Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Armut - was ist das überhaupt? 1
2.1 Definition aus der Literatur 1
2.2 Was versteht die Bevölkerung unter der Armut 3
3 Ist die Armut ursächlich für die Bildungsbenachteiligung? 4
3.1 Einfluss des elterlichen Einkommens auf Bildung ihrer Kinder 4
3.2 Lernbehinderung 6
3.3 Bildungshintergrund der Eltern 7
3.4 Soziale Herkunft und erreichter Schulabschluss 10
4 Nehmen Lehrer die Armut ihrer Schüler wahr? 11
5 Immigrationshintergrund 14
5.1 Bildungsbenachteiligung von ausländischen Kindern 14
5.2 Schulabschlüsse 15
5.3 Lesekompetenzschwächen 17
6 Einfluss der Bildung aufs Berufsleben 17
6.1 Ausbildung 18
6.2 Hochschulabschluss 19
7 Menschenrecht auf Bildung 21
8 Lösungsansätze der Armutsproblematik in Bildungsprozessen 22
8.1 Literatur 23
8.2 Politik 23
8.3 Reformation des Schulsystems 24
8.4 Resilienz 24
9 Fazit 26
Literaturverzeichnis 28
Internetquellen 28
- 1 - 1 Einleitung
„Das größte Problem in der Welt ist die Armut in Verbindung mit fehlender Bildung.
Schon seit Jahren ist zu beobachten: Immer mehr Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland wachsen in armen Familien auf - mit gravierenden Folgen sowohl für die Zukunft der Betroffenen selbst als auch der gesamten Gesellschaft. Was heißt es aber genau, als Kind oder Jugendlicher arm zu sein? Wie bewältigen arme Kinder ihre Lage? Welche Auswirkungen hat Armut auf die kindliche Entwicklung und besonders dessen Bildungschancen? Und was muss getan werden?
In dieser Seminararbeit geht es um die theoretische und praxisorientierte Auseinandersetzung mit dem Thema Kinderarmut als Ursache für schlechte Bildung. Es wird im Folgenden dargestellt, in wie weit die schlechte finanzielle Lage der Kinder und vor allem ihrer Eltern ihre Bildungschancen beeinflussen kann und ob es noch weitere Faktoren gibt, die im gleichen Maße zur Bildungsbenachteiligung führen können. Die Untersuchungen basieren auf Erkenntnissen der vorhandenen Studien aber auch selbst durchgeführten Befragungen, die das Theoretische bestätigen sollen. Zuletzt wird kurz auf Möglichkeiten der Armutsbekämpfung eingegangen.
2 Armut - was ist das überhaupt?
Armut, was ist das? Betrifft das auch uns oder ist das nur ein Problem der Entwicklungsländer?
Dass eine breite Bevölkerungsschicht Deutschlands in Armut lebt und sich immer mehr von Senioren hin zu Kinder und Jugendlichen ausbreitet, war jahrelang ein Geheimnis, das selbst die deutsche Regierung nicht wahr haben wollte.
2.1 Definition aus der Literatur
Um sich über diese Problematik klar zu werden, sind in den letzten Jahren zahlreiche Studien der gesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften und Kirchen (z.B. von Caritas, AWO und dem deutschen Gewerkschaftsbund) durchgeführt worden.
Folgt man dem zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, lebten im Jahr 2003 bereits 13,5% der Bevölkerung d.h. rund 11 Millionen Menschen unter der Einkom-
- 2 -mensarmutsschwelle. Im Jahr 2005 waren Berechnungen des DIW zufolge bereits 17,3 Pro-zent d.h. 14 Millionen Personen von Armut betroffen, wobei bestimmte Gruppen - vor allem Langzeitarbeitslose - mit besonders hohen Verarmungsrisiken konfrontiert sind. Genauer betrachtet, lässt sich Armut in unserer Gesellschaft nicht eindimensional also nur rein nach materiellen und/oder politischen Gesichtpunkten definieren, sondern ist gerade in Bezug auf Kinder und Jugendliche mehrdimensional zu betrachten. Dazu gehört auch die Fra-ge nach der finanziellen Ausstattung, welche aber stets im Kontext mit den entwicklungsbe-dingten Bedürfnissen und der Lebenssituation der Kindern und auch den gesellschaftlichen Anforderungen und Standards zu sehen ist.
Politiker und Wissenschaftler unternahmen den Versuch, die relative und absolute Armutsgrenze (in Deutschland) zu objektivieren. Es wird demnach immer dann von Armut die Rede sein, wenn das Einkommen der Familie des Kindes bei maximal 50 % des deutschen Durchschnittseinkommens liegt (vgl. Zens 2002, 28). Im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelten sich auch viele fachliche Begriffe wie „primäre oder sekundäre“ Armut, „verdeckte“, „bekämpfte“ oder „neue“ Armut. Thomas Müller, der sich in seinem Buch mit dem Phänomen der Armut an Förderschulen beschäftigt, beschreibt die Armut nicht als Unterversorgung, sondern „als Relation zur Wohlstandsverteilung innerhalb der gesamten Bevölkerung“(Müller 2005, 38 f.). Es ist jedoch ziemlich schwer festzustellen, wo die Armutsgrenze liegt und daran kann auch diese These (wie viele anderen) schnell scheitern.
Die ISS versuchte eine umfassende Definition zusammenzustellen. Daraus ergeben sich folgende neun Dimensionen der Armut:
N materielle Armut
N Bildungsbenachteiligung N Geistig-kulturelle Armut N Soziale Armut N Fehlende Werte N Seelische/emotionale/psychische Armut N Vernachlässigung N Falsche Versorgung N Ausländerspezifische Benachteiligung (vgl. ISS - Zwischenbericht 1998, Kap. 4.2)
1 Zit. nach www.wikiquote.de/armut
- 3 - 2.2 Was versteht die Bevölkerung unter der Armut
Interessanter ist jedoch ein Bild über Armutsvorstellungen von „Außerstehenden“ zu bekommen. Wie stellen wir uns Armut vor? Um dies zu erfahren, führten wir eine Befragung durch. Auswahlkriterien waren zum einen möglichst viele Frauen und Männer in gleichem Maße zu erreichen, und zum anderen eine gute Altersmischung zu erhalten. Eingeschränkt wurde dies durch die unterschiedliche Bereitschaft auf die Befragung zu beantworten.
Was verstehen Sie unter Armut?
„es gibt viele Sachen die man unter Armut verstehen kann… Es gibt zum Beispiel auch Blutarmut… wenn man von einer oder von mehreren Sachen zu wenig besitzt, z.B. Geistesarmut, (Angestellter, 35 Jahre alt) Intelligenzarmut, Liebesarmut…“
„Armut verstehe ich nicht nur finanziell betrachtet. Es gibt auch Gefühlsarmut…“ (Chemielaborant, 36 Jahre alt)
„Nach Auslegung des Wortes ist die Armut für mich „arm-„ sein und „-Mut“ zum leben ha- (Verkäuferin,27 Jahre alt) ben“.
„Wenn jemand kein Geld hat und sich nichts leisten kann… und hat nichts zum essen.“ (Francesca, 8 Jahre alt)
„Armut ist in der letzten Zeit ein sehr begehrtes Thema. Man soll jedoch nicht nur die finanzielle Seite der Armut sehen. Es gibt auch Menschen, die „arm“ sind, obwohl es ihnen an finanziellen Mittel nicht fehlt…sie sind geistesarm.“ (Lehrer, 48 Jahre alt)
„Junge Leute meinen heute arm zu sein, wenn sie sich keine Markenklamotten kaufen können. Früher hatte man nichts, was man in den Topf stecken könnte, das war Armut.“ (Rentner, 82 Jahre alt)
„Ich bin davon Gott sei Dank nicht betroffen.“ (Angestellte, 42 Jahre alt)
Wie man aus den Antworten entnehmen kann, wird unter „Armut“ ein Mangel verstanden und das nicht nur an finanziellen Mitteln. Jeder der Befragten legte eine kurze Denkpause ein, bevor er die Frage beantwortet hat. Jeder war mit seinen Gedanken weit weg, vielleicht erin- nerte er sich an seinen persönlichen Erfahrungen oder dachte er an anderen Menschen, die
- 4 -ihm begegnet sind… Armut ist zwischen uns und wir nehmen sie in unterschiedlichen Situa-tionen wahr.
3 Ist die Armut ursächlich für die Bildungsbenachteiligung?
3.1 Einfluss des elterlichen Einkommens auf Bildung ihrer Kinder
Da in der Bundesrepublik Deutschland der Besuch einer Regelschule unentgeltlich ist, dürfte das elterliche Einkommen im Hinblick auf die Entscheidung welche Schule von Kindern besucht wird, keine Rolle spielen. Es müssen aber auch die indirekten Kosten in Betracht gezogen werden: Für den Schulbesuch müssen Hefte, Schultasche, Stifte oder sogar Schulbücher selbst finanziert werden. Auf dem Gymnasium muss nicht nur aufgrund der größeren Anzahl der Fächer, sondern auch aufgrund der längeren Schuldauer zwangsläufig mehr investiert werden. Die Schule organisieren allerlei Klassenfahrten, wo sehr deutlich wird, wer sich diese nicht leisten kann.
Begrenzte finanzielle Mittel führen zu begrenzten Ausgaben für Bildung, wie zum Beispiel Bücher, Sprachreisen oder ein PC. PC-Kenntnisse sind mittlerweile nicht nur im Studium, sondern auch im Gymnasium Vorraussetzung, und diese können ohne den eigenen PC zu Hause nur schwer angeeignet werden. Hinzu kommt der Wunsch auf raschen Erwerbseintritt der Kinder, so dass diese nicht mehr finanziell versorgt werden müssen und selbständig leben können. Dies wird meistens den Kleinen auch sehr deutlich beigebracht und wirkt sich auf ihre persönlichen Wünsche aus. Auf einmal fühlen sie sich für die Familie und ihre Not-Situation verantwortlich und sehen nur ein Ziel für sich - arbeiten und Geld verdienen. Durch längere Beobachtungen einer in unmittelbarem Umkreis lebenden finanziellschwachen Famille, kann ich das schließlich bestätigen. Mit dem Erreichen der Geschäftfähigkeit, stürzten sich die Kinder in kurzer Zeit auf Arbeitsuche. Die Ansprüche auf ausgeführte Tätigkeit waren nicht hoch, auch die monetäre Entgeltung war bei der gefundenen Stelle nicht besonders verlockend. Dies störte jedoch den jungen Menschen gar nicht. Das wichtigste für sie war, dass sie endlich eigenes Geld verdienen könnten und damit ihre Familien unterstützen könnten. Was noch bewundernswerter war, die Kinder haben das „frischverdiente“ Geld nicht in eigene Geldbeutel gesteckt. Viel mehr, sie haben es nicht selbst behalten. Das Gehalt wurde zu erst den Eltern vorgelegt und, wenn die Erzieher dies bewilligt haben, könnten die eigentlichen Geldbesitzer etwas für sich behalten.
Das elterliche Einkommen beeinflusst auch sehr stark das Familienklima. Eine angespannte finanzielle Situation führt zu einer allgemein schlechteren Erziehungsleistung in der Familie, was sich wiederum nachteilig auf die psychische Stabilität, die kognitive Entwicklung und
- 5 -dadurch auf den Schulverlauf des Kindes auswirkt (vgl. Schneider 2004, 11f.). Zur objektiven finanziellen Situation kommt also der subjektive Umgang hinzu.
Die finanzielle Ressourcenknappheit belastet die Eltern. Das führt zum einen zu Konflikten in der Ehe, zum anderen zu Konflikten mit den Kindern. Eltern verhalten sich unberechenbarer, gereizter und härter gegenüber den Kindern, und unterstützen diese weniger. Das Versagen am Arbeitsmarkt oder der Sozialhilfebezug kann in betroffenen Personen subjektive Perspektivenlosigkeit oder sogar psychische Schädigungen wie Depression hervorrufen. Orientieren sich Kinder an diesen Modellen führt das zu einer nachteiligen Leistungsentwicklung des Kindes.
Personen aus den niedrigeren Einkommensschichten stehen unter Umständen der Leistungsgesellschaft ablehnend gegenüber. Man will aus der Armut gar nicht heraus, und investiert daher wenig in die Ausbildung der eigenen Kinder.
Schneider untersuchte in seiner Arbeit, inwieweit die Zufriedenheit der Mutter mit dem Haushaltseinkommen auf die Bildung der Kinder auswirkt 2 . Dies dokumentierte er in einer Tabelle, die wir als übersichtliche Darstellung der Ergebnisse von seinen Untersuchungen darstellen möchten:
Tabelle 1
Zufriedenheit Hauptschule Realschule Gymnasium unzufrieden (Skalenwerte 0-4) 0,51 0,27 0,21 ambivalent (Skalenwert 5) 0,47 0,26 0,26 zufrieden (Skalenwerte 6-8) 0,39 0,27 0,34
hoch zufrieden (Skalenwerte 9-10) 0,34 0,25 0,41
Quellen: SOEP 1984-2003; Berechnungen vom Schneider
Anteil der Kinder, die auf einer Schulart des dreigliedrigen Systems wechseln, nach Zufriedenheit der Mutter mit dem Haushaltseinkommen
Wie es hier deutlich dargestellt wird, besuchen Kinder, deren Mütter unzufrieden mit dem Haushaltseinkommen sind, sehr selten Gymnasium und häufig Hauptschule. Dagegen stellt sich heraus, dass mit dem Anstieg der Zufriedenheit bei dem weiblichen Teil der Eltern, auch die Wahrscheinlichkeit des Besuchs eines Gymnasiums durch ihre Kinder wächst. Was sich jedoch nicht klar festlegen lässt, ist der Zusammenhang zwischen dem Einkommen der Eltern und dem Übergang auf die Realschule. Dies stellt einen Bereich dar, wo nicht un- bedingt das Geld große Auswirkung hat, sondern die Intelligenz und das Wissen des Schülers.
- 6 -Es ist jedoch festgestellt worden, dass nicht nur materielle Lage die kindliche Lebenssituation prägt. Holz zählt auch viele weiter Faktoren auf, die einen positiven Einfluss darauf haben können 3 . Dies sind vor allem die regelmäßigen gemeinsamen Aktivitäten der Familie (die nicht gleich kostenpflichtig sein müssen), gutes Familienklima (wie schon oben erwähnt), Deutschkenntnisse bei mindestens einem Elternteil wie auch keine hohe Überschuldung, die ja meistens zur familiären Streitigkeiten führt. Wichtig ist auch, dass die Räumlichkeiten nicht zu beengt sind, dies führt auch bei wohlhabenden Leuten zu nervösen Reaktionen und Streit-situationen. Holz hält die ersten zwei Punkte für besonders wichtig, gerade bei Eltern, die trotz schwieriger finanzieller Situation, die Entwicklung ihrer Kinder fördern wollen.
Die Entwicklung und Förderung der Kinder wird also in den meisten Fällen den Eltern zugeschrieben. Sie werden damit der schlechten Entwicklung ihrer Kinder schuldhaft gemacht. Dies ist laut Klundt & Zeng 4 nicht der richtige Weg. Es soll vielmehr die Lage der Eltern beachtet werden. Die sind ja schließlich selbst hoch belastet und können ihren Kindern dadurch nicht die Zuneigung zukommen lassen, wie sie es vielleicht gerne machen würden. Klundt zitiert den Erziehungswissenschaftler Hans Weiß, für den es „verfehlt“ wäre „die Ver-antwortung für ökonomische und gesellschaftlich-kulturelle Bedingungen von Armut auf die Menschen zu verlagern, die sie zu ertragen haben“. Bei den vielen durchgeführten Studien gibt es viele Lucken, wie z.B. Einfluss des Freundesgruppen oder der Schule auf kindliche Entwicklung.
Familie kann nicht allein die Förderung ihrer Kinder bewerkstelligen.
3.2 Lernbehinderung
Armutsfolgen zeigen sich am deutlichsten im Schulerfolg und in der schulischen Laufbahn. Kinder aus finanziell schwachen Familien haben mehr Probleme beim Sprechen, Spielen und Arbeiten. Diese Benachteiligung wird durch die Schule nicht aufgefangen, sondern häufig verstärkt. Dies wirkt sich besonders stark auf die Selbstbewusstheit der Kinder, die doppelt so häufig Frühförderung brauchen, wie Kindern aus nichtarmen Verhältnissen. 5 Im schlimmsten
2 Schneider 2004; Der Einfluss des Einkommens der Eltern auf die Schulwahl.
3 Zenz 2002; Die vergessenen Kinder, S. 32 ff.
4 Zenz 2002; Die vergessenen Kinder, S. 44 ff.
5 http://www.schaunichtweg.de/wissenswertes/index_dru.htm
Arbeit zitieren:
Dipl. Verwaltungswirtin Monika Kehr, 2006, Armutsbedingte Bildungsbenachteiligung , München, GRIN Verlag GmbH
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