Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Auswirkungen elterlicher Arbeitslosigkeit auf Familien 3
2.1 Auswirkungen auf das Familienklima 3
2.2 Vernachlässigung 6
2.3 Gewalt in der Familie 7
2.4 Auswirkungen auf die sozialen Netzwerke 9
2.5 Auswirkungen auf den schulischen Bereich der Kinder 11
2.6 Auswirkungen auf die Wohnverhältnisse 16
2.7 Gesundheitliche Folgen 19
2.7.1 Das Ernährungsverhalten 19
2.7.2 Gesundheitliche Folgen im physischen Bereich 21
2.7.3 Gesundheitliche Folgen im psychischen Bereich 25
3. Bewältigungsstrategien der Kinder und Familien 26
3.1 Bewältigungsmodelle 27
3.1.1. Das Transaktionale Bewältigungsmodell von Richard S. Lazarus 27
3.1.2. Das Modell des Belastungs-Überforderungs-Prozesses nach Leonard
Pearlin 28
3.2 Risikofaktoren 31
3.3 Schutzfaktoren 33
3.4 Bewältigungshandeln von Kindern 37
3.5 Bewältigungshandeln von Eltern 43
4. Pädagogische Angebote zur Unterstützung der Betroffenen in ihrem
Bew ältigungshandeln 46
4.1 FAST-Programm 46
4.2 Sozialpädagogische Familienhilfe 51
5. Schlussbetrachtung 54
6. Literaturverzeichnis 58
6.1 Fachliteratur 58
6.2 Internetquellen 63
7. Anhang 65
1. Einleitung
Das Thema der vorliegenden Bachelorarbeit im Kernfach Sozialpädagogik lautet: „Auswirkungen elterlicher Arbeitslosigkeit auf Familien“.
Das Thema „Arbeitslosigkeit in Deutschland“ war bis zu der in den 1970er Jahren erstmals auftretenden westdeutschen Massenarbeitslosigkeit nicht weit verbreitet. Seit den 1970er Jahren vollzieht sich in der Arbeitsgesellschaft ein Wandel. So verlieren beispielsweise Produktionstätigkeiten an Bedeutung, während der Sektor der personenbezogenen Dienstleistungen wächst. Ferner findet vor allem in den unteren Qualifikationssegmenten ein Arbeitsplatzabbau statt. Dieser Abbau führt zu einer Reduzierung der Arbeitsplätze für Personen ohne höherwertige Bildungszertifikate (vgl. GALUSKE 1993, S. 45 f.). Aus den zuvor aufgeführten Aspekten wird deutlich, dass im Gegensatz zu früher die Arbeitslosigkeit in der heutigen Zeit nicht mehr als ein vorübergehendes Problem zu bezeichnen ist, sondern vielmehr zu einem konstanten Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden ist. Beispielsweise betrug im Februar 2008 die Arbeitslosenquote in Deutschland 8,6 Prozent, was einer Gesamtanzahl von 3,617 Millionen arbeitslos gemeldeten Personen entspricht (vgl. SPIEGEL-ONLINE 2008, S. 1).
Des Weiteren ist erwähnenswert, dass nicht alle gesellschaftlichen Gruppen in gleichem Umfang von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Zu den besonders von Arbeitslosigkeit betroffenen Bevölkerungsgruppen zählen einerseits Personen unter 25- sowie über 55 Jahren und älter, andererseits Menschen, die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen und somit seit mindestens einem Jahr oder länger keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen sind. Weiterhin werden Personen mit Migrationshintergrund sowie Alleinerziehende zu denjenigen Personen subsumiert, die in besonderem Maße von Arbeitslosigkeit betroffen sind (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 101 ff.).
Kennzeichnend für die zuvor genannten Personengruppen ist, dass sie in der überwiegenden Mehrheit Familien gegründet haben. Demzufolge sind nicht nur sie allein von der eingetretenen Arbeitslosigkeit und deren Folgen betroffen, sondern ebenso deren Partner und Kinder, die mit ihnen im Haushalt leben und deren Versorgung entscheidend von ihnen abhängig ist (vgl. KLOCKE 1995, S. 186).
1
Der Erwerbstätigkeit wird in der hiesigen Gesellschaft ein hoher Stellenwert beigemessen, weil sie für die Lebensgestaltung der Menschen in vielerlei Hinsicht von erheblicher Bedeutsamkeit ist. So dient sie zum einen der materiellen Reproduktion, womit die Existenzerhaltung gemeint ist. Zum anderen wird die berufliche Stellung einer Person zum zentralen Strukturprinzip unserer Gesellschaft. Während früher die Geburt in den jeweiligen Stand für die soziale Platzierung eines Menschen zuständig war, ist es heutzutage der Beruf, der den sozialen Status eines Individuums bestimmt. Aufgrund ihres sozialen Status genießen arbeitslose Personen oftmals kein gutes Ansehen und werden häufig von Freunden, Bekannten und Mitmenschen sozial ausgegrenzt und isoliert (vgl. GALUSKE 1993, S. 25).
Hinsichtlich der Auswirkungen einer Arbeitslosigkeit auf die Betroffenen kann festgehalten werden, dass diese sehr vielfältig sein können und sich interindividuell unterschiedlich gestalten. Folglich dessen gibt es in der Praxis keine einheitlichen Folgen von Arbeitslosigkeit. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass sich die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit besonders negativ gestalten, wenn beide beziehungsweise der alleinerziehende Elternteil oder der Haupternährer der Familie nicht mehr erwerbstätig sind/ist (vgl. TEXTOR 1990, S. 1 ff.). Bezüglich der Auswirkungen elterlicher Arbeitslosigkeit auf Familien ist bemerkenswert, dass sie sich einerseits auf Aspekte beziehen, die auf die Verschlechterung der materiellen Situation der Familie zurückgeführt werden können. Ein vermindertes Haushaltseinkommen führt automatisch zu Einschränkungen, die im Bereich der Bekleidung, der Ernährung, der Freizeit sowie des Wohnens vorgenommen werden müssen. Andererseits führt Arbeitslosigkeit zu erhöhten psychischen Belastungen, Verlust an Ansehen, Ehekrisen und/oder anderen Problemen.
Im Rahmen dieser Bachelorarbeit ist in Anlehnung an das eingangs genannte Thema die Beantwortung der Frage, „Durch welche Angebote kann die Pädagogik die von Arbeitslosigkeit Betroffenen in ihrem Bewältigungshandeln unterstützen, um eine Besserung ihrer Situation zu erzielen?“ vordergründig. Um sich der Beantwortung dieser Frage zu nähern, ist die vorliegende Arbeit wie folgt gegliedert:
Zunächst werden verschiedene mögliche Auswirkungen auf Familien beschrieben, die durch eine elterliche Arbeitslosigkeit entstehen können. Anschließend werden im dritten Kapitel zwei Bewältigungsmodelle erläutert, die für das Verstehen des Bewältigungsverhaltens bedeutsam sind. Ferner werden sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren vorgestellt, die die Folgen und das Bewältigungshandeln der von elterlicher Arbeitslosigkeit betroffenen Kinder beeinflussen können.
2
Zum Abschluss des dritten Kapitels werden konkrete Bewältigungsstrategien der Kinder und ihrer Erziehungsberechtigten, welche von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aufgeführt. Im vierten Kapitel wird die der Arbeit zugrundeliegende Frage, „Durch welche Angebote kann die Pädagogik die von Arbeitslosigkeit Betroffenen in ihrem Bewältigungshandeln unterstützen, um eine Besserung ihrer Situation zu erzielen?“ beantwortet. Dazu werden zwei pädagogische Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der von Arbeitslosigkeit betroffenen Familien vorgestellt und kritisch betrachtet, während die Schlussbetrachtung in Kapitel fünf den letzten inhaltlichen Aspekt dieser Bachelorarbeit darstellt. Des Weiteren sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass in der vorliegenden Arbeit bei der Verwendung geschlechtsspezifischer Wortformen zwecks eines einheitlichen und übersichtlichen Textbildes ausschließlich die männliche Form gewählt wurde. Es sei ausdrücklich betont, dass mit dieser Entscheidung selbstverständlich keinerlei geschlechtlich bedingte Diskriminierung beabsichtigt ist.
2. Auswirkungen elterlicher Arbeitslosigkeit auf Familien
Die Auswirkungen einer Arbeitslosigkeit können für die Betroffenen sehr vielfältig sein und sich interindividuell unterschiedlich gestalten. Folglich dessen gibt es in der Praxis keine einheitlichen Folgen von Arbeitslosigkeit. Es handelt sich vielmehr um einen Veränderungsprozess zentraler Lebensbedingungen, der in verschiedenen Formen bewältigt werden muss. Eine finanzielle Belastung in Folge einer Arbeitslosigkeit des Haupternährers bedeutet für die einzelnen Familienmitglieder häufig, dass sie Einschränkungen im Bereich des Wohnens, der Bekleidung und/oder der Freizeit vornehmen müssen. Ebenso kann sich eine elterliche Arbeitslosigkeit negativ auf das Familienklima, die schulischen Leistungen der Kinder, die Gesundheit und/oder auf die sozialen Kontakte auswirken. Im Vordergrund des folgenden Kapitels steht die Erläuterung der zuvor aufgeführten Aspekte.
2.1 Auswirkungen auf das Familienklima
Ob das Leben in Arbeitslosigkeit zu Belastungen der Betroffenen führt und in welchem Ausmaß sich diese Belastungen gestalten, hängt sehr stark von den Bewältigungsbemühungen und Anpassungsreaktionen der Betroffenen ab (vgl. WALPER 1999, S. 274).
3
Bemerkenswert ist, dass je größer der finanzielle Druck einer Familie ist und je häufiger dadurch die einzelnen Familienmitglieder zu Einschränkungen und Anpassungsleistungen gezwungen werden, desto größer ist auch der Stress, dem sie immer wieder erneut ausgesetzt sind. Diese täglichen Anspannungen wirken sich zum einen negativ auf das Interaktionsverhalten der Eltern aus, zum anderen steigen ihre psychischen Belastungen an. Folglich dessen kann es vermehrt zu reizbaren Stimmungen, Nervosität und/oder depressiven Verstimmungen innerhalb der Familie kommen (vgl. WALPER 1995, S. 197). Insbesondere eine Arbeitslosigkeit des Vaters kann sich verändernd auf das Familienklima auswirken, denn sie wandelt oftmals den Alltag und den Tagesrhythmus einer Familie völlig um. Aus unterschiedlichen Studien zur Arbeitslosigkeit von Vätern resultiert, dass sich diese Situation negativer auf das psychische Befinden des Vaters auswirkt als auf das Befinden und Verhalten der Mutter. Der zuvor genannte Aspekt ist darauf zurückzuführen, dass sich arbeitslose Väter häufig als Versager fühlen und sich selbst die Schuld für die missliche Lage zuschreiben. Daraus können vermehrt depressive aber auch feindselige Stimmungen des Vaters, die sowohl auf die Kinder als auch auf die Ehefrau beziehungsweise die Partnerin des arbeitslosen Mannes gerichtet sind, folgen (ebd., S. 200). Des Weiteren ist erwiesen, dass mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit des Haupternährers die Anzahl an Streitereien, Konflikten und Spannungen in den Beziehungsgeflechten der betroffenen Familien ansteigt. Diese häufigen Auseinandersetzungen stellen für die Familienmitglieder eine zusätzliche Belastung zu den Einschränkungen, die sie im Rahmen der Arbeitslosigkeit erfahren müssen dar (vgl. KAMENSKY/ HEUSOHN/ KLEMM 2000, S. 20).
Ferner ändert sich oftmals mit einer Arbeitslosigkeit des Vaters auch das Rollensystem innerhalb der Familie. Während in der ersten Zeit nach Eintreten der Arbeitslosigkeit die Konzentration der Familienmitglieder auf das Suchen und Finden einer neuen Erwerbstätigkeit des Vaters gerichtet ist, nimmt mit dem Scheitern der Bemühungen der prozentuale Anteil derjenigen Frauen zu, die einer Beschäftigung nachgehen und somit die Rolle der Familienernährerin einnehmen. Somit ist die klassische Rollenaufteilung in diesen Familien nicht mehr gegeben (vgl. NEUBERGER 1997, S. 103).
Des Weiteren können eine Arbeitslosigkeit und damit einhergehende Belastungen auch zu Veränderungen im Erziehungsverhalten der Eltern führen.
4
Matthias Grundmann geht in seinem Bericht auf zwei Erziehungsstile ein: 1. Die elterliche Kontrolle
2. Die elterliche Unterstützung (vgl. GRUNDMANN 2001, S. 211).
Bezeichnendes Charakteristikum des Erziehungsstils der elterlichen Kontrolle ist, dass die Kinder in ihren Erfahrungsräumen erheblich eingeschränkt sind. Die elterliche Kontrolle zeigt sich in einem autoritären Erziehungsverhalten der Eltern, welches häufig mit psychosozialen Aspekten wie zum Beispiel Liebesentzug und Schuldzuschreibungen einhergeht. Im Gegensatz dazu, ermöglicht der Erziehungsstil der elterlichen Unterstützung den Kindern das selbstständige Sammeln von Erfahrungen und trägt somit zu einer hinreichenden Persönlichkeitsentwicklung bei. Laut Aussagen von Matthias Grundmann ist in Familien, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, ein unterstützendes Erziehungsverhalten weniger häufig vorzufinden (ebd.).
Ferner verweist Christa Neuberger darauf, dass mit einer zunehmenden Verschlechterung der ökonomischen Situation einer Familie häufig ein autoritärer Erziehungsstil einhergeht (vgl. NEUBERGER 1997, S. 108). In Anlehnung daran ist jedoch erwähnenswert, dass es nicht selten in den von Arbeitslosigkeit betroffenen Familien auch zu einem inkonsequenten beziehungsweise verwöhnenden Erziehungsstil der Eltern kommen kann. Gerade wenn sich die Erziehungsberechtigten angespannt und überfordert fühlen oder wenn die Kinder ein starkes Durchsetzungsvermögen aufweisen, neigen sie zu einem inkonsequenten Verhalten. Diese Form der Erziehung stellt neben dem kontrollierenden- und dem autoritären Erziehungsstil ein weiteres Extrem dar, mit dem Kinder, deren Eltern von Arbeitslosigkeit betroffen sind, in ihrer Familie konfrontiert werden können (vgl. WALPER 1995, S. 201 f.).
Hinsichtlich der Auswirkungen einer Arbeitslosigkeit auf das Familienklima von alleinerziehenden Personen kann festgehalten werden, dass die alleinerziehenden Personen im Gegensatz zu Zwei-Eltern-Haushalten mit den sich stellenden Problemen alleine konfrontiert sind, was sich ebenfalls negativ auf das Erziehungsverhalten auswirken kann. Entsprechend den Ergebnissen einiger Untersuchungen zum Erziehungsverhalten alleinerziehender, in finanzieller Notlage lebender Mütter kann gezeigt werden, dass finanziell belastete, alleinerziehende Frauen vermehrt zu einem negativen und strafenden- und weniger zu einem unterstützenden Verhalten gegenüber ihren Kindern neigen (ebd.).
5
Des Weiteren ist erwähnenswert, dass die Arbeitslosigkeit alleinerziehender Mütter weniger schwere Folgen für das Familienleben hat als die Arbeitslosigkeit von Vätern in einem Zwei-Eltern-Haushalt. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass sich Männer stark über ihre Arbeit definieren und der Verlust jener Arbeit eine große Belastung für ihr Selbstwertgefühl bedeutet. Für den Mann „(…) beruht seine Identität in erster Linie auf seiner Kompetenz im Berufsleben und in der Familie auf seiner Fähigkeit, die von ihm erwartete Ernährerrolle zu erfüllen“ (MATTER 1999, S. 25). Im Gegensatz zu arbeitslosen Vätern können arbeitslose (alleinerziehende) Frauen immer wieder auf die Rolle als Mutter zurückgreifen und den Verlust des Arbeitsplatzes durch die vermehrte Zeit mit der Familie kompensieren. In diesem Fall leiden die Kinder nicht so stark unter der Arbeitslosigkeit wie in Zwei-Eltern-Haushalten mit einem arbeitslosen Vater (vgl. WALPER 1995, S. 201 f.).
2.2 Vernachlässigung
Reinhold Schone definiert Vernachlässigung wie folgt:
„Vernachlässigung ist die andauernde oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns sorgeverpflichteter Personen (Eltern oder andere von ihnen autorisierte Betreuungspersonen), welches zur Sicherstellung der physischen oder psychischen Versorgung des Kindes notwendig wäre. Dies weist auf die Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft von Eltern/ Bezugspersonen hin, kindliche Lebensbedürfnisse wahrzunehmen und zu befriedigen“ (SCHONE 2000, S. 73).
Nicht selten kommt es in Familien, die von elterlicher Arbeitslosigkeit betroffen sind zu einer Vernachlässigung der Kinder. Die Eltern sind so stark mit ihren eigenen Sorgen und Problemen beschäftigt, dass sie die Sorgen und Belange ihrer Kinder übersehen und es folglich dessen zu einer andauernden oder wiederholten Unterlassung fürsorglichen Handelns kommt.
Kennzeichnend für die von Vernachlässigung betroffenen Kinder ist, dass sie eine geringe elterliche Anteilnahme und Unterstützung erfahren sowie wenig liebevolle Zuwendungen und Aufmerksamkeit seitens der Erziehungsberechtigten entgegengebracht bekommen. Zudem kann es zu einem Mangel an Glück, Wärme und Stabilität in der Eltern-Kind-Beziehung kommen (vgl. CHASSÉ/ ZANDER/ RASCH 2003, S. 24 f.). Des Weiteren werden vernachlässigte Kinder früh zur Selbstständigkeit gezwungen und mit ihren Sorgen und Ängsten oft alleine gelassen.
6
Ferner können durch eine Vernachlässigung die Lebens- und Entwicklungschancen der Kinder gefährdet werden und es zu Gefühlen der Überforderung seitens der Kinder kommen (vgl. BUTTERWEGGE/ KLUNDT/ ZENG 2005, S. 149).
Mögliche Risikofaktoren, die in Vernachlässigungen von Kindern münden können, wurden 1994 von Günter Esser herausgearbeitet. Demnach werden ungewollte Schwangerschaften, eine schlechte Lebensbewältigung, eine mangelnde Bildung, beengte Wohnverhältnisse, schwere chronische Belastungen sowie psychischen Störungen zu möglichen Risikofaktoren subsumiert. Zudem können sich eine gestörte Partnerschaftsbeziehung oder der Aspekt, dass jemand alleinerziehend oder noch besonders jung ist, negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken und in Vernachlässigung enden (vgl. ESSER 1994, S. 76). Ebenso stellt Günter Esser in seinem Aufsatz eine Verbindung zwischen psychosozialen Belastungen einer Familie und Ablehnung beziehungsweise Vernachlässigung her. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit einer Ablehnung beziehungsweise einer Vernachlässigung umso größer, je höher die psychosoziale Belastung einer Familie ist (ebd., S. 75). Jedoch ist bemerkenswert, dass die aus der belastenden Situation heraus entstehende Vernachlässigung nicht zwangsläufig in jeder von Arbeitslosigkeit betroffenen Familie auftreten muss. Die durch Arbeitslosigkeit bedingte finanzielle Notlage kann die Familienmitglieder auch stärker zusammenschweißen (vgl. IBEN 1998, S. 51). In diesem Falle verbünden sich die Familienmitglieder um sich gemeinsam gegen die als feindlich empfundene Außenwelt zu behaupten (vgl. NITSCH 2004, S. 23). Folglich dessen kann diese Eltern-Kind-Beziehung durchaus Platz lassen für elterliche Anteilnahme und Aufmerksamkeit und in ein anderes Extrem, die Überbehütung umschlagen (vgl. CHASSÉ/ ZANDER/ RASCH 2003, S. 197).
2.3 Gewalt in der Familie
Empirische Studien aus verschiedenen Ländern haben sich mit dem Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und zunehmender Gewalt in der Familie beschäftigt. Kieselbach, Lödige-Röhrs und Lünser beziehen sich in ihrer Analyse hinsichtlich des Zusammenhangs von Arbeitslosigkeit und zunehmender Gewalt in Familien auf eine Längsschnittuntersuchung aus den USA. In dieser Studie wurde ein signifikanter Zusammenhang zwischen klinisch registrierten Fällen von Kindesmisshandlungen und der jeweiligen Arbeitslosenquote nachgewiesen.
7
Folglich dessen lautet das Resultat dieser Längsschnittuntersuchung, dass mit einer zunehmenden Arbeitslosenquote die Fälle von Kindesmisshandlungen deutlich ansteigen. Als Ursache des zuvor aufgeführten Aspektes werden der ökonomische Stress des Vaters und die mangelhafte Verfügbarkeit von Maßnahmen sozialer Unterstützung herausgestellt (vgl. KIESELBACH/ LÖDIGE-RÖHRS/ LÜNSER 1998, S. 38 ff.). Jedoch vermuten die Autoren, „…daß Arbeitslosigkeit zwar nicht als Ursache, wohl aber in Kombination mit weiteren Belastungsfaktoren in der Familie als Auslöser für gewalttätige Handlungen gegen Kinder bezeichnet werden kann“ (KIESELBACH/ LÖDIGE-RÖHRS/ LÜNSER 1998, S. 45 f.). Mit gewalttätigen Handlungen, zu denen insbesondere die Väter neigen, wird versucht, das in Folge der Arbeitslosigkeit auf vielen Ebenen erlebte Gefühl von Macht- und Kontrollverlust wiederzuerlangen. Die Folgen für die betroffenen Kinder sind gravierend: Einerseits werden sie in ihrem Selbstwert eingeschränkt, andererseits erniedrigt. Zudem kann der Erziehungsberechtigte durch sein gewalttätiges Verhalten die Gewalttätigkeit seiner Kinder steigern, was durch das Lernen am Modell zu erklären ist (vgl. NITSCH 2004, S. 24).
Im Folgenden werden einige Faktoren, die das Risiko von Gewaltanwendungen arbeitsloser Väter ihren Kindern gegenüber erhöhen können, vorgestellt:
- Die Väter können durch die Situation der Arbeitslosigkeit zunehmend frustriert und gereizt werden, was die Hemmschwelle gegenüber Gewaltanwendungen sinken lässt.
- Der mit der Arbeitslosigkeit des Vaters einhergehende Statusverlust führt zu der Bestrebung, dass wenigstens innerhalb der Familie sein Gesicht gewahrt und seine Autorität beibehalten wird. Die Behauptung der Autorität erfolgt vielfach über Gewaltanwendungen.
- Die Väter sind im Umgang mit dem Kind/ den Kindern häufig überfordert. Bei einer Nebenerwerbstätigkeit der Frau müssen sie die Kinderbetreuung zumindest zeitweise alleine übernehmen. Die unerfahrenen Väter neigen in dieser Situation schneller zu Gewalthandlungen als die Mütter (vgl. KIESELBACH/ LÖDIGE-RÖHRS/ LÜNSER 1998, S. 38 ff.).
8
2.4 Auswirkungen auf die sozialen Netzwerke
Soziale Kontakte zu Gleichaltrigen und Erwachsenen spielen für Kinder eine nicht unerhebliche Rolle, da sie innerhalb dieser die Möglichkeit haben, Erfahrungen zu sammeln und Gefühle auszutauschen. Ferner können positive soziale Kontakte den Kindern bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben helfen, denn sie vermitteln ihnen das Gefühl von sozialer Integration und Anerkennung (vgl. CHASSÉ/ ZANDER/ RASCH 2003, S. 155). Im Grundschulalter sind Kinder beim Aufbau sozialer Netwerke auf die vermittelnden sozialen Kontakte ihrer Erziehungsberechtigten angewiesen. Es ist wichtig, dass die Eltern ihre Kinder zu Spielkameraden bringen beziehungsweise fahren oder dass Spielkameraden der Kinder zu ihnen nach Hause kommen dürfen. Der Kontakt zu Gleichaltrigen dient aber nicht ausschließlich der Spiel- und Freizeitgestaltung. Insbesondere enge Freundschaften sind zum einen für die Entwicklung der Persönlichkeit, zum anderen für die der Identität eines Menschen bedeutsam. Ferner lernen Kinder durch den Kontakt zu Gleichaltrigen sich in Andere hineinzuversetzen. Zudem können sie Probleme und Belastungen mit ihren Freunden besprechen und Sozialverhalten einüben (ebd., S. 169 f.). In Familien, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, kommt es häufig vor, dass die Erziehungsberechtigten sowohl ihre eigenen Kontakte als auch die ihrer Kinder bewusst einschränken. Die Eltern ziehen ihre Kinder und sich selbst aus Angst vor Demütigungen in ihre Familie zurück und meiden somit Kontakte zum sozialen Umfeld. Beispielsweise werden Kontakte zu ehemaligen Arbeitskollegen aus Schamgefühlen heraus abgebrochen und/oder es werden Einladungen ausgeschlagen, da das Geld für Geschenke oder für entsprechende Gegenleistungen nicht vorhanden ist (ebd., S. 155 ff.). Zudem haben Arbeitslosigkeit und damit einhergehende finanzielle Probleme oft zur Folge, dass die betroffenen Familien in Wohngegenden, welche durch eine schlechte Infrastruktur gekennzeichnet sind, umziehen müssen. Dadurch sind die Familienmitglieder in ihrer Mobilität deutlich eingeschränkt. Folglich dessen erscheint die Aufrechterhaltung der Kontakte im weiteren Umfeld oftmals als eine Unmöglichkeit. Demzufolge beziehen sich die wenigen sozialen Kontakte der Familienmitglieder meist ausschließlich auf die direkte Nachbarschaft und/oder auf Verwandte (vgl. Abschnitt 2.6).
Des Weiteren kann sich der soziale Rückzug der Eltern auch auf den Bereich der Schule und/oder den des Kindergartens negativ auswirken. Die Erziehungsberechtigten nehmen wenig Kontakt zu diesen Institutionen auf und sind im Falle von Verhaltensauffälligkeiten des Kindes nur selten zu einer Kooperation bereit.
9
Ferner lässt sich beobachten, dass sich der Rückzug der Eltern aus dem sozialen Umfeld auch auf die betroffenen Kinder übertragen kann. Die Kinder ziehen sich ebenfalls ganz bewusst immer mehr in ihre Familie zurück und nutzen kaum andere Lebensräume. Folglich dessen ist es in diesen Familien nicht möglich ein gewisses Maß an Nähe und Distanz zu wahren. Zudem sind, wenn sich das soziale Leben aller Familienmitglieder fast ausschließlich auf die Familie konzentriert, Konflikte bereits vorprogrammiert (vgl. BUSCH-GEERTSEMA/ RUHSTRAT 1993, S. 191).
Des Weiteren müssen Kinder, die von elterlicher Arbeitslosigkeit betroffen sind, in ihren Beziehungen zu Gleichaltrigen häufig Einschränkungen hinnehmen. In diesen Beziehungen kommt es nicht selten zu negativen Erfahrungen wie beispielsweise Zurückweisung und Stigmatisierung. Die Kinder müssen häufig die Erfahrung machen, dass sie nicht dazugehören, denn arbeitslosen Erziehungsberechtigten, die sich in einer finanziellen Notlage befinden, ist es nicht möglich, ihren Kindern einen „normalen“ Lebensstandard, wie ihn Kinder aus finanziell nicht belasteten Familien erfahren, zu ermöglichen (vgl. CHASSÉ/ ZANDER/ RASCH 2003, S. 25; vgl. BUTTERWEGGE/ HOLM/ ZANDER 2003, S. 75). Beispielsweise wurde 1997 in einer Untersuchung herausgestellt, dass 20 Prozent der von Arbeitslosigkeit betroffenen Erziehungsberechtigten ihren Kindern aus finanziellen Gründen kein Taschengeld geben können. Demzufolge gehen die notwenigen Einsparungen, die die Eltern vornehmen müssen an den Kindern nicht spurlos vorüber (vgl. NEUBERGER 1997, S. 85 f.).
Zudem müssen von elterlicher Arbeitslosigkeit betroffene Kinder aufgrund der finanziellen Situation auf vieles, was dem Aufbau von Freundschaften und dem Kontakt zu Gleichaltrigen dient, verzichten. Beispielsweise können sie häufig nicht an Schulausflügen teilnehmen und/oder haben nicht die Gelegenheit dazu, mit ihren Freunden einen Nachmittag im Kino zu verbringen. Dieses „nicht mithalten können“ belastet die Kinder oft sehr. Gerade auch wenn es um die in der heutigen Konsumgesellschaft immer bedeutender werdende Markenkleidung, Handys oder die neuesten Computerspiele geht, müssen diese Kinder passen. Sie werden zwangsläufig sozial ausgegrenzt und das von vielen Dingen, die sie gerne tun würden und die für Kinder aus finanziell nicht belasteten Familien als selbstverständlich erscheinen. Kinder, die von elterlicher Arbeitslosigkeit und damit einhergehenden finanziellen Belastungen betroffen sind, werden somit in ihrer Lebensqualität deutlich eingeschränkt und nehmen diese Einschränkungen auch sehr bewusst wahr (vgl. KAMENSKY/ HEUSOHN/ KLEMM 2000, S. 19 f.).
10
Seitens der Kinder führt die Angst vor Stigmatisierung häufig dazu, dass sie, wie bereits erwähnt, ihre sozialen Kontakte ganz bewusst abbrechen und sich ganz bewusst immer mehr isolieren und zurückziehen. Die Kinder schämen sich bezüglich ihrer Situation und haben oftmals schlechte Erfahrungen mit ihren Mitschülern gemacht (vgl. JOST 2004, S. 34). Ebenso versuchen die Kinder auf diesem Weg verletzenden Erfahrungen, wie zum Beispiel, dass sie sich das Fahrrad oder das Computerspiel des Spielgefährten nicht leisten können, zu entgehen. Somit stellt der Rückzug aus den sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen eine Art des Selbstschutzes dar. Die Art und Weise wie Kinder auf diese Isolation, sei es die selbst gewählte oder die erzwungene, reagieren, gestaltet sich sehr unterschiedlich. So gibt es beispielsweise Kinder, bei denen es zu erhöhter Ängstlichkeit oder depressiven Verstimmungen kommt, wiederum Andere zeigen verstärkt aggressives Verhalten. Ferner lässt sich beobachten, dass Kinder, die ein schwach ausgebildetes soziales Netzwerk aufweisen, deutliche Einschränkungen in ihrem Selbstbewusstsein zeigen. Diesen Kindern fehlt es an wichtigen Erfahrungen wie zum Beispiel das Erleben von sozialer Wertschätzung und Anteilnahme, die sie im Umgang mit Gleichaltrigen sammeln (vgl. KAMENSKY/ HEUSOHN/ KLEMM 2000, S. 19).
2.5 Auswirkungen auf den schulischen Bereich der Kinder
Der Bildungsweg, den Kinder am Wechsel zur Sekundarstufe I einschlagen, hat einen erheblichen Einfluss auf den weiteren Lebensweg. An diesem Punkt entscheidet sich häufig die gesamte Schullaufbahn und es werden die Weichen für den weiteren Lebensverlauf eines Menschen gestellt. In das Interesse der Forschung rückt immer mehr, inwiefern die finanzielle Situation von Eltern Einfluss auf die Wahl der Schulform hat, welche Kinder besuchen.
Im ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung heißt es: „Der Zugang zu höherwertigen Schul-, Ausbildungs-, und Berufsabschlüssen wie auch der Zugang zum Studium ist nach wie vor stark durch Herkunft, Bildungsstand und berufliche Stellung der Eltern bestimmt. Im langfristigen Trend haben sich die Anteile von Kindern mit ausländischer Herkunft an den höheren allgemein bildenden Abschlüssen verbessert, gleichwohl erreichen sie immer noch vergleichsweise geringerwertige Abschlüsse. Geringere Arbeitsmarktbeteiligung und schlechtere Erwerbschancen mit einem erhöhten Armutsrisiko sind die Folge“ (BUNDESREGIERUNG 2001, S. 135).
11
1998 haben Wolfgang Lauterbach und Andreas Lange untersucht, welche Konsequenzen das Aufwachsen in materieller Armut für den Schulerfolg eines Kindes mit sich bringt. Ihr Interesse galt dem Einfluss, den die Lebenslage auf den Übergang in die Sekundarstufe I hat. So zeigt die Studie, dass 55 Prozent der Kinder, die in einem Haushalt mit einer finanziellen Notlage leben die Hauptschule besuchen. Dagegen besuchen lediglich 16 Prozent der betroffenen Kinder das Gymnasium. Noch gravierender gestaltet sich die Situation für Kinder mit Migrationshintergrund. Während der prozentuale Anteil der Migrantenkinder, die eine Hauptschule besuchen 67,7 Prozent beträgt, besuchen 9,4 Prozent der zuvor genannten Gruppe das Gymnasium.
Lauterbach und Lange stellen aus ihrer Studie heraus, dass sowohl die Ausbildung des Vaters als auch die wirtschaftlichen Sorgen der Mutter die Bildungskarriere von Kindern stark beeinflussen. Somit kann festgehalten werden, dass je größer die finanziellen Sorgen der Mutter und je weniger beruflich qualifiziert der Vater ist, die Wahrscheinlichkeit eines Hauptschulbesuchs von Kindern steigt und gleichzeitig ein Besuch des Gymnasiums umso unwahrscheinlicher wird. Daran anschließend stellt sich die Frage, warum Erziehungsberechtigte mit finanziellen Sorgen ihre Kinder eher auf die Hauptschule schicken. Eine mögliche Erklärung ist, dass eine längere schulische Ausbildung der Kinder und ihr damit verzögerter Eintritt in die Erwerbstätigkeit mehr finanzielle Aufwendungen für die Familie bedeuten. Finanziell belasteten Eltern liegt es sehr nahe, dass die Kinder möglichst schnell ihr eigenes Geld verdienen und stellen daher durch die Wahl der Haupt- beziehungsweise der Realschule die Weichen für einen frühen Start in die berufliche Ausbildung und damit verbundene Erwerbstätigkeit.
Zudem ist erwähnenswert, dass für die Wahl der weiterführenden Schule die finanzielle Situation der Familie lediglich zum Zeitpunkt des Übergangs beziehungsweise kurz vor dem Übergang in die Sekundarstufe I von nicht unerheblicher Bedeutsamkeit ist. Tritt eine finanzielle Notlage nämlich erst auf, wenn der Übergang zur weiterführenden Schule bereits vollzogen ist, hat dies kaum mehr einen Einfluss auf die weiteren Bildungswegentscheidungen (vgl. LAUTERBACH/ LANGE/ BECKER 2003, S. 162).
Weitere Faktoren, die die Schullaufbahn von elterlicher Arbeitslosigkeit betroffener Kinder negativ beeinflussen können, stellen die Sorgen der Eltern und ihre fehlenden positiven Zukunftserwartungen dar. Nicht selten kommt es mit zunehmenden Belastungen auch zu zunehmenden Problemen in der ehelichen Beziehung, was sich entsprechend negativ auf das Erziehungsverhalten der Eltern auswirken kann.
12
Die Erziehungsberechtigten sind weniger ansprechbar für die Belange ihrer Kinder und unterstützen sie weniger in ihren bildungsbezogenen Aktivitäten. Die mangelnde elterliche Unterstützung führt zu schlechteren Schulleistungen und demnach zu schlechteren Schulnoten. Diese haben jedoch einen entscheidenden Einfluss darauf, welche Schule ein Kind besuchen kann. Aufgrund zuvor aufgeführter Aspekte stellt für diese Kinder der Besuch der Hauptschule oftmals die einzige Alternative dar.
Ferner lässt sich beobachten, dass die Leistungen der Kinder nach Eintritt der Arbeitslosigkeit des Vaters zunehmend abfallen. Besonders dramatisch gestaltet sich der schulische Leistungsabfall für Kinder aus Familien, die von väterlicher Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind. Die Kinder werden durch das Erleben der Arbeitslosigkeit des Vaters entmutigt auf schulische Erfolge hinzuarbeiten. Sie sehen keine Perspektive in einem erfolgreichen Schulabschluss und haben vielmehr die Erfahrung von Nicht-Arbeiten in ihrer Familie gemacht, was das Ausbilden von einem Wunsch nach beruflichem Erfolg beziehungsweise nach beruflichen Zielen erschwert (vgl. NEUBERGER 1997, S. 83). Ein weiterer Autor der sich mit den durch materielle Benachteiligung bedingten bildungsspezifischen Auswirkungen beschäftigt hat, ist Matthias Grundmann. Er stellt in seinem Aufsatz die Hypothese auf, „…dass Kinder aus deprivierten Milieus sowohl in ihrer kognitiven Entwicklung als auch in ihrer schulischen Leistungsentwicklung und schließlich ihrem Bildungserfolg deutlich benachteiligt sind“ (GRUNDMANN 2001, S. 213). Die von den Kindern entwickelten kognitiven Fähigkeiten sind zum einen von den in der Familie vorzufindenden Kommunikationsstrukturen abhängig, zum anderen von dem elterlichen Anregungspotential. Allerdings leidet in den von Arbeitslosigkeit betroffenen Familien die Eltern-Kind-Situation häufig aufgrund der belastenden Lebenssituation der Eltern. Durch ihre Sorgen und Probleme, welche durch die Arbeitslosigkeit bedingt sind, sind die Erziehungsberechtigten kaum in der Lage, ihren Kindern die benötigten Anregungen in ihrer unmittelbaren Umgebung zu verschaffen. Somit bestätigt die von Grundmann angeführte Studie einen Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und der Leistungsfähigkeit in der Schule. Kinder, die in elterlicher Arbeitslosigkeit aufwachsen, sind demzufolge in ihren Bildungschancen benachteiligt. Neben Grundmann bestätigen Lauterbach und Lange den zuvor aufgeführten Zusammenhang ebenfalls. Materiell benachteiligte Kinder brechen ihren schulischen Bildungsweg häufig aufgrund finanzieller und struktureller Benachteiligungen frühzeitig ab. Die daraus folgende schlechtere schulische Ausbildung führt zu einer schlechteren beruflichen Ausbildung und demnach zu schlechteren Erwerbschancen. (vgl. GRUNDMANN 2001, S. 209 ff.).
13
Die Ergebnisse der PISA-Studie, einer internationalen Schulleistungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 2000 belegen, dass in der Bundesrepublik Deutschland eine enge Verzahnung zwischen der sozialen Herkunft und der schulischen Leistungsfähigkeit von Kindern besteht. Zudem konnte festgestellt werden, dass Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien ein höheres Risiko tragen bei der Einschulung zurückgestellt zu werden als Kinder aus finanziell besser gestellten Familien. Aus dem zuvor aufgeführten Aspekt wird deutlich, dass bereits vor Schuleintritt die Selektivität des deutschen Bildungssystems greift. Somit verdeutlichen die gewonnenen Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudie, dass Chancengleichheiten unter deutschen Schülern durch das hiesige Schulsystem weggewischt werden. Demnach ist es nicht in der Lage, bildungsspezifische Auswirkungen von einer materiellen Benachteiligung abzufangen. Sozial schwache Schüler durchlaufen bis zum Schuleintritt eine andere Entwicklung als Kinder aus gehobenen sozialen Schichten. Dieser Aspekt wird jedoch durch das deutsche Schulsystem nicht bedacht und spezielle Fördermöglichkeiten werden bislang nicht angeboten (vgl. BUTTERWEGGE/ HOLM/ ZANDER 2003, S. 187).
Neben Lauterbach, Lange und Grundmann geben auch andere Autoren Hinweise darauf, dass Kinder aus Familien, in denen elterliche Arbeitslosigkeit und damit einhergehende finanzielle Probleme vorhanden sind, bereits beim Einstieg in das Bildungssystem benachteiligt sind. So haben sie herausgestellt, dass Kindergartenkinder mit Sprachproblemen oder Auffälligkeiten im Spiel- oder Arbeitsverhalten aus nicht finanziell belasteten Familien im Vergleich zu Kindern mit denselben Defiziten aus Familien, in denen eine finanzielle Notlage vorherrscht, eine deutlich größere Chance haben in die Regelschule eingeschult zu werden (vgl. BEISENHERZ 2002, S. 82). Sicherlich wirkt sich eine frühzeitige Förderung der Kinder, die bereits vor Schulbeginn und mit Unterstützung der Erziehungsberechtigten im Elternhaus durch entsprechendes Anregungsmaterial oder Fördermöglichkeiten erfolgt, durchaus positiv auf die späteren Schulleistungen aus. Jedoch fehlen solche häuslichen Fördermöglichkeiten in den von Arbeitslosigkeit betroffenen Familien vielfach aus dem Grund, dass den Eltern das Geld fehlt, welches sie benötigen, um den Kindern eine anregende häusliche Umgebung zu verschaffen. Beispielsweise stellt für diese Familien die Anschaffung von Büchern ein finanzielles Problem dar. Somit bestätigt der zuvor aufgeführte Aspekt noch einmal, dass die oben genannte Chancenungleichheit bereits vor Schulbeginn wirkt und zu ungleichen Startbedingungen von Kindern führt (ebd.).
14
Arbeit zitieren:
Elena Kramer, 2008, Auswirkungen elterlicher Arbeitslosigkeit auf Familien, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Kritische Lebensereignisse - Die Lebensereignisforschung und das Pro...
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 43 Seiten
Stress und Gesundheit in der Familie - Stressbewältigung in der Part...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 31 Seiten
Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Zwischenprüfungsarbeit, 39 Seiten
Frühförderung für Kinder aus sozial benachteiligten Familien
Seminararbeit, 19 Seiten
Sozialwissenschaftlicher Sachunterricht - Arbeitslosigkeit aus der Per...
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit, 17 Seiten
Rollenverhalten von Alleinerziehern und ihren Kindern
Soziologie - Kinder und Jugend
Seminararbeit, 50 Seiten
Allgemeine psychische Belastungen: Ursachen und Folgen
BWL - Personal und Organisation
Seminararbeit, 23 Seiten
Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Migration und psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Hausarbeit, 23 Seiten
Hospizarbeit: Ein Tätigkeitsfeld für Sozialarbeit / Sozialpädagogik?!
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 64 Seiten
Der Zusammenhang zwischen Traumata in der Kindheit und daraus resultie...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Vordiplomarbeit, 18 Seiten
Elena Kramer's Text Auswirkungen elterlicher Arbeitslosigkeit auf Familien ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Elena Kramer hat den Text Auswirkungen elterlicher Arbeitslosigkeit auf Familien veröffentlicht
Elena Kramer hat einen neuen Text hochgeladen
Auswirkungen des Internet-Handels auf Shopping-Center
Eine empirische Analyse zu den...
Tobias Wengler
Arbeitslosigkeit und Entlohnung auf regionalen Arbeitsmärkten
Theoretische Analyse, ökonomet...
Uwe Blien
Pubertät: Eltern-Verantwortung und Eltern-Glück
Wie Sie Ihr Kind beim Erwachse...
Gabriele Haug-Schnabel, Nikolas Schnabel
Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf deutsche Wohnimmobili...
Katharina Tilleczek
Die Auswirkungen der neuen Abgeltungssteuer auf die Steuerbelastung vo...
Eine kritische Betrachtung mit...
Ulrich Kleining
0 Kommentare