Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. 3
Abk ürzungsverzeichnis 5
Abbildungsverzeichnis. 6
1 Einleitung 7
2 Armut 9
2.1 Multidimensionalität 10
2.2 Nachhaltige Entwicklung 14
3 Globalisierung 15
4 Multinationale Unternehmen 17
5 Legitimation 19
5.1 MNU Politik. 20
5.1.1 MNU und Staat 20
5.1.1.1 Standortwettbewerb. 22
5.1.1.2 Entwicklungsländer. 24
5.1.2 Internationale Institutionen 26
5.1.3 Corporate Citizenship. 28
5.1.3.1 Ordnungsverantwortung. 29
5.1.3.2 Deskriptive Konzeption 30
5.1.3.3 Fazit. 31
5.2 MNU Gesellschaft. 32
5.2.1 Erwartungshaltung 32
5.2.2 Corporate Social Responsibility. 34
5.2.2.1 Nachhaltigkeit 35
5.2.2.2 Strategisches Stakeholdermanagement 36
5.2.2.3 Kernkompetenzen 37
5.2.2.4 Fazit. 37
5.3 Strategische Partnerschaften 38
5.3.1 MNU und NGO als Partner. 40
5.3.2 MNU und Staat als Partner 41
5.3.3 Globale und lokale Netzwerke 41
5.3.4 Partnerschaften und CSR 43
3
6 Multinationale Unternehmen und Armut 44
6.1 Arme als Produzenten und Nachbarn. 47
6.1.1 Situation 47
6.1.2 Beschäftigungseffekt. 49
6.1.3 Einkommenseffekt 50
6.1.4 Spillover-Effekte 51
6.1.5 Rolle von CSR 53
6.1.6 Fallstudie: Unilever Indonesia 57
6.1.6.1 Alternative Lieferkette 58
6.1.6.2 Clean Brantas River Projekt. 59
6.2 Arme als Kunden bzw. Konsumenten. 60
6.2.1 Situation 61
6.2.2 Marktpotenzial 62
6.2.3 Zugang. 63
6.2.4 Rolle von CSR 68
6.2.5 Fallstudie: Procter Gamble. 72
7 Schlussbemerkung 77
Literaturverzeichnis. 81
4
Abkürzungsverzeichnis
AKA Arbeitskreis Armutsbekämpfung durch Hilfe zur Selbsthilfe BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BOP Bottom of the Pyramid bzw. beziehungsweise ca. circa CC Corporate Citizenship CSR Corporate Social Responsibility d.h. das heißt FDI ausländische Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment) ILO International Labour Organisation KMUs Kleine und Mittelgroße Unternehmen MNC Multinational Corporation MNU Multinationales Unternehmen NGO Nicht-Regierungsorganisation (Non-Governmental Organization) OECD Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development) P&G Procter & Gamble TNC Transnational Corporation u.a. unter anderem UI Unilever Indonesia UN Vereinte Nationen (United Nations) UNDP United Nations Development Programme usw. und so weiter Vgl. Vergleich WBCSD World Business Council for Sustainable Development WCED Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (World Commission on Environment and Development) z.B. zum Beispiel
5
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Dimensionen der Armut.
Abb. 2: Teufelskreise der Armut.
Abb. 3: MNU als Agent im Kampf gegen Armut.
Abb. 4: Beziehungsgeflecht MNU und Arme.
Abb. 5: Erfolgsstrategien nachhaltiger Armutsbekämpfung.
Abb. 6: Dimensionen des Zugangs zum BOP.
Abb. 7: Win-Win-Situation: Vorteile für MNUs und Arme
Abb. 8: Erfolgsstrategien für Win-Win im Kampf gegen Armut
6
1 Einleitung
Armut ist das wohl drängendste Problem unserer Zeit. Ungerechtigkeit und Armut bilden vielerorts den Nährboden für politische Instabilität oder Terrorismus. Die Entwicklungen und Ereignisse der vergangenen Jahre, seien es die Terrorgefahren, die Migrationsversuche tausender Afrikaner oder die ökologischen Krisen in den Urlaubsparadiesen, haben gezeigt, dass die Problematik der Armut uns alle betreffen kann. Die Theorie und auch die Praxis der Entwicklungspolitik suchen seit nahezu fünf Jahrzehnten nach effektiven Lösungen, mit mehr oder weniger Erfolg. Multinationale Unternehmen (MNUs) stehen nunmehr verstärkt im Fokus der Öffentlichkeit. Umfangreiche Diskussionen um die Bedeutung der Unternehmen für die Gesellschaft werden seit mehr als zwei Jahrzehnten geführt. Vor allem die Wirtschaftsethik hat sich intensiv mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen beschäftigt und erheblich dazu beigetragen, ein neues Bewusstsein für die Rolle der Unternehmen in der Gesellschaft zu schaffen. Dieses neue Verantwortungsgefühl hat nun auch die Unternehmen selbst erreicht. Sie befassen sich heute intensiver mit der Thematik als je zuvor. In den Worten von Lord BROWNE, dem Aufsichtsratsvorsitzenden von BP:
„What is the role of business? What do people expect of companies, especially large, global corporations? Where can we contribute to human progress? What is our
capability and our legitimacy?” 1
Was bedeutet es Verantwortung zu übernehmen? Haben Multinationale Unternehmen eine Pflicht Armut zu bekämpfen? Die Diskussionen um die Rolle der Unternehmen für die Gesellschaft führen bislang an konkreten Auseinandersetzungen mit den gesellschaftlichen, menschlichen Problemen vorbei. Bisherige Analysen sind wenig interdisziplinar ausgerichtet. Sie befassen sich entweder mit den Themen aus wirtschaftsethischer-, wirtschaftstheoretischer oder entwicklungspolitischer Sicht. Wir müssen uns aber mehr damit beschäftigen, ein möglichst umfassendes Bild über die Bedeutung Multinationaler Unternehmen, bei der gezielten Lösung gesellschaftlicher Probleme zu erlangen, allen voran bei den Bemühungen um die Lösung des wohl gravierendsten Problems, der Armut. Dieses umfassende Bild erfordert eine Herangehensweise, die sich mit dem Problem im Detail auseinandersetzt. Diese Arbeit
1 Vgl. Lodge/Wilson (2006, S. 71).
7
soll hierzu einen Beitrag leisten. Der Fokus dieser Arbeit liegt daher auf der Beantwortung von drei Fragen: Was hat dazu geführt, dass Multinationale Unternehmen in der Diskussion stehen, gesellschaftliche Verantwortung, in Form von Armutsbekämpfung, zu übernehmen? Warum sollten MNUs einen Beitrag bezüglich der Armutsreduzierung leisten? Welchen Beitrag können die Unternehmen leisten?
Die Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut: Zuerst werde ich mich mit dem Problem der Armut auseinandersetzen und versuchen, den Lesern die Komplexität des Themas näher zu bringen. Im Folgenden soll die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, der jüngste Globalisierungsprozess, im Mittelpunkt stehen und dabei helfen, die Rolle der Multinationalen Unternehmen in diesem Prozess zu verstehen. Das dritte und vierte Kapitel befassen sich also, in das Thema der Arbeit einführend, mit der heutigen Bedeutung der Unternehmen für die globale Wirtschaft. Aus diesem Verständnis heraus beschäftige ich mich dann im fünften Kapitel mit der Frage, warum Multinationale Unternehmen im Kampf gegen Armut eine Rolle spielen sollten. Hierbei steht die Beziehung der Unternehmen mit der Politik und der Gesellschaft im Mittelpunkt. Das zweite bis fünfte Kapitel erörtern zusammen die Bedingungen und Herausforderungen, die dazu geführt haben, dass die MNUs heute in der Diskussion um einen Beitrag im Kampf gegen Armut stehen. Darüber hinaus befasse ich mich im fünften Kapitel mit den Möglichkeiten, die Multinationale Unternehmen haben, sich diesen Bedingungen und Herausforderungen zu stellen. Im sechsten Kapitel werde ich mich dann mit der Frage beschäftigen, welchen Beitrag die MNUs bezüglich der Armutsreduzierung leisten können. Hierbei werde ich mich, im Gegensatz zu der in der Wirtschafts- und Entwicklungstheorie bisher üblichen Weise, mit allen denkbaren Beziehungen der Unternehmen zu den Armen auseinandersetzen. Es geht hier also nicht darum, die Möglichkeiten der Unternehmen auf nur einen Teil der armen Gesellschaft zu beschränken. Um die Rolle global agierender Unternehmen in Bezug auf die Armutsbekämpfung verstehen zu können, müssen die Möglichkeiten und die Bedingungen für einen erfolgreichen Beitrag hinsichtlich jeder Beziehung des Unternehmens zu den Armen untersucht werden. Im siebten Kapitel werde ich schließlich die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammentragen, um die Antworten auf die in der Zielsetzung gestellten Fragen zu finden und mögliche Erfolgsfaktoren im Zusammenhang mit einer potenziellen Rolle der Multinationalen Unternehmen im Kampf gegen Armut hervorzuheben.
8
2 Armut
Eine Studie von CHEN und RAVALLION 2 publizierte im Auftrag der Weltbank umfassende Zahlen zum Ausmaß der weltweiten Armut. Demnach lebten 2001 ca. 1,1 Milliarden Menschen in extremer Armut, d.h. von weniger als einem Dollar pro Tag und Kopf 3 . Mehr als ein Sechstel der Weltbevölkerung, die „die Grundbedürfnisse zum Überleben nicht befriedigen können.“ 4 Weitere 1,6 Milliarden Menschen lebten von einem Einkommen zwischen einem und zwei Dollar pro Tag und Kopf 5 und damit in gemäßigter Armut, also in „allgemeinen Lebensbedingungen, bei denen die Grundbedürfnisse zwar gedeckt sind, aber nur knapp.“ 6 Das sind 2,7 Milliarden Menschen, also fast die Hälfte der Weltbevölkerung, die jeden Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Geht man nach Ökonomen wie PRAHALAD, HART und HAMMOND, sehen sich sogar vier Milliarden Menschen mit dem Problem der Armut konfrontiert. 7 Das sind knapp zwei Drittel der Weltbevölkerung, die den Sockel der Wohlstandspyramide darstellen und demnach als „Bottom of the Pyramid“ 8 (BOP) bezeichnet werden.
Es gibt noch eine Reihe weiterer Schätzungen zum Ausmaß der Armut. Alle sind sie unterschiedlich, bedingt durch verschiedene Definitionen und Messindikatoren. 9 Die Kerninterpretation ist jedoch immer dieselbe und wurde spätestens durch die Verkündung der Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen (United Nations, UN) bestätigt: Der Kampf gegen Armut ist eine zentrale Herausforderung für das neue Jahrtausend.
2 Chen/Ravallion (2004)
3 Chen und Ravallion beziehen sich bei Ihren Schätzungen auf den Konsum oder das Einkommen. Ein Dollar pro Tag und Kopf ist die internationale Armutsgrenze, ausgedrückt in 1993er Preisen für die Kaufkraftparität. Der exakte Wert beträgt 1,08 Dollar. Vgl. hierzu Chen/Ravallion (2004, S. 147).
4 Sachs (2005, S. 33)
5 Der exakte Wert für die zwei Dollar Armutsgrenze liegt bei 2,15 Dollar in 1993er Preisen für die Kaufkraftparität.
6 Sachs (2005, S. 34)
7 Vgl. Prahalad/Hart (2002, S. 4), und Hammond et al. (2007).
8 Vgl. Prahalad (2006, S. 23). Hammond et al. (2007, S. 3) nennen sie „base of the economic pyramid“.
9 Eine gute Übersicht zu den Definitionen, Konzepten und Indikatoren bieten das Pilotprojekt Armutsbekämpfung (1998), und Lotz (2004).
9
2.1 Multidimensionalität
Die Definitionen zur Armut sind nicht eindeutig. Das mag daran liegen, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen geben kann, die aus verschiedenen Perspektiven, Interessen und Werten resultieren. Ein weitaus wichtigerer Grund für die Vielzahl der definitorischen Konzepte ist jedoch in der Multidimensionalität der Ursachen und Wirkungen zu finden. Einkommen oder Konsum als einzige Indikatoren zu berücksichtigen, um Armut zu beschreiben, wurde entschieden in Frage gestellt. 10 So etablierte sich zunehmend in der Öffentlichkeit das Verständnis von Armut als ein mehrdimensionales und komplexes Problem.
Eine Studie der Weltbank befragte in den 1990ern erstmals mehr als 40 000 Betroffene aus 47 Ländern zu ihrer eigenen Definition von Armut. Das Ergebnis dieser Befragung, bezeichnet mit dem treffenden Namen „Voices of the Poor: Can Anyone Hear Us?“ 11 , war die Erkenntnis, dass Armut sowohl materielle als auch psychologische Dimensionen hat und die psychologischen Symptome von den Betroffenen als weitaus intensiver und schlimmer empfunden werden als ein bloßer Mangel an Einkommen. Demnach ist Armut der Mangel an Ressourcen, der zur körperlichen Entbehrung führt. Armut ist der Mangel an Stimme, Macht und Unabhängigkeit. Es ist Verwundbarkeit, Erniedrigung und Ausbeutung, die Unfähigkeit am Gemeinschaftsleben teilzunehmen und eine kulturelle Identität aufrechtzuerhalten. Und sie hat zu tun mit der Abwesenheit von Infrastruktur und dem Mangel an Vermögenswerten. 12
Eine gute Zusammenfassung zum Erkenntnisstand seitens der Armutsforschung im Bezug auf die Multidimensionalität bieten die Richtlinien zur Armutsbekämpfung des Ausschusses für Entwicklungshilfe der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). 13 Sie beschreiben die Multidimensionalität der Armut als ein komplexes Gefüge von Einflüssen und Wechselbeziehungen. Diesem mehrdimensionalen Gefüge liegt ein Verständnis von Armut zugrunde, dass der heutige Nobelpreisträger Amartya SEN seit den 1980er Jahren wesentlich geprägt hat. Ihm zufolge steht Armut für den Mangel an fundamentalen Verwirklichungschancen eines Menschen, wobei die Menge der Verwirklichungschancen Ausdruck ist jener „[...]
10 Vgl. Sen (2002, S. 110), und Hopkins (2007, S. 99f.).
11 Narayan (1999)
12 Vgl. Narayan (1999, S. 26).
13 OECD (2001)
10
substantiellen Freiheiten, die es ihm erlauben, ein mit Gründen erstrebtes Leben zu
führen.“ 14 . Grundlage für ein Verständnis von Armut und Mittelpunkt möglicher Strategien zur Armutsbekämpfung ist demnach, den Mangel an Verwirklichungschancen zu erkennen und die einzelnen Potenziale zur Verbesserung der Lebensqualität als Dimensionen der Armut zu erkennen. 15
Wirtschaftliches Potenzial zielt auf die Fähigkeit ab, ein Einkommen zu beziehen, zu konsumieren und Vermögenswerte zu erlangen und ist die Voraussetzung für Ernährungssicherheit, materielles Wohlergehen und gesellschaftliches Ansehen.
Gesundheit, Bildung, Ernährung, sauberes Wasser, Obdach und Zugang zu Energie bestimmen das menschliche Potenzial und sind wichtige Voraussetzungen für das persönliche Wohlergehen. Krankheiten und Analphabetismus dagegen stellen erhebliche Grenzen dar.
14 Sen (2002, S. 110).
15 Vgl. hierzu und den folgenden Ausführungen OECD (2001, S. 38 - 40).
11
Politisches Potenzial basiert auf Rechten und Grundfreiheiten und verdeutlicht das politische Gewicht des Einzelnen. Es geht dabei um Menschenrechte, den politischen Einfluss und die Möglichkeit des sicheren Zugangs zu Ressourcen und Rechten.
Mit dem soziokulturellen Potenzial ist die Fähigkeit angesprochen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und eine kulturelle Identität zu erlangen. Geographische und gesellschaftliche Isolation wird von vielen Menschen in den Gemeinschaften als das bedeutendste Problem der Armut empfunden. Sie ist Konsequenz und Ursache in einem.
Als letzte Kategorie wird das Potenzial zum Selbstschutz angeführt. Hierbei geht es darum, wirtschaftlichen und externen Schocks 16 standzuhalten und Unsicherheiten und Verwundbarkeiten zu vermeiden. Sicherheit und Selbstschutz sind am stärksten verlinkt mit den anderen Dimensionen der Armut.
Zwischen den einzelnen Dimensionen der Armut herrscht eine starke Interdependenz, auch wenn sie zum Teil sehr verschieden sein können und unvollständig korrelieren. Ein Beispiel für die Interdependenz lässt sich anhand der so genannten „Teufelskreise der Armut“ verdeutlichen.
16 Als externe Schocks werden z.B. Naturkatastrophen oder kriegerische Auseinandersetzungen bezeichnet.
12
Hier rückt die Korrelation des wirtschaftlichen und des menschlichen Potenzials in den Mittelpunkt. Ein inadäquates Einkommen als Ursache der Armut steht demnach in starker Abhängigkeit zu Faktoren wie mangelhafte Bildung, Ernährung bzw. Gesundheit. Denn diese können wiederum nicht nur ein zu geringes Einkommen verursachen, sondern auch als Konsequenz dessen in Betracht kommen. Das Ausmaß der Armut wird zusätzlich verstärkt. Dieser Kreislauf ist nicht zu verstehen als ein ewiges Schicksal, dem ohne externe Zufuhr von zusätzlichem Einkommen nicht mehr auszuweichen ist. Er soll vielmehr die Möglichkeit der sich verstärkenden Wechselbeziehungen verdeutlichen. Und genau diese Wechselbeziehungen sind denkbar zwischen sämtlichen Dimensionen der Armut.
Wie in Abb. 1 zu sehen ist, wird das multidimensionale Gefüge auch noch zusätzlich ergänzt und verstärkt durch die Faktoren Geschlecht und Umwelt.
Die Ungleichbehandlung des Geschlechts betrifft sämtliche Dimensionen der Armut. Weltweit sind 70 Prozent der Armen Frauen. 17 Sie werden oftmals in den eigenen Kulturen und Gemeinschaften aufgrund tief verwurzelter Vorurteile und Traditionen diskriminiert und von der Entwicklung ausgeschlossen, obwohl sie eine wichtige Rolle bei der Reduzierung von Armut, allein schon wegen der Versorgung der Kinder, inne haben.
Auch Umwelt und Armut sind in mehrfacher Hinsicht verlinkt. Umweltschutz ist ein zentraler Beitrag zur Sicherheit des Lebensumfeldes sowie zur Reduzierung von Gesundheitsrisiken und Verwundbarkeit, insbesondere bei externen Schocks. Die Umwelt bildet die Existenzgrundlage der Menschen. Allein zwei Drittel der weltweit Armen leben in ländlichen Gebieten 18 und sind oftmals direkt abhängig vom Zugang zu natürlichen Ressourcen und einem stabilen Ökosystem.
Die multidimensionale Darstellung verdeutlicht, was im Visier der Armutsbekämpfung stehen sollte und macht klar, dass Armut eine Folgeerscheinung struktureller Probleme ist.
17 Vgl. AKA (2003, S. 7).
18 Vgl. BMZ (2003, S. 1).
13
2.2 Nachhaltige Entwicklung
Armut ist nicht nur Zustand, sondern auch ein Prozess. Den Betroffenen fehlen die Möglichkeiten, sich zu verwirklichen und somit die Chancen menschlicher Entwicklung. Armut lässt sich folglich als eine Fehlentwicklung verstehen. Gemäß diesem Verständnis stellte die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (WCED) 1987 in ihrem Bericht, bekannt unter dem Namen Brundtland-Report, die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, insbesondere der Grundbedürfnisse der Armen, in den Mittelpunkt vom Entwicklungsgeschehen. 19 Sie forderte „eine Entwicklung, in der die Grundbedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden, ohne dabei künftigen
Generationen die Möglichkeit zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu nehmen“ 20 und definierte damit nachhaltige Entwicklung.
Nachhaltigkeit ist demnach ein Konzept der Generationengerechtigkeit. Um dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung und damit einer langfristigen sowie dauerhaften Armutsbekämpfung gerecht werden zu können, müsse man Nachhaltigkeit als ein interdependentes Gefüge dreier Dimensionen betrachten. So sind Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft als sich gegenseitig verstärkende und ergänzende Facetten der Nachhaltigkeit zu verstehen und werden als die drei Säulen der Nachhaltigkeit bezeichnet. 21 Dieses Verständnis ist von großer Bedeutung für die Armutsbekämpfung und Grundlage der in Abb.1 dargestellten multidimensionalen Konzeption. So sind alle genannten Dimensionen der Armut sowie Umwelt und Geschlecht im Kontext der Nachhaltigkeit zu sehen.
19 Vgl. WCED (1990, S. 57).
20 WCED (1990, S. 26)
21 Vgl. UN (2002, S. 1).
14
3 Globalisierung
Globalisierung ist zu verstehen als „ein Prozess der weltweiten Vernetzung ökonomischer und sozialer Aktivitäten.“ 22 Exemplarisch dafür findet man eine fortschreitende Integration von Märkten und zunehmende grenzüberschreitende Agglomeration wirtschaftlicher Prozesse. Die neueste und bedeutendste Welle der globalen Vernetzung findet seit nunmehr drei Jahrzehnten statt, angetrieben von geopolitischen Veränderungen, z.B. dem Kollaps des Kommunismus Ende der 1980er Jahre, einer verstärkten Liberalisierungspolitik sowie herausragenden technologischen Entwicklungen, insbesondere im Bereich der Informations-, Kommunikations- und Transporttechnologie. 23 Fallende Barrieren für Handel und Investitionen waren die notwendigen Voraussetzungen für eine zunehmende wirtschaftliche Verflechtung. So hat sich der Welthandel seit 1990 mehr als verdoppelt. Länder, die an der Öffnung für den Welthandel partizipieren, konnten enorme Wachstumsraten der Wirtschaft verzeichnen.
DOLLAR und KRAAY identifizierten in einer Studie die sogenannten „post-1980 globalizers“. 24 Eine Gruppe von Entwicklungsländern, die sich dem Welthandel geöffnet haben und somit in das globale Wirtschaftssystem zu integrieren versuchten. Die Studie legt dar, dass diese Länder mit zunehmender Integration ein schnelleres Wirtschaftswachstum verzeichneten, während Länder mit mangelnder Integration weiter zurückfielen. 25 Darüber hinaus wurde festgestellt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem Wachstum im Durchschnittseinkommen und dem Wachstum im Einkommen der Ärmsten gibt. 26
„The income of the poor people tends to be pretty closely tied to the overall state of the economy.” 27
22 Scherer (2003, S. 1)
23 Vgl. Scherer (2003, S. 63), und Hill (2005, S. 5-12).
24 Dollar/Kraay (2002)
25 Vgl. Dollar/Kraay (2002, S. 7, 18).
26 Vgl. Dollar/Kraay (2002, S. 14).
27 Dollar/Kraay (2002, S. 17)
15
DOLLAR und KRAAY gelang es, empirisch zu belegen, dass eine Öffnung der Märkte für den Welthandel nicht nur ein schnelleres Wachstum garantiert, sondern auch erheblich zur Armutsreduzierung beiträgt.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch KEDIA et al. (2006), die den Zusammenhang einer verstärkten Integration in die Weltwirtschaft und der Wahrscheinlichkeit der Armutsreduzierung analysierten. 28 Laut ihrer Darstellung führt die Integration zu einer wahrscheinlicheren Senkung der Armut, diese wiederum zu einer höheren Attraktivität des Landes und damit zu steigender Fähigkeit der Internationalisierung. Diese Überlegungen gehen konform mit den Zahlen von CHEN und RAVALLION zur weltweiten Armut. Insbesondere asiatische Länder konnten mit wirtschaftlichem Wachstum auch Fortschritte im Kampf gegen Armut machen, während sich der Anteil der Armen in afrikanischen Ländern noch dramatisch vergrößerte. 29 Ihre Messung „suggests that substantial further impacts on poverty can be expected from economic growth.” 30
Wirtschaftliches Wachstum, ausgelöst von Globalisierung und stärkerer Integration in den Welthandel, offenbart ein großes Potenzial für Armutsreduzierung. Wachstum ist die tragende Säule von Entwicklung und damit auch die entscheidende Kraft im Kampf gegen Armut. Denn Entwicklung, bleibt man beim Verständnis von Amartya SEN 31 , bedeutet letztlich die Verwirklichungschancen der Menschen zu stärken, ihnen mehr Raum und mehr Möglichkeiten für menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen und somit entscheidend zum Abbau der Armut beizutragen.
28 Vgl. Kedia et al. (2006, S. 74 - 75).
29 Vgl. Chen/Ravallion (2004, S. 154, 156).
30 Chen/Ravallion (2004, S. 154f.)
31 Nach Sen (2002, S. 109) ist Entwicklung zu verstehen als ein Prozess zur Erweiterung substanzieller Freiheiten.
16
4 Multinationale Unternehmen
Multinationale Unternehmen werden allgemein verstanden als Unternehmen, die in mehr als zwei Ländern tätig sind und deren Auslandsanteil am Umsatz mindestens ein Viertel beträgt. 32 Ein wesentliches Charakteristikum ihrer Tätigkeit sind internationale Kapitaltransaktionen. Diese Unternehmen standen in den letzten zehn Jahren vermehrt in der öffentlichen Diskussion. Das mag kaum verwundern, bedenkt man allein den zahlenmäßigen Wandel, den diese Organisationsform in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen hat.
Die Anzahl transnational tätiger Unternehmen 33 erreicht mittlerweile einen Rekordwert von 78 000 mit 780 000 ausländischen Tochterunternehmen. 34 Der Auslandsumsatz der 100 größten Konzerne entsprach bereits 1990 dem Bruttosozialprodukt der USA und überragte den Welthandel deutlich. 35 In den folgenden Jahren überstieg schließlich die Wirtschaftskraft einzelner MNUs ganze Volkswirtschaften, so z.B. der Umsatz von General Motors das Bruttoinlandsprodukt von Dänemark und der jeweilige Umsatz der 100 größten MNUs den Gesamtexport der 120 ärmsten Länder. 36 Der Wert internationaler Tätigkeit von Unternehmen, gemessen am Abfluss ausländischer Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment, FDI), ist in 25 Jahren um mehr als das 50fache gestiegen, von durchschnittlich 25 Milliarden Dollar im Jahr 1975 auf rund 1,3 Billionen im Jahr 2000. 37 Die Beschäftigung in den ausländischen Tochtergesellschaften ist seit 1990 um das Dreifache gestiegen. 2006 beschäftigten diese Tochterunternehmen mehr als 73 Millionen Menschen weltweit. 38
Angesichts solcher Daten liegt es nahe, dass Multinationalen Unternehmen die Profiteure im Prozess der Globalisierung sind. Ihre internationale Tätigkeit, gefördert von der Entwicklung in Richtung einer globalisierten Welt, verschafft ihnen größere Absatzmärkte und Kostenvorteile. Sie tragen zur Verbreitung technologischer Entwicklungen und zur Ausweitung des Welthandels bei. Sie schaffen Märkte und
32 Vgl. Nuscheler (2005, S. 538)
33 Ich verwende die Begriffe Multinationale, Internationale und Transnationale Unternehmen synonym.
34 Vgl. UN (2007, S. xvi).
35 Vgl. Scherer (2003, S. 99).
36 Vgl. Ziegler (2005, S. 60).
37 Vgl. Hill (2005, S. 11).
38 Vgl. UN (2007, S. 10).
17
erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit der Länder, in denen sie agieren. Infolgedessen sind sie nicht nur Profiteure, sondern auch „die eigentlichen Motoren der Internationalisierung.“ 39 Sie sind die Agenten der Globalisierung und stehen damit auch seit den 1990er Jahren im Mittelpunkt der öffentlichen Kritik. Es gibt Bedenken wegen ihrer wirtschaftlichen Macht und politischen Einflussnahme, sowie dass sie zu einer ungleichen Entwicklung und Verteilung beitragen. 40 Des Weiteren seien sie verantwortlich für Korruption und Umweltzerstörung und begingen Steuerflucht. 41 Nicht alle diese Vorwürfe sind haltlos.
„Thus, the multinational enterprise is Janus, the two-faced symbol of globalization.” 42
Der wirtschaftliche Erfolg dieser Unternehmen geht zeitlich einher mit dem mangelnden Erfolg im Bereich der Armutsbekämpfung. Tatsächlich lässt sich feststellen, dass, während die ausländischen Direktinvestitionen von Jahr zu Jahr auf Rekordniveau gestiegen sind, diese doch zum größten Teil auf eine Minderheit der Welt verteilt sind. Der Anteil der Industrieländer am weltweiten Zufluss von FDI betrug 2006 mit 857 Milliarden Dollar noch 66 Prozent. Asien und Ozeanien kamen immerhin auf ein Rekordniveau von 260 Milliarden Dollar. Afrika dagegen bekam 2006 gerade mal 36 Milliarden Dollar an Direktinvestition, immerhin ist auch das ein neuer Rekordlevel. 43
Berücksichtigt man noch, dass die Multinationalen Unternehmen zwei Drittel des Welthandels bestimmen und davon allein die Hälfte intrasektoraler bzw. unternehmensinterner Handel ist 44 , ergibt sich ein nahezu vollständiges Bild von der Dominanz der Tätigkeit im überwiegend wohlhabenden Teil dieser Welt. Vielleicht ist das eine Erklärung für den Mangel am Fortschritt im Kampf gegen Armut. In einem Teil der Welt gibt es enorme wirtschaftliche Entwicklung und sinkende Armut. In anderen Teilen der Welt ist Armut auf dem Vormarsch und wirtschaftliche Entwicklung zum Teil vernachlässigbar gering. Die Standorte der Tätigkeit international operierender Unternehmen liegen vorwiegend im ersteren Teil.
39 Scherer (2003, S. 99)
40 Vgl. Ghauri/Buckley (2006, S. 206).
41 Vgl. Ziegler (2005, S. 120, 131f.).
42 Eden/Lenway (2001, S. 386)
43 Zu den Daten und der Verteilung der FDI vgl. UN (2007, S. 34, 40, 67).
44 Vgl. Scherer (2003, S. 99), und Schirm (2003, S. 13).
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