Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 3
1.1 Quellenlage und Quellenkritik 4
2. Wissenschaftshistorischer Hintergrund 4
3. Allgemeine Begriffsbestimmung von genze riyaku 6
4. Kritik der vorausgesetzten Begriffe Volksreligion Populärreligion 7
5. Phänomenologie des Rituals zur Erlangung von genze riyaku 8
6. Kategorisierung von genze riyaku 9
7. Ökonomische Wirkung des genze riyaku 10
8. Materialismus und Oberflächlichkeit Individuelle und soziale Auswirkungen 11
9. Das Prinzip von genze riyaku in den normativen Texten 12
10. Abschlussbemerkungen 13
Literatur 16
2
1. Vorwort
Im Folgenden werde ich mich mit dem praktischen Nutzen im japanischen Buddhismus beschäftigen. Es muss darauf hingewiesen werden, dass der gesamte Themenkomplex des genze riyaku im japanischen Buddhismus sehr komplex und umfassend ist. Es kann daher nicht jeder Aspekt in aller Ausführlichkeit besprochen werden. Aufgrund dessen habe ich es mir in dieser Arbeit zur Aufgabe gemacht, einige kontrovers diskutierte Fragestellungen aus dem Blickwinkel des genze riyaku zu erörtern, um anschließend Vorurteile, die dem japanischen Buddhismus bzw. der japanischen Religiosität allgemein anhaften 1 , mit Hilfe neuerer Forschungsansätze 2 zu entkräften. Im ersten Abschnitt möchte zunächst einige Lehrbücher zitieren, um auf die Art der Vorurteile hinzuweisen und um dann zu zeigen, dass auch in der Wissenschaft – aufgrund eines christlichen Verständnisses von Religion – Vorurteile weit verbreitet sind und sich bis in die Gegenwart gehalten haben.
Bevor jedoch irreführende Vorstellungen über den japanischen Buddhismus widerlegt werden können, ist es wichtig zumindest in groben Zügen den Charakter der japanischen Religiosität bzw. der Religion, die – wie sich zeigen wird – eng mit der Vorstellung vom „praktischen Nutzen“ verbunden ist, darzustellen. Der dritte Abschnitt soll dabei bestimmte Grundvoraussetzungen des japanischen Buddhismus klären. Zum Beispiel die irrige Annahme einer vorhandenen „Hochreligion“ und einer gegensätzlichen „Volksreligion“ und die daraus resultierenden Fehler in der Argumentation.
Anschließend soll gezeigt werden wie sich die Vorstellungen von genze riyaku in der alltäglichen Praxis äußern bzw. welche Kategorien von genze riyaku gebildet werden. Bevor jedoch wieder die im ersten Abschnitt vorgestellten Vorurteile aufgegriffen werden, muss auf die ökonomischen und individuell/psychologischen Auswirkungen der Praxis des genze riyaku eingegangen werden. Denn sobald die Bedeutung des genze riyaku für das Individuum bzw. für die gesamte Gesellschaft deutlich wird, lässt sich die vorher besprochene ignorante und herablassende Haltung gegenüber der japanischen Religion nicht mehr rechtfertigen.
Nach der Erörterung des praktischen Nutzens wird sich zeigen, ob sich der Buddhismus in Japan ausschließlich als Erlösungsreligion darstellt. Es kann also kritisch hinterfragt werden, ob die allgemeine und hier von Richard Gombrich vorgestellte These den
1 Zum Beispiel der Vorwurf des Materialismus und der Oberflächlichkeit des japanischen Buddhismus. 2 Siehe „Quellenlage und Quellenkritik“.
3
Buddhismus als Erlösungsreligion zu bezeichnen, auch für japanische Verhältnisse anwendbar ist: „Der Buddhismus ist ein Weg zur Erlösung, die allen offensteht (...)“ 3
1.1 Quellenlage und Quellenkritik
Der Mangel an wissenschaftlicher Literatur speziell zu genze riyaku war das Hauptproblem bei der Recherche zu dieser Arbeit. Mir scheint als wurde dieses Thema, welches eng mit der religiösen Praxis verknüpft ist, von der Wissenschaft bisher entweder ignoriert oder mit kurzen und voruteilsbehafteten „Pamphleten“ abgetan. Eine rare Ausnahme bildet die 1998 erschienen Abhandlung „Practically Religious. Worldly Benefits and the Common Religion of Japan“ von Ian Reader und Georg J. Tanabe (Jr.), welche „ein revolutionäres neues Bild japanischer Religion“ 4 zeichnet. Dieses Werk bietet dem Leser ein umfassendes Panorama japanischer Religiosität, indem die wichtigsten Phänomene der japanischen Religion dargestellt werden und die Vorstellung von genze riyaku als eine der Lehre und der Praxis zugrundeliegender Wesenskern herausgearbeitet wird.
„In conclusion, this is an important book that forces readers to re-map their understanding of Japanese religion (...)“ 5 In neueren Aufsätze zu genze riyaku werden die von Reader und Tanabe entwickelten Thesen meist rezipiert, ohne dass wirklich neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Obwohl mir ein breiteres Spektrum an Forschungsmaterial lieber gewesen wäre, musste ich bei der Erstellung dieser Arbeit immer wieder auf die Abhandlung „Practically Religious“ zurückgreifen. Trotzdem habe ich mich bemüht, auch anderes Material zu benutzen.
2. Wissenschaftshistorischer Hintergrund
Heutzutage herrscht ein verklärtes Bild des Buddhismus in der Öffentlichkeit vor. Dabei sei der japanische Buddhismus bzw. der Buddhismus im allgemeinen eine „hoch“ philosophische, antiritualistische Religion, die diesseitigen Vorteil und Nutzen ablehnt und allein jenseitiges Glück anstrebt. Solche Vorstellungen entwickelten sich während des 19. Jahrhunderts vor einem vor allem protestantischen Hintergrund, der von einer Überbetonung der Texte einer Religion geprägt war. Das heißt man beurteilte den Buddhismus meist ausschließlich nach den schriftlichen Lehrinhalten, da die 3 Gombrich, S.11.
4 Prohl, S. 5.
5 Rambelli, S. 3.
4
Überzeugung vorherrschte, nur in der schriftlich fixierten Lehre äußert sich die „wahre“ Religion. Die anderen Darstellungsebenen, zum Beispiel alle Phänomene der buddhistischen Praxis, welche nicht in das homogene Bild einer reinen Orthodoxie passten, wurden als eine von der wahren Lehre abgefallene und degenerierte Form diskreditiert. 6 Dieses Zerrbild des japanischen Buddhismus oder des Buddhismus im allgemeinen hat seine Wirkung bis in die Gegenwart in der westlichen Öffentlichkeit aber auch in der Wissenschaft nicht verloren. Aufgrund dessen ist es zum Beispiel weit verbreitet, die neuen Schulen des japanischen Buddhismus zu Sekten zu degradieren, um sie als „falschen Buddhismus“, infolge der Oberflächlichkeit und Magie ihrer Rituale, zu markieren. Auf der anderen Seite wird von Schulen, die dem eigenen Bild nahe kommen, die Bedeutung des „magischen“ oder ritualistischen Charakters vernachlässigt oder verschleiert (zum Beispiel beim Zen-Buddhismus, der den „rechten“ Heilsweg und die „rechte“ Lebensethik widerspiegeln soll). Dass unter Religionswissenschaftler noch Anfang des 20. Jahrhunderts dementsprechende Vorstellungen die Regel waren, zeigt die Schlussbemerkung von R. Pischel in seinem 1905 zum ersten mal erschienen Buch „ Leben und Lehre des Buddha“: „Er [der Buddhismus] zeigt uns, wie aus einer ursprünglich sehr einfachen, kultuslosen Lehre eine in Formelkram und pfäffischem Schaugepränge aufgehende Kirche entstehen konnte. Buddha ist an der Entartung, die seine Lehre im Norden erfahren hat [China, Japan, Korea, Tibet, Mongolei, Nepal], nicht schuld.“ 7 Hier kommt klar die starke Sehnsucht des Wissenschaftlers nach einer „reinen“ Lehre zum Ausdruck, die den Blick auf die buddhistische Praxis verschließt. Damit einher geht indirekt die Annahme, dass die Lehre unabhängig von einer Institution bestehen kann bzw. dass der Institutionalisierungsprozess die Lehre zurückdrängt und womöglich verfälscht. H.-H. Schrey schreibt in der „RGG 3 “ hierzu konkret:
„Dem Gewinn an Weltlichkeit steht der Verlust an prophetischer Kritik der Welt, an innerer Zucht der Glieder und an unmittelbarer Liebesgemeinschaft untereinander gegenüber.“ 8 Das Bild der japanischen Religion, welches B. Willms in seinem 1949 erschienenen Werk „Gott unter Göttern“ skizziert, ist von einer überschwänglichen Kritik an der Weltbejahung und Weltzugewandtheit geprägt:
6 Das mit der wissenschaftlichen Reproduktion von religiösen Symbolsystemen verbundene methodische Problem, dass in der Schwierigkeit des sprachlichen Erfassens eines nonverbalen Vorgangs besteht, wird von Fritz Stolz in seinem Aufsatz „Hierarchie der Darstellungsebenen religiöser Botschaft“ (In: Zinser, Hartmut (Hrsg.): Religionswissenschaft. Eine Einführung) einführend beschrieben.
7 Pischel, S. 116.
8 Schrey, S. 89.
5
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Jörn Heise, 2002, "Genze riyaku" als Wesenskern japanischer Religiosität, Munich, GRIN Publishing GmbH
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