Einleitung
Der folgende fachdidaktisch orientierte Aufsatz beschäftigt sich mit einem schwierigen Thema der gymnasialen Oberstufe im Politikunterricht. Es handelt sich dabei um das Themengebiet der Ökonomie. Wie war und ist wirtschaften möglich? Welche Rolle spielen dabei die Wirtschaftsordnung und die Wirtschaftspolitik?
Der Aufsatz umfasst folgende Teile: 1. Die Einordnung in den Unterrichtszusammenhang 2. die fachwissenschaftliche und didaktische Analyse des Unterrichtsstoffs 3. ein Beispiel für das methodische Vorgehen 4. mögliche Lernziele 5. ein denkbares Verlaufsschema 6. Umfangreiche Literaturangaben und 7. wertvolle Arbeitsblätter und Materialien.
1. Einordnung in den Unterrichtszusammenhang
Die Unterrichtsstunde findet innerhalb der Lehrplaneinheit 2, Klasse 11, “Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik“ statt. Innerhalb der auf ca. 16 Stunden konzipierten Unterrichtseinheit findet der Unterrichtsbesuch in der ersten Stunde statt.
Allerdings - und dies sollte der Ehrlichkeit halber nicht verschwiegen werden - gab es bereits einen kleinen "Vorlauf" von 4 Unterrichtsstunden zum Thema Wirtschaft. Hierbei wurden basale Inhalte und insbesondere auch terminologische Aspekte aus Klasse 10 wiederholt. Diese Vorgehensweise wurde als notwendig erachtet, da nicht bei allen elften Klassen ein gleicher Leistungsstand in Puncto Wirtschaft vorhanden ist.
Die erste Stunde bildet die thematisch-inhaltliche Einführungsstunde der Unterrichtseinheit "Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik". Hier werden basale, sowohl historisierend verlaufende als auch Mikro- (bzw. Meso-) und Makroebene fokussierende Einsichten über Formen des Wirtschaftens vermittelt. So zeigt sich, dass Wirtschaften früher und heute eine Frage der Wirtschaftsordnung war und ist. Dadurch wird zur zweiten, dritten und vierten Stunde übergeleitet, in denen die Wirtschaftsordnungen bzw. -systeme der freien Marktwirtschaft,
Zentralverwaltungswirtschaft und sozialen Marktwirtschaft thematisiert und analysiert werden. Die vierte und folgende Stunde(n) verdeutlichen die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen der sozialen Marktwirtschaft. Die Stunden fünf und sechs zielen insbesondere auf die Notwendigkeit einer starken ökologischen Regulierung derselben. Im weiteren Verlauf der Unterrichtseinheit wird auf Ziele, Träger und Instrumente (Geld- und Fiskalpolitik als antizyklische Finanzpolitik) der Stabilisierungspolitik eingegangen. Insgesamt sollen in der Einheit Erkenntnisse über die Reichweite und Grenzen der Umsetzung wirtschafts- und umweltpolitischer Ziele in praktische Politik gewonnen werden.
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2. Fachwissenschaftliche und didaktische Analyse
Eine von niemandem ernsthaft in Frage gestellte Grundeinsicht der ökonomisch ausgerichteten Sozialwissenschaften besteht darin, dass alles "Handeln und alle daran anknüpfenden sozialen Prozesse ... im Rahmen von unhintergehbaren und nicht einfach wegzufinierenden Restriktionen" stattfinden. 1 Dieses Faktum der ressourconalen Knappheit ist es erst, welches Wirtschaft und Wirtschaften erforderlich macht. Unter Wirtschaft versteht man die Gesamtheit menschlicher Aktivitäten einschließlich ihrer institutionellen Strukturierungen, welche die Gewinnung (als Produktion qua Produktionsmittel i.e.S.), die zeitliche und räumliche Bereitstellung (Distribution i.S.v. Transport, Verkehr, Kommunikation, Informationswesen) und die anteilsmäßige Verteilung des jeweils verfügbaren Gesamtprodukts auf die Gesellschaftsmitglieder umfassen. 2 Reformuliert und erweitert stehen Fragen nach effizienter Ressourcennutzung, optimaler Marktversorgung und Bedürfnisbefriedigung der Gesellschaft im Zentrum des Interesses. Teleologisch betrachtet muss das Faktum der Reproduktion fokussiert werden: "Mit Wirtschaft wird ein zentrales Moment der gesellschaftlichen Reproduktion erfasst, d.h. wirtschaftliche Prozesse zielen auf den materiellen Erhalt von Gesellschaften." 3 Pointiert formuliert ist aus der Sicht des Homo oeconomicus die Institution des Staats aus rein ökonomischen Erwägungen nützlich, "weil er so Überwachungs- und Kontrollkosten und ähnliches einsparen kann." 4 Eine Definition des Verbs "wirtschaften" findet sich seltener als weitläufige Erklärungen, was unter Wirtschaft insgesamt alles zu subsumieren ist. Man kann aber festhalten, dass das Wirtschaften dasjenige menschliche Handeln ist, "das im Produzieren und Konsumieren oder Tauschen von wirtschaftlichen Gütern liegt." 5 Wirtschaften findet naturgemäß nicht kontextunabhängig statt. Wichtige mit Wirtschaft zusammenhängende Variablen sind die Bevölkerung und Gesellschaft. Die drei genannten Aspekte verhalten sich sogar in besonderer Weise zueinander. 6 Eine Grundeinsicht der Stunde soll darin liegen, dass das Wirtschaften sowohl in historischer Perspektive sowie auf der Mikro- wie auch der Makroebene in erster Linie eine Frage der Wirtschaftsordnung ist. Hervorzuheben ist, dass die Grundfragen jeder Wirtschaftsordnung zunächst einmal identisch verlaufen: 7
Welche Güter und Dienstleistungen sollen in welchen Mengen produziert werden? Wie sollen bei der Produktion die Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit organisiert werden?
Wie erfolgt die Verteilung der Produkte?
1 Esser, H., Soziologie, Spezielle Grundlagen, Band 4, S. VII
2 Zinn, K.G., Wirtschaft, S. 623
3 Imbusch, P., Lauth, H.-J., Wirtschaft und Gesellschaft, S. 245
4 Bievert, B., Frambach, H.A., Lauer, T., Vom Beerensammeln zum Aktienmarkt, S. 17/24
5 Wirtschaft heute, S. 16
6 Esser, H., Soziologie, Allgemeine Grundlagen, S. 317
7 Vgl. hierzu: Wirtschaft und Politik, S. 26
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Signum der Moderne ist es, dass die "Menschen ... zum Lebensunterhalt Güter (brauchen, S.S.), die ihnen die Natur in der Regel nicht konsumreif zur Verfügung stellt." 8 Allerdings geht die moderne Bedürfnisbefriedigung eines Durchschnittsmenschen weit über diejenige eines Handwerkers bzw. Tagelöhners bis zum ausgehenden Mittelalter hinaus. 9 Somit kann im ersten Fall von einer modernen und kapitalistisch ausgerichteten Wohlstandsorientierung ausgegangen werden. Im zweiten Fall hingegen herrscht eine traditionale und eher mit der christlichen Lehre in Einklang zu bringende 10 Bedarfs- bzw. Bedürfnisorientierung vor. Trotz dieser unterschiedlichen Ausrichtung stimmt weiterhin die den Überbau der Lernziele bildende Einsicht, dass die Wirtschaftsordnung das Wirtschaften determiniert und die oben genannten drei Fragen bei und in jeder Wirtschaftsordnung Bestand haben. Der im Unterrichtsgeschehen verwendete Text von Walter Eucken nimmt eine etwas andere Akzentuierung vor. Hier wird nicht so sehr das Wirtschaften von früher dem Wirtschaften von heute gegenübergestellt. Vielmehr werden kleine Wirtschaftseinheiten wie eine Großfamilie mit großen Wirtschaftseinheiten wie einer Nationalökonomie verglichen. In gewisser Weise findet also die bereits mehrfach erwähnte Kontrastierung von mikro- und makroökonomischen Einheiten statt. Die wesentliche Einsicht, die in einem Analogieverfahren auf eine historische Perspektivierung übertragen werden kann, besteht in der Parameterdeterminierung der Wirtschaft und des Wirtschaftens durch die Wirtschaftsordnung, wobei hinsichtlich der konkreten Ausprägung der Wirtschafsordnungen dann gilt: "In den Wirtschaftsordnungen in der industrialisierten Welt sollte eine Ratio zur Geltung kommen, die das bewältigt, was in der kleinen Eigenwirtschaft die Ratio des Leiters tagtäglich vollzieht." 11 Mit der Konnotation der Wirtschaftsordnung wird die Basis der in der Unterrichtseinheit folgenden Stunden gelegt. In drei Schritten werden unterschiedliche Ausprägungen von Wirtschaftsordnungen exemplarisch vorgestellt und analysiert. In einem ersten Schritt wird die freie Marktwirtschaft behandelt. Hierbei ist sicherlich auch bereits die heutzutage vielfach anzutreffende Renaissance des Neoliberalismus mit seinen Forderungen "nach Deregulierung oder Privatisierung, nach Entlastung der Einkommen aus Arbeit und Kapital von Steuern und Abgaben" 12 anzudeuten. In einem nächsten Schritt werden die freie Marktwirtschaft und die Zentralverwaltungswirtschaft verglichen, deren Hauptmerkmal Weisungen der politischen Führung an "eine staatliche Planungsbehörde mit vielen einzelnen Fachabteilungen ... für die Ausarbeitung und Koordinierung der Wirtschaftspläne" 13 sind. Der letzte diesbezügliche Schritt bildet die soziale Marktwirtschaft, die am besten folgendermaßen charakterisiert werden kann: "Als freiheitlich wurde diese Ordnung aufgrund ihrer marktwirtschaftlichen Grundausrichtung, als sozial wegen der von öffentlicher Seite vorgenommenen Korrekturen angesehen." 14
8 Dörge, F.-W., Steffens, H., Verbraucher und Markt, S. 1
9 Vgl. Weber, M., Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, S. 49 ff.
10 Wirtschaft heute, S. 10
11 Eucken, W., Grundsätze der Wirtschaftspolitik, S. 7
12 Petersen, T., Die ökonomische Theorie der Politik und die Verfassung der Freiheit, S. 10
13 Gönner, H., Zentralverwaltungswirtschaft, S. 202
14 Granados, G., Gurgsdies, E., Lern- und Arbeitsbuch Ökonomie, S. 273
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Wie durch diese Ausführungen ersichtlich werden dürfte, ist der Inhalt der Stunde bereits aus sich heraus von zentraler Wichtigkeit. Betrachtet man allerdings die Einführungsstunde als Fundament für die folgenden - im Stoffverteilungsplan aufgeführten und oben angerissenen - Themengebiete, so scheint eine nahtlose Modulierbarkeit der Stunden gegeben.
3. Methodisches Vorgehen
Der in der Motivationsphase ausgehende Impuls besteht darin, dass die Schüler/innen zwischen zwei Aussagen die für sie zutreffende aussuchen müssen. Es handelt sich dabei um folgende Varianten:
o Ich wirtschafte so, , dass es gerade so zum Leben reicht.
o Ich wirtschafte - obwohl es aufgrund der immensen Arbeit nicht immer Spaß macht und viel Kraft und Energie kostet - so, dass ich mir möglichst viel leisten kann. Diese beiden Varianten werden auf einem Flip-Chart-Papier mit Magneten an der rechten und linken Tafelhälfte befestigt. Dadurch wird ein Großteil der Aufmerksamkeit der Klasse nach vorne konzentriert. Störfaktorpotentiale sollen reduziert und die Konzentration auf unterrichtsrelevantes Geschehen gelenkt werden. Die Schüler/innen werden aufgefordert, diejenige Aussage mit einem Klebepunkt zu markieren, die sie für sich als zutreffend erachten. Dazu müssen die Schüler/innen ihren Platz verlassen und an die Tafel kommen. Somit wird der Forderung nach bewegtem Unterricht nachgekommen. Auch kann davon ausgegangen werden, dass das Interesse der Schüler/innen für das nun Folgende geweckt ist.
In einer ersten Erarbeitungsphase wird eine Folie auf den Tageslichtprojektor gelegt, auf der ein in zwei Teile untergliedertes Zitat von Max Weber zu finden ist. Die erste Hälfte entspricht der Antwortalternative eins, die zweite der letzteren. Zwei Schüler/innen werden aufgefordert, den für sie zutreffenden Zitatteil der Klasse laut vorzulesen. Dabei ist nicht nur der Vorteil zu nennen, dass der Lehrende den Blickkontakt mit der Klasse halten kann, 15 sondern dass die Konzentration der Klasse nach vorne erhalten bleibt. Im fragend-entwickelnden Verfahren wird nun die Beschäftigung der zueinander in Beziehung stehenden Probleme vertieft, wobei sicherlich so der "Blick auf anders nicht zu erkennende Sachverhalte" 16 gelenkt wird. Die Schüler/innen werden aufgefordert, Beziehungen zwischen ihrer Wahl und den Aussagen des kurzen Webertextes herzustellen. Um die Aufmerksamkeit der Klasse zu erhalten und um die Überleitung zur Haupterarbeitungsphase herzustellen, wird erneut ein Methodenwechsel vorgenommen. Im Lehrervortrag wird vor allem unter dem Aspekt der ökonomischen Einsichtsvermittlung 17 zum Eucken-Text übergeleitet.
In der zweiten Erarbeitungsphase wird den Schüler/innen der angesprochene Text von Walter Eucken mit einem zugehörigen Arbeitsblatt inklusive Fragen ausgeteilt. Der Text ist in drei Abschnitte unterteilt. Die Klasse wird in drei Teile geteilt, wobei jede Gruppe einen der folgenden Aspekte
15 Huwendiek, V., Methodik, S. 52
16 Weißbrodt, W., Lernmotivation, S. 228
17 Huwendiek, V., Methodik, S. 49
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Arbeit zitieren:
Pia-Johanna Schweizer, Christian Schön, 2008, Ökonomie in der gymnasialen Oberstufe, München, GRIN Verlag GmbH
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