VORWORT
Dieser kurze aber gehaltvolle Text des japanischen Gelehrten Itô Togai (1670-1733) bietet einen guten Blick in die Fülle und Vielfalt der Geisteswelt und geistigen Anschauungen der japanischen Tokugawa-Epoche (1603-1868).
Itô Togai und sein Vater Itô Jinsai (1627-1705) gelten als Begründer der Kogaku-ha, der ´Schule der alten Lehre´; einer Strömung welche ihren Blick von der vorherrschenden dominierenden neokonfuzianischen Philosophie wieder verstärkt auf die ursprünglichen Texte, d.i. insbesondere die ´Diskurse´ (Lun Yü) des Konfuzius und das Werk des Menzius richtete. Dies kommt am prägnantesten in der Ablehnung der Anschauung von der ´grundlegend guten Natur´ des Menschen zu Ausdruck; wohl besitzt der Mensch die Fähigkeit zum Guten, doch entwickelt sich diese keineswegs von selbst, sondern muss durch stetiges Üben ausgebildet werden. Ansonsten ist es jedoch, wie in den meisten Fällen, schwer, die idealisierten Grenzen verschiedener Schulrichtungen anhand eines einzigen Textes nachzuweisen oder zu bestätigen; zu vielfältig sind selbst in einem so kurzen Text die angesprochenen Begrifflichkeiten und möglichen Interpretationen. Es sollte denn daher dieser Text auch immer in Verband mit anderen Texten seiner Zeit gesehen werden; nur so kann sich, wenn überhaupt, ein vollständiges und zugleich differenziertes Bildnis des fruchtbaren Wirkens der vielen Gelehrten jener Epoche der japanischen Geschichte ergeben, welche durch ihre besonderen Umstände nicht nur in Japan, sonder auch in der Welt einzigartig ist. München, September 2009 Julian Braun
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ITÔ TOGAI (1670-1736): GAKUMON KANKEN 1.
In der Vergangenheit haben viele konfuzianische Gelehrte behauptet, ´der Himmel stünde im Zentrum des Dunklen (yin) und Lichten (yang) sowie der Fünf Wandlungsphasen (go-gyô), und bringe die zehntausend Erscheinungen hervor. Die Menschen haben diese grundlegenden Prinzipien empfangen und sind so mit den fünf Wesenseigenschaften von Mitgefühl, Rechtschaffenheit, Sittlichkeit, Weisheit und Aufrichtigkeit ausgestattet´; dies deckt sich größtenteils mit meinen eigenen, heutigen Äußerungen und Theorien. Wenn man vom ´Prinzipiellen´ (ri) spricht, dann handelt es sich um einen sehr allgemeinen Begriff, welcher von den Weisen bis hin zu den einfachen Leuten ohne große Abweichung gebraucht wird. Aber was passiert wohl, wenn man die beiden voneinander trennt; denn man muss doch zugeben dass die Empfängnisweise der Wirkkraft von Himmel und Erde ungewöhnlich differenziert ist. Die Tugendkraft der Weisen ist absolut unparteiisch, selbstlos, klar und leuchtend; in ihr gibt es nicht auch nur einen einzigen unlauteren Punkt. Demgegenüber folgen die gewöhnlichen und einfachen Leute vor allem ihrem Egoismus; und weil sich bei ihnen viel Unlauteres findet, kann das Prinzip mit dem sie ursprünglich ausgestattet sind nicht nach außen in Erscheinung treten. Normalerweise nennt man dieses Phänomen ´Eigenheiten des Charakters´ (kishitsu). Gerade für diese Beschaffenheit gilt der Fall des am Himmel stehenden Mondes, der sich im Wasser spiegelt; je nach Klarheit oder Trübe des Wassers ist auch seine Spiegelung klar oder verdunkelt, und ebenso verhält es sich auch mit dem Charakter. Zudem haben die Menschen ihr Leben in dieser Welt einmal in einem winzigen Moment empfangen, doch heißt es dass damit alle Begierden von Ohren, Augen, Mund und Nase einhergehen. Die Ohren lieben wohlklingende Laute, die Augen begehren bezaubernde Formen, der Mund verlangt nach exotischen Geschmäckern, die Nase trachtet nach betörenden Düften. Wenn aber diese Begierden voll zum Ausbruch kommen verdecken sie die zugrundeliegende Natur und die vom Himmel empfangene Wesensart des Menschen geht verloren. Dies wird gewöhnlich als ´Schädigung durch Verlangen´ (butsuyoku no hei) erklärt: Ein klarer Spiegel gibt seiner Natur zufolge alle Erscheinungen völlig klar wieder; wenn er aber von Staub oder Schmutz bedeckt ist kann er das Licht nicht mehr wiederspiegeln, ohne dass er jetzt grundsätzlich anders wäre. 1
1 Dieses Gleichnis, ebenso wie dasjenige des Abbildes vom Mond im Wasser, werden häufig in buddhistischen Schriften v.a. auch des Zen gebraucht.
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Deshalb ist es seit jeher Aufgabe derjenigen Menschen, welche durch Lernen ihr Selbst bilden wollen, die Einseitigkeiten des Charakters und die Schädigungen durch Verlangen auszurotten, die vom Himmel empfangene Wesensnatur zur freien Entfaltung zu bringen und so die bestmöglichen Erfolge zu erreichen. Wenn man dieses Stadium erreicht, kann man mit Yao und Shun auf einer Ebene sein. 2 Dies bedeutet, das Äußerste des himmlischen Prinzips auszuschöpfen und in den geistigen Stand der absoluten Selbstlosigkeit (muga) einzutreten: der Mond wird in seiner ganzen Gestalt vom Wasser reflektiert und der klare Spiegel gibt die zehntausend Dinge leuchtend wider; die grundlegenden Prinzipien von Mitgefühl, Rechtschaffenheit, Sittlichkeit und Weisheit werden intuitiv verwirklicht und die ultimative Entwicklung ist gegeben. Hierauf beziehen sich Aussagen wie ´die strahlende Tugendkraft wird geklärt´ und ´zur Wesensnatur zurückkehren heißt zum Anfang zurückkehren´. 3 3.
Daraufhin wird das Himmel, Erde und allen Dingen innewohnende Prinzip des Weges (dôri) vollständig im eigenen Selbst und Körper zur Verwirklichung gebracht. Denn solange die Grenzen der Wirkung und des Schaffens noch nicht aufgehoben sind, kann sich die eigene fundamentale Wesensnatur nicht entfalten. Aus diesem Grund liest man die Schriften und studiert die Prinzipien des Weges in den Phänomenen; solange bis man in allen Dingen bis ins Kleinste Gewissheit erlangt und den Stand von Klarheit und Heiterkeit erreicht hat. Das ist damit gemeint, was man für gewöhnlich mit ´Durchdringung aller Dinge bis ins Prinzip´ (kakubutsu-kyûri) bezeichnet. 4
2 Yao und Shun sind die zwei letzten vergöttlichten Heroen der ´Fünf Kaiser´, welche nach klassischer Anschauung in der zweiten Hälfte des 3.Jt.v.u.Z. geherrscht haben sollen. Sie gelten zusammen mit Yu, dem Begründer der Xia-Dynastie, als kulturelle Vorbilder und ideale Herrscher.
3 Die ´strahlende Tugendkraft´ ist ein zentraler Begriff des ´Großen Lernens´ (Da xue bzw. Daigaku). ´Selbstlosigkeit´ (muga) oder, streng genommen, ´Nicht-Selbst´ (anatta) ist ein zentrales Konzept bereits des frühen Buddhismus und bildet zusammen mit ´Vergänglichkeit´ und ´Leidhaftigkeit´ die ´Drei Merkmale´ alles Seienden. Im späteren Verlauf der buddhistischen Lehrdarlegung rückte an die Stelle des völligen Nicht-Selbstsein des Menschen (d.h. dem Fehlen eines irgendwie erkennbaren oder erfahrbaren Selbstes wie z.B. einer Seele) mehr und mehr die Aufgabe des individuellen-egoistischen ´kleinen Ichs´ (shôga).
4 Der erste Teil der Phrase stammt aus dem ´Großen Lernen´ (Da xue); der zweite Teil ist aus der ´Erklärung der Zeichen´ (Schuo gua), einem Kommentar zum ´Buch der Wandlungen´ (I ging).
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Obiges wird sonst auch zusammengefasst als ´Verhalten ohne Nachlässigkeit und Durchdringung bis ins Prinzip´ (kyokei-kuri) bezeichnet. 5 Dies bildet den zentralen Punkt in den Debatten der Gelehrten der späteren Generationen; und es ist die einzige Methode, um die Tugendkraft der Weisen zu vollenden. Nach den strahlenden Song [960-1126/1279] haben zwar allerlei konfuzianische Gelehrte diverse Erklärungen dazu abgegeben; doch ist nicht einer darunter, der sich auf diesen zentralen Punkt bezogen hätte. Denn wenn man die Worte der Weisen und die heutigen Menschen nimmt und vergleicht, ob und wie sie im täglichen Leben zur Anwendung kommen, dann muss man wohl feststellen, dass ein ´Verhalten ohne Nachlässigkeit und Durchdringung bis ins Prinzip´ sich nicht finden lässt. 5.
Es heißt, der Weg der Weisen ist nicht unzugänglich oder fiktiv, sondern kann von den Menschen im alltäglichen Leben und Handeln verwirklicht werden. Aber das Handeln der Menschen ist nicht gleich, und auch worauf sie achten ist bei allen Menschen unterschiedlich. Deshalb belehrten die Weisen jeden Menschen seiner individuellen Situation entsprechend und zeigten so die Gesetzmäßigkeiten (hô) auf. 6 Wie beim Bau eines Hauses Nischen, Bekleidung, Geräte und allerlei andere Werkzeuge verwendet werden und es die Unterscheidung zwischen groß und klein, grob und fein gibt, so auch gibt es für den Verkehr der Kinder mit den Eltern den Weg der kindlichen Achtung (kô), unter Geschwistern gibt es den Weg der Zuneigung, gegenüber den Kindern gibt es den Weg der Zärtlichkeit, unter Freunden gibt es den Weg der Aufrichtigkeit, und allen Menschen gegenüber gibt es den Weg des Mitgefühls; dazu kommen noch Sittlichkeit, Rechtschaffenheit, Weisheit, Mut, Respekt, Ernsthaftigkeit, Treue, Ärger und andere Aspekte. Auf dieses Weise gibt es in Natur und Charakter zahlreiche Ebenen und Differenzierungen. Wegen dieser vielen Facetten werden die ´hundert Taten und zehntausend Freuden´ unter dem gemeinsamen Begriff von ´Weg und Tugendkraft´ (dao-de) zusammengefasst. Schließlich hat das Wirken der Weisen ja die Aufgabe, als Weg und Tugendkraft für jeden Einzelnen zu passen. Früher haben zwar nicht wenige Weise viele Belehrungen und Ermahnungen zurückgehalten, doch taten sie dies um das Wesentliche durch Selbstkultivierung in der Praxis des täglichen Lebens fehlerfrei zum Ausdruck zu bringen.
5 Dies ist eine Wendung aus den ´ähnlichen Worten´ (Yulei) von Meister Chu (Chu Hsi, 1130-1200).
6 Hô steht auch für Sanskrit dharma, d.i. die Lehre des Buddha, welche von den Bodhisattvas allen Wesen in einer ihnen angepassten und verständlichen Form gelehrt wird.
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Über den ´hundert Taten´ stehen natürlich noch Größe oder Kleinheit der Form, Weite und Enge des Gebiets. Wenn die Weisen die Menschen belehrten, taten sie dies anhand eines Einzigen, oder auch mittels zwei, drei, vier oder mehr Gegebenheiten. Dies kann einem klar werden, wenn man die Diskurse (des Konfuzius) oder Menzius liest; in beiden Schriften gibt es einen Teil, der sich mit der Frage des Mitgefühls beschäftigt. So heißt es dort z.B.: ´Wie könnte der Edle, der sich vom Mitgefühl abwendet, sich einen Namen machen?´. Weiter gibt es Abschnitte, in denen es nur um die Rechtschaffenheit geht; dann gibt es solche, in denen es um zwei Aspekte wie Mitgefühl und Rechtschaffenheit, Mitgefühl und Sittlichkeit oder Mitgefühl und Weisheit geht; und es gibt Abschnitte in denen vier verschiedene Aspekte, wie Mitgefühl, Rechtschaffenheit, Sittlichkeit und Weisheit oder kindliche Achtung, Zuneigung, Treue und Aufrichtigkeit vorkommen. Und auch darüber hinaus gibt es keine Grenze für die Zahl der angeführten Themen. 7.
Die Lehren der Weisen sind den Gegebenheiten nach vielfältig, so wie die Ärzte aus verschiedenen Zutaten ihre Arzneien herstellen. Bei der Fertigung einer Arznei diese aus einem einzigen Grundstoff zu gestalten heißt ´einfache Methode´; wenn zwei, drei oder mehr Materialien verarbeitet werden spricht man dementsprechend von der ´differenzierten Methode´. Dann gibt es noch spezielle Namen, welche beim ´komplizierten Verfahren´ benützt werden. Das Ziel ist die Besserung der Krankheit; diesbezüglich voranzukommen ist es, worauf sich alle diese Methoden konzentrieren. In diesem Sinne verändern sich auch die Belehrungen und Ermahnungen der Weisen nicht. Aber abhängig vom Adressaten und den Umständen der Zeit erklären sie nur mittels einer Sache oder auch durch zwei oder drei Aspekte. So gesehen gibt es keine identischen Regeln. Für uns besteht die häufigste Verbindung zu denjenigen Teilen der Diskurse und des Menzius, welche Mitgefühl, Rechtschaffenheit, Sittlichkeit und Weisheit behandeln; dies sind die wichtigsten Tugenden in jeglichem Handeln. Es gibt nichts außerhalb von diesen zu erkennen; einzig sie allein sind zu durchdringen und einzuhalten.
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Warum sind die Belehrungen und Ermahnungen der Weisen derart? Es liegt daran, dass egal wie gut etwas auch sein mag, sich schließlich die Frage stellt wie man dafür Sorge tragen kann, dass auch in der praktischen Umsetzung nichts Schlechtes entsteht. Menzius hat diesen Aspekt sofort bemerkt und sagt dazu: ´Wenn man sich nur an eine Sache hält, nimmt der Weg dadurch Schaden. Wenn man eins aufgreift, darf man deshalb die anderen neunundneunzig nicht verwerfen.´ Zum Beispiel heißt es für gewöhnlich, dass Mitgefühl (allein) keine große Tugend darstelle, denn wenn man sich nur an die Menschenliebe hält, dann vergisst man dabei die Rechtschaffenheit; so wie in der Philanthropie (hakuai-shugi) des Mo-Tzu die Unterscheidungen innerhalb der Liebe aufgehoben sind, die Liebe zwischen Eltern, Kindern und anderen Menschen sich vermischt und daraus letztlich Übel entsteht. 7 Aber die Liebe darf auch nicht völlig zugunsten der Rechtschaffenheit als einzige Tugend aufgegeben werden; eine solche Betrachtungsweise, die sich auf nur auf die Pflicht konzentriert und die Liebe nicht bedenkt führt zum totalen Egoismus (jiko-shugi) eines Yang-zhu, der sich der Menschen wegen ´nicht auch nur ein einziges Haar ausreißen würde´. 8 Der Weg von Herr und Vasall, welcher die Selbstaufgabe voraussetzt, bleibt dabei nämlich völlig unberücksichtigt. In dieser Weise lassen sich noch andere Beispiele anführen und auslegen; die (mangelnde?) Bestrafung von Verbrechern durch König Wu von Liang ist damit jedoch nicht zu ertragen. 9 Dies scheint nämlich eine Haltung des Mitgefühls zu sein; aber weil die zwischen Gut und Übel unterscheidende Tugendkraft der Rechtschaffenheit völlig fehlt, kann man eine solche Haltung nicht wirklich gutheißen. Und sogenannte Legalisten wie Shen Bu-hai und Han Feitze scheinen zwar rechtschaffen, zeigen aber kein ebenso wichtiges Mitgefühl. 10 Wenn man es so sieht, kann man keine der beiden Parteien als vollkommen bezeichnen. Deshalb ist der Weg der Weisen nicht auf ein Einziges festgelegt, sondern betrachtet Mitgefühl und
7 Die Lehren des Mozi (ca. 480-390) von allgemeiner, standesunabhängiger Liebe fanden in den letzten zwei Jahrhunderten vor der Reichseinigung zahlreiche Anhänger, blieben im weiteren Verlauf der Geschichte aber eher unbedeutend. Teilübersetzung von Schmidt-Glintzer; Mo Ti - Von der Liebe des Himmels zu den Menschen; München 1992
8 Yang-zhu gilt als Vertreter eines extremen Hedonismus und Egoismus; ihm ist das VII. Kapitel im ´Wahren Buch vom Quellenden Urgrund´, das dem Lie-tze zugeschriebenem Werk, gewidmet.
9 Zu Wu von Liang siehe: Gernet, Die chinesische Welt
10 Shen Buhai, Shen Dao und Han Fei sind Vertreter der ´Schule der Legalisten´ (fajia), welche ebenfalls zur Zeit der streitenden Reiche entstand (403-221) und als Grundlage der kurzlebigen Qin-Dynastie diente (221-207). Sie betont die rigide Einhaltung der Gesetze als einzig wirksames Mittel zur Besserung der Menschen. Übersetzung des Werkes von Han Fei durch: Mögling, Wilmar; Die Kunst der Staatsführung - Die Schriften des Meisters Han Fei; Leipzig 1994
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Dr. Julian Braun, 2008, Itô Togai (1670-1733): ´Schlüssel der Lehre´ (Gakumon kanken), München, GRIN Verlag GmbH
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