Zusammenfassung
Unter Verwendung der Remember-Know-Guess Prozedur wurde untersucht, ob das Antwortverhalten von Probanden während der Rekognitionsphase von Kontexteffekten beeinflusst wird. Daraufhin wurde überprüft, ob die resultierenden Ergebnisse besser mit den Vorhersagen des SAC-Modells oder globaler Aktivierungstheorien in Einklang zu bringen sind. Versuchspersonen waren 49 weibliche und neun männliche Studenten mit einem durchschnittlichen Alter von 22,16 Jahren.
Das Experiment gliederte sich in eine Lern- und eine Testphase, wobei den Versuchspersonen in der Testphase von vier Sets à 30 Bildern jeweils zwei Sets auf einem Computerbildschirm zu je 600 ms präsentiert wurden. Nach fünfminütiger Bearbeitung einer Distraktoraufgabe, begann die Testphase, bei der den Versuchspersonen alle vier Sets präsentiert wurden, wobei die Inhalte der zwei neu dazugenommenen Sets als Distraktoritems dienten. Jeweils die Hälfte aller Distraktor- und Targetitems wurden im gleichen Kontext wie auch in der Lernphase, die restlichen Items in einem anderen Kontext präsentiert. Zuerst sollten die Versuchspersonen ein Rekognitionsurteil abgeben. Wenn dieses Urteil positiv war, sollten sie ein Urteil gemäß der Remember-Know-Guess Prozedur fällen.
Keine der untersuchten Mittelwertsdifferenzen war bei Prüfung mittels des t-Tests für abhängige Stichproben auf einem α-Niveau von 0,05 signifikant. Deskriptiv gingen die Mittelwertsunterschiede der Remember-Antworten tendenziell aber in die postulierte Richtung der Source of Activation Confusion Theory (SAC-Modell, Cary & Reder, 2003), die die Erhöhung der Kontextschwelle durch den gleichen Kontext, und somit den damit einhergehenden Anstieg der Remember-Antworten, postuliert.
1 Eine Untersuchung zum Einfluss des Kontextes auf die
Rekognitionsleistung unter Verwendung der Remember-Know-Guess Prozedur
In der gedächtnispsychologischen Forschung differenziert man zwischen episodischem und semantischem Gedächtnis, da unterschiedliche Leistungen in unterschiedlichen Gedächtnistests nachgewiesen werden konnten.
Im episodischen Gedächtnissystem ist das Wissen im Zusammenhang mit anderen Informationen gespeichert, wie z. B. Informationen zum Zeitpunkt oder zur Situation der Enkodierung des Lerninhalts. Eine Person kann beim Abruf von Information aus dem
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episodischen Gedächtnis über weitere Informationen, z. B. gewisse Gefühle, die er oder sie zum Zeitpunkt der Speicherung dieses Wissens hatte, Auskunft geben. Das semantische Gedächtnis dagegen zeichnet sich durch die reine Repräsentation des Wissens ohne Verbindung zu Informationen aus, die zum Zeitpunkt der Enkodierung präsent waren. Ein Gegenstand wird also als bloßes Wissen ohne das Wissen über die Umstände der Enkodierung gespeichert.
Es wird weiterhin im Zusammenhang mit episodischen und semantischen Gedächtnissystemen zwischen objektiven (z.B. implizite und explizite Gedächtnistests) und subjektiven Maßen der Erinnerung unterschieden. Zu den objektiven Erinnerungsmaßen zählen unter anderem das Reproduktions- sowie das Rekognitionsparadigma. In einem typischen Reproduktionstest ist es die Aufgabe der Probanden, möglichst viele der zuvor gelernten Stimuli wiedergeben zu können. In einer Rekognitionsaufgabe geht es im Unterschied zu einer Reproduktionsaufgabe darum, Reize dahin gehend zu beurteilen, ob sie in der Lernphase dargeboten wurden oder nicht. Das Wiedererkennen eines Targetstimulus ist hier also die Aufgabe des jeweiligen Probanden.
In der Gedächtnisforschung kommt aber auch subjektiven Erinnerungsempfindungsmaßen beim Abruf von Information eine immer größere Bedeutung zu. Verschiedene Bewusstseinszustände, die mit der Erinnerung einhergehen, interessieren nun ebenfalls die Gedächtnisforscher. Dies beruht auf der Tatsache, dass einige Theorien eine Verbindung zwischen bestimmten Erinnerungsempfindungen und Gedächtnissystemen oder Gedächtnisprozessen annehmen.
Nach der Theorie von Tulving (1985a) ist es einer Person möglich, sich beim Abruf einer Information aus dem episodischen Gedächtnis bewusst an Informationen über die Umstände der Enkodierung zu erinnern, also ein Gefühl der bewussten Erinnerung zu erleben. Bei dem Abruf von Information aus dem semantischen Gedächtnis ist für eine Person allerdings nur das reine Wissen verfügbar, d. h. der Abruf sollte von einem bloßen Wissensgefühl begleitet sein. In diesem Zusammenhang wurde bei der Erforschung von Gedächtnisprozessen und Gedächtnissystemen die Remember-Know Prozedur entwickelt (Tulving, 1985b). Wenn sie sich an einen Stimulus erinnern, werden die Versuchspersonen bei dieser Prozedur dazu aufgefordert zusätzlich ein Urteil darüber abzugeben, ob sich die Erinnerung auf ein Gefühl der bewussten Erinnerung oder auf ein Gefühl des Wissens bzw. der Vertrautheit zurück führen lässt. Die Versuchspersonen werden bei Verwendung der Remember-Know Prozedur dazu aufgefordert, "remember" zu antworten, wenn sie sich bewusst an die Darbietung des Reizes in der Lernphase erinnern können. „Bewusstes
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Erinnern“ bedeutet hier, dass eine Person ein Ereignis, eine Erfahrung oder einen Gedanken benennen kann, den er oder sie hatte als der Reiz in der Lernphase dargeboten wurde. Wenn die Versuchspersonen trotz fehlender bewusster Erinnerung davon überzeugt sind, dass der entsprechende Stimulus in der Lernphase vorkam, so ist es ihre Aufgabe, "know" zu antworten.
Im Laufe der Zeit wurde der Remember -Know Prozedur ein weiterer Parameter hinzugefügt, da der Einfluss von Ratetendenzen auf Know-Antworten festgestellt worden war. Um diese Ratetendenzen ein Stück weit zu kontrollieren, wurde die Möglichkeit einer Guess-Antwort in die Prozedur aufgenommen (Remember-Know-Guess Prozedur). Eine Versuchsperson kann somit angeben, ob sie bei ihrem Urteil das Gefühl hatte geraten zu haben. Es wird angenommen, dass diese subjektiven Erinnerungsmaße Remember (R), Know (K) und Guess (G) mit weiteren Eigenschaften des Abrufs und der dahinterliegenden Prozesse im Zusammenhang stehen. Eine Remember -Antwort wird häufig mit einem kontrollierten oder bewussten Vorgang, eine Know-Antwort mit einem automatischen, unbewussten Vorgang verbunden (Neath & Suprenant, 2003).
Untersuchungen zeigten, dass einige Manipulationen nur Einfluss auf Know-Antworten hatten, während andere nur Remember-Antworten beeinflussten (siehe z.B. Cary & Reder, 2003). Dies spricht für die Annahme unterschiedlicher Gedächtnissysteme, die im Zusammenhang mit den Remember- bzw. Know-Raten stehen. Durch die Remember-Know-Guess Prozedur (RKG Prozedur) wurde somit ein Weg gefunden, den Zusammenhang zwischen hypothetischen Konstrukten und subjektiven Bewusstseinszuständen im Bezug auf das Gedächtnis genauer zu untersuchen. Ob man dabei zwischen Kognition, subjektivem Erleben und objektivem Verhalten differenzieren muss, oder ob die gleichen bzw. ähnliche kognitive Prozesse oder Systeme hinter subjektivem Erleben und objektivem Verhalten zu vermuten sind, ist fraglich.
Eine Zwei-Prozessmodell Erklärung für die Rekognitionsgedächtnisleistung bietet die Source of Activation Confusion Theory (SAC-Modell, Angstadt, Ayers, Hiraki, Nhouyvanisvong, Reder & Schunn, 2000).
Nach der SAC-Theorie basieren Wiedererkennensurteile wie auch in anderen Zwei-Prozess-Modellen entweder auf Vertrautheit oder bewusster Erinnerung. Wenn ein Rekognitionsurteil nicht durch bewusste Erinnerung gefällt werden kann, kommt es zu einem Rekognitionsurteil anhand der Vertrautheit des Stimulus.
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Das Modell postuliert ein Netzwerk von Knoten und Verbindungen, deren Aktivierung in der Stärke variiert. Die Anzahl der Verbindungen und die Stärke der Knoten hängen von der jeweiligen Erfahrung einer Person ab. Je mehr Erfahrung eine Person mit einer Sache hat, desto mehr Verbindungen können zu diesem Konzept aufgebaut oder desto stärker kann auch der Knoten dieses Konzeptes werden.
Das Basisniveau der Aktivierung eines Knotens wird über die vorherige Erfahrung, beispielsweise mit einem Wort, festgelegt. Je häufiger ein Stimulus gesehen wurde, desto höher ist das Basisniveau der Aktivierung. Ebenso wird die Stärke einer Verbindung zwischen Konzepten größer, je häufiger eine Person mit diesen gemeinsame Erfahrungen sammelt. Stimulation aus der Umwelt sowie sich ausbreitende Aktivierung von anderen Verknüpfungen erzeugen in den Knoten vorübergehende Aktivierungsänderungen. Die Verfügbarkeit eines Konzeptes oder Ereignisses hängt von dem aktuellen Aktivierungsniveau eines Knotens ab, der diesen Reiz repräsentiert.
Daraus ergeben sich zwei Wege der Einspeicherung eines Items ins Gedächtnis. Einmal kann die Stärke des Konzeptknotens verstärkt werden, der für das Item steht. Weiterhin kann ein Ereignisknoten verstärkt werden, der den wiederkehrenden Lernkontext abbildet. Es kann aber auch bei neuem Lernkontext ein neuer Ereignisknoten gebildet werden, der den vorgefundenen Lernkontext repräsentiert. Die Ereignisknoten sind mit den jeweiligen dazugehörigen Konzeptknoten verbunden (Cary & Reder, 2003).
In der Arbeit von Cary und Reder (2003) wird weiterhin zwischen einem Ereignis- und einem Kontextknoten unterschieden. Der Kontextknoten enthält die Merkmale der Items in der Lernliste, während der Ereignisknoten den restlichen Lernkontext beinhaltet. Für unsere Fragestellung haben wir der Vereinfachung halber die Inhalte dieser beiden Knoten in einem Ereignisknoten zusammengefasst angenommen, weswegen in unserer Argumentation nur ein Konzept- und ein Ereignisknoten erwähnt wird.
Der Konzeptknoten ist beispielsweise mit der entsprechenden Information über lexikalische, phonetische und orthographische Eigenschaften des Wortes verknüpft. Es bestehen ebenfalls Verbindungen zu semantischer Information, wie z. B. verwandten Konzepten oder zu Informationen über die aktuellen Ereignisse während der Enkodierphase (Angstadt et al., 2000).
Wenn ein „altes“ Wort (d. h. ein Wort, welches zuvor gelernt wurde) im Lernkontext während eines Rekognitionstests präsentiert wird, werden der dazugehörige Konzeptknoten und der relevante Ereignisknoten aktiviert. Die Aktivierung verteilt sich auf alle Knoten, welche mit diesen Knoten in Verbindung stehen, so z. B. auf mit diesem Wort assoziierte weitere Wörter.
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Der weitergeleitete Betrag der Aktivierung hängt nun wiederum von der Stärke der Verbindung zwischen den Knoten in Relation zur Stärke der konkurrierenden Verbindungen ab, die von dieser Quelle ausgehen. Daraus resultiert die Annahme, dass die Stärke der Aktivierung, die sich zu den assoziierten Knoten ausbreitet, weniger sein wird, wenn der Knoten viele Verbindungen aufweist, als wenn er nur ein paar Verbindungen besitzt. Es werden zwei Schwellen in Bezug auf die Rekognitionsleistung angenommen, eine Ereignis-und eine Konzeptschwelle. Auf bewusster Erinnerung basierte
Rekognitionsantworten treten dann auf, wenn der Ereignisknoten genügend aktiviert wird, um die Ereignisschwelle zu überschreiten (Cary & Reder, 2003). Wenn eine auf bewusster Erinnerung basierte Rekognition nicht möglich ist, tritt ein vertrautheitsbasiertes Wiedererkennen des Stimulus auf, sobald die Aktivierung des Konzeptknotens ausreicht, um die Konzeptschwelle zu überschreiten. Wenn der gleiche Kontext in Lern- und Testphase eines Rekognitionsexperimentes gegeben wird, so legt das SAC-Modell nahe, dass durch die Präsentation dieses Kontextes eine Aktivierung des Ereignisknotens erfolgt. Aufgrund dieser Aktivierung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Ereignisschwelle überschritten wird. Dies hat zur Folge, dass die Anzahl, der auf bewusster Erinnerung basierenden Remember-Antworten bei Darbietung eines „alten“ oder „neuen“ Items in der Bedingung des gleichen Kontextes in Lern- und Testphase ansteigen müsste.
Die Häufigkeit der Remember-Antworten unter der Bedingung des gleichen Kontextes in Lern- und Testphase wurde mit der Häufigkeit der Remember-Antworten unter der Bedingung eines unterschiedlichen Kontextes in der Lern- und Abrufphase verglichen, um diese aus dem SAC-Modell abgeleitete Vorhersage zu überprüfen.
Des Weiteren sollte eine höhere Anzahl an Treffern und falschen Alarmen in der Bedingung des gleichen Kontextes resultieren. Dies lässt sich daraus ableiten, dass sowohl bei Targetitems als auch bei Distraktoren, die im gleichen Kontext wie in der Lernphase dargeboten werden, die Ereignisschwelle schneller überschritten wird. Dadurch wird bewirkt, dass bei Darbietung von Targetitems mit höherer Wahrscheinlichkeit Treffer und bei Darbietung von Distraktoren mit höherer Wahrscheinlichkeit falsche Alarme zustande kommen, da in beiden Fällen die Ereignisschwelle leichter überschritten wird und die Versuchsperson somit eher dazu geneigt ist, bei ihrem Rekognitionsurteil mit „Ja“ zu antworten.
In der vorliegenden Untersuchung wurden die aus den gemessenen Häufigkeiten ermittelten Diskriminationsleistungen der Versuchspersonen ermittelt. Dazu wurde das Zwei-
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Arbeit zitieren:
Gökce Ipeklioglu, 2004, Eine Untersuchung zum Einfluss des Kontextes auf die Rekognitionsleistung unter Verwendung der Remember-Know-Guess Prozedur, München, GRIN Verlag GmbH
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