Inhaltsverzeichnis
1. Antikolonialismus und Négritude - ein Miteinander? 1
2. Aimé Césaire - ein Schriftsteller und Politiker. 2
3. Aimé Césaire - Über den Kolonialismus 3
3.1 Une tempête - Analyse einer mise en scène des Antikolonialismus. 15
3.2. Die Hauptcharaktere und ihre Konflikte. 15
3.3. Acte 1 17
3.4. Acte 2 20
3.5. Acte 3 23
4. Antikolonialismus und Négritude - ein Miteinander 26
Literaturverzeichnis 28
1. Antikolonialismus und Négritude - ein Miteinander?
Aimé Césaire gilt als einer der berühmtesten dunkelhäutigen Schriftsteller unserer Zeit. Gerade auch in den Ländern der Dritten Welt genießt er ein sehr hohes Ansehen. 1 Er wurde zum Propheten, zum „porte-parole“ eines ganzen Volkes, sogar einer ganzen Rasse, der er helfen will, zu sich selbst, zu ihrer „kollektiven Seele“ 2 zurück zu finden. Mit dem Konzept der Négritude appelliert er an das Selbstwertgefühl der durch koloniale Fremdherrschaft gedemütigten, ihrer Identität beraubten Menschen. 3 Imfeld fasst den Begriff Négritude wie folgt auf:
Négritude ist der gesamte Komplex aller zivilisatorischen Werte - kulturell, wirtschaftlich, sozial und politisch -, die die schwarzen Völker, oder besser: die negroafrikanische Welt auszeichnen. 4
Neben dem Schriftsteller Césaire, also neben der Négritude und ihrer literarischen Inszenierung, steht der Politiker Césaire, der die Geschichte erklärt und den Imperialismus verurteilt.
Ist Césaires Antikolonialismus vielleicht sogar die Bedingung für das Entstehen seiner Négritude? Oder können, ja müssen der Schriftsteller und der Politiker getrennt voneinander betrachtet werden? Ist die Existenz der Négritude unabhängig von der politischen Aktivität Césaires?
Césaires gesamtes Werk ist beherrscht von einer mehr oder weniger starken Aggression gegen den Imperialismus. Er versucht, gegen das Unrecht, das seinem Volk angetan wurde, mit Angriffen anzugehen und es zu bekämpfen. 5 Für San Juan jr. bedeutet „Négritude […] die philosophische Vermittlung von negativem Europa und positivem Afrika“ 6 . Eine Analyse zweier seiner Werke im Hinblick auf den Antikolonialismus soll helfen, die Frage des Zusammenhangs von Antikolonialismus und Négritude zu klären.
1 Arnold, J. A.: Modernism and Negritude. The poetry and poetics of Aimé Césaire. Cambridge 1981,
S. 3.
2 Imfeld, A. (Hrsg.): Verlernen, was mich stumm macht. Lesebuch zur afrikanischen Kultur. Zürich
1980, S. 86.
3 Melber, H. : Afrikanische Renaissance. Ideologien und ihre Grundbewegungen. In: Plate, C.,
Sommer, T.: Der bunte Kontinent. Ein neuer Blick auf Afrika. Stuttgart 2001, S. 26.
4 Imfeld, A. : Verlernen, S. 87.
5 Vgl. Bajeux, J.-C. (Hrsg.): Antilia retrouvée. Claude McKay, Luis Palès Matos, Aimé Césaire, poètes
noirs antillais. Paris 1983, S. 196.
6 San Juan jr., E.: Aimé Césaires Poetik des Aufstands. In: Das Argument - Zeitschrift für Philosophie
und Sozialwissenschaften, Nr. 252, 2003, S. 671.
1
2. Aimé Césaire - ein Schriftsteller und Politiker
Aimé Césaire wird 1913 auf Martinique geboren. Er wächst zwar in ärmlichen Verhältnissen auf, die Familie versuchte jedoch immer, in den Mittelstand aufzusteigen 7 und aufgrund des Bildungsstandards seines Vaters und Großvaters gelingt es Césaire, diesen Verhältnissen zu entkommen und er besucht zunächst ab 1924 das Lycée Schoelcher in Fort-de-France, wo er den (späteren) guayanischen Schriftsteller Léon Gontrand Damas kennenlernt. Er wandert dann 1931 nach Frankreich aus und besucht in Paris das Lycée Louis-le-Grand sowie ab 1935 die Ecole Normale Supérieure. Hier in Paris beginnt Césaire zu schreiben und er begegnet Césaire Léopold Sédar Senghor, mit dem ihn fortan eine tiefe Freundschaft verbindet. Césaire beginnt, sich sehr intensiv mit dem Problem der Identitätssuche zu beschäftigen. 1934 gründet er, Senghor und Damas die Zeitschrift L ’Etudiant Noir, in der auch zum ersten Mal das Wort „Négritude“ vorkommt 8 . Die Zeitschrift entsteht als Reaktion auf die kulturelle Unterdrückung des französischen Kolonialsystems. In Paris entstehen sein Cahier d’un retour au pays natal sowie einige Gedichte.
1939 kehrt er tatsächlich in seine Heimat zurück, wo er am Lycée Schoelcher lehrt. Als Martinique der Vichy-Verwaltung unterstellt wird, gründet Césaire zusammen mit seiner Frau Susanne, die ebenfalls Lehrerin am Lycée Schoelcher ist, die Zeitschrift Tropiques, in der er einige seiner Gedichte veröffentlicht. Die Zeitschrift hat zum Ziel, den Martinikanern ein Bewusstsein für ihr kulturelles Erbe zu geben. 1945 wird er zum Bürgermeister von Fort-de-France gewählt, ein Jahr später als Abgeordneter der Parti communiste française in die Nationalversammlung. Einer seiner wichtigsten politischen Erfolge ist die Erhebung Martiniques zum Département im Jahre 1946. Später verlässt Césaire die Parti communiste française jedoch, „weil sie die Priorität der kolonialen Frage nicht erkannte […]“ 9 :
7 Vgl. Arnold, James A.: Modernism and Negritude. S. 4.
8 Vgl. Bajeux: Antilia retrouvée. S. 178.
9 San Juan jr., E.: Aimé Césaires Poetik des Aufstands, S. 669.
10 Vgl. Ebd., S. 672.
2
1958 gründet Césaire 1958 die Parti Martiniquais du Progrès, die « un type de communisme martiniquais plus résolu et plus responsable dans la pensée et dans l'action » 11 zum Ziel hat. In die Zeit kurz vor sowie kurz nach der Parteigründung fallen der Discours sur le colonialisme und sein historischer Essai Toussaint-Louverture. In den sechziger Jahren beginnt er, Theaterstücke zu schreiben. Seit 1948 ist er auch Mitherausgeber der Zeitschrift Présence africaine. Dem Politiker Césaire wird oft vorgeworfen, er habe zwar „die eigenständigeafrikanische - Identität der Antillaner herausgestellt […], aber als Politiker durch die Befürwortung der Statusänderung von einer Kolonie in ein französische Übersee-Departement der damit einhergehenden Assimilation Tür und Tor geöffnet […].“ 12 Rumpf hält jedoch dagegen, Césaire habe sich sowohl gegen die Integration in Europa als auch gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen: Er plädierte für eine größere Autonomie innerhalb eines föderativen französischen Staatenbundes, da er dadurch die kulturelle und politische Identität Martiniques am ehesten gewährleistet sah. 13
Césaire unterstützt de Gaulle bei seiner Wahl 1958 nur zögerlich, unterstützt Mitterand in den achtziger Jahren jedoch ohne Vorbehalt. 14 Im Jahre 1993 entschließt sich Césaire, nicht noch einmal bei den Wahlen zur Nationalversammlung zu kandidieren: er sei, so sagte er, gegen die Aristokratien, und die Greisenherrschaft sei eine Form davon. 15 Bis 2001 bleibt er Bürgermeister von Fort-de-France.
Césaire publizierte mit mehr als vierzehn Werken ein kolossales Gesamtwerk, bestehend aus Gedichtbänden, Theaterstücken und Essais, von denen alle in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
3. Aimé Césaire - Über den Kolonialismus
“Kolonialismus“, so schrieb der Afrikahistoriker Philip Curtin einmal, könne man als “Beherrschung durch ein Volk aus einer fremden Kultur“ definieren. Zwischen dem Anfang des 16. Jahrhunderts und der Mitte des 20. Jahrhunderts standen große Teile Afrikas, Asiens,
11 http://www.lehman.cuny.edu/ile.en.ile/paroles/cesaire.html (zuletzt 27.08.07)
12 Rumpf, H.: Négritude versus Créolité. Aimé Césaire im Kreuzfeuer der Kritik. In:
Literaturnachrichten, Nr. 43, 1994, S. 2.
13 Ebd., S. 3; vgl. hierzu ebenfalls: Wauthier, C.: Aimé Césaire, le nègre inconsolé. Un poète de tous
les combats. In : Le Monde diplomatique 483, 1994.
14 Vgl. Wauthier, C. : Aimé Césaire.
15 Ebd.
3
Amerikas und Ozeaniens unter europäischer Kolonialherrschaft und wurden aus wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Gründen besetzt und ausgebeutet. 16
Heute ist der Kolonialismus bereits seit über einem halben Jahrhundert offiziell abgeschafft. Doch immer wieder - oder immer noch - wird dieses Thema diskutiert und der Kolonialismus erfährt in zahlreichen Debatten ausgehend von vielen Punkten Rechtfertigung.
Mit dem Problem der Rechtfertigung des Imperialismus, mit der Bedeutung von Kolonialismus und Zivilisation 17 , mit der Beziehung zwischen Kolonisierten und Kolonisierenden, mit den Fragen nach Ursachen und Folgen des Kolonialismus setzt sich Césaire bereits 1955 in seinem Werk Discours sur le colonialisme auseinander. Allerdings handelt es sich nicht um eine objektive Analyse, sondern um ein Plädoyer gegen den Kolonialismus, geschrieben in Césaires ganz eigenem Stil, seiner ganz eigenen Polemik, oft voller Ironie und Sarkasmus, wodurch er auch riskiert, missverstanden zu werden. 18 Er prangert die Entmenschlichung an, die der Imperialismus verursacht, wodurch alles und jeder zu einer Sache wird, die nichts anderes mehr tut, als sich in dieses System von Herrschenden und Beherrschenden zu fügen. Der Kolonialismus nimmt dem Individuum, so Césaire, schlussendlich seinen menschlichen Charakter, was es leichter macht, das Individuum zu verachten. „Meine Sache ist die uneingeschränkte Apologie der durch den Imperialismus zerstörten Gesellschaften“ 19 , wie der Autor sein (Lebens-)Werk beschreibt. Césaire sieht sich als Verfechter eines neuen Humanismus, der den Pseudo-Humanismus, mit dessen Hilfe der Kolonialismus im Namen der Zivilisation und Modernität gerechtfertigt wurde, bekämpft. Das Ziel seiner Apologie ist es, den kolonisierten Gesellschaften ihre Rechte zurückzugeben und jedem Individuum seine Menschlichkeit zurück zu verleihen, damit die geknechteten Völker letztendlich die Anerkennung erlangen, die ihnen zusteht und sie gleichberechtigt neben Europa und Amerika existieren können.
Die hier verwendete Ausgabe Über den Kolonialismus, so der deutsche Titel des Werkes, wurde 1955 vom Autor als Rede konzipiert, aber niemals vorgetragen, sondern nur gedruckt veröffentlich, wie die Übersetzerin anmerkt. 20
16 http://www.fluter.de/look/article.tpl?IdLanguage=5&IdPublication=2&NrIssue=45&NrSection=40&Nr
Article=4720 (zuletzt 26.08.2007)
17 Vgl. Pallister, J. L.: Aimé Césaire. New York 1991, S. 99.
18 Ebd., S. 103.
19 Césaire, A.: Über den Kolonialismus. Aus dem Französischen übersetzt von Monika Kind. Berlin
1968, S. 25.
4
Allerdings existiert eine ursprüngliche, kürzere Fassung aus dem Jahre 1950 in französischer Sprache, von der auch Teile in der Zeitschrift Chemins du Monde, die Césaire vorgeschlagen hatte, über den Zustand der Union Française zu schreiben, abgedruckt wurden. Der Originaltext der französischen Ausgabe von 1955 enthält 52 Seiten und ist in sechs Partien von unterschiedlicher Länge unterteilt, die man auch Kapitel nennen könnte. 21
Bereits im Vorwort, das nicht unbedingt als solches gekennzeichnet ist, macht Césaire deutlich, worum es ihm geht: Um die Entlarvung des Kolonialismus als Verbrechen an den kolonisierten Völkern entgegen der allgemein verbreiteten Meinung, Kolonialismus sei Verbreitung von Zivilisation:
Was ist das eigentlich, Kolonisation? Sich darüber klar werden, was sie auf gar keinen Fall ist: weder Christianisierung noch philantrophisches Unternehmen, noch der Wille, die Herrschaft von Unwissenheit, Krankheit und Tyrannei einzuschränken, noch die Verkündigung von Gottes Wort, noch die Verbreitung des Rechts. 22
So wird der Standpunkt des Autors gleich zu Beginn seines Werkes deutlich dargelegt und alle gängigen Rechtfertigungen des Kolonialismus als Bestandteile des Pseudo-Humanismus enttarnt. Als Wurzel dieses Pseudo-Humanismus sieht Césaire den christlichen Pedantismus, „weil er unredliche Gleichungen aufgestellt hat: Christentum = Zivilisation; Heidentum = Barbarei, die notwendig zu schändlichen kolonialistischen und rassistischen Konsequenzen führten, deren Opfer die Indianer, die Gelben, die Neger werden mussten.“ 23
Der Autor sieht jedoch sehr wohl auch, welche Vorteile und Chancen der Kontakt zwischen verschiedenen Kulturen bringen kann, er hält diesen Kontakt sogar für notwendig für das Überleben einer Kultur. Allerdings hält er fest, dass die Kolonisation keineswegs einen Kontakt hergestellt hat, der auf diese Art wünschenswert war:
20 Césaire: Kolonialismus, S. 4.
21 Vgl. Antoine, R. (Hrsg.): Rayonnants écrivains de la Caraïbe. Haїti, Guadeloupe, Martinique,
Guyane. Anthologie et analyses. Paris 1998, S. 186-187.
22 Césaire: Kolonialismus, S. 7.
23 Ebd., S. 8.
5
Und ich sage, daß zwischen Kolonisation und Zivilisation ein unendlicher Abstand klafft; daß man mit allen Kolonialexpeditionen, die unternommen […] wurden, nicht einen einzigen menschlichen Wert geschaffen hat. 24
Mit zunehmender Polemik beschäftigt sich Césaire im zweiten Kapitel mit menschlichen Werten. Die menschlichen Werte sind es auch, die Césaire mit fortschreitender Kolonisierung beim Kolonisatoren schwinden sieht. Die Kolonisation arbeitet daran, den Kolonisator zu entzivilisieren und lässt ihn verrohen, was letztendlich Gewalttätigkeit, Rassenhass und moralischen Relativismus hervorruft. 25 Dieser Rassenhass wiederum ist es, so Césaire, der die europäische Gesellschaft von innen angreifen wird:
[..], daß am Ende dieses angefachten Rassenhochmuts, dieser zurschaugestellten (sic) Prahlerei das Gift in die Adern Europas infiltriert ist und die langsame, doch sichere Verwilderung des Kontinents ihren Lauf nimmt. 26
Der Kapitalismus ist die Grundlage des Kolonialismus, der Kolonialismus wiederum führt zum Rassismus, welcher schlussendlich den Menschen entmenschlicht. Die sich daraus ergebende Schlussfolgerung für Césaire ist, dass in jedem humanen christlichen Bürger des 20. Jahrhunderts ein Hitler wohne, der durch den Kapitalismus, welcher unweigerlich zum Nazismus führe, geweckt werde. 27 Dieser Nazismus, aus welchem der Rassenhass entspringt, werde sich früher oder später gegen seine früheren Komplizen, die Bourgeoisie der europäischen Gesellschaft, wenden. 28 Somit vertritt Césaire, so wie z.B. Frantz Fanon und Hannah Arendt, die These, dass der europäische Faschismus eine Art nach innen gekehrter Kolonialismus war.
Césaire prangert weiter an, dass selbst oder gerade die westlichen Intellektuellen von der Einteilung der menschlichen Rasse in eine beherrschte und eine herrschende Klasse Gebrauch machen. Er verbindet seine Kolonialismuskritik mit den Aussagen wichtiger Zivilisationsträger, wie mit dem laїzistischen Humanismus Renans, dem Republikanismus Sarrauts oder dem Christianismus zweier
24 Césaire: Kolonialismus. S. 9.
25 Vgl. ebd. S. 10.
26 Ebd., S. 11.
27 Vgl. ebd., S. 12.
28 Vgl. ebd., S. 11.
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Nina Valuta, 2007, Aimé Césaire und der Antikolonialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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