaftlichen Sprachunterschiede auf kognitive und affektive Vorgänge, auf Bewußtseinszustände also, und - eng damit zusammenhängend - deren Bezug auf fundamentale pädagogische Probleme. Dieser Zusammenhang zwischen sozialen, sprachlichen, bewußtseinsmäßigen und pädagogischen Problemen wurde im Laufe der Zeit ausgebaut." 3
Durch diese Zusammenhänge ist es unumgänglich, daß sich die Soziolinguistik auch an andere akademische Bereiche, die sich mit Fragen der Erziehung, der Entwicklung von Kindern oder auch Regierungspolitik beschäftigen, anschließt. Tatsächlich ist die heutige Soziolinguistik schon in die Pädagogik und die Politik eingedrungen und beeinflußt diese im nicht unerheblichen Maße.
Da bisher nur von gesellschaftlichen Sprachunterschieden und bestimmten sozialen Schichten die Rede war, entsteht leicht der Eindruck, daß die Soziolinguistik nur einzelne soziale Schichten auf ihren Sprachgebrauch untersucht, etwa so wie Bernstein in England die Sprachkapazität der Mittelklasse mit der der Arbeiterklasse verglichen hat, worauf ich in Kapitel 3.2. noch genauer eingehen werde. Dieses ist jedoch nur eines von vielen Einzelthemen.
Eine weitere Komponente ist die Untersuchung regionaler Varietäten, insbesondere Dialektologie und Sprachgeographie.In diesem Rahmen werden unter anderem Sprachinhalte in den unterschiedlichen Regionen untersucht.
Im Weiteren kann man auch eine Trennung nach verschiedenen Sprechsituationen vornehmen. In der öffentlichen Rede wird sich ein Sprecher sicherlich sowohl von der Syntax als auch von der Wortwahl her anders ausdrücken als innerhalb der Familie oder des Freundeskreises.
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Ein anderes Forschungsgebiet bildet die Sprache in bestimmten Institutionen. So untersucht sie Soziolinguistik zum Beispiel das Militärwesen auf seine ihm eigene Sprachvarietät.Es läßt sich leicht nachvollziehen, daß es hier bestimmt eine besonders differenzierte Auswahl an Vokabeln, die eine bestimmte Hierarchie signalisieren, gibt (z.B. Oberst, Rekrut usw.). Als weitere Institutionen wären die Schule, die Verwaltung, die Kirche und die Presse zu nennen.
Einige Soziolinguisten verschreiben sich such der wissenschaftlichen Untersuchung von Fach- und Sondersprachen.
Mit den unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen, von denen zu Beginn diese Kapitels die Rede war, können auch unterschiedliche Generationen (siehe Kap. 4.), oder die geschlechtliche Trennung von Mann und Frau gemeint sein.
Die Soziolinguistik bietet also unendliche Forschungsmöglichkeiten. "Letzten Endes läßt sich wohl nicht einmal überspitzt formuliert sagen, daß eigentlich kein Bereich (...)der allgemeinen Sprachwissenschaft (...) unter völliger Ausklammerung soziolinguistischer Fragestellungen, d.h. ohne Berücksichtigung der Funktion von Sprache als einen konstitutiven Teil Bestandteil der Gesellschaft und der in ihnen vertretenen Gruppen und Sprecher, angemessen dargestelllt würde." 4
1.1. Gegenstandsbereiche der französischen Soziolinguistik
Auch in der französischen Soziolinguistik finden sich verschiedene Themenkomplexe, die sich unterschiedlichen (z.B. regionalen oder stilistischen) Variationen zuordnen lassen. Dieses Diasystem unterschiedlicher Varietäten resultiert aus der Tatsache, "daß Sprache als konstitutiver Bestandteil einer sozialen Gruppe kein homogenes Gebilde im Sinne der Kompetenz eines idealen Sprechers/ Hörers ist." 5 Mindestens genauso bedeutend wie die Untersuchung der sozialen Schichten auf ihren Sprachgebrauch, ist in der modernen französischen Sprachwissenschaft die Analyse diatopischer Varietäten. Dieser Bereich wird schon in den Anfängen der französischen Sprachwissenschaft behandelt. Die Tradition der Sprachgeographie und Dialektologie geht in Frankreich nämlich bis auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. So erschien von 1902-1910 der ALF (Atlas linguistique de la France), der von Jules Gilliéron mit dem Anspruch , alle zu der Zeit noch gesprochenen Mundarten festzuhalten, in mühevoller Kleinarbeit erstellt worden war. Trotzdem darf man nicht leugnen, daß durch se französischen Zentralismus alle regionalen Varietäten, die vom francais commun der Ile de France abwichen, ideologisch geächtet und als Nicht- Standard verdrängt wurden. Folglich fand auch keine
Arbeit zitieren:
Simone Ernst, 1994, Die Soziolinguistik, München, GRIN Verlag GmbH
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