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Lars Hennings
Der Rausch der Freiheit - Henriette,
die Revolution und die Suche nach Glück
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Ausgabe: 24.09.08
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
Goldsuche 9
Crempe in Holstein 25
Henriette 36
Soziale Evolution 64
Henriettes Eroberung Rendsburgs 81
Sturm auf das Berliner Zeughaus 94
Junirevolution in Paris 102
Henriettes Barrikaden in Frankfurt 111
Diktatur der Bourgeoisie 119
Flucht vor der Kontrerevolution 132
Freie Liebe? 138
Berlin 147
Die Arbeiterbewegung 165
Europ äische Kriege 180
4 * Einleitung
Einleitung
Henriette Glogau kommt 1844 als Dienstmädchen aus dem holsteinischen Amt Cismar nach Crempe bei Glückstadt, nachdem ihr Vater, ein ehemaliger Amtmann, früh verstarb. Sie erreicht es, täglich eine Stunde lesen zu dürfen. Dabei lernt sie Klas Klasen kennen, einen bildungshungrigen Bauernsohn, der als junger Schreiber bei einem Kieler Kaufmann scheiterte und nach Hause zurückgekehrt war. Zusammen mit dem Cremper Lehrer lesen sie verbotene Schriften, auch über die Französische Revolution, und begeistern sich für die Republik, um eine freie Gesellschaft ohne Herrschaft des Adels durchzusetzen. Republik heißt für sie bald auch, die im industriellen Prozeß neben den Fabrikanten neu entstehende Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter müßten als Menschen gleichberechtigt und nicht nur als Pöbel oder Masse eigentumsloser Leute verstanden werden. Sonst sei Freiheit nicht möglich, wie es bereits im Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels heiße. Um die sich ankündigenden revolutionären Entwicklungen besser zu verstehen, studieren sie auch frühe Schriften über die soziale und biologische Entwicklung, wie sie dann 1859 Karl Marx für Gesellschaften und Charles Darwin für die Biologie als bis heute gültige Theorien sozialer und biologischer Evolution publizieren. Als Klas zu einer Arbeit bei einem Kaufmann nach Kiel zurückkehren kann, heiraten Henriette und er und werden bald in den Kreis der revolutionär denkenden bürgerlichen Liberalen aufgenommen, die die Herzogtümer Schleswig und Holstein vom dänischen Absolutismus befreien wollen. Doch dazu bedarf es eines revolutionären Deutschlands. Im Februar 1848 kommt es in Paris und am 13. März in Wien zur erfolgreichen Revolution gegen das Großbürgertum in Paris beziehungsweise den österreichischen Kaiser. Andere deutsche Länder folgen Nun wollen auch die Kieler Bürgerlichen losschlagen, und Henriette, die mit dem Zug von Rendsburg nach Kiel gekommen war, schlägt vor, mit der Eisenbahn direkt an den Wall einer der größten Festungen im Norden, Rendsburg, zu fahren, um die Wachen zu überrumpeln. Die List gelingt. Eine provisorische Regierung für Schleswig und Holstein
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wird in Kiel proklamiert. Zugleich ist auch in Berlin am 18. März eine vorerst erfolgreiche Revolution ausgebrochen, wie in fast allen anderen deutschen Ländern zuvor.
Klas organisiert in Kiel das Heranschaffen revolutionärer Schriften, die Henriette dort und in den Nachbarstädten verteilen läßt. Doch der Schmuggel scheint gefährdet. Als Klas in Berlin prüfen will, was dort los ist, verlangt Henriette, mitzufahren. Nach der Beseitigung der Schwierigkeiten beim Schmuggel geraten beide in Berlin in erneute revolutionäre Aktionen. Plötzlich sehen sie sich beim Sturm der Bevölkerung auf das Zeughaus vor einer Reihe auf sie gerichteter Flinten. Mit lauter Stimme kann Henriette den Offizier bewegen, nicht auf die RevolutionärInnen zu schießen. Doch der Aufstand mißlingt. Klas wird erkannt und als Aufrührer verhaftet. Henriette erinnert sich an einen Fluchtplan, den Caroline Schulz, die Frau eines Freiheitskämpfers der Zeit um 1815, für ihren Mann ersann. Sie kann in einem Sessel ein Seil und in zwei Buchrücken Feilen versteckt in die Zelle Klasens bringen lassen. Die Flucht gelingt. Als Mann verkleidet reitet sie mit Klas nach Kiel zurück. Als beide dort ankommen, hören sie von der Niederschlagung einer neuen Revolution in Paris, die europäische Revolution scheint im Juni 1848 schon besiegt, zumindest aber sehr geschwächt. Die beiden überlegen nun ihre weitere Zukunft, ob sie vielleicht verhaftet werden, und wie ihr Leben weitergehen soll, ob sie Kinder haben wollen. Klas denkt daran, den californischen Goldrausch zu nutzen, um finanziell unabhängig zu werden, aber Henriette sperrt sich dagegen, sie will ihn nicht allein gehen lassen.
Bald muß Klas sich in Berlin erneut um die Schmuggelfahrten kümmern. Henriette verlangt wieder, ihn zu begleiten. Das scheint möglich, weil ihre richtigen Personalien nicht bekannt wurden. Doch schon bei ihrer Ankunft sehen sie Geheimpolizisten. Als später noch weitere sich nach ihnen erkundigen, fliehen sie erneut zu Pferde, wenn auch über einen anderen Weg, nach Kiel zurück. In Frankfurt am Main ist mittlerweile in der Paulskirche die deutsche Nationalversammlung zusammengetreten, die durch die März-Revolutionen in den Kleinstaaten Deutschlands und in Österreich und Preußen durchgesetzt worden war. Doch die bürgerlichen
6 * Einleitung
Abgeordneten wollen nur eine konstitutionelle Monarchie. Und sie überlassen dem Adel die Außenpolitik und die Armee. Auf die Annektion Schleswigs durch den dänischen König hin war es auch zum Krieg des Deutschen Bundes, vertreten vor allem durch Preußen, gegen Dänemark gekommen. Preußen und Dänen hatten dann in Malmö einen Waffenstillstand ausgehandelt, in dem das weit stärkere Preußen den Dänen große Zugeständnisse machte und wobei zugleich die Provisorische Regierung in Kiel nicht anerkannt wurde. Die Revolutionäre in Kiel wollen dagegen in der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt intervenieren, diesen
Friedensvertrag nicht anzuerkennen. Deshalb werden aus Kiel Abgesandte zu den Fraktionen in der Paulskirche geschickt, um eine Ablehnung zu erreichen. Auch Klas und - selbstverständlich -Henriette fahren dort hin, die radikale Linke zur Ablehnung zu drängen und sich mit den anderen Fraktionen zu verständigen. Doch die Nationalversammlung akzeptiert die Außenpolitik des Deutschen Bundes und Preußens. In Frankfurt empört sich die Bevölkerung über den Verrat des Parlaments an der Revolution. Doch die Proteste sind nur noch halbherzig - bis Henriette mit einer Rede den Bau von Barrikaden bewirkt, was sie selbst gar nicht für möglich und sinnvoll gehalten hatte. Die Demonstrationen werden jedoch schnell militärisch niedergeschlagen. Wieder müssen beide fliehen. Über den Rhein und Köln wollen sie diesmal zurückkehren, um dort die Redaktion der Neuen Rheinischen Zeitung zu besuchen, die revolutionäre Zeitung, die sie seit ihrem Start gleich nach der Revolution beständig nach Kiel schuggelten. Doch dort wird eben der Belagerungszustand erklärt, das preußische Militär übernimmt die Macht. Der Besuch bei Marx und Engels, die diese Zeitung leiten, muß ausfallen.
Die Revolutionen in Deutschland sind so gut wie verloren, die Nationalversammlungen werden gewaltsam aufgelöst. Die Linken versuchen, eine letzte Kampagne zugunsten der in Frankfurt beschlossenen Verfassung für ganz Deutschland zu organisieren. Henriette und Klas, die mittlerweile in Berlin als Geschäftsleute leben können, haben eine geschäftliche Reise nach Dresden zu unternehmen. Dabei geraten sie um ein Haar unter die Säbel der
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Kavallerie, als dort einer der letzten verzweifelten Aufstände niedergeschlagen wird. Wieder fliehen sie zurück nach Berlin. Doch auch der Schmuggel mit den verbotenen Schriften wird dort nun entdeckt. Nur knapp entkommen sie auf der Elbe nach Hamburg. Und dort verläßt Klas Henriette heimlich. Völlig resigniert will er in Californien Gold suchen, um Henritte dann nachholen zu können. Sie versteckt sich unter ihrem Mädchennamen in Crempe vor weiterer Verfolgung.
Lange hört sie nichts von Klas, dessen Pläne sich nicht realisieren lassen. Er ist zu schwach für die Goldgräberlager, hat auch zu wenig Mittel. Doch dann trifft er Leute dort, mit denen er eine Wohn- und Arbeitskommune gründen will, eine Farm: Holstein. Als er sich bei Henriette dann endlich meldet, schickt die einen kurzen Brief, sie sei nun schwanger, und er könne sich scheiden lassen. Klas erkennt aber, dieser Brief wurde ihr befohlen. Denn sie haben für die Zukunft über die freie Liebe sich verständigt. So holt er sie nach Californien, wo ihre Liebe ungebrochen weiterlebt.
Zusammen mit ihrer Tochter Louise fahren sie Jahre später nach Berlin als Botschafter der Farm und der Firma für Dampflokomobile, die ihre Gruppe in Californien aufgebaut hat. Klas wird nun der Kaufmann, der er früher einmal werden wollte. Bald verläßt er Berlin, um in Italien und Ägypten für Dampflokomobile zu werben und dann ihre Tochter Louise nach Amerika zu bringen, nachdem der dortige Bürgerkrieg zugunsten der Sklavenbefreiung gewonnen ist. Henriette wird in Berlin mehr und mehr zu einer Sozialistin und setzt sich für die Emanzipation der Arbeiterbewegung ein. Sie wird zusammen mit Lisa, ihrer lesbischen Liebe, Journalistin, und erlebt die europäischen Kriege Bismarcks von 1864 bis zum deutsch-französischen Krieg 1870 - 71. Es gelingt ihr und Lisa, ins von den Deutschen belagerte Paris zu gelangen, und dort erleben sie das Massaker der französischen Regierung an den Kommunardinnen und Kommunarden der Pariser Kommune mit, die 1871 durch eine freie Wahl entstanden war. Müde kehrt Henriette zu ihrer Liebe Klas nach Californien zurück, um ihr persönliches Glück zu finden. Der Rausch der Freiheit ist für jenes Jahrhundert vergangen.
8 * Einleitung weitere Literatur:
Hennings, Lars: Der Ritt zur Sonne (oder Karl Marx in Amerika) - über soziale Evolution
und weibliche Emanzipation, ein Jugendbuch, 2008, ISBN 978-3-638-95533-1
(www.grin.com und Buchhandel) 600 Seiten
Hennings, Lars: Marx, Engels und die Teilung der Arbeit - ein einführendes Lesebuch in
Gesellschaftstheorie und Geschichte, 2007, Bd. 1: ISBN 978-3-638-94546-2 und für Bd. 2:
978-3-638-94547-9 (www.grin.com und Buchhandel) zus. 850 Seiten (für junge Erwachsene)
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Goldsuche
San Francisco, November 1850
Liebste Henriette!
Nachdem ich Dir in aller Eile gleich nach meiner Ankunft in dieser furchtbaren Stadt nur kurz meine gesunde Ankunft mitteilte, machten die Umstände eine weitere Schilderung meines neuen Lebens hier unmöglich. Dafür entschuldige ich mich. Aber Du wirst bald sehen, es ging nicht anders. Ich konnte Dir nicht einmal auf dem schriftlichen Weg ins Angesicht blicken. Doch nun haben sich meine Pläne und damit auch unsere Pläne vollständig geändert. Und ich nehme vorweg, damit Du Dich nicht erschrickst, das ganz andere Leben, welches jetzt vor uns auftaucht, ist ein besseres als das eines Goldgräbers. Nein, der bin ich nicht geworden. Doch glaub‘ mir, es geht mir jetzt gut. Nur bin ich im Moment kaum fähig zur Arbeit, weil ich unter eine Wagenladung Sand geriet, als eine Böschung einbrach, und meine Rippen sehr darunter gelitten haben. So werde ich einige Tage fast nur ruhen können. Und deshalb habe ich endlich Zeit dazu, Dir einen langen Brief zu schreiben, um auch Dich mit unserem neuen Lebensweg bekannt zu machen. Doch zuerst ging es nicht gut auf dem Weg zum Reichtum eines Goldminenbesitzers in Californien. Denn wenn ich auch, wie ich ja schrieb, gut und gesund hier ankam, so war der Anblick dieser Stadt Frisco, wie die Leute hier sagen, alles andere als eine Freude. Die ersten Tage waren das reine Grauen. Überall liefen Menschen, was sage ich, Männer herum, die, wie ich, nur an das viele Gold dachten, welches sie bald aus der Erde graben oder aus dem Grund der Flüsse herauswaschen wollten. Die mit mir neu ankamen voller Hoffnung. Nun sollte das mitgebrachte Geld umgehend für eine stabile Ausrüstung ausgegeben werden, um in die Berge, in die Sierra Nevada zu ziehen und die Säcke zu füllen. Aber schnell sahen viele, sie hatten, wie ich, dafür viel zu wenig Geld. Denn was hier eine Schaufel oder eine Hacke kosten, das kann sich in der alten Welt kein Mensch vorstellen. Bevor wir an die Goldquellen kommen können, müssen wir nämlich durch einen reißenden Fluß von Händlern nicht waten,
10 * Goldsuche
sondern schwimmen, deren Goldmine aus uns besteht. Der reinste Wucher ist das hier.
Aber, liebe Henriette, da fanden wir, die Neuen, bald noch eine andere Gruppe solcher Menschen, wie wir es sind. Das sind die, die schon zurück kamen aus ihrem Rausch der Freiheit durch den großen Reichtum, der sie in die Berge zog. Doch zurück kamen sie ohne alles, oft nur ein Hemd und eine Hose noch zur Bedeckung. Ja, ich sah Männer hier, früher einmal starke Männer, viel stärker als ich, die nun ohne Schuhwerk, ohne Jacke in der Stadt herumliefen, bettelnd, sich für jede Arbeit andienend. Aber es gibt ihrer so viele. Findet mal einer eine kurzzeitige Beschäftigung, ist die Bezahlung unendlich gering, ausreichend nur für neuen Schnaps. Gerecht bezahlte Arbeit gibt es hier für Leute wie uns nicht.
Ich habe dann nachgedacht, was zu tun sei. Und erinnerte Deinen Plan für unsere letzte Flucht aus Berlin. Richtig, dachte ich mir, Du brauchst einen Rückzugsplan, wenn es nicht klappt. Ich hatte Geld zum Kaufen einer Ausrüstung, für die Reise von Frisco ins Gebirge und auch zurück nach Frisco. Aber mehr nicht. Fände ich kein Gold, wäre ich am Ende und liefe bald durch Frisco wie jene Männer. Also schloß ich mich einer Gruppe von Männern an, die einen vermünftigen Eindruck machten, ohne eine Ausrüstung in Frisco zu kaufen, die würde sich doch wohl auch dort oben preiswerter finden lassen, dachte ich. Wir zogen los. Doch bald, an einer steilen Stelle, wo eine endlose Reihe von bepackten Männern hinaufkraxelte, stolperte der Mann aus meiner Gruppe vor mir. Er trat mir auf die Hand und ließ mich zudem selbst fallen, wobei ich meinen Fuß verstauchte. Ein Moment Pause hätte wohl gereicht, wieder laufen zu können. Aber die Männer nahmen mir einfach die Beutel mit der Nahrung unserer Gruppe ab, grüßten freundlich, sorry, das heißt so etwas wie, verzeih. Da lag ich neben dem Pfad im Dreck und die Reihe zog weiter an mir vorbei, endlos. Ich verließ den Weg seitlich, schlug mich in die Büsche, fand einen Bach, wo ich mich und meine Kleidung gründlich säubern konnte, fand jedoch leider kein Gold nebenbei, und kehrte langsam nach Frisco zurück. Ein Stück Brot hatten sie mir gelassen, und dazu gab es in der Wildnis Nahrung genug für diese kurze Zeit, mit Pflanzen kenne ich mich ja etwas aus.
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Nun wußte ich, es ging auch so nicht, aber immerhin hatte ich kaum Geld verloren dabei. Einige Zeit könnte ich es in Frisco noch aushalten.
Dennoch fand ich mich, kaum hatte ich den ersten Brief an Dich und den an die Eltern abgesandt, in einer schwierigen Situation. Ja, ich muß es gestehen, der Bruder hatte Recht, als er mich warnte, nach der verlorenen Revolution diesen Weg zu gehen, ich sei nicht stark, nicht hart genug für ein solches Abenteuer. Sehr böse hat mich das gemacht, aber nun ist die Einsicht gekommen. Und das war ein großes Glück. Doch beinahe hätte ich selbst dieses verspielt, bevor ich es denn hatte. So traurig und verzweifelt wurde ich, daß mein Versprechen, nie wieder Alkohol zu trinken, in weite Ferne rückte. So stand ich nach nicht einem Monat in dieser furchtbaren Stadt eines Tages bereits am Morgen vor dem Thresen einer Kaschemme, wie sie kaum vorstellbar ist, legte einen Nickel auf die Bar und bestellte meinen ersten Whisky. Das ist ein Schnaps, im Aussehen ähnlich wie Rum, das Getränk der Männer hier. Doch dann sah ich diese Frau hinter dem Thresen. Sie hatte ein bißchen so ein rötliches Haar wie Du, meine Geliebte, und mochte vielleicht auch etwa so alt sein wie Du. Aber sie sah aus, als käme sie direkt aus der Hölle. Ein anderes Wort finde ich noch heute nicht dafür, obwohl ich keineswegs zum verfluchten Glauben zurückkehrte.
Ich weiß es selbst nicht genau, was mit mir passierte. Ich mag sie einen Moment angestarrt haben, doch dann verließ ich diese Kneipe, sogar den Nickel vergaß ich wieder einzustecken, und ging hinaus und wandte mich dem Stadtrand zu, hinaus aus diesem Elend, dem Lande zu, das ich nie hätte verlassen dürfen, dachte ich wohl dabei. Nicht einmal die wunderbaren Tage mit Dir in Kiel und anderen Städten erinnerte ich noch positiv. Und so wendete sich mein Leben. Denn nach geraumer Zeit, ich war in den Straßen herumgeirrt, näherte mich aber einem Viertel mit kleineren Häusern und Gassen am Stadtrand, krachte es kurz vor mir ganz laut, so daß ich aus meinen verzweifelten Träumen aufwachte. Ein kleiner, aber hoch beladener Bollerwagen, der vor mir her gezogen worden war, war mir auf dem kleinen Hang plötzlich entgegengekommen und mit dem eisenbeschlagenen Rad mit großem Bumms gegen einen Stein gestoßen. Als ich um diesen
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Wagen herumgegangen war, erblickte ich eine ältere Frau, die laut fluchend ein kleines Stück Holz in ihrer Hand betrachtete. Es war der Zuggriff, der aus der Deichsel herausgebrochen war. Als sie mich kommen sah, bezog sie mich gleich in ihr Geschimpfe ein, als hätte ich etwas damit zu tun.
Können Sie sich vorstellen, daß ein Mann so verrückt sein kann, einen Griff so dumm zu bauen, daß er beim Ziehen abbricht? Und was halten Sie von Leuten, die nicht einmal ein Stück Seil mit sich führen bei so einem Wagen, um ihn nun ziehen zu können? Was starren Sie mich an?
Verzeihen Sie bitte... versuchte ich mein noch ziemlich schlechtes Englisch, und noch einige Worte mehr.
Ah, hört, hört, da soll mich doch der Teufel holen, unterbrach sie mich aber gleich - und ich duckte mich schon innerlich vor neuem Anschreien, das aber ausblieb -, wenn hier nicht ein Landsmann aus dem fernen Holstein seine neue Sprache zu sprechen versucht. Es heißt schon mal nicht Ik, sondern Ei, geschrieben mit nur einem großen Buchstaben I, lachte sie auf. Sie hatte selbst zum Schluß platt gesprochen. Und ihr Ärger schien verflogen. Guten Tag, meine Dame, sagte ich dann in meinem besten Hochdeutsch, auf das ich doch so stolz bin, und ärgerlich, wenn ich in einer Aufregung ins Plattdütsch zurückfalle, meine Dame, lassen Sie sich durch mich helfen. Ich habe zwar auch kein Seil, aber wenn ich den Wagen hinten schiebe, können Sie ihn doch mit dem verbliebenen Stück Deichsel lenken.
Sie sah mich zweifelnd an. Doch dann lachte sie wieder etwas und sagte zu mir, sie wolle mir dafür eine gute Suppe servieren, wenn wir in ihrem Ladenlokal ankämen, auch ein großes Stück Brot und ein kleines Stück Fleisch wolle sie dazulegen. Denn ich sähe doch aus, als könne ich das mehr brauchen als eine Münze für diesen Dienst. Waren Sie vernünftig genug, auf den Pastor zu hören, der alle Männer warnt, zum Goldsuchen in die Berge zu ziehen, und lieber hier draußen auf dem Land ein gutes und natürlich frommes Leben zu leben? Gut, wenn er einverstanden ist, packe er jetzt an, fuhr sie dann lachend fort, und ich begann zu schieben.
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Nein, Madam, davon hörte ich noch nie, rief ich ihr nach vorn zu, denn wir waren allein in dieser Straße, diesen Pastor sah ich nicht. Aber Sie haben schon recht, ich kam zum Goldgraben, und nun verließ mich der Mut, weil ich erkannte, nicht die genügenden Mittel mitgebracht zu haben, um die Preise in Friso zu zahlen. Aber gesoffen scheinen Sie noch nicht zu haben? Nein, ich wundere mich selbst, denn zu Hause in Holstein, ich komme tatsächlich aus dem Amt Steinburg, und auch in Kiel, wo ich Kaufmann werden wollte, trank ich ab und an, weshalb ich auch nur Commis, ein Schreiber, geworden bin. Erst meine Frau, ja, meine liebe Frau, das sagte ich zu ihr, erst meine wunderbare Frau bewahrte mich davor, ein Trinker zu werden. Und heute morgen war es dann soweit, ich ging in eine Kaschemme, um Whisky zu probieren. Doch in letztem Moment rannte ich auch dort davon. Bis ich Sie hier nun traf, war ich auf dem Weg ins Land hinaus, damit ich endlich diese Stadt meines Unglücks nicht mehr um mich habe. Vielleicht war es gut, daß die Deichsel zerbrach. Denn dort draußen, was sie das Land nennen, ist nur Wildnis. Es gibt noch ein paar Bauernstellen, aber dann ist das Land bald menschenleer. Arbeitskräfte suchen sie dort sicher nicht. Doch schieben Sie nicht zu schnell, mein Herr, ich kann kaum noch so hurtig laufen, wie Sie beim Erzählen in Rage und damit zugleich in Geschwindigkeit kamen. Wir sind auch gleich am Ziel.
Johanna führte damals eine Hökerei, wie es bei uns heißt. Aber sie besaß das Haus und betrieb dabei auch etwas Landwirtschaft. Sie ist Witwe, an die 50 Jahre alt wohl. Während sie die Suppe warm machte, eine köstliche Suppe, erklärte sie mir schon, in Amerika würden die Leute sich alle mit Vornamen ansprechen, wenn auch in feinen Nuancen und natürlich nur innerhalb der Stände. Nicht daß ein Knecht seinen Kaufherrn so anrede. Aber wir seien doch, fand Johanna, aus einem Stand, aus Holstein eben, lachte sie wieder, daß wir uns nun duzen sollten, und so sagte sie ab jetzt Klas zu mir. Und bald kam Jim von der kleinen Landwirtschaft zum Abendessen, der wohl ihr Mann ist, ohne daß sie aber verheiratet sind, ich weiß es nicht so genau. Aber sie leben als freie Menschen zusammen, ohne darüber wohl je sich direkt verständigt zu haben. Ihr gehört alles, und er ist
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trotzdem nicht nur der Knecht. Jim ist in Amerika geboren. Ein guter Mann, ja ein bißchen ein Freund mittlerweile, wie Johanna auch. Liebe Henriette, am nächsten Tag ging ich schon früh zu dem Pastor, von dem Johanna gesprochen hatte, dann holte ich meine Sachen aus der Pension, in der ich für teures Geld untergekommen war, und zog zu Johanna und Jim. Denn nun beginnt in meinem Bericht unser neues Leben. Doch davon schreibe ich nachher mehr. Jetzt gehe ich ein paar Schritte, werde einen Gang machen, um etwas von einem Bekannten Johannas zu holen. So hat es auch der Doktor befohlen, viel Liegen und zwischendurch etwas gehen und dabei ganz tief durchatmen.
San Francisco, Dezember 1850
Liebe Henriette! Nun hat es doch wieder länger gedauert als gedacht, weshalb ich ein neues Datum einfüge, ja Dezember ist es nun schon. Aber halbfertig konnte ich diesen Brief nicht gut abschicken. Ich habe mich ordentlich erholt und schon vor einer Woche wieder meine Arbeit bei Johanna aufgenommen, da etwas Dringendes anfiel. Das akzeptierte sogar sie, nachdem sie mir zuvor jede Tätigkeit verboten hatte. Selbst zu weit laufen lassen wollte sie mich nicht. Doch daß ich das trotzdem tat, wo mein erster Bericht ja endete, erwies sich als großes Glück. Dort, bei diesem Bekannten traf ich nämlich Gerhard und Gertrude. Du glaubst es nicht, auch sie sind aus Holstein, aus dem Amt Kronshagen bei Kiel, und schon vor einem halben Jahr nach Californien gekommen. Gerhard war Gold suchen, während Gertrud, auf Grund einer Empfehlung aus Europa aber auch nur, eine einigermaßen erträgliche Arbeit als Mädchen bei einem Kaufmann bekommen hatte. Gerhard kam jedoch nach einem Raubüberfall, bei dem er sein bißchen Goldstaub schon wieder verlor, zurück. Die beiden sind in meinem Alter, so um die 30 Jahre alt. Und Du wirst sie mögen!
Denn ich bitte Dich heute, liebe Henriette, Dich auf die große Reise hierher vorzubereiten. Das Reisegeld hast Du, und ich kann Dich nun hier in Frisco aufnehmen und unterhalten, wobei Du natürlich anpacken wirst in Deinem unendlichen Fleiß. Wir werden nicht nur Landwirtschaft betreiben, sondern draußen in der Wildnis ein Dorf gründen.
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Und weil Jim jetzt in die City, also das Stadtzentrum fährt, schließe ich, damit Du endlich Nachricht von mir hast und eine Adresse. Ich grüße Dich von ganzem Herzen, und sende meine Sehnsucht voraus, Dich wieder in die Arme zu schließen. Dein Klas
Crempe, März 1851
Ehrenwerther Herr Gemahl!
Wenn Sie diese Zeilen lesen, werden Sie nicht mehr wünschen, ich möge Ihnen folgen. Ich bin in Schande gefallen. Und ich schreibe Ihnen diesen Brief so, wie mir der Bürgermeister es vorgab, der von den Behörden über unsere Ehe unterrichtet wurde, damit es Ihnen damit möglich sein wird, auch bei einem Richter in Amerika die Scheidung zu erreichen.
Ich bin im dritten Monat schwanger und bekomme ein Kind von einem fremden Mann. Mit einer Scheidung bin ich einverstanden. Henriette Klasen, geborene Glogau, aus Dahme im Amt Cismar im Herzogtum Holstein, am 13.5.1825
Frisco, März 1851
Werthe Frau!
Ich hätte in der Tat nicht übel Lust, Sie mit Vorwürfen zu überhäufen! Wie können Sie mir das antun! Haben Sie alle unsere Tage und Nächte vergessen, die wir gemeinsam verbrachten? In guten und in schlechten Tagen? Und da schreiben Sie mir nur so einen Brief? Unglaublich!
Als Ihr Gemahl sage ich Ihnen jetzt. Ich will Sie sobald wie möglich in Californien sehen. Hier gibt es viel zu wenige Frauen. Da müssen Sie dann künftig mit weiteren leichtfertigen Frauen zusammenleben. Bereiten Sie sofort alles vor, wie wir es früher besprochen haben. Sie sagten einmal, es wären starke Frauen und Mütter in Ihrer Familie, so ist unser Kind vielleicht besser in Ihnen aufgehoben als gleich im ganz frühen Leben diese Reise zu machen. Sie wären dann wohl drei Monate vor der Niederkunft hier. Wenn das möglich und sinnvoll ist, dann handeln Sie so. Klas Klasen
16 * Goldsuche Frisco, März 1851
Meine wunderbare geliebte Henriette. Über eine Freundin hier bekommst Du diesen Brief schnell nachgereicht. Doch ich habe noch immer keinen zweiten von Dir! Bevor Du weiterliest, schreibe also sofort, der Knecht, der den Brief brachte, sagte Dir doch wohl, er wolle warten solange. Künftig schreib‘ bitte noch in Itzehoe im Bureau des entfernten Verwandten der Freundin, wohin meine Briefe jetzt gehen. Du mußt an und ab dort nachfragen! Also, weiter in meinem Bericht: noch unglaublicher ist es nämlich, daß ich hier in Californien schon fast alles über Dich wußte! Ja, wirklich unglaublich. Denn - denk nur - keine zehn Schritte entfernt von mir sitzt ein Käsegesicht von Student, der hier auftauchte und von seinen revolutionären Heldentaten in den beiden Jahren zuvor zu erzählen nicht aufhörte. Gut, er wurde auch viel gefragt, nach Sachsen und speziell Dresden. Denk doch! Zu guterletzt erzählte er von seiner Reise über Kiel und Glückstadt nach Bremen und dann nach Amerika. Und da kam es für mich wie ein Schlag! Er erwähnte, er habe in der Nähe von Glückstadt, ja so sagte er, dort also habe er fast ! daran gedacht, seine Fahrt zu unterbrechen, weil er dort ein Mädchen, er sagte Mädchen ! traf, das ihn betörte, wie er es nicht für möglich gehalten habe, daß es möglich sei. So weit so gut. Doch dann kam dieser Schlag, es habe sich um ein wundersames Dienstmädchen gehandelt, welches täglich in einem Buche las und selbst ihm, dem Herrn Studiosus ! denk doch nur, selbst ihm, außergewöhnlich gebildet erschienen sei. Doch den Namen wollte er nicht preisgeben, nicht einmal in der Trunkenheit, zu der ich ihm bald verhalf. Und das, ohne selbst Alkohol zu konsumieren, jawohl, Gnädigste. Ich bleibe standhaft in allen Lebenslagen! Aber den Namen des Ortes bekam ich aus ihm heraus! Habt ihr je von einem L. M. aus D. gehört? Nun, nach Eurem Briefe werde ich ihn wohl zum Duell fordern müssen, das verlangt Eure neue bürgerliche Lebensweise, die Ihr in Eurem Brief zum Ausdruck brachtet. Schon auf dem nächsten Bogen werdet ihr das Ergebnis hören. Und ich sage noch vorweg, ich bin hier ein berüchtigter Revolverschütze geworden. Revolver sind Pistolen, mit denen in einer Trommel, die sich dreht, in Englisch ist das revolve, sechs Kugeln zügig nacheinander abgeschossen werden. So
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bekam das Wort Sieb erst seine wahre Bedeutung. Doch jetzt gehe ich, ihn zu fordern!
Meine liebe Henriette, wie konntest Du mir diesen Brief schicken, ohne zugleich Sorge zu tragen, einen zweiten, weniger offiziell vorgegebenen gleichzeitig zu mir kommen zu lassen? Geht es Dir gut? Ich sorge mich, sie könnten Dich womöglich doch noch polizeilich bedrängen? Und ich verstand natürlich, Du schriebst wie Dir befohlen, um nicht als störrisch zu erscheinen und sie zu weiteren Nachforschungen über Deinen früheren Lebenswandel zu ermutigen. So weit für heute, damit dieser Brief sofort zu Dir geht, um Dich von meinen Sorgen und meiner Sehnsucht zu unterrichten. Dein Klas.
Borsfleth, März 1851
Werther Klas!
Haben Sie die Scheidung schon eingeleitet? Vielleicht gibt es ja reichlich Ersatz in Amerika? Irgendetwas muß Sie doch sehr stark dorthin gezogen haben!
Wie Sie oben sehen, bin ich nun in Borsfleth gelandet. Welche Überraschung. Eines Tages, ich kam vom Markt zurück, sah ich vor dem Haus Ihre Mutter mit dem Meister sprechen. Als sie mich kommen sahen, ging mein Brotherr hinein. Nun kam Ihre Mutter zwei Schritte in meine Richtung und wartete. Als ich vor ihr stand, klebte sie mir eine, daß es wohl in der ganzen Stadt gehört worden ist. Dort bin ich die Gefallene, wenn der Meister mir auch die Stelle lassen wollte, solange ich meinen Dienst verrichten könne. Hol‘ Dein Bündel, sagte Ihre Mutter dann in unerwartet freundlichem Ton zu mir, ich warte auf dem Wagen auf Dich, Dein Brotherr ist einverstanden. Und als ich wieder herauskam, wies sie mich nach hinten auf den kleinen Einachser. Setz Dich auf den Strohsack, damit Du es weich hast. Dann fuhren wir hierher, ohne weiter viel zu reden. Ihr Vater, mein Herr, nickte mir bloß zu, durchaus nicht unfreundlich, als wir kamen, nahm mein Bündel und trug es in den Stall. Wir haben ein Zimmer vermietet, seit Klas fort ist, sagte er dann, deshalb habe ich Dir hier eine kleine Schlafstatt gebaut. Komm‘ gleich zum Essen in die Küche herüber.
18 * Goldsuche
Auch Ihr Bruder, den ich dann in der Küche traf, begrüßte mich freundlich, als wäre ich schon ewig hier. Die Guten, nie wieder sahen sie mich auch nur böse an, sondern behandeln mich wie eine - doch, anders ist es nicht zu sagen - wie eine Tochter und Schwester. Sogar meinen Tick mit dem Büchlein, vor dem Dunkelwerden ein kleines Stündlein im Garten zu lesen, lassen sie mir. Ich arbeite aber auch so gut ich kann mit in Haus, Garten und wenn nötig auf dem Feld. Und es kräftigt mich sehr. So versuche ich, etwas wieder zurückzugeben von dem was sie mir Gutes tun. Im Dorf wissen die Leute wohl um mich, aber ich werde auch dort freundlich behandelt. Ihr Vater ist eben ein angesehener Mann, und Ihre Mutter gilt ebenso etwas. Die Behörden haben mich nicht weiter belästigt. Nach der Geburt, so haben wir es besprochen, und ich ließ es erstmal so stehen, weil ich von Ihnen nichts hörte, werde ich dann zu meiner Mutter zurückkehren. Ihre Mutter hat Angst, ich könnte wegen meiner Zartheit mein Kind verlieren auf einer solchen Reise, was aber ganz unwahrscheinlich ist. Doch ich bleibe ja auch gern. Der Gedanke, meine arme Mutter in ihrem ärmlichen Leben, nach Vaters Tod Inste, eine arme Frau, die nur zur Miete wohnen kann, zu sein, noch mehr zu bedrücken, ist nicht angenehm, obwohl wir ihr doch einiges Geld schickten in der letzten Zeit, bevor wir fort mußten. Werther Klas, ich möchte nun Rechenschaft geben über das, was geschah, nein, über das, was ich tat. Ich stehe dazu, schwach gewesen zu sein, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Eines Abends, ich war mit einem Büchlein hinunter zum Fluß, da sah ich an dem kleinen Schuppen dort einen fremden jungen Mann. Es war, wie ich vernahm, ein Student, der ganz von Dresden her kam, er war dort, just als auch wir einmal in Geschäften dort weilten. Der Revolution wegen war er gegangen, als die Preußen die Barrikadenkämpfe schnell für sich entschieden. Der junge Mann, Leopold, nicht einmal seinen Nachnamen kenne ich, schwor, sich nur ein wenig vor dem scharfen Wind habe schützen zu wollen. Aber er hatte in einem Beutel nur noch ein paar Äpfel. Er sei auf dem Weg von Kiel nach Glückstadt, weil dort ein entfernter Verwandter Fischer sei, dann hoffe er, über die Elbe nach Bremen und ferner nach Amerika zu gelangen. Und er bat mich so dringlich, ihn nicht zu verraten, er sei nun mal im Unglück im
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Moment. Als ich sah, er hatte eine böse Blase auf dem Fuß, brachte ich ihm etwas Brot und sagte ihm, er könne zwei oder drei Tage dort bleiben. Ich brachte ihm weiter Brot, wir kamen ins Gespräch, und er erzählte von seinen Erlebnissen. Und so blieb ich drei mal dieses Stündchen bei ihm, während ich dort normalerweise lese, und ich genoß es, wieder einmal solche Gespräche führen zu können. Und beim Abschied ist es dann wohl passiert. Er umarmte mich, durchaus nicht drängend, und plötzlich war mir so unendlich einsam, weil Sie solange schon fort waren, ich nichts wußte von Ihnen, kein Brief, nichts. Ich drängte mich einen Moment an ihn. Einen Moment nur. Aber es geschah, und ich war es, die die Verantwortung zu tragen hat, nicht jener scheue Student. Ihre Henriette
Borsfleth, April 1851
Mein Sohn!
Nachdem Dich der Brief Deiner Frau von hier aus erreicht haben wird und Du nun über das Geschehen weißt, schreibe auch ich Dir. Es ist nun geschehen, wovor Dein Vater und ich, ja selbst Dein Bruder Dich warnten, als Du zu schnell diese Frau geehelicht hast. Anders als wir befürchteten allerdings. Denn Henriette ist in der Tat nun eine ungewöhnlich fleißige, stets freundliche Haustochter geworden und arbeitet mehr als ihr gut tut. Aber sie paßt eben nicht zu Dir, der Du selbst genug Grabben im Kopf hast. Zwei junge Menschen auf dem Lande, die beide Bücher lieben, wohin sollte das schon führen. Von Deiner Frau wissen wir nun, auch die Pläne in Amerika konntest Du nicht so, wie Du es wolltest, verwirklichen. Aber Dein Vater betont sehr, daß Du doch nun offenbar eine Lehre daraus gezogen hast, wenn Du nun wohl doch Bauer werden willst. Dein Bruder Thomas will sich nun bald mit einer netten Frau verheiraten und dann zu ihr auf einen großen Hof in Dithmarschen ziehen, mit dem Schwiegervater versteht er sich blendend, der hat ihn erst in dieser Absicht mit seiner Zukünftigen bekannt gemacht, als Thomas eine Zeitlang bei Onkel Hermann ausgeholfen hat, wie Du Dich erinnern wirst. Dein Vater will deshalb nun bald den Hof
20 * Goldsuche
abgeben, so daß wir in ein oder zwei Jahren aufs Altenteil gehen, wenn ein würdiger Nachfolger gefunden ist. Es könnte sogar sein, wie uns Margarethe Behrens andeutete, daß Wilhelm Geertsen ein Auge auf Henriette geworfen hat. Zusammen könnten sie den Hof wohl führen. Dein Vater läßt Dich also grüßen und ausrichten, es wäre ihm möglich, nach der nächsten Ernte eine kleine Summe Geldes Dir zu schicken, wenn damit Deine Existenz in Amerika besser und dauerhaft zu sichern wäre. Und bei unserem Übertritt in den Stand der Altenteiler wäre noch einmal eine kleine Summe möglich. Du must also ihm nun bald schreiben, worum es sich dort handelt. Deine Mutter
Californien, April 1851
Liebste Henriette!
Heute ist der zweite Brief erst angekommen. Und nun hoffe ich schon auf den nächsten, den Du ganz ohne Sorge vor einem behördlichen Mitlesen schreiben kannst. Der Verwandte von Gertrude in Itzehoe ist ein überzeugter Liberaler und ebenso vertrauenswürdig wie unverdächtig, weil er nur in Gedanken unsere Sache vertrat, da seine Frau die Adeligen liebt. Ich danke Dir für Deine schon so offenen Worte, wie es möglich war. Und ich bekenne, es war schmerzlich für mich, und ich habe nach dem Erhalt Deines Bekenntnisses wieder einmal so heftig mit dem Fuß gegen eine Wand getreten, daß ich Tage nicht laufen konnte, weil ich so in Sorge um Dich bin. Und auch, weil ich Dich nicht mitnahm hierher! Verzeih‘ mir bitte! Aber zum Goldsuchen ging es nicht, das wußte ich wohl, wobei ich durch die Berichte und eigenen Erfahrungen in Frisco nun weiß, es geht noch schlimmer in den Goldsucherlagern zu als ich es schon hörte. Es ist wirklich nichts für Damen! Aber, darum meine Bitte um Vergebung, ich hätte nichts unternehmen sollen, was nicht mit Dir zusammen möglich schien.
Auch wenn Du ja deutlich gemacht hast, dieser dämliche erste Brief sei Dir vorgegeben worden, war er ein Ärgernis für mich. Angesprochen zu werden, als hätten wir niemals über die Zukunft freier Männer und Frauen gesprochen, niemals uns über die ach so
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verwerfliche freie Liebe ausgetauscht - so war und blieb ich unruhig bis Dein zweiter Brief endlich kam, der immer noch die Sorge ausdrückt, er würde mitgelesen. Selbst das Vergnügen, schon etwas über Deine besonderen Erlebnisse in Crempe hier gehört zu haben, konnte mich nicht darüber hinwegtrösten. Dieser schöne Blondschopf ist übrigens endgültig verloren: L. M. aus D. ging gestern mit einer reichen Familie nach Valparaiso, um dort gleich die Tochter zu ehelichen, die wohl ein ähnliches Erlebnis hatte wie Du, ganz so harmlos scheint der Knabe nicht zu sein, mein Schatz. Doch nun wieder zur Zukunft. Das Beste für uns ist wirklich, Dich so schnell wie möglich in die Arme zu schließen, damit ich dieses Kind schon bei der Geburt als mein eigenes begrüßen kann, das es ja ist, weil es in unserer Ehe geboren werden wird. Du sahst oben, wir haben Frisco verlassen und leben jetzt in Californien. Das ist nicht wirklich war, noch nicht, aber auch schon. Doch Schritt für Schritt. Ich erzählte von Gerhard und Gertrude, die nun zu mir und Johanna und Jim stießen. Doch wir sind schon wieder größer als Gruppe geworden. Denn als ich zu dem besagten Pastor ging, um über den Sinn zu sprechen, statt Gold in Metallform nur zu suchen, lieber es in Form von Weizen in bescheidener - bei ihm natürlich in gottesfürchtiger - Weise zu erarbeiten, überzeugte der mich sofort, dies sei der richtige nächste Schritt, denn soviel wie dazu nötig ist, können wir beide doch auch in der Landwirtschaft arbeiten, sogar ich, soll das eigentlich heißen, lach‘ ruhig. Aber das schrieb ich ja schon. Und als ich dann gut beraten beim staatlichen Büro erschien, welches den Boden an die Siedler zuteilt, traf ich - es ist wirklich kaum zu glauben - wieder auf Leute, die plattdütsch sprechend vor dem Haus standen. Holsteiner! Und dazu ein Schleswiger Däne, ein Bauernsohn von Eiderstedt, Peter. Er ist so ein bißchen der Chef der Gruppe, zu der fünf junge Männer meines Alters gehören und eine etwas jüngere Frau, die Schwester von Wilhelm, sie heißt Elisabeth. Sie waren von vornherein gekommen, um ein Leben in der wilden Natur aufzubauen, nicht zur Goldsuche. Und von diesen guten Leuten bekam ich, wie ich bald sah, einen ordentlichen Bericht von einer Reise, die sie ein Stückchen in den Südosten Californiens gemacht hatten. Dort hatten sie, und sie wußten das ganz trefflich zu schildern,
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wie ich heute weiß, weil ich diesen Ort nun kennenlernte, einen Platz gefunden, an dem sie siedeln wollten. Und ob ich nicht mitkommen wolle, dort ein schleswig-holsteinisches Dorf zu gründen, fragten sie mich bald, was wohl Elisabeth angeregt hatte. So kamen wir alle zusammen. Denn bald war auch für diese Gruppe klar, ihren alten Plan, nur für sich selbst Lebensmittel anzubauen, um als freie Menschen zu leben, wollten sie nicht weiterverfolgen, sondern eine richtige Landwirtschaft aufbauen, um leichter auch Frauen für sich werben zu können. Weit genug weg von Frisco, aber doch nah genug, um in dieser riesigen Stadt Abnehmer für die Ernteerzeugnisse zu finden, zumal dieser Ort an einem Fluß zu liegen kommt, über den die Stadt gut erreichbar ist, beziehungsweise, der in die Bucht führt, an der Frisco auf der Landseite liegt. Die Stadt ist auf einer großen Landzunge zwischen dem Pacific und dieser Bucht angelegt worden, mußt Du Dir vorstellen. Und der Boden dort, das wußte vor allem Peter zu begründen, der an der Kieler Universität intensive landwirtschaftliche Studien unternommen hatte und dabei Republikaner wurde, sei vortrefflich. Dort, es liegt etwas südöstlich der großen Bucht, beginnt die californische Prärie, eine endlose Ebene voller Blumenweiden. Und eben fruchtbarsten Bodens. Über Land mögen es gut 100 Kilometer bis Frisco sein. Doch nun bin ich zu weit abgekommen, denn ich wollte eigentlich davon erzählen, wie in unserer Gruppe über die Geschehnisse gedacht wird, denn wir sind alle auch Freunde des Geistes, Revolutionäre eben. Als ich also wütend gegen die Wand trat und Vorwürfe vor mich hin sagte, da sprach am nächsten Tag beim Abendbrot Gertrude mit ihrer ironischen Weise mich an, die meine Wut auf mich falsch deutete. Ob ich nicht mit zwei Maß messen würde, fragte sie. Denn ich selbst hätte doch wohl auch bemerkt, wie intensiv ich die Tage vor dem Eintreffen Deines Briefes auf Elisabeth gesehen hätte. Du siehst, alle sprechen sehr offen über diese Dinge. Und sie hatte recht. Ich fühlte mich gut in der Nähe dieser jungen Frau. Lange hatte ich nichts gesagt dazu, dann war ich hinaus gegangen. Und als ich so überlegte, was das bedeutete, da wurde mir klar, daß ich Dich viel mehr vermißte als ich bisher wußte. Da war mir wirklich klar, ich hätte auf Dich hören und gleich mit Dir zusammen nach Amerika fahren sollen.
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Liebe Henriette, laß‘ uns mitbauen an diesem Dorf, an einer Zukunft für uns und vielleicht sogar darüber hinaus. Denn der wahre Rausch der Freiheit, der nun auf uns wartet, nachdem der der Revolution verflogen ist, tut dies nicht in Goldsucherlagern, sondern in dem neuen Dorf Holstein in Californien, in dem wir neue Lebensformen suchen und ausprobieren wollen, wie auch wir beide oft genug es besprochen haben.
Bald muß ich den Brief wegbringen. Deshalb nur noch in Kürze das Wichtigste, was ich auch den Eltern sage. Ich schreibe Ihnen gleich selbst noch und lege einen kleinen Zettel für sie bei, wie sehr ich ihnen Danke für das Gute, was sie an Dir taten. Denk‘ doch, meine gute Mutter setzt sich hin, seit Jahren wieder einmal zu schreiben, und erzählt, es würde sich der doofe Wilhelm Geertsen für Dich interessieren, um mich dazu zu bringen, Dich hierher zu holen. Hätten wir doch offener zu ihnen sein können. Wenn Du erst hier bist, schreibe ich ihnen unsere ganze Geschichte auf. Auch Geld brauche ich nicht von ihnen.
Also, zusammen mit Johanna und Jim, Gerhard und Gertrud, den sieben anderen, die heißen Peter, Wilhelm und Elisabeth, Helmut, Ludwig, Otto und Jens, und dann uns drei, können wir so viel Land eintragen, daß eine riesengroße gemeinsame Flur entstehen wird. Auch für Dich habe ich schon einen Eintrag machen lassen. Auf jeden Kopf kommt eine ganz ordentliche Fläche. Und da wir die einzelnen Höfe geschickt so legten, daß dazwischen zwar Platz, aber nicht genug Platz für weitere Höfe ist, die Behörde muß uns ja glauben, wie es dort aussieht, wurde uns eine ganze Fläche im Bogen eines kleines Flusses zugesprochen, die schon allein ein großes Dorf aufnehmen kann. Auf der anderen Seite des Flusses ist aber noch unendlich viel Platz für weitere Siedler, und sehr sehr große Felder können später hinzugenommen werden. Das machte es so vorteilhaft, jetzt ziemlich weit hinaus zu gehen. Doch wir sind sicher, im wenigen Jahren ist uns Frisco schon ein ordentliches Stückchen gefolgt. Und viele Meilen um uns herum ist nur Wildnis, eine harmlose Wildnis aber. Am Rande der Prärie, die hier erst zaghaft beginnt, haben wir auch eine Menge Wald. Californien ist wirklich paradiesisch. Es sollen weiter im Süden auch verschiedene Indianerstämme leben, die aber wohl viel Platz für sich
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haben, und aus Erfahrung froh sind - sie wurden von spanischen Priestern schon bald nach Columbus‘ Ankunft in Amerika versklavtkeine Weißen zu sehen.
Doch nun muß der Brief sofort weg, ich warte auf Dich, schreibe schnell, wann Du mir folgen kannst. Im nächsten Brief sage ich Dir dann, was auf der Reise zu beachten ist, um hier gesund anzukommen. Ich liebe und vermisse Dich, wunderbare Henriette. Dein Klas!
Borsfleth, Mai 1851
Lieber Klas, mein lieber Mann! Wenn ich auch keinen Moment an Deiner Haltung gezweifelt und über Deine Duellpläne gleich herzhaft gelacht habe, freue ich mich nun doch, so selbstverständlich unser gemeinsames Leben von Dir wieder aufgenommen zu finden, welches Du so schnöde unterbrachst - doch einmal muß ich das sagen! Gleich ist der Vater nach Glückstadt gefahren und hat sich für mich erkundigt. Schon sechs Wochen nach diesem Brief werde ich von dort nach Bremen fahren, um mich von einem Auswandererschiff nach Panama bringen zu lassen. Von dort würden wir direkt als Gruppe über Land an den pazifischen Ozean gebracht, um wieder mit einem Schiff nach Frisco zu segeln, wurde ihm gesagt. Der Preis ist etwas höher geworden als wir es damals wußten, aber Vater sagt, er könne die Differenz leicht aufbringen, wir müßten uns keine Sorgen machen. Er wartet nun schon, um wieder nach Glückstadt zu fahren, wo er erst gestern war, und will den Brief hinbringen und den Platz für mich buchen. Wir werden uns wiedersehen, bevor ich Dir noch einmal schreiben kann. Aber ein Brief von Dir könnte mich wohl noch erreichen. Sonst schreibe mir nach Panama. In Liebe und Sehnsucht, Deine Henriette
Holstein, Californien, Juni 1851
Liebe Henriette, ich kann mein Glück gar nicht fassen. Erfreulicherweise war Jens gerade in Frisco, als Dein Brief kam. Und der Gute, denk‘ nur, setzte sich gleich auf ein Pferd, ihn mir zu bringen. Den Wagen, den er zurückließ, bringe ich dann wieder her. Gleich werde ich also nach Frisco reiten, um diesen Brief fortzugeben,
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damit Du ihn schnell bekommst und noch etwas Zeit für die Vorbereitung hast. In aller Kürze: Du mußt Dich nicht sorgen, wenn Du tust, was ich nun schreibe. Panama ist keine sehr gesunde Gegend. Es scheint, daß es besonders giftige Mücken dort gibt, deren Stiche Menschen krank machen können. Deshalb mußt Du Dich schützen. Besorge Dir Männerhosen, ja unbedingt, aus nicht zu warmem, aber festem Stoff, den eine Mücke nicht durchdringen kann. Dazu Stiefel mit langem Schaft, denn Mücken lieben die Bodennähe. Darüber kannst Du ein leichtes Kleid werfen, wie es schicklich ist. Und nimm einen breitrandigen Hut mit, über den Du einen großen Schleier werfen kannst, den ebenfalls Mücken nicht durchdringen können, weil er engmaschig genug ist und auf den Schultern dicht auf einer ebenso festen Jacke liegt, die hochgeschlossen ist. Und solchen Schleier nimm als ein sehr großes Stück mit, welches Du in der Mitte mit einem Seil über Deiner Schlafstatt anbinden lassen kannst. Darunter ruhst Du dann in der Nacht sicher vor diesen Moskitos. Dazu brauchst Du noch lange feste Handschuhe. Das wird manchmal sehr warm werden, ist aber unerläßlich, wenn Mücken in der Luft sind, gerade auch für unser Kind!!! Für die Reise nimm vor allem viele Schlehen und auch Sanddorn mit, die werden euch gut tun, gerade auf See ist das Essen zu einseitig, weil es nichts Frisches und kein Obst gibt, getrocknete Pflaumen wären auch gut.
Ich freue mich so auf den Tag, an dem ich Dich von der Pier abholen werde. Dein Klas
Crempe in Holstein
Klas!, Klas! - er hörte plötzlich seinen Namen, dann nochmal: Klas! Und dann sah er sie, vielmehr sah er einen großen Hut, der, mit einem Schleier daran, wie wild geschwenkt wurde. Die Rufe kamen aus der hinteren Reihe an der Reling des großen Seglers, der sich nun der Pier näherte. Und in dem Pfeifen der Bootsleute, die die Signale zu den Matrosen in den Masten heraufbliesen, im Hafenlärm auch, gingen die Rufe dann unter. Und auch der Hut war nicht mehr zu sehen, nachdem er seinen eigenen weit durch die Luft geschwenkt hatte. Henriette war angekommen.
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Klas Klasen setzte sich etwas zurück, hoch auf einen Stapel alter Kisten. Es würde noch dauern, bis er Henriette in die Arme schließen könnte. Jetzt sah er sie nicht mehr, sie mochte unter Deck gegangen sein, um ihr Gepäck zu besorgen, dachte er. Und so blickte er in die Masten empor, auf die Matrosen, dachte an sein eigenes Ankommen in New York, die Reise nach Californien in großen Planwagen über den Trail die Rocky Mountains hinüber. Und seine Gedanken schweiften ab, bald fand er sich versunken in die Erinnerungen an die Zeit zuvor, sah Borsfleth vor sich, das Dorf, aus dem jetzt seine Frau gekommen war. Dachte an den Hof, an seine Eltern, den Kampf mit ihnen, nicht Bauer werden zu wollen, sondern Schreiber in einem Kontor in Glückstadt. Und wäre er nicht ohnehin recht klein gewachsen, das wußte er, würde er diesen Kampf verloren haben gegen den starken Vater und die nicht minder starke Mutter. So wurde der jüngere, aber kräftigere Bruder als der Bauer auf den Hof vorbereitet, und Klas gelang es, den Ort zu verlassen, Schreiber zu werden und davon zu träumen, immer noch mehr zu lernen und zu lernen, ja, an die Universität in Kiel zu denken. 1840 endlich, mit 20 Jahren, war es ihm dann immerhin gelungen, nach Kiel in ein Kontor zu wechseln, in dem er bald erster Schreiber war, ein Commis mit zwar wenig Lohn, aber er hatte nun die Möglichkeit, sich immer wieder mit Lesestoff zu versorgen, die er in der Bibliothek der Universität ausleien durfte. Ein älterer Professor der Philosophie, den er eines Tages bei einem Spaziergang getroffen hatte, ermöglichte ihm das, nachdem sie über Pflanzen und Tiere in Klas‘ Heimat gesprochen hatten, wovon Klas ein wenig verstand. So waren einige Jahre vergangen. Bis eben dieser Professor, den er immer wieder einmal getroffen hatte, ihm anbot, als sein Sekretär einzutreten. Später, nach einer wichtigen Arbeit dieses Wissenschaftlers, solle er, Klas, dann die Möglichkeit bekommen, Student an der Universität zu sein. Das war 1844 gewesen. Doch dann starb dieser Mann, und alle Träume waren plötzlich vorbei. Die Wirtschaft lief schlecht, eine gute Arbeit fand er nicht mehr. Einige Zeit konnte er eine Stellung als zweiter Commis einnehmen, aber das ertrug er nicht, ständig von dem ersten Commis angewiesen zu werden. So kam er eines Tages mit einer Schnapsfahne ins Büro und
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bald gab es einen heftigen Streit. Doch Klas sah sich im Recht, belegte das auch lautstark, bis der Kaufmann selbst kam und ihn ungefragt in die Schranken wies. Da hatte er vor Wut gegen ein Schreibpult getreten, es machte richtig einen Satz nach vorn. Und Klas Klasen fand sich auf der Straße wieder. Dann mußte er mit gebrochenem Fuß in die Elbmarsch zurückkehren, hielt sich in Borsfleth bei seinen Eltern auf und plante, in Hamburg nach Arbeit zu suchen. Da sah er eines Tages Henriette. Er hatte für die Eltern in Crempe zu tun, dem Sattler Zeug zu bringen, das noch am gleichen Tag repariert werden mußte. Und während er wartete, wanderte er ein wenig durch die kleine Stadt. So war er auf den Mühlenberg gekommen, der letzte Teil der alten Festungswälle, denn Crempe war einst eine wichtige Stadt, bevor Glückstadt direkt an der Elbe entstanden war. Da saß diese junge Frau in einem Buch lesend im Gras des Hanges. Guten Abend, gnädiges Fräulein.
Oh, vielen Dank mein Herr, doch ein gnädiges Fräulein bin ich nicht, sondern das Dienstmädchen des Sattlers, wo Sie, der junge Herr Klasen, ja Ihre Sachen gleich abholen werden. Oh, ich sah Sie nicht dort. Und ein Dienstmädchen lesend anzutreffen, ist auch ein wenig überraschend, oder nicht? Ja, das ist mein besonderes Privileg. Weil ich immer sehr früh den Dienst beginne. Da darf ich dafür jeden Tag, bevor es dunkel wird, eine knappe Stunde fortgehen und lesen. Meistens gehe ich nur in den Garten unten am Fluß, aber heute dachte ich, hier oben würde ein kühler Wind wehen, der mich erfrischen möchte. Donnerwetter, noble Herrschaft, das traute ich dem brummigen Sattlermeister gar nicht zu.
Ja, er ist ein guter Herr, und ich erinnere ihn an seine frühere Frau, die bald starb. Auch sie liebte Bücher, beziehungsweise das Wissen, das in ihnen steckt. Und seit er nun schon zum zweiten mal Witwer ist, kümmert er sich kaum noch um die Wirtschaft und läßt mir freie Hand, so wie dem Gesellen auch. So sind wir alle zufrieden. Was lesen Sie denn gerade? Ist es nicht sogar jenes Buch über die Geographie, das ich selbst studiert habe? Sie lesen Fachbücher? Donnerwetter!
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Vielleicht, hier, sehen Sie. Ich bekomme solche Bücher vom hiesigen Lehrer, der fast schon ein Freund ist, darf ich wohl sagen. Und ich lerne darüber hinaus viel bei ihm, weil ich auch ihm im Haushalt etwas helfe, er ist ein entfernter Vetter meines Herrn. Doch nun schwatze ich so viel und halte Sie auf. Die Sachen für Sie sind bestimmt schon fertig. Und ich muß auch aufbrechen. Dann haben wir den selben Weg, darf ich Sie begleiten? Meinetwegen sehr gern, aber der Herr Kaufmann Klasen sollte vielleicht nicht mit dem Dienstmädchen durch die Stadt spazieren. Ich laufe rasch durch die Gärten die Au entlang. Auf Wiedersehen. Dann war sie auch schon schnell den Hang hinuntergegangen. Und Klas sah sie auch nicht, als er die Sachen auflud und nach Borsfleth zurückkehrte.
Aber am nächsten Tag war er wieder in der Stadt, fand jene Frau aber nicht am Mühlenberg und auch nicht anderswo. Aber er kam nun jede Woche mindestens zweimal nach Crempe, etwas zu besorgen, ging ab und an auch zum Sattler wegen irgendwas. Und immer zu jener Zeit, damit er noch über den Mühlenberg ins Gasthaus laufen konnte. Doch nach ihr zu fragen, das traute er sich nicht. Erst nach Wochen saß sie wieder da und sah ihm nachdenklich entgegen. Ein Buch hielt sie geschlossen auf dem Schoß. Die Leute reden schon darüber, daß der junge Kaufmann Klasen dauernd auf dem Mühlenberg zu sehen ist, obwohl der Hof in Borsfleth doch wohl Arbeit genug habe. Und die anderen Dienstmädchen tuscheln darüber, wen er hier wohl zu treffen suche, da doch eigentlich nur ich mit meinem Buche hier zu dieser Zeit manchmal zu finden sei.
Sie sah ihn etwas zornig an, schien es. Verzeihen Sie, ich hätte zuerst Guten Tag sagen sollen, schloß sie dann. Guten Tag, lachte Klas. Das wäre alles nicht passiert, wenn Sie am nächsten Abend wieder hier gewesen wären und wir einen geheimen Ort für unsere Buchbesprechung gefunden hätten. Was lesen Sie heute? Oh, ich sehe, immer noch Geographie. Wie weit sind Sie? Was reden Sie denn, mein Herr. Ihnen fehlt es wohl an Respekt einer Frau gegenüber, wenn ich auch keine Dame bin, einen geheimen Ort, was denken Sie sich! Leben Sie wohl.
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Bitte, bitte, gehen Sie nicht, ich entschuldige mich für mein forsches Gerede. Die Leute haben recht, was sollte ich hier tun, wenn nicht nach Ihnen sehen. Doch es bleibt richtig, wären Sie früher da gewesen, hätte es kein Gerede gegeben, oder? Was kann ich also tun, um Sie wiederzusehen, Fräulein Henriette. Ja, natürlich weiß ich mittlerweile Ihren Namen.
Das ist unmöglich und wird nur dazu führen, meine Lesestunde bald ganz zu suspendieren. Bitte bedenken Sie das. Guten Tag. Sie wandte sich um, drehte sich aber noch einmal zurück. Und wenn ich dann hören muß, sie wären nach dem Wirtshausbesuch auch schon mal etwas schwankend heimgezogen, dann ist das erst recht kein Grund, froh über Ihre Bekanntschaft zu sein.
Dann war sie ganz schnell den Hang hinuntergelaufen und bald aus der Sicht Klasens verschwunden.
Doch er hatte verstanden, worum es ging, und blieb nun fort. Und er schwor sich, niemals im Leben wieder einen Tropfen Alkohol zu sich zu nehmen.
Henriette hatte ihren Dienst im Sattlerhaus an diesem Tag früher beendet, denn sie sollte beim Lehrer für drei Gäste sorgen, die der zum Essen eingeladen hatte. Er hatte ihr nichts dazu gesagt, um wen es sich handelte, was sie etwas eigenartig fand. Und irgendwie war sie beunruhigt. Und dann war es ihr plötzlich klar. Tatsächlich, der Gast war Klas. Er saß mit dem Lehrer schon im kleinen Gartenpavillion als sie ankam. Doch Henriette blieb völlig gelassen, äußerlich jedenfalls, sprach kurz über die Speisefolge und ging in die Küche. Wann denn der andere Gast käme, hatte sie noch gefragt. Rechtzeitig zum Essen war die lakonische Antwort. Und da hatte sie es schon gewußt, irgendwie. Tatsächlich, als der Zeitpunkt zum Essen gekommen war, wurde sie selbst mit an den Tisch gebeten.
Das ist doch selbstverständlich, hatte der Lehrer gesagt, Du ißt doch immer mit mir, wenn Du hier bist. Und da es ein einfaches Essen war, Schinken, Spargel und Kartoffeln mit Soße, gab es nicht den Vorwand, sie müsse doch ständig in der Küche sein. Sie lachte in sich hinein, als sie die Schürze
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abband und sich setzte, nachdem Klas ihr den Stuhl zurecht rückte, und die beiden Herren dann auch Platz nahmen. Vielen Dank, mein Herr, wie gut, daß ich meine erste Dienststelle in einem hochherrschaftlichen Haus verbrachte und die Sitten der feinen Leute kenne. Ich sehe auch wieder Ihre Neigung, Ihren Weg ziemlich direkt zu gehen. Woher kennen die Herren sich denn? Oh, ich traf den Herrn Klasen neulich auf dem Weg nach Borsfleth, wo ich Sonntags gern einkehre, und er nahm mich mit. So kamen wir ins Gespräch. Und da er ein sehr interessanter Gesprächspartner ist, dachte ich gleich, das wäre auch für Dich, meine Liebe, eine gute Gelegenheit, mal mit einem anderen Gebildeten, als immer nur mit mir altem Mann zu reden. Klas kennt manches der Bücher, die Du auch gern gelesen hast.
Ja, besonders die Geographie interessiert mich, schloß Klas grinsend daran an, erntete zuerst jedoch einen sehr kurzen, aber ebenso strengen Blick, der auch dem Lehrer nicht verborgen geblieben war. Es ist schon gut so, Henriette, er hat mich nicht ausgenutzt, sondern schnell deutlich gemacht, daß er mich nicht zufällig auflas. Der Herr ist ein ehrenwerther Herr, scheint mir. Aber ein lesendes Dienstmädchen ist doch so ungewöhnlich wie dieser Weg, es kennenzulernen. Wenn es Dir nicht gefällt, kannst Du selbstverständlich jederzeit gehen, und ich werde mich bei Dir entschuldigen, diesen Spaß mitgemacht zu haben, nachdem doch immerhin zuerst Du nach ihm fragtest, erinnerst Du Dich? Da hatte Henriette schnell das Thema gewechselt, der Schinken sei doch wieder sehr gut, und ob die Soße in Ordnung sei? lächelte sie in sich hinein.
Nach dem Essen hatte der Lehrer ein Flasche Port geholt. Doch als er Henriette bat, drei Gläser zu bringen, protestierte die. Das ist nett gemeint, kommt für mich jedoch nicht in Frage. Mein Vater hat gern Alkohol getrunken, und das war immer ganz furchtbar, so daß ich mir vorgenommen habe, niemals einen Tropfen zu trinken. Nicht einmal, wenn ich etwas Wein beim Kochen benutze, mache ich das.
Und auch Klas betonte, nichts davon trinken zu wollen. Ich habe früher gelegentlich etwas viel davon genommen. Doch kürzlich hatte
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ich die Gelegenheit, darüber noch einmal nachzudenken, und schwor mir nun, es künftig ganz bestimmt zu lassen, lächelte er, und sah aus den Augenwinkeln das versonnene Gesicht Henriettes zu seinen Worten.
Bald waren alle drei in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Auch Henriette beteiligte sich, wenn auch zurückhaltend, daran, weil sie manches wußte, was auch den Herren unbekannt war. So waren sie bald auf das wichtigste Thema für viele Menschen der damaligen Zeit gekommen, auf Deutschland. Von der Geographie kamen sie auf die Menschen, die in den Regionen leben, sprachen über die vielen Fürstentümer, die dieses Deutschland zusammen mit Preußen und Österreich bildeten. Kleinstaaten meist, lachten sie, wo der Fürst alle seine Untertanen persönlich kenne und eigenhändig schikaniere. Da haben doch viele Holsteiner und Schleswiger es besser, jedenfalls die in den Elbmarschen und an der Nordseeküste, warf Henriette ein. Wenn sie auch nicht mehr so frei sind, wie damals um das Jahr 1200, als sie aus Holland geholt wurden, um die Entwässerungssysteme hinter den Deichen zu bauen, so sind sie doch nie Leibeigene gewesen, wie die Bauern im Amt Cismar, aus dem ich herkomme. Dort gab es Leibeigenschaft? Das hörte ich nie, antwortete Klas, ich dachte immer, in den Herzogtümern Schleswig und Holstein gäbe es die nur in den Güterbezirken, wo die Adligen ihre Güter haben. Ich kümmerte mich aber auch nicht um diese Frage, nachdem die Leibeigenschaft nun schon fast ein halbes Jahrhundert offiziell abgeschafft ist, obwohl die an den Adel zu zahlenden Lasten der dann freien Bauern eher schwerer wurden. Mehr weiß ich darüber auch nicht, aber im Amt Cismar hat es zumindest in vielen Dörfern Leibeigene gegeben. Das hing wohl mit den Ländereien zusammen, auf denen die lagen. Meist seien die größeren Bauernstellen von Leibeigenen bewirtschaftet gewesen, sagte mir mein Vater, dessen Familie früher auch dazugehört hat. Er besaß eine Chronik, die ab ungefähr 1750 alles über die Familie verzeichnet habe. Denn die letzten Generationen der Familie hatten es geschafft, zu Kaufleuten aufzusteigen. Bei dem Brand, bei dem auch mein Vater umkam, ging die Chronik aber verloren. Er verbrannte? fragte der Lehrer nach.
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Nein, aber er brach zusammen, als er seinen Besitz in Flammen stehen sah. Er hatte sich wohl geweigert, in die Brandgilde einzuzahlen, weil er mit vielen im Dorf in Streit kam, nachdem er schon wegen des Alkohols kein Amtmann mehr war. So verloren wir alles. Meine Mutter mußte den schrecklichen Gang gehen, eine Dienstmagd zu werden, wenn auch bei dem Pastor, so daß ich weiterhin zum Lernen angehalten worden bin, überwiegend allerdings, die Bibel zu lesen. Doch heimlich konnte ich zudem andere Bücher aus dessen umfangreicher Bibliothek studieren. Und auch mir gelang der Sprung über die Magd hinaus nicht, da der Pastor mich für die Arbeit im Hause halten und mir deshalb kein gutes Zeugnis geben wollte. Sie blickte traurig auf ihren Teller. Ja, das war eine der positiven Ausstrahlungen der großen französischen Revolution von 1789 auf Deutschland, half der Lehrer über diesen Punkt hinweg, daß Napoleon dort, wo er mit seinen Heeren die Macht übernahm, die Leibeigenschaft abschaffte. Sogar nach seiner Niederlage 1815 blieb dies so, wenn auch die Bauern wieder große Lasten tragen mußten, die sie dem Adel zu zahlen hatten. Aber leibeigen wurden sie nicht wieder. Nun, sagte Klas dazu, das war aber keine Wohltat. Es hatte doch auch in Deutschland, in Sachsen, aber auch im Rheinland eine Entwicklung begonnen, die die alten Verhältnisse gesprengt hat. Besonders wir Kaufleute... Hier unterbrach er sich lachend, Fräulein Henriette nannte mich nämlich einen Kaufmann, als wir uns das erste mal sahen, obwohl ich, was sie wohl, denke ich heute, auch wußte, nur ein Commis war. Ein gescheiterter dazu, aber das kann ich ein anderes mal erzählen, wenn meine Gesellschaft dann noch genehm sein sollte. Also, die Kaufleute haben vielerorts begonnen, Fabriken in weit größerem Umfang als zuvor zu gründen. In den genannten Regionen, aber ein wenig sogar in Schleswig und besonders in Holstein und dort in Altona, wurde immer deutlicher, daß für sie freie Arbeiter gebraucht werden, mehr als es kräftige Arbeiter in den Städten oder an deren Rändern, wo die Fabriken meist entstanden, damals gab. Als die Menschen nicht mehr leibeigen waren, konnten sie nun fortgehen und dort als Arbeiter Dienst tun. Oft wurden sie vom Dorf direkt verjagt, weil es nicht genügend Arbeit mehr gab, aber
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in mancher Gegend konnte der Gutsherr das Weggehen auch weiterhin verbieten. Und die Besitzer der Fabriken, die neue Bürgerschicht, achtete sehr darauf, diese partielle gewerbliche Freiheit auch zu erhalten, damit sie genügend billige Arbeitskräfte ausbeuten können. Im Rheinland blieb sogar, nachdem Preußen es nach Napoleons Fall in Besitz genommen hatte, das neue französische Recht, der Code Napoleon, in Kraft, der die liberalen Wünsche der Fabrikanten und der Bürgerschicht sehr fördert und Befehle von Adelsherren in die Wirtschaft viel schwerer macht. So wird der Fabrikant frei, in seiner Fabrik allein nach den Notwendigkeiten der Produktion und des Marktes zu entscheiden und genügend Arbeitskräfte anzuwerben. Da darf es keine Leibeigenschaft geben. Ja, das wußte ich wohl, aber nichts über diese wirtschaftlichen Gründe, warf der Lehrer ein.
Das ist ja interessant, meldete sich Henriette zu Wort. Was der Herr Klasen eben sagte, ist doch eine Vorstellung der ewigen Veränderung der Wirtschaft und damit der Menschen, eine Vorstellung, die in der Wissenschaft der Biologie manchmal Evolution genannt wird. Und das beschreiben Sie auch für die Wirtschaft so? Der Herr Lehrer war eben erst so freundlich, mir ein Buch auszuleihen, von dem ich bisher nur ein kleines Stückchen lesen konnte. Und dort wird ganz ähnlich begonnen, mit der Entwicklung der Industrie in England, wo die Fabriken schon wesentlich häufiger und wohl meist viel viel größer sein sollen. Das klingt auch ein wenig so, nach Evolution, meine ich. Du meinst den Engels, den ich Dir gab? Ich konnte noch gar nicht reinsehen, als Du den Band schon mit gierigen Augen an Dich zogst. Genau den, Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, von 1845. Ja, es ist ganz neu. Der Autor übrigens, las ich in dem Verlagsprospekt, ist auch nur Commis, Herr Klasen, wie Sie eben über sich etwas abfällig sagten. Er war es für zwei Jahre in Manchester, in England. Und er ist wohl ungefähr so alt wie Sie, Jahrgang 1820.
Oh, das Fräulein Henriette liest verbotene Bücher? Denn das könnte jener Engels sein, der als Friedrich Oswald in der Rheinischen Zeitung und anderswo manches schrieb, was mir angenehm auffiel. Mir sagte man in Kiel neulich, der richtige Name sei Engels.
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Aber mein Herr, was unterstellen Sie mir, niemals täte ich etwas gegen unsere Herren von göttlichen Gnaden. Diese Rheinische Zeitung, ist das diese Zeitung, die Sie, Herr Lehrer, auch gern lasen, früher nicht war? Aber es gibt sie nicht mehr, oder? Nein, sie wurde verboten, lachte Klas wieder, und sicher sind alle Autoren dieses Blattes bis heute verfolgt und alles, was sie denken oder gar schreiben, ist verboten. Sage ich doch, Sie, verehrtes Fräulein, verkehren in zweifelhaften Kreisen. Scharfe Worte, mein Freund, nahm der Lehrer den Gedanken auf, verboten doch nicht hier unter der Herrschaft Dänemarks, wenn es auch nur die dänische Verwaltung heißt, aber doch die reale Herrschaft ist. Verboten wurde dieses Blatt in Preußen. Aber Sie haben recht, der letzte Chefredakteur, Marx, dessen Namen wir erst erfuhren, als er die Leitung dort aufgab, mußte sogar ins Ausland vor der preußischen Rache flüchten. Hoffentlich geht es ihm danach im Leben besser als mir, murmelte der Lehrer dann noch. Was heißt das nun, besser als Ihnen? Klas lachte wieder. Wo bin ich hier denn gelandet? Ein Fräulein liest, was der göttliche König in Berlin durch die Zensur verbietet, ihr Mentor murmelt über eine eigene Flucht vor den preußischen Häschern. Sollte eher ich um meinen Ruf fürchten?
Da bin ich nun aber auch gespannt, warf Henriette ein. Was raten Sie mir zu lesen? Was taten Sie in Ihrem Leben? Ich weiß sehr wohl, daß es hessisch ist, was Sie manchmal in Ihrer Sprache haben. Ist das etwa auch dem Rheinland zugehörig, über das jetzt Preußen herrscht? Nein, ihr Lieben, so schlimm ist das alles nicht. Aber ich will den Zeitpunkt nutzen, euch etwas von mir zu erzählen, es paßt zu unserem Thema über Deutschland. Wenn ihr denn wollt, es ist tatsächlich, schicke ich voraus, der Gedanke der Republik, der mich leitet. Doch ich vertraue euch, Stillschweigen zu bewahren. Wenn ihr nicht einverstanden seid und dann lieber gehen wollt, sagt es, bevor ich zuviel preisgebe.
Nur zu, nur zu. Ich habe schon manchen prüfenden Zwischenton in meine Richtung vernommen in den Tagen, die wir uns kennen, Herr Lehrer, und Euch stets offen Antwort gegeben, wie sehr auch ich in diese Richtung denke und fühle. Soweit bin ich denn doch vielleicht
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schon Kaufmann, werthes Fräulein Henriette, daß die Interessen dieses Standes nicht durch königliche Befehle gestört werden dürfen, wie es die große französische Revolution vorlebte. Aber ich sage hier vorweg. An dieser Haltung sind mir Zweifel gekommen, ob es nicht doch der neu entstehende Arbeiterstand ist, dessen Interessen mit bedacht werden müssen, auch wenn diese Menschen bislang nicht als Vierter Stand anerkannt werden.
Das ist ja sehr interessant. Denn da höre ich soeben doch wohl noch weit verbotenere Gedanken als ich sie überhaupt kenne. Und, bester Herr Klasen, mir scheint wieder, Sie kommen dem Engels recht nahe. Denn ich meine, nach den wenigen Seiten, die ich las, er habe genau diesen Gedanken verfolgt, den Sie eben äußerten. Sonst hätte er doch dem Buche auch nicht den Titel gegeben, die Lage der arbeitenden Klasse Englands. Denn mit Klasse meint er, was Sie eben noch Stand nannten, nach den Kirchenfürsten als erstem Stand und dem Adel als zweiten, die Bürgerlichen, Handwerker und Bauern als drittem Stand nun die Arbeiterschaft. Aber wir unterbrachen den Herrn Lehrer, der uns beichten wollte. Das sollten wir uns erstmal anhören. Doch zuvor, wenn die Herren hier plötzlich so weit gehen wollen, ihr Herz auszuschütten, will ich jedenfalls zu Ihrer beider Sicherheit soweit gehen, davon zu sprechen, mit einer gewissen Sympathie von jener Revolution von 1789 gelesen zu haben. Also auf geht‘s, Herr Lehrer, was haben Sie ausgefressen?
Es ist schon so lange her, ich suche noch nach Worten. Es war kurz nach der zweiten französischen Revolution von 1830, bei der das Bürgertum den Aufstand des einfachen Volkes so grausam niederschlug, als ich in Frankfurt - nein Hessen gehört nicht zum Rheinland, und Frankfurt ist eine freie Stadt, wie ein Land also geltend, wie auch Hamburg, Lübeck und Bremen - als ich also an einem Plan gegen Gott und Königtum mich beteiligte. 1833 hatte ich einen Freund, Johann Philipp Becker, der zusammen mit Hermann von Rauschenplat diesen Plan ersann, nämlich die Abgeordneten des Deutschen Bundes, also die Vertreter der deutschen Fürsten, zu verhaften, um damit die dabei entstehende Volksbewegung in einen offenen Aufstand, in eine Revolution gegen den Adel zu überführen - so hofften wir. Denn nach der Pariser Julirevolution 1830 hatte es in
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Deutschland neue Zeitungen gegeben, die der Macht des Volkes Ausdruck verleihen wollten, 1832 waren dann diese Freiheitsfeste organisiert worden, in Hambach kamen am 27. Mai 30.000 Menschen zusammen, um Deutschlands Wiedergeburt zu feiern und zu fordern, wie es auf der schwarz-rot-goldenen Fahne der Freiheit zu lesen war. Die Wiedergeburt als ein einiges Land, als ein einheitlicher Staat, ein kräftiger Staat in Europa, nicht 34 Kleinststaaten und vier freie Städte. Nur zwei, Preußen und Österreich, waren ja mächtig auch damals schon. Überall in Europa waren Volksbewegungen aktiv, hatte es Aufstände gegeben, überall erfolglos. Es gab keine Einigkeit über den Sinn und das Ziel in der deutschen Bewegung, wohin das langfristig führen solle. Also, 1833 machten wir diesen Aufstand, doch die Bevölkerung schloß sich uns nicht an, und wir flüchteten in alle Richtungen. So kam ich nach Holstein, konnte hier als Lehrer eine Anstellung finden und blieb still. Zuviel Angst hatte ich wohl gehabt, noch entdeckt und ergriffen und dann ausgeliefert zu werden. Doch im Herzen blieb ich meinen Idealen treu, von denen ich aber nur noch las. In der Schule bin ich überkorrekt. Erst als Henriette mich um Bücher bat, kamen die Gedanken der Freiheit, die wie ein Rausch sein können, wieder zurück. Doch sie kann es bezeugen, ich agitierte sie nicht. Und den Engels, merke ich nun, hätte ich ihr wohl kaum gegeben, wenn ich zuvor hineingesehen hätte.
Henriette
Da war es wieder, dieses helle Klas! Klas!, das in ein Lachen eingewoben schien und ihn aus seinen Träumen riß. Und dann sah er sie endlich. Henriette stieg nun schon langsam die Gangway hinunter, fast am Ende des Menschenstroms, der so lange aus diesem Schiff geflossen war. Mit schnellen Schritten war er dort. Bald konnte er ihre Hand nehmen und sie gleich am Ende der Brüstung seitlich zu sich ziehen. Er sah in diese Augen, die ihn vom ersten Augenblick an so gefesselt hatten, und seine Stirn sank gegen die ihre, seine Arme umfaßten sie und diesen erkennbaren, aber noch nicht üppig ausgeprägten Bauch. Er spürte ein Zittern in seinem ganzen Körper, die Augen wurden feucht. Und so standen sie wohl einige Minuten da, wie eine Statue der Liebe. Dann regte sie sich und sah ihn an.
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Sei gegrüßt, mein lieber Mann, mein lieber Klas. Hab Dank für Deine Unterstützung - und vergib... Nein, nein, nein, kam es aber laut aus ihm heraus, so daß er offensichtlich selbst überrascht war und sich unterbrach. Dann nahm er plötzlich ihre Hand und zog sie zurück zur Gangway. Geh‘ noch einmal zurück an Bord. Es gibt kein Verzeihen. Nichts dergleichen ist notwendig! Schrieb ich Dir das nicht schon? Glaubst Du immer noch nicht an das alles, was wir uns für die Zukunft überlegten? Wenn Du heute Amerika betrittst, dann als freier Mensch, ohne Sünde, ohne Schuld. Nur als ein freier Mensch, Henriette. Undich fühle nun doch, das willst Du noch sein - als meine geliebte Frau, als meine Gemahlin, als meine Freundin, die stolz auf sich ist, hier angekommen zu sein.
Dann sah er sie still an und sein Gesicht gab das Lächeln zurück, das in ihrem aufgeglommen war. Sie nickte dabei. Gut, mein Freund, das soll gelten, auch für Deinen liebevollen Abschied in Hamburg, lächelte sie ironisch. Und ich sage nichts mehr dazu.
Hast Du kein Gepäck, fragte er sie nun plötzlich und sah sich um, keine Koffer, kein Dienstmann? Oh je, rief sie aus, meine Lieben, wo seid ihr? Suchend sah sie sich um. Dann zog sie Klas zu drei Frauen hinüber, die mit einigem Gepäck ein kleines Stück weiter in der noch aufgeregten Menge wartend standen.
Hier ist er also: Klas Klasen, der Amerikaner aus Holstein und in Holstein. Sagt gleich Du zueinander, so ist es, sagt er, üblich in Amerika. Jedenfalls innerhalb eines Standes. Und wir sind doch wohl an Bord dieser Schiffe zu einem Stand der Freien geworden. Lieber Klas, dies ist Christine, sie kommt aus dem Rheinland hierher und war so freundlich, meinen Koffer mit herunter zu bringen. Wir wurden gute Freundinnen auf dem Schiff. Und das gilt auch für Gerda und Barbara hier, die aus Berlin nach Amerika kommen. Klas hatte seinen Hut abgenommen und alle drei Frauen mit Handschlag begrüßt.
Ich freue mich sehr, euch kennen zu lernen. Doch wenn es euch möglich ist, so haben wir es in unserem Dorf, das ist bisher nur eine
38 * Henriette
Gruppe von Freunden, beschlossen, sprechen wir lieber Englisch, die Sprache der freien Menschen in der Welt. Durch nichts lernen wir es so schnell, haben wir erfahren, als wenn wir nur diese Sprache hören und zumindest bald auch sprechen. Ich habe einen Wagen drüben hinter den Kisten stehen, der groß genug für alle ist, wenn denn einige hinten auf einem Ballen Stroh sitzen mögen. Wohin soll es denn gehen?
Das, lieber Klas, ist die Frage. Sie sind alle ohne Ziel, wie es aussieht, da niemand sie abgeholt hat. Für Christine gilt das sowieso, sie war so mutig, ohne Begleitung hierher zu reisen, um diese Freiheit zu suchen, von der Du wieder so trefflich zu sprechen, was sage ich, zu schwärmen weißt. Doch Gerda und Barbara kamen her, um eine Ehe einzugehen. Beide wurden nicht abgeholt, sehen wir jetzt, das hatten sie aber offen gesagt schon für möglich gehalten, denn die Briefe der beiden Brüder, oder den angeblichen Brüdern, denen sie folgten, waren zuletzt ausgeblieben. Ich frage Dich also... Aber ja, das ist eine gute Idee. Wenn ihr drei das Landleben mögt, oder es euch jedenfalls erstmal ansehen wollt, dann seid ihr in dem Dorf Holstein in Californien bestens aufgehoben. Der Wagen ist auch groß genug, um zusammen dorthin zu fahren. Doch heute bleiben wir noch in Frisco, wir haben ein Anwesen hier, das zwar vermietet ist, in dem wir aber noch einen Schuppen nutzen, eine kleine Scheune für unseren Handel mit Frisco, in der wir auch alle in Heu und Stroh übernachten können. Ob wir heute noch Hotel- oder Pensionszimmer bekommen, wenn ihr nicht über die Reederei vorbestellt habt, steht ohnehin in Frage. Und die Preise sind unverschämt. Auch das ist die Freiheit in Amerika. Also wie ist es, fahren wir erstmal alle dorthin? Es dauert nur eine halbe Stunde. Morgen früh geht es dann nach Holstein. Wir können auch später abfahren, wenn morgens noch Erkundigungen eingezogen werden sollen, nach Brüdern oder anderen. Denn aus Rücksicht auf unser Kind wollen wir die Strecke in vier Tagen bewältigen, sonst brauchen wir mit dem Wagen drei, mit einem Reitpferd zwei Tage dorthin.
Das ist wunderbar. Henriette küßte Klas auf die Wange. Offen gestanden hatten wir zusammen schon an diese Lösung gedacht. Wir sind also bereit und sehr froh, erstmal beieinander bleiben zu können.
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Laßt uns aufladen. Nur eins noch, lieber Mann, ich bin schwanger, nicht krank, und in unserer Familie haben Frauen immer bis zur Geburt arbeiten müssen. Ich, ich ganz allein, werde sagen, wenn Rücksicht genommen werden soll, ok? War das jetzt einigermaßen richtiges Englisch?
Ich weiß nicht, ob es das hier gibt, hier wird sehr viel unter diesem Namen verstanden.
Doch, das war ganz richtig, auch das ok war ok, lachte Christine. Ich lebte in England einige Zeit mit meinem Vater, der dort eine Fabrik aufbaute, erklärte sie Klas. Aber die ging bald bankrott. So nahm ich das kleine Erbe, das mein Vater gesichert hatte, und kam hierher, obwohl ich schon wußte, die Familie, bei der ich eigentlich Hauslehrerin werden sollte, mußte nach Chicago ziehen, wohin ich aber nicht wollte. Ich las über Californien und wollte hierher, obgleich die vielen Goldsucher mich ein wenig schreckten. Aber die Goldsuche soll ja langsam ein Ende finden, dann verschwinden die wohl alle wieder, und eine neue Zeit beginnt. Wenn ich in diesem wundersamen Holstein mein Brot verdienen kann, umso besser. Sei unbesorgt, Klas, ich kann auf Feld und Wiese kräftig arbeiten, mein Vater war alles gleichzeitig, Bauer und Kaufmann und Fabrikant. Und das gilt für uns ebenso, sagte Barbara dann. Gerda und ich waren Kindermädchen in Berlin. Aber als wir uns kennenlernten und über das Leben nachdachten, schien uns unser Lebensweg, höchstens einmal Haushälterin zu werden, nicht mehr so schön, wie wir früher einmal gedacht hatten, als wir die Möglichkeiten der großen Stadt noch nicht kannten. Wir kommen aus Dörfern und wissen um die Arbeit in der Landwirtschaft.
Wir sind kräftig genug, schloß Gerda daran an, für unser Leben und das einer Gemeinschaft hart zu arbeiten. Und wir haben uns schon verständigt, sehr gern zumindest eine längere Zeit in diesem Holstein den Aufbau mit erarbeiten zu wollen, wenn wir denn dürfen. Denn wir wollen auf jeden Fall zusammen bleiben. Sie hatten bei diesem Gespräch nun schon den Wagen erreicht, die Frauen hatten gleich abgewunken, nein, dorthin könnten sie die paar Koffer leicht tragen. Sie hatten dann noch Eßwaren besorgt und waren bald hinter der kleinen Scheune an einem Feuer in ein lebhaftes
Arbeit zitieren:
Dr. Lars Hennings, 2008, Der Rausch der Freiheit - Henriette, die Revolution und die Suche nach Glück, München, GRIN Verlag GmbH
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Zweite Moderne oder Postmoderne?
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Birgit Schmidt
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