INHALTSVERZEICHNIS
1 Einleitung. 6
2 Welche Faktoren prägten die Ausrichtung und die Entwicklung der Kolonie
Spaniens (Vizekönigreich Mexiko) und Großbritanniens (Neu-England)? 8
2.1 Produktionsweise des Agrarsektors 8
2.2 Silber- und Ressourcenausbeutung im Vizekönigreich Neuspanien 20
2.3 Immigration 25
2.4 Verschiedene Institutionen - unterschiedliche Entwicklungen? 29
2.5 Patentwesen 32
2.6 Legale Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und den Institutionenbau. 33
2.7 Das Bankensystem 36
2.8 Infrastruktur 43
2.9 Die Rolle der katholischen Kirche. 47
2.10 Zusammenfassung 49
3 Mexikos Wirtschaftspolitik nach dem zweiten Weltkrieg - die ersten
Wirtschaftskrisen und die Abkehr vom Protektionismus 52
3.1 Import Substitution Industrialization (ISI) in Mexiko 53
3.2 Die ersten großen Wirtschaftskrisen und das Ende des ISI-Modells. 57
4 Die Tequila-Krise und die Integration Mexikos in den Weltmarkt 66
4.1 Die Schuld der Banken an der Tequila-Krise und die Reformen im
Bankenbereich ab 1995 80
4.2 Gründe für den Zusammenbruch des Bankensystems 83
4.3 Die Rettung der Banken und ihre Umstrukturierung durch die Regierung. 85
3
5 Maquiladoras 88
6 NAFTA (North American Free Trade Agreement) 97
6.1 Die Zukunft der Maquilas unter NAFTA. 105
7 Foreign Direct Investment. 110
8 Aktuelle Probleme Mexikos. 118
8.1 Nord/Süd-Disparitäten und das Einkommensgefälle innerhalb von Mexiko 118
8.2 Agrarsektor 124
8.3 Tourismus. 128
8.4 Korruption und unethische Vorgehensweisen in Wirtschaft und Politik. 129
8.5 Ausblick und Regierungswechsel in Mexiko 137
9 Statistischer Teil - Regressionen. 142
9.1 Welche Variablen beeinflussen die Zahl der Maquilas, die pro Jahr gegründet
werden ? 142
9.2 Inwieweit bestimmt der Ölpreis das Exportvolumen? 145
9.3 Welche Hauptfaktoren bestimmen die jährliche Wachstumsrate des BIPs in
Mexiko ? 146
10 ANHANG 149
11 LITERATURVERZEICHNIS. 153
4
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abb. 1 Prozentsatz der Mexikaner an der Gesamtzahl Immigranten der USA 28
Abb. 2 Das Aufkommen der staatlichen Banken in den USA, 1790 - 1850 41
Abb. 3 Wachstum des realen BIP in Mexiko 70
Abb. 4 Die Entwicklung der Kreditvergabe an den Privatsektor in Mexiko 72
Abb. 5 Kurzfristig fällige Staatsschulden/Bruttoreserven Mexikos 75
Abb. 6 Standardisierte Börsenpreisindices der USA, Kanada und Mexiko 99
Abb. 7 Ausländische Investitionsströme nach Mexiko, 1990-2000 113
Abb. 8 Zusammenhang Landbesitz/Armutswahrscheinlichkeit 123 Abb. 9 Korruption in Mexiko 131
TABELLENVERZEICHNIS
Tabelle 1: Regression Ölpreis/Exportvolumen 144
Tabelle 2: Regression Neue Maquilas pro Jahr 146
Tabelle 3: Regression BIP jährliche Wachstumsrate 148
Tabelle 4: Durbin-Watson-Tabelle 149
Tabelle 5: Korrelogramm Exporte 150
Tabelle 6: Daten Regressionen 150-152
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1 Einleitung
Im Jahr 1521 besiegte das Königreich Spanien, vertreten durch Hernan Cortes, den Stamm der Azteken. Diese hatten ihr Reich vor allem im Zentrum des Landes, auf dem Hochplateau, auf dem sich heute Mexiko City befindet, aufgebaut. Ihre Unterwerfung ist die Geburtsstunde des spanischen Kolonialreiches, des Vizekönigreichs Neuspanien und in weiterer Folge des unabhängigen Staates Mexiko. 1821 wurde nach elf Jahren andauernden Kämpfen und Aufständen die Unabhängigkeit vom Königreich Spanien erwirkt. Obwohl Mexiko seitdem formell ein unabhängiges Land war, spielte das koloniale Erbe im Hinblick auf die Gestaltung der Institutionen und des Rechtssystems, der Verwaltung, der wirtschaftlichen Struktur des Landes, des politischen Apparats und der gesellschaftlichen Hierarchie eine bedeutende Rolle. Ein entscheidender Einschnitt der mexikanischen Geschichte ist der Verlust des halben Staatsgebietes an die USA (zwischen 1846 und 1848). Dieser Krieg wurde mit dem Abkommen von Guadalupe Hidalgo beendet, in welchem der Norden Mexikos, etwa Colorado oder Arizona, der USA zugesprochen wurde. In der „Balance of Power“ des nordamerikanischen Kontinents bedeutete dies eine Verlagerung der Macht von Mexiko auf die USA.
Heutzutage ist Mexiko wirtschaftlich relativ gefestigt. Seit elf Jahren ist es Mitglied des NAFTA Freihandelsabkommens mit den USA und Kanada. Mit der EU ist Mexiko ein weiteres Wirtschaftsabkommen eingegangen. Zudem ist es eines der aufgeschlossensten Länder bezüglich ausländischem Investitionskapital. Die geografische Nähe zur USA gibt den Anlass, die geschichtliche Vergangenheit dieser beiden Länder zu vergleichen. Beide Länder sind ehemalige Kolonien, trotzdem haben sie sich in den letzten zwei Jahrhunderten sehr unterschiedlich entwickelt. Auf der einen Seite die USA, eines der reichsten Länder der Welt und wirtschaftlich fast unverwundbar, auf der anderen Seite Mexiko, lange Zeit ein Entwicklungsland, welches in der jüngsten Vergangenheit regelmäßig Wirtschafts- und Währungskrisen bewältigen musste.
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Den Aufbau der Diplomarbeit habe ich wie folgt gewählt.
Der erste Teil befasst sich mit den Faktoren, welche diese diametrale Entwicklung beeinflussten und welche die Länder in einem so unterschiedlichen Ausmaß formten. Fixe Gegebenheiten wie die Beschaffenheit des Landes, das Klima oder die Anzahl der Eingeborenen gestalteten die Institutionen, welche wiederum das wirtschaftliche und technische Fortkommen der beiden Kolonien bestimmten.
Der zweite Teil analysiert die jüngere Wirtschaftspolitik Mexikos, beginnend ab dem zweiten Weltkrieg. Die wirtschaftliche Ausrichtung war zuerst gekennzeichnet von einem stark protektionistischen Modell - der Strategie der Importsubstitution - welches schließlich nach wirtschaftlichen Turbulenzen zu Gunsten eines liberalen Kurses aufgegeben wurde.
Die Ursachen und die Auswirkungen der Tequila-Krise gegen Ende des 20. Jahrhunderts beleuchte ich im dritten Abschnitt. Anschließend werde ich versuchen, die besondere Stellung der Maquiladora-Industrie in Mexiko darzustellen. Als fünfter Punkt folgt die Beschreibung des NAFTA Abkommens, welches als wichtigster Schritt Mexikos zur Integration in die Weltmärkte gesehen wird, und seine Auswirkungen auf die Maquiladoras. Welche Rolle das Foreign Direct Investment (von nun an FDI) für Mexiko spielt und gespielt hat, möchte ich im sechsten Teil darlegen. Auf aktuelle Probleme, etwa der Kampf gegen die Korruption und das Sorgenkind Agrarwirtschaft wird im vorletzten und siebten Abschnitt eingegangen.
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2 Welche Faktoren prägten die Ausrichtung und die
Entwicklung der Kolonie Spaniens (Vizekönigreich
Mexiko) und Großbritanniens (Neu-England)?
2.1 Produktionsweise des Agrarsektors
Die Organisation der Kolonie Neuspanien stützte sich auf vier Säulen: Bergbau und Städte, Dorf und Haciendas. Vor allem die letzten beiden stellten das wirtschaftliche Fundament der Kolonie dar, weil die Wirtschaft im 16. und 17. Jahrhundert vor allem eine Agrarwirtschaft war. Es wird vielfach angenommen, dass die Art der Organisation der Agrarproduktion eine rasche wirtschaftliche Entwicklung Mexikos behinderte. Ich werde als Definition der Hacienda jene von Eric Wolf und Sidney Mintz (1957) verwenden: „Eine Hacienda ist ein ländlicher Besitz eines Eigentümers, welcher eine vorherrschende Stellung einnimmt. Der Landbesitz wird durch abhängige Arbeitskräfte bearbeitet, die Produktion der Güter ist nicht kapitalintensiv und findet für einen relativ überschaubaren Markt statt.“ Sofern nicht anders angegeben, folge ich in diesem Abschnitt Alan Knight, „Mexico - The Colonial Era“ (auf die Ausführungen dieses Buches stütze ich mich im gesamten ersten Kapitel) und greife auch auf die umfangreiche Arbeit von Magnus Moerner, „The Spanish American Hacienda: A Survey of Recent Research and Debate“ zurück.
Haciendas übernahmen die präkoloniale soziale Organisation der Azteken. Die Bewirtschaftung der meist sehr umfangreichen Ländereien wurde durch die Fülle von Arbeitskräften, nämlich den Ureinwohnern, ermöglicht. Diese Art der Landaufteilung trug bereits am Beginn der Kolonialzeit zu einer ungleichen Einkommensverteilung bei.
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Die Azteken 1 hatten bei der Ankunft der Spanier schon ein System der Ausbeutung anderer Volksstämme bzw. der Rangniedrigeren etabliert. Die Spanier trafen deshalb bei ihrer Ankunft auf ein komplexes Gesellschaftssystem mit Provinzen, Gerichten und Steuereintreibern. Es herrschte eine militärisch-religiöse Kaste. Die Spanier machten sich dieses System zu Eigen, das aztekische Reich und dessen Hierarchie kann mit jenem der spanischen Kolonialmacht verglichen werden. Beide Reiche stützten sich auf ein zentralistisch ausgeprägtes System, welches durch die soziale Hierarchie bestimmt wurde. Institutionen wurden meist politisch besetzt, Netzwerke der Macht waren omnipräsent. 2 Indem Spanien die Bräuche der Azteken übernahm, sicherte es sich den traditionellen Anspruch der Eliten auf Arbeitskräfte und auf die natürlichen Ressourcen des Landes. Dieses Umfeld begünstigte die Entstehung konzentrierter Landbesitzungen. 3 Der Besitz einer Hacienda diente nicht nur zur Akkumulation von Kapital, vielmehr konnte der Hacendadero seine sozialen Ambitionen verwirklichen. Die Akquisition von Land war mit sozialem Prestige verbunden. Plantagen wurden - im Gegensatz zu den Haciendas - angelegt, um für einen umfassenden, großen Markt zu produzieren. Die Produktion war sehr kapitalintensiv. Plantagen dienten nur einem Zweck, nämlich dem der Kapitalakkumulation. Die Organisationsformen der Haciendas und der Plantagen sind nur zwei Enden eines Spektrums, dazwischen gab es viele Vermischungen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Haciendas und Plantagen ist die Spezialisierung der Haciendas auf den Heimmarkt, sie produzierten nicht für den Export, während die Erzeugnisse der Plantagen ganz wesentlich zum Atlantikhandel beitrugen. Haciendas konnten auch im Besitz der Kirche stehen. In diesen Fällen war das damit verbundene soziale Prestige Nebensache. Es existierten verschiedene Arten von Haciendas, je nach geographischer Lage. Sie übernahmen häufig die Herstellung
1 Die Azteken begründeten ihr Reich offiziell 1325 in Technotitlán im Zentrum des Sees Texcoco.
2 Chong/Zanforlin (2004), 337
3 De la Escosura (2005), 32
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jener Erzeugnisse, bei deren Produktion Skalenvorteile ausgenutzt werden konnten und welche mit einem geringen Arbeitsaufwand verbunden waren. Aus diesen Gründen wurde vor allem die Schaf- und Rinderzucht auf Haciendas betrieben, oftmals wurde auch Wolle hergestellt. Zusätzlich zu den Plantagen und den Haciendas gab es noch eine dritte Form der Produktion in der kolonialen Wirtschaftswelt. Klein- und Kleinstbauern übernahmen die Produktion jener Güter, die sehr zeitaufwendig war bzw. wo der Gütertransport hohe Kosten verursachte, wie der Anbau von Früchten oder Gemüse oder die Schweinehaltung. 4
Woher stammten die Arbeitskräfte auf den Haciendas? Zuerst einmal wurde auf die eingeborenen Stämme zurückgegriffen. Nach der Besitznahme Mexikos wurde als Erstes das System der Encomiendas (spanisch für Auftrag) eingeführt. Dieses System folgte dem aztekischen System der Ausbeutung, bei welchem dominante Stämme Tributzahlungen von ihren Untergebenen forderten. Diese Art von Tributleistungen wurde entweder in Geld oder in Naturalien geleistet. Die Spanier übernahmen dieses System und so wurden die Ureinwohner entweder zur Arbeit herangezogen oder mussten Abgaben leisten. Durch das Encomienda-System wurden Conquistadores mit riesigen Landgütern inklusive der darauf lebenden indigenen Bevölkerung beschenkt. Als Encomenderos hatten sie das Recht, die Eingeborenen zur Arbeit zu zwingen. Im Gegenzug dazu wurden die Indigenas vom Encomendero 5 beschützt und versorgt, weiters wurden sie von ihm zum katholischen Glauben bekehrt. Mit diesem Ausbeutungsschema wollten die Spanier die Nahrungsmittelproduktion sicher stellen. Die indigene Bevölkerung der Landgüter war zwar zur Arbeit verpflichtet, nicht jedoch Eigentum der Encomenderos. Es gab drei verschiedene Arbeitssysteme in der
4 Coatsworth (1978), 89
5 Anmerkung: stammt von ecomendar ab, das heißt überantworten, anvertrauen; der Encomendero ist der Grundherr dem die Indianer anvertraut wurden. Encomenderos waren immer Spanier.
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kolonialen Welt der Spanier. Zu Beginn stand die Encomienda, diese wurde vom Repartimiento, einem Rotationssystem, abgelöst. Schließlich verbreitete sich im Laufe der Zeit das dritte wichtige Arbeitsschema, das der informellen Beschäftigung individueller Arbeitskräfte, dazu zählte auch die Arbeit auf den Haciendas 6 . Das Repartimiento 7 stellte sich als sehr ineffektives System heraus. In weitere Folge rekrutierten die Hacendados mehr und mehr Arbeitskräfte von einem sich im Entstehen befindlichen Arbeitsmarkt. 8 Die Encomienda garantierte dem Encomendero ein Monopol auf indianische Arbeitskraft für die Dauer seines Lebens. Typischerweise erhielten diese Arbeiter keine Bezahlung, die Arbeit ersetzte die zu leistenden Abgaben. Durch einen Rotationszyklus wurden die Arbeiter von den indianischen Gemeinschaften zur Verfügung gestellt. Von 1536 an waren die Eingeborenen samt ihren Familien für die Dauer von zwei Lebensaltern dem Encomendero und in Folge seiner unmittelbaren Erben zugeteilt. 1629 wurde die Dauer auf drei und 1704 auf vier Lebensalter ausgedehnt. 9 Als im 16. Jahrhundert die Bevölkerungszahl der Eingeborenen durch Seuchen und durch Ausbeutung um ein Vielfaches schrumpfte, wurde das System der Encomienda abgeschafft und das Repartimiento eingeführt. Schätzungen gehen davon aus, dass von 20 Millionen Indianern zur Zeit von Cortes’ Ankunft nur mehr 1,5 Millionen 100 Jahre später übrig blieben. 10 Als Hauptursache gelten vor allem Epidemien, etwa Masern, Mumps und die Pocken, aber auch Hungersnöte. Die meisten Opfer kostete die Pest, welche schon kurz nach der Ankunft der Spanier 1545 ausbrach
6 Die Arbeit auf den Haciendas als Arbeitssystem zu bezeichnen wird manchmal kritisiert, denn die Hacienda ist eher eine Form der Landaufteilung als ein Arbeitssystem.
7 Repartir bedeutet aufteilen
8 Engerman/Sokoloff (1997), 274
9 Galeano (2003), 95
10 Olsson ( 2005), 5
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und vor allem die Ureinwohner befiel. Die Spanier schienen gegen diese Seuche besser gewappnet zu sein. Erst ab 1650 erholte sich die Zahl der Eingeborenen. 11
Als Konsequenz des Arbeitskräftemangels ersetzte die spanische Krone die Encomienda durch das System des Repartimiento. Häufig werden die Begriffe der Encomienda und des Repartimiento synonym verwendet, aber es gibt Unterschiede. Auch in dem neuen System mussten die Indianer für die spanische Schicht in einem Rotationszyklus arbeiten, diesmal aber für ein fixes Gehalt oder sie erhielten andere Arten von Entschädigungen. Die Krone fungierte mit Hilfe von indianischen Vermittlern als Zwischenhändler zwischen Arbeitgebern und Arbeitern. Der Höhepunkt dieser Form war etwa zwischen 1550 und 1640. Der Vorteil für die Siedler bestand hauptsächlich in der Arbeitskräftegarantie, was vor allem in bestimmten Perioden, etwa während der Erntezeit, wichtig war. Man muss in diesem Kontext auch erwähnen, dass die Krone die Einwanderung in die neuen Länder strengstens limitierte, deshalb waren auch keine spanischen Arbeiter vorhanden. Mit Hilfe der Ureinwohner wurde die Versorgung der Städte sichergestellt und man konnte die Errichtung öffentlicher Einrichtungen (etwa für den Kanalbau in Mexiko City) vorantreiben. Der Vorteil des Repartimiento für die Krone: Sie konnte durch ihren Vermittlungsauftrag die spanischen Siedler, die Elite Neuspaniens, kontrollieren. Der wesentliche Unterschied zwischen Encomienda und Repartimiento ist die Entschädigung der Arbeiter für die geleistete Arbeitszeit, sodass eine Selbstversorgung möglich war. Außerdem wurden auch Nichtencomenderos berücksichtigt, das heißt auch spanische Unternehmer außerhalb des Agrarsektors hatten Anspruch auf Arbeiter, zum Beispiel im Bergbau, wo viele Arbeiter für die Arbeit in den Bergwerken benötigt wurden. 12 Noch unter dem System der Encomienda war das Überleben der indianischen Bevölkerung und ihrer traditionellen
11 Acuna-Soto et.al. (2004), 2-3
12 Lockheart/Schwartz (1983), 138-140
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Dorfgemeinschaften und -strukturen weitgehend gesichert, mit der zunehmenden Vormachtstellung der Haciendas mussten aber eben diese - einerseits durch die geographische Ausdehnung der Haciendas und andererseits durch den Bedarf an Arbeitern - zerschlagen werden. Das Repartimiento wurde 1633 abgeschafft, danach setzte sich ein freier Arbeitsmarkt durch. Der Übergang verlief im Land sehr unterschiedlich, zuerst fand diese Änderung in der zentralmexikanischen Region statt und als letztes im Süden des Landes. Unterstützt wurde der Umschwung von marktorientierten Hacendados, da für sie ein direkter Zugang zum Arbeitsmarkt effizienter war. Darüberhinaus bevorzugten sie ein gemischtes System mit einer festen Arbeiterschaft, die auch innerhalb der Grenzen der Hacienda angesiedelt war, und Saisonarbeitern. Die wirtschaftliche Lage der Ureinwohner verbesserte sich durch den freien Markt. Die Löhne waren höher und sie konnten eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Hacendados einnehmen, vor allem in Zeiten, in denen Arbeitskräfte knapp waren. Die Funktion der Encomienda und der Hacienda war sehr ähnlich, nach James Lockheart übernahmen beide die Rolle des Verbindungsstücks zwischen städtischen und ländlichen Sektoren der Kolonialgesellschaft. So etwa hatten die meisten Hacendados ihren festen Wohnsitz in der Stadt und übergaben die Verantwortung des operativen Geschäfts Verwaltern. Die Entstehung der „modernen“ Haciendas bzw. deren Verbreitung fand vor allem im 16. Jahrundert statt. Die Krone unterstützte die Ausdehnung der Landeigentümer, um die noch unbesiedelten Gebiete zu bevölkern. Oft wurde das Land von indianischen Dorfgemeinschaften enteignet, durch die Schaffung von Quasireservaten wurde die Übertragung des Landes erleichtert. Vor allem in Zentralmexiko war diese Vorgehensweise weit verbreitet. Man muss diese Enteignungen jedoch differenziert betrachten. In anderen Regionen nahm man Bedacht, lokale Gemeinschaften nicht zu zerstören. Der Nachschub an Arbeitskräften durfte nicht gefährdet werden. Die Gründung von Haciendas wurde auch mit dem Ziel, eine Steigerung des Outputs zu erreichen, vorangetrieben. Im 16. Jahrhundert überschwemmte die spanische Oberschicht die Kolonie mit Rinder- und Schafsherden,
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deren Haltung besonders für weitläufige Ländereien geeignet war. Fleisch gab es im Überfluss, aber es mangelte an Getreide vor allem an Mais. Die spanische Krone versuchte aktiv einzugreifen und diesen Mangel zweifach zu beheben. Einerseits mussten die Ureinwohner einen Teil ihrer Abgaben in Mais leisten. Durch ihren Bevölkerungsschwund konnte Mais aber nicht in einem ausreichenden Maße geerntet werden. Deshalb entschloss sich die Krone jenen Spaniern, die sich schon in der Kolonie befanden, weitläufige Gebiete für den Mais- und Getreideanbau zur Sicherstellung des Angebots zu überlassen. Somit festigte die Hacienda ihren Platz als Nahrungsmittelproduzenten. Die Enteignungen des indianischen Bodens hatte auch wirtschaftliche Beweggründe. Durch den Verlust des Landes wurden viele Eingeborene erwerbs- und heimatlos und zogen von Hacienda zu Hacienda um ihre Arbeitskraft anzubieten. Kleinere Nahrungsmittelproduzenten konnten so eliminiert und als Konsumenten für die Produkte der Haciendas gewonnen werden. Zusätzlich regulierte die Krone durch die Schaffung von Monopolen den Markt, so waren ausreichend hohe Preise auch in trägen Märkten möglich. Monopole sollten Fluktuationen des Angebots und somit Lebensmittelknappheiten verhindern. Es war so möglich den sozialen Frieden, der durch Lebensmittelengpässe gefährdet werden konnte, besser aufrecht zu erhalten. Als die Ureinwohner - hauptsächlich durch ihre reduzierte Zahl - als Nahrungsmittelproduzenten an Bedeutung verloren, konnten spanische Unternehmer in den Markt eintreten und die wachsende Einwohnerzahl der Städte mit Gütern versorgen.
Die Arbeit auf den Haciendas bedeutete aber nicht nur Negatives für die Ureinwohner. Die Hacienda garantierte Sicherheit, Unterstützung und die Versorgung der Arbeiter. Die Hacienda war eine ökonomische, aber gleichzeitig auch eine politische und soziale Einheit. Hacendados hatten die juristische Gewalt über ihre Untertanen inne. Es wurde auch die Verteidigung der Hacienda mit Waffen gegenüber einem rivalisierenden Nachbarsgut oder feindlichen Indianern verlangt. Lange Zeit war man der Meinung, dass die Organisation der Haciendas ineffizient war und dass durch die Konzentration
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des Landes Ressourcen verschwendet wurden. Aufzeichnungen von Haciendas beweisen jedoch, dass die meisten Hacendaderos sehr profitorientiert handelten und sich als Unternehmer sahen. Die Profitorientierung war schon allein deshalb nötig, weil unrentable Haciendas nicht gehalten werden konnten. Investitionen und Kostenminimierung wurden eine große Bedeutung zugewiesen. Haciendas arbeiteten unter dem Aspekt geringer Liquidität und eingeschränkter Märkte. Der Absatzmarkt war besonders zu Beginn der Kolonialisierung sehr klein, die Ureinwohner versorgten sich selbst und waren daher keine Zielgruppe. Vor ihrer Dezimierung traten sie auch oft als Produzenten auf und stellten für die Haciendas ernst zunehmende Konkurrenten dar. Viele Güter, etwa Kleidung und Holz, wurden innerhalb der Grenzen der Hacienda produziert, einerseits um von externen Märkten unabhängig zu sein und andererseits um Kosten zu sparen. Francois Chevalier vertritt die Ansicht, dass das vorrangige Ziel der Hacienda wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Rest des Marktes war, im Gegensatz zu James Lockheart. Nach James Lockheart versuchten Haciendas in Zeiten des Merkantilismus nicht eine Steigerung ihrer Produktion zu erreichen, sondern sie bemühten sich die Konkurrenz zu minimieren. Nur so konnten sie ihre Produkte zu hohen Preisen an den limitierten Markt verkaufen. Die Arbeiter auf den Haciendas wurden mit Eigenerzeugnissen versorgt, sie wurden an die Arbeiter mit einem Aufschlag verkauft. Michael P. Costeloe beschreibt, wie den Hacienda-Arbeitern ein Teil des Lohnes in Gutscheinen ausbezahlt wurde. Diese konnten nur in den Geschäften der Hacienda eingelöst werden. Die überhöhten Preise ergaben sich aus der Monopolstellung der Hacienda auf die verkauften Waren. Ein weiterer Nachteil des Gutscheinsystems bestand darin, dass kein Wechselgeld ausgegeben wurde. Auf diese Weise wurden die Arbeiter gezwungen, alles auf einmal auszugeben. Für den Rest des Monats mussten sie Vorschüsse erbitten, was das Abhängigkeitsverhältnis verstärkte. 13 Häufig entstanden innerhalb der Grenzen der Hacienda eigene Arbeiterdörfer. Sobald
13 Costeloe (1998), 6
15
diese über eine Kapelle und über ein Geschäft verfügten, wurden sie als offizielle Gemeinschaft angesehen. Die Arbeiter wurden meistens systematisch durch Schuld an eine Hacienda gebunden, entweder indem sie Kredite oder Vorschüsse erhielten und diese dann abarbeiten mussten, oder es wurde für ihre Versorgung und Unterbringung ein Teil des Lohnes einbehalten. Eine weitere Möglichkeit der Entschädigung war der Erhalt einer Landparzelle auf der Hacienda. Dort konnten sie Getreide und Gemüse für die Selbstversorgung anbauen. Geld wurde in Verbindung mit den Hacienda-Arbeitern fast nie ausbezahlt. Ebenso wurde eine Produktionsmaximierung vermieden, um einer Übersättigung der Märkte, die sich negativ auf die Preise ausgewirkt hätte, vorzubeugen. Weitere wirtschaftliche Probleme der Haciendas waren die fortwährende Kapitalknappheit und eine geringe Nachfrage nach Agrarprodukten, vor allem als die Immigration noch vielen Restriktionen unterlag. Der Landbesitz wurde als Möglichkeit zu einer langfristigen Kapitalanlage gesehen, in der spanischen Kolonie gab es außer dem Bergbau keine andere Möglichkeit Kapital zu investieren. Land war im Überfluss vorhanden und dementsprechend gering war der Wert, aber durch Bebauung oder durch die Nutzung als Weideflächen konnte der Preis angehoben werden. Nur in Ausnahmefällen blieben Haciendas auch über Generationen in derselben Familie. Durch die oft sehr hohe Verschuldung wechselten die Haciendas häufig den Besitzer. Der Erwerb durch Kauf war üblicher als Erwerb durch Erbschaft. Haciendas behinderten die Industrialisierung des Landes, da sie nicht ausreichend Nachfrage erzeugten. Durch die Konzentration des Landes in den Händen einiger Weniger und aufgrund der geringen Löhne konnte sich kein interner Markt entwickeln. Die Bildung eines internen Marktes ist aber eine Grundvoraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Die Arbeiter versorgten sich entweder selbst durch Subsistenzwirtschaft oder sie wurden von der Hacienda versorgt, das heißt auch hier entwickelte sich keine Nachfrage nach Produkten die außerhalb der Hacienda verkauft wurden. Selbst die Patrónes (Hacendados) importierten die meisten Güter aus Europa, weil in Mexiko in dieser Zeit nur sehr einfache Produkte produziert wurden. Nach der Abspaltung von Spanien kam ein
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weiteres Problem hinzu, nämlich die Kreditknappheit. Die Position der Kirche, damals eines der wichtigsten Kreditinstitute, wurde stark geschwächt, viele spanische Händler und Financiers wurden gezwungen das Land zu verlassen. Die Zinssätze für kurzfristige Darlehen betrugen zwischen 12 und 40 Prozent, die Zinssätze für Darlehen an die Regierung waren noch höher, nämlich zwischen 30 und 200 Prozent. Die höheren Zinssätze für Regierungskredite wurden durch das höhere Risiko begründet. Die Einnahmen der Regierung waren zu jener Zeit sehr instabil, der Handel mit anderen Ländern fluktuierte stark, was sich wiederum negativ auf das Budget der Regierung auswirkte. 14 Dem Problem der Kapitalknappheit begegneten die Hacendados in mehrfacher Weise. Eine Möglichkeit war den Arbeitern sowenig wie möglich in bar zu bezahlen und soviel wie möglich in Naturalien. Üblicherweise erhielten die Arbeiter eine Ration Mais statt Geld. Der Vorteil für die Arbeiter war, dass sie von den Preisfluktuationen dieses lebensnotwendigen Gutes geschützt wurden. Die zweite Lösung zur Verbesserung der gespannten finanziellen Situation war Land zu verpachten. Der Pächter zahlte die Miete entweder in Geld oder er konnte zumindest einen Teil in Naturalien begleichen, die Werkzeuge erhielt er von den Haciendas. In diesem Zusammenhang werden die Landgüter oft als Latifundien bezeichnet. Ein Latifundium ist ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, dessen Eigentümer das Land auf mehrere Kleinpächter aufteilt. Der Großgrundbesitzer lebt von den Pachtzinsen, der Pächter trägt das gesamte Risiko. Der dritte Weg zur Kapitalbeschaffung war sehr einfach, nämlich indem die Lebensmittelhändler um Vorschüsse gebeten wurden. 15
Im Gegensatz dazu war in den britischen Kolonien der Landerwerb sehr einfach. Aufgrund des Klimas und der Beschaffenheit des Bodens wurde vor allem Getreide angebaut. Dieser Anbau konnte am effektivsten in kleinen Landgütern organisiert
14 Marichal (1997), 119-122
15 Chowning (1997), 196- 198
17
werden. Freie Arbeiter bildeten die Grundlage des Agrarsystems. Da das Klima mit jenem in Großbritannien vergleichbar ist, brachte Neu-England ähnliche Produkte wie das Mutterland hervor, nicht wie in den spanischen Kolonien Komplimentärprodukte. Eduardo Galeano folgert richtig, dass „eine kleine karibische Insel für England vom wirtschaftlichen Standpunkt her mehr Bedeutung hat als die 13 Mutterkolonien der Vereinigten Staaten“. Deshalb konnte sich in vielen Bereichen der Wirtschaft, so auch in der Landwirtschaft, ein relativ autonomes Wirtschaftssystem entwickeln. Im Falle des Agrarsektors kristallisierte sich eine Produktionsform von kleinen und unabhängigen Farmen heraus. 16
Schlussfolgernd ist anzuführen, dass die Art des Klimas in Neu-England und des Vizekönigreichs Spaniens sich wesentlich auf die Ausgestaltung der Wirtschaftsstruktur auswirkte.
In der spanischen Kolonie eignete sich das Klima, vor allem im tropischen Raum, bestens für die Produktion von Zucker, Kaffee, Reis, Tabak oder Baumwolle. Diese Produkte hatten einen sehr hohen Marktwert und wurden am effizientesten auf großen Plantagen und mit Unterstützung von Sklavenarbeit angebaut. Mexiko hatte den Vorteil, dass es zur Zeit der Kolonialisierung eine hohe Zahl von Eingeborenen vorfand, die als Arbeitskraft dienen konnten. In ganz geringem Ausmaß wurden auch Sklaven aus Afrika importiert. Die Herausbildung von Plantagen oder Haciendas war eine Folge der klimabedingten Produktion des Agrarsektors. Damit war einer der Grundsteine für die großen Unterschiede im Einkommen der Bevölkerung gelegt. Der Import von Sklaven spielte in Mexiko keine allzu große Rolle, denn einerseits konnten sich die Grundbesitzer die Sklaven nicht leisten und andererseits war es zu verlockend das vorhandene Angebot von Arbeitskräften in irgendeiner Form zu nutzen. Sklaverei war
16 Galeano (2003), 216
18
aber in Südamerika durchaus weit verbreitet. Dort entstanden riesige Plantagen für Zucker, Kaffee und Tabak, etwa in Brasilien, Kuba oder auf den Antillen. Sklaverei fand man aber auch in den südlichen Staaten der USA. Die Verwendung von Sklaven hatte starken Einfluss auf die Produktivität dieser Region. In Mexiko war nur das Gebiet um Veracruz (im Osten des Landes auf der Karibikseite) für den Zuckeranbau geeignet. Die englischen Kolonien führten intensiven Handel mit den südamerikanischen Regionen. Die spanischen Kolonien profitierten durch diese Geschäftsbeziehungen enorm. Erst als der transatlantische Sklavenhandel um 1800 verboten wurde, fielen die tropischen Gebiete auch wirtschaftlich hinter den nordamerikanischen Ländern zurück. 17 Im Norden des Kontinents, in Neu-England, konzentrierte man sich auf die Getreidewirtschaft. Economies of Scale konnte man nicht ausnutzen, da es statt großen Produktionsstätten vor allem kleine Familienbetriebe gab. In Folge wurde das verfügbare Einkommen gerechter aufgeteilt und die Siedler trieben die Bildung von demokratischen Strukturen, welche ihre Partizipation am öffentlichen Leben forderten, voran. Aufgrund der höheren Kaufkraft der Immigranten entwickelte sich ein größerer heimischer Markt. 18 Jedoch muss auf die Unterschiede zwischen dem Norden und Süden der USA aufmerksam gemacht werden. Im Süden dominierte der Plantagenanbau und die Sklavenarbeit. Der Besitz war nicht gleich verteilt, sondern die Plantagenwirtschaft und eine Konzentration des Landbesitzes auf einige wenige Landherren prägte die Region. Die Verhältnisse waren jenen in Mexiko sehr ähnlich. Das Schicksal der USA wurde durch den amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) entschieden. Hätten die nördlichen Staaten mit ihrer protektionistischen Wirtschaftspolitik, welche die Industrien des Landes schützten und ihnen somit ein kontinuierliches Wachstum ermöglichten, den Bürgerkrieg in den USA nicht gewonnen, sondern die Südstaaten, die sich voll und ganz dem freien Markt verschrieben hatten,
17 Eltis et. al. (2004) , 5-7
18 Engerman/Sokoloff (1997), 262
19
wäre die USA höchstwahrscheinlich auf dem Entwicklungsniveau heutiger lateinamerikanischer Staaten. Der Norden stand für Protektionismus und Binnenorientierung, der Süden für Freihandel und Außenorientierung. 19
2.2 Silber- und Ressourcenausbeutung im Vizekönigreich
Neuspanien
Weltweit gab es 2 Zeitperioden der Koloniengründung. Die erste Welle fand im 15. und 16. Jahrhundert statt. 18 Kolonien wurden in Lateinamerika gegründet, vorrangig durch Spanien und Portugal zwischen 1492 und 1541. Das Hauptmotiv aller Kolonialmächte war die wirtschaftliche Ausbeutung der neu eroberten Gebiete, vor allem die Aussicht auf Gold- und Silberschätze. Die zweite Epoche der Kolonialisierung fiel in die Periode um 1880, die Mehrzahl der Kolonien befand sich in Afrika. 20
Silber spielte eine bedeutende Rolle für die spanische Krone. Silber und Gold waren die wichtigsten Tauschmittel in der internationalen Wirtschaft und noch lange Zeit nach der Abspaltung Mexikos von Spanien war Silber der Hauptexport des Landes. Silber war das einzige Gut, in dem Mexiko einen komparativen Vorteil besaß. Zwischen 1545 und 1558 wurden große Silberminen in Zacatecas und Guanajuato entdeckt (Gold wurde in Mexiko nur in geringen Mengen gefunden). Der Anteil des Silbers an den Exporten Neuspaniens in das Mutterland war beträchtlich. Es wurde fast ausschließlich Silber nach Spanien transportiert, weil nur dieses Edelmetall die hohen Transportkosten decken konnte. Spanien bezahlte für die Silberlieferungen keine Kompensationen an seine Kolonie. Zum Beispiel setzten sich die Exporte nach Spanien im Jahr 1595 zu 95 Prozent aus Silber zusammen. Die Produktionstätten innerhalb Mexikos standen fast nicht miteinander in Verbindung, das Silber wurde nur in die Häfen und von dort nach
19 Ayala-Carcedo et.al. (2003), 12-13
20 Olsson (2005), 4
20
Europa verschifft. Die Krone sicherte sich das Silber durch sein Monopol auf Quecksilberimporte. Quecksilber war sehr wichtig für die Gewinnung von Silber, denn durch den Legierungsprozess mit Quecksilber konnte auch minderwertiges Silber qualitativ aufgewertet und genutzt werden. In Mexiko gab es keine Quecksilbervorhaben und somit musste es vom Mutterland importiert werden. Falls Spanien das Quecksilberimportvolumen reduzierte, sank auch die Gewinnung von Silber. Andere Monopole der Krone umfassten den Import von Salz, Schießpulver oder Tabak. Als Folge der Handelsmonopole der spanischen Krone mussten zunächst alle Waren nach Spanien gebracht werden. Erst dann bot man sie auf dem Weltmarkt an. Für die Haciendas waren die Bergwerke und Minen wichtige Absatzmärkte, nicht nur bezüglich Nahrungsmittel, sondern es wurden auch Zugtiere, Leder und andere Produkte benötigt. Viele reiche Minenbesitzer wandelten ihr Vermögen in Land um, denn der Landbesitz war weniger riskant als der Besitz von Minen und er war auch für langfristige Investitionen geeignet. Die Kolonie musste die von der spanischen Krone auferlegten Steuern in Silbermünzen begleichen. Da Silber auch als Zahlungsmittel gebraucht wurde, hatte eine Senkung der Silberproduktion oder ein Rückgang der Silberfunde eine direkte Auswirkung auf die Menge der sich im Umlauf befindlichen Münzen. 21 Zeitweise erhöhte Spanien die Steuerforderung, etwa um eine Expansion des Kolonialreiches oder die Verwaltung des spanischen Mutterlandes zu finanzieren. Die englische Krone forderte weder Steuern von den Siedlern noch eine zentrale tributäre Verschiffung von Waren nach Europa. Neu-England konnte sich als eigenständiger Akteur am freien Weltmarkt betätigen. 22 Die Silberproduktion Mexikos stimulierte das Wirtschaftswachstum im 18. Jahrhundert, gleichzeitig besserte sich die wirtschaftliche Lage durch endogene Faktoren, wie der Anstieg der Bevölkerungszahl oder die Expansion der Städte. Dadurch verstärkte sich die heimische Nachfrage. Exogene
21 Cárdenas (1997), 70
22 Coatsworth (1987), 84
21
Faktoren, zum Beispiel die steigende globale Nachfrage nach mexikanischen Exporten, allen voran Silber und Zucker, begünstigten die Exportwirtschaft. Das mexikanische Wirtschaftswachstum war abhängig von seinen Exporten. Die Produktionsmenge der Minen wuchs zwischen 1,5 und 2 Prozent jährlich, aber Phasen von hohen Fördermengen wechselten sich mit Perioden der Stagnation ab. Den höchsten Output verzeichnete man um 1790, die höchsten Profite aber 20 Jahre zuvor. Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts benötigte das Königreich Spanien mehr und mehr Kapital zur Finanzierung seiner Kriege. Ab 1784 verblieben von den 477 Millionen Pesos, welche im Laufe der nächsten 20 Jahre geprägt wurden, nur 79 Millionen in Mexiko. In dieser Zeit wurden enorme Summen nach Spanien transferiert. Spanien benötigte Geldmittel für sein Militär und zur Stützung seiner Wirtschaft, es befürchtete hinter Frankreich und Großbritannien zurück zu fallen. Selbst das in Mexiko verbleibende Kapital kam großteils nicht der Bevölkerung zu Gute, weil die reichen Minenbetreiber entweder ihr Geld in Land umwandelten oder Investitionen in die Minen tätigten. Die Bauten der katholischen Kirche wurde auch mit dem in Mexiko verbleibenden Anteil ermöglicht. Es wurde nicht zur Schaffung der Grundlagen für die Industrialisierung des Landes genutzt, sondern „vielmehr wurde es für den Bau großer Paläste und prächtiger Kirchen, den Kauf luxuriöser Schmuckstücke, Kleidung und Möbel, die Unterhaltung zahlreichen Dienstpersonals und für verschwenderische Feste verwendet“ oder es „wurde dieser Überschuss auch im Ankauf neuer Ländereien angelegt und dadurch dem Umlauf entzogen“. 23 Der Kapitalabfluss nach Spanien brachte nicht nur Geldknappheit mit sich, sondern es wurde in der Folge auch weniger in Verbesserungen der Produktionsprozesse investiert. Weiters schlug sich der Mangel in hohen effektiven Zinssätzen nieder. Schon vor der Revolution und der Unabhängigkeit Mexikos verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum. Als der Unabhängigkeitskrieg zwischen 1810 und 1821 ausbrach, kam die Wirtschaft komplett zum Erliegen. Viele vermögende
23 Galeano (2003), 81
22
Spanier verließen das Land, der internationale Handel nahm während des Krieges um 41 Prozent ab. Von dieser Rezession erholte sich Mexiko das ganze 19. Jahrhundert nicht. In dieser Epoche konnte sich die USA, welche ihre Unabhängigkeit 1776 erklärt hatte, wirtschaftlich von Lateinamerika distanzieren. Im Jahr 1820 war das Pro-Kopf-Einkommen schon doppelt, 1870 mehr als dreifach so hoch als in Lateinamerika.
Als Gründe für die wirtschaftliche Krise in Mexiko werden die politische Instabilität und die Stagnation des Bergbaus genannt. Nach der Abspaltung von Spanien hätte die Wirtschaft durchaus die Möglichkeit zur Erholung gehabt, zum Beispiel durch ein erhöhtes Handelsvolumen mit den lateinamerikanischen Staaten, Europa und Nordamerika (als Kolonie war nur der Handel mit Spanien mit wenigen Ausnahmen erlaubt) oder durch das Wegfallen der Abgaben und Steuern an Spanien. Durch politische Wirren und durch die Kriege rivalisierender Caudillos 24 war es unmöglich, die Infrastruktur auszubauen. Somit blieben die Transportkosten selbst innerhalb Mexikos sehr hoch. Der Exportsektor war zu klein um die Wirtschaft zu stützen. 25 Die Lage des Bergbaus hatte sich auch nicht verbessert. Viele Minen waren durch den Krieg zerstört, verlassen oder geflutet worden und alle Versuche - von Steuersenkungen über private, vornehmlich britische Investitionen - die Bergwerke zu reaktivieren, schlugen fehl. Ein weiteres Problem stellte die Beschaffung des Quecksilbers dar, denn es wurde in diesen Jahren für Quecksilber ein sehr hoher Preis verlangt. Das Silber wurde als Zahlungsmittel verwendet, die Krise im Bergbau führte zu einer Reduktion der Geldmenge, des Handelvolumens und der Steuereinnahmen. Trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten blieb der mexikanische Silberpeso eine der wichtigsten Währungen weltweit. Der Kurs des US-Dollar basierte damals auf dem Peso und für lange Zeit (zumindest bis 1850) wurde der Wechselkurs in einem Verhältnis von 1:1 gehalten.
24 lokale und regionale Potentaten
25 De la Escosura (2005), 15-16
23
Selbst das chinesische Reich, welches in jener Zeit an chronischem Silbermangel litt, benutzte den Silberpeso als Haupttauschmittel bis 1900. 26 In Mexiko stellten kurzfristige Silberexporte die Einfuhr notwendiger Güter sicher. Langfristig wirkten sie die Exporte aber negativ auf die vorhandene Geldmenge aus. Die Knappheit von Krediten führte zu einem Rückgang der Produktion und zu Arbeitslosigkeit. Auf der anderen Seite wäre bei einem Überschuss an Silber, falls die Produktion von Gütern nicht mit der Nachfrage mithalten hätte können, ein Anstieg der Preise nicht zu verhindern gewesen. Ab 1860 erholte sich die Silberproduktion und gab der Wirtschaft Mexikos den entscheidenden Impuls. Überschüssiges Kapital und Devisen waren für den Import von Technologie und Rohstoffe vorhanden, vor allem aber von Investitionsgüter. 27 Richard J. Salvucci analysiert in „Mexican National Income 1800-1840“, wie die jetzige wirtschaftliche Position der beiden Länder schon damals determiniert wurde. Das Pro-Kopf-Einkommen in den USA wuchs jährlich etwa 0,39 Prozent zwischen 1830 und 1840, Mexikos Pro-Kopf-Einkommen stagnierte. Nach 40 Jahren betrug der Unterschied zwischen Mexikos Pro-Kopf-Einkommen und jenem der USA bereits 15 Prozent. 28 Alan Knight führt die Entwicklung der beiden Kolonien nicht so sehr auf den Charakter der imperialistischen Mächte zurück, sondern auf die Entwicklung der Gebiete nach der Kolonialisierung, welche durch die Verteilung der Ressourcen, die Zusammensetzung der Bevölkerung und die Arbeitssysteme bestimmt wurde. In den USA war die weiße Bevölkerungsschicht den Eingeborenen zahlenmäßig nach kurzer Zeit überlegen, eine weitgehend gleiche Verteilung des Einkommens prägte die Wirtschaft. Das britische Nordamerika verband produktive, exportorientierte Sklavenplantagen mit landwirtschaftlichen Familienunternehmen, es förderte die Immigration aus Europa und der Westen des Kontinents offerierte den Siedlern noch
26 Hamnett (1999), 13
27 Cárdenas (1997), 67-84
28 Salvucci (1997), 231- 236
24
Land im Überfluss. Die Eingeborenen wurden marginalisiert und nicht als Arbeiter ausgenutzt. Ökonomen sind aber bezüglich der Vorteile eines Überflusses an natürlichen Ressourcen eines Landes nicht einer Meinung. Sachs und Warner etwa vertreten die Ansicht, dass ein hohes Maß an Ressourcen die Entwicklung dieser Länder hemmt, da ihr Abbau meistens mit einer starker Staatsintervention Hand in Hand geht. Die politische Einmischung endet oft in ineffizientem Rent-Seeking. Dieses trifft aber nicht auf die USA zu, wie Mitchener und McLean beweisen. Die Fähigkeit der raschen Extraktion von dringend benötigten Mineralien und Betriebsmittel führte zu einem Anstieg der Produktivität. 29 In Mexiko exportierte die Landwirtschaft sehr wenig, die Hauptquelle an Arbeitskräften waren die Eingeborenen, welche in großer Zahl das Land bevölkerten. Die europäische Einwanderung blieb restriktiv, die Landverteilung unausgeglichen. Der heimische Markt blieb über lange Zeit sehr begrenzt, die Subsistenzwirtschaft und regionale Autarkie dominierten.
2.3 Immigration
Das Königreich Spanien gestattete nur wenigen Spaniern die Einreise und die Niederlassung in Neuspanien. Spanien litt zu jener Zeit eher an Unter- als an Überbevölkerung und war bemüht, die Menschen in Europa zu halten. Die Mehrzahl der Immigranten bestand aus Missionaren oder Angehörigen des Militärs. Die geringe Zahl der Spanier versuchte politische und ökonomische Vorteile zu erhalten, schon damals bildete sich ein Elitedenken heraus. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts erhöhte sich die Zahl der Einwanderer, wohl bedingt durch die relativ gute wirtschaftliche Lage der spanischen Kolonie. Das jährliche Bevölkerungswachstum im 18. Jahrhundert betrug gerade einmal ein Prozent. Die Besiedelungspolitik Großbritanniens hingegen war sehr liberal. Es kämpfte mit Überbevölkerung und mit einem Mangel an Arbeitskräften in den Kolonien. Deshalb wurden die Auswanderer
29 Mitchener/McLean (2003), 6-11
25
aktiv unterstützt. Nach der Gründung der USA verfolgte man eine Open-Boarder-Politik (vor allem im 18. und 19. Jahrhundert), neue Siedler waren willkommen. Arbeiter wurden zur Erschließung des Kontinents gebraucht, sei es durch die Eisenbahn, durch die Gründung neuer Unternehmen oder durch den Handel. Die Mehrzahl der Einwanderer stammte zu jener Zeit aus England oder Deutschland. Ab 1875 beschlossen die USA, qualitative Beschränkungen bei der Auswahl der Immigranten einzuführen, so wurde Verurteilten oder Prostituierten die Einreise verweigert. Einige Jahre später erweiterte man diese Beschränkungen und verbot Einwanderern aus bestimmten Ländern den Aufenthalt, allen voran China. 30 Im unabhängigen Mexiko liberalisierte man die Einwanderungsgesetze, trotzdem wählten die meisten Immigranten als Ziel die USA und nicht Mexiko - wohl aufgrund der besseren wirtschaftlichen Lage, welche höhere Chancen auf Arbeit mit sich brachte. Für Mexiko war das ein enormer Nachteil, denn Einwanderer aus Europa waren sehr begehrt. Sie förderten die Entwicklung des Landes. 31 Die Motive der ersten Immigranten waren unterschiedlich. Jene, die zu Beginn den Schritt in die neue Welt wagten, handelten vor allem aus ökonomischen Gründen. Das Pro-Kopf-Einkommen war in den spanischen Kolonien höher als im Mutterland, in Mexiko hatten sie zwar beschränkten, aber doch Zugang zu Land und Ressourcen. 32 Für die Siedler in Neu-England gab es auch wirtschaftliche Beweggründe, erst später kamen Motive wie Religionsfreiheit, Flucht vor politischer Verfolgung und Unterdrückung oder sogar Gefängnisstrafen hinzu. 33
Die Immigration mexikanischer Staatsbürger in die USA war vor dem 19. Jahrhundert noch kein Problem - ganz im Gegensatz zu heute. 1890 lebten nur knapp 78 000 Mexikaner in den USA, ein Jahrhundert später hatte sich diese Zahl auf ca. 4,3
30 Martin/Duignan (2003), 6-7
31 Engerman/Sokoloff (1997), 274-278
32 Eltis et. al. (2004), 6
33 Olsson (2005), 6
26
Millionen Mexikaner erhöht. Heutzutage stellen Mexikaner die größte Gruppe aller Immigranten in die USA und die größte ethnische Minderheit innerhalb des Landes dar. Der Anstieg der Einwanderung wird mit dem Ausbau der Eisenbahnlinie erklärt, die Menschen wurden mobiler und sie wurden von den höheren Löhnen im USamerikanischen Staatsgebiet angelockt. Die Art der Arbeit, die Mexikanern angeboten wurde, blieb hauptsächlich auf die Landwirtschaft, die Instandhaltung und Reparatur der Eisenbahn und den Bergbau beschränkt. Durch die mexikanische Revolution (zwischen 1910 und 1920) und durch den ersten Weltkrieg entschlossen sich mehr und mehr Mexikaner in die USA auszuwandern. Die Einwanderungsströme wurden aufgrund der katastrophalen Folgen der Great Depression nach 1929 gestoppt und sogar umgekehrt, 350 000 Mexikaner verließen die USA, die Hälfte davon nicht freiwillig.
Den Verlauf des Immigrationsstroms der Mexikaner in die USA kann man der Abbildung 1 entnehmen, wo auch der starke Anstieg seit den 50iger Jahren zu erkennen ist.
27
Abbildung 1
Der Prozentsatz der Mexikaner an der Gesamtzahl Immigranten der USA
Quelle: Feliciano (2001), 4
Mit dem Ende des Bracero-Programms (siehe Teil 4 Maquiladoras) in den sechziger Jahren stieg die illegale Einwanderung in die USA an und war seitdem ein immer größer werdendes Problem. Vielfach werden Mexikaner immer noch in der Landwirtschaft beschäftigt, jedoch sind die Meisten im Dienstleistungssektor, wie etwa in Hotels und Restaurants, tätig. 34 Die positive Seite der Auswanderung ist, dass Immigranten Geld an ihre Familien in Mexiko schicken können, somit wird für weite Bevölkerungsteile das Einkommen wesentlich aufgebessert. Für Mexiko stellt es eine wichtige Devisenquelle dar. Auf der anderen Seite bedeutet es für Mexiko einen Verlust an Humankapital und die Verbreitung der Meinung, dass nur durch Emigration
34 Feliciano (2001), 2-5
28
Wohlstand erreicht werden kann („Kultur der Emigration“). 35 Im Jahr 1970 repräsentierten Emigranten in die USA 3 Prozent der Erwerbstätigen, 30 Jahre später hat sich dieser Prozentsatz schon auf 16 Prozent erhöht. 36 Das NAFTA Abkommen hat auf die Immigrationsflüsse einen abschwächenden Effekt. Der mexikanische Ex-Präsident Salinas de Gortari meinte dazu “…more jobs will mean higher wages in Mexico, and this in turn will mean fewer migrants to the United States and Canada. We want to export goods, not people...“. Aufgrund der erwarteten besseren wirtschaftlichen Lage Mexikos wird eine Abnahme der Migrationsströme erwartet. 37
2.4 Verschiedene Institutionen - unterschiedliche Entwicklungen?
Es gibt zwei Möglichkeiten zur Nutzung eines Landes als Kolonie. Die beiden Typen sind konträre Kolonialisierungsmodelle.
Auf der einen Seite gab es Mutterländer, die Kolonien nur als Mittel zur Ausbeutung sahen und nicht planten, sich dauerhaft anzusiedeln (non-settler colonies). In diesen Kolonien bestand die primäre Aufgabe der Institutionen nicht im Schutz des Privateigentums der Siedler oder in der Einschränkung der Macht des Mutterlandes. Kolonialmächte bauten an diesen Orten autoritäre und absolute Staatsgebilde auf, welche den Abbau von Rohstoffen erleichtern sollten. Beispiele für diesen Typ sind die Staaten in Lateinamerika des 17. und 18. Jahrhunderts, so auch Mexiko. Hauptziel der Mutterländer war so viele Ressourcen wie nur möglich aus den Kolonien in ihre Länder zu schaffen.
35 Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss zum Thema „Sozialer Zusammenhalt in Lateinamerika“ (2004), 6
36 Mishra (2005), 5
37 Martin/Duignan (2003), 25
29
Die zweite Kolonialisierungstyp sah als Mittel zum Zweck auch die Ansiedlung europäischer Auswanderer vor. Man wollte sich dauerhaft niederlassen (Alfred Cosby, 1986, prägte den Begriff der „Neo-Europes“). Die Siedler versuchten die Institutionen ihrer Herkunftsländer in der neuen Heimat zu imitieren und zu etablieren. Die Schwerpunkte beim Institutionenbau lagen auf dem Schutz des Privateigentums, auf der Kontrolle und Beschneidung der Staatsgewalt, denn die Siedler wollten Freiheit und die Möglichkeit, durch Handel reich zu werden. In diese Kategorie fallen die USA. 38 Im Hinblick auf die USA und Mexiko bedeutet dies, dass die Imitation des Rechtssystems, der Festlegung der Verfügungs- und Eigentumsrechte, die Definition des Umfanges der persönlichen Freiheit und der Nachahmung des Wirtschaftssystems der jeweiligen Ursprungsländer ein wesentlicher Faktor für die unterschiedliche Entwicklung der Institutionen in den beiden Kolonien war und somit - siehe Engerman und Sokoloffauch für die wirtschaftliche Lage. In keinem der Mutterländer - England bzw. Spanien - waren die Eigentumsrechte zur Zeit der ersten Kolonialisierungswelle (16. und 17. Jahrhundert) gut definiert, aber England war weitaus fortschrittlicher in diesen Bereichen als Spanien. Spanien wurde zu jener Zeit als absolute Monarchie regiert, welche unter dem starkem Einfluss der katholischen Kirche stand. Das Feudalsystem prägte die Wirtschaft. England hingegen war bereits eine parlamentarische Monarchie. Das Königshaus verfügte nur über limitierte Befugnisse, ein Parlament war schon gegründet worden. Die Verfassung verteidigte die Eigenbestimmung der Bürger, die Trennung von Staat und Kirche stand außer Frage und der beginnende Kapitalismus begann die Gesellschaft umzuformen. Das konservative, korporatistische Spanien stand im scharfen Kontrast zum liberaleren, pluralistischen England. 39 Somit konnten die englischen Siedler selbständiger agieren als sie in Neu-Spanien die Möglichkeit gehabt hätten. Zudem verlangte die Getreideproduktion einen geringeren Kapitaleinsatz als
38 Acemoglu et.al.(2001), 2-8
39 Levy/Bruhn (2001), 38
30
etwa die Rinderzucht in der spanischen Kolonie. Die Siedler hatten einen besseren Zugang zu Land, von Anfang an war die Verteilung des Einkommen gerechter. Den Immigranten war eine Partizipation in ökonomischen Aktivitäten wichtig, im Laufe der Zeit bildete sich eine Mittelklasse heraus. Die Siedler waren Pioniere mit dem Ziel der Besiedelung des neuen Landes. Sie waren an ihrem eigenen Fortkommen und an der Entwicklung der neuen Heimat interessiert und wollten sich mit ihren Familien ein neues Leben aufbauen. Dieses Klima förderte Inventionen und Innovationen, bald wurden Konsumgüter in Massenproduktion gefertigt. Es scheint kein Zufall zu sein, dass sich in Kolonien mit einer homogenen Bevölkerung, wie man sie in den 13 Kolonien fand, Institutionen entwickelten, die die wirtschaftliche Initiative der Siedler unterstützten. Laut Engerman und Sokoloff war die anfängliche Faktor- und Ressourcenausstattung der beiden Kolonien ausschlaggebend für die Herausbildung bestimmter Institutionen. Politische und wirtschaftliche Institutionen begünstigen oder verhinderten in weiterer Folge ein langfristiges, kontinuierliches Wirtschaftswachstum. Aus diesem Grund entwickelte sich in Lateinamerika von Anfang an eine sehr ungleiche Einkommensverteilung, Eliten erhielten disproportional viel Macht, weil die Umwelt und die klimatischen Bedingungen für die Ausbildung von Latifundien oder Plantagen günstig waren. 40 Die englischen Siedler fanden auch nur eine geringe Zahl von Ureinwohnern vor, die leicht vertrieben werden konnten. Es gab noch keine Gesellschaftsstruktur in den Gebieten Neu-Englands, auf welche die Siedler bei ihrer Ankunft Rücksicht hätten nehmen müssen. Die wenigen nomadischen Stämme der nordamerikanischen Indianer konnten mit einfachen Mitteln verdrängt werden. Die Siedler Neu-Englands wollten bleiben und das Land nach dem Prinzip des freien Eigentums bebauen. Dieser Eigentumsbegriff setzte die Verdrängung der indigenen Bevölkerung von ihrem Land voraus, was bedeutet, dass in Neu-England eine Übertragung der heimischen, traditionellen Werte und der englische Kultur ohne
40 Eltis et. al.(2004), 7
31
Schwierigkeiten auf die neue Heimat durchgeführt werden konnte. Die weiße Bevölkerung war die dominante Bevölkerungsschicht und eine große Menge von Sklaven wurde für die Art der Landwirtschaft und der Viehzucht nicht benötigt. In den USA etablierten sich juristische und politische Institutionen, welche eine aktive Beteiligung der Siedler förderten. Daraus entwickelte sich eine kompetitive Marktwirtschaft. In Mexiko sahen sich die Spanier mit einer großen Anzahl von Ureinwohnern konfrontiert. Verschiedene Stämme, etwa die Azteken oder die Maya, besaßen schon weit entwickelte Gesellschaftssysteme. Die Kolonialisierer übernahmen teilweise die alte Hierarchie der Azteken, welche auf dem System der Ausbeutung basierte. Die spanische konservative Kultur vermischte sich mit der indianischen, hierarchisch aufgebauten Gesellschaftsform. 41 Somit war die Richtung der sich heranbildenden Institutionen bereits vorgegeben. Die spanische Elite herrschte über die Eingeborenen, die als Arbeitskräfte eingesetzt wurden, resultierend in einer ungerechten Einkommensverteilung. Die Indigenas wurden als Vasallen in das Kolonialregime eingegliedert. Alexander von Humboldt, Forschungsreisender in den
lateinamerikanischen spanischen Kolonien gegen Ende des 18. Jahrhunderts beschreibt Mexiko als „das eigentliche Land der Ungleichheit; denn nirgends ist die Verteilung der Glücksgüter, der Zivilisation, des Anbaus und der Bevölkerung größer als hier“. Über die Indianer schreibt er, dass diese „nichts als ein Gemälde großen Elends“ seien und „auf die unfruchtbarsten Ländereien verwiesen“ waren und „nur von einem Tag zum anderen leben“. 42
2.5 Patentwesen
Das Patentwesen war einer der Wegbereiter für den wirtschaftlichen Aufschwung der USA, besonders zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Konjunktur erfasste alle
41 Levy/Bruhn (2001), 36-38
42 Holl (2001), 14
32
Wirtschaftszweige. Aufzeichnungen des amerikanischen Patentamtes zeigen, dass dieser Wirtschaftsboom nicht auf einige wenige bahnbrechende Erfindungen zurückzuführen ist, sondern dass vor allem jene Regionen, welche Zugang zu großen Absatzmärkten hatten, eine höhere Produktivität und eine höhere Zahl von Patentanmeldungen aufwiesen. Durch die Förderung des Wettbewerbs und durch das Ausnutzen von Chancen wurden marginale Verbesserungen in der Produktion möglich, die in Summe das erhöhte Wachstum ausmachten. Der Ausbau der Transportwege war das zweite wichtige Kriterium zur Ankurbelung der Innovationsfreudigkeit der Siedler. Sobald die Infrastruktur verbessert war, konnte ein sprunghaftes Ansteigen der Patente beobachtet werden. Engerman und Sokoloff vertreten die Ansicht, dass eine Expansion der Märkte Hand in Hand mit Erfindungen und technische Neuerungen geht.
Im Gegensatz dazu war das Patentsystem in Mexiko, wenn überhaupt existent, nicht gut entwickelt. Patente waren kostspielig und die Beantragung aufwendig, deshalb war es nur der Elite des Landes möglich, diese anzumelden. Anreize für Erfindungen war minimal.
2.6 Legale Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und den
Institutionenbau
Auch gesetzliche Rahmenbedingungen trieben die Entstehung von privaten Unternehmungen voran. In den USA wurden zum Beispiel schon Mitte des 19. Jahrhunderts Gesetze zur Gründung von Korporationen beschlossen. Das bis dahin sicherlich beste Patentsystem der Welt gab den Erfindern die Möglichkeit, wirtschaftlichen Nutzen aus der Erfindung zu ziehen, vor allem in finanzieller Hinsicht. Die Regierung selbst unterstützte Unternehmen in verschiedenster Weise. Viele Unternehmungen wurden als Staatsbetriebe betrachtet, weil es ihnen somit erlaubt war, öffentliche Einrichtungen zu bauen und öffentliche Güter bereit zu stellen. Diese Vorgehensweise führte jedoch zu einem Problem: Mit Hilfe der Regierung war es
33
Betrieben möglich, Monopolstellungen zu sichern. 1890, als die Protektion großer Unternehmen den heimischen Wettbewerb zu bedrohen begann und die Position kleiner und mittlerer Unternehmen schon sehr geschwächt war, wurde der „Sherman Act“ zur Zerschlagung von Monopolen bestimmter Unternehmen beschlossen. Im Großen und Ganzen aber war die aktive Beteiligung des Staates bei der Formierung betriebswirtschaftlichen Denkens ein entscheidender Beitrag. 43 Der Schutz der individuellen Rechte der Siedler, ein System von „Checks and Balance“ zur Kontrolle der Macht der englischen Krone und der Regierung sowie das weitgehende Fehlen von Kriminalität und Korruption wirkte sich positiv auf die Wirtschaft aus. Wirtschaftliche Stabilität ist den robusten Institutionen, damit meint man voraussagbare und starke Gesetze, eine effiziente Bürokratie, gut definierte und verteidigbare Verfügungs- und Eigentumsrechte, zu verdanken. 44
In Mexiko wurde das Recht zur Unternehmensgründung nur spärlich vergeben, ebenso war die Erlangung eines Kredits mühsam. Man versuchte die Elite des Landes und ihre Privilegien zu schützen. 45 Diese Gruppen gestalteten durch ihre Macht und ihren Einfluss die mexikanischen Institutionen. Es wurde darauf Bedacht genommen, die Vorrechte der Privilegierten nicht zu beschneiden und den Wettbewerb gering zu halten. Die Unabhängigkeit von der spanischen Kolonialherrschaft führte also nicht zu einem Prozess sozialer, wirtschaftlicher und politischer Reformen, sondern sie bedeutete nur den Wechsel der politischen Eliten ohne Veränderungen im Bereich der Institutionen. Mexiko behielt die spanischen Institutionen. Nach Coatsworth ist die Unabhängigkeit Mexikos sogar darauf zurückzuführen, dass liberale Strömungen auch Spanien erfassten und um einer eventuellen Liberalisierung zu entgehen, begann eine kleine Gruppe von
43 Shafaeddin (1998), 21
44 Chong/Zanforlin (2004), 377
45 Engerman/ Sokoloff (1997), 275-287
34
Arbeit zitieren:
Mag. Sonja Schörgenhofer, 2006, Der Einfluss der frühen Kolonialisierung Mexikos auf seine wirtschaftliche, politische und sozioökonomische Entwicklung, mit spezieller Behandlung der Maquiladora-Industrie und des NAFTA-Abkommens , München, GRIN Verlag GmbH
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