Im Rahmen eines Überblicks werde ich im Folgenden Durkheims Definition von Religion und seine zentralen Thesen zu ihrer Funktion in menschlichen Gesellschaften darstellen. Die Thesen bilden den maßgeblichen Zusammenhang und Hintergrund für sein Verständnis von Ritualen. Die Bedeutung und Funktion von Ritualen bei Durkheim wird anschließend näher diskutiert.
Ein zentrales Erkenntnisinteresse Durkheims richtet sich auf die Erhellung der Funktion von Religion. Vor diesem Hintergrund interessieren ihn die grundlegenden, die elementaren Formen der Religion. Ausgehend von der Frage nach den Grundzuständen, die für die religiöse Mentalität im Allgemeinen charakteristisch sind, wendet er sich in seiner Untersuchung den „primitiven“ Religionen zu. Die „primitiven“ Religionen erlauben es, so Durkheim, die Bauelemente der Religion herauszuarbeiten und ihre Erklärung zu erleichtern. Seine Vorgehensweise basiert auf der teils bis in die Gegenwart populären Annahme, dass es einfache und komplexe Religionen gibt und man von einer historischen Entwicklung hin zur Komplexität ausgehen kann. In den komplexen Religionen (beispielsweise Ägyptens, Indiens oder des klassischen Altertums) sei schwerlich das Elementare zu erkennen. Hingegen ermögliche das Studium der niedrigen Gesellschaft und der primitiven Religion mit ihrem geringen Individualitäts-, Komplexitäts- und Reflexivitätsgrad das Wesentliche freizulegen, das allen Religionen zu Grunde liegt und in diesem Sinne Allgemeingültigkeit besitzt. 4 Durkheim wendet sich mit dieser Annahme dem Totemismus australischer Volkstämme als Fokus seiner Studie zu. In seiner Darstellung des Totismus stützt sich Durkheim auf Forschungen der zeitgenössischen Religionswissenschaft und Anthropologie. Für ihn ist deutlich, dass es sich beim Totemismus um eine Elementarreligion handelt, die noch als Vorform von Naturismus und Animismus gelten kann. 5
Im Ersten der drei Bücher seiner Studie entwickelt Durkheim seine Definition der Religion. In Ablehnung einer Definition, die mit einem Gottesbegriff arbeitet oder annimmt, dass eine Religion aus einer einzigen Idee oder einem einzigen Prinzip bestehen müsse, geht Durkheim davon aus, dass religiöse Phänomene auf natürliche Weise in zwei Kategorien aufgeteilt werden können: in Glaubensüberzeugungen (Vorstellungen) und Riten (bestimmte Handlungsweisen). Zusammen bilden sie als System die Religion. Dabei scheint es ihm vorrangig, den Glauben zu definieren, da Riten nur durch die spezielle Natur ihres Zieles bzw. ihres Objektes - den Glauben - 4 Vgl.Durkheim 1984, S. 21-24.
5 Vgl. ebd., S. 127f.
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von anderen menschlichen Handlungen definiert und unterschieden werden können. 6 In seiner Betrachtung der religiösen Überzeugungen kommt er zu einem ersten gewichtigen Charakteristikum des Glaubens, das nicht nur die Religionswissenschaft entscheidend prägen sollte: „Die Aufteilung der Welt in zwei Bereiche, von denen der eine alles umfasst, was heilig ist, und der andere alles, was profan ist (...).“ 7 Im religiösen Denken werde eine Unterscheidung in „profan“ und „heilig“ vorgenommenen, die sich für Durkheim durch die Klassifizierung beider Kategorien als absolut andersartig auszeichnet. In der Welt werden zwei andersartige und unvereinbare Welten gesehen. Als ein zweites bestimmendes Charakteristikum definiert Durkheim die Kirche und bezeichnet damit „eine Gesellschaft, deren Mitglieder vereint sind, weil sie sich die heilige Welt und ihre Beziehungen mit der profanen Welt auf die gleiche Weise vorstellen und diese gemeinsamen Vorstellungen in gleiche Praktiken übersetzen, (...).“ 8 In der Definition von Religion misst Durkheim den gemeinsamen Glaubensvorstellungen und kollektiv durchgeführten, gleichen Praktiken („Kult“) auch insofern Bedeutung zu, dass Religion nach Durkheims Definition zu Folge als wesentlich kollektive Angelegenheit aufzufassen ist und in diesem Merkmal auch von der Magie abgegrenzt werden kann. 9
In der Untersuchung des australischen Totemismus wird für Durkheim deutlich, dass die Totems als Symbole die herausragende Rolle im religiösen Leben spielen. Ihrer figürlichen Darstellung, den Wappen und den Totemsymbolen aller Art wird das Maximum an Heiligkeit zugewiesen, wobei „das Totem (...) vor allem ein Symbol, ein materieller Ausdruck von etwas anderem“ ist. 10 Es steht einerseits für die äußere und sinnhafte Form des Totemprinzips oder Totemgottes, andererseits ist es auch das Symbol der spezifischen Gesellschaft, des Klans. Diese Doppeldeutigkeit der Totems führt Durkheim zu der These, dass die Gesellschaft (Klan) und ihr Gott (Totemprinzip) nichts verschiedenes sein können, sondern eins bilden. 11 Von dieser These aus entfaltet Durkheim in seiner Studie eine Perspektive auf die Religion, die eine Parallelisierung und in gewissem Maße Identifizierung der Religion mit der Gesellschaft vornimmt. In seiner Betrachtung der Funktionen der Religion setzt er diese einerseits in Beziehung mit der Gesellschaft, zugleich sind religiöse Phänomene für Durkheim aber auch in der
6 Vgl. ebd., S. 61.
7 Ebd., S. 62.
8 Durkheim 1984, S. 71.
9 Vgl. ebd., S. 75.
10 Ebd., S. 284.
11 Ebd.
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Gesellschaft, im Kollektiv fundiert. 12 Er zeigt, dass die Religion ebenso wie die Gesellschaft moralische Autorität gegenüber ihren Mitgliedern ausübt. Dieses Phänomen sei in ihrer kollektiven Natur begründet sowie in der Verinnerlichung dieser Autorität durch den Einzelnen, die eine Abhängigkeit erzeugt. Der Einzelne ist demnach den kollektiven Überzeugungen, die etwa moralischen Zwang auf ihn ausüben, unterworfen und fühlt sich zu Handlungen verpflichtet, auch wenn diese seinen Interessen, Neigungen, etc. zuwiderlaufen. 13 Ebenso geht von der Religion nach Durkheim eine Kraft („mana“) aus, ein „Gefühl einer erhöhten Energie“ 14 , die auf den Einzelnen wirkt und durch die er zu Akten befähigt wird, die ihn übersteigen. Dieses ungewöhnliche Übermaß an Kräften, die ein Kollektiv hervorbringt, kann auch dauerhaftere Züge annehmen, wie bestimmte historische Epochen zeigen. Als Beispiel für diesen kollektiven Zustand, der zu verstärkter sozialer Interaktion führt und erneuernde, schöpferische Prozesse in der Gesellschaft auslöst, nennt Durkheim u. a. die Französische Revolution und verweist zugleich auf den religiösen Charakter kollektiver Phänomene in scheinbar nicht-religiösen, säkularen Kontexten. 15 Kollektive Einflüsse, die außerhalb der Individuen angesiedelt sind, setzt er dem Bereich des Heiligen gleich. Nach Durkheim ist es die Kollektivhandlung, die, wenn sie einen bestimmten Intensitätsgrad erreicht („Gärungszustand“), das Gefühl für das Heilige hervorruft. Die Ebene der gewöhnlichen Erfahrung hingegen, die keine Ehrfurcht einfordert und nichts besitzt, was das Individuum über sich selbst erhebt, gehört dem Bereich des Profanen an. 16 Im Verlauf der Studie zeigt Durkheim, dass nicht nur die Urkategorien des Denkens (und folglich der Wissenschaft) religiösen Ursprungs sind, sondern dass auch die Moral und das Recht lange Zeit in der Menschheitsgeschichte nicht von den rituellen Vorschriften unterschieden waren. „Man kann also zusammenfassend sagen, dass fast alle großen sozialen Institutionen aus der Religion geboren wurden.“ 17 Indes sieht Durkheim diese Entwicklung darin begründet, dass „ (...) die Idee der Gesellschaft die Seele der Religion ist.“ 18
Vor diesem Hintergrund von Durkheims Perspektive auf die Religion, liegt im Folgenden der Schwerpunkt auf seinem Verständnis von Ritualen und deren Funktionen.
12 Vgl. ebd., S. 309.
13 Vgl. ebd., S. 285-288.
14 Ebd., S. 289.
15 Vgl. Durkheim 1984, S. 290f.
16 Vgl. ebd., S. 292f, 295 und 565.
17 Ebd., S. 561.
18 Ebd.
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Diplom-Kommunikationswirtin Aline Skibitzki, 2007, Zum Ritualbegriff in „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ von Émile Durkheim, Munich, GRIN Publishing GmbH
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