erforderlich sein. Schwerpunkte bilden dabei die Medizin, Erkenntnistheorie und Ästhetik. Ergänzt werden diese Überlegungen durch die Einbeziehung von Fragen über die Programmatik der Spätromantik und die Interaktion von Form und Inhalt. Dieser kurze Aufsatz folgt eher konventionellen literaturwissenschaftlichen Analysen.
2. Literaturwissenschaftliche Analyse von Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“
E.T.A. Hoffmanns Werk "Das Fräulein von Scuderi" wurde am 16. bzw. 17. Oktober 1818 vollendet und erschien zwei Jahre später eingeflochten in den 3. Band der "Serapions-Brüder".
Richard Alewyn stellte als erster die These auf, dass Hoffmann mit dem "Fräulein von Scuderi" die erste Detektivgeschichte überhaupt geschaffen habe. Denn - so behauptet er"in dieser Geschichte finden wir neben einigen untergeordneten Motiven, die drei Elemente zusammen, die den Detektivroman konstituieren: Erstens den Mord, beziehungsweise die Mordserie, am Anfang und dessen Aufklärung am Ende, zweitens den unverdächtigen Schuldigen, und drittens die Detektion, nicht durch die Polizei, sondern durch einen Außenseiter, ein altes Fräulein und eine Dichterin, dazu als viertes, zwar nicht obligates, aber doch ungemein häufiges Element, das versperrte Mordzimmer". 1 Damit wird also - in einer sicherlich pointierten Zuspitzung - behauptet, dass die angesprochene Gattung der Detektivgeschichte nicht aus der Existenz eines demokratischen Rechts- und Staatsbewusstseins und außerdem nicht aus dem Geist der Aufklärung heraus, der damit verbundenen Hinwendung zu den Naturwissenschaften und dem Positivismus entspringt, sondern dass sie in der Romantik verankert ist. Dieser Befund verblüfft zunächst. Zwar scheinen die Ausführungen in dieser Absolutheit frag-, zugleich aber nicht minder bedenkenswürdig, dennoch ist Alewyn völlig zuzustimmen, wenn er behauptet Hoffmanns Detektivgeschichte sei weit davon entfernt, Vertrauen auf Vernunft, Wissenschaft und Rechtsstaatlichkeit zu verbreiten. Spricht Alewyn also von dem romantischen Topos des Geheimnisses und seiner Aufklärung, so ordnet Dietrich Nauman das unlösbare Rätsel dem romantischen Roman und das lösbare Geheimnis (Rätsel) der Detektivgeschichte zu. 2 Es ist eben nicht Scharfsinn gepaart mit rationalen, induktiven Methoden, welche die/das Verbrechen lösen, sondern das Geständnis Oliviers und die Tugenden des Fräulein von Scuderi als da Menschlichkeit und Mitgefühl zu nennen sind. Zwar erfährt der Leser die
1 Alewyn, R., Ursprung des Detektivromans, S. 353
2 Naumann, D., Zur Typologie des Kriminalromans, S. 249
Lösung der Verbrechen, eine via juristischem Verfahren erfolgende Aufklärung ist abernicht zuletzt aufgrund der fragwürdigen Rechtspraktiken der chambre ardente mitnichten zu erwarten. Problematisch ist auch die Frage der Motivation bzw. (genetisch-soziale) Veranlagung des Täters Cardillac, da diese nur von diesem selber reflektiert wird. Die Frage der Gattungsthematik wurde weitgehend im Unterricht ausgeblendet, da bei ihrer Behandlung die Gefahr besteht, dass zu viele falsche Fährten gelegt werden und weiterhin, dass der Erzähltext über Gebühr reduktionistisch simplifiziert wird. Außerdem ist die Frage einer Gattungszuordnung bei Hoffmanns Erzähltext nur sehr schwierig bis gar nicht vorzunehmen. Es zeigt sich eben an diesem doch recht formlosen Text nicht unbedingt in aller gebotenen Schärfe das literaturwissenschaftliche Postulat, dass die Form den Inhalt bestimmt. Insofern ist - abgesehen von dem Gewinn einer (letztlich doch immer noch fragwürdigen heuristischen Klassifizierung!) durch die Diskussion und Analyse der Gattungsthematik - zumal in der 9. Klasse - nichts gewonnen.
Festzuhalten bleibt, dass wichtiger als der Fragekomplex einer kausalgenetischen Konstruktion (Cardillacs) der Umstand ist, "dass das Verhalten des Goldschmiedekünstlers und Mörders Cardillac in Beziehung zum Künstlertum der Scuderi und damit zur Kunst überhaupt besteht." 3 Damit ist wohl der zweite wichtige Pfeiler der Geschichte angesprochen. Es handelt sich um eine Künstlergeschichte, in welcher kunsttheoretische Diskurse ausgetragen werden. Dabei ist der Zusammenhang von Kunst und Gewalt von Kunstgeschichte und Mordgeschichte sowie eine gewisse Grundaffinität zwischen Cardillac und Scuderi hervorzuheben. Beide Künstlerfiguren üben nämlich zunächst eine mangelnde soziale Verantwortung aus, weil sie im Reich ihrer Kunst leben und sich den real-alltäglichen Anforderungen der Umwelt verschließen. Scuderi nimmt zunächst die (Verbrechens-) Geschehnisse (sichtbar durch ihren Zweizeiler) nicht ernst. Cardillacs Antigesellschaftlichkeit wird durch sein Doppelleben und seine Taten überdeutlich. Scuderi allerdings gelingt die Sprengung der sozialen Isolierung des Künstlers, der schließlich auch "humanisierenden Einfluss auf die höchste politische Machtinstanz ausübt." 4 Die gemeinsame Tragik des Künstlertums liegt darin begründet, die Kunstwerke aus der Zuständigkeit des Künstler lösen und die damit einhergehende Entfremdung der Kunstwerke von ihrem Schöpfer akzeptieren zu müssen. Das Konzept einer autonom-selbstreferentiellen Kunst kann somit nicht aufrecht erhalten werden. Über das Künstlertum hinaus stellt sich die Frage einer Spannung von anvisiertem autonomen Subjekt als Zielprojektion der Romantik und de facto geschaffenem
3 Feldges, B., E.T.A. Hoffmann, S. 161
4 Holbeche, Y., The relationship of the artist to power, S. 9
Arbeit zitieren:
Dr. Stefan Schweizer, 2006, E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“ - Eine literaturwissenschaftliche Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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