Inhalt
1 Einleitung 3
2 Die Konzeption des SPIEGEL 5
2.1 „Das deutsche Nachrichten-Magazin“ 5
2.2 Die Darstellungsform SPIEGEL-Story 6
2.3 Sprache und Stilmittel des SPIEGEL 8
2.3.1 Sprachliche Charakteristika des SPIEGEL 9
2.3.2 Funktionen und Wirkungen der Sprache des SPIEGEL 13
2.3.3 SPIEGEL Online 14
3 Die Sprachverfallsdebatte im SPIEGEL 17
3.1 Anglizismen 17
3.1.1 Untersuchungskorpus 17
3.1.2 Quantitative Analyse der Artikel 22
3.1.3 Implizite Argumentation 24
3.1.4 Argumente für Anglizismen 34
3.1.5 Argumente gegen Anglizismen 36
3.1.6 Auswertung 42
3.2 Sprachverfall 54
3.2.1 Untersuchungskorpus 54
3.2.2 Quantitative Analyse der Artikel 56
3.2.3 Implizite Argumentation 58
3.2.4 Explizite Argumentation: Kein Sprachverfall 61
3.2.5 Explizite Argumentation: Sprachverfall 62
3.2.6 Auswertung 67
4 Abschließende Betrachtung 79
5 Tabellenverzeichnis 84
6 Quellenverzeichnis 85
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1 Einleitung
Der Topos vom Verfall der Sprache ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert Element der deutschen Sprachkritik. Mit dem Aufkommen der historisch vergleichenden Methodik in der Sprachwissenschaft wurde die Entwicklung der Sprache seit dem Mittelhochdeutschen zunehmend als Sprachverfall betrachtet 1 . Schopenhauer vertrat beispielsweise die Ansicht, dass die Sprache „stufenweise immer schlechter“ 2 werde. Sprachgebrauch, der als falsch eingestuft wird, schlechter Stil oder die Einführung von fremden Wörtern und Wendungen aus anderen Sprachen werden seitdem regelmäßig als Belege für den Verfall der Sprache angeführt. Diese Skepsis gegenüber dem Wandel von Sprache setzt sich bis zum heutigen Tage fort und dominiert insbesondere die öffentliche Sprachkritik in den Massenmedien. Überschriften wie „‚Eine unsäglich scheußliche Sprache’“ 3 , die eine SPIE-GEL-Titelstory benennt, zeugen von einer hauptsächlich von Pessimismus geprägten Sicht von Sprachwandel. Kritik an Sprache und Sprachgebrauch wird zumeist vor dem Hintergrund der Annahme eines stetig fortschreitenden Verfalls der Sprache geübt. In der Linguistik hingegen wird, wie schon bei Saussure, der das Prinzip der Transformation der Sprache in der Zeit formuliert hat 4 , von einem stetigen Sprachwandel entsprechend der sich ändernden sprachlichen Bedürfnisse angesichts einer sich verändernden Umwelt ausgegangen.
Die vorliegende Arbeit untersucht mittels einer Analyse der seit 1964 bis 2007 im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL und bei SPIEGEL Online erschienenen Beiträge zur Sprachverfallsthematik, mit welchen Argumenten die These vom Sprachverfall belegt wird, um die Begründungen und Implikationen daraufhin linguistischen Grundannahmen und Erkenntnissen zum Wandel von Sprache gegenüberzustellen. Die untersuchten Artikel stellen dabei einen Ausschnitt des öffentlichen Diskurses über die Entwicklung der Sprache dar. Sowohl die als Wochenzeitschrift erscheinende Printausgabe als auch die Onlineversion des SPIEGEL sind aufgrund ihrer großen Reichweite, die im folgenden Kapitel anhand von Zahlen belegt wird, als führend in ihrem jeweiligen Bereich und somit als besonders einflussreiche Medien des öffentlichen Diskurses anzusehen. Aus diesem Grund konzentriert sich die Analyse auf diejenigen Artikel in beiden Medien, die implizit oder explizit die Tendenz zu einer Meinung ausdrücken, um zu ermitteln, ob der SPIEGEL in der Sprachverfallsdebatte eine klare Position bezieht und welche dies ist. Das Ergebnis dieser Analyse wird im Hinblick auf die führende Stellung der beiden untersuchten SPIE-GEL-Medien abschließend kritisch diskutiert.
1 Vgl. Polenz (1999), S. 238.
2 Schopenhauer (1977), zitiert bei Schiewe (1998), S. 178.
3 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 126.
4 Vgl. Saussure (1997), S. 258.
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Die sprachkritischen Artikel werden in dieser Arbeit ausschließlich auf textlicher Ebene untersucht; Visualisierungen werden nicht mit berücksichtigt. Neben einer Betrachtung von quantitativen Merkmalen der ermittelten Artikel, die durch die Einteilung nach ihrer jeweiligen Tendenz und zeitlichen Verteilung erfolgt, ist das Hauptaugenmerk der Untersuchung auf die inhaltliche Analyse gerichtet. Zu diesem Zweck werden zunächst die sprachlichen Stilmittel, die zur impliziten Argumentation eingesetzt werden, identifiziert und erläutert. Anschließend wird die explizite Argumentation in den Artikeln herausgearbeitet und zusammenfassend dargestellt. Angesichts der Vielfalt der verschiedenen argumentativen Ansätze, die in den Artikeln entwickelt werden, konzentriert sich die darauf folgende kritische Auseinandersetzung auf die wichtigsten, das heißt die jeweilige Tendenz entscheidend prägenden Annahmen und Schlussfolgerungen. Die Gegenüberstellung mit linguistischen Erkenntnissen und Theorien beschränkt sich dabei aufgrund des Umfangs der Arbeit auf die entscheidenden Unterschiede zwischen öffentlichem und wissenschaftlichem Diskurs. Grundlegendes Wissen über das Wesen von Sprache und Kommunikation wird vorausgesetzt und demzufolge an den entsprechenden Stellen angeführt, jedoch nicht vertiefend, wie zum Beispiel durch die Besprechung sprachphilosophischer Grundfragen, dargestellt.
Als einleitendes Kapitel wird der Analyse der Artikel eine kurze Einführung zum Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL und der Nachrichtenseite SPIEGEL Online vorangestellt. Darin wird die Konzeption beider Medien erläutert, das heißt ihre thematische Ausrichtung, die Form der journalistischen Darstellung sowie die sprachliche Gestaltung der Darstel-lungsform erfasst. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse werden in der abschließenden Betrachtung, in der die Haltung des SPIEGEL im Hinblick auf die Untersuchungsergebnisse kritisch diskutiert wird, wieder aufgegriffen.
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2 Die Konzeption des SPIEGEL
Im Folgenden wird das Nachrichtenmagazin Der SPIEGEL kurz vorgestellt und seine Konzeption erläutert. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen vor allem die SPIEGEL-Story als häufigste und charakteristische Darstellungsform sowie Sprache und Stilmittel des SPIEGEL. Anschließend werden die Funktionen der SPIEGEL-Sprache sowie ihre Wirkungen in anbetracht der Bedeutung des SPIEGEL für die öffentliche Meinungsbildung in Deutschland zusammengefasst.
Des Weiteren erfolgt eine kurze Darstellung der Konzeption der Internetseite SPIEGEL Online. Dabei geht es um den Wirkungsradius sowie wiederum um Form und sprachliche Gestaltung der Artikel, die im Hinblick auf die im Vergleich zur Printausgabe unterschiedlichen Rezeptionsbedingungen von Online-Texten betrachtet werden. Die Merkmale der Konzeption des SPIEGEL und von SPIEGEL Online bilden die Grundlage für die darauf folgende Analyse der Artikel zum Sprachverfall. Ausrichtung und Vorgehensweise des SPIEGEL werden zudem in der abschließenden Betrachtung kritisch diskutiert.
2.1 „Das deutsche Nachrichten-Magazin“
Der seit dem 04. Januar 1947 wöchentlich erscheinende SPIEGEL bezeichnet sich selbst als „Nachrichtenmagazin“, hat seit 1968 im Jahresdurchschnitt eine Auflage von über einer Million Exemplare 5 und eine Reichweite von circa 6 Millionen Lesern 6 . Der SPIEGEL wurde der Nachfolger der im November 1946 durch einen Angehörigen der britischen Militärregierung, Major John Chaloner, nach Vorbild britischer und amerikanischer „news magazines“ ins Leben gerufenen Zeitschrift „Die Woche“. Besonders das amerikanische Nachrichtenmagazin TIME gilt als Vorbild für die Konzeption des SPIEGEL. TIME entwickelte sich seit seiner Gründung 1923 zu einem neuartigen Zeitschriftentyp, der seine Berichterstattung ausdrücklich an den Bedürfnissen des Lesers orientiert: „People are uninformed because no publication has adapted itself to the time which busy men are able to spend on simply keeping informed.“ 7 . Die hier formulierte Ausrichtung beeinflusst die Themenauswahl, Gliederung und Darstellungsweise eines Nachrichtenmagazins, das sich dementsprechend definieren lässt:
5 Vgl. Media.Spiegel.de (Datum unbekannt).
6 Vgl. Media.Spiegel.de (23.01.2008).
7 TIME-Gründer Henry Luce und Briton Hadden, zitiert nach Just (1967), S. 17.
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„Das Nachrichtenmagazin trifft eine Auswahl aus den Nachrichten einer Woche, die, in festliegenden Sparten geordnet, anonym und uniform gestaltet, reichlich illustriert, durch einen eigenwilligen Stil erzählend dargeboten, im Zusammenhang und vor einem Hintergrund geschildert und mit besonderer Zuspitzung und Voranstellung ihres menschlichen, persönlichen Elements in meist kritischer Interpretation dargestellt werden. Eine Ergänzung können mit Namen gezeichnete Kommentare bilden. Es dient somit als Zeitschrift fortlaufend und in regelmäßiger Folge einer bestimmten Stoffdarbietung, die in ihrer Universalität eine sekundäre, begrenzte Aktualität und eine wöchentliche Erscheinungsweise bedingt.“ 8
Die Auswahl der Themen erfolgt, wie schon im SPIEGEL-Statut von 1949 zu lesen, im Hinblick auf „die aktuellen Vorgänge [...], von denen angenommen werden kann, dass sie einen breiten Kreis normal interessierter Laien angehen und beschäftigen.“ 9 Aktuelle Nachrichten sowie Vorgänge mit „zeittypischer Bedeutung“ 10 sollen, im Unterschied zur Tagespresse und diese ergänzend, detaillierter, hintergründiger und aus anderen Perspektiven beziehungsweise andere Aspekte betonend vermittelt werden. Diese Zielsetzung verlangt eine spezifische journalistische Darstellungsweise, die in Form der so genannten Story oder Nachrichtengeschichte realisiert wird, welche durch eine spezifische sprachliche und stilistische Gestaltung gekennzeichnet ist. Im Folgenden werden diese konstituierenden Elemente des Nachrichtenmagazins besprochen und auf ihre Funktionen und möglichen Wirkungen untersucht.
2.2 Die Darstellungsform SPIEGEL-Story
Die Story oder Nachrichtengeschichte, eine Sonderform des Feature, ist die am häufigsten verwendete journalistische Form der Darstellung im SPIEGEL 11 und charakteristisch für die Nachrichtendarbietung des Nachrichtenmagazins. Sie wird von mehreren Autoren bearbeitet, die zumeist anonym bleiben. Nach Just kann zwischen vier verschiedenen Story-Typen differenziert werden 12 , die allerdings meist als Mischformen auftreten: S die Nachrichten- oder Enthüllungsgeschichte, die ein bisher unbekanntes, von der übrigen Presse noch nicht aufgegriffenes Ereignis schildert, S die Supplement- oder Aspektgeschichte, die einem bereits bekannten Vorgang neue Bedeutung verleiht, indem sie das Ereignis in größere Zusammenhänge ein- 8 Magnus(1967), zitiert nach Carstensen (1971), S. 20f.
9 Spiegel-Verlag (1949), zitiert nach Just (1967), S. 52.
10 Vgl. Jacobi (1962), zitiert nach Carstensen (1971), S. 21.
11 Vgl. Jacobi (1962), zitiert nach Carstensen (1971), S. 31:„Das SPIEGEL-Statut sagt zur Story-Form: ‚Die Form, in der der SPIEGEL seinen Nachrichten-(Neuigkeits-)Gehalt interessant an den Leser heranträgt, ist die Story. Damit ist gemeint, dass der Bericht über ein aktuelles Geschehen in Aktion (Handlung) umgesetzt werden sollte. Der Leser soll dadurch den Eindruck gewinnen, dass er selbst bei dem Geschehen dabei ist, es in allen Phasen miterlebt. Der Mensch wird im SPIEGEL handelnd dargestellt, das heißt er ist in Bewegung, er tut etwas, oder mit ihm wird etwas getan.’“
12 Just (1967), S. 57.
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ordnet oder neuartig interpretiert und einzelnen Faktoren besonderes Gewicht verleiht,
S das Round-up, in dem durch Zusammenfassung mehrerer, innerhalb eines längeren Zeitraumes eingegangener und meist in der Tagespresse bereits veröffentlichter Nachrichten zum gleichen Thema ein Gesamtüberblick vermittelt wird, sowie
S die Lesegeschichte, in der ein erzählenswertes Ereignis beispielsweise liebevoll oder spannend geschildert wird und die sich der „Story“ im literarischen Sinne nähert.
Die Nachricht wird in Form einer Geschichte präsentiert, hat somit einen jeweils exponierten Anfang und Schluss und soll möglichst hohen menschlichen Bezug 13 herstellen. Der Anfang besteht aus dem so genannten Lead, in dem das Interesse des Lesers geweckt werden soll. Um dieses Ziel zu erreichen sollte das Thema effektvoll eröffnet werden wie zum Beispiel durch die Schilderung einer bestimmten Szenerie, der kurzen Zusammenfassung der wichtigsten Fakten, durch ein griffiges Zitat oder die Nennung eines Konflikts. Auch die Überschrift des Artikels sowie der Titel bei Titelgeschichten 14 dienen dazu, die Aufmerksamkeit des Lesers zu wecken oder zum Lead hinzuführen, zum Beispiel wenn Überschrift beziehungsweise Titel so gestaltet sind, dass dem Leser sich daraus nicht eindeutig erschließt, worum es in dem Artikel gehen könnte, und er daraufhin den Lead liest, um es herauszufinden.
Im Idealfall gelingt es, Handlungen von Personen, einen Konflikt und eine aktuelle Problematik dramaturgisch miteinander zu verknüpfen und dadurch Spannung aufzubauen. Der erste Satz des Hauptteils soll die durch Lead und Überschrift geweckte Aufmerksamkeit des Lesers möglichst hochhalten:
„SPIEGEL-Geschichten sollen
1. mit der Tür ins Haus fallen, das heißt gleich im ersten Absatz sagen, warum und aus welchem aktuellen Anlass sie geschrieben wurden;
2. den ersten Satz wie eine Fangschnur dem Leser zuwerfen. Im ersten Satz liegt der Anreiz zum Lesen. Gleichsam mit einem ‚Hoppla’ soll der Leser in die Sache hineinspringen; […]“ 15
Zeitlicher Ausgangspunkt im Lead ist die Gegenwart. Im Hauptteil werden dann oft mehrmalige Zeit- und Ortswechsel vorgenommen 16 , um die Geschichte lebendiger wirken zu lassen und dem Leser Einblick in Hintergründe zu ermöglichen. Je nach Story-Typ
13 Vgl. Spiegelgruppe.de (Datum unbekannt):„ […]Nachrichtengeschichten, die so geschrieben werden, dass die handelnden Personen hinter den Ereignissen zu erkennen sind.“
14 Der Titel der Umschlagseite und der Titel des dazugehörigen Artikels im Textteil weichen oft voneinander ab, vgl. z. B. SPIEGEL-Ausgabe 40/2006: Titel Umschlagseite: „Rettet dem Deutsch! Die Verlotterung der Sprache“, dazugehörige Titelgeschichte: „Deutsch for sale“.
15 Jaene (1968), S. 100.
16 Vgl. Just (1967), S. 124.
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(siehe oben) kann die Akzentuierung der insgesamt recht einheitlich gehaltenen Storys variiert werden. So werden sehr häufig Aspekt- sowie teilweise Nachrichtengeschichten mit kommentarähnlichen Interpretationen versehen, während Round-ups durch einen roten Faden - meist durch kausale Verknüpfung von Ereignissen oder Orientierung an den beteiligten Personen - Kohärenz erhalten sollen. Lesegeschichten bieten den größten stilistischen Spielraum, da in ihnen vor allem Themen behandelt werden, deren Unterhaltungspotential verwertet werden soll.
Am Schluss wird zumeist wieder in die Gegenwart zurückgekehrt und der Leser mit einem Fazit entlassen. Ein solches Fazit kann zum Beispiel die jüngste Entwicklung zusammenfassen, einen Ausblick geben oder auch in Form einer wichtigen Teilnachricht 17 auftreten. In jedem Fall soll der Schluss pointiert und effektvoll sein 18 und idealerweise aus einem „knappen, feststellenden Tatsachensatz“ 19 bestehen.
Zur Erfüllung der gewünschten Wirkungen bedarf es einer spezifischen sprachlichen Gestaltung. Darstellungsform und Sprache stehen somit in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Die Sprache des SPIEGEL ist mehrfach empirisch untersucht und analysiert worden. Die für den weiteren Verlauf dieser Arbeit wichtigsten Ergebnisse von Studien zur Sprache des SPIEGEL im allgemeinen Sinne und insbesondere der sprachlichen Mittel zur Realisierung der Funktionen des Texttyps Story sollen im folgenden Abschnitt erörtert werden. Darauf aufbauend werden die Funktionen der SPIEGEL-Sprache thematisiert und mögliche Wirkungen abgeleitet.
2.3 Sprache und Stilmittel des SPIEGEL
Die SPIEGEL-Artikel zum Thema Sprachverfall werden in Kapitel 3 zunächst einer quantitativen Analyse unterzogen. Dafür werden die Meinungen und Wertungen enthaltenden Anteile der Artikel identifiziert, um die Artikel sodann nach ihrer Tendenz zu kategorisieren. Daraufhin folgt die inhaltliche Analyse, in der die implizite, das heißt durch eine bestimmte Sprache und verschiedene Stilmittel realisierte Argumentation, sowie die explizite Argumentation untersucht werden. Im Fokus der sich daran anschließenden Auswertung stehen das aus der Argumentation zu erschließende Verständnis von Sprache und ihren Funktionen, die Wirkungen, die durch die Argumentation beim Leser hervorgerufen wer-
17 Vgl.Just (1967), S. 125.
18 Vgl. dazu sehr bildhaft Kuby (1987), S. 37: „Er [der unsichtbare große Bruder] befiehlt ihnen unter anderem auch, wie eine Geschichte zu enden habe, nämlich wie ein Feuerwerk, das nicht langsam verebbt mit immer bescheideneren Lichteffekten, sondern mit einem letzten Höhepunkt pyromanischer Künste, mit dem Abbrennen einer besonders hoch steigenden, zum Superlicht-schirm sich entfaltenden Rakete, die das entzückte ‚Ah!’ der Zuschauer ein letztes Mal hervorlockt“.
19 Jacobi (1962), zitiert nach Carstensen (1971), S. 33.
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den sollen und schließlich, welche Position der SPIEGEL somit in der Sprachverfallsdebatte bezieht.
Daraus ergeben sich für die einleitende Betrachtung der Sprache und der Stilmittel des SPIEGEL folgende Schwerpunkte:
S Wie gestaltet der SPIEGEL seine Sprache in Bereichen, die im Rahmen der Sprachverfallsthematik im kritischen Fokus stehen, wie zum Beispiel die Anglizismenverwendung? (Kapitel 2.3.1)
S Welche spezifischen Stilmittel, die Meinungen wiedergeben oder erzeugen können, werden im Spiegel eingesetzt? (Kapitel 2.3.1)
S Zu welchen Zwecken wird Sprache eingesetzt, das heißt welche Funktionen werden durch die verschiedenen eingesetzten Stilmittel realisiert? (Kapitel 2.3.1 sowie 2.3.2)
In Kapitel 2.3.3 folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Merkmale der Konzeption von SPIEGEL Online.
2.3.1 Sprachliche Charakteristika des SPIEGEL
Im SPIEGEL werden zum Zwecke der besseren Lesbarkeit und einer erleichterten Verständlichkeit hauptsächlich kurze Sätze, also vornehmlich Hauptsätze geschrieben, während auf Nebensätze möglichst verzichtet wird 20 . Auffällig ist zudem die häufige Verwendung des Doppelpunkts, um Sätze kurz und prägnant wirken zu lassen. Vor allem der Lead bezieht einen Großteil seiner Wirkung aus der Prägnanz der kurzen aber informationsgeladenen Sätze.
Der Wortschatz der SPIEGEL-Sprache weist einen im Vergleich mit der Tagespresse wie zum Beispiel der Süddeutschen Zeitung hohen Anteil an Umgangssprache auf 21 . Zudem werden gezielt Wörter und Wendungen aus Berufs- und Fachsprachen verwendet. Diese Wortwahl erklärt sich aus dem Bestreben des SPIEGEL, „farbiges Deutsch“ 22 „für interessierte Laien“ 23 zu schreiben. Wörter aus Umgangs-, Berufs- und Fachsprache sollen, an den jeweiligen Gegenstand des Artikels angepasst, für größere Anschaulichkeit der In-formation sorgen und diese somit leichter zugänglich machen. Des Weiteren können durch bewussten Einsatz von Wörtern, die in dem jeweiligen Zusammenhang normalerweise nicht erwartet würden, Verfremdungseffekte erzielt werden, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und der Aussage eine bestimmte stilistische Färbung zu
20 Vgl. Yang (1990), S. 19.
21 Vgl. Lück (1963), zitiert nach Just (1967), S. 146: 7,7 Prozent reine Umgangssprache im SPIE-GEL gegenüber 1,3 Prozent in der Süddeutschen Zeitung.
22 Sackarndt (1961), zitiert nach Carstensen (1971), S. 18.
23 Löffler (1963), zitiert nach Carstensen (1971), S. 21.
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geben. Enzensberger spricht in diesem Zusammenhang von der SPIEGEL-„Masche“ und kritisiert unter anderem, dass durch die stilistische Färbung die Nachricht und ihre Auslegung, also Information und Kommentar, kaum noch zu trennen sind 24 . Carstensen vergleicht die Spielereien des SPIEGEL mit Worten und Bedeutungen mit den Mitteln des Kabaretts wie Verfremdung, Anspielung, Wortspiel, Reimzwang, Stilisierung, Abstraktion und anderen 25 . Die Verfremdung, also die Herstellung eines überraschenden und unerwarteten Zusammenhangs durch „beabsichtigtes Abweichen von der sprachlichen, vor allem der semantischen Erwartungsnorm und von einem vorgegebenen sprachlichen Zusammenhang“ 26 , sieht er für die Sprache des SPIEGEL als zentral an. Wiederum können zu diesem Zweck Wörter und Wendungen aus der Umgangssprache sowie aus Berufs-und Fachsprachen oder, siehe unten stehendes Beispiel, aus anderen Sprachstilen verwendet werden. Diese werden dann in Zusammenhängen, die hauptsächlich in Hochsprache erläutert werden, gezielt eingesetzt. Weitere Stilmittel zur Verfremdung, die im Laufe der Untersuchung der Artikel zum Sprachverfall ermittelt werden sollen, können beispielsweise ungewöhnliche Komposita, Metaphern, die Verwendung von Archaismen oder auch der Gebrauch des Diminutivs sein.
Als stellvertretendes Beispiel für die Verfremdung führe ich eine Parodie des Stils in der Bibel, die einem Lead zu einer SPIEGEL-Titelgeschichte entstammt, an:
„Und der Herr Barzel sprach: ‚Uns steht eine Wanderung bevor, durch Dornen und Disteln, vorbei an Nattern- und Otterngezücht. Ich bin bereit, voranzuwandeln.’ Die Gemeinde der Christenfraktion im Bundestag hörte die Leidensbotschaft ihres Vorsitzenden Barzel wohl. Und sie glaubte ihm. Das Wunder von Bonn geschah.“ 27
Insbesondere im Lead sowie am Schluss der SPIEGEL-Storys ist die Verfremdung ein zentrales Stilmittel, um Aufmerksamkeit zu gewinnen beziehungsweise mit einer besonderen Pointe, die zumeist eine gewisse Meinungstendenz aufweist, zu enden. Das tendenziell häufigste Ergebnis der Verfremdung im SPIEGEL ist die Ironisierung. Die Verfremdung kann zu den Formen des impliziten Argumentierens gezählt werden. Dabei handelt es sich um Stilmittel, die Meinungen und Tendenzen implizieren und damit Bedeutungen und ganze Argumentationsketten und Konnotationen bündeln können, ohne dass dies in aller Deutlichkeit zu Tage tritt. Dazu zählen außerdem Kollektivsymbole, das heißt kulturelle Stereotypen oder Topoi 28 wie Metaphern, Allegorien, Vergleiche oder anschauliche Modelle 29 sowie Präsuppositionen oder Stereotypisierungen. Im medialen Diskurs nehmen die Mittel der impliziten Argumentation eine wichtige Position ein. Die SPIE- 24 Vgl.Enzensberger (1964), S. 83.
25 Vgl. Carstensen (1971), S. 26.
26 Carstensen (1971), S. 27.
27 DER SPIEGEL 47/1969, 17.11.1969, S. 27, zitiert nach Carstensen (1971), S. 37.
28 Vgl. Drews (1985), S. 265, zitiert nach Jäger (2004), S. 133f.
29 Vgl. Link (1997), S. 25.
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GEL-Artikel zum Sprachverfall werden demzufolge mit Augenmerk auf die Identifikation dieser Mittel untersucht.
Die Sprache des SPIEGEL unterliegt einem besonders starken Einfluss der englischen Sprache. Carstensen bezeichnet den SPIEGEL als „das Haupt-Einfallstor für Amerikanismen in die deutsche Sprache nach 1945“ 30 und ermittelt in seinen Untersuchungen, dass der SPIEGEL bei der Einführung von Anglizismen in die deutsche Sprache eine Sonderstellung unter den deutschsprachigen Publikationen einnimmt. Die empirische Analyse von Yang bestätigt diese besondere Rolle des SPIEGEL: Laut Carstensen liegt der Durchschnitt bei der Verwendung von Anglizismen bei der gesamten deutschen Presse bei einem Anglizismus pro Seite 31 . Yangs Ergebnisse zeigen, dass die Verwendungshäufigkeit von Anglizismen von 1960 bis 1980 stetig zugenommen hat und bei einem Durchschnittswert von 3 Anglizismen pro Seite liegt 32 . Diese sind zu 92,16 Prozent Substantive 33 und zu 54,2 Prozent Komposita, welche wiederum zu 73 Prozent als Mischkomposita auftreten 34 . Die meisten Mischkomposita, das heißt Zusammensetzungen aus englischen und deutschen Wörtern, weisen kein englisches Vorbild auf 35 und sind demnach eigene Schöpfungen des SPIEGEL. Neben dem großen Anteil von Anglizismen am Wortschatz des SPIEGEL ist im Bereich der Morphologie der Einfluss des Englischen auf die SPIEGEL-Sprache demnach besonders ausgeprägt. Speziell die Bildung von Mischkomposita zeigt in meinen Augen die aktive Rolle, die der SPIEGEL für die Einführung von Anglizismen in die deutsche Sprache spielt. Den bedeutenden Einfluss der Pressesprache auf die deutsche Gegenwartssprache beschreibt Hugo Moser 1959:
„Die Zeitung übernimmt weithin die frühere Funktion der Dichtung. Sie vermittelt zusammen mit dem populärwissenschaftlichen Buch der allgemeinen Hochsprache die Neuerungen des Wortschatzes, auch solche fachsprachlicher Art; bis zu einem gewissen Grad ist die Zeitungssprache auch selbst sprachschöpferisch. Neuerdings teilt sie diese vermittelnde Funktion mit dem Rundfunk und dem Fernsehfunk, aber immer noch ist ihr Einfluss ungleich größer, nicht nur weil sie quantitativ mehr Sprachstoff an ihr ‚Publikum’ heranträgt als jene neueren Einrichtungen, sondern auch weil das gedruckte Wort beständiger ist als das flüchtige gesprochene […].“ 36
Besondere Bedeutung hat dabei vor allem die Tatsache, dass, wie Carstensen beobachtet hat 37 , vom SPIEGEL eingeführte Anglizismen von anderen Zeitungen und Zeitschriften
30 Carstensen (1975), S. 14.
31 Vgl. ebd., S. 14. Solche Angaben sind natürlich nicht unproblematisch, da eine Seite in verschiedenen Formaten unterschiedlich viel Text enthalten kann. Ein Beleg wurde unglücklicherweise nicht angegeben.
32 Vgl. Yang (1990), S. 166. Das sogenannte innere Lehngut (Lehnprägungen wie Wolkenkratzer etc.) wurde dabei, im Gegensatz zu Carstensens Untersuchungen, bei dieser Untersuchung nicht mit berücksichtigt.
33 Vgl. ebd., S. 166.
34 Vgl. ebd., S. 169.
35 Vgl. ebd., S. 169.
36 Moser (1969), S. 446f., vgl. kritisch dazu Plümer (2000), S. 84ff.
37 Vgl. Carstensen (1975), S. 14.
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übernommen werden und damit ein wesentlich größerer Wirkungsradius erzeugt wird, als der SPIEGEL allein erreichen könnte 38 .
Auf semantischer Ebene können Anglizismen und Mischkomposita deutsche Wortfelder auf denotativer oder konnotativer Ebene erweitern. Dabei werden englische Wörter im Regelfall nur mit einem Teil ihres Bedeutungsumfangs ins Deutsche entlehnt, wo sie ihrerseits Bedeutungserweiterungen erfahren oder in übertragender Bedeutung zum Gebrauch in andere Zusammenhänge überführt werden können. Wiederum kommt dem spielerischen Umgang mit der Sprache eine besondere Bedeutung zu: Als Stilmittel zur größeren Variationsmöglichkeit, Bildhaftigkeit, Präzision, Authentizität („Lokalkolorit“), Ironisierung oder als Euphemismus stellt der Anglizismus ein nützliches Instrument dar. Die Erfüllung solcher Funktionen stellt neben der sprachlichen Ökonomie 39 das Hauptmotiv für die Verwendung von Anglizismen im SPIEGEL dar. Als Beispiele möchte ich zwei Mischkomposita nennen, in denen der englische Teil aus seinem eigentlichen Verwendungszusammenhang herausgelöst und als Determinatum in einen neuen, für den Leser ungewohnten Zusammenhang übertragen wurde, um die Stilfigur des Oxymorons zu erzeugen: Christus-Fan 40 und Tarif-Twist 41 . Hier dient die Verwendung der Komposition der Verkürzung, die den Leser durch die unkonventionelle Kombination der Wörter überrascht und damit seine Aufmerksamkeit gewinnt und eine ironische Wirkung herstellt 42 . Die Komposition ist dabei ungenauer als beispielsweise die Verknüpfung von Sätzen und kann zu Missverständnissen führen, hat aber eine wesentlich stärkere Wirkung, da sie einprägsamer ist und die Beziehung der verknüpften Elemente deutlicher wird und enger erscheint. Sie ist, sowohl mit englischem Anteil als auch ohne, ein bedeutendes Instrument der SPIEGEL-Sprache und dient zumeist der verkürzten Darstellung von sonst durch attributive Ausdrücke oder Relativsätze erörterten Sachverhalten. Als Stilmittel wird sie zugunsten des Verfremdungseffekts zumeist aus gegensätzlichen Wörtern oder aus Wörtern aus unterschiedlichen Bereichen gebildet.
38 Ein Beispiel wäre laut Carstensen (1975), S. 17f. die Aufgabe des nachgestellten Genitivs zugunsten von Komposita mit Voranstellung wie Frankreichs De Gaulle, Münchens Vogel etc., die nach Vorbild des amerikanischen Magazins „Time“ durch den Spiegel in die deutsche Sprache gekommen seien.
39 Vgl. Der SPIEGEL Nr. 30/1979, S. 3: Hausmitteilung, Betr.: Fremdwörter: “Wie dem auch sei: Von den vielen Gründen, mit denen der gebildete Theodor W. Adorno einst im Essay „Wörter aus der Fremde“ deren Gebrauch verteidigte, dürften SPIEGEL-Autoren im Ernst nur einen anführen: „Das Bedürfnis nach Verkürzung veranlasst überhaupt zur Wahl von Fremdwörtern.“ Lehnwörter sind hier mit Sicherheit hinzuzurechnen (Anmerkung des Verfassers).
40 DER SPIEGEL 22/1962, 30.05.1962, S. 52, zitiert nach Carstensen (1975), S. 26.
41 DER SPIEGEL 33/1962, 15.08.1962, S. 40, zitiert nach Carstensen (1975), S. 21.
42 Vgl. hierzu auch Polenz (1999), S. 405: „Dieser Stilfigur des (oft anachronistischen) Nicht-Zusammenpassenden bedient sich zur Ironisierung gern das Nachrichtenmagazin ‚Spiegel’: Christus-Fan, Wiedervereinigungs-Job, Richard-Wagner-Festival (statt -Festspiele), King-Size-Kalesche (für ‚Mercedes 600’),…Code-Switching ist überhaupt ein beliebtes Mittel der Ironisierung.“
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2.3.2 Funktionen und Wirkungen der Sprache des SPIEGEL
Die Funktionen der Sprache im publizistischen Prozess können nach Just unterteilt werden in Information, Wirkung, Exklusivität oder keiner spezifischen Funktion 43 . Dabei kann ein sprachliches Element mehrere Funktionen auf einmal erfüllen. Die Komposition des SPIEGEL kann beispielsweise zugleich durch Verkürzung Informationen bündeln, durch Ironisierung eine gewisse Tendenz zu einer Meinung enthalten und durch die ungewöhnliche und neue Art der Wortkombination den SPIEGEL von anderen Publikationen abheben.
Der SPIEGEL hat seine Sprache eindeutig darauf ausgerichtet, auf den Leser zu wirken, indem zunächst die Aufmerksamkeit des Lesers gewonnen werden soll, um sodann die Informationen so interessant und plastisch wie möglich zu präsentieren und sie durch entsprechende Gliederung leicht zugänglich zu machen. Der Leser wird vor allem durch Form und Verlauf der SPIEGEL-Story eng an die Darstellung gebunden und bekommt viele Informationen im Gewand von Stilmitteln präsentiert, die implizit Tendenzen zu Wertungen oder Meinungen enthalten. Just ermittelt für die SPIEGEL-Storys für das Jahr 1966 einen Anteil der Meinung enthaltenen Elemente von 28 Prozent 44 , während insgesamt 62 Prozent der Storys eine Tendenz zu einer Meinung aufweisen 45 . Das Streben nach Wirksamkeit birgt das Risiko, die enthaltene Information zu verzerren oder ungenau wiederzugeben, da der Leser nicht immer eindeutig die reine Information von ihrer Deutung trennen kann 46 . Allein die Reihenfolge, in der die Informationen in der Story präsentiert werden, kann, zum Beispiel durch den Eindruck von Kausalität, bereits interpretierend wirken. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob sich die Autoren der möglichen Interpretationsvarianten bewusst sind und die jeweilige implizit enthaltene Tendenz somit in beabsichtigter oder unbeabsichtigter Weise ihre Wirkung auf den Leser entfaltet.
Die Wirkungen von SPIEGEL-Artikeln auf ihre Leser haben besonders angesichts der Reichweite des SPIEGEL gewichtige Bedeutung für die Meinungsbildung in Deutschland. Die knapp über 6 Millionen Leser stellen 9,4 Prozent der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland dar. Der Ausbildungsgrad der SPIEGEL-Leserschaft weist gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt einen signifikant höheren Bildungsgrad auf: Im Jahre 1980 haben die Leser des SPIEGEL zu 31 Prozent Abitur und Hochschulbildung, während diesbezüglich der Anteil an der Gesamtbevölkerung bei 10 Prozent liegt. 47 Des Weiteren wird der SPIEGEL im Jahre 1980 von „31,2 Prozent der Männer […] in führenden
43 Vgl. Just (1967), S. 143f.
44 Vgl. ebd., S. 141.
45 Vgl. ebd., S. 161.
46 Dies gibt auch Enzensberger zu bedenken, vgl. Enzensberger (1964), S. 83.
47 Vgl. Yang (1990), S. 20f.
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Berufen (größere Selbständige, freie Berufe, leitende Angestellte und höhere Beamte)“ 48 gelesen.
Ein besonders deutlicher Nachweis für die Bedeutung des SPIEGEL ist seine Zitierrate: Im Jahr 2006 ist der SPIEGEL mit weitem Abstand das meistzitierte Medium in Deutsch-land 49 .
2.3.3 SPIEGEL Online
Gleiches gilt für SPIEGEL Online für den Bereich der Nachrichtenseiten im Internet 50 . Eine Studie von Julia Bönisch über das journalistische Profil von SPIEGEL Online zeigt die hohe Reichweite des Online-Nachrichtenangebots auf und hebt hervor, dass vor allem die die öffentliche Meinung mitbestimmenden Journalisten zu über 95 Prozent auf das Angebot von SPIEGEL Online zurückgreifen 51 . Boenisch kommt zu dem Ergebnis, dass SPIE-GEL Online sich, wie im Bereich der Printmedien der SPIEGEL, seit Aufnahme der aktuellen Berichterstattung im Sommer 1996 zu einem Leitmedium entwickelt hat 52 . Angesichts der immer stärker wachsenden Bedeutung der Online-Medien für die Nachrichtenverbreitung 53 werden auch bei SPIEGEL Online erschienene Artikel in diese Untersuchung mit einbezogen. Aus diesem Grund folgen ein paar kurze Bemerkungen zur strukturellen und sprachlichen Gestaltung der Artikel bei SPIEGEL Online.
Der Hypertext, den das World Wide Web darstellt, ist multi-linear organisiert. Der Nutzer kann interaktiv durch das Netz der Informationen navigieren und durch Hyperlinks die Reihenfolge der ihm dargebotenen Informationen selbst bestimmen. Das große Angebot an Hyperlinks, die den Nutzer zum nächsten Dokument führen können, um ihm Hinter-grundinformationen zu liefern oder ein Thema zu vertiefen, zeigt, wie journalistische Darstellungen im Internet sich den veränderten Rezeptionsbedingungen anpassen. Da der Leser somit weniger stark an den jeweiligen Text und seinen Verlauf gebunden ist, übernimmt der Lead die zentrale Rolle, den Leser einzufangen und seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Für die Entscheidung, einen Text zu lesen, hat der Lead meist entscheidende Bedeutung und sollte entsprechend effektvoll gestaltet sein. Da der SPIEGEL von jeher in seinen Storys großen Wert auf einen wirkungsvollen Lead gelegt hat, unterscheiden sich
48 Yang (1990), S. 22.
49 Vgl. Media.Spiegel.de (Datum unbekannt b).
50 Vgl. ebd.
51 Boenisch (2006), S. 143.
52 Ebd., S. 143.
53 Laut AGOF (Arbeitsgemeinschaft Online Forschung) erreichte SPIEGEL Online in einem Untersuchungszeitraum von Juli bis September 2007 4,52 Millionen Unique User sowie einen Anteil von
11,2 Prozent der Internet-Nutzer in einem durchschnittlichen Monat (Vgl.: Agof.de (2007)). Dies ist sicherlich vor allem der im Vergleich zu Printmedien erheblich größeren Möglichkeit zur ständigen Aktualität und dem leichteren, zumal gratis angebotenen Zugang zu verdanken.
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Print- und Online-Ausgabe des SPIEGEL dahingehend kaum. 2 bis 3 kurze Sätze, in denen die für den Ausgangspunkt des jeweiligen Themas wichtigsten W-Fragen (Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Nach welcher Quelle?) beantwortet werden und die in Frageform oder mit Doppelpunkten gegliedert starken Bezug aufeinander nehmen, sollen möglichst wirkungsvoll an den Text heranführen.
Die Texte sind kürzer gehalten, da sich das Lesen langer Texte am Monitor aufgrund der größeren Anstrengung für die Augen zumeist keiner großen Beliebtheit erfreut. Davon abgesehen lässt sich eine große Ähnlichkeit zwischen den typischen SPIEGEL-Storys und den online erscheinenden Texten ausmachen. Vor allem der häufig auftretende menschliche Bezug, also die Darstellung der Perspektive eines Protagonisten, sowie der möglichst pointierte Schluss erwecken den Eindruck einer Story in Kurzform. Die Struktur der Texte ist von eher kurz gehaltenen Absätzen gekennzeichnet. Dabei ist die Informationsdichte höher, während die einzelnen „Etappen“ der Story weniger ausschweifend gestaltet werden.
In sprachlicher Hinsicht finden sich die bereits für die Printausgabe festgehaltenen Charakteristika, die hier nicht noch einmal erläutert werden sollen. Allerdings ist die sprachliche Gestaltung einfacher gehalten, das heißt, dass Stilmittel wie Verfremdung, Metaphern etc. im Vergleich zur Printausgabe weniger häufig eingesetzt werden. Dies ist wohl der unterschiedlichen Rezeptionssituation geschuldet: Die Texte sollen leichter konsumierbar sein, da das Lesen elektronischer Texte an sich schon anstrengender ist als das Lesen von Printtexten.
Die Onlineausgabe, die redaktionell unabhängig vom Printbereich arbeitet, ist aufgrund ihrer ständigen Aktualisierbarkeit stärker auf die Publikation von tagesaktuellen Nachrichten ausgerichtet 54 als der wöchentlich erscheinende SPIEGEL, wobei die Vorgabe der Printausgabe, Nachrichten mit ihren Hintergründen, aus anderer Perspektive und mit anderen Schwerpunkten als der bloßen Nennung der wichtigsten Fakten zu präsentieren, beibehalten wird. Die Konzentration auf Vorgänge mit „zeittypischer Bedeutung“ 55 steht auch bei SPIEGEL Online im Vordergrund.
Festzuhalten ist folglich, dass der Darstellungsstil von SPIEGEL Online in vielerlei Hinsicht dem des SPIEGEL entspricht und die Artikel zum Sprachverfall insofern unter identischen Kriterien untersucht werden können. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Leserschaft der Online-Ausgabe einen niedrigeren Altersdurchschnitt hat als diejenige
54 Vgl. den SPIEGEL Online-Slogan: „Schneller wissen was wichtig ist.“ Auf SPIEGEL Online trifft damit paradoxerweise die wörtliche Bedeutung des Begriffs „Nachrichtenmagazin“ in höherem Maße zu als auf den SPIEGEL selbst.
55 Vgl. Jacobi (1962), zitiert nach Carstensen (1971), S. 21. Siehe auch Kapitel 2.1.
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der Printausgabe 56 und die somit unterschiedliche Zielgruppenorientierung sich zum Bei-spiel auf die Themenauswahl auswirken dürfte.
Die in diesem Kapitel zur Konzeption des SPIEGEL und von SPIEGEL Online erarbeite-
ten Ergebnisse werden in der folgenden Analyse der zum Thema Sprachverfall erschie-nenen Artikel wieder aufgegriffen und in die abschließende kritische Betrachtung mit ein-
bezogen.
56 Laut ACTA (Allensbacher Computer und Technik Analyse) sind 74 Prozent der SPIEGEL Online Nutzer zwischen 20 und 49 Jahre alt (Vgl. Quality-Channel (Januar 2005), S. 2), beim SPIEGEL macht diese Altersgruppe im ersten Quartal 2008 lediglich 54 Prozent aus (Vgl.: Media.Spiegel (Datum unbekannt b)).
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3 Die Sprachverfallsdebatte im SPIEGEL
3.1 Anglizismen
Die Kritik am Gebrauch fremdsprachiger Wörter lässt sich bis zum 17. Jahrhundert und den Verdeutschungen von Fremdwörtern zu Zeiten der barocken Sprachgesellschaften zurückverfolgen 57 . Die Einwirkung des Englischen auf die deutsche Sprache wurde indes gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstmals zum Objekt kritischer Betrachtung 58 . Im Laufe des 20. Jahrhunderts ist die Zahl der Entlehnungen aus dem Englischen fortwährend gestiegen, wie zum Beispiel in Westdeutschland während der Besatzungszeit nach 1945 59 . Seit den Neunziger Jahren bis heute dominiert die Diskussion um den Einfluss der englischen Sprache auf das Deutsche, neben der Debatte um die Reform der Rechtschreibung, den öffentlichen sprachkritischen Diskurs 60 . Dementsprechend stellen Artikel zur Verwendung von Anglizismen insgesamt den mit Abstand größten Anteil an Beiträgen zum Thema Sprachverfall im SPIEGEL und bei SPIEGEL Online dar. Der Untersuchung dieser Artikel und ihre Auswertung werden deshalb in diesem separaten Kapitel dargestellt. Im Anschluss (Kapitel 3.2) wird die Analyse aller weiteren ermittelten Artikel zum Sprachverfall erfolgen.
3.1.1 Untersuchungskorpus
DER SPIEGEL
Im folgenden Abschnitt werden die SPIEGEL-Artikel über Anglizismen zunächst zum besseren Überblick quantitativ dargestellt und in den darauf folgenden Kapiteln auf ihre inhaltlich und sprachlich signifikanten Elemente untersucht. Der Fokus soll im Hinblick auf die Zielsetzung dieser Arbeit auf die Position des SPIEGEL und die dieser Position zugrunde liegende Argumentation gerichtet sein. Demzufolge werden die Artikel nach vorhandener explizit oder implizit formulierter Meinungstendenz ausgewählt und inhaltlich sowie sprachlich analysiert. Einfache Meldungen, bei denen keine explizite oder implizite Meinungstendenz festgestellt werden konnte, wie zum Beispiel die Information über neu erschienene Publikationen zum Thema Anglizismen, werden ausgeklammert. Ebenso unbe- 57 Vgl.Schiewe (1998), S. 62ff. Auf eine ausführliche Einführung in die Geschichte des Fremdwortpurismus soll hier aus Platzgründen verzichtet werden.
58 Vgl. Polenz (1999), S. 400.
59 Vgl. ebd., S. 401.
60 Vgl. Spitzmüller (2006), S. 42.
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rücksichtigt bleiben die diversen Leserbriefe sowie die Interviews zu diesem Thema, da diese zwar zum Diskurs beitragen, jedoch nicht ausdrücklich die Meinung des SPIEGEL vertreten 61 . Beiträge von Gastautoren hingegen werden in die Untersuchung mit einbezogen, da diese ja ihren Artikel exklusiv für den SPIEGEL schreiben und ihn somit genauso vertreten wie die fest angestellten Autoren.
Der erste Artikel im SPIEGEL, der Anglizismen thematisiert, erschien am 27.05.1964 in Story-Form unter dem Titel „Parlez-vous franglais?“ und beschäftigt sich ausschließlich mit den Anglizismen in der französischen Sprache und dem unter demselben Titel erschienenen Buch des französischen Anglizismenkritikers René Etiemble. Die folgenden zwei Artikel vom 23.07.1979 („Hausmitteilung: Betr. Fremdwörter“) und vom 03.02.1986 (Story: „Ein halber Goethe“) enthalten Standpunkte zum übergeordneten Thema Fremdwörter. Ab dem Jahr 1998 bis zum Jahr 2006 ist zu beobachten, dass Anglizismen im SPIEGEL regelmäßig ein Thema sind, das in verschiedenen Zusammenhängen dargestellt wird. Den bisherigen Höhepunkt der Thematisierung des Sprachverfalls stellt die SPIEGEL-Titel-Story „Deutsch for sale“ 62 dar. Diese nimmt eine umfassende Be-standsaufnahme des Zustands der deutschen Gegenwartssprache vor, in der Anglizismen eine gewichtige Rolle zugestanden wird.
Die folgende Tabelle 1 gibt einen Überblick über die ermittelten Artikel, ihr Erscheinungsdatum sowie ihre Darstellungsform. Die Artikel sind zum besseren Überblick je nach ihrer jeweiligen Tendenz eingefärbt: rot für anglizismenkritische, grün für purismuskritische und grau für ausgewogene Artikel.
61 Dass bereits die Auswahl der Meldungen, der abzudruckenden Leserbriefe und besonders der Interviewpartner (sowie in weiterer Folge die Auswahl der dem Interviewpartner zu stellenden Fragen) Meinung beinhalten beziehungsweise die Intention, einen bestimmten meinungsbildenden Effekt zu erzielen, dieser Auswahl zugrunde liegen kann, ist dem Autor bewusst, wird aber auf-grund des allzu mutmaßlichen Charakters solcher Schlüsse vernachlässigt.
62 Schreiber (02.10.2006).
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SPIEGEL Online
Artikel, die Anglizismen thematisieren, stellen auch bei SPIEGEL Online neben den Artikeln zur Rechtschreibreform den mit Abstand größten Anteil an sprachkritischen Beiträgen dar. Die Auswahl der bei SPIEGEL Online erschienenen Artikel wurde wie gesagt auf die Artikel beschränkt, die explizit oder implizit Meinung enthalten. Wie bereits in Fußnote 61 zu den einleitenden Bemerkungen zu den SPIEGEL-Artikeln angesprochen, war es auch hier teilweise problematisch, Artikel diesbezüglich einzuordnen, da bereits die Entscheidung, ein Thema als relevant genug für einen Beitrag einzustufen, als Ausdruck von Meinung gewertet werden kann und zudem nicht in jedem Fall eindeutig Meinung enthaltende Elemente identifiziert werden konnten. Artikel, bei denen Meinungstendenzen allzu rudimentär enthalten und nicht eindeutig als intentional zu identifizieren sind, wurden daher ausgeklammert. Nähere Erläuterungen dazu folgen in Kapitel 3.1.2. Dennoch soll hier Erwähnung finden, dass es sich zeigte, dass SPIEGEL Online dem anglizismuskritischen Verein Deutsche Sprache (VDS) ein hohes Maß an Relevanz zuzusprechen scheint, da von den insgesamt 24 insgesamt ermittelten Artikeln zu Anglizismen 14 Beiträge den VDS explizit erwähnen. Dabei sind in über 70 Prozent der Fälle Aktivitäten des VDS der Aufhänger des Artikels beziehungsweise dienen als roter Faden, wie zum Beispiel die regelmäßige Berichterstattung über die Verleihung des Titels „Sprachpanscher des Jahres“ 63 .
Eine Übersicht über die ermittelten Artikel gibt die folgende Tabelle 2. Wiederum sind anglizismenkritische Artikel rot, purismuskritische Artikel grün und ausgewogene Beiträge grau eingefärbt.
63 Über die Wahl der Sprachpanscher der Jahre 2000, 2001, 2003, 2004 und 2007 wurde jeweils bei SPIEGEL Online berichtet.
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Schwerpunkte der Analyse
Die Ergebnisse der Analyse der ermittelten SPIEGEL-Artikel über Anglizismen werden in den nachstehenden Kapiteln dargestellt. Die Analyse konzentriert sich auf folgende Schwerpunkte:
S Quantitative Analyse der Artikel: anglizismenkritisch / purismuskritisch / neutral (Kapitel 3.1.2),
S Implizite Argumentation: Kollektivsymbolik, Verfremdung, Schlagwörter etc. (Kapitel 3.1.3),
S Explizite Argumentation pro Anglizismen (Kapitel 3.1.4), S Explizite Argumentation contra Anglizismen (Kapitel 3.1.5).
In der anschließenden Auswertung der Analyse in Kapitel 3.1.6 werden die Implikationen der Argumentation insbesondere im Hinblick auf folgende Gesichtspunkte überprüft: S Welche Funktionen von Sprache stehen im Vordergrund? S Welches Verständnis von Sprache und Kommunikation liegt den Ausführungen zugrunde?
S Welche Rolle wird Sprache für die nationale Kultur und Identität zuerkannt?
Zu guter Letzt werden die aus den Ergebnissen abzulesenden wichtigsten Merkmale der Position des SPIEGEL zusammengefasst, um diese in der abschließenden Betrachtung kritisch zu diskutieren (Kapitel 4).
3.1.2 Quantitative Analyse der Artikel
Von den 36 untersuchten Artikeln zum Thema Anglizismen sind zweiundzwanzig Artikel, also rund 61,1 Prozent, als anglizismenkritisch einzustufen. Bei sechs der anglizismenkritischen Artikel ist das Hauptargument gegen Anglizismen die durch sie entstehende Verständnisbarriere 64 , bei dreizehn dieser Artikel war der Einfluss der Anglizismen auf die deutsche Sprache und ihre Sprecher - vor allem die Verdrängung deutscher Wörter und Wendungen durch englische - Hauptansatzpunkt der Kritik 65 .
64 Vgl. Tuma (15.09.2003), Unbekannter Autor (07.05.1990), Lehmann (04.05.2001), Leffers (28.07.2004), Neubacher (18.04.2005), Unbekannter Autor (20.04.1998).
65 Vgl. Unbekannter Autor (16.10.2000), Unbekannter Autor (31.08.2001), Hochhuth (16.03.1998), Schlamp (14.02.2005), Bölsche (26.06.2000), Sick (30.07.2003), Sick (20.08.2003), Beyer (29.05.2000), Raeithel (30.10.2000), Unbekannter Autor (21.04.1999), Alexander (16.07.2001), Sick (31.10.2006), Schreiber (02.10.2006).
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Acht Artikel (rund 22,2 Prozent) sind als purismuskritisch einzuordnen, wobei drei davon die französische Sprachpolitik betreffen 66 , zwei davon Aktionen des Vereins deutsche Sprache kritisieren 67 und ein weiterer die Forderung nach einem Sprachschutzgesetz polemisiert 68 .
Weitere sechs Artikel (rund 16,7 Prozent) berichten verhältnismäßig ausgewogen über Anglizismenverwendung, darunter auch eine Hausmitteilung, die auf Kritik seitens der Leser, im SPIEGEL würden zu viele Fremdwörter verwendet, antwortet 69 . Die hier erfolgte Einstufung der Tendenz erfolgt nach der Identifikation von Meinung tragenden Elementen, also sowohl expliziten als auch impliziten Argumentationen. Bei dieser Ermittlung kam es zu verschiedenen Problemen, die für die abschließende kritische Betrachtung aufschlussreich sein dürften. So werden häufig verschiedene Positionen innerhalb eines Artikels eingenommen, so dass es schwierig ist, dem gesamten Artikel eine eindeutige Tendenz zuzuschreiben. Nach kritischen Ausführungen zu Anglizismen findet zum Beispiel eine Distanzierung von Anglizismuskritikern und Puristen wie den Mitgliedern des Vereins Deutsche Sprache oder der französischen Sprachpolitik 70 statt, die die vorhergehenden, oftmals stark polarisierenden Ausführungen wieder relativiert. Somit sind purismuskritische Elemente oft ein Bestandteil anglizismuskritischer Artikel, deren Anteil anglizismenkritischer Elemente jedoch überwiegt, was zu ihrer Einstufung führte. Folglich weisen einige Artikel unterschiedliche Tendenzen auf. Letztlich wurde zu ihrer Einstufung geprüft, welcher Meinungsanteil in dem jeweiligen Anteil dominiert, was in den meisten Fällen zu einer eindeutigen Entscheidung führte 71 . Lediglich über einzelne Einstufungen könnte man sicherlich trefflich streiten. Für die spezifische Analyse der einzelnen Argumente wird die Gesamttendenz des jeweiligen Artikels jedoch ohnehin nur eine un-tergeordnete Rolle spielen.
Bei den ausgewogenen Artikeln wird der Positionswechsel innerhalb der Artikel besonders deutlich: zum Beispiel werden sowohl diejenigen, die Anglizismen vermehrt benutzen, als auch diejenigen, welche dies verurteilen, ironisch dargestellt 72 . In einem anderen Artikel wird eine ironisierende Einleitung vorangestellt, deren distanzierende Wirkung durch die nachfolgenden, neutralen Schilderungen wieder relativiert wird 73 . Die Positionen heben sich insofern gegenseitig auf.
66 Vgl. Unbekannter Autor (27.05.1964), Unbekannter Autor (15.02.1993), Unbekannter Autor (16.05.1994).
67 Vgl. Müller (21.02.2003), Stöcker (15.07.2007).
68 Vgl. Unbekannter Autor (05.02.2001).
69 Vgl. Unbekannter Autor (23.07.1979).
70 Vgl. Alexander (16.07.2001), S. 162; Hochhuth (16.03.1998), S. 274, Tuma (15.09.2003).
71 Das Fazit oder die Pointe am Ende einer Story gaben dabei im Zweifelsfall Aufschluss darüber, welche Tendenz der Autor dem Leser auf den Weg geben möchte.
72 Vgl. Flohr (17.12.2007).
73 Vgl. König (27.06.2007).
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Bei einigen Artikeln, die keine explizite Argumentation für oder gegen Anglizismen aufweisen, ist die Tendenz lediglich am implizit Meinung enthaltenden Sprachgebrauch abzulesen 74 . Besonders die bei SPIEGEL Online erschienenen Artikel haben aufgrund ihrer teilweisen Kürze eher Meldungscharakter und weisen zum Teil nur geringen Meinungsanteil auf 75 .
Neben der Betrachtung der expliziten Argumentation brachte die Identifikation und Analyse der implizit wertenden Elemente wichtige Erkenntnisse für die Einstufung der Artikel. Im Folgenden werden zunächst die wichtigsten Ergebnisse der Analyse der impliziten Argumentation zusammenfassend dargestellt, um anschließend die explizite Argumentation zu betrachten.
3.1.3 Implizite Argumentation
In diesem Kapitel werden die implizit Meinung enthaltenden Anteile der untersuchten Artikel zusammengefasst und erläutert. Dabei stehen vor allem Kollektivsymbole, Verfremdungen, Schlagwörter sowie die Lexik wie zum Beispiel Personen- beziehungsweise Gruppenbezeichnungen im Fokus.
Kollektivsymbole
Kollektivsymbole wie Metaphern, Allegorien, Vergleiche oder anschauliche Modelle können als Mittel der impliziten Argumentation verwendet werden, „weil sie allen Menschen (eines kulturellen Zusammenhangs) unmittelbar einleuchten, da sie von allen Mitgliedern einer Gesellschaft, also kollektiv gelernt sind, kollektiv benutzt und verstanden werden.“ 76 Als „Interpretations- und Deutungsraster für die gesellschaftliche Wirklichkeit“ 77 implizieren sie „elementar ideologische Wertungen“ 78 und sind demzufolge von gewichtiger Bedeutung für die „individuelle Urteilsbildung und die Verfestigung von Wissen“ 79 . Ein ganzes Repertoire an Konnotationen kann beim Leser durch die Verwendung von Kollektivsymbolen aktiviert werden. Auf diese Weise können somit durch Kollektivsymbole ganze Argumentationen gebündelt und implizit vermittelt werden.
Die Metapher ist das mit Abstand am zahlreichsten vertretene, implizit Meinung enthaltende Stilmittel, durch das in den untersuchten Artikeln die Eigenschaften von Anglizismen und die Auswirkungen ihres Gebrauchs symbolisch dargestellt werden. Die ermittelten Metaphern lassen sich in drei Kategorien einteilen: Metaphern aus den Bereichen
74 Vgl. Grimm (20.10.2000), Lehmann (04.05.2001); Unbekannter Autor (15.02.1993).
75 Vgl. Unbekannter Autor (31.08.2001), Unbekannter Autor (21.04.1999).
76 Jäger (2004), S. 137.
77 Ebd., S. 141.
78 Ebd.
79 Ebd.
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Organismus, Natur sowie Krieg und Gewalt. Auffällig ist, dass die metaphorischen Stilmittel durchweg negative Assoziationen wecken.
Sprache wird vielfach implizit als Organismus dargestellt. Der „anglo-amerikanische Fremdkörper“ 80 Anglizismus „befällt“ 81 die „weltweit absterbende deutsche Sprache“ 82 . Wie ein „Virus“ 83 „infiziert“ 84 der Anglizismus die dadurch „kranke Sprache“ 85 . Krankheit und mögliche Todesfolge werden also als Auswirkungen des Eindringens von Anglizismen in den deutschen „Sprachleib“ 86 diagnostiziert. Ferner werden Anglizismen im Gegensatz zu „heimische[n] Sprachgewächse[n]“ 87 als „Sprachmutation“ 88 sowie als „Wortplomben“, die „Bedeutungen aufsaugen“ 89 , bezeichnet. Demnach wären Anglizismen also, laut DUDEN, „spontane oder künstlich erzeugte Veränderungen im Erbgefüge“ 90 oder den Zugriff verhindernde Versiegelungen. Das Wort Mutation, das ursprünglich einfach nur Veränderung meinte 91 , ist im heutigen Sprachgebrauch negativ konnotiert und betont die Unwiderrufbarkeit einer solchen Änderung. Die Bezeichnung „Wortplomben“ impliziert, dass Anglizismen - als Beispiel werden im weiteren Verlauf des Artikels cool, Event und chatten genannt - die deutsche Sprache quasi versiegelten und die Ausdrucksvielfalt schmälerten. Dies sei die Folge der Bündelung von Bedeutungen im Falle von cool und Event, was durch Metaphern wie „sprachliche Staubsauger“ beziehungsweise „Überdeckungsgewächse“ veranschaulicht werden soll 92 , sowie des einschränkenden Charakters von Anglizismen wie Event und chatten. So sei die Konversion 93 von Event zu eventen nicht möglich 94 , während chatten die weitere Wortbildung und damit mögliche Ausdrucksdifferenzierung durch Präfixbildung, wie zum Beispiel ver-chatten im Sinne von die Zeit verplaudern, nicht zulasse 95 . Im Kapitel 3.1.5 wird diese Argumentation, die in diesem Fall zunächst durch die Metapher „Wortplomben“ implizit ausgedrückt und im weiteren Verlauf explizit dargestellt wird, wieder aufgegriffen.
80 Unbekannter Autor (27.05.1964), S. 120.
81 Bölsche (26.06.2000), S. 119.
82 Hochhuth (16.03.1998), S. 271.
83 Bölsche (26.06.2000), S. 118 (Lead) sowie Alexander (16.07.2001), S. 161.
84 Bölsche (26.06.2000), S. 118; Alexander (16.07.2001), S. 162; Falksohn (25.07.2005), S. 101 sowie Schlamp (14.02.2005), S. 133.
85 Schreiber (02.10.2006), S. 185.
86 Raeithel (30.10.2000), S. 242.
87 Stöcker (15.07.2007).
88 Sick (20.08.2003), im Gegensatz dazu ironisch: Unbekannter Autor (15.02.1993), S. 219: „grässlichen Mutanten ‚Franglais’.“
89 Alexander (16.07.2001), S. 162.
90 Vgl. DUDEN (1997), S. 538.
91 Vgl. Kluge (1995), S. 577.
92 Alexander (16.07.2001), S. 162f.
93 In diesem Falle verstanden als „Überführung eines Stammes in eine andere Wortklasse, ohne Zuhilfenahme eines zusätzlichen Affixes: Zelt > zelten.“ (Bußmann (1990), S. 852).
94 Alexander (16.07.2001), S. 163: „Der oder das „Event“ steht wie ein unverrückbares Möbel vor der deutschen Zunge: Ich kann nicht eventen.“
95 Vgl. ebd.
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Die Organismus-Metapher ist im Sprachverfallsdiskurs ein weit verbreiteter Topos. Der
Auswertung in Kapitel 3.1.6 werden die Implikationen dieser Sichtweise ausführlich kom-
mentiert.
Im Bereich Natur finden sich, bis auf wenige Ausnahmen wie das bereits im vorhergehen-
den Abschnitt angesprochene „Überdeckungsgewächse“ 96 und das negativ konnotierte
„eingenistet“ 97 , das unerwünschtes Eindringen impliziert, Metaphern aus dem Bereich der
Naturkatastrophen. Das „deutsche Sprachschiff“ 98 werde durch die „Welle der Anglo-
Amerikanisierung“ 99 „auf den Grund“ 100 geschickt. Die Sprache werde von der „Schwem-
me der Anglizismen“ 101 „überspült“ 102 oder „geflutet“ 103 , durch ein „Beben“ 104 „erschüt-
tert“ 105 , verseucht 106 , und könne „vom Aussterben bedroht“ 107 sein. Anglizismen seien wie
ein „zähfließender giftiger Magmabrei, der ganze Kulturlandschaften unter sich begräbt“ 108
und die Sprache „in Not“ 109 bringt.
Des Weiteren finden sich Metaphern aus dem Themenbereichen Krieg und Gewalt. Wäh-
rend Krankheit und Naturkatastrophe noch Unkontrollierbarkeit suggerieren, drängt sich
bei Metaphern wie „Invasion“ 110 oder „Vormarsch“ 111 der Eindruck einer aktiven Steuerung
der in die deutsche Sprache eindringenden Anglizismen auf. Durch den im Zuge dieses
Eindringens immer stärker werdenden Einfluss des Englischen auf das Deutsche wären
bereits durch falsche Apostroph-Setzung der Genitiv „gemeuchelt“ 112 und der „Plural ver-
stümmelt“ 113 worden. Viele der Anglizismen, die zum Wortschatz der New Economy gehö-
ren, seien nach deren Niedergang nur noch „ausgeglühte Wracks“ 114 in der deutschen
Sprache, die als ärgerliche „Wortleichen“ 115 Einzug in die Gemeinsprache hielten. Auch
die Begriffe „Vorherrschaft“ 116 , „Alleinherrschaft“ 117 , „Hegemonie“ 118 oder „Siegeszug“ 119 ,
die der englischen Sprache vielfach bescheinigt werden, sowie der Ausdruck „Sprachen- 96 Alexander(16.07.2001), S. 163.
97 Unbekannter Autor (27.05.1964), S. 120.
98 Raeithel (30.10.2000), S. 240.
99 Ebd.
100 Ebd.
101 Unbekannter Autor (27.05.1964), S. 121.
102 Alexander (16.07.2001), S. 160 (Lead).
103 Vgl. Lehmann (04.05.2001).
104 Bölsche (26.06.2000), S. 118.
105 Ebd.
106 Vgl. ebd.: „Sprachseuche“; Stöcker (15.07.2007): „Verseuchung“.
107 Vgl. Schreiber (02.10.2006), S. 182.
108 Ebd., S. 185.
109 Ebd., S. 198.
110 Bölsche (26.06.2000), S. 119.
111 Ebd.
112 Ebd.
113 Ebd.
114 Alexander (16.07.2001), S. 161.
115 Ebd.
116 Raeithel (30.10.2000), S. 240 (Lead); Alexander (16.07.2001), S. 162.
117 Hochhuth (16.03.1998), S. 274.
118 Schlamp (14.02.2005).
119 Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 124.
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kampf“ 120 schaffen den Eindruck einer kriegsähnlichen Situation zwischen Sprachen (und ihren Sprechern).
Allen genannten Metaphernbereichen ist die Implikation gemein, dass die deutsche Sprache als einheitliches Ganzes betrachtet wird, während Anglizismen als unerwünschte, mit Vehemenz und in unverhältnismäßig großer Anzahl in diese Einheit eindringende fremde Elemente dargestellt werden, die der Sprache Schaden zufügen. Die dem Deutschen eigenen Elemente werden überdeckt oder verdrängt, schlimmstenfalls bis zum „Tod“ der deutschen Sprache. Im Kapitel „Argumente gegen Anglizismen“ sowie der abschließenden Betrachtung wird auf diese Sichtweise näher eingegangen. In mehreren Artikeln wird das Kollektivsymbol der babylonischen Sprachverwirrung verwendet 121 . Diese in die Gemeinsprache eingegangene Wendung ist als Sinnbild für verschiedene, aufeinander treffende Sprachen und die damit verbundenen Verständnisschwierigkeiten zu sehen. Laut der Bibel wurde sie von Gott als Strafe über die Menschen verhängt und ist im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch dementsprechend negativ konnotiert. Sanders nennt sie das „Sinnbild […] für den uralten Sprachverfalls-Topos“. 122 In der Bibelgeschichte konnten sich die Menschen gegenseitig nicht mehr verstehen, da jeder einzelne Mensch eine eigene Sprache zugeteilt bekam und diese somit in unzählige Einzelteile zerfiel. Die Verwirrung musste demnach chaotische Züge annehmen. Aus diesem Zusammenhang wird deutlich, dass es sich bei dem Vergleich mit der babylonischen Sprachverwirrung, wenn es lediglich auf zwei unterschiedliche Sprachen bezogen wird, um hyperbolischen Sprachgebrauch handelt. Dies trifft allerdings nur auf zwei der fünf ermittelten Verwendungen zu: In „Brüsselisch für alle“ hingegen ist es auf die Vielzahl der Sprachen im Arbeitsalltag der EU bezogen 123 . In „Deutsch? Bye-bye“ wird die babylonische Sprachverwirrung entgegen ihrer negativen Konnotation als „Rettung“ gegen den „Einheitswahn“ 124 der Globalisierung und einer Entwicklung in Richtung Universalsprache als positives Schlagwort gebraucht. Auch Mathias Schreiber warnt in „Deutsch for sale“ vor dem „trügerischen Paradies der einen Weltsprache, das nach biblischer Meinung ja schon einmal vor dem Turmbau zu Babel herrschte“ 125 und bezieht sich auf die aktuell „drohende globale Einsprachigkeit“ 126 .
Ein weiteres Kollektivsymbol, das kulturspezifisch festgelegt ist und in mehreren Artikeln zu Anglizismen auftaucht 127 , ist das aus George Orwells Roman 1984 stammende
120 Raeithel (30.10.2000), S. 244.
121 Vgl. Hochhuth (16.03.1998), S. 274; Lehmann (04.05.2001): „Die Jobsuche zu Babel“, Alexander (16.07.2001): „Welcome in Blabylon“, Schlamp (14.02.2005); Schreiber (02.10.2006), S. 194.
122 Sanders (1992), S. 57.
123 Vgl. Schlamp (14.02.2005), S. 133.
124 Alexander (16.07.2001), S. 274.
125 Schreiber (02.10.2006), S. 194.
126 Ebd.
127 Vgl. Unbekannter Autor (07.05.1990), S. 278: hier als „Neusprach“ bezeichnet; Bölsche (26.06.2000), S. 119: Zitat von Prof. Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache;
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Neusprech. Dies bezeichnet bei Orwell eine durch ein diktatorisches Herrscherregime künstlich veränderte Sprache, die durch Verringerung der Anzahl von Wörtern sowie Einschränkung ihres Bedeutungsumfangs die Kommunikation unter den Menschen erheblich erschweren und letztendlich eine Limitation ihres Denkens bewirken soll. Die durch Neusprech implizierten Schlüsse wären somit folgende: eine so bezeichnete Sprache wäre demnach durch diejenigen, die sie produzieren, aufgezwungen und bewirkte eine Minderung der gegenseitigen Verständigung und des Denkpotentials, würde also die Menschen in vielerlei Hinsicht blockieren. Hier wird demzufolge ein äußerst negatives Bild erzeugt. Insbesondere die Verantwortlichen für eine auf diese Weise bezeichnete Sprache werden implizit in den Fokus gerückt. In Kapitel 3.1.5 wird gezeigt, welche Personen und Gruppierungen explizit für in den Artikeln kritisierte Entwicklungen des Sprachgebrauchs verantwortlich gemacht werden.
Durch die Stereotypisierung der Deutschen wird ein weiteres Kollektivsymbol hergestellt. Diese würden bereitwillig ihre eigene Sprache „auf breiter Front“ 128 aufgeben und seien „in hohem Maße anfällig“ 129 für die Vermischung ihrer eigenen Sprache mit dem Englischen. Der „vorauseilende Gehorsam der deutschen Berufs-Europäer, das heißt heute: der Anpasser“ 130 , „Trend-Gehorsam“ 131 oder auch „Anpassungsfimmel der Deutschen“ 132 verursache die gewollte Diskrimination 133 der deutschen Sprache zugunsten des Englischen. Die suggerierte Tatsache „In Deutschland schreibt man Englisch“ 134 wird als typisches, „durchaus deutsches Phänomen“ 135 bezeichnet. Die Titelgeschichte Deutsch for sale widmet sich diesem Motiv besonders ausführlich. Die „fast paranoide Lust der Deutschen an der Vernachlässigung und Vergröberung des eigenen Idioms“ 136 , im weiteren Verlauf auch als „weltmeisterliche Selbstlosigkeit“ 137 bezeichnet, sowie die Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität 138 münde in „eine geradezu gefährliche Variante wahnhafter Selbstverleugnung“ 139 , „würdelose[r] Anbiederei an eine allenfalls halbkorrekt benutzte Fremd-
Alexander(16.07.2001), S. 161; Schlamp (14.02.2005), Schreiber (02.10.2006), S. 185: „einstürzende Neusprech-Bauten“, hier allerdings auf die Vernachlässigung der Grammatik bezogen.
128 Schlamp (14.02.2005), S. 133.
129 Raeithel (30.10.2000), S. 240.
130 Hochhuth (16.03.1998), S. 272.
131 Schreiber (02.10.2006), S. 195.
132 Falksohn (25.07.2005), S. 100.
133 Vgl. Hochhuth (16.03.1998), S. 272 (Zitat des Schweizer Diplomaten Carl Jakob Burckhardt).
134 Neubacher (15.04.2005), S. 164 Diese Antithese aus dem Lead wird zur Gewinnung der Aufmerksamkeit des Lesers genutzt und sofort wieder relativiert: „[…] - zumindest in den Informationsschriften der Bundesregierung.“ Die Antithese verliert dadurch jedoch kaum an Wirkung.
135 Tuma (15.09.2003), S. 87.
136 Schreiber (02.10.2006), S. 183.
137 Ebd., S. 192.
138 Vgl. ebd., S. 187: „Auch das gehört zu den Spätfolgen der Nazi-Verbrechen, die eine einigermaßen ausbalancierte Identifikation der Deutschen mit sich selbst für Jahrzehnte unmöglich gemacht haben. Wenn sie an sich selbst denken, werden Deutsche rasch unsicher.“
139 Ebd., S. 192.
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sprache“ 140 und den „kollektive[n] Kniefall vor dem Sprachgestus der Angelsachsen“ 141 . Des Weiteren wird den Deutschen eine „tiefsitzende Verkrampfung“ 142 sowie die „naive Überschätzung des Fremden“ 143 bescheinigt. Die verallgemeinernde Zuschreibung bestimmter Verhaltensweisen oder Eigenschaften wird auch durch die Verwendung des Wortes Teutonen beziehungsweise teutonisch deutlich 144 , das eine gewisse Unkultiviertheit oder Grobheit impliziert. Zudem konstatiert der SPIEGEL, die Deutschen lebten „gern über ihre Verhältnisse“ 145 : Speziell diejenigen, die die englische Sprache nur unzureichend beherrschten oder wenig welterfahren seien, würden das Englische besonders gerne nützen 146 .
Vielen dieser Beispiele ist die Implikation gemein, die Deutschen würden ihrer eigenen Sprache tatsächlich wenig Wert zuerkennen und geradezu bereitwillig eine fremde Sprache anstelle ihrer eigenen übernehmen. Diese Generalisierung dient als Fundament für die weiteren Ausführungen. Der teilweise nur angedeutete, teilweise auch ausformulierte Standpunkt ließe sich in etwa folgendermaßen zusammenfassen: die unliebsame eigene Identität bewirke das bereitwillige Aufgreifen von Angeboten fremder Kulturen, insbesondere der amerikanischen Leitkultur, was sich besonders in der Sprache manifestiere. Es wird deutlich, dass die Argumentation in eine bestimmte Richtung führt, nämlich zur Diskussion der Bedeutung von Sprache für das Denken und die kulturelle Identität. Diese Diskussion wird in der Auswertung in Kapitel 3.1.6 auf der Grundlage der in diesem Abschnitt ermittelten, aus den genannten Stereotypen zu schließenden Einstellung der Deutschen zu ihrer Sprache, weiter ausgeführt.
Während also die Vernachlässigung der eigenen Sprache als typisch deutsche Eigenschaft dargestellt und kritisiert wird, so werden die in Frankreich aus ähnlichen Beweggründen eingeleiteten gesetzlichen Maßnahmen, die den Gebrauch der Muttersprache im öffentlichen Sprachgebrauch vorschreiben, mehrfach ironisiert und generalisierend als Chauvinismus bezeichnet 147 . In „Deutsch for sale“ wird wiederum im Widerspruch zu dieser Auffassung die „fast heroisch[e]“ Weigerung der Franzosen, „Englisch zu sprechen“ 148 , hervorgehoben. Welche Maßnahmen gegen die dargestellten Probleme der Deutschen mit der eigenen Sprache angesichts der Bewertung des französischen Weges vorge-
140 Schreiber(02.10.2006), S. 185.
141 Ebd., S. 187.
142 Ebd.
143 Ebd.
144 Vgl. Alexander (16.07.2001), S. 162: „teutonischer Übersetzungsingrimm“; Falksohn (25.07.2005), S. 100: „angelsächselnde Teutonen“; Schreiber (02.10.2006), S. 192: „der teutonische Tourist“.
145 Raeithel (30.10.2000), S. 242.
146 Vgl. Raeithel (30.10.2000), S. 242; Grimm(20.10.2000), Lead.
147 Vgl. Hochhuth (16.03.1998): „bizarren französischen Sprach-Chauvinismus“, S. 274; Unbekannter Autor (27.05.1964), S. 121; Unbekannter Autor (16.05.1994), S. 168.
148 Schreiber (02.10.2006), S. 192.
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schlagen werden, wird im Kapitel 3.1.5 zur expliziten Argumentation sowie in der an-schließenden Auswertung besprochen.
Eine weitere Stereotypisierung ist die kollektive Zuschreibung von positiv bewerteten As-soziationen zu Anglizismen, sprich durchgehend positiven Konnotationen, auf deren
Grundlage der Gebrauch von Anglizismen als „Imponiersprache“ 149 erfolge. Diese An-
nahme wird in der Auswertung in Kapitel 3.1.6 eingehender erläutert und kritisch betrach-
tet.
Verfremdung
In den untersuchten Artikeln zu Anglizismen finden sich vor allem zwei dominante Formen
der Verfremdung: durch die gezielte Verwendung von Anglizismen sowie von Umgangs-sprache.
Anglizismen werden häufig planvoll in die Texte integriert, um einen ironisierenden Effekt
zu erzielen. Dieser kann, je nach Tendenz des jeweiligen Textes, zur Kritik an Anglizis-men beitragen oder die Bemühungen anglizismenkritischer Unternehmungen ironisch
darstellen. Die zu diesem Zweck eingesetzten Anglizismen bilden eine recht heterogene
Gruppe von Fremdwörtern 150 wie „Feedback“ 151 , „Lifestyle“ 152 , „talk“ 153 oder „outdoor“ 154 ,
Lehnwörtern wie „Hobby“ 155 , “fightet“ 156 , „gelayouted“ 157 [sic!], „mountainbiken“ 158 etc. so-
wie Mischkomposita wie „hardcore-mäßig“ 159 oder Lehnwendungen wie „machte Sinn“ 160 .
Der Verfremdungseffekt wird in den meisten Fällen durch Häufung, das heißt den ver-stärkten Gebrauch von Anglizismen in einem oder mehreren aufeinander folgenden Sät-
zen, erzielt. Diese Häufung ist eines der am zahlreichsten verwendeten Stilmittel in den
untersuchten Artikeln 161 . Hier jeweils ein ausgewähltes Beispiel für die Ironisierung der
Werbesprache und der New Economy, die Anglizismen in hohem Maße nutzen, sowie für
149 Grimm (20.10.2000)
150 Die Unterscheidung der Kategorien ‚Fremdwort’ und ‚Lehnwort’, die hier nach dem Grad der Assimilation des jeweiligen Wortes (zum Beispiel: die deutsche Endung der Pluralform ‚Hobbies’ oder die Flexion von ‚fightet’ zeigen die Assimilation, während ‚Feedback’ oder ‚Lifestyle’ keine deutsche Pluralform haben) getroffen wurde, ist vieldiskutiert. So plädiert beispielsweise Polenz für eine Neugestaltung der Kategorisierung im Sinne der Diachronie und eine starke Einschränkung der als Fremdwort einzustufenden Wörter. Vgl. Polenz (1967), S. 105f.
151 Tuma (15.09.2003).
152 Grimm (20.10.2000).
153 Stöcker (15.07.2007).
154 Falksohn (25.07.2005), S. 100.
155 Stöcker (15.07.2007) Der ironische Effekt wird in diesem Fall durch ein vorangestelltes „pardon“ erzielt.
156 König (27.06.2007).
157 Raeithel (30.10.2000), S. 240.
158 Falksohn (25.07.2005), S. 100.
159 Tuma (15.09.2003).
160 Alexander (16.07.2001), S. 161.
161 Die Glosse „Die große Dengelei“ (Unbekannter Autor (16.10.2000)) ist sogar durchgängig in diesem Stil gehalten. Während die dadurch hergestellte Polemik dabei in einer Glosse nichts Überraschendes ist, tritt in ebensolchen Passagen in Storys deren kommentierender Charakter umso offener zutage.
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die Ironisierung der anglizismuskritischen Anstrengungen der Aktion „Lebendiges
Deutsch“:
„By the way: Das Feedback auf die Self-Promotion seines Analyse-Events droht zur success story zu werden. Die Visibility seiner Company wurde hardcore-mäßig gepusht.“ 162
„Es „beamte“ und ‚switchte’, es ging um kreative ‚Power’ und das Bestreben, das Beste noch zu ‚toppen’. Was bloß normal war wurde ‚gehypt’ bis es ‚hip’ wurde und irgendwie ‚kickte’. Bloß keine ‚Downer’, Vorsicht vor dem ‚Bashing’ durch Miesmacher, ‚in Charge’-sein hieß ranpowern bis zum ‚Burn-out’.“ 163
„Mit einem Public-Brainstorming fightet die Stiftung Deutsche Sprache gegen Anglizismen. Sorry, äh Entschuldigung, noch mal von vorn: Eine Denkrunde im Internet sucht nach deutschen Entsprechungen für englische Begriffe. A propos, was heißt eigentlich Internet auf deutsch?“ 164
Das Ausdrücken ironischer Distanz wird bisweilen übersteigert, indem englische Phraseo-logismen wie „As time goes by“ 165 , „very shocking“ 166 oder „not amused“ 167 mitten im Text
verwendet werden. Diese stellen keine Anglizismen dar und könnten eventuell auf die
vom Verein Deutsche Sprache (VDS) als „Wortmischmasch aus deutschen und engli-
schen Wörtern“ 168 bezeichnete Sprachform „Denglisch“ 169 anspielen. Gleiches gilt für die
Übersetzung deutscher Redewendungen wie in „They must be turning in their graves.“ 170
und „versteht der Durchschnittsdeutsche nur Railway Station“ 171 sowie „Einen ungewöhn-
lichen „’case’“ 172 , „Doch die Party war dann verdammt schnell over.“ 173 und „at the top“ 174 .
Die verfremdende und damit ironisierende Wirkung wird in diesen Beispielen besonders
deutlich.
Umgangssprachliche Wörter und Wendungen dienen ebenfalls als Mittel zur Verfrem-
dung, Ironisierung und Demonstration kritischer Perspektive. So würden Firmen sich mit-
tels englischer Werbeslogans an ihre Kunden „wanzen“ 175 und diese mit ihrem „Strunzen
mit pompösen Namen“ 176 „piesacken“ 177 , eine andere „Anglizismus-versessene Firma“ 178
162 Tuma (15.09.2003).
163 Alexander (16.07.2001), S. 160.
164 König (27.06.2007).
165 Alexander (16.07.2001), S. 160.
166 Müller (21.02.2003).
167 Stöcker (15.07.2007).
168 Vds-ev.de (letzte Änderung 15.01.2008).
169 Nähere Erläuterungen zu „Denglisch“ folgen weiter unten im Abschnitt „Bezeichnungen für Ang-
lizismen“.
170 Alexander (16.07.2001), S. 160 Diese Wendung erinnert an populäre Taschenbuch-Titel wie
Heygen (2006): You are heavy in order! English for Runaways. Frankfurt a. M.: Eichborn-Verlag.
171 Leffers (28.07.2004).
172 Unbekannter Autor (21.04.1999).
173 Alexander (16.07.2001), S. 161.
174 Ebd.
175 Vgl. Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 124.
176 Alexander (16.07.2001), S. 162.
177 Leffers (28.07.2004).
178 Unbekannter Autor (21.04.1999).
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„verpasst“ 179 einem Mitarbeiter eine Abmahnung wegen unerlaubter Verdeutschung der englischen Fachsprache. In Frankreich werde an einem Wörterbuch der zulässigen und unzulässigen Anglizismen „gewerkelt“ 180 , während die Menschen auf Anglizismen „abfahren“ 181 und jemand gesucht werde, um „dieser Rasselbande von Events und Highlights mal zu zeigen, wo der Hammer hängt“ 182 . Besonders auffällig ist die Verwendung von umgangssprachlichen Anglizismen wie in „sich […] gekickt fühlen.“ 183 , „Sorry, Oma“ 184 , „Fuck deutsche Sprache? Fuck Sprachvergessenheit! Fuck fucking!“ 185 , „’stylten’“ 186 oder die eigens kreierte Komposition „Fremd-Talk-Heini“ 187 , die die beiden dominanten Formen der Verfremdung vereint.
Bezeichnungen für Anglizismen
Im Untersuchungskorpus finden sich neben den Bezeichnungen ‚Anglizismen’ und ‚Amerikanismen’ etliche weitere Ausdrücke für den englischen Einfluss auf die deutsche Sprache. Einige davon sind im öffentlichen Sprachgebrauch weit verbreitet, haben daher Einfluss auf die öffentliche Meinung und können somit als Schlagwörter bezeichnet werden 188 .
Schlagwörter haben die Eigenschaft - nach Hermanns als „Vehikel - oder Chiffren - von Gedanken“ 189 - Bedeutungskomplexe zu bündeln und somit stellvertretend für ganze Argumentationen stehen zu können. Dabei erfüllen sie, abhängig von ihrer Konnotation, zugleich eine wertende als auch eine im Sinne der Bewertung appellative Funktion, also entweder für oder gegen das von ihnen Bezeichnete. Diese Eigenschaft von Schlagwörtern wird als ihre deontische Bedeutung bezeichnet, die demnach die implizierte Sollenskomponente des Schlagworts benennt. Schlagwörter mit negativer deontischer Bedeutung, die also etwas bezeichnen, was in den Augen des Sprechers nicht sein soll, werden Stigmawörter genannt.
In den untersuchten Artikeln findet sich mit „franglais“ 190 ein bereits 1964 durch Etiemble bekannt gewordenes Stigmawort, das wohl als Vorbild für das im deutschen Sprachraum heute dominante „Denglisch“ 191 zu sehen ist, das mit weitem Abstand am häufigsten in
179 Vgl. Unbekannter Autor (21.04.1999).
180 Unbekannter Autor (27.05.1964), S. 121.
181 Grimm (20.10.2000).
182 Müller (21.02.2003).
183 Ebd.
184 Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 124.
185 Alexander (16.07.2001), S. 163.
186 Ebd., S. 160.
187 Flohr (17.12.2007).
188 Dazu ist ergänzend anzumerken, dass Schlagwörter nicht schon von sich aus Schlagwörter sind, sondern dies erst durch ihren Gebrauch werden, vgl. Dieckmann (1980), S. 61.
189 Hermanns (1994), S. 12.
190 Unbekannter Autor (27.05.1964), S. 120.
191 Beyer (29.05.2000); Unbekannter Autor (16.10.2000); Alexander (16.07.2001), S. 160, 161,
162; Sick (20.08.2003); Leffers (28.07.2004); Tanner (18.01.2005); Schreiber (02.10.2006), S.
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den Artikeln verwendet wird. Die Konstruktion dieser beiden Begriffe lässt auf ihre negative deontische Bedeutung schließen: die Vermischung zweier Sprachen soll nicht sein, insbesondere nicht, wenn die eigene Sprache von der fremden dominiert zu werden droht, wie das Verhältnis der Wortanteile bei „Denglisch“ suggeriert. Die Verwendung dieser Stigmawörter trägt also die Argumentation gegen das von ihnen dargestellte Phänomen bereits in sich. Hier wird einmal mehr die Auffassung von Sprachen als eindeutig separierbaren Einheiten deutlich.
Ein weiteres Stigmawort, das im SPIEGEL benutzt wird, ist „bad simple English“ 192 . Dessen Kürzel BSE, das im öffentlichen Sprachgebrauch hohe Verbreitung erlangte, verweist auf die gleich lautende Abkürzung für die auch als Rinderwahn bezeichnete Tierseuche. Die negative deontische Bedeutung wird aus diesem Zusammenhang mehr als deutlich. Wie auch bei „Brüsselisch“ 193 bezieht sich die Kritik hier auf die Nutzung eines vereinfachten, zum Teil falschen Englisch statt der eigenen Muttersprache, die dadurch beim jeweiligen Sprecher Schaden erleide beziehungsweise, um bei der Organismusmetapher zu bleiben, erkranke.
Ebenfalls zu den Stigmawörtern zu zählen sind das im Abschnitt „Kollektivsymbole“ bereits erläuterte „Neusprech“ sowie das von den gleichnamigen Wörterbüchern zweier Titanic-Redakteure inspirierte „Dummdeutsch“ 194 , durch das im entsprechenden Artikel ein angebliches Sprachverfallsphänomen des Deutschen - die vermehrt falsche Pluralbildung als Resultat der Genitiv-Apostroph-Einführung aus dem Englischen - bezeichnet wird. Weitere negativ konnotierte Bezeichnungen für Anglizismen im Untersuchungskorpus sind „Pseudo-Englisch“ 195 , „kurioser Wortsalat“ 196 , „Kauderwelsch“ 197 , „Anglo-Deutsch“ 198 , „Fast-Food-Sprache“ 199 , „englische Wandervokabeln“ 200 oder schlicht „Sprachmüll“ 201 .
Personen- / Gruppenbezeichnungen
Die Funktion der impliziten Argumentation können überdies die jeweiligen Bezeichnungen für Anglizismenkritiker und Anglizismenverwender erfüllen. Diese Bezeichnungen werden stilistisch auf unterschiedliche Weise realisiert und demzufolge der besseren Übersicht halber hier gesondert dargestellt.
187; Stöcker (15.07.2007); Flohr (17.12.2007) oder auch als abgeleitete Variation: Unbekannter Autor (16.10.2000): „Die große Dengelei“. Die zitierten Verwendungen wurden hierbei nicht berücksichtigt.
192 Unbekannter Autor (17.01.2002).
193 Schlamp (14.02.2005), im Lead auch als „Gastarbeiter-Englisch“ bezeichnet.
194 Bölsche (26.06.2000), S. 118.
195 Schreiber (02.10.2006), S. 185 sowie S. 198.
196 Ebd., S. 187.
197 Unbekannter Autor (07.05. 1990), S. 278; Unbekannter Autor (27.05.1964), S. 121.
198 Ebd.
199 Bölsche (26.06.2000), S. 118.
200 Flohr (17.12.2007).
201 Ebd.
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Die Bezeichnung der Anglizismenkritiker scheint eng mit dem zugrunde liegenden Verständnis von Sprache als bedrohter Einheit beziehungsweise als krankheitsanfälliger Organismus verknüpft. So würden zu ihrem „Schutz“ oder ihrer „Gesundung“ „Sprachwächter“ 202 , „Sprachhüter“ 203 , „Sprachschützer“ 204 , „Sprachpfleger“ 205 , „Nothelfer“ 206 , und
„Sprachhelden“ 207 benötigt. Ironische Distanz klingt hingegen bei den Bezeichnungen „Sprachrichter“ 208 , „Sprachputzer“ 209 , „Sprachkreuzzügler“ 210 , „Eiferer“ 211 , „Jäger des verlorenen Wortschatzes“ 212 sowie „Sprach-Klaustrophobiker“ 213 mehr oder weniger stark an. Von Puristen wird sich durch die Bezeichnungen „Ewiggestrige“ 214 , „Fremdwortkiller“ 215 oder „Nationalistische Fremdwort-Ausmister“ 216 distanziert. Verwender von Anglizismen in heutiger Zeit werden „Sprachpanscher“ 217 , „Adepten des Neusprech“ 218 oder auch „Fremd-Talk-Heini“ 219 genannt.
In den folgenden zwei Kapiteln 3.1.4 und 3.1.5 werden die wichtigsten Punkte der expliziten Argumentation pro beziehungsweise contra Anglizismen zusammengefasst und erläutert.
3.1.4 Argumente für Anglizismen
Die Betrachtung der expliziten Argumentation beginnt mit der Zusammenfassung der Gründe, die in den untersuchten Artikeln als Antriebe für die Verwendung von Anglizismen angegeben werden.
Die Attraktivität des Englischen zur gegenseitigen Verständigung wird auf zweierlei Weise hervorgehoben: Zum einen biete sich Englisch aufgrund seiner führenden Stellung als Fremdsprache (in Europa) an 220 , zum andern begünstigten die Eigenschaften der englischen Sprache ihre Verwendung als Verkehrssprache:
202 Flohr (17.12.2007); Unbekannter Autor (17.01.2002).
203 Schreiber (02.10.2006), S. 187.
204 Unbekannter Autor (17.01.2002); Unbekannter Autor (19.02.2004).
205 Stöcker (15.07.2007); Müller (21.02.2003); Tanner (18.01.2005).
206 Schreiber (02.10.2006), S. 198.
207 Ebd., S. 185.
208 Stöcker (15.07.2007).
209 Unbekannter Autor (27.05.1964).
210 Ebd.
211 Unbekannter Autor (17.01.2002).
212 Tuma (15.09.2003).
213 Flohr (17.12.2007).
214 Alle Schreiber (02.10.2006), S. 188.
215 Ebd.
216 Ebd.
217 Flohr (17.12.2007); Tanner (18.01.2005).
218 Alexander (16.07.2001), S. 161.
219 Flohr (17.12.2007).
220 Vgl. Schlamp (14.02.2005).
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„Englisch ist als Verkehrssprache attraktiv wegen des flexionsarmen Aufbaus, der grammatischen Indifferenz des Wortschatzes, seiner phonosymbolischen Kraft - boom, splash, zoom - und wegen seiner Anpassungsfähigkeit und Dynamik.“ 221
Als Erweiterung und Bereicherung der Deutschen Sprache 222 gelten Anglizismen, für die es keine deutschen Synonyme gibt 223 oder das „Wortaroma nun einmal unübersetzbar“ 224 sei. Hier wird auf die Konnotation englischer Wörter angespielt, die der am häufigsten genannte Grund für die Verwendung von Anglizismen ist. So wird von „Prestigesprache“ 225 oder „Imponiersprache“ 226 gesprochen. Anglizismen würden Assoziationen wie Weltläufigkeit, Fortschrittlichkeit, die Unkompliziertheit der amerikanischen Lebensart etc. wecken und seien dementsprechend vor allem in der Wirtschaft ein beliebtes Stilmittel. Insbesondere im Bereich des Marketings beziehungsweise der Werbung seien englische Wörter und Wendungen Ausdruck von Internationalität und Modernität. Im Vergleich zum Deutschen hätten Anglizismen euphemistische Wirkung 227 , die Produkte „aufpeppen“ könnten. So habe die Wirtschaft sowohl die Möglichkeit, Produkte unter neuem Namen wirkungsvoller zu vermarkten, als auch durch originelle Sprachspielereien 228 ansprechender zu präsentieren. Diese Gründe werden zwar als Antrieb für die Verwendung von Anglizismen angegeben, zugleich jedoch fast ausschließlich kritisch betrachtet, wie im folgenden Kapitel noch zu sehen sein wird.
Der Fremdwörteranteil an der SPIEGEL-eigenen Sprache wird in einer Hausmitteilung aus dem Jahre 1979 thematisiert. Diese gibt als einzig akzeptablen, ernsthaften Grund, den SPIEGEL-Autoren für die Verwendung eines Fremdworts angeben dürften, die dadurch zu erreichende Verkürzung an 229 .
Aus der Zusammenfassung wird deutlich, dass die Argumentation pro Anglizismen weder sehr häufig vorkommt, noch besonders ausführlich ausfällt.
221 Raeithel (30.10.2000), S. 240.
222 Vgl. Unbekannter Autor (27.05.1964), S. 121; Flohr (17.12.2007).
223 Schreiber (02.10.2006), S. 185 Als Beispiele werden ‚fair’, ‚fit’, ‚Foul’, ‚Party’, ‚Understatement’ und ‚cool’ genannt.
224 Ebd.
225 Raeithel (30.10.2000), S. 241.
226 Grimm (20.10.2000).
227 Vgl. Grimm (20.10.2000): „Die Produkt-Veredelung durch Anglizismen ist längst ein Hauptbe-standteil des Marketings.“
228 Vgl. ebd. Als positives Beispiel wird hier unter anderem der Slogan der Berliner Stadtreinigung, „We kehr for you“, genannt, der hingegen in den Artikeln von Raeithel (30.10.2000) und Tuma (15.09.2003) kritisiert wird.
229 Vgl. Unbekannter Autor (23.07.1979) Bemerkenswerterweise bleibt dies das einzige Mal, dass die - insbesondere für den Journalismus bedeutende - sprachökonomische Funktion der Anglizismen im Untersuchungskorpus genannt wird.
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3.1.5 Argumente gegen Anglizismen
Die Argumentation gegen die Verwendung von Anglizismen in den untersuchten Artikeln fällt wesentlich umfangreicher und detaillierter aus als die Darlegung der möglichen Gründe, die für den Gebrauch von Anglizismen sprächen.
Gegen die Verwendung von Anglizismen als „Imponiersprache“ 230 wird sprachkritisch im Hinblick auf kommunikationsethische Aspekte argumentiert. Weltgewandtheit, Modernität, Unbekümmertheit, Fortschrittlichkeit etc. würden durch die mit eben diesen Begriffen assoziierten Anglizismen lediglich „simuliert“ 231 . Dahinter stehe das Motiv der Profilierung; Sprecher wie Firmen wollten sich selbst und ihre Produkte dadurch aufwerten und damit die eigentliche Wirklichkeit verschleiern. Zwei von unzähligen Beispielen 232 seien hier genannt:
„Der Essener Energiekonzern RWE legte sich kürzlich gar den Spruch zu: ‚One group. Multi Utilities.’. Weil ein globales Unternehmen heute auch globale Botschaften braucht. Weil der Spruch eher nach New York als nach Pott klingt, wo der Strom-, Gas-und Wasserlieferant nun mal zu Hause ist zwischen Trinkhallen und Kohle-Subventionen.“ 233
„Die Egos bekamen neue Kleider, […]. Klönen und Schwatzen war nicht, die ‚Time is Money-Ideologie’ wertete jedes Beisammensein zum ‚Brainstorming-Meeting auf’, am besten in einer passenden ‚Location’. Die flotten Jungs und Mädchen um die ‚Start-up’-Unternehmungen und ihr verbales Getöse schienen die alte Welt zu verflüssigen. Was fest war, wurde zu Datenströmen weichgeredet, die Probleme verschwanden durch Verknüpfung.“ 234
Andere mögliche Motive werden nicht erwähnt. Die „Kompensation“ 235 einer „tiefsitzende[n] Verkrampfung“ 236 sei der ursprüngliche Beweggrund für die Wahl der fremden Sprache. Eine weit reichende Identitätsstörung scheint also der Anglizismenverwendung zugrunde gelegt zu werden. Hier wird die gesellschaftliche Dimension des Anglizismendiskurses sichtbar, auf die im Abschnitt „Sprache und Kultur“ in der Auswertung noch näher eingegangen wird.
Ein weiteres Argument, das in den untersuchten Artikeln gegen den Gebrauch von Anglizismen oder englischen Wörtern und Wendungen in der deutschen Sprache vorgebracht wird, besagt, dass viele der Menschen, die zu den Rezipienten eines solchen Sprachgebrauchs zählten, diese gar nicht oder falsch verstünden. Verschiedene Untersuchungen
230 Grimm (20.10.2000); vgl. auch Schreiber (02.10.2006), S. 187: „kosmopolitisches Imponiergehabe“.
231 Schreiber (02.10.2006), S. 187.
232 Vgl. Unbekannter Autor (16.10.2000); Raeithel (30.10.2000), S. 240f.; Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 124f.; Schreiber (02.10.2006), S. 185ff.; Flohr (17.12.2007); Tuma (15.09.2003); Alexander (16.07.2001), S. 160f.; Sick (30.07.2003).
233 Tuma (15.09.2003).
234 Alexander (16.07.2001), S. 160f.
235 Schreiber (02.10.2006), S. 187.
236 Ebd.
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- von einer repräsentativen Umfrage des Instituts für deutsche Sprache 237 bis zu einer von Englisch-Schülern an einer Volkshochschule durchgeführten Sammlung ihnen unverständlicher Amerikanismen 238 -, die in einigen der untersuchten Artikel erläutert werden, werden als Belege für diese These angeführt. So stellte eine Werbeagentur fest, dass einige englischsprachige Slogans von einer eindeutigen Mehrheit nicht verstanden wurden 239 . Zwei zentrale Schlussfolgerungen werden aus den Ergebnissen der jeweils angeführten Tests abgeleitet:
1. Die durch die Formulierung englischer Slogans implizierten Assoziationen von Internationalität, Modernität etc. kommen vielfach nicht bei den Rezipienten an, so dass die Wirkung der Marketingstrategie in Frage gestellt wird 240 . Daraus resultiere wiederum die Frage, warum englische Slogans benutzt werden, wenn diese von den Rezipienten nicht im intendierten Sinne verstanden werden. Letztlich wollen die Artikel implizit zu verstehen geben, dass die Anglizismen demzufolge zumeist überflüssig sind.
2. Es findet eine Ausgrenzung derjenigen, die kein oder wenig Englisch sprechen, statt 241 . Die Verwendung von Anglizismen stellt aus diesem Grund für viele ein Ärgernis dar, erzeugt somit Distanz zwischen Sprechern sowie Widerstandsbemühungen, wie zum Beispiel durch die Aktionen des Vereins Deutsche Sprache 242 . Es wird demnach unter sprachsoziologischen beziehungsweise -pädagogischen Gesichtspunkten diskutiert, warum Anglizismen verwendet werden, die aufgrund der Verständnisbarriere ihren Verwendungszweck kaum erfüllen und zur Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen führen. Diese rhetorische Frage lässt als einzigen Schluss die weitgehende Überflüssigkeit der Anglizismen zu, die in einigen Artikeln implizit suggeriert wird 243 . Explizit wird diese Behauptung lediglich in zwei Artikeln formuliert:
„Nur eins hat die postmoderne Germanistik brillant bewiesen: Ihr Gebrauch zumeist überflüssiger Fremdwörter ist sprunghaft, wenn nicht unerträglich angestiegen.“ 244
„Doch kurioser Wortsalat wie ‚relaxen’, ‚hangover’, ‚brainstormen’, ‚chatten’, ‚Dokusoap’, ‚Job-Center’, ‚Service-Point’, […] ist nicht nur überflüssig, schwer verständlich und hässlich, er zeigt vor allem eine angeberische Sucht nach Weltläufigkeit.“ 245
237 Vgl. Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 124.
238 Vgl. Unbekannter Autor (07.05.1990), S. 278.
239 Vgl. Tuma (15.09.2003).
240 Vgl. Leffers (28.07.2004); Neubacher (18.04.2005); Unbekannter Autor (20.04.1998); Unbekannter Autor (07.05.1990); Schreiber (02.10.2006), S. 192; Tuma (15.09.2003): Einzig in diesem Artikel wird Verständnis von der Wirkung getrennt: „Zwar verstand nicht einmal jeder Fünfte, dass die Audi-Botschaft ‚Driven by instinct’ so viel heißt wie ‚Angetrieben vom Instinkt’. Dennoch fand die Mehrheit den Spruch gut. Irgendwie. Gefühlsmäßig.“
241 Vgl. Unbekannter Autor (07.05.1990), S. 278ff.; Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 125; Neubacher (18.04.2005).
242 Wahl zum Sprachpanscher des Jahres etc.
243 Vgl. Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 125; Neubacher (18.04.2005); Tuma (15.09.2003).
244 Unbekannter Autor (03.02.1986), S. 199.
245 Schreiber (02.10.2006), S. 187.
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Zudem werden, wie in obigem Zitat an dem Adjektiv „hässlich“ ersichtlich, Anglizismen auch aus ästhetischen Gründen abgelehnt.
Die meisten Argumente gegen die Verwendung von Anglizismen in den untersuchten Artikeln betreffen die Auswirkungen auf die deutsche Sprache und deren Sprecher. Anglizismen bewirkten einen zunehmenden Verlust des Ausdrucksreichtums, da sie die „deutsche Beweglichkeit“ 246 einschränkten. Durch Wörter wie cool oder Event, die Bedeutungen bündelten und bedeutungsähnliche Wörter ersetzten beziehungsweise verdrängten, gingen sprachliche Präzision und Differenzierung verloren 247 . Des Weiteren blockierten Anglizismen die deutsche Sprache, da sie weniger Variationsmöglichkeiten in Hinsicht auf Wortkombination und Wortbildung zuließen 248 .
Ein anderer Artikel konstatiert gar die Gefährdung der Struktur des Deutschen, die durch den Einfluss der englischen Grammatik morphologische Veränderungen erfahre, welche jedoch nicht näher erläutert werden. Bastian Sick stellt fest, dass „unsere Sprache […] kürzer, schneller, englischer“ 249 werde und zeigt dies an angeblich durch den Einfluss des Englischen entstandene Verkürzungen wie campen statt kampieren, gemarkt statt markiert, geschockt statt schockiert etc. 250
Zudem würden „fremde Ausdrucksweisen“ den „Sprachgeist“ und damit das Denken verändern, wie zum Beispiel bei der ethischen Unterscheidung, nur Geld zu machen, einer Lehnwendung, das heißt eine nach englischem Vorbild gebildete Konstruktion, oder es wirklich zu verdienen 251 .
Kritik an solchen Lehnwendungen übt auch Bastian Sick in zwei seiner Kolumnen 252 . Ferner wird eine vermehrt zu beobachtende falsche Apostrophsetzung in Plural-Formen dem Einfluss des aus dem Englischen adaptierten Genitiv-Apostrophs angelastet. 253
Besonders die Dominanz des Englischen in der Sprache der Politik, der Wissenschaften und der Kultur habe gewichtige Auswirkungen auf die deutschen Sprecher. Das Deutsche werde speziell in diesen Bereichen zunehmend in den Hintergrund gedrängt, woraus verschiedene Folgen abgeleitet werden. So werde etwa die Attraktivität des Deutschen als zu erlernende Fremdsprache geschwächt, da seine Bedeutung auf internationaler Ebene im Vergleich mit anderen Sprachen - insbesondere des Englischen - aufgrund der geringen Verwendung durch seine Vertreter in der Öffentlichkeit wie Politiker, Wissenschaftler etc.
246 Alexander (16.07.2001), S. 163.
247 Vgl. ebd., S. 162f.
248 Vgl. ebd., S. 163.
249 Sick (07.06.2006).
250 Vgl. ebd.
251 Vgl. Raeithel (30.10.2000), S. 242.
252 Vgl. Sick (31.10.2006); Sick (20.08.2003), dazu Schneider (2005), S. 17f.
253 Vgl. Bölsche (26.06.2000), S. 118f.
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vermindert werde 254 . Langfristig gesehen werde es somit zu einer fortschreitenden Verkleinerung der deutschen Sprachgemeinschaft kommen 255 , was die bisherige Entwicklung weiter verstärken würde, da zum Beispiel die Nachfrage nach deutschen Publikationen mit geringerer Sprecheranzahl dadurch ebenso weiter nachließe 256 . Des Weiteren seien die deutschen Sprecher auch in kultureller Hinsicht von der öffentlichen Dominanz der englischen Sprache betroffen:
„Wenn das Englische mehr und mehr auch für die Kulturwissenschaften, für Politik-, Wirtschafts- und Rechtsdebatten zum neuen globalen Idiom befördert wird, folgt daraus langfristig für alle nichtenglischen Kulturgemeinschaften ein gewaltiger Verlust an sprachlicher Vielfalt, gedanklicher Differenziertheit und Empfindungsnuancen.“ 257
Die Rolle von Sprache für nationale Kultur und Identität, wie sie in einigen Artikeln anklingt, wird in der abschließenden Betrachtung im Abschnitt „Sprache und Kultur“ ausführlicher dargestellt und diskutiert.
In diesem Zusammenhang wird auch dem Problem der Verständlichkeit eine neue Dimension hinzugefügt: in Wissenschaft, Technik und Forschung verkümmere Deutsch durch die Dominanz des Englischen zum Dialekt, so dass immer mehr Bürger die Entwicklungen auf diesen Gebieten nicht mehr nachvollziehend verstehen könnten. Dies gefährde den Diskurs in der Gesellschaft und damit eine Grundlage der Demokratie 258 . Zudem könnten die deutschen Wissenschaftler sich mit der fremden Sprache nicht so präzise ausdrücken wie in ihrer Muttersprache, was Wettbewerbsnachteile nach sich ziehen könne 259 .
Wiederholt wird außerdem das Niveau, auf dem die jeweiligen Sprecher englische Sprache verwenden, kritisiert. So wird beispielshalber das Englisch der Wissenschaftler als „bad simple English“ charakterisiert 260 . Das von EU-Politikern gesprochene Englisch sei „ein Basic English mit Gastarbeiter-Grammatik“ 261 , viele in der Werbung verwendete Sprüche seien zum Teil falsch 262 , zum Teil unpassend zusammenkonstruiert und auch deswegen schwer zu verstehen 263 . Sogenanntes „Marketing-Denglisch“ wie „Wording“, „Workout“, „Benefit“ oder „Postage Point“ wird als „Sprachmüll“ bezeichnet 264 sowie als
254 Vgl. Schreiber (02.10.2006), S. 192ff; Schlamp (14.02.2005); Hochhuth (16.03.1998), S. 272ff.
255 Vgl. Schreiber (02.10.2006), S. 183: Der Verlust an Deutsch-Lernenden wird mit „[…] 3,4 Millionen oder fast 20 Prozent in nur fünf Jahren“ beziffert.
256 Vgl. Hochhuth (16.03.1998), S. 272.
257 Schreiber (02.10.2006), S. 194.
258 Vgl. Unbekannter Autor (17.01.2002) Hier wird der Historiker Christian Meier zitiert.
259 Schreiber (02.10.2006), S. 195.
260 Unbekannter Autor (17.01.2002); Schlamp (14.02.2005).
261 Schlamp (14.02.2005).
262 Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 124.
263 Tuma (15.09.2003); Flohr (17.12.2007).
264 Flohr (17.12.2007).
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„Pseudo-Englisch“ 265 . Die Auswirkungen seien die bereits angesprochenen Verständnisschwierigkeiten bei den Rezipienten sowie eine Minderung des Ansehens des jeweiligen Sprechers, wie der ironische Unterton der Artikel nahe legt. Eine andere Auswirkung betreffe die englische Sprache selbst: durch die weltweite Aneignung des Standardenglisch, die oftmals selektiv erfolge, kreativ das Standardenglisch an das jeweilige Idiom des Heimatlandes anpasse und stetig weiterentwickele, hätten sich zahlreiche „hybride[ ] Sprachformen“ 266 gebildet 267 . Die Weltsprache sei „nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch“ 268 , das durch die „Abschleifung durch die Sprecher aller Länder ausdrucksschwach“ 269 geworden sei. Zudem sei das gegenseitige Verstehen, zum Beispiel auf Wissenschaftskonferenzen, durch die unterschiedlichen regionalen Varianten des Englischen weniger gewährleistet als allgemein angenommen werde. 270 Englisch differenziere sich in verschiedener Form zu Regionalsprachen, Fachsprachen, Jugendcode und Touristensprache aus 271 . Im Hinblick auf die Herausbildung von „mit allerlei Landessprachen sich verselbständigende[n] Amalgame[n]“ 272 könne es langfristig gesehen zu einer Zersplitterung in viele verschiedene „Englischs“ kommen, die alle den gleichen Basiswortschatz teilten 273 .
Die Verantwortlichen
Trotz der soeben erläuterten Überlegungen zum Sprachwandel, die in einigen Artikeln anklingen, wird mehrfach eine intentionale Beeinflussung der Sprachentwicklung durch verschiedene Personen, Gruppen und Institutionen angenommen, denen damit die Ver-antwortung für die kritisierten Entwicklungen übertragen wird. „Sprachverschandelung“ sei „kein Sprachwandel, der einfach passiert“ 274 . Politiker sowie die Gruppe der in der Wirtschaft Tätigen - insbesondere die Werbebranche - stehen im Zentrum der Kritik. Die Verwendung von Anglizismen im Wahlkampf 275 wird ebenso kritisiert wie die Benennung von politischen Initiativen, Programmen und dazugehörigem Informationsmaterial mit englischen Begriffen 276 sowie die Wortwahl von Politikern bei öffentlichen Auftritten 277 . Insbesondere das Verhalten der EU-Abgeordneten verstärke noch die Dominanz des Englischen, während die deutsche Sprache fortwährend geschwächt werde: indem Eng-
265 Schreiber(02.10.2006), S. 185.
266 Raeithel (30.10.2000), S. 244.
267 Vgl. ebd., S. 244; Falksohn (25.07.2005), S. 100f.
268 Falksohn (25.07.2005), S. 101.
269 Schreiber (02.10.2006), S. 191.
270 Vgl. Raeithel (30.10.2000), S. 244.
271 Vgl. Falksohn, S. 101.
272 Ebd.
273 Vgl. ebd.
274 Schreiber (02.10.2006), S. 192.
275 Vgl. Alexander (16.07.2001), S. 162.
276 Vgl. Neubacher (18.04.2005).
277 Vgl. Sick (31.10.2006).
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lisch bereitwillig als Mittel zur Verständigung in den EU-Organen akzeptiert und auf die
deutsche Sprache verzichtet werde, ohne für ihren Gebrauch einzutreten 278 . Des Weiteren
sei die mangelnde finanzielle Unterstützung des Goethe-Instituts durch die ehemalige
Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl, wodurch das Goethe-Institut demzufolge
von 1994 bis 1998 23 seiner Vertretungen schließen musste, eine bedeutende Ursache
für die sinkende Anzahl derjenigen, die Deutsch lernten 279 . Dem Goethe-Institut selbst
wird indessen latent vorgehalten, in seiner Initiative für die Förderung der deutschen
Sprache zu zurückhaltend vorzugehen 280 .
Im Hinblick auf das Sprachverhalten von Wirtschaftsunternehmen wird neben ihrer Rep-räsentation nach außen auch die interne Kommunikation kritisch betrachtet, wie zum Bei-spiel die Vielzahl englischer Berufsbezeichnungen, die als „inhaltsarm“ charakterisiert
werden 281 , oder die überwiegend englischen Fachausdrücke, mit denen Mitarbeiter von
Unternehmen oder Werbeagenturen operieren:
„Da powern die Shareholder für die Win-Win-Situation, da haben die Salesmanager ihre Meetings, und die Skyline hat den Breakthrough durch die Wolken geschafft - alles sehr fine, na gut: very fein.“ 282
„Wenn Bernd Samland Branchenkollegen sein jüngstes Projekt erklären müsste, klänge das etwa so: ‚In einem Brainstorm-Meeting kamen wir zur Conclusion, die Reception mancher Claims mal zu researchen. Der Approach der Survey war, den Consumer View einem Feedback-Check zu unterziehen, was den Marketing-Value mancher Expressions angeht.’ “ 283
Des Weiteren werden die Benennungen bestimmter Produkte oder Dienstleistungen wie
beispielsweise die Bezeichnung „City Call“ für Ortsgespräch 284 , „Service Point“ für Aus-
kunft 285 , „flawless finish liquid make-up“ für Tönungscreme 286 , „Happy Happen“ für Bäcke-
reiprodukte 287 etc. kritisiert.
Die Marketingstrategien der Firmen und die damit beauftragten Werbeagenturen stehen
indessen im Zentrum der Kritik. Wie bereits erläutert wurde, werden das so genannte „Im-poniergehabe“, also die Aufwertung von Identität und Produkten durch die Verwendung
englischer Wörter und Wendungen 288 sowie die geringe Verständlichkeit für die Rezipien-
278 Vgl.Schlamp (14.02.2005); Schreiber (02.10.2006), S. 192.
279 Vgl. Hochhuth (16.03.1998), S. 271f.
280 Vgl. Schreiber (02.10.2006), S. 192.
281 Vgl. Lehmann (04.05.2001).
282 Unbekannter Autor (16.10.2000).
283 Tuma (15.09.2003).
284 Vgl. ebd.
285 Vgl. Flohr (17.12.2007).
286 Vgl. Unbekannter Autor (07.05.1990), S. 278.
287 Vgl. Raeithel (30.10.2000), S. 240.
288 Vgl. Unbekannter Autor (16.10.2000); Raeithel (30.10.2000), S. 240f.; Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 124f.; Schreiber (02.10.2006), S. 185ff.; Flohr (17.12.2007); Tuma (15.09.2003); Alexander (16.07.2001), S. 160f.
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ten 289 kritisiert. Durch die Werbung würden viele Anglizismen erst der Öffentlichkeit präsentiert, damit in die deutsche Sprache eingeführt und durch die Sprecher weiter verbreitet, um als „planmäßig in Umlauf“ gebrachte „Sprachmoden“ in die Gemeinsprache einzugehen 290 . Explizite und implizite Argumentation, hier in Form der Metapher, greifen inein-ander: erst durch diesen entscheidenden Anstoß kann die „Welle der Anglo-Amerikanisierung“ 291 überhaupt ins Rollen kommen. Nicht zuletzt wird auch den Konsumenten vorgeworfen, sie würden die englischen Slogans positiv aufnehmen, selbst wenn sie diese gar nicht verstünden 292 .
Die Medien werden derweil kaum für die beklagte inflationäre Verwendung von Anglizismen verantwortlich gemacht und eher nebenbei erwähnt. So werden die Programmbezeichnungen eines Rundfunksenders beanstandet 293 , während die Massenmedien Teil eines Rundumschlags gegen die Verantwortlichen für den Teil des Sprachverfallsphänomens sind, der durch die Verwendung von Anglizismen gekennzeichnet sei:
„Schrecklichstes, aber auch ständig auf schreckliche Weise vereinfachtes und verharmlostes Symptom der kranken Sprache aber ist jenes modische Pseudo-Englisch, das täglich aus den offenbar weitgehend gehirnfreien Labors der Werbeagenturen, Marketing-Profis, Computer-Verkäufer, Technik-Anbieter, Popmusik-Produzenten („Charts“, „Flops“, „flashen“), aber auch aus Behörden, wissenschaftlichen Instituten, Massenmedien und den Reden-Schreibstuben der Politiker und Verbandssprecher quillt wie zähfließender, giftiger Magma-Brei, der ganze Kulturlandschaften unter sich begräbt.“ 294
Die in diesem und dem vorhergehenden Kapitel dargestellten Argumentationen pro und contra Anglizismen werden im folgenden Kapitel im Hinblick ausgewertet und kritisch diskutiert. Die hinter den Argumenten stehende Auffassung von Sprache wird zu diesem Zweck linguistischen Erkenntnissen gegenübergestellt.
3.1.6 Auswertung
Im Folgenden werden die Ergebnisse der Analyse der im SPIEGEL und bei SPIEGEL online erschienenen Artikel zu Anglizismen zusammengefasst und kritisch betrachtet. Im Vordergrund sollen dabei die verschiedenen Argumentationsstränge sowie die Ermittlung der den Argumenten zugrunde liegenden Einstellungen zu Sprache und ihren Funktionen stehen, die mit linguistischen Theorien und Erkenntnissen konfrontiert werden.
289 Vgl. Tuma (15.09.2003); Unbekannter Autor (20.04.1998), S. 124f.; Unbekannter Autor (07.05.1990), S. 278; Leffers (28.07.2004); Unbekannter Autor (19.02.2004).
290 Vgl. Schreiber (02.10.2006), S. 191.
291 Raeithel (30.10.2000), S. 240.
292 Tuma (15.09.2003).
293 Vgl. Alexander (16.07.2001), S. 162.
294 Schreiber (02.10.2006), S. 185.
42
Funktionen von Sprache
Den Ausführungen in den untersuchten Artikeln liegen teilweise unterschiedliche Auffassungen der Funktionen von Sprache zugrunde, die je nach Tendenz des jeweiligen Abschnitts die Voraussetzung für die implizite oder explizite Argumentation bilden. So dominiert in einigen Artikeln die deskriptive Bedeutung, also das Denotat eines Zeichens, und somit die darstellende Funktion von Sprache die Argumentation. In diesen Artikeln geht es um die Verständnisbarriere, die durch die Verwendung von Anglizismen für die Menschen, die diese nicht verstehen, entstünde 295 . Sprache wird hier hauptsächlich als Informationsträger gesehen. Dagegen wird Sprache von Sprechern nicht nur benutzt, um verstanden zu werden und somit Informationen zu übermitteln, sondern auch zur Erfüllung expressiver und appellativer Zwecke. Insbesondere die in den Artikeln kritisierten Sprecher der Wirtschaft sowie der Politik richten ihre Sprachverwendung primär auf Wirkung aus. Um wirkungsvoll zu sein, muss zunächst die Aufmerksamkeit der Rezipienten erregt werden. Die verwendete Sprache sollte demzufolge möglichst auffällig sein, was durch die Verwendung fremder oder durch ungewöhnliche Kombinationen verfremde- terWörter und Wendungen erreicht werden kann 296 . Das Verstehen steht weniger im Vor-dergrund als das Ziel, wahrgenommen zu werden, so dass aus dieser Perspektive im Prinzip auch das Problem der Ausgrenzung durch die Verständnisbarriere, auf das im weiteren Verlauf noch ausführlicher eingegangen wird, wegfiele. Gegen den auch in den SPIEGEL-Artikeln kritisierte city call ist demnach als Bestandteil eines Werbeslogans nichts einzuwenden, auf der Telefonrechnung ist die Bezeichnung allerdings sehr wohl zu kritisieren, da hier die informierende Funktion dominieren sollte. Besonders die Werbung nimmt das Nicht-Verstehen wohlwollend in Kauf beziehungsweise zielt unter Umständen sogar darauf ab, da alles Neue, auch oder gerade wenn man es zunächst nicht versteht, Aufmerksamkeit und Interesse erregt. Der größtenteils implizit vollzogene Schluss, Anglizismen seien, wenn sie ohnehin ihre informative Funktion aufgrund der Verständnisbarriere nur unzureichend erfüllen könnten, im Grunde überflüssig, wird im Hinblick auf die expressiven und appellativen Funktionen, die sie erfüllen können, widerlegt. Im Abschnitt zum Sprachbegriff wird die Behauptung der Überflüssigkeit von Anglizismen eingehender behandelt.
Gerade der SPIEGEL sollte sich indes einer auf Wirkung ausgelegten Sprachverwendung bewusst sein. Wie im Kapitel „Sprache und Stil des SPIEGEL“ bereits ausgeführt wurde,
295 Vgl. Leffers (28.07.2004); Neubacher (18.04.2005); Unbekannter Autor (20.04.1998); Unbekannter Autor (07.05.1990); Schreiber (02.10.2006), S. 192; Tuma (15.09.2003) Zum Verständnisproblem durch Fremdwörter im eigenen Heft äußert sich der SPIEGEL explizit in der bereits genannten Hausmitteilung (Unbekannter Autor, 23.07.1979), in der mittels des Diminutivs „flotte Fremdwörtchen“ die Beschwerde über Verständnisprobleme durch zu viele Fremdwörter in einer SPIEGEL-Ausgabe, unter denen auch Anglizismen wie „Showbiz“ und „Joint Ventures“ sind, auf leicht ironische Weise implizit verharmlost wird.
296 Vgl. dazu Greule (2001), S. 258ff.
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werden ungewöhnliche sprachliche Elemente wie beispielsweise neuartige Komposita mit Anglizismen vielfach im SPIEGEL eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erregen und einen ironischen Unterton zu erzeugen.
Während einige Abschnitte der untersuchten Artikel also zu eindimensional auf die darstellende Funktion von Sprache fokussieren, beschäftigen sich andere Teilabschnitte auch mit der Ausdrucks- sowie der Appellfunktion von Sprache, vernachlässigen dabei jedoch größtenteils wichtige Aspekte, die diese Funktionen und ihre Erfüllung beeinflussen. So steht neben der Verständnisbarriere das so genannte Imponiergehabe im Zentrum der Kritik, das durch das im Vergleich zu deutschen Wörtern höhere Prestige von Anglizismen ermöglicht werde. Sprecher empfänden Anglizismen als weltläufiger, schöner und gewandter als deutsche Wörter: Gegenstände oder Sachverhalte würden durch englische Bezeichnungen „aufgepeppt“ 297 , „verfeinert“ 298 , „aufgemotzt“, „upgegradet“, und gewönnen eine „unheimliche Leichtigkeit“ 299 . Die Anglizismen „übertönten […] hässliche“, „blasse“ deutsche Wörter 300 . Als Beispiele dafür werden unter anderem „Event“, „Power“, „Drive“ etc. angeführt 301 . Dieses hohe Prestige der Anglizismen, das sie unter den an einer Stelle als „Besessene“ 302 bezeichneten Sprechern genieße, wird, teilweise polemisch akzentuiert, kritisch dargestellt. Somit wird, wie bereits im Kapitel „Argumente gegen Anglizismen“ erörtert, die Profilierung durch die mittels englischer Wörter und Wendungen künstlich erzeugten Eigenschaften wie Internationalität, Modernität etc. kritisiert. Dies zeigt, dass expressive und appellative Funktionen den jeweiligen Autoren der Artikel, wie bereits in Kapitel 3.1.4 „Argumente für Anglizismen“ deutlich wurde, durchaus bewusst sind. Die bewusst übertriebene Darstellung der positiven Bewertung von Anglizismen erfolgt aus dramaturgischen Gründen. Auf diese Weise kann die Einstellung der Sprecher kritisiert werden und im weiteren Verlauf gezeigt werden, welche Schwierigkeiten sich daraus ergeben 303 . Das zielgerichtete Handeln mit Hilfe von Sprache wird dabei jedoch zu einseitig, das heißt ohne Berücksichtigung der Misslingensbedingungen betrachtet. Im konkreten Sprachgebrauch beeinflussen situationelle Faktoren, ob Wörter adäquat ausgewählt wurden, sprich, ob sie die Funktionen, für die sie ausgewählt wurden, auch erfüllen. Situation und Rezipienten können die gelungene Verwendung von Anglizismen begünstigen, sie können aber genauso gut unpassend sein. Jugendliche können zum Beispiel den Gebrauch von Anglizismen je nach Situation und Einstellung als verkrampfte Anbiederung empfinden oder sich angesprochen fühlen. Versteht der Rezipient den Ang-
297 Vgl.Schreiber (02.10.2006), S. 182 (Lead) sowie Grimm (20.10.2000).
298 Grimm (20.10.2000).
299 Alexander (16.07.2001), S. 161.
300 Ebd., S. 161ff.
301 Ebd., S. 160f.
302 Ebd., S. 160.
303 Diese Vorgehensweise findet sich in den Artikeln Alexander (16.07.2001), Tuma (15.09.2003) sowie Neubacher (18.04.2005).
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lizismus etwa nicht oder steht dem Gebrauch von Anglizismen generell skeptisch gegenüber, so wird der Anglizismus wohl kaum positiv aufgenommen. Eine positive Bewertung von Anglizismen stereotypisierend vorauszusetzen erweist sich als zu eindimensional, da diese Einstellung individuell geprägt ist und somit von Sprecher zu Sprecher unterschiedlich sein kann. Auch ein möglicher Einwand, der SPIEGEL beziehe sich ausschließlich auf die Anglizismen verwendenden Sprecher, hielte nicht stand, da durchaus Szenarien denkbar sind, in denen Sprecher von ihnen negativ konnotierte Anglizismen verwenden müssen, da ihr Umfeld es, zum Beispiel in der Berufssprache, von ihnen verlangt. Der SPIEGEL scheint mir auf die euphemistische Wirkung von Anglizismen abheben zu wollen. Diese lässt sich allerdings nur in der konkreten Verwendungssituation realisieren und ist nicht per se eine Eigenschaft der Anglizismen. Sie unterliegt, wie die Beispiele zeigen, verschiedenen Misslingensbedingungen. Die Sprecher tragen in eigener Verant-wortung das Risiko des Misslingens ihrer Sprechakte, was die vom SPIEGEL suggerierte, durchweg aufwertende Wirkung durch die Bezeichnung eines Sachverhalts oder Gegens-tands mit einem Anglizismus in einem anderen Licht erscheinen lässt. Jil Sander würde ihre viel und im SPIEGEL im Artikel „Welcome in Blabylon“ in verkürzter Form zitierten Worte 304 wohl kaum während einer Unterhaltung mit ihren Großeltern benutzen, wenn ihre Zielsetzung wäre, dass diese genau verstehen sollten, wovon sie spricht. Sollte ihr Ziel indessen lauten, einen möglichst weltgewandten und internationalen Eindruck zu machen, so könnte sie sich wie gehabt für Anglizismen entscheiden. Somit kommt sowohl den Rezipienten als auch den Zielen, die ein Sprecher in einer Situation hat, eine entscheidende Bedeutung zu, wie er sich verhält und wie er sein kommunikatives Handeln seinen Zielen entsprechend gestaltet. Angemessenheit 305 sollte demzufolge das Kriterium für die Bewertung sein, ich verweise hier nochmals auf das bereits erwähnte Beispiel city call, das in verschiedenen Kontexten unterschiedlich bewertet wird.
Das Bild einer generellen Aufwertung oder euphemistischen Wirkung durch Anglizismen kann im Hinblick auf die vielfältigen Anforderungen unterschiedlicher Sprachverwendungssituationen demzufolge nicht aufrechterhalten werden. Differenzierter gesehen könnte man es so ausdrücken, dass Sprecher Anglizismen aufgrund ihrer jeweiligen spezifischen konnotativen Färbung in bestimmten Situationen zur Erfüllung bestimmter Funktionen anstelle eines deutschen Synonyms einsetzen. Hieraus wird deutlich, dass Anglizismenverwendung nicht pauschal beurteilt werden kann. Das jeweils zugrunde liegende Verständnis von Sprache scheint die Ursache dafür zu sein, dass genau dies mehrfach in den im SPIEGEL erschienenen Artikeln geschieht. Die vorangegangenen Überlegungen werden im folgenden Abschnitt vertiefend weitergeführt.
304 Vgl. Alexander (16.07.2001), S. 163: „Für meinen Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann.“
305 Hymes betont den Aspekt der Angemessenheit in seiner Konzeption von kommunikativer Kompetenz. Vgl. Hymes (1972), zitiert bei Schneider (2008), S. 192f.
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Zum Sprachverständnis
Anglizismen werden in den untersuchten Artikeln ausschließlich nach ihrer Wirkung auf die Gemeinsprache beurteilt. Es werden zwar verschiedene Gruppen, die Anglizismen verwenden, identifiziert 306 , aber diese Sprachverwendung wird im gemeinsprachlichen Gesamtzusammenhang hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf alle Sprecher des Deutschen bewertet. Sprache wird folglich als Ganzes betrachtet. Die Linguistik geht hingegen von der so genannten inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen aus 307 . Je nachdem, wie die jeweilige Sprachverwendungssituation beschaffen ist, sehen sich Sprecher unterschiedlichen Anforderungen ausgesetzt, so dass sich unterschiedliche Varietäten, also Sprach-gebrauchsformen mit spezifischen sprachlichen Charakteristika, herausgebildet haben. Varietäten sind an bestimmte soziale Gruppen gebunden und ihre sprachlichen Charakteristika entwickeln sich zum Beispiel in Berufs-, Fach- oder Gruppensprachen aus den jeweils spezifischen sozialen (diatrastische Variation), regionalen (diatopische Variation) oder funktionalen (diaphasische Variation) Bedingungen und Anforderungen 308 . In den untersuchten Artikeln findet sich diese Differenzierung nicht, den spezifischen kommunikativen Bedingungen innerhalb bestimmter Gruppen wird kaum Rechnung getragen. Wenn Mitarbeiter einer Werbeagentur unter sich ihre Projekte besprechen, sind die konventionellen Voraussetzungen für das gegenseitige Verstehen erfüllt. Wie das für einen Außenstehenden klingt, ist für diese spezifische Situation belanglos. Entscheidend ist in diesem Fall vor allem das Gelingen der Kommunikation. Zudem kann Varietätensprache eine identitätsstiftende Funktion haben, die die jeweilige Gruppe von anderen unterscheidet. Somit ist die kritische Distanz, die durch die ironische Darstellung aus der Sicht des Durchschnittssprechers in einigen Artikeln gegenüber der Berufssprache der Werbeindustrie, der Politiker in der EU oder der Berufssprache bei Lufthansa ausgedrückt wird 309 , ein Zeichen für das Fehlen einer differenzierten Auffassung von Sprache als „Konglomerat von Varietäten“ 310 . Es ist zu unterscheiden zwischen wirklich nur im Rahmen spezifischer Bedingungen bestimmter Gruppen gebrauchter Sprache und der Standardsprache, die sich an dem Anspruch messen lassen darf, für alle Sprecher verständlich zu sein. Viel versprechender wäre, aus Varietäten in die Standardsprache eingegangene Anglizismen kritisch zu beleuchten, da dies den Verlust ihres Distinktionswerts zufolge hätte 311 . Dies findet jedoch in den SPIEGEL-Artikeln nicht statt.
306 Vgl. Kapitel 3.1.5.
307 Vgl. etwa Henne (1986), S. 220f.
308 Vgl. etwa Augenstein (1998), S. 109ff.
309 Vgl. Tuma (15.09.2003); Schlamp (14.02.2005) sowie Unbekannter Autor (21.04.1999).
310 Linke (2001), S. 380.
311 Eine Theorie für aus Jugendsprache in die Standardsprache eingegangene Ausdrücke ist bei Eva Neuland (Neuland, 2000) zu finden und wird in Kapitel 3.2.6 im Abschnitt „Zur Jugendsprache“ näher erläutert.
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Wie die untersuchten Artikel selbst aufzeigen, kommen Anglizismen vor allem in bestimmten Varietäten vor und erfüllen in diesen spezifische kommunikative Zwecke, wie bereits im vorhergehenden Abschnitt „Funktionen von Sprache“ erläutert wurde. Varietätenspezifische Sprachverwendung wird in den Artikeln jedoch am Ideal der als Norm gesetzten Standardsprache gemessen 312 und ihre Auswirkungen auf die gesamte Sprechergemeinschaft bezogen und diesbezüglich kritisiert. Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass Sprachverwendung immer auf den jeweiligen Empfänger ausgerichtet ist. Während, gerade im Bereich der massenmedialen Kommunikation, gewisse Zielgruppen bewusst durch bestimmte sprachliche Mittel angesprochen werden sollen, werden gleichzeitig andere automatisch ausgegrenzt. Wenn also die Profilierung mittels Anglizismen als Imponiergehabe kritisiert wird, geht es eher um gesellschaftliche Konflikte, genauer ausgedrückt um unterschiedliche Wertvorstellungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen. Wie Rudi Keller in seiner Zeichen-Theorie ausführt, heißt Kommunikation immer auch, jemanden zu beeinflussen 313 . Das Imponieren sei eine Form der Beeinflussung, sowie zudem
„ein integraler Bestandteil menschlichen Verhaltensrepertoires, und der Gebrauch fremdsprachlicher Ausdrücke zur Dokumentation der eigenen Vorzüglichkeit hat eine lange Tradition.“ 314
Wie das Französische im 18. Jahrhundert gesellschaftliches Ansehen demonstrieren sollte, so dient zur heutigen Zeit die Verwendung englischer Wörter und Wendungen als Nachweis von Modernität und Weltgewandtheit. Dazu ist anzumerken, dass mit deutschen Wörtern ebenso imponiert und der Eindruck von Modernität erzeugt werden kann, abhängig davon, was zu dem jeweiligen Zeitpunkt gerade als modern und zeitgemäß betrachtet wird. Darüber können die Meinungen jedoch weit auseinander gehen. Somit geht es wie bereits erwähnt bei der Kritik an der Verwendung von Anglizismen im Grunde oft nicht um die Sprache an sich, sondern um Fragen der Wertvorstellungen wie die nach der nationalen kulturellen Identität. Dieser Aspekt wird im nachfolgenden Abschnitt „Sprache und Kultur“ weiter ausgeführt.
Hier soll es vor allem um die veränderte Perspektive gehen, die eine differenzierende Betrachtung von Sprache im Hinblick auf Varietäten im Gegensatz zu der Auffassung von Sprache als ganzheitlichem Gefüge ermöglicht. Sprachverwendung ist aus diesem Blickwinkel nach ihrer Funktionalität innerhalb der jeweiligen Varietät, also für eine bestimmte Zielgruppe zu betrachten, anstatt sie nach übergreifenden, alle Sprecher mit einbeziehenden Kriterien zu beurteilen. Damit wird auch deutlich, dass die implizit in den Artikeln ent- 312 Auchdiese ist kaum eindeutig zu bestimmen, vgl. dazu von Polenz (2000), S. 64: „Die Gesamtsprache ‚Deutsch’ ist nur eine Abstraktion im Sinne eines Diasystems über alle Varietäten, die man der deutschen Sprache zurechnet. Auch das ‚gute Deutsch’ ist nur eine Varietät der deutschen Sprache, allerdings eine stark idealisierte, über deren Varianten man sehr streiten kann.“
313 Vgl. Keller (1995), S. 220.
314 Keller (2004), S. 9.
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haltene Behauptung, Anglizismen seien überflüssig 315 , nicht haltbar ist. Die unterschiedliche Konnotation von Wörtern, also die die begriffliche Bedeutung überlagernden, zusätzlichen Bedeutungsaspekte, die stilistischer, emotionaler, assoziativer, sozialer oder wertender Natur sein können, zeigt, dass keine wirklichen Synonyme in der Sprache existieren. Ein Event unterscheidet sich somit von Veranstaltung, genauso wie kids von Jugendliche 316 , auch wenn sie dieselben Erscheinungen der außersprachlichen Wirklichkeit bezeichnen. Man wählt ein Wort je nach dem, welcher Bedeutungsaspekt hervorgehoben werden soll, aus 317 . In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass die Synchronie, also die Beschreibung des gegenwärtigen Sprachzustands und der Bedürfnisse der Sprecher zur Bewertung der Anglizismenverwendung zugrunde gelegt werden muss, anstatt aus diachroner Perspektive die Entwicklung der Sprache zu betrachten. Somit ist zu konstatieren, dass kein Anglizismus als überflüssig bezeichnet werden kann, da er innerhalb einer Varietät eine bestimmte Funktion übernehmen kann und folglich keine anderen, etablierten Wörter verdrängt, sondern bereits vorhandene Wortfelder erweitert oder Verschiebungen innerhalb dieses Wortfeldes bewirkt. Die in den untersuchten Artikeln vielfach meta-phorisch als fremde, feindliche Eindringlinge 318 bezeichneten Anglizismen sind daher, übernimmt man einmal die gesamtsprachliche Perspektive, statt als Bedrohung eher als Bereicherung der Sprache zu sehen. Anstelle des beklagten Verlusts sprachlicher Präzision und Differenzierung 319 sind vielmehr größere Variationsmöglichkeiten wie zum Beispiel durch die hohe Eignung der Anglizismen zur Komposition festzustellen, die der SPIEGEL selbst auch in hohem Maße nutzt 320 .
Die Sichtweise von Sprache als Ganzem erweist sich noch in anderer Hinsicht als problematisch. Wie die metaphorische Darstellung von Sprache als Organismus, als eine von Katastrophen bedrohte Landschaft, als Land im Krieg 321 oder auch die Bezeichnungen „Sprachleib“ und „Sprachschiff“ 322 zeigen, wird die deutsche Sprache in den SPIEGEL-Artikeln als eindeutig „abgrenzbare Einheit“ 323 gesehen. Der vielfältige Einfluss, den verschiedene Einzelsprachen 324 gegenseitig aufeinander ausüben, lässt die eindeutige Ab-
315 Vgl.Kapitel 3.1.5.
316 Vgl. Niehr (2002).
317 Vgl. dazu Hoberg (2002), S. 172: „Überflüssige Wörter gibt es nicht, und zwar zum einen weil Sprachen so gut wie keine völlig synonymen Wörter enthalten, und zum anderen weil für Sprecher und Schreiber kein von ihnen benutztes Wort überflüssig ist, da sie es andernfalls nicht verwenden würden.“
318 Vgl. Kapitel 3.1.3.
319 Vgl. Kapitel 3.1.5: Die Argumentation im Artikel „Welcome in Blabylon“ (Alexander, 16.07.2001, S. 162f.) erinnert an Pörksens Überlegungen zu so genannten Plastikwörtern (Vgl. Pörksen 1994, S. 275-283), deren Eigenschaften aber nicht im Besonderen auf Anglizismen zutreffen.
320 Vgl. Kapitel 2.3.1.
321 Vgl. Kapitel 3.1.3.
322 Raeithel (30.10.2000), S. 240 sowie S. 242.
323 Vgl. Spitzmüller (2005), S. 207.
324 In der Linguistik wird, etwa nach Sieber (1992), S. 78, unterschieden zwischen ‚langage’ als Oberbegriff für das Gesamtsystem, ‚langue’ als Einzelsprache und damit Teilsystem und ‚parole’
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grenzung voneinander allerdings wohl kaum zu. Sprache ist eher als ein offenes, heterogenes System 325 zu sehen, in dem sich die Einzelsprachen als Teilsysteme gegenseitig beeinflussen. Die geschichtliche Entwicklung von europäischen Einzelsprachen, die unter anderem stark durch den Kontakt mit anderen Sprachen sowie Entlehnungen, vor allem aus dem Lateinischen, geprägt war und es, wie man an der Einführung von Anglizismen in die deutsche Sprache sieht, weiterhin wird, zeigt, wie wenig die isolierte Betrachtung einer Einzelsprache der sprachlichen Realität gerecht werden kann. Die Annahme eines Zusammenhangs zwischen nationaler Kultur und Sprache kann als Hintergrund zu dieser Sichtweise gesehen werden. Im folgenden Kapitel werden die zu dieser Thematik in den untersuchten SPIEGEL-Artikeln ermittelten Aussagen zusammengefasst und kommentiert.
Sprache und Kultur
In den untersuchten Artikeln im SPIEGEL, die Meinungen und Tendenzen zum Thema Anglizismen beinhalten, wird der englische Spracheinfluss mehrfach mit Imperialismus verglichen 326 oder als „Kulturimperialismus“ 327 bezeichnet. Betrachtet man die Bedeutung des Begriffs als der „Bestrebung einer Großmacht, ihren […] Macht- und Einflussbereich ständig auszudehnen“ 328 , so wird deutlich, dass die Kritik an der Verwendung von Anglizismen über die rein sprachliche Dimension weit hinausgeht. Vermehrtes Formulieren mit Anglizismen wirke sich auf das Denken der Menschen aus:
„fremde Ausdrucksweisen tangieren den Sprachgeist. Es ist ein Unterschied, ob man Geld macht (to make money) oder ob man es verdient.“ 329
„Wenn das Englische mehr und mehr auch für die Kulturwissenschaften, für Politik-, Wirtschafts- und Rechtsdebatten zum neuen globalen Idiom befördert wird, folgt daraus langfristig für alle nichtenglischen Kulturgemeinschaften ein gewaltiger Verlust an sprachlicher Vielfalt, gedanklicher Differenziertheit und Empfindungsnuancen.“ 330
Vor allem die Dominanz des Englischen in der Sprache der Wissenschaft, der Politik und der Kultur, durch die Deutsch in den Hintergrund gedrängt werde, wird als äußerst bedenklich erachtet.
Zu einer möglichen Gefährdung des demokratischen Diskurses durch das Übergewicht des Englischen in Wissenschaft, Technik und Forschung 331 ist anzumerken, dass es äu-
alskonkreter Realisierung, dem Sprachgebrauch. Eingeführt wurde diese Unterscheidung 1916 von de Saussure in seinem „Cours de linguistique générale“.
325 Vgl. Spitzmüller (2005), S. 312.
326 Raeithel (30.10.2000), S. 242; Unbekannter Autor (07.05.1990), S. 278 sowie Hochhuth (16.03.1998), S. 273.
327 Alexander (16.07.2001), S. 160 sowie Schreiber (02.10.2006), S. 194.
328 DUDEN (1997), S. 350.
329 Raeithel (30.10.2000), S. 242.
330 Schreiber (02.10.2006), S. 194.
331 Vgl. Kapitel 3.1.5.
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ßerst fraglich erscheint, dass die deutsche Fachsprache in diesen Bereichen den Bürgern besseres Verständnis ermöglicht.
Eine vorgebliche Verkleinerung der deutschen Sprachgemeinschaft, die aufgrund der Schwächung der Attraktivität des Deutschen als Fremdsprache durch den verminderten Gebrauch auf internationaler Ebene in Politik und Wissenschaft langfristig drohe 332 , wird wohl kaum ins Gewicht fallen angesichts der Tatsache, dass die deutsche Sprachgemeinschaft die größte in Europa darstellt 333 .
Wie bereits im vorhergehenden Abschnitt erwähnt wurde, manifestiert sich in der Kritik an Anglizismenverwendung ein gesellschaftlicher Konflikt. Dahinter steht zumeist die (kulturpessimistische) Befürchtung, die eigene Position werde durch die Neuerungen geschwächt. Wie das Bildungsbürgertum, auf das der SPIEGEL zugeschnitten ist und das den größten Teil seiner Leserschaft darstellt 334 , sich die Standardsprache zum eigenen Prestigegewinn und zur identitätsstiftenden Abgrenzung zunutze gemacht hat 335 , so nutzen jetzt bestimmte Sprechergruppen das Englische, das durch die „wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Vorreiterrolle“ der USA erheblich an „sozialsymbolischem Mehrwert“ 336 gewonnen hat. Spitzmüller konstatiert, dass sich „große Teile alter Bildungseliten durch den Sprachgebrauch ausgegrenzt“ fühlen, ihre Identität angegriffen sehen und sie die Kontrolle über das Ideal des Sprachgebrauchs verloren haben 337 . Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass der SPIEGEL selbst, entstanden nach amerikanischem Vorbild, unzählige Anglizismen in die deutsche Sprache eingeführt hat und ihre möglichen kommunikativen Funktionen für sich nutzt 338 , ihre Verwendung in anderen Bereichen jedoch teilweise so stark kritisiert. Die Kritik steht somit im Widerspruch zum eigenen Verhalten.
Der Vergleich mit Imperialismus zeigt außerdem die gewichtige Rolle, die der Sprache für die nationale Kultur und Identität zuerkannt wird. Die Diskussion um den Einfluss der amerikanischen Kultur auf die deutsche wird durch die Hinzuziehung der sprachlichen Dimension ausgeweitet und in jüngster Zeit intensiviert, was als Folge der seit den Neunziger Jahren verstärkten Debatte um die Rolle der Nationalstaaten in einem vereinigten Europa, um die Identität eines vereinten Deutschlands sowie um die Auswirkungen der Globalisierung gewertet werden kann. Die bereitwillige Aufnahme fremder Sprachelemente wird in den untersuchten Artikeln bemängelt 339 und als Zeichen für ein gestörtes Verhältnis der Deutschen zu ihrer Identität ausgelegt. Diese Argumentation bleibt ohne wirkli- 332 Vgl.3.1.5.
333 Vgl. Haarmann (1993), zitiert nach Hoberg (2002), S. 176.
334 Vgl. Kapitel 2.3.2.
335 Vgl. Spitzmüller (2006), S. 52.
336 Spitzmüller (2005), S. 330.
337 Vgl. ebd.
338 Vgl. Kapitel 2.3.1.
339 Vgl. Kapitel 3.1.3.
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chen Nachweis und somit rein spekulativ; man könnte es genauso gut anders deuten. Das Deutsche wird dabei separat, als Nationalsprache betrachtet, worauf die Betrachtung von Anglizismen als fremde Eindringlinge fußt. Angelehnt an einen Aufsatz von Uwe Pörksen, ist dazu - neben einem Verweis auf die obigen Ausführungen zum Sprachverständnis - zweierlei anzumerken: Zunächst ist festzuhalten, dass die Kontakte mit anderen Sprachen wie dem Lateinischen oder dem Französischen einen positiven Einfluss auf die Entwicklung des Deutschen hatten 340 , was immerhin auch in einem der purismuskritischen SPIEGEL-Artikel erwähnt wird 341 . Hinzu kommt, dass Zweisprachigkeit, mit Latein als Wissenschaftssprache, über 1000 Jahre lang der Normalzustand gewesen ist 342 . Erst die Herausbildung der Nationalstaaten bewirkte die Festlegung überregionaler nationaler Sprachen. Laut Pörksen wird Zweisprachigkeit sowohl in der Form des Bilingualismus als auch in Form der Diglossie zukünftig wieder der Normalzustand sein 343 . Ein Nationalstaat ist ohnehin nicht abgrenzend durch eine Sprache definierbar, da in ihm viele verschiedene andere Sprachgemeinschaften leben und allein dank der inneren Mehrsprachigkeit mannigfaltige Unterschiede zwischen der Sprache verschiedener Gruppen herrschen. Der Kontakt mit anderen Sprachen sollte vielmehr als bereichernd betrachtet werden, ohne die Furcht, dass dadurch die Kultur gleich ins Wanken gerät. Zusammenfassend kann aus den Ausführungen in den Artikeln ein gewisser Kulturpessimismus abgelesen werden. Diese Einstellung ist gekennzeichnet durch die Annahme, dass die Entwicklung von Kultur „als zunehmender Verfalls- und Zerstörungsprozess begriffen wird“ 344 , was durch die geschilderte Sichtweise auch für die Entwicklung der Sprache angenommen wird.
In den Untersuchungen der weiteren Artikel zum Sprachverfall in Kapitel 3.2 wird die Diskussion um Sprache und Kultur wieder aufgegriffen.
Sonstiges
Einige weitere Ergebnisse der Analyse, die nicht in die bisherigen Kategorien eingeordnet werden konnten, sollen hier kurz besprochen werden. So konnte festgestellt werden, dass in den untersuchten SPIEGEL-Artikeln kaum differenziert wird, welche Anglizismen kritisiert werden. Vor allem bei dem Stilmittel der Verfremdung durch die gehäufte Verwendung von Anglizismen wird deutlich, dass keine Unterschiede gemacht werden zwischen englischen Slogans, Fremdwörtern und unterschiedlichen Formen der Entlehnung wie
340 Vgl. Polenz (1994), S. 48f, zitiert nach Pörksen (2000), S. 29: „Diese Offenheit gegenüber fremden Sprachen, die in dieser Zeit eine kulturpatriotische Sprachbewegung zur Folge hatte, hat die deutsche Sprachkultur einerseits behindert, andererseits langfristig sehr gefördert.“
341 Vgl. Unbekannter Autor (26.08.1991), S. 181: „Denn was wäre die deutsche Sprache, hätten nicht in Jahrhunderten zuvor die europäischen Kultursprachen auf sie eingewirkt?“
342 Vgl. Pörksen (2000), S. 24.
343 Vgl. ebd., S. 31f.
344 Brockhaus (1990), S. 586.
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Lehnübersetzungen, Lehnübertragungen, Lehnwendungen, Lehnbedeutung, Eigenentwicklungen oder Mischkomposita, die, einmal entlehnt, als Bestandteile des Deutschen, also als deutsche Wörter zu behandeln sind. Der Vorwurf, es würde schlechtes oder so genanntes „Pseudo-Englisch“ 345 gesprochen 346 , ist somit nichtig, da nicht mehr die selben Kriterien wie für richtiges und „gutes“ Englisch angelegt werden können:
„Ein Anglizismus ist ein deutsches Sprachzeichen unabhängig davon, ob er eine im englischen Sprachgebrauch übliche Bedeutung wiedergibt oder nicht.“ 347
In den untersuchten Artikeln werden Anglizismen dagegen größtenteils als englische Wörter, die im Deutschen gebraucht werden, aufgefasst. Zudem werden die Anglizismen zum Teil ohne Angabe des Zusammenhangs, in dem sie gebraucht wurden, dargestellt. Hier findet somit wenig fruchtbringende Wortkritik statt, während die Linguistik sich mittlerweile einig ist, dass Sprache nur mehr in ihrem Gebrauch, abhängig von der konkreten Situation, beurteilt werden kann.
Das Verhältnis zum Verein Deutsche Sprache (VDS) scheint indessen gespalten. Bis auf wenige Ausnahmen 348 sucht der SPIEGEL Distanz, meist durch Ironie, zu erzeugen, greift aber wiederholt, vor allem bei SPIEGEL Online, Aktionen des VDS als Aufhänger für Artikel auf und integriert Aussagen des Vorsitzenden Walter Krämer in seine Artikel. Zudem wird zwar versucht, sich von Positionen des VDS abzusetzen, jedoch ähneln mehrere Standpunkte - vor allem die undifferenzierte Betrachtung von Sprache und ihren Funktionen sowie das zugrunde liegende Sprachverständnis - einander doch sehr. Diese Analyse kann in dieser Arbeit allerdings nicht weiter ausgeführt werden.
Position des SPIEGEL
Wie Jürgen Spitzmüller schon für den Gesamtdiskurs feststellt 349 , überwiegt im SPIEGEL die anglizismenkritische Berichterstattung. Die meisten Artikel sind von grundlegender Skepsis gegenüber der Verwendung von Anglizismen und deren Auswirkungen auf die Sprecher geprägt.
Dabei gibt es jedoch auch Ausnahmen, die dann zumeist entweder die französische Sprachpolitik oder den Verein Deutsche Sprache betreffen und diese kritisieren. Hier wird eine gewisse Widersprüchlichkeit deutlich: Die französischen Maßnahmen gegen die „Überfremdung“ werden als Kulturchauvinismus abgetan 350 , in Artikeln zur Anglizismenverwendung im Deutschen wird hingegen gleichfalls die Gefährdung der eigenen Kultur durch den Einfluss des Englischen beklagt. Auch das Konzept des VDS wird mal als pu- 345 Schreiber(02.10.2006), S. 185.
346 Vgl. Kapitel 3.1.5.
347 Busse (2001), S. 134.
348 Vgl. zum Beispiel Schreiber (02.10.2006), S. 187.
349 Vgl. Spitzmüller (2005), S. 363.
350 Vgl. etwa Unbekannter Autor (16.05.1994), S. 168.
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ristisch und übertrieben, mal als einzig richtige Reaktion auf den steigenden Gebrauch fremder Sprachelemente dargestellt. Eine klare Position ist somit, wenn man sich eine Übersicht über alle Artikel verschafft hat, trotz der Überzahl der anglizismenkritischen Artikel teilweise schwer auszumachen. Die Inkonsequenz, die durch den Gegensatz zwischen der Kritik an der Verwendung von Anglizismen einerseits und der Ironisierung solcher Kritik 351 andererseits deutlich wird, wirkt irritierend. Auch innerhalb einiger Artikel werden mehrere Lesarten angeboten, indem zu beiden Seiten polarisiert wird und somit verschiedene Adressaten in ein und demselben Artikel angesprochen werden, so dass der Artikel letztlich keine eindeutige Position offeriert. Stellenweise hat man den Eindruck, dass hier vor allem Kritik um der Kritik willen geäußert wird und die Erzielung ironischer Wirkung vorrangig zu sein scheint. Die insbesondere durch die verwendeten Stilmittel sehr abwechslungsreiche Gestaltung wirkt auf mich, als ob es weniger um Information als um eine Art unterhaltende Nachrichten ginge, was dem Konzept der Story wohl recht nahe kommt.
Konstruktive Vorschläge zur Änderung der kritisierten Zustände finden sich hingegen ausnehmend selten. So wird von der Politik die Durchsetzung des Deutschen auf internationaler Ebene als Amtssprache bei der UN sowie der EU gefordert, sowie generell eine Reduzierung des Gebrauchs von Anglizismen verlangt.
Die öffentliche Thematisierung sprachkritischer Themen ist generell zu begrüßen, sollte aber differenzierter durchgeführt werden und vor allem dem Leser bessere Möglichkeiten bieten, sich eine fundierte Meinung zu bilden, statt den Unterhaltungswert in den Vorder-grund zu stellen. Zudem drängt sich der Eindruck auf, dass der SPIEGEL sich bei seiner Kritik an Anglizismenverwendung zum Teil an den Bedürfnissen seiner Zielgruppe orientiert, die vermutlich genau das hören will. Wie bereits erwähnt, ist Kulturpessimismus unter alten Bildungseliten weit verbreitet.
In der abschließenden Betrachtung wird die kritische Betrachtung der Position des SPIE-GEL vor dem Hintergrund der Untersuchungsergebnisse und ihrer Gegenüberstellung mit linguistischen Erkenntnissen weiter ausgeführt.
351 Vgl. insbesondere den polemischen Kommentar „Fremde Wörter“ (Unbekannter Autor (05.02.2001)).
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3.2 Sprachverfall
In diesem Kapitel werden, analog zur Vorgehensweise im vorhergehenden Kapitel, im SPIEGEL und bei SPIEGEL Online erschienene Artikel zum Sprachverfall, die sich nicht mit Anglizismen befassen, analysiert.
3.2.1 Untersuchungskorpus
Im Folgenden werden, wie bereits im vorhergehenden Kapitel zu Anglizismen, zunächst die untersuchten Artikel in einer Tabelle dargestellt, bevor sie analysiert werden. Die Auswahl der Artikel erfolgt wiederum nach dem Kriterium, ob diese explizit geäußerte oder implizit enthaltene Tendenzen zu einer Meinung aufweisen. Dabei werden sowohl Artikel von SPIEGEL-Autoren wie auch von Gastautoren untersucht. Leserbriefe und Interviews bleiben indes unberücksichtigt 352 .
Wie man an der Anzahl der untersuchten Artikel zum allgemeinen Sprachverfall im Vergleich zu der Anzahl der Artikel zu Anglizismen, die doppelt so hoch ist, sieht, wird die Sprachverfallsdebatte im SPIEGEL vom Anglizismendiskurs dominiert. Der erste Artikel zum Sprachverfall stammt aus dem Jahre 1968 und thematisiert bereits die auch in späteren Artikeln festgestellte Annäherung der Schriftsprache an die Sprechsprache und damit einhergehend eine Verkürzung und Vereinfachung der geschriebenen Sätze. Die Sprachverfall bestreitenden Artikel finden sich zwischen den Jahren 1980 und 1991, lediglich unterbrochen durch die SPIEGEL Titel-Story „Eine unsäglich scheußliche Sprache“, die einen Verlust der Schriftkultur vor allem durch mangelnde Rechtschreibung nachgewiesen sieht. Ab 1993 treten dann nur mehr den Sprachverfall beklagende oder ausgewogene Artikel auf. Einen gewichtigen Anteil stellen die Glossen von Bastian Sick dar, die dafür sorgen, dass ab 2003 die höchste Dichte an Artikeln zum Sprachverfall im Untersuchungskorpus erreicht wird. Von den zahlreichen Glossen des Bastian Sick, die seit Mai 2003 regelmäßig bei SPIEGEL Online erscheinen, wurden hier lediglich sechs exemplarisch ausgewählt, die typische, im Diskurs zum Sprachverfall häufig diskutierte Sprachthemen behandeln 353 .
Aufgrund der insgesamt geringeren Anzahl an Artikeln werden Artikel aus der Printausgabe sowie aus SPIEGEL Online gemeinsam in einer Tabelle aufgeführt. Die folgende Tabelle 1 gibt einen Überblick über die ermittelten Artikel, ihr Erscheinungsdatum sowie ihre Darstellungsform. Die Artikel sind zum besseren Überblick je nach ihrer jeweiligen Ten-
352 Vgl.Kapitel 3.1.1.
353 Für einen ausführlichen Kommentar zu den Kolumnen von Bastian Sick vgl. Schneider (2005).
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denz eingefärbt: rot für Artikel, die Sprachverfall beklagen, grün für Artikel, die diesen
bestreiten, grau für ausgewogen berichtende Artikel.
Tabelle 3: Meinung enthaltende, den Sprachverfall thematisierende Artikel im
Schwerpunkte der Analyse
Im folgenden Teil der Arbeit werden die Ergebnisse der Analyse der Artikel zum Sprachverfall vorgestellt. Analog zur Vorgehensweise in Kapitel 3.1 konzentriert sich die Analyse auf nachstehende Schwerpunkte: S Quantitative Analyse der Artikel:
Sprachverfall / kein Sprachverfall / ausgewogen (Kapitel 3.2.2) S Implizite Argumentation: Kollektivsymbolik, Verfremdung, Lexik (Kapitel 3.2.3) S Explizite Argumentation: Kein Sprachverfall (Kapitel 3.2.4) S Explizite Argumentation: Sprachverfall (Kapitel 3.2.5)
In der anschließenden Auswertung der Analyse in Kapitel 3.2.6 werden die Implikationen der Argumentation durch Gegenüberstellung mit linguistischen Erkenntnissen insbesondere im Hinblick auf folgende Gesichtspunkte überprüft: S Welches Verständnis von Sprache und Kommunikation - speziell von Jugendsprache - liegt den Ausführungen zugrunde?
S Inwieweit werden Unterschiede zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit sowie zwischen unterschiedlichen Medien des Sprachgebrauchs in die Kritik mit einbezogen?
S Anhand welcher Entwicklungen der Sprache wird die These von ihrem Verfall belegt?
Im Anschluss werden die aus den Ergebnissen abzulesenden wichtigsten Merkmale der Position des SPIEGEL zusammengefasst, um diese in der abschließenden Betrachtung kritisch zu diskutieren (Kapitel 4).
3.2.2 Quantitative Analyse der Artikel
Von den insgesamt zwanzig Meinung enthaltenden Artikeln zum Thema Sprachverfall vertreten vierzehn Artikel, also 70 Prozent, den Standpunkt, dass ein Verfall der Sprache zu konstatieren ist. Sieben davon sind von oder über Bastian Sicks „Glossen wider den Sprachverfall“ 354 und thematisieren vor allem grammatische Verfallserscheinungen 355 . In den anderen Artikeln wird Sprachverfall vor allem anhand von Jugendsprache 356 und einer
354 Theile (02.10.2006), S. 186.
355 Vgl. Sick (09.07.2003), Sick (06.08.2003), Sick (10.12.2003), Sick (25.02.2004), Sick (26.01.2005), Sick (27.07.2005), Theile (02.10.2006).
356 Vgl. Riegel (02.06.2002), Kutschke (20.09.1993).
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Abkehr von der Schriftsprache beziehungsweise der Vernachlässigung ihrer Wichtigkeit 357 dokumentiert. Zwei der Artikel sind Titel-Storys 358 , denen insofern besonderes Gewicht beizumessen ist.
Drei der untersuchten Artikel (15 Prozent) bestreiten einen Verfall von Sprache. In zwei dieser Artikel geht es um Jugendsprache 359 , ein weiterer lehnt mehrere unterschiedliche sprachkritische Ansätze, wie zum Beispiel Kritik an der Verwendung von Anglizismen, ab 360 . Wie bereits erwähnt sind diese Artikel aus den Achtziger und frühen Neunziger Jahren, während ab 1993 die kritischen, Sprachverfall beklagenden Artikel deutlich überwiegen.
Wiederum drei Artikel (15 Prozent) im Untersuchungskorpus berichten ausgewogen über sprachkritische Themen. Dabei geht es um Forschungsergebnisse zur Sprache in Kurzmitteilungen per Mobiltelefon 361 sowie der so genannten „Kiez-Sprache“ als Form der Jugendsprache 362 .
Es fällt auf, dass Jugendsprache Element aller drei Kategorien ist und somit ein besonders stark polarisierendes Thema zu sein scheint.
Bei der Einstufung der Artikel gab es im Gegensatz zu den Artikeln zu Anglizismen weniger Probleme. Die Artikel, in denen der Verfall der Sprache beklagt wird, lassen auch von Anfang an keinen Zweifel über diese Ansicht. Ebenso wird in zwei der den Sprachverfall bestreitenden Artikeln verfahren. Die einzige Ausnahme diesbezüglich bildet der Artikel „Als der Hund noch boll“ 363 , dessen Tendenz erst in den letzten zwei Absätzen des Textes deutlich wird, nachdem zuvor verschiedene Lesarten angeboten wurden. Die ausgewogenen Artikel weisen kaum eigenen Meinungsanteil der Autoren auf, sondern beschränken sich auf das Zitieren von Experten. Wenn Meinung zum Ausdruck kommt, so tendiert diese eher skeptisch in Richtung Sprachverfall 364 , was durch die Expertenmeinungen wieder ausgeglichen wird.
357 Vgl. Unbekannter Autor (11.03.1968), Unbekannter Autor (17.10.2005), Unbekannter Autor (09.07.1984).
358 Unbekannter Autor (09.07.1984) sowie Schreiber (02.10.2006).
359 Vgl. Schultz-Gerstein (24.03.1980), Wieser (08.08.1983).
360 Vgl. Unbekannter Autor (26.08.1991).
361 Vgl. Unbekannter Autor (11.11.2006), Leffers (25.01.2002).
362 Vgl. Araghi (15.10.2007).
363 Unbekannter Autor (26.08.1991).
364 Vgl. Araghi (15.10.2007), S. 197: „Ist also das Hochdeutsche doch in Gefahr, zwischen der familiären Subsprache und dem Englischen als internationaler Lingua franca in die Zange genommen und zerquetscht zu werden?“ oder Unbekannter Autor (11.11.2006): „Neusprech in Neusee-land“.
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3.2.3 Implizite Argumentation
In diesem Kapitel wird der Einsatz von Stilmitteln, die implizit Meinung enthalten und somit argumentative Wirkung entfalten, untersucht. Wie bereits in der Analyse der Artikel zu Anglizismen konzentriert sich die Analyse auf Kollektivsymbolik, Schlagwörter, auffällige Lexik sowie die für den SPIEGEL charakteristischen Verfremdungen. Für die Erläuterung dieser Stilmittel verweise ich auf Kapitel 3.1.3.
Kollektivsymbole
Die ermittelte Kollektivsymbolik in den Artikeln weckt beim Leser, wie schon in den Artikeln zu Anglizismen festzustellen war, fast ausschließlich negative Assoziationen. Metaphern sind im Gegensatz zu den Artikeln zu Anglizismen in weit geringerer Anzahl zu finden, was meiner Meinung nach darauf hindeutet, dass die Diskussion um den Sprachverfall außerhalb des Anglizismendiskurses etwas weniger emotional geführt wird. Der kulturelle Wert der Sprache wird durch metaphorische Bezeichnungen wie „Kunstwerk Sprache“ 365 und als „volltönende[s] Instrument“ 366 betont oder durch „ideologisches Familiensilber“ 367 ironisierend dargestellt. Der Verlust dieses Kulturguts wird befürchtet, da es „nur noch mit Füßen getreten“ 368 werde und in Gefahr sei, „zwischen der familiären Subsprache und dem Englischen als internationaler Lingua franca in die Zange genommen und zerquetscht zu werden“ 369 . Die deutsche Sprache wird demzufolge erneut als abgeschlossenes Einzelsystem gesehen. Die identitätsstiftende Funktion, die eine Varietät erfüllen kann, wird hingegen in einem der den Sprachverfall bestreitenden Artikel erkannt, in dem Sprache als „Erkennungsmelodie der Jugend“ 370 bezeichnet wird. Die Verantwortung für den Verfall der Sprache wird, wie noch in Kapitel 3.2.5 zur expliziten Argumentation zu sehen sein wird, unter anderem den Massenmedien zugeschrieben und durch verschiedene negativ konnotierte Metaphern illustriert. Die von einer „Übermacht von Bild und Ton“ 371 produzierte „Bildflut“ 372 sorge dafür, dass die Menschen „mit Amüsier-Müll zugeschüttet und mental entmündigt“ 373 würden. Dadurch seien sie zu „Rezeptoren“ 374
365 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 129.
366 Ebd.
367 Schultz-Gerstein (24.03.1980), S. 222.
368 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 129.
369 Araghi (15.10.2007), S. 197.
370 Wieser (08.08.1983), S. 142.
371 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 129.
372 Ebd., S. 132.
373 Kutschke (20.09.1993), S. 146.
374 Ebd., S. 146.
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und die Kinder zu „stumme[n] Zombies“ 375 degradiert, deren Sprache nur mehr aus „stereotype[n] Worthülsen“ 376 bestehe, die ihnen „aus den Mündern […] tropfen“ 377 . Des Weiteren wird der Sprachgebrauch, an dem sich der Verfall ablesen lasse, metaphorisch als „Sprachmüll“ 378 bezeichnet. Dieser schlage sich in „Wort-Vogelscheuchen“ 379 , „wuchernde[n] Formulierungen“ 380 oder „einstürzenden Neusprech-Bauten“ 381 nieder. Hier wird einmal mehr die für den SPIEGEL charakteristische Vorliebe für ungewöhnliche neue Komposita deutlich, die dem Leser sofort auffallen müssen, sich einprägen und Meinung transportieren.
Das bereits im Kapitel zu Anglizismen erläuterte, besonders auf die Zielgruppe der überdurchschnittlich gebildeten Leser zugeschnittene, negativ konnotierte Kollektivsymbol „Neusprech“ 382 wird in den Artikeln zum Sprachverfall ebenso verwendet wie Abwandlungen wie „Politikersprech“ 383 oder das soeben erwähnte „Neusprech-Bauten“ 384 . Außerdem werden negativ konnotierte Schlagwörter wie „Neudeutsch“ 385 oder „Kauderwelsch“ 386 zur Bezeichnung der im Verfall begriffenen Sprache gebraucht. Auch das ebenfalls negativ konnotierte Kollektivsymbol der babylonischen Sprachverwirrung 387 findet sich erneut 388 .
Lexik
Die Lexik, die den Umgang mit der Sprache und ihre daraus resultierende Entwicklung beschreibt, ist besonders ausgeprägt und zeigt deutlich die pessimistische Sichtweise, aus der diese Entwicklung beschrieben wird. Die Autoren sprechen von „Niedergang“ 389 , „Verfall“ 390 und „Verlotterung“ 391 der Sprache, ihrer „klangliche[n] Verarmung“ 392 , einer fortschreitenden „Infantilisierung des Sprechens“ 393 und der schließlich „drohende[n] Sprachlosigkeit“ 394 . Diese „Verhunzung“ 395 sei sowohl auf den „Niedergang des Schriftli-
375 Kutschke(20.09.1993), S. 146.
376 Ebd., S.143.
377 Ebd.
378 Unbekannter Autor (05.09.1994), S. 221.
379 Schreiber (02.10.2006), S. 185.
380 Unbekannter Autor (05.09.1994), S. 224.
381 Schreiber (02.10.2006), S. 185.
382 Unbekannter Autor (11.11.2006).
383 Schreiber (02.10.2006), S. 185.
384 Ebd.
385 Unbekannter Autor (05.09.1994), S. 224.
386 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 126.
387 Vgl. Kapitel 4.2.3.
388 Vgl. Wieser (08.08.1983), S. 143 sowie Unbekannter Autor (05.09.1994), S. 221.
389 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 126.
390 Ebd., S. 129.
391 Schreiber (02.10.2006), S. 182.
392 Ebd., S. 184.
393 Ebd., S. 183.
394 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 132.
395 Unbekannter Autor (05.09.1994), S. 221.
59
chen“ 396 als auch auf die „Verluderung öffentlichen Redens“ 397 , „Sprachschlampereien“ 398 ,
den „schludrigen Umgang mit der deutschen Sprache“ 399 oder die „Vernachlässigung und
Vergröberung des eigenen Idioms“ 400 zurückzuführen.
Die in den Sprachverfall konstatierenden Artikeln beschriebene „gespenstische Abwärts-dynamik“ 401 wird in einem den Verfall der Sprache bestreitenden Artikel von 1980 noch
ironisierend dargestellt: Die „Schreckens-Visionen“ 402 und „Schreckensmeldungen über
den verwahrlosten Zustand der Kultur-Nation“ 403 seien nichts weiter als ein „Gespenst“ 404 ,
das „in Deutschlands führenden Köpfen“ 405 umgehe - und Gespenster existieren ja be-
kanntlich nicht. Des Weiteren werden in einem anderen Artikel Vertreter der These vom
Sprachverfall ebenfalls ironisierend gezeichnet und stattdessen die Theorie vom natürli-
Sprachwandel unterstützt. „Puristen“ 406 , „Sprachpedanten“ 407 , „nostalgische chen
Sprachgärtner und wütende Wortpolizisten“ 408 und „Starkverbverteidiger“ 409 würden „nör-
gel[n]“ 410 , „jammern“ 411 und „lamentiere[n]“ 412 , die „Sprachkarawane“ 413 ziehe trotzdem
weiter. Bezeichnenderweise ist dieser Beitrag aus dem Jahr 1991 der letzte den Sprach-
verfall bestreitende Artikel, der im SPIEGEL bis heute erschien, wenn man den Anglizis-mendiskurs diesbezüglich ausklammert.
Verfremdung
In den untersuchten Artikeln zum Sprachverfall werden Verfremdungseffekte durch den
nicht-zitierenden Gebrauch von varietätsspezifischer Sprache anstelle der zu erwartenden
Standardsprache erzielt. Die Verwendung von Jugendsprache wie „Penne“ 414 , „keinen
Bock mehr“ 415 , „einfach grell“ 416 „nach der grellen Vorlage“ 417 oder „bleiben da ganz
396 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 130.
397 Unbekannter Autor (05.09.1994), S. 221.
398 Ebd., S. 224; vgl. außerdem Schreiber (02.10.2006), S. 182 sowie Unbekannter Autor
(17.10.2005), S. 165.
399 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 130; vgl. außerdem Schreiber (02.10.2006), S. 185 sowie
Unbekannter Autor (17.10.2005), S. 162.
400 Schreiber (02.10.2006), S. 183.
401 Ebd., S. 184.
402 Schultz-Gerstein (24.03.1980).
403 Ebd.
404 Ebd.
405 Ebd.
406 Unbekannter Autor (26.08.1991), S. 181.
407 Ebd.
408 Ebd.
409 Ebd.
410 Ebd., S. 180.
411 Ebd., S. 181.
412 Ebd.
413 Ebd.
414 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 129.
415 Ebd., S. 132.
416 Ebd., S. 136.
417 Schreiber (02.10.2006), S. 184.
60
cool“ 418 wird in diesem Verwendungszusammenhang als unpassend empfunden, so dass eine ironisierende Wirkung erzeugt wird. Jugendsprache wird durch den Kontrast zur Standardsprache, in dem der restliche Artikel gehalten ist, abgewertet. Besonders stark wird dieser Effekt durch die Häufung jugendsprachlicher Wörter und Wendungen, wie in „Die Message war tierisch, und ein Typ, der das nicht rafft, ist einfach ätzend.“ 419 Eine solche Häufung findet sich auch als ironische Pointe am Ende eines den öffentlichen Sprachgebrauch kritisierenden Artikels: „Die Muster der Lebensplanung der Filmhelden erwiesen sich vom Grundsatz her als nicht kompatibel. Davon ist nun mal immer auszugehen.“ 420
Zu der geschilderten Vorgehensweise ist noch ergänzend anzumerken, dass Jugendsprache, bei der es sich vorwiegend um das Sprechen von Jugendlichen handelt, in schriftlichen Zusammenhängen fast zwangsläufig lächerlich wirken muss, da die jeweiligen kommunikativen Situationen, in denen geschriebene oder gesprochene Sprache verwendet wird, grundlegend verschieden sind. Die Vernachlässigung des Unterschieds zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit wird zugunsten des zu erzielenden ironischen Verfremdungseffekts ausgebeutet. Diese Beobachtung wird in der Auswertung in Kapitel 3.2.6, in denen die in den Artikeln ermittelten Annahmen des SPIEGEL und linguistische Erkenntnisse gegenübergestellt werden, wieder aufgegriffen.
3.2.4 Explizite Argumentation: Kein Sprachverfall
Die Argumentation in den drei den Sprachverfall bestreitenden Artikeln konzentriert sich überwiegend auf den Generationenkonflikt, der zur Kritik an Jugend und ihrer Sprache führe, sowie auf kulturpessimistische Einstellungen, die als Hintergrund für Sprachkritik verschiedener Art vermutet werden.
Die Klagen über den Verfall der etablierten Kultur-Werte seien Ausdruck des gesellschaftlichen Konflikts zwischen verschiedenen Generationen. Während versucht werde, die eigenen Werte als maßgeblich zu definieren, würden die veränderten Bedürfnisse der Jugend ignoriert 421 . Diese unterschiedlichen Bedürfnisse äußerten sich in der Sprache der Jugend, die ihre Lebenslage reflektiere 422 und ihre Identität mit begründe 423 . Hier klingt das Verständnis von varietätsspezifischem Sprachgebrauch an, dessen Kreativität her- 418 Kutschke(20.09.1993), S. 143.
419 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 134.
420 Unbekannter Autor (05.09.1994), S. 224.
421 Vgl. Schultz-Gerstein (24.03.1980), S. 219.
422 Vgl. Wieser (08.08.1983), S. 143: „dass der No-future-Jargon (‚Null Bock’) eine No-future-Lebenslage reflektiert“.
423 Vgl. ebd., S. 142: „ist die Erkennungsmelodie der Jugend vor allem ihre Sprache.“
61
vorgehoben und als Reaktion „auf das kalte und ordentliche, von allen Emotionen gereinigte Begriffschinesisch der Erwachsenenwelt“ 424 aufgefasst wird. 425 Sprache müsse fürderhin als „Sündenbock“ 426 für gesellschaftliche Entwicklungen herhalten. Hinter den meisten Verfallsklagen, wie der Kritik an bevorzugter Verwendung des Dativs statt des Genitivs, Vernachlässigung des Konjunktivs, übermäßigem Gebrauch fremder Sprachelemente sowie veränderter Flexion - vor allem der schwindenden Zahl starker Verben - stecke ein „konservativ nörgelnder Kulturpessimismus“ 427 . Die Kritik zielt nach diesem Verständnis also weniger auf die Sprache selbst, sondern auf unterschiedliche Einstellungen innerhalb der Gesellschaft ab, die sich von den Ansichten der etablierten Bildungseliten abheben. Durch die Kritik am Verfall der Sprache werde versucht, „Barrieren […] zwischen gehobener und niederer Sprache“ 428 zu errichten und unliebsamen Sprachgebrauch zu „stigmatisieren“ 429 . Genau wie die gesellschaftliche lasse sich jedoch auch die sprachliche Entwicklung nicht aufhalten, denn die „Sprachkarawane zieht weiter“ 430 . Hier wird die Auffassung eines stetigen, transformatorischen Wandels von Sprache angedeutet. Im Abschnitt „Sprachverfall oder Sprachwandel?“ im auswertenden Kapitel 3.2.6 werden die unterschiedlichen Annahmen, die jeweils der Auffassung vom Verfall oder Wandel von Sprache zugrunde liegen, erläutert und diskutiert.
3.2.5 Explizite Argumentation: Sprachverfall
Entsprechend der Tendenzen der Artikel ist die Argumentation für den Verfall der Sprache sehr viel umfangreicher als die Begründungen, die den Sprachverfall bestreiten. Im Folgenden wird ein Überblick über die wichtigsten Elemente dieser Argumentation gegeben.
(1) Die Sprache von Kindern und Jugendlichen dient mehrfach als Nachweis für den Verfall der Sprache. Ihre Sprachbeherrschung sei in verschiedener Hinsicht mangelhaft: so seien sie zum einen „maulfaul“ 431 geworden und würden kaum Interesse an mündlicher Kommunikation zeigen, um sich miteinander auszutauschen, sondern stattdessen nur „stereotype Worthülsen“ 432 und Bewertungen ohne Begründung von sich geben. Schreiber
424 Wieser (08.08.1983), S. 143.
425 Vgl. auch Schreiber (02.10.2006), S. 183: „Jugendsprache an sich ist ja etwas Erfrischendes und Gutes. Weil sie entkrampft, weil sie Protest ausdrücken kann, vor allem weil sie spielerischer und sinnlicher ist als der oft abstrakte Nominalstil wichtiger Erwachsener, die gern etwas ‚unter Beweis stellen’ oder ‚Einfluss nehmen’.“
426 Unbekannter Autor (26.08.1991), S. 182.
427 Ebd.
428 Ebd.
429 Ebd.
430 Ebd., S. 181.
431 Kutschke (20.09.1993), S. 143.
432 Ebd.
62
spricht von einer „Infantilisierung des Sprechens“ sowie von „Verblödung“ 433 . Jugendliches Sprechen sei nur für die Mitglieder der jeweiligen Gruppe oder Clique zu verstehen. Einem Außenstehenden könnten die Jugendlichen beliebige Inhalte hingegen kaum mehr verständlich mitteilen. Zum andern befände sich auch die Schriftsprache der Jugend auf einem äußerst niedrigen Niveau. Sowohl Rechtschreibung, Grammatik als auch Ausdrucksfähigkeit seien ungenügend entwickelt. Dies wird anhand verschiedener Untersuchungen und Expertenmeinungen wie von Ausbildungsleitern, Lehrern und Wissenschaftlern sowie durch Beispiele von Fehlern von Schülern und Auszubildenden belegt 434 . Die Ursachen für diese Entwicklung werden in der familiären Sozialisation, dem Medienkonsum und der Ausbildung der Kinder und Jugendlichen gesehen. In der Familie fehlten Vorbilder, die sowohl mündliche wie auch schriftliche Kommunikation im Alltag vorlebten und bei ihren Kindern förderten 435 . Zudem erschwere das Überangebot der modernen Medien, die die Passivität ihrer Konsumenten erzeugten, einerseits durch ihre Flüchtigkeit eine reflektierte Auseinandersetzung mit den dargebotenen Inhalten, während diese zugleich aufgrund der vielfältigen Auswahl an Unterhaltungsmöglichkeiten kaum mehr notwendig sei 436 :
„Und einer durch Anschauung geprägten Jugend, die mit Vorliebe Comics mit all ihrem ‚Ächz’ und ‚Würg’ oder Schlager wie ‚Da da da’ konsumiert, die reist, keine Bücher liest, und der vermeintliches Weltgeschehen frei Haus über den Bildschirm geliefert wird, […].“ 437
Selbständige sprachliche Verarbeitung finde kaum statt:
„Wer schon als Kleinkind vom Babysitter Fernsehen verwöhnt und ruhiggestellt wurde, der schweigt offenbar auch, wenn er älter wird. Machen uns also die Massenkommunikationsmittel mehr und mehr mundtot, produzieren sie eine Generation stummer Zombies? Wo immer sich junge Leute vergnügen, sind sie zum Schweigen verdammt - im Kino, im Open-Air-Konzert, in der Disco, beim Video vor dem Fernseher und dem Computer. Sie werden bis zur Bewusstlosigkeit beschallt - nur selbst etwas sagen: Das brauchen, dürfen sie nicht.“ 438
Zugleich sei den Jugendlichen sowohl die Bereitschaft als auch die Fähigkeit, längere, schwierige Texte zu lesen, abhanden gekommen, was durch verschiedene Statistiken wie zum Beispiel die Entwicklung der Anzahl der Jugendlichen, die täglich eine Tageszeitung lesen 439 , illustriert wird. Neben Familie und Medien wird die Schule, sprich die Lehrer sowie ihre Vorgesetzten im jeweiligen Kultusministerium des Landes, für die Missstände verantwortlich gemacht. Neben der Überlastung der Lehrkräfte durch zu große Klassen
433 Schreiber (02.10.2006), S. 183.
434 Vgl. Riegel (02.06.2002), Unbekannter Autor (09.07.1984).
435 Vgl. Riegel (02.06.2002), Kutschke (20.09.1993), S. 146.
436 Vgl. Riegel (02.06.2002).
437 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 133.
438 Kutschke (20.09.1993), S. 146.
439 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 134.
63
und zusätzliche Aufgaben wie die Durchführung von Integrationsmaßnahmen 440 wird vor allem die inhaltliche Gestaltung des Deutschunterrichts kritisiert. Dieser habe sich mit der Entwicklung der Soziolinguistik in der Sprachwissenschaft seit 1972 immer stärker auf die Vermittlung mündlicher Kommunikationsfähigkeiten wie Diskutieren, Argumentieren etc. konzentriert, während das Schriftliche, wie zum Beispiel die Rechtschreibung, zugleich immer mehr in den Hintergrund getreten sei 441 . Diese These von der angeblichen Abkehr von der Schriftkultur beschränkt sich nicht nur auf die sprachliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, sondern bezieht sich auf die gesamte „westdeutsche Industriegesellschaft“ 442 und stellt einen weiteren Haupt-Argumentationsstrang für den Verfall der Sprache dar.
(2) Bereits in einem Artikel von 1968 wird konstatiert, dass die Schriftsprache sich der gesprochenen Sprache immer weiter annähere. Die einst hoch gelobte Schriftsprache habe sich in Richtung der vulgären Umgangssprache entwickelt, was durch das allmähliche Verschwinden des Konjunktivs, die Dominanz des Gebrauchs „’trivialer’“ Nebensätze wie Relativ- und dass-Sätzen bei gleichzeitigem Rückgang der Verwendung anderer Nebensatzarten und anderen Veränderungen der Schriftsprache deutlich werde 443 . Vor allem die Länge der geschriebenen Sätze wird als Beleg für die genannte Entwicklung erachtet: so kämen Publizisten „im Gegensatz zu den vielwortigen Satzgefügen Goethes, Heinrich von Kleists oder Jean Pauls“ 444 mit sechzehn, Autoren der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dreizehn bis vierzehn und die Bild-Zeitung mit lediglich fünf Wörtern pro Satz aus 445 . In der Titelstory „Deutsch for sale“ aus dem Jahr 2006 wird diese Argumentation wieder aufgegriffen, indem wiederum die Satzlänge in den Werken von Goethe, Heine oder Thomas Mann den fünf bis dreizehn Wörtern langen Sätzen heutiger Zeitungstexte sowie den vier Wörter langen Sätzen in Radio, Fernsehen und Boulevardpresse gegenübergestellt wird 446 . Die Verkürzung der Sätze wird neben anderen Entwicklungen als eindeutiges Zeichen für den Verfall der Sprache gewertet:
„Verkürzung, Vereinfachung, Vergröberung bilden die Trias einer gespenstischen Abwärtsdynamik der gesprochenen und geschriebenen Sprache.“ 447
Generell sei ein „gelöster Umgang mit der deutschen Schrift […] in vielen Lebensbereichen zu beobachten“ 448 . Die bereits im Abschnitt zur Sprachbeherrschung von Kindern
440 Vgl. Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 134.
441 Vgl. ebd., S. 131f.
442 Ebd., S. 126.
443 Vgl. Unbekannter Autor (11.03.1968) , S. 153.
444 Ebd., S. 152.
445 Vgl. ebd.
446 Vgl. Schreiber (02.10.2006), S. 184.
447 Vgl. ebd.
64
und Jugendlichen erläuterten Gründe für diese Entwicklung werden auf weitere Sprechergruppen übertragen: erneut wird auch für die Erwachsenen der Konsum massenmedialer Unterhaltungserzeugnisse, die zur Passivität verurteilten, als Grund für eine wachsende „sprachliche Hilflosigkeit“ genannt 449 . Die Verlagerung des didaktischen Schwerpunkts in der Schule bewirke, dass auch die Lehrer selbst dem Schriftlichen keinen hohen Stellenwert mehr beimessen würden und „eine unsäglich scheußliche Sprache“ 450 sprächen. Auch Handwerker, Sekretärinnen, Verwaltungsangestellte, Doktoranden und andere zeigten teilweise eklatante Mängel in der schriftlichen Kommunikation, begünstigt durch die maschinelle Unterstützung bei der Texterstellung 451 . Problematisch sei die allgemeine Abkehr von Schriftlichkeit insbesondere in Anbetracht des Gegensatzes zu den Anforderungen in der „Wirtschafts- und Verwaltungswelt“ 452 . Ein anderer Artikel befasst sich mit der gesunkenen Qualität literarischer Publikationen, für die mangelnde Sorgfalt oder auch „Schlamperei“ 453 der „schludrige[n] Autoren“ 454 bei der Textproduktion verantwortlich gemacht wird. Insgesamt wird ein „schludrige[r] Umgang“ 455 mit der deutschen Schriftsprache konstatiert. Speziell Ausdruck und Grammatik seien laut einigen Artikeln von solch nachlässiger Sprachverwendung betroffen, was sich sowohl im schriftlichen als auch im mündlichen Sprachgebrauch äußere und einen weiteren Argumentationsstrang bildet.
(3) Schreiber spricht von einer „dramatischen Verlotterung“ 456 der Sprache, der „Vernachlässigung und Vergröberung des eigenen Idioms“ 457 und in grammatischer Hinsicht von einer „Entdifferenzierung des Sprachbilds“ 458 . Als Beispiele für diese fortschreitende Vereinfachung nennt er die immer seltenere Verwendung des Konjunktivs, die sich verändernde Flexion von starken Verben, den bevorzugten Gebrauch von Perfekt statt Präteritum, die Vertauschung von Adjektiv und Adverb „sowie die wachsende Unsicherheit im Umgang mit Deklination, Konjugation, Präposition, Konjunktion.“ 459 Hier setzen auch Bastian Sicks „Glossen wider den Sprachverfall“ 460 an. In seinen seit 2003 regelmäßig erscheinenden Kolumnen werden oftmals grammatische Verfallserscheinungen wie zum Beispiel die Vernachlässigung des Genitivs 461 , die Verwechslung von Akkusativ und Da-
448 UnbekannterAutor (09.07.1984), S. 126.
449 Vgl. Kutschke (20.09.1993), S. 146.
450 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 132.
451 Vgl. ebd., S. 126 sowie S. 133.
452 Ebd., S. 134.
453 Unbekannter Autor (17.10.2005), S. 165.
454 Ebd., S. 162.
455 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 130.
456 Schreiber (02.10.2006), S. 182 (Lead).
457 Ebd., S. 183.
458 Ebd., S. 184.
459 Ebd., S. 185.
460 Theile (02.10.2006), S. 186.
461 Vgl. Sick (27.07.2005).
65
tiv 462 oder die „illegale Adjektivierung von Umstandswörtern“ 463 thematisiert. Es geht somit um Abweichungen vom Regelwerk der deutschen Sprache, durch die selbige Schaden erleide.
Neben der Grammatik werden vielfach Ausdruck und Stil kritisiert. In den beiden ins Un-tersuchungskorpus eingegangenen Titelstorys wird beispielsweise Folgendes beklagt:
„Die Suche nach dem treffenden Ausdruck ist weitgehend aufgegeben worden. Wortbrocken entheben der Mühsal, ganze lange Sätze hersagen zu müssen, […].“ 464
„Sprachfaxen wie ‚weitreichendste Vollmacht’, ‚Zielerreichung’, ‚unterkomplex’ (statt ‚zu einfach’), ‚ich würde sagen’ (Politikersprech), ‚das Optimalste’ (optimal lässt sich nicht steigern) oder Wort-Vogelscheuchen wie der ‚Kenntnislosigkeit der ökonomischen Zusammenhänge’ (Ex-Kanzler Gerhard Schröder)“ 465
Sicks Kolumnen kritisieren zum Beispiel die Verwendung von Phrasen 466 , Redewendungen und Metaphorik 467 sowie die Verkennung des Bedeutungsunterschieds zwischen scheinbar und anscheinend 468 .
Als Begründung für die Verurteilung des kritisierten Sprachgebrauchs wird zum Teil angegeben, dass der Gebrauch schlicht falsch sei, zum Teil, dass schlicht schlechter Stil vorläge. Dieser sei neben der unnötigen Verkomplizierung von Sachverhalten durch Inhaltslosigkeit und fehlenden Sinn gekennzeichnet. Speziell die Sprache von Politikern wird in einem Artikel besonders als „verbale[r] Unsinn“ 469 , „Sprachmüll“ 470 , „Stuß“ 471 , etc. bezeichnet.
Im folgenden Kapitel wird die implizite wie explizite Argumentation zusammenfassend analysiert und im Hinblick auf linguistische Erkenntnisse betrachtet, um schließlich die Position des SPIEGEL herauszuarbeiten.
462 Vgl. Sick (26.01.2005).
463 Sick (06.08.2003).
464 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 132.
465 Schreiber (02.10.2006), S. 185.
466 Vgl. Sick (25.02.2004).
467 Vgl. Sick (09.07.2003).
468 Vgl. Sick (10.12.2003).
469 Unbekannter Autor (05.09.1994), S. 221.
470 Ebd.
471 Ebd., S. 224.
66
3.2.6 Auswertung
Aus der impliziten wie expliziten Argumentation lassen sich einige Vorannahmen und zentrale Thesen herauslesen, die im Folgenden besprochen und im Lichte linguistischer Erkenntnisse betrachtet werden sollen. Die Position des SPIEGEL wird auf der Basis der Ergebnisse dieser Betrachtung bestimmt und in der abschließenden Betrachtung kritisch diskutiert.
Dazu ist zunächst anzumerken, dass die Vermischung verschiedener Argumentationsstränge und der betroffenen Sprechergruppen eine wohl strukturierte Auseinandersetzung mit den untersuchten Artikeln erschwerte. So wird, um ein Beispiel zu nennen, in der Titel-Story „Eine unsäglich scheußliche Sprache“ zwischen der Sprache der Jugend und der aller Sprecher in Deutschland hin und her gewechselt, mal der schriftliche, dann wieder der mündliche Sprachgebrauch kritisiert etc.. Besonders auffällig ist die unterschiedliche Interpretation derselben argumentativen Elemente zugunsten der jeweiligen Tendenz des Artikels, durch die sich der SPIEGEL quasi selbst widerspricht. Hierfür sind drei wichtige Beispiele zu nennen:
1. Die Aussage des Literaturwissenschaftlers Professor Glaser, der angibt, dass „die sprachliche Ausdrucksfähigkeit […] auf ein bislang unbekanntes Minimum zusammengeschnurrt“ 472 sei, wird in einem Artikel von 1980 noch als Ausdruck einer um ihren Status bangenden geistigen Führungselite interpretiert, der hinter der Klage über den Verfall der Sprache stehe. In der Titel-Story „Eine unsäglich scheußliche Sprache“ von 1984 hingegen wird dieselbe Aussage als Expertenmeinung verwendet, um die These vom fortschreitenden Verfall der Sprache zu belegen.
2. Auch bei der Bewertung von Satzlänge und Satzbau scheinen sich die SPIEGEL-Autoren nicht ganz einig zu sein. Mehrfach wird die Länge der geschriebenen Sätze als Kriterium für stilistisch hochwertige Schriftsprache verwendet 473 . Die als „[L]ange, architektonisch raffiniert gebaute Sätze“ 474 gelobten Konstruktionen werden jedoch in einem anderen, nicht ins Untersuchungskorpus eingegangenen Artikel zur Behördensprache eher kritisch kommentiert. Es wird von „verquasste[n] Formulierungen und Bandwurmsätze[n]“ 475 und der verbesserten Neuformulierung von Amtsbriefen mit „klaren, knappen Sätzen“ 476 gesprochen. Für die sprachkritische Bewertung von Satzbau und -länge sind unterschiedliche Kriterien im Hinblick auf die kommunikativen Funktionen, die im jeweiligen Verwendungszusam- 472 UnbekannterAutor (09.07.1984), S. 127 sowie Schultz-Gerstein (24.03.1980), S. 219.
473 Vgl. Unbekannter Autor (11.03.1968), S. 152; Schreiber (02.10.2006), S. 184.
474 Schreiber (02.10.2006), S. 184.
475 Brandt (16.04.2007), S. 38.
476 Ebd.
67
menhang erfüllt werden sollen, ausschlaggebend. Dies scheint in den untersuchten Artikeln zum Teil außer Acht gelassen worden zu sein und wird im Abschnitt „Sprachverfall oder Sprachwandel?“ eingehender besprochen.
3. Des Weiteren wird die abnehmende Zahl an starken Verben unterschiedlich bewertet. 1991 wird die „der Systematik wegen“ 477 wachsende Bevorzugung der Bildung mit der Präteritum-Endung „te“ zu einer Erscheinung des natürlichen Sprachwandelprozesses erklärt. Kritik an solcherlei Entwicklungen wird indirekt als pedantisch bezeichnet. 478 Für Schreiber hingegen gehört die veränderte Flexion vormals starker Verbformen zu den Anzeichen für eine „Entdifferenzierung des Sprachbilds“ 479 und stelle eine „klangliche Verarmung“ 480 dar. Im Abschnitt „Sprachverfall oder Sprachwandel?“ werden Sprachentwicklungen wie diese ausführlich besprochen.
Die nachfolgenden Ausführungen stellen den Versuch dar, die wichtigsten Bestandteile der Argumentation nach sinnvollen Kriterien zu strukturieren. Bereits hier kann vorweggenommen werden, dass die untersuchten Artikel insgesamt recht heterogen gestaltet sind und viele verschiedene Gesichtspunkte miteinander vermischt werden. Diese werden, wie die drei genannten Beispiele gezeigt haben, teilweise unterschiedlich interpretiert und gewertet. Einige wiederholt auftretende wichtige Annahmen und Schlussfolgerungen, die in verschiedener Hinsicht problematisch sind, werden in den nachstehenden Unterkapiteln „Zur Jugendsprache“ sowie „Sprachverfall oder Sprachwandel?“ besprochen. Linguistische Erkenntnisse und Theorien können aufgrund der Menge der komplexen Fragestellungen lediglich kurz umrissen werden.
Zur Jugendsprache
Bei der Betrachtung der Argumentation zur Jugendsprache sind zunächst zwei Dimensionen zu trennen: auf der einen Seite wird das Sprechen von Jugendlichen kritisiert, auf der anderen ihre Schriftsprache.
Neben der Erziehung durch die Eltern und der schulischen Ausbildung wird dem Konsum von modernen Medien wie dem Fernsehen oder auch Comics 481 die Schuld für die beklagte Fehlentwicklung zugewiesen. Einschlägige Untersuchungen zur Rezeption von Fernsehen 482 zeigen jedoch die aktive, kommunikative Verarbeitung von Fernsehtexten sowohl während des Fernsehens in der Gruppe als auch in weiterführender Verarbeitung. Während des Fernsehens in der Gruppe überlagern sich demnach mehrere Kommunika- 477 UnbekannterAutor (26.08.1991), S. 181.
478 Vgl. ebd.
479 Schreiber (02.10.2006), S. 184.
480 Ebd.
481 Vgl. Zitat Kapitel 3.2.5, S. 64.
482 Vgl. Klemm (2000), Holly (2001).
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tionskonstellationen: zwischen den Akteuren im Fernsehen, zwischen Fernsehakteuren und Zuschauern sowie zwischen den Zuschauern 483 , so dass sich eine offene Sprechsituation ergibt 484 . Durch empraktisches, also während einer anderen (Sprach-) Handlung erfolgendem Sprechen 485 , werden komplexe Sprachhandlungen mit spezifischen Funktionen durchgeführt, wie beispielsweise zur Verständnissicherung, zur Deutung, zur Übertragung und Einordnung, zur Bewertung oder zum „Sich Vergnügen“ 486 . Der Fernsehtext wird auf diese Weise für den eigenen Alltag verfügbar gemacht und kreativ weiterverarbeitet.
Schlobinskis Untersuchung zum Sprechen von Jugendlichen bestätigt diesen kreativen Umgang mit medialen Inhalten: vielfältiges Medienwissen ist jederzeit präsent und abrufbar und wird vor allem in Gruppen, deren Mitglieder sich gegenseitig gut kennen, „über Formen ‚mimetischer’ und ‚verfremdeter’ Zitationen und kreativer Stilbasteleien wie selbstverständlich in die Kommunikation eingebaut“ 487 . Schlobinski betont den entwicklungsspezifischen Charakter des spielerischen Experimentierens mit Sprache, das zur Auslotung von Grenzen und Möglichkeiten von kommunikativem Verhalten diene 488 . Der in den SPIEGEL-Artikeln von Kutschke und Riegel behaupteten Passivität beim unreflektierten Konsum von Medienprodukten 489 wird somit klar widersprochen. Aus den Ausführungen wird deutlich, dass jugendliches Sprechen sich durch andere Bedürfnisse ihrer Sprecher zwangsläufig vom Sprechen Erwachsener unterscheiden muss, was auch in den Sprachverfall bestreitenden Artikeln von Wieser und Schultz-Gerstein angesprochen wird 490 . Eines dieser varietätstypischen Bedürfnisse ist soziale Distinktion und Aufbau einer eigenen Identität. Ausführlichere Erläuterungen zu varietätsspezifischer Sprache finden sich in Kapitel 3.1.6. dieser Arbeit im Abschnitt „Zum Sprachverständnis“. Eva Neu-land zeigt zudem, wie die kreative jugendliche Sprachverwendung zur Entwicklung der Standardsprache beiträgt: zunächst wird durch Stilbasteleien, auch Bricolage genannt, vorhandenes Sprachmaterial nach den jeweiligen Bedürfnissen umgewandelt, das heißt de- oder rekontextualisiert, umgedeutet oder neugebildet. Diese neuen oder mit neuen Bedeutungen ausgestatteten Wörter und Wendungen gehen nach zunehmender Verbreitung wieder in die Standardsprache ein, werden also restandardisiert. Dies bedeute einen ständigen Sprachwandel durch die fortwährende Erneuerung der Standardsprache 491 . Die Verschlechterung der jugendlichen Schriftsprache wird durch verschiedene Statistiken und Meinungen von Ausbildungsleitern, Lehrern etc. belegt. Es gibt allerdings genauso
483 Vgl. Holly (2001b), S. 42f.
484 Vgl. ebd., S. 46.
485 Vgl. ebd., S. 45f.
486 Vgl. Klemm (2000), S. 145-212.
487 Schlobinski (1993), S. 210.
488 Vgl. ebd., S. 212.
489 Vgl. Kapitel 3.2.5, S. 60.
490 Vgl. Kapitel 3.2.4, S. 58.
491 Vgl. Neuland (2000), S. 117-120.
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anerkannte Erhebungen, die eine solche Verschlechterung bestreiten 492 . Dabei stellt sich vor allem die Frage, inwieweit man Zahlen aus unterschiedlichen Jahrzehnten überhaupt miteinander vergleichen kann, wenn man beispielsweise die rasant angestiegene Zahl von Abiturienten seit den fünfziger Jahren mit einbezieht 493 und dazu bedenkt, wie sich die Anforderungen an Schüler und Berufsanfänger seitdem verändert haben 494 . Im Rahmen dieser Arbeit können nicht alle in den untersuchten Artikeln angegebenen Statistiken und Erhebungen einzeln geprüft werden. Als Beispiel sei hier erwähnt, dass die sinkende Zahl an jugendlichen Zeitungslesern 495 nicht zwangsläufig einen Verfall der Lesefähigkeit bedeuten muss. Hier werden vorschnell kausale Schlüsse gezogen. Die stärkere Ausrichtung des Deutschunterrichts auf die Vermittlung mündlicher Kommunikationsfähigkeiten führt ebenso wenig automatisch zu einem Verfall von Rechtschreibung, Grammatik und Ausdrucksfähigkeit. Die Klage über die Vernachlässigung der Schriftsprache wird im folgenden Abschnitt eingehender erörtert.
Sprachverfall oder Sprachwandel?
In diesem die Auswertung abschließenden Abschnitt wird zunächst auf die Argumentation zur angeblichen Abkehr von der Schriftsprache eingegangen, um daraufhin einzelne in den Artikeln genannte Erscheinungen des Sprachverfalls zu besprechen. Dabei werden besonders das hinter den geäußerten Auffassungen stehende Verständnis von Sprache und den unterschiedlichen Formen ihres Gebrauchs im Fokus stehen. Als Ursachen für den behaupteten „gelöste[n] Umgang mit der deutschen Schrift“ 496 wird der bereits im vorhergehenden Abschnitt erläuterte Einfluss der Massenmedien - speziell des Fernsehens -, die Verlagerung des Schwerpunkts in der schulischen Ausbildung sowie der technische Fortschritt bei der Texterstellung genannt. Die Kritik an Medien und automatisierter Texterstellung kann wohl, vor allem im Hinblick auf die undifferenzierte Weise, in der diese vorgebracht wird 497 , auf eine kulturpessimistische Einstellung zurückgeführt werden. Die Gestaltung des Deutschunterrichts wird durch die seit dem Jahr 2000 alle drei Jahre durchgeführte Schulleistungsuntersuchung PISA-Studie öffentlich diskutiert und soll im Rahmen dieser Arbeit nicht näher thematisiert werden. Statt auf die genannten Ursachen einzugehen, möchte ich mich vielmehr darauf konzentrieren, welche konkreten Beobachtungen überhaupt zur Begründung der Behauptung, dass unsere Sprache verfalle, angeführt werden.
492 Vgl. Hoberg (1990), S. 236-239.
493 Vgl. ebd., S. 237.
494 Vgl. Sieber (1992), S. 72f.
495 Vgl. Kapitel 3.2.5., S. 60.
496 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 126.
497 Vgl. Kutschke (20.09.1993), S. 146; Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 126 und S. 133 sowie die Kapitel zur impliziten und expliziten Argumentation, 3.2.4 und 3.2.5.
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Der Verfall der Schriftsprache wird beispielsweise anhand einer angeblichen Verkürzung der Sätze belegt 498 . Hier werden allerdings vollkommen unterschiedliche Textsorten mit-einander verglichen, die zudem aus verschiedenen zeitlichen Epochen stammen: lange, verschachtelte Sätze aus den Werken klassischer deutscher Literatur von Goethe oder Heine werden Sätzen aus massenmedialen Texten heutiger Zeit aus Zeitungen, Fernsehen und Radio gegenübergestellt 499 . Diese Argumentation ist in mehrfacher Hinsicht undifferenziert zu nennen. So haben unterschiedliche Textsorten unterschiedliche Funktionen, nach denen ihre jeweilige Syntax ausgerichtet ist. Poetische Texte unterliegen dabei kaum Beschränkungen und sollen ihre Wirkung durch kreative, ästhetische Gestaltung, die vom Leser gedeutet werden will, entfalten. Informative Texte hingegen sind auf die möglichst (unmiss-) verständliche, gebündelte Mitteilung von Informationen ausgerichtet. Die Gestaltung des jeweiligen Textes und damit auch die Länge der Sätze hängen daher vom kommunikativen Zweck in der spezifischen Situation ab 500 . Diese Faktoren sollten bei der Beurteilung berücksichtigt werden, was, wie oben bereits erwähnt, in einem Artikel zur Verständlichkeit von amtlichen Mitteilungen auch der Fall ist. Vor dem Hintergrund der SPIEGEL-eigenen Sprache, die von kurzen Sätzen dominiert wird 501 , sollte man das Bewusstsein seiner Autoren für die Zusammenhänge von Textsorten und ihren spezifischen Funktionen voraussetzen können.
Mathias Schreiber bezieht in seiner Titel-Story zusätzlich auch die Satzlänge von Radio-und Fernsehtexten in den Vergleich mit ein und lässt damit die grundlegenden Unterschiede zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation und verschiedenen Medien außer Acht 502 . Unterschiedliche kommunikative Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die jeweilige Distanz zwischen Textproduzent und Rezipient oder die Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes gegenüber dem schriftlich festgehaltenen Wort, beeinflussen die Konzeption des jeweiligen Textes. Die Unmittelbarkeit der mündlichen Kommunikation, durch die weitere Informationen wie der situative Rahmen, Intonation, Mimik und Gestik zur Verfügung gestellt werden, wird in schriftlicher Kommunikation durch einen größeren Aufwand der sprachlichen Gestaltung kompensiert 503 . Somit ist die Syntax im Schriftlichen mittels längerer, hypotaktischer Konstruktionen zumeist komplexer gebildet als im mündlichen Sprachgebrauch, in dem eher parataktischer Satzbau - vor allem durch Verknüpfungen mit und/oder - verwendet wird 504 , um nur einige Aspekte der Erkenntnisse zur Konzeption von Mündlichkeit beziehungsweise Schriftlichkeit zu nennen.
498 Vgl. Kapitel 3.2.5.
499 Vgl. Unbekannter Autor (11.03.1968), S. 152 sowie Schreiber (02.10.2006), S. 184.
500 Zu Recht fragt sich insofern Schneider (2007), S. 6: „Sind Länge und Komplexität der Sätze Werte an sich?“
501 Vgl. Kapitel 2.3.1.
502 Vgl. Schneider (2007), S. 6.
503 Vgl. Koch (1994), S. 590f.
504 Vgl. ebd.
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Die Vernachlässigung dieser Differenzierung liegt auch anderen Ausführungen zum Sprachverfall zugrunde. So werden typische jugendliche Sprechweisen in einigen SPIE-GEL-Artikeln zur ironisierenden Verfremdung in die geschriebenen Texte eingegliedert 505 . Wie bereits erwähnt, wird somit die Vernachlässigung der Verschiedenheit zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation für die Kritik an jugendlichem Sprechen ausgebeutet. In der Titel-Story „Eine unsäglich scheußliche Sprache“ 506 wird, ausgehend von einer Vernachlässigung der „Schriftkultur“ 507 , ein allumfassender, undifferenzierter Verfall der deutschen Sprache diagnostiziert. Die „Abkehr von der Schriftsprache“ 508 , so die zentrale Schlussfolgerung des Artikels, wirke sich auch auf die mündliche Sprachkompetenz 509 und letztlich auf die gesamte Gesellschaft negativ aus 510 . Die oben bereits angeführten Unterschiede in der Konzeption von mündlichen beziehungsweise schriftlichen Texten lassen einen solchen kausalen Zusammenhang sehr fragwürdig erscheinen 511 . Der Kritik an Grammatik liegt diese fehlende Differenzierung ebenfalls zugrunde. Dabei wird übersehen, dass grammatische Regeln für schriftlichen Sprachgebrauch nicht zwangsläufig auch für das Mündliche gelten müssen. So wird der Gebrauch des Genitivs, dessen Vernachlässigung in einer von Sicks Kolumnen beklagt wird 512 , in mündlichen Kontexten häufig eher als unpassend empfunden, während er in schriftlichen Kontexten die Regel ist 513 . Auch der Konjunktiv findet hauptsächlich in der Schriftsprache Verwendung und wird hingegen in mündlichen Kontexten seit jeher äußerst selten benutzt 514 . Alltagssprachliche mündliche Kommunikation sollte somit nach anderen Kriterien beurteilt werden als strenger formalisierte schriftliche Kommunikation.
Die Fragestellung zur sprachkritischen Betrachtung sollte lauten, ob das jeweilige sprachliche Verhalten in der spezifischen Kommunikationssituation als angemessen gelten kann oder nicht. So tragen zum Beispiel ethnographische Forschungsansätze, die davon ausgehen, dass „die Bedeutung von Äußerungen nur in Beziehung zum jeweiligen Sprechereignis oder kommunikativen Ereignis […] erfasst werden kann, in das sie eingebettet
505 Vgl. Kapitel 3.2.3, Abschnitt „Verfremdung“.
506 Unbekannter Autor (09.07.1984).
507 Ebd., S. 126.
508 Ebd., S. 136.
509 Vgl. Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 136: „’Nur beim Schreiben’, resümiert Hartmut von Hentig, ’werde ich gewahr, ob ein Satz gut gefügt ist.’“
510 Hier kommt zum wiederholten Mal ein gewisser Kulturpessimismus zum Vorschein, vgl. ebd.: „Empfindsamkeit für das Schriftliche bedeutet etwas mehr als fit zu sein für den Test bei der Polizei; sie hat auch etwas zu tun mit den Beziehungen zwischen den Gruppen und natürlich auch mit der Entwicklung des einzelnen. Und sie trägt schließlich die Ideen, die dem Gemeinwesen das politische Muster geben, die kulturellen Konturen.“
511 Hinweise darauf, dass die Schlussfolgerung auf konzeptionelle Mündlichkeit/Schriftlichkeit, die jeweils schriftlich beziehungsweise mündlich realisiert wird, wie ein Vortrag oder ein Chat, abhebt, konnten nicht ermittelt werden.
512 Vgl. Sick (27.07.2005).
513 Vgl. hierzu Schneider (2005), S. 159.
514 Vgl. hierzu Schneider (2007), S. 6f.
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sind“ 515 , der Bedeutung des Kontexts für die Beurteilung von Sprechakten Rechnung. Laut Jürgen Schiewe sollte Sprachkritik an der, nach Coseriu, Norm oder usage ansetzen, das heißt der Gebrauchsnorm zwischen Sprachbesitz (langue) und konkreter Verwendung (parole) 516 :
„Es sind die Regeln des Sprachgebrauchs, die sich in Abhängigkeit vom Sprachsystem zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation herausgebildet haben und denen die Sprecher, meist unbewusst, folgen, obgleich das Sprachsystem oftmals auch andere Möglichkeiten zur Verfügung stellt.“ 517
Vor dem Hintergrund dieser Möglichkeiten können die Realisierungen der sozialen Norm anhand des Kriteriums der Angemessenheit in der jeweiligen Situation kritisiert werden. Die Autoren der untersuchten Storys und Glossen nehmen jedoch weitgehend kaum eine Unterscheidung vor: Kritik an Veränderungen im Sprachsystem 518 , wie zum Beispiel an der veränderten Flexion von Verben 519 , wird vermischt mit Kritik an konkretem Sprachgebrauch, der
1. nicht repräsentativ für alle Sprecher und damit für einen Verfall der Sprache sein kann, weil er
2. von bestimmten Sprechergruppen in bestimmten Situationen geäußert wird. Die unterschiedlichen Gebrauchsbedingungen von Sprache gehen nicht in die Beurteilung mit ein, was einmal mehr von der Verkennung varietätsspezifischen Sprachgebrauchs zeugt 520 . Die Autoren der untersuchten Artikel, die die These von einem Verfall der Sprache vertreten, addieren einzelne sprachliche Entwicklungen und Verhaltensweisen zusammen und konstatieren einen generellen Verfall der Sprache. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der Terminus Sprachverfall an sich fragwürdig ist, da er schon implizit Sprache als Ganzes betrachtet, worauf auch ein Blick in die Wörterbücher hindeutet: das Wort Verfall bezeichnet „das allmähliche Zugrundegehen“ 521 - also eine fortschreitende Verschlechterung des ursprünglichen Zustandes - von klar abgrenzbaren Einheiten wie Gebäuden, die baufällig werden, kranken Organismen oder Staatsverbünden wie dem Römischen Reich 522 . Folglich wird impliziert, dass Sprache als Ganzes einmal „besser“ oder, folgt man der sich aus dieser Perspektive aufdrängenden Organismusmetapher, „gesünder“ oder „heiler“ war, wobei unklar bleibt, ob das System (langue) besser gewesen sein soll oder die Sprachverwendung (parole). Somit wird Sprache in diachroner Hinsicht
515 Bußmann (1990), S. 226.
516 Vgl. Schiewe (1998), S. 18.
517 Ebd..
518 Solche Veränderungen sind zugegebenermaßen auf eine veränderte Sprachverwendung zurückzuführen, was in den im Verlauf dieses Abschnitts folgenden Erläuterungen zum Sprachwandel noch erläutert wird.
519 Vgl. Kapitel 3.2.5.
520 Vgl. Kapitel 3.1.7., Abschnitt „Zum Sprachverständnis“.
521 Klappenbach (1977), S. 4042.
522 Vgl. Klappenbach (1977), S. 4042 sowie DUDEN (1981), S. 2743.
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beurteilt. Der Zustand einer Sprache und ihrer Verwendung kann jedoch aufgrund der Verschiedenheit ihrer jeweiligen Gebrauchsbedingungen nur äußerst unzulänglich zu unterschiedlichen Zeitpunkten miteinander verglichen werden. Vielmehr sollte eine Beurteilung nur auf synchroner Ebene erfolgen und somit die aktuellen Verwendungsbedingungen als Maßstab für eine kritische Betrachtung herangezogen werden. Die in den Artikeln beklagten Entwicklungen sind zudem größtenteils nicht neu: von Polenz stellt fest, dass „die Polemik gegen“ 523 den „‚falschen’ Gebrauch“ 524 der Hochsprache ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die populäre Sprachkritik geprägt hat 525 . So beklagt schon Schopenhauer die Verkürzung von Sätzen wie zum Beispiel bei der Vermeidung des Genitivs durch dessen Ersetzung mit von-Konstruktionen in der Presse 526 . In Werken wie von Gustav Wustmann, das in der ersten Auflage im Jahre 1891 erschienen ist, werden unter anderem bereits Unsicherheiten bei der Verwendung des Konjunktivs kritisiert 527 . Als weiteres Beispiel sei ein Aufsatz von Karl Marcher aus dem Jahr 1937 zum Sprachverfall genannt, in dem sich, wie auch in den untersuchten SPIEGEL-Artikeln, Kritik an der Vernachlässigung von Genitiv und Konjunktiv 528 sowie der Schwächung vormals starker Verben findet 529 . So genannte ‚Fehler’ sind also zu jeder Zeit begangen worden. Ich möchte die These aufstellen, dass durch die durch Medien wie vor allem Internet und Fernsehen bereitgestellte Möglichkeit des Einblicks in die Konventionen zahlreicher unterschiedlicher sozialer Gruppen unserer Gesellschaft, zu denen insbesondere die spezifischen Sprachgebrauchsformen im Sinne von Varietäten gehören, populärer Sprachkritik mehr Ansatzpunkte geliefert werden als je zuvor. Dass dadurch mehr ‚Fehler’ überhaupt bekannt werden, bedeutet aber nicht, dass auch mehr gemacht werden. Das richtig/falsch- oder gut/schlecht -Kriterium, das in Bastian Sicks Glossen und anderen SPIEGEL-Artikeln für die Bewertung herangezogen wird und bereits im Hinblick auf die Nichtberücksichtigung der Unterschiede von Mündlichkeit und Schriftlichkeit als fragwürdig bezeichnet werden musste, ist auch in anderer Hinsicht problematisch. Hier kommt die Theorie des Sprachwandels ins Spiel, deren wichtigste Positionen im Folgenden kurz skizziert werden.
Sprachwandel erfolgt Keller zufolge weder auf natürliche oder künstliche Art und Weise, das heißt, der Mensch ist weder gänzlich unbeteiligt noch hat er den Wandel gezielt geplant. Stattdessen sei Sprachwandel ein Phänomen der dritten Art, das Keller definiert als „die kausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die min-
523 Polenz(1999), S. 298.
524 Ebd.
525 Vgl. ebd.
526 Vgl. Schopenhauer (1977), zitiert bei Polenz (1999), S. 301.
527 Vgl. Wustmann (1966), S. 110-120. Für eine Liste der bekanntesten populären sprachkritischen Publikationen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vgl. Polenz (1999), S. 299.
528 Vgl. Marcher (1937), S. 5ff.
529 Vgl. ebd., S. 12.
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destens partiell ähnlichen Intentionen dienen“ 530 . Diesen Prozess des Wandels, den er mit der Entstehung von Trampelpfaden illustriert, bezeichnet er als Theorie von der unsichtbaren Hand, da nicht-intendierte Konsequenzen aus den intentionalen Handlungen der beteiligten Individuen entstehen. Der Begriff Sprache bezeichnet letztendlich immer ein bestimmtes System von geltenden Konventionen. Was in der Öffentlichkeit bei der Verletzung einer Konvention als Sprachverfall wahrgenommen wird, ist für Keller ein Zeichen für den Wandel von Sprache:
„Jede Veränderung einer Konvention beginnt notwendigerweise mit deren Übertretung, und Übertretungen sprachlicher Konventionen nennt man ‚Fehler’. Wenn der Fehler schließlich zum allgemeinen Usus geworden ist, dann hat er aufgehört, ein Fehler zu sein und eine neue Konvention ist entstanden. […]. Wir nehmen den Beginn eines Wandelsprozesses wahr, der notwendigerweise eine Regelverletzung darstellt. Unsere Wahrnehmung lässt nach in dem Maße, in dem die anfängliche Regelverletzung zum allgemeinen Usus geworden ist. Denn damit verliert sie jede Auffälligkeit.“ 531
Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass das richtig/falsch- beziehungsweise gut/schlecht- Kriterium kaum zur Bewertung von im Wandel begriffenen Konventionen brauchbar ist.
Beispiele für vergangene sowie gegenwärtige Sprachwandelprozesse finden sich unter anderem bei Keller, Schneider und Schrodt. Die von Sick als illegal bezeichnete Adjektivierung von Adverbien 532 erklärt Schneider zu einer Erscheinung des Sprachwandelprozesses, die nicht nur, weil sie zunächst als unschön empfunden werde, abgelehnt werden dürfe 533 . Bezüglich der Schwächung von starken Verben, die von Schreiber als Beispiel für den Verfall der Sprache genannt wird 534 , zeigen Keller und Schneider auf, wie vormals schwach gebildete Partizipien sich zu starken Formen gewandelt haben und somit der Wandel durchaus auch in die andere Richtung verläuft 535 . Hier zeigt sich erneut, wie manchen Argumentationen des SPIEGEL die Konsequenz fehlt: einerseits wird die Schwächung starker Verben als „klangliche Verarmung“ 536 kritisiert. Die aus dieser Perspektive als Bereicherung aufzufassende Partizipbildung gewunken wird aber dennoch als unzulässiger Fehler deklariert 537 . Es entsteht der Eindruck, als werde jeglicher Wandel von Sprache pauschal abgelehnt.
530 Keller (1990), S. 96f.
531 Keller (2004), S. 5.
532 Vgl. Sick (06.08.2003).
533 Vgl. Schneider (2005), S. 162.
534 Vgl. Kapitel 3.2.5.
535 Vgl. Schneider (2007), S. 7 sowie Keller (2004), S. 5.
536 Schreiber (02.10.2006), S. 184.
537 Vgl. Schneider (2005), S. 162.
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Schrodt erklärt, dass die Verwendung von von der Norm abweichenden Vereinfachungen wie bei der Bevorzugung der Indikativform vor dem Konjunktiv zum Beispiel durch das Streben nach Ökonomie des Ausdrucks geleitet sein kann 538 :
„Für die Sicherung der Kommunikation ist der einfachste Kodierungsmechanismus eben der effektivste. Oft geht formale/artikulatorische und kognitive Ökonomie Hand in Hand.“ 539
Abweichungen von der Norm werden demnach in bestimmten Situationen zur Erfüllung einer gewünschten Funktion als geeigneter bewertet und aus diesem Grund verwendet. Sind die Bedingungen, unter denen die Abweichung bevorzugt wird, von Dauer, werden sich immer mehr Individuen dafür entscheiden, so dass Kellers Theorie von der unsichtbaren Hand zu greifen beginnt.
Die Sprache wird also von den spezifischen Kommunikationskonstellationen ihrer Zeit geprägt und ändert sich mit diesen:
„Es gibt keinen Sprachverfall, sondern die Sprache passt sich - so müssen wir es nun abstrakt ausdrücken - den jeweils geltenden Kommunikationsbedürfnissen an, und zwar genauso, wie es Grimm beschrieben hat, durch fortwährenden Umbau und laufende Neukonstruktion des Formeninventars.“ 540
Sieber und Sitta stellen in diesem Zusammenhang die schöpferische Kraft des Wandels von Sprache heraus:
„Sprachwandel wurde nicht nur als eine Notwendigkeit, sondern auch als ein Zeichen der Produktivität und Kreativität des Sprachsystems und ihrer Benutzer gesehen.“ 541
Das zur Einführung in die vorliegende Arbeit gewählte Zitat von Jacob Grimm 542 will eben dies illustrieren.
Bei der Kritik an Stil und Ausdruck zeigt sich noch mehr als schon bei der Grammatik, dass oftmals das ästhetische Empfinden Hintergrund für die Ablehnung von als Sprachverfall bezeichnetem Sprachgebrauch ist. Die kategorische Ablehnung von metaphorischen Redewendungen wie „ihm platzte der Kragen“, weil die betreffende Person keinen Kragen trage und der Sprachgebrauch somit nicht korrekt sei 543 , beruht auf der starren Fixierung auf die semantische Ebene von Ausdrücken, während die pragmatische Seite vernachlässigt wird. Ebenso ist eine vom Kontext losgelöste Unterscheidung der Bedeutung von scheinbar und anscheinend 544 zwar möglich, wird aber in den meisten Fällen dem konkreten Sprachgebrauch, in dem diese Unterscheidung nicht benötigt wird und
538 Vgl. Schrodt (1995), S. 146f.
539 Ebd., S. 147.
540 Schrodt (1995), S. 150.
541 Sieber (1992), S. 75.
542 Vgl. S. 1 dieser Arbeit.
543 Vgl. Sick (25.02.2004).
544 Vgl. Sick (10.12.2003).
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demzufolge ignoriert werden kann 545 , nicht gerecht. Schrodt erklärt diesen Bedeutungsunterschied, der von Sprechern beachtet wird, die sich dieses grammatische Wissen angeeignet haben und für den es noch zahlreiche weitere Beispiele gibt 546 , zu elitärem Sprachgebrauch, der zur sozialen Distinktion eingesetzt werde 547 . Sprachliche Neuerungen und die Veränderung bisher geltender Normen führen demgemäß zu sozialen Konflikten, denn „Sprachwandel ist immer eine Umwertung von Werten“ 548 . Sprachkritische Publikationen wie die hier untersuchten sind als Ausdruck solcher Konflikte aufzufassen. Der Konflikt zwischen unterschiedlichen Generationen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen wird hingegen in den einen Verfall von Sprache bestreitenden Artikeln als Hintergrund für die Klage über Sprachverfall erkannt 549 . Da nicht jedweder in den Artikeln kritisierte Sprachgebrauch hier behandelt werden kann, sollen diese Beispiele genügen. Dennoch soll nicht übergangen werden, dass manche Ausdrucksweise sicherlich unglücklich ist und demzufolge kritisiert werden kann 550 . Dabei hat Sprachkritik aber nur dann mehr als Unterhaltungswert, wenn beispielsweise manipulative, verschleiernde, die Verständigung behindernde oder Konflikte fördernde Sprachverwendung thematisiert wird 551 . Wie oben bereits erwähnt wurde, sollte Angemessenheit im Hinblick auf die spezifische Situation der Maßstab sein, nach dem das jeweilige kommunikative Verhalten zu beurteilen ist. Die Sprache in Chats oder SMS, die von Schreiber als eine der Ursachen für den Verlust der sprachlichen Fähigkeiten genannt wird 552 , ist ein dem Medium und den darin herrschenden Kommunikationsbedingungen angepasster Stil. Eine kritische Betrachtung wäre dann angebracht, wenn dieser außerhalb dieser Domänen verwendet würde. Ein Pauschalurteil wie durch den Artikel Mathias Schreiber wird der sprachlichen Realität hingegen kaum gerecht und verkennt, wie oben bereits erläutert, Unterschiede zwischen Textsorten und Medien. Daneben hat der SPIEGEL auch eine andere Sichtweise zu bieten: Einer der ausgewogenen Artikel hebt die Kreativität und die Funktionalität von SMS-Sprache hervor 553 . In der abschließenden Betrachtung werden Anspruch und Wirklichkeit von öffentlicher Sprachkritik weiter diskutiert.
Im folgenden Abschnitt, der dieses Kapitel abschließt, wird die Position des SPIEGEL in der Sprachverfallsdebatte zusammenfassend bestimmt.
545 Vgl. Schneider (2005), S. 164f.
546 Zum Beispiel der gleiche/ der selbe, schwer/schwierig, Wörter/Worte etc.
547 Vgl. Schrodt (1995), S. 270f.
548 Ebd., S. 155.
549 Vgl. Kapitel 3.2.4.
550 Vgl. Unbekannter Autor (05.09.1994) sowie Sick (09.07.2003).
551 Zum möglichen Nutzen von publizistischer Sprachkritik vgl. auch Sitta (2000), S. 112f.
552 Vgl. Schreiber (02.10.2006), S. 183.
553 Vgl. Unbekannter Autor (11.11.2006).
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Position des SPIEGEL
Allein aus der quantitativen Analyse lässt sich die Position des SPIEGEL in der Sprachverfallsdebatte recht eindeutig ablesen: Die einen Verfall der Sprache konstatierenden Artikel überwiegen bei weitem 554 . Großen Anteil an dieser Verteilung haben die Glossen von Bastian Sick, von denen lediglich einige als Beispiele ausgewählt wurden und die in ihrer Gesamtheit die Verhältnisse noch deutlicher darstellen würden. Zudem ist zu beachten, dass zwei umfangreiche Titel-Storys zu den Sprachverfall beklagenden Artikeln zu zählen sind, die aufgrund ihrer Präsentation auf der Titelseite in besonderem Maße die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auffällig ist, dass der letzte der These vom Sprachverfall widersprechende Artikel aus dem Jahr 1991 stammt. Danach sind nur noch wenige ausgewogene oder Artikel zum Verfall der Sprache zu finden 555 . Insbesondere in der Einstellung zu Jugendsprache ist eine Kehrtwende nicht zu übersehen: während in zwei Artikeln aus den Jahren 1980 und 1983 Verständnis für die Bedürfnisse der Jugendlichen und ihre spezifische Sprache geäußert wird 556 , so wird jugendlicher Sprachgebrauch ab 1984 nahezu ausschließlich mit Kritik bedacht. Es ist, verstärkt durch die Einführung von Sicks Kolumnen, die eindeutige Tendenz festzustellen, die Entwicklung der Sprache pessimistisch zu betrachten und entsprechend zu thematisieren. Wie bereits im Fazit zum Anglizismenteil erörtert wurde, scheint sich der SPIEGEL mit dem vor allem in den beiden Titel-Storys durchklingenden Kulturpessimismus, der in zwei Artikeln aus den Achtziger Jahren noch kritisiert wird, an der Struktur seiner Leserschaft zu orientieren 557 . Sicks Beiträge sprechen hingegen auch ein jüngeres Publikum an und erscheinen folgerichtig bei SPIEGEL Online, dessen Leserschaft einen jüngeren Altersschnitt aufweist als die Printausgabe 558 .
Inhaltlich fällt vor allem die bereits angesprochene Widersprüchlichkeit zwischen Argumentationen in verschiedenen Artikeln auf, die in der abschließenden Betrachtung wieder aufgegriffen wird. Innerhalb der einzelnen Artikel werden im Gegensatz zu vielen der Anglizismen thematisierenden Artikel keine unterschiedlichen Lesarten angeboten, sieht man einmal von einer Ausnahme ab 559 .
Im folgenden, diese Arbeit abschließenden Kapitel wird vor dem Hintergrund der wichtigsten Erkenntnisse aus der Untersuchung der Artikel die Position des SPIEGEL kritisch betrachtet und im Hinblick auf die Rolle von Sprachkritik im öffentlichen Diskurs kommentiert.
554 Der Anteil dieser Artikel liegt bei 70 Prozent, vgl. Kapitel 3.2.2.
555 Vgl. Tabelle 3.
556 Vgl. Schultz-Gerstein (24.03.1980) sowie Wieser (08.08.1983).
557 Vgl. Kapitel 2.3.2.
558 Vgl. Kapitel 2.3.3.
559 Diese Ausnahme stellt der einen Verfall der Sprache bestreitende Artikel „Als der Hund noch boll“ dar, vgl. unbekannter Autor (26.08.1991).
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4 Abschließende Betrachtung
Die Untersuchung der im SPIEGEL und bei SPIEGEL Online erschienenen Artikel zu Anglizismen und zum Sprachverfall hat ergeben, dass der SPIEGEL die Entwicklung der deutschen Sprache äußerst kritisch sieht und größtenteils von einer ständig zunehmenden Verschlechterung, sprich dem Verfall der Sprache, ausgeht 560 . Diesen Verfall dokumentiert der SPIEGEL anhand von verschiedenen Formen des Sprachgebrauchs, die er kritisiert - allen voran die Verwendung von Anglizismen. Die Konfrontation der Argumentationen mit linguistischen Theorien und Erkenntnissen hat gezeigt, dass das Verständnis von Sprache und ihren Funktionen, welches in den Ausführungen in den Artikeln zum Ausdruck kommt, als zu undifferenziert bezeichnet werden kann. Aus der Auffassung von Sprache als Ganzem, die den Betrachtungen mehrheitlich zugrunde liegt, folgt die Vernachlässigung spezifischer Kommunikationskonstellationen. Durch die fehlende Differenzierung zwischen unterschiedlichen Textsorten und Medien, zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Fachsprachen, Gruppensprachen und Gemeinsprache sowie zwischen öffentlichem und nicht-öffentlichem Sprachgebrauch werden wesentliche Unterscheidungen außer Acht gelassen. Der konkrete Sprachgebrauch richtet sich in spezifischen Situationen nach dem Bedarf an Funktionen, deren Erfüllung in diesen Situationen im Vorder-grund steht. Welche sprachlichen Mittel ein Sprecher zur Erfüllung der jeweils intendierten informativen, expressiven oder appellativen Funktionen angesichts der kommunikativen Konstellation wählt, ist von vielen Variablen abhängig: neben den oben bereits genannten Unterschieden des Sprachgebrauchs etwa in mündlichen oder schriftlichen Zusammenhängen, in bestimmten Textsorten oder Medien oder je nachdem, welche Rezipienten angesprochen werden sollen, ist nicht zuletzt auch das sprachästhetische Empfinden des jeweiligen Sprechers von Bedeutung. Anstatt Angemessenheit in anbetracht der spezifischen kommunikativen Konstellation zum Kriterium der Bewertung von Sprachverwendung zu machen, was den Ansatz von vornherein differenzierter machen würde, scheint hingegen das SPIEGEL-eigene sprachästhetische Empfinden vielfach Hintergrund für die geäußerte Kritik zu sein.
Eine skeptische Grundhaltung gegenüber Veränderungen sprachlicher Konventionen, also dem Wandel von Sprache, prägt die anglizismenkritischen sowie die den Verfall der Sprache beklagenden Artikel. Hier sieht man Spitzmüllers Untersuchungsergebnisse zu den Unterschieden zwischen sprachwissenschaftlichen und öffentlichen Metasprachdiskursen bestätigt: die Bewertung sprachlicher Entwicklungen erfolgt aus sich grundlegend unterscheidenden Perspektiven und demzufolge voneinander abweichenden Vorannah-
560 Vgl.die quantitative Analyse in den Kapiteln 3.1.2 und 3.2.2.
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men. Während die Sprachwissenschaft ihren Gegenstand aus neutraler Perspektive betrachtet, sind die Sprecher emotional an ihr Zeichensystem gebunden und haben damit bestimmte Einstellungen und Werte, die von Anfang an mit in ihr Urteil über den Gebrauch von Sprache einfließen 561 . Insbesondere die metaphernreiche, leidenschaftlich geführte Diskussion um Anglizismen bestätigt dies. Dementsprechend haben die Teilnehmer am öffentlichen im Gegensatz zum wissenschaftlichen Diskurs auch andere Bedürfnisse, wie nach Orientierung zur Bestimmung der eigenen Position und damit der Stiftung von Identität 562 . Die Autoren der SPIEGEL-Artikel befriedigen diese Bedürfnisse, indem sie mit der Ablehnung sprachlicher Erscheinungen des Wandels sowie der Kategorisierung falschen und richtigen Sprachgebrauchs bestimmte Wertvorstellungen vertreten und ihrer Leserschaft somit Möglichkeiten zur Identifikation darbieten. Neben dem Wunsch nach Information und Unterhaltsamkeit trägt das Bedürfnis nach kritischer Berichterstattung einen großen Anteil an der Motivation, SPIEGEL-Storys zu lesen 563 . Enzensberger erklärte „eine skeptische Allwissenheit, die an allem zweifelt außer an sich selbst“ 564 zum Grundprinzip der Berichterstattung im SPIEGEL. Die größtenteils Kritik übenden, pessimistischen Artikel zum Sprachverfall und zu Anglizismen bestätigen diese Grundhaltung. Die Story als Darstellungsform, die eine „Nachrichtengeschichte“ erzählen soll, legt besonderen Wert auf ihre Atmosphäre, sprich die bereits erwähnte kritische Grundausrichtung, die vielfach durch Ironie zum Ausdruck gebracht wird, sowie den menschlichen Bezug 565 zur Bereitstellung von Identifikationsmöglichkeiten. Unter diesem Prinzip leidet jedoch der aufklärerische Wert seiner Beiträge 566 und ist im Sinne einer vorauszusetzenden journalistischen Ethik zu kritisieren.
Vor allem die festgestellte Widersprüchlichkeit in der Argumentation deutet darauf hin, dass Inhalte je nach den Erfordernissen der jeweiligen Story bewertet und dementsprechend in die Artikel eingebaut werden. So stehen in verschiedenen Artikeln geäußerte Ansichten im Gegensatz zueinander:
S die Gefährdung der nationalen kulturellen Identität durch Anglizismen wird mehrfach befürchtet 567 , während die Maßnahmen, die aus identischen Befürchtungen heraus in Frankreich beschlossen wurden, als Kultur- oder Sprachchauvinismus kritisiert werden 568 ,
561 Vgl. Spitzmüller (2005), S. 365.
562 Ebd.
563 Vgl. Grimminger (1972), S. 30.
564 Enzensberger (1964), S. 90.
565 Vgl. Kapitel 2.2.
566 Grimminger spricht vom „[…] Widerspruch zwischen Massenkommunikation und Aufklärung […]“ (Grimminger (1972), S. 31).
567 Vgl. zum Beispiel Schreiber (02.10.2006), S. 194; Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 129 sowie Hochhuth (16.03.1998), S. 272.
568 Vgl. Hochhuth (16.03.1998), S. 274 sowie Unbekannter Autor (16.05.1994), S. 168.
80
S das Konzept des Vereins Deutsche Sprache (VDS) wird in einigen Artikeln kritisiert und eine Übernahme seiner Positionen vermieden 569 , in anderen Artikeln wiederum wird das Konzept als vorbildlich erachtet 570 beziehungsweise stimmen Positionen, wie zum Beispiel die Organismusmetapher bei der Betrachtung von Sprache 571 oder die Ansicht, die meisten Fremdwörter seien überflüssig 572 , überein, S Jugendsprache, Anglizismenverwendung und Sprachwandelerscheinungen werden in kulturpessimistischer Manier als Manifestation des Sprachverfalls kritisiert und abgelehnt 573 , derweil andererseits Klagen über die Sprache der Jugend als undifferenzierter Kulturpessimismus eingestuft und Sprachwandel zu einer natürlichen Entwicklung erklärt wird 574 ,
S sowohl „sprachliche Hilflosigkeit“ 575 und „drohende[n] Sprachlosigkeit“ 576 als auch „medial vermittelte ‚Vielrederei’“ 577 werden als Symptome des Sprachverfalls gedeutet,
S mal werden zu kurze 578 , mal zu lange 579 Satzkonstruktionen kritisiert, S ähnliche oder identische Metaphern werden mal im Sinne ihrer jeweiligen Konnotation, mal in ironisierter Form verwendet 580 .
Bisweilen sind auch ganze Artikel wie zum Beispiel „Als der Hund noch boll“
581
und „Deutsch for sale“
582
in ihrer Tendenz und Argumentation einander direkt entgegengesetzt. Des Weiteren steht die Kritik an der Verwendung von Anglizismen im Widerspruch zu der Tatsache, dass der SPIEGEL selbst als „Haupt-Einfallstor für Anglizismen“
583
für die Einführung von vielen Anglizismen in die deutsche Sprache mit verantwortlich ist. Auch innerhalb der Artikel ist festzustellen, dass dem Leser, wie es Dorenbeck formuliert, „im Sinne von Mehrfachadressierungen systematisch konträre Lesarten“
584
angeboten werden. Dies wird durch die Erzeugung diverser Implikate, wie beispielsweise durch un-
569 Vgl.Müller (21.02.2003), Alexander (16.07.2001), S. 162.
570 Vgl. Schreiber (02.10.2006), S. 187.
571 Vgl. u. a. Hochhuth (16.03.1998), S. 271; Schreiber (02.10.2006), S. 185.
572 Vgl. Unbekannter Autor (03.02.1986), S. 199.
573 Vgl. u. a. Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 134; Kutschke (20.09.1993), S. 143f.; Raeithel (30.10.2000), S. 242; Sick (06.08.2003).
574 Vgl. Wieser (08.08.1983), S. 142f.; Unbekannter Autor (26.08.1991), S. 181.
575 Kutschke ((20.09.1993), S. 146.
576 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 132.
577 Schreiber (02.10.2006), S. 183.
578 Vgl. Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 132; Kutschke (20.09.1993), S. 143; Schreiber (02.10.2006), S. 184.
579 Brandt (16.04.2007), S. 38.
580 Zum Beispiel das Metaphernfeld „Mutation“, vgl. Sick (20.08.2003) beziehungsweise Unbekannter Autor (15.02.1993). Vgl. dazu Kapitel 3.1.3, Fußnote 88.
581 Unbekannter Autor (26.08.1991).
582 Schreiber (02.10.2006).
583 Carstensen (1975), S. 14, vgl. Kapitel 2.3.1.
584 Dorenbeck (1997), S. 94.
81
terschiedlich deutbare Metaphern, die alternative Lesarten offerieren, ermöglicht 585 . Ein Beispiel für diese Vorgehensweise ist der Artikel „Welcome in Blabylon“ 586 : sowohl anglizismenkritische wie auch purismuskritische Positionen werden angeboten, so dass der Leser den Artikel seiner Meinung entsprechend rezipieren kann. Leitmotiv ist ein ironischer Unterton, der die von Grund auf kritische Warte, von der aus die Schilderungen erfolgen, zum Ausdruck bringt. Je nach dem, ob man sich der Ironie der Darstellung an der jeweiligen Textstelle bewusst ist oder nicht, kann man als Leser die Tendenzen zu der einen oder der anderen Meinung wahrnehmen. Insofern werden dem Leser, wie Dorenbeck es formuliert, äußerst „zweifelhafte Wegweiser“ 587 zur Seite gestellt. Der informative Wert eines Artikels wird durch diesen Mangel an Eindeutigkeit je nach Gestaltung des Artikels mehr oder weniger stark vermindert.
Der SPIEGEL bezieht insgesamt gesehen keine klare Position, wie dies schon Enzensberger 588 und Niehr 589 darlegen, sondern bietet seinem Leser, dem „interessierten Laien“ 590 , sich jeweils mehr oder minder voneinander unterscheidende Standpunkte an. Dabei muss allerdings differenziert werden zwischen einzelnen Artikeln, die eine eindeutige Position vertreten, jedoch im Widerspruch zu anderen Artikeln oder Elementen aus deren Argumentation stehen, und Artikeln, die innerhalb ihrer Gestaltung durch verschiedene Lesarten unterschiedliche Standpunkte offerieren.
Im Hinblick auf die journalistische Verantwortung, die insbesondere der SPIEGEL und SPIEGEL Online als so genannte Leitmedien für die öffentliche Meinungsbildung tragen, muss man sowohl deren schwankende Positionierung im Diskurs als auch die pessimistische Grundhaltung gegenüber der sprachlichen Entwicklung kritisieren. Das offensichtlich hohe öffentliche Interesse am Thema Sprachgebrauch sollte konstruktiver genutzt werden als für kulturpessimistische Klagen, soziale Distinktion oder schlicht zur Unterhaltung. Statt vorhandene Unsicherheiten im Umgang mit Sprache noch zu fördern, indem Regeln formuliert werden, die im konkreten Sprachgebrauch kaum benötigt werden, sollte vielmehr das Sprachbewusstsein, sprachliche Kreativität sowie eine normkritische Einstellung und damit reflektierter Sprachgebrauch gefördert werden. Ein positives Beispiel für die Förderung des Sprachbewusstseins findet sich bei SPIEGEL Online in der jüngsten Berichterstattung zu den Ergebnissen eines Wettbewerb des Goethe-Instituts, in dem „das schönste Wort mit Migrationshintergrund“ 591 gesucht wurde. Hier wird dem Leser bewusst, wie irrational die Diskussion um die so genannte Überfremdung der Muttersprache in an- 585 Vgl.Dorenbeck (1997), S. 93.
586 Alexander (16.07.2001) Der Anteil an anglizismenkritischen Äußerungen überwiegt in diesem Artikel, was zu seiner Einstufung (vgl. Kapitel 3.1.2 sowie Tabelle 1) führte.
587 Dorenbeck (1997), S. 94.
588 Vgl. Enzensberger (1964), S. 90.
589 Vgl. Niehr (1996), S. 91.
590 Spiegel-Verlag (1949), zitiert nach Just (1967), S. 52. Vgl. Kapitel 2.2.
591 Flohr (25.04.2008).
82
betracht ihrer vielfältigen Zusammensetzung ist und wie Wörter aus anderen Sprachen, die nicht durch ein deutsches Wort zu er- beziehungsweise übersetzen sind 592 , die Sprache bereichern.
Ein weiteres, meiner Meinung nach lohnendes Unterfangen wäre die Thematisierung der von Schneider mit dem Terminus Sprachspielkompetenz versehenen Fähigkeit von Sprechern,
„an sozialen Sprachspielen/kommunikativen Praktiken teilzunehmen und (syntaktisch organisierte) sprachliche Ausdrücke in Differenz zu anderen sprachlichen Ausdrücken mehr oder weniger geschmackvoll, angemessen usw. auf Situationen projizieren zu können.“ 593
Indem - statt Kritik an von der Norm abweichendem, falschem oder schlechtem Sprachgebrauch unter Vernachlässigung der konkreten Situation zu üben - die Kompetenz der Sprecher, sich in komplexen Anforderungssituationen sprachlich angemessen zu verhalten, herausgestellt wird, könnte die öffentliche Meinung über den Sprachgebrauch angesichts von spezifischen Kommunikationskonstellationen einen positiven Impuls erfahren. Ansatzpunkte für eine kritische öffentliche Betrachtung von Sprachverwendung blieben dabei erhalten, würden aber von einer wesentlich differenzierteren Basis aus erfolgen.
592 Das Wort „Milchshake“ wird in diesem Zusammenhang in jenem Artikel genannt, vgl. Flohr (25.04.2008).
593 Schneider (2008), S. 244.
83
5 Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Meinung enthaltende, Anglizismen thematisierende Artikel im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL ...........................................................19
Tabelle 2: Meinung enthaltende, Anglizismen thematisierende Artikel bei
SPIEGEL Online ............................................................................................21
Tabelle 3: Meinung enthaltende, den Sprachverfall thematisierende Artikel im
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M.A. Torsten Blut, 2008, "Eine unsäglich scheußliche Sprache" - Die Sprachverfallsdebatte und ihre journalistische Aufarbeitung im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, Munich, GRIN Publishing GmbH
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