Inhaltsverzeichnis
Seite NA
I Einleitung 3
II Eine Skizze des Epochenbruchs um 1800 4
III Das neue Zeitbewusstsein 6
1. Zeitlichkeit bei Novalis und Schiller 6
2. Verzeitlichung bei Foucault und Koselleck 9
2.1 Foucault: Das Zeitalter der Geschichte 9
2.2 Koselleck: Vergangene Zukunft 11
IV Die Verzeitlichung in Kunst und Wissenschaft 13
Literaturverzeichnis 16
2 NA
I. Einleitung
Im folgenden wird das Problem des neuen Zeitbewusstseins um 1800 behandelt, das sich als eine Verzeitlichung in den Künsten, den Wissenschaften und im historischen Denken dieser Zeit manifestiert hat und den Ursprung für das moderne Zeitverständnis markiert. Um ein Verständnis dieses Komplexes zu ermöglichen, skizziere ich zunächst den Epochenbruch um 1800 in einer allgemeinen Darstellung (Kapitel II) und gehe daran anschließend im Schwerpunkt der Ausarbeitung auf die Herausbildung einer neuen Einstellung zur Zeit an der Epochenschwelle ein (Kapitel III). In diesem Teil der Hausarbeit reflektiere ich die Zeitbegriffe von Novalis und Schiller sowie die Thesen zur Verzeitlichung von Michel Foucault und Reinhart Koselleck, um auf der Grundlage der so aufgestellten Thesen die Verzeitlichung in der Kunst und Wissenschaft um 1800 im abschließenden Kapitel zu umreissen (Kapitel IV).
Die Teile der Hausarbeit sind in ihren Schwerpunkten aufeinander bezogen und ergeben in ihrer Gesamtheit ein umfassendes Bild des neuen Zeitverständnisses, das sich am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert herausgebildet hat.
3
II. Eine Skizze des Epochenbruchs um 1800
Die Zeit von etwa 1750 bis 1830 1 ist in der geisteswissenschaftlichen Forschung
allgemein als eine Schwellenzeit 2 anerkannt, deren umfassende Umbrüche das
Zeitverständnis der Menschen verändert und alle wissenschaftlichen Disziplinen
sowie die Künste (insbesondere die Literatur) nachhaltig modifiziert haben, indem
sie diese verzeitlichte. Die frühromantische Philosophie und die kritische
Verzahnung derselben mit Kant, Fichte und Herder 3 ist einer der wichtigsten
Motoren für diese Entwicklung, was bereits Eichendorff in seiner „Geschichte der
poetischen Literatur Deutschlands“ herausgestellt hat:
„Es war, als erinnerte das altgewordene Geschlecht [der Menschheit] sich plötzlich wieder seiner schönen Jugendzeit, und eine tiefe Erschütterung ging durch alle Gemüther, da Schelling, Steffens, Görres, Novalis, die Schlegel und Tieck ihr Tagewerk begannen. Es bedarf wohl nur dieser Namen, um den Umfang dieser geistigen Erschütterung anzudeuten, die alle Richtungen der neuern Bildung, Politik, Philologie und Medicin nicht ausgeschlossen, erfrischend und belebend durchdrang.“ 4
Ein weiteres wesentliches Element des Epochenbruchs um 1800 sind unbestritten die
tiefgreifenden gesellschaftlichen Auswirkungen der Französischen Revolution als
„modellstiftender Schlüsselvorgang an der Schwelle zu unserer Moderne“ 5 auf das
Geschichtsbild der Menschen. Erstmals wurde die eigene Zeit als grundsätzlich neu –
in einem qualitativen Sinn – empfunden. 6 In Wechselwirkung mit der
fortgeschrittenen Ablösung der religiösen Zeitvorstellung (Abfolge der Weltreiche)
wurde die Zukunft erstmals als offener, positiv besetzter Wert empfunden und als ein
„Ort der sittlichen Selbstverwirklichung und mündigen Selbstgestaltung“ 7
verstanden. Die Gegenwart war nur noch mit Blick auf die vergangenen
Entwicklungen sinnvoll deutbar, womit die Einbindung der Menschheits- und
Weltgeschichte in die Abfolge der Zeit manifestiert worden ist.
1
Der genannte Zeitraum ist die großzügigste Datierung des Epochenbruchs.
2 Ebenfalls gebräuchlich ist der von Reinhart Koselleck geprägte Begriff der „Sattelzeit“ um 1800. 3 Vgl. Pfotenhauer 1991 und Behler 1989, S. 61ff.
4 Zitiert nach Hummel 1994. S 344. (Hervorhebungen vom Verfasser) 5 Koselleck 1988. S. 15.
6 Dieses neue Bewusstsein kann unter anderem an der Einführung des Revolutionskalenders abgelesen werden, der den Beginn einer neuen Epoche symbolisieren sollte.
7 Kubin 1994. S. 336.
4
Diese neue Zeitauffassung wirkte sich entscheidend auf die Versteh- und Deutbarkeit
von Kunst aus:
„Was ein Werk an Sinn enthält, erschließt sich erst in der Zeit – der Zeit der Lektüre etwa, aber auch der Zeit der sukzessiven Interpretation. Letzteres gilt insbesondere für die Interpretation von Kunstwerken, deren Deutung Kant als unabschließbar charakterisiert und die er damit zum Gegenstand fortwährender Verstehensbemühungen macht.“ 8
Auch die Bedeutung historischer Ereignisse und Prozesse kann im Zuge der neuen
Geschichtsauffassung nur noch aus einem erhöhten Standpunkt in der Zukunft
sinnvoll eingeordnet werden. Goethe formulierte auf diesen Erfahrungswandel
bezugnehmend:
„Daß die Weltgeschichte von Zeit zu Zeit umgeschrieben werden müsse, darüber ist in unseren Tagen wohl kein Zweifel übriggeblieben“, weil „der Genosse einer fortschreitenden Zeit auf Standpunkte geführt wird, von welchen sich das Vergangene auf eine neue Weise überschauen und beurteilen lässt.“ 9
Das Verstehen von künstlerischen, historischen und wissenschaftlichen Prozessen
wird in der Diskussion um 1800 zu einem zentralen Begriff, der sich nicht von dem
Prozess der Verzeitlichung lösen lässt. „So kann die Zeit um 1800 mit Recht als eine
Phase der Krisis im wörtlichen Sinne, als entscheidende Zuspitzung bezeichnet
werden, deren einzelne Positionen und Perspektiven die Diskussion um das
Verstehen bis heute prägen“ 10 und deren Erkenntnisse und Modernisierungsprozesse
„das Sein unserer Modernität“ 11 betreffen.
9 Zitiert nach Koselleck 1979, S. 327.
10 Nehr 2004, S. 10.
11 Foucault 1999, S. 273.
5
Quote paper:
Christian Horn, 2004, Die Herausbildung eines neuen Zeitbewusstseins im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Antike Welten auf moderner Leinwand
Das Altertum neu aufleben lass...
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Erläuterung von Texten und Int...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Habermas - Neue Unübersichtlichkeit
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Presentation (Elaboration), 6 Pages
Die Romantik in Kunst und Philosophie
German - History of Literature, Eras
Presentation / Essay (Pre-University), 4 Pages
Tragik und Komik in dem Drama ...
Romance Languages - Spanish Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Wolfgang Kemp - Rezeptionsästhetik
Kunstwerk und Betrachter: Der ...
Scholary Paper (Seminar), 6 Pages
Die Figur des Don Juan in den Dramen ´Don Juan Tenorio´ von José Zorri...
Romance Languages - Comparative Studies
Scholary Paper (Seminar), 32 Pages
Die Darstellung des goldenen Zeitalters in "Die Christenheit oder...
Novalis' rhetorischer Weg
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Land Art: Der Künstler Smithson, Zwei Werkbetrachtungen
Spiral Jetty und Broken Circle...
Essay, 22 Pages
Der Dichter als Führer? Die Schiller-Darstellung im Film "Friedri...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Der Aufstieg und Fall des modernen Geschichtsbewußtseins (mit besonder...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 40 Pages
Goethe: "Eins und Alles" vs. "Vermächtnis" - Eine ...
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion bzw. Lacans Begriff des...
Scholary Paper (Seminar), 13 Pages
"Lo real maravilloso" in "El reino de este mundo" ...
Romance Languages - Spanish Studies
Termpaper, 17 Pages
Bedeutung und Beachtung der Reliquien im christlichen Abendland vom 11...
Scholary Paper (Seminar), 42 Pages
Joseph Beuys - Werk und Wirkung
Art - Installation / Action/Performance Art / Modern Art
Bachelor Thesis, 54 Pages
Christian Horn's text Die Herausbildung eines neuen Zeitbewusstseins im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert is now available as a printed book
Christian Horn has published the text Die Herausbildung eines neuen Zeitbewusstseins im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert
Christian Horn has uploaded a new text
Die Herausbildung des Reflexbegriffs im 17. und 18. Jahrhundert
Georges Canguilhem, Henning Schmidgen
»Imperialismus« in der japanischen Sprache am Übergang vom 19. zum 20....
Begriffsgeschichte im außereur...
Anneli Wallentowitz
Epochenumbruch 18./19. Jahrhundert. Abitur 2012. Nordrhein-Westfalen
Unter besonderer Berücksichtig...
Rüdiger Bernhardt
Europäische Romantik in der Musik 2
Oper und symphonischer Stil 18...
Carl Dahlhaus, Norbert Miller
0 comments