Inhaltsverzeichnis
1. Die Kinderkreuzzüge - eine Form sozialer Bewegungen in religiösem Gewand? 1
1 Die Quellenlage. 2
2 Die Kinderkreuzzüge - Das Phänomen in seinem Verlauf 5
2.2 Handelte es sich bei den Teilnehmern der Kinderkreuzzüge nur um Kinder? 13
2.3 Waren die Kinderkreuzzüge Kreuzzüge? 15
2.4 Die Kinderkreuzzüge und ihre Ursachen 17
3 Die Kinderkreuzzüge - eine Rückkehr zu Gott 19
4 Literaturverzeichnis 21
5 Quellenverzeichnis 22
1. Die Kinderkreuzzüge - eine Form sozialer Bewegungen in religiösem Gewand 1 ?!
Die Kinderkreuzzüge gehören zu den merkwürdigsten und am meisten diskutierten Ereignissen des 13. Jahrhunderts. Es handelt sich hierbei um ein Phänomen, das nicht nur die Zeitgenossen, sondern auch über die Jahrhunderte hinweg die Menschen beschäftigte und viele Kontroversen hervorrief. Bis heute arbeiten Wissenschaftler wie Historiker und Psychologen an den verschiedensten Rekonstruktions- und Erklärungsversuchen, die vielerlei Fragen aufwerfen: Wie kam es dazu, dass sich an verschiedenen Orten Frankreichs und Deutschlands zu etwa gleicher Zeit Hunderte oder gar Tausende junger Menschen zusammenschlossen, um gemeinsam, zwei charismatischen Anführern folgend, ins Heilige Land zu ziehen? Handelte es sich wirklich ausschließlich um Kinder und Jugendliche? Gab es eine Verbindung zwischen ihnen? Wo schildern die Quellen wahre Ereignisse und wo sind sie erfunden? Was war das eigentliche Ziel der Züge? Kann man, wie es in mancher Forschungsrichtung gesehen wird, davon sprechen, dass sich hinter den Kinderkreuzzügen eine Forderung nach Mitbestimmung einer unterdrückten, missachteten Bevölkerungsschicht verbirgt?
Das Hauptproblem bei diesen Rekonstruktions- und Erklärungsversuchen ist die mehr als schmale Quellenbasis, durch die die chronologische Rekonstruktion der Ereignisse nur schemenhaft möglich ist und die demzufolge in den Fragen nach Ursachen und Folgen vielerlei Deutungen und Spekulationen zulässt. Die wenigen Quellen sind oft nur sehr kurz gefasst und untereinander manchmal auch nur schwer miteinander in Beziehung zu bringen. Zudem sind die vorhandenen Quellen immer unter Berücksichtigung der Wirkungsabsicht ihres Verfassers zu lesen und oft ist nicht mehr zu unterscheiden, was nun als reales Ereignis gewertet werden kann und wo die Legendenbildung begann. Fest steht jedoch, dass es im Jahre 1212 jeweils in Frankreich und in Deutschland zu Bewegungen kam, die gemeinhin unter dem Begriff der Kinderkreuzzüge zusammengefasst werden. Diese Arbeit soll zunächst einen kurzen Überblick über die Quellen und die Sekundärliteratur geben, wobei der Autor sich hierbei besonders auf einen Aufsatz von Peter Raedts stützt, der durch Angaben Gary Dicksons’ ergänzt wird. Danach folgt ein (mehr oder weniger chronologischer) Abriss der Ereignisse der beiden Züge,
1 Vgl. Raedts, P.: The Children’s Crusade of 1212, in: Journal of Medieval History 3, 2, 1977, S. 316.
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wobei außerdem untersucht werden soll, inwiefern der Begriff „Kinderkreuzzüge“ treffend oder trügerisch ist und inwieweit die beiden Erscheinungen in Deutschland und Frankreich als zusammenhängend betrachtet werden können. In einem anschließenden Kapitel werden die Bedingungen ihrer Entstehung beleuchtet und es soll somit versucht werden, die Kinderkreuzzüge in ihre Zeit einzuordnen.
1 Die Quellenlage
Obwohl die Kinderkreuzzüge sehr bald und immer wieder Stoff zu literarischen Erzählungen und Legenden boten 2 , wurden sie bis heute nur mäßig wissenschaftlich erforscht. Es ist keine einschlägige Monographie zu ihnen vorhanden. 3 Die Anfänge der wissenschaftlichen Erarbeitung der Kinderkreuzzüge lassen sich ins späte 19. Jahrhundert datieren. Man beschränkte sich zunächst auf eine Wiedergabe aller Quellen und den Versuch, die Ereignisse chronologisch darzustellen, ohne die Quellen kritisch zu hinterfragen. Das erste kritische Werk stammt von dem amerikanischen Historiker D. C. Munro 4 . Was jedoch auch diesem Aufsatz fehlt, ist ein Erklärungsansatz, wie Raedts zu Recht bemängelt. 5 Der Versuch, die Ursachen der Kinderkreuzzüge zu ergründen, wurde erst später unternommen, so z. B. von den bereits erwähnten Raedts und Dickson 6 oder Schein 7 und Menzel 8 . Wie schon erwähnt, ist die Quellenlage im Vergleich zu anderen historischen Ereignissen sehr schmal. Insgesamt sind etwa 50 Quellenbelege über die Kinderkreuzzüge bekannt, deren Länge von einer Zeile bis zu einer halben Seite reicht. 9 Meist werden nur Ausschnitte der Ereignisse wiedergegeben und es scheint keine Quelle zu existieren, die von einem Teilnehmer direkt verfasst wurde. 10 Die Kategorisierung der Quellen erfolgt nach Raedts in drei Gruppen, jeweils nach dem Entstehungszeitraum der Quelle: die erste Gruppe bilden die Quellen, die in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den Ereignissen der Kinderkreuzzüge stehen, also
2 Vgl. Munro, D.C.: The Children’s Crusade, in: The American Historical Review 19, 1913-14, S. 516.
3 Vgl. Raedts, S. 281ff. Anm. d. Autors: Raedts liefert einen guten Überblick über die Quellen und die
bis zum Erscheinen seines Aufsatzes vorhandene Sekundärliteratur. Der Autor dieser Arbeit stützt
sich im Kapitel „Quellenlage“ im Wesentlichen auf Raedts.
4 Munro, D.C.: The Children’s Crusade, in: The American Historical Review 19, 1913-14, S. 516-524.
5 Vgl. Raedts, S. 281.
6 Dickson, G.: La Genèse de la Croisade des Enfants, in: Bibliothèque de l’Ecole de Chartres 153,
1995, S. 53-102.
7 Schein, S.: Die Kreuzzüge als volkstümlich-messianische Bewegung, in: Deutsches Archiv zur
Erforschung des Mittelalters 47, 1, 1991, S. 119-138.
8 Menzel, M.: Die Kinderkreuzzüge in geistes- und sozialgeschichtlicher Sicht, in: Deutsches Archiv
zur Erforschung des Mittelalters 55, 1, 1999, S. 117-156.
9 Vgl. Raedts, S. 282.
10 Vgl. Munro, S. 516.
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bis ca. 1220 entstanden; viele dieser ersten Quellen stehen den Geschehnissen positiv gegenüber, da ihre Autoren direkt unter dem Einfluss des mitreißenden Enthusiasmus der Prozessionen standen. In diesen Quellen werden die Motivation und der Ursprung der Kinderkreuzzüge oft göttlicher Inspiration oder Engelsvisionen zugeschrieben. 11 Die zweite Gruppe besteht aus den Quellen aus der Zeit zwischen 1220 und 1250, von denen man annimmt, ihre Autoren seien selbst Zeugen der Prozessionen 12 gewesen. Die nach 1250 entstandenen Quellen bilden schließlich die dritte Gruppe. Ihre Autoren müssen ihre Informationen aus zweiter oder dritter Hand erhalten haben. 13
Eine wichtige und ausführliche Quelle für den Beginn des Kinderkreuzzuges im Rheinland stellt die Kölner Stadtchronik dar, die um 1216/17 verfasst wurde und eine komplette Beschreibung des Zuges wiedergibt. 14 Einen Hinweis auf die Route, die der Zug über die Alpen in Richtung Italien genommen haben könnte, geben die Annalen der Klöster Ellwangen, Neresheim und Zwiefalten, die jeweils den Zug mit einigen Zeilen erwähnen, sowie die Annalen der Abtei von Schäftlarn. 15 Auch aus dem Gebiet des heutigen Österreichs sind Quellenbelege überliefert, so z.B. aus der in den Alpen gelegenen Abtei von Admont oder aber in den Annalen der Stadt Salzburg, welche genauere Informationen über die Ereignisse in Norditalien liefern. 16 Aber auch die Stadtchroniken der norditalienischen Städte selbst erhalten - zum Teil sehr präzise - Informationen: in den Annalen von Piacenza wird die Prozession der Kinderkreuzzugsteilnehmer für den 20. August 1212 bestätigt; laut Genueser Chronik erreicht dieser Zug Genua am 25. August 1212. 17
Eine Quelle, die als Bericht sowohl für den deutschen Kinderkreuzzug wie auch für die französischen Prozessionen gelten kann, sind die Annalen der Abtei von Lüttich, die als Quelle für die Geschichte des 13. Jahrhunderts sehr geschätzt werden. 18 Eine sehr detaillierte Beschreibung des Kinderkreuzzugs in Frankreich enthält die anonym verfasste Chronik aus Laon in Nordfrankreich. In dieser zeitlich sehr nah verfassten Quelle finden sich viele Details, die sonst in keiner anderen Quelle erwähnt werden. 19
11 Vgl. Munro, S. 517.
12 Anm. d. Autors: Inwieweit man den Begriff „Kinderkreuzzug“ Gültigkeit besitzt oder er durch andere
Begriffe ersetzt werden kann oder muss, soll in einem späteren Kapitel dargelegt werden.
13 Vgl. Raedts, S. 283.
14 Vgl. Raedts, S. 283.
15 Ebd.
16 Ebd.
17 Ebd.
18 Vgl. Raedts, S. 284.
19 Ebd.
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Die Stadtchronik von Trier, die mit ihrem Entstehungszeitraum in die Jahre nach 1242 datiert wird, enthält einen Bericht über die Kinderkreuzzüge, die von einem Augenzeugen verfasst worden sein muss, worauf zahlreiche Details verweisen. 20 Ein weiterer Augenzeugenbericht findet sich in den nach 1234 verfassten Abteichroniken aus Ebersheimmünster im Elsass, deren Autor auch seine Unkenntnis über die Ursache dieses Ereignisses ausdrückt. 21 Die Marbacher Annalen, deren Teil über die Kinderkreuzzüge vermutlich nach 1230 entstand, sind eine wichtige und interessante Quelle, da ihr Autor dem Unternehmen sehr negativ, fast schon feindlich gegenübersteht. 22 Eine der wenigen, wenn auch nicht sehr glaubwürdigen Quellen, die von einer Reaktion des Papstes berichtet, ist die zwischen 1232 und 1240 entstandene Chronik der Abtei von Stade. 23 Die Chronik einer Abtei nahe Dünkirchen, die nach 1226 entstand, deren Autor aber genaue Kenntnis der Ereignisse besaß, ist eine von nur zwei Quellen, die davon berichten, dass der französische Kinderkreuzzug bis zum Mittelmeer gezogen sei. 24 Die zweite dieser beiden Quellen ist eine Erzählung in den Chroniken der Abtei von Troisfontaines, die vermutlich 1232 von einem Mönch namens Alberic begonnen wurde. Es handelt sich um die detaillierteste Quelle für den französischen Kinderkreuzzug, allerdings ist ihre Glaubwürdigkeit sehr umstritten; es wird u. a. vermutet, dass Alberich - so die deutsche Version seines Namens - verschiedene Ereignisse vom französischen und deutschen Kinderkreuzzug vermischt und, vor allem gegen Ende seiner Darstellung, hinzugedichtet hat. Raedts jedoch lässt Alberichs Bericht - im Zweifel für den Angeklagten - als Quelle zu. 25
Bereits zur dritten Gruppe gehören die Annalen der Stadt Speyer, die Ende des 13. Jahrhunderts zusammengefügt wurden. Die Passage über die Kinderkreuzzüge besteht zwar hier nur aus einigen Zeilen, dennoch ist diese Quelle wertvoll, da sie als einzige der Quellen aus dem deutschen Raum ein präzises Datum angibt: die Prozession durch die Stadt am 25. Juli 1212. 26 Viele weitere Quellen, die mit großem zeitlichen Abstand zu den Geschehnissen verfasst wurden, sind nur unter Vorbehalt heranzuziehen, da oft nicht klar ist, woher die Autoren ihre Informationen bezogen. Die späteren Berichte sind meist stark beeinflusst vom Scheitern der Expedition und
20 Vgl. Raedts, S. 284.
21 Vgl. Raedts, S. 285.
22 Ebd.
23 Ebd.
24 Ebd.
25 Vgl. Raedts, S. 286.
26 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Nina Valuta, 2007, Die Kinderkreuzzüge von 1212, München, GRIN Verlag GmbH
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