Inhaltsverzeichnis
Vorwort S. 3
1. Biographie von Bert Hellinger S. 4
2. Hintergründe des Hellingerschen Arbeitsansatzes S. 5
3. Mehrgenerationenperspektive S. 11
4. Ablauf einer Aufstellung nach Hellinger S. 14
5. Das Wesen der Ordnungen bei Hellinger S. 17
5.1. Die Seele S. 17
5.2. Das Gewissen S. 19
5.2.1. Das Gewissen im Persönlichen S. 20
5.2.1.1. Bindung S. 20
a) Bindung als Kind S. 20
b) Bindung als Paar S. 22
c) Bindung als Eltern S. 24
5.2.1.2. Ordnung S. 25
a) Ordnung als Kind S. 26
b) Ordnung als Paar S. 28
c) Ordnung als Eltern S. 31
5.2.1.3. Ausgleich S. 32
a) Ausgleich als Kind S. 33
b) Ausgleich als Paar S. 37
c) Ausgleich als Eltern S. 40
5.2.2. Das Gewissen im Kollektiven S. 40
a) Bindung im Großen Kollektiven S. 42
b) Ordnungen im Kollektiven S. 43
c) Ausgleich im Kollektiven S. 44
6. Schamanische Aufstellungs- und Ritualarbeit S. 45
6.1. Beschreibung der schamanischen und der systemischen Arbeit S. 45
6.2. Vergleich grundlegender Prinzipien in Schamanismus, Psychotherapie und
Familienstellen S. 47
6.3. Familienstellen und Schamanismus S. 50
6.4. Die Kraft der toten Vorfahren S. 52
6.5. Mögliche Gefahren S. 54
Schlussbemerkung S. 56
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Vorwort
Ich war sehr froh und dankbar für die Möglichkeit mich der Systemischen Aufstellungsarbeit im Rahmen meiner Diplomarbeit widmen zu können, und bin nun sehr glücklich über diese Veröffentlichung.
In der Zwischenzeit hat sich ja auf dem Gebiet der Aufstellungsarbeit so einiges getan: es gab Weiterentwicklungen und mittlerweile auch Distanzierungen von Hellingers Aufstellungsweise. Diese Arbeit will wissenschaftlich fundiert an das Thema heranführen und die zu Grunde liegende Technik und Sichtweise beleuchten – bei allen Veränderungen, die die Zeit inzwischen mit sich gebracht hat.
In der vorliegenden Arbeit werde ich zuerst die Person Bert Hellinger kurz darstellen, bevor ich die in der Psychologie wohlbekannte „Mehrgenerationenperspektive“ in ihrer „klassischen“ Form beleuchte. Einen erheblichen Teil meiner Arbeit stellt das Aufzeigen der Ordnungen in der Grundform dar, wie sie Bert Hellinger beschreibt und mit ihr arbeitet.
Anschließend versuche ich, den Schamanismus als einen weiteren Zweig am Aufstellungsbaum in seinen hier relevanten Grundstrukturen mit seinen grundlegenden Parallelen zum Familienstellen darzustellen. Besonders gehe ich auf den Vergleich von Psychotherapie, Familienstellen nach Hellinger und Schamanismus ein, wobei ich dabei die Gefahren, die den Arbeitsansätzen innewohnen, nicht unerwähnt lassen möchte.
Natürlich möchte ich die Gelegenheit nutzen und mich nun auch noch, wie es sich am Anfang eines Buches gehört, bedanken!
Zuerst einmal bei meinem Professor Herrn Oswald für sein Entgegenkommen, dieses Thema an meiner Hochschule überhaupt zu- und sich selbst darauf einzulassen.
Dann ganz besonders und von Herzen meinen sehr guten Freunden und Lehrern Niza Sindhu und Satyen, die so viel mit mir teilen! Und natürlich den vielen anderen sichtbaren und unsichtbaren Helfern, all meinen Verwandten, meinen Vorfahren und meinen Eltern – für alles.
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1. Biographie von Bert Hellinger
Bert Hellinger, geboren am 16.12.1925 in Leimen als Anton Hellinger, studiertenach dem Besuch eines katholischen Internates und Wehrmachtseinsatz während des Zweiten Weltkrieges an der Westfont – Philosophie, Theologie und Pädagogik, und widmete sich derweil schon einem sehr spirituellen Leben, bevor er 1952 zum Priester geweiht wurde und anschließend als Missionar unter dem Namen Suitbert nach Südafrika ging, um dort mit den Zulus zu arbeiten. Er war u.a. an einer Schule und einer Missionsstation tätig, und leistete, wie er es nennt, „Kulturarbeit“ (Ten Hövel 2005, S.43). 1964 lernte er dort die Arbeit der Gruppendynamik kennen. Bei einem Gestalttherapieseminar von Ruth Cohn mit dem „heißen Stuhl“ kam er zu der Entscheidung, dass er das Priestertum und den Orden verlassen musste. 1971 trat er aus der Kongregation aus, verzichtete auf das Priesteramt, lernte seine Frau kennen und heiratete sie. Seine Weiterbildung zum nichtärztlichen Psychotherapeuten mit der Fachrichtung Psychoanalyse wurde 1982 von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns anerkannt, nachdem ihm dies von der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung verweigert worden war. Hellinger besuchte unter anderem Kurse bei Arthur Janov, dessen Herangehen an zentrale Gefühle im Rahmen der Urschreitherapie ihn besonders beeindruckte, sowie bei Frank Farrelly und Jakob Levy Moreno. Durch Fanita English lernte er Transaktions- und Skriptanalyse kennen: Er stellte fest, dass nicht alle Skriptgeschichten mit den verbalen und nonverbalen Eltern-Kind-Botschaften in Verbindung gebracht werden konnten, und manche Skripts auf Ereignisse im Familiensystem zurückgehen. Ihm fiel weiter auf, dass Gefühle von Klienten nicht immer deren eigene, sondern oft von anderen Mitgliedern des Familiensystems übernommene Gefühle waren, die häufig die Urliebe zu Vater oder Mutter ausdrückten. Geäußerte Trauer und Wut dienten oft der Abwehr eines Schmerzes, der durch eine missglückte Eltern-Kind-Liebe entstanden war. „Nach längerer Erfahrung mit dieser Arbeit fand Hellinger heraus, nach welchen Gesetzmäßigkeiten es im Familiensystem zur Identifizierung mit früheren Ereignissen und Schicksalen kommt. Seiner Ansicht nach sind die meisten Probleme, mit denen Menschen in die Psychotherapie kommen, nicht entwicklungspsychologisch, sondern systemisch bedingt“, so Thomas Schäfer (Schäfer 2003, S.240f). Die Lektüre des Buches „Unsichtbare Bindungen“ von Boszormenyi Nagy brachte ihn dazu, sich intensiver mit der Idee des Ausgleichs in Familiensystemen zu beschäftigen. Nachdem die Familientherapie in den 70er Jahren immer mehr an Bedeutung gewann, besuchte er Seminare bei Ruth
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McClendon und Les Kadis, und nahm an Familienaufstellungen bei Thea Schönfelder teil, bei denen er das Prinzip der „repräsentativen Wahrnehmung“ kennen lernte. Die Ordnungen, die dahinter lagen, blieben ihm verborgen; er wollte aber herausfinden, „was die Menschen wirklich steuert, was sie bindet und wie Lösungen aussehen und gelingen können“ (Nelles2005, S.59). Besondere
Bedeutung für Hellinger hatte die Arbeit der Familientherapeutin Virginia Satir (1916 – 1988), die seit den 1960er Jahren mit Familienrekonstruktion praktizierte. Als „geistige Ahnen“ nennt Hellinger in einem Interview neben Sigmund Freud Martin Heidegger, Konfuzius, Lao-Tse, Heraklit und Rainer Maria Rilke (ebd). Großen Einfluss auf seine Arbeitsweise hatte auch der amerikanische Psychotherapeut Milton Erickson, bei dem ihm dessen „Achtung vor dem Klienten“ und „das Gehen mit der Bewegung“ des Klienten beeindruckten (TenHövel 2005, S.67). Von Jeffrey Zeig, Stephen Lankton und anderen Schülern Milton Ericksons hat Hellinger z.B. gelernt, auf minimalste Körpersignale zu achten und die im NLP übliche einfache Sprache zu benutzen, wobei Hellingers Sprache vielfacher Kritik ausgesetzt ist, da sie „weder systemtheoretisch noch wissenschaftlich-buchstäblich ist, sondern bildhaft, wie die literarische, poetische und teilweise auch die philosophische Sprache.“ Nelles schreibt, er verstünde nicht, was an Ausdrücken wie „etwas Größeres“ oder „in den Dienst genommen“ mystifizierend oder immunisierend sein solle, da jeder normale Mensch die Bedeutung erfassen könne (Nelles2005, S.82). Insgesamt nahm sich Bert Hellinger aus dem großen Angebot an neuen Therapieformen und innovativen Denkansätzen, die es gerade in den 70er Jahren in großem Maße gab, das heraus, was für ihn wirkungsvoll war, probierte es aus und vertiefte es. So sammelte er einen Erfahrungsschatz ohne Zertifikate und Verbandsmitgliedschaften (TenHövel 2005, S.67).
2. Hintergründe des Hellingerschen Arbeitsansatzes
Ein wesentlicher Aspekt in Hellingers Arbeit ist der Systemische Ansatz, auch wenn in der Fachwelt ein Konflikt darüber entbrannt ist, ob die Arbeit nach Hellinger zu Recht als „systemische Therapie“ bezeichnet werden darf. Hellinger selbst erhebt keinen Anspruch darauf, der Ursprung in der systemischen Perspektive scheint jedoch offensichtlich (Nelles2005, S.52f). Es wird also nicht nur auf die Lebensgeschichte eines Menschen geschaut, sondern der Mensch wird als Teil eines Systems betrachtet, in dem er einen bestimmten Platz einnimmt. Das
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grundlegende System sei die Familie, so Nelles, wobei diese Sichtweise auf jedes andere System (Organisation, Firma etc.) übertragen werden könne. Das bedeutet, dass man die Probleme eines Einzelnen nur dann adäquat erfassen und lösen kann, wenn man ihn in seiner Wechselwirkung mit anderen Systemmitgliedern und in seiner Rolle im Gesamtsystem betrachtet (ebd). Willke definiert ein System grundsätzlich als „einen ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen, deren Beziehung untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind als ihre Beziehungen zu anderen Elementen. Diese Unterschiedlichkeit der Beziehungen konstituiert eine Systemgrenze, die System und Umwelt des Systems trennt“ (in: Schlippe/Schweitzer 2000, S.55ff). Über die Zugehörigkeit zu einem sozialen System definiert sich das, was den Identitätskern des Einzelnen, seine Sinngebung und seinen Nutzen ausmacht. Innerhalb des Systems bestimmt die Funktion die Position des Einzelnen. Nach außen hin ist das System eingebettet in einen größeren Zusammenhang, nach innen hin ist es untergliedert in Subsysteme verschiedener Kategorien. Über das Bewusstwerden der Position definiert sich der Wirkkreis des Einzelnen mit seinen Grenzen, ebenso wie z.B. im Körperlichen die Funktion die Form des Körperteils gestaltet (vgl. Minuchin 1981,S.72). Grenzen dienen der Differenzierung und Abgrenzung des Systems gegen die Umwelt, ermöglichen Identitätsbildung und regulieren die kommunikative Abschottung oder Anschlussbereitschaft des Systems“ (Schlippe/Schweitzer 2000, S.58f). Dazu müssen die Grenzen der Subsysteme deutlich sein, damit die Mitglieder des jeweiligen Systems ihre Funktion „ohne unzulässige Einmischung von außen vollziehen können, aber sie müssen auch den Kontakt zwischen den Mitgliedern des Subsystems und Außenstehenden ermöglichen“, so Minuchin (Minuchin 1981, S.74). Er sieht die Klarheit der Grenzen der einzelnen Subsysteme als „nützlichen Indikator für die Beurteilung des Funktionierens“ einer Familie an. Allerdings kann ein Subsystem, z.B. das der Elternebene, in das sich eine Großmutter oder ein „Elternkind“ (Hellinger nennt diese Kinder „überhöhte“ Kinder) eingereiht hat, durchaus eine gewisse Zeit angemessen funktionieren, wenn Ausmaß der Verantwortung und Autorität deutlich sichtbar sind. Bezüglich der Grenzen unterscheidet Minuchin drei Arten: unangemessen starre, klare und diffuse Grenzen: Im Extrem „diffus“ sind Grenzen, wenn die Familie sich ganz nach innen verschließt und so ihren eigenen „Mikrokosmos“ schafft; dann nehmen Kommunikation und Kontakt unter den Familienmitgliedern zu, wodurch die Distanzen zwischen den Mitgliedern geringer, die Grenzen unklarer werden und die Differenzierung des Systems verschwindet. Ebenso wie Hellinger bezeichnet Minuchin dies als
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„Verstrickung“, da so die Positionen des Einzelnen im System verschleiert wird und die Funktion nicht mehr eindeutig abgerufen werden kann. Als Gegenpol kann eine Familie nach außen und bezüglich der Subsysteme sehr starre Grenzen entwickeln; dann wird die Kommunikation über die Grenzen hinweg schwierig. Diese Variante bezeichnet Minuchin als „Loslösung“; oft sind hier Loyalität und Zugehörigkeitsgefühl unzureichend ausgebildet; gleichzeitig werden Individualitäten weitgehend toleriert. Die Aufgabe des Therapeuten bei Minuchin ist häufig die des Grenzziehers, der diffuse Grenzen klar und starre durchlässig macht. Von der Beschaffenheit der Grenzen, wie sie sich ihm zeigt, könne er dann weitere Interventionen ableiten. Dieser Ansatz setzt allerdings voraus, dass der Therapeut weiß, wie eine funktionale Familie auszusehen hat, und wie Grenzen und Strukturen im Ideal oder als Norm beschaffen sein müssen. Minuchin als Vertreter des strukturellen Ansatzes und z.B. Haley als der des strategischen entwickelten Vorstellungen darüber, und leiteten ab, wie Therapeuten durch oft massiv eingreifende Interventionen ein System zum Übergang von einem „dysfunktionalen“ zu einem „funktionalen“ Zustand bewegen können (ebd).
Zunehmend stellte jedoch die sich entwickelnde Familientherapie die Frage, was überhaupt eine „funktionale“ Familie sei und wer dies und die zugehörigen Normen bestimmen könne. Die „Kernfrage nach der Erhaltung von Gleichgewicht, von Homöostase, durch Angleichung eines Ist- an einen Soll-Zustand (...)“ wurde abgelöst von der Erkenntnis, dass sich Systeme unter bestimmten Bedingungen aus sich heraus, d.h. selbstorganisiert, verändern können, und „die Dinge immer geordneter werden, wenn man sie sich selbst überlässt“. Dieses Konzept der Selbstorganisation, der Autopoiese, die sich durch strukturelle Determiniertheit, Selbstreproduktion als einzigen Zweck und operationelle Geschlossenheit mit der Unfähigkeit, mit systemfremden Komponenten zu operieren, auszeichnet, trifft sich auf philosophischer Ebene mit dem Konzept des Konstruktivismus, nach dem die Welt ohne unsere Wahrnehmung so, wie sie ist, nicht denkbar ist. Das Hellingersche Grundprinzip folgt nicht der individuellen Wahrnehmung, sondern der generalisierten des gesamten Systems und deren Anerkennung dessen, was ist. Wenn also ein Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven heraus unterschiedlich betrachtet werden kann und die unterschiedlichen Perspektiven zu unterschiedlichen Konsequenzen, Urteilen und Entscheidungen führen, dann verliert die Sache selbst zunehmend an Bedeutung: „Statt dessen verlagert sich das Interesse auf die Art und Weise, wie soziale Gruppen die Sache sehen, benennen und kategorisieren“
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(Gergen in: Schlippe/Schweitzer 2000, S.80). Therapeutische Interventionen müssen demnach darauf abzielen, die unterschiedlichen Realitäten anzuerkennen und aus diesem Hintergrund heraus die innere Homöostase zu entwickeln. Hellingers Vorgehen ist nicht konstruktivistisch, sondern „phänomenologisch“; man nimmt dabei an, dass „der Schwerpunkt des Kognitionsprozesses, der sich wechselwirkend zwischen den Polen Wahrnehmen und Vorstellen vollzieht, auf der Wahrnehmung liegt; während der konstruktivistische Ansatz die Vorstellung in den Vordergrund rückt. Die phänomenologische Vorgehensweise geht davon aus, dass die „Kraft aus der Wirklichkeit selbst, nicht etwa aus dem Wissen des Therapeuten kommt“ (Nelles 2002, S.145f). Dazu muss der Therapeut innerlich leer werden, sowohl in Bezug auf bisherige Vorstellungen als auch auf innere Bewegungen gefühlsmäßiger, willentlicher oder urteilender Art, und in dieser inneren Haltung auf das System des Klienten schauen. Er macht sich kein Bild vom Klienten, ordnet weder ihn noch sein Problem ein, sondern wartet passiv ab, was sich ihm zeigt. Dann handelt der Aufsteller ohne zu reflektieren aus dem heraus, was er wahrnimmt und überprüft das Gesagte oder die Handlung an der Reaktion der Stellvertreter im aufgestellten System. Für die innere Haltung des Therapeuten im phänomenologischen Prozess hat Hellinger drei Grundsätze aufgestellt: 1.: Der Therapeut muss „ohne Furcht“ sein, d.h. er darf nicht versuchen, abzumildern, was er sieht, er darf nicht zögern, auszusprechen oder zu tun. Er muss seine Wahrnehmung dem Klienten zumuten. 2.: Er muss „ohne Absicht“ arbeiten, vor allem ohne die Absicht zu helfen. 3.: Er muss „ohne Liebe“ arbeiten, im Sinne einer unpersönlichen, unparteilichen, mitleidlosen Liebe. Nelles fügt dem einen vierten Grundsatz hinzu, nach dem die Arbeit mit größtmöglicher Achtsamkeit nach außen hin zum Klienten und nach innen hin zu einem selbst geschehen muss. Dies bedeutet genaues Hinschauen, Hinhorchen, Hinspüren, gleichzeitig gerichtet und ungerichtet, gesammelt und leer, was auch eine gegenwartsbezogene Flexibilität zulässt (Nelles2002,S.145f). Der Wahrnehmungsprozess richtet sich auf die Grundordnung, die ge- nicht erfunden wird, also der unmittelbaren ungerichteten Betrachtung entspringt. Nelles betont, dass das Familienstellen nach Hellinger erst dann verständlich werden kann, wenn man diese phänomenologische Grundhaltung verstanden hat, die für ihn nur vordergründig eine therapeutische Methode ist; vielmehr sei sie sowohl Methode als auch Welthaltung. Der eigentliche Prozess einer phänomenologischen Aufstellung besteht also nicht darin, dass Verbindungen zwischen einer augenblicklichen Problemsituation und früheren Ereignissen und, darauf aufbauend, neue Lösungen gesucht werden, sondern darin, dass sich beide, Therapeut und Klient, der
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Gegenwart mit ihrer Vielfalt von Erscheinungen aussetzen, ohne dabei zu werten oder zwischen ihnen zu wählen. Daraus folgt, dass der Therapeut nicht die Verantwortung für das Resultat seiner Arbeit trägt, wohl aber für seine Arbeit selbst! Auch der Klient hat diese Verantwortung nicht. „Was dem herkömmlichen Blick vielleicht verantwortungslos erscheint, ist tatsächlich der Verzicht auf eine weit verbreitete, aber durch nichts begründete Anmaßung: dass das Leben, der Tod, das Schicksal, Krankheit und Heilung in unsere Hand gegeben wären“ (Nelles2003,S.134). Die durch phänomenologisches Vorgehen gefundene lebendige Ordnung hat eine andere Qualität als die aus der Selbstorganisationsfähigkeit eines Familiensystems sich ergebenden Verhaltensalternativen (...). Wenn man einen Vergleich aus der Computersprache benutzen will, so könnte man sagen, dass das konstruktivistisch-systemische Vorgehen die „Software“ eines Computers betrifft, während man sich im phänomenologisch-systemischen Vorgehen mit der „Hardware“ befasst (Mandelung in: Weber 2000, S.43f).
Die Ordnungen, die durch dieses phänomenologische Schauen, also ein Ernstnehmen der Sinneserfahrungen, so wie sie kommen, so wie sie sind, mit einer gleichzeitigen Wachheit, Klarheit und Präzision im Verstand, beobachtet werden, stehen bei Hellinger stark im Mittelpunkt. „Daran knüpfen sich Vorwürfe wie: Law-and-order-Denken, Fundamentalismus oder auch Faschismus. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen äußerst differenzierten und paradoxen Begriff, der nicht leicht zu fassen ist“ (ebd). Für Hellinger, der nicht nur mit dem Phänomen, sondern auch mit dem Paradoxon des Lebens arbeitet, hat die Ordnung, die sich ihm zeigt, die Qualität von Wahrheit, wobei er Wahrheit als Wirklichkeit versteht: Für ihn schafft die Wahrnehmung Wirklichkeit, während in der konstruktivistischen Sichtweise die Vorstellung dies tut. Zugleich weist Hellinger immer wieder auf die Wirksamkeit innerer Bilder, also Vorstellungen, hin; er zieht damit eine Wechselwirkung von Wahrnehmung und Vorstellung in Betracht, was eine Brücke zum konstruktivistischen Denken darstellt.
Schlippe u.a. werfen Hellinger bezüglich seines Wahrheits-und
Ordnungsanspruches an dieser Stelle vor, dass die Vorstellung, „über eine Wahrheit verfügen zu können, an der eine Person mehr teilhaftig ist als eine andere“ irrig sei. „Dies führt zu der Verwendung verabsolutierender Beschreibungsformen und impliziert, dass keine partnerschaftliche Kooperationsbeziehung angestrebt wird“ (s. „Potsdamer Erklärung“ und Brief von Schlippe an Hellinger, sowie Nelles 2005, S.
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80ff). Nelles meint, dass man Hellinger durchaus so interpretieren kann, aber nicht muss. Es sei letztendlich ein methodisch-erkenntnistheoretischer Streit, der nicht entschieden werden kann. Hellinger selbst sagt: „Für mich ist Wahrheit etwas, was mir der Augenblick zeigt und durch das er die Richtung weist für den nächsten fälligen Schritt (...) keine bleibende Wahrheit“, und erhebt somit keinerlei Anspruch auf alleiniges Innehaben der Wahrheit (Mandelung in: Weber(2)2000, S.43ff), sodass man auch davon ausgehen kann, dass Wahrheit ein dynamischer Prozess ist und kein feststehendes und unveränderliches Faktum, was das Lebendige vom Toten unterscheidet.
Während z.B. in anderen systemischen Ansätzen keine richtige oder falsche bzw. überhaupt keine Ordnung vorgegebenen ist, und es damit auch keine richtige Lösung gibt, sondern nur wirksame oder weniger wirksame, die mit dem Klienten zusammen erarbeitet werden, und sich gemachte Ordnungen im Zeitfluss neu ausrichten, sich ändern oder von gleichberechtigten Familienmitgliedern gemeinsam neu gestaltet werden können (z.B. Heidelberger Ansatz), geht Hellinger davon aus, dass es eine allem zugrunde liegende Ebene archaischer Kraft gibt, die zwischen den Menschen und durch sie hindurch wirkt. Dieses Bild der Ordnung setzt Grenzen und zeigt Grund und Basis auf, in denen Entwicklung möglich ist. Kritisiert wird häufig, dass Hellinger die von ihm beobachteten Ordnungen in uneingeschränkt generalisierten Formulierungen und dogmatischen Deutungen wie „immer, wenn“, „schlimme Wirkung“, „der einzige Weg“ (u.ä.) äußert. Hellinger selbst begründet dies damit, dass es den Betroffenen mehr helfe (...). Andererseits revidiert er seine Aussagen stets, wenn man ihm empirisch zeigt, dass sie nicht stimmen. Wenn Hellinger so spricht, erklärt er die Ordnung im Abstrakten mit diesen generalisierten Aussagen. Wenn er im System arbeitet, richtet er sich ausschließlich nach der Wirklichkeit des jeweiligen Systems. Generell gilt allerdings bei Hellinger, dass seine Aussagen therapeutische Aussagen in bestimmten Situationen sind. „Hier gibt es archaische Wirkungen und Reaktionen, und – das ist sehr wichtig – es gibt eine Wirkung der Toten auf die Lebenden“(ebd).
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3. Mehrgenerationenperspektive
Beim Familienstellen nach Hellinger wird aus dem Verhalten der Stellvertreter und damit auch aus dem Verhalten und den Schicksalen der wirklichen Familienmitglieder zusätzlich deutlich, dass ihr Verhalten und ihr Zustand vom Schicksal längst Verstorbener maßgeblich beeinflusst wird. Diese Ansicht liegt auch der Mehrgenerationenperspektive zugrunde, die die psychoanalytische Theorie des unbewussten Konfliktes, die systemtheoretische Perspektive und die
zeitgeschichtlich-soziologische Dimension familiären (Er-)Lebens verbindet. Diese Perspektive geht davon aus, „dass das Frühere, insbesondere das unbewusste, konfliktbesetzte, unerledigte Frühere, im Heute weiter wirksam ist und die Muster des Erlebens und Verhaltens entscheidend mitbestimmt. Daraus folgt, dass sich Störungen und Konflikte der jeweiligen Kindergeneration regelmäßig aus Konflikten zwischen Eltern und Großeltern bzw. den Partnern und ihren Eltern ergeben. Dies geschieht durch vielfache infrafamiliäre Übertragungsprozesse(...).“ Dabei spielen sich in Familien über Generationen hinweg im Wesentlichen immer wieder dieselben bzw. re-inszenierten Konflikte ab, sodass ein „infrafamiliärer Wiederholungszwang“ besteht (Cierpka 2003, S.189f). Bei Hellinger sind die Ausgeschlossenen und die Abgewerteten mit ihrem Schicksal diejenigen, die in den nachkommenden Generationen zu Störungen und schlimmen Auswirkungen führen. Können sich Familien nicht ausreichend mit Konflikten und Problematiken auseinandersetzen und diese verarbeiten, bleiben sie an einem Punkt in ihrer Entwicklung stehen. Symptome und Probleme der Familie werden als bestmöglicher Versuch angesehen, diese Konflikte bestmöglich zu lösen. Häufig sind traumatisierende Erfahrungen der Familie Ausgangspunkt für die Entwicklung starrer, dysfunktionaler Lösungsversuche, wobei nicht objektive Fakten ausschlaggebend sind, sondern die subjektive Verarbeitung, die individuelle Version der Geschichte und die so entstehenden gemeinsamen Muster. In der Mehrgenerationenperspektive werden die Familien in Abhängigkeit von historischen, sozioökonomischen und kulturellen Gegebenheiten betrachtet, und in Zusammenhang gesehen mit den vorherrschenden Werteinstellungen, Idealen und Ideologien, und nicht nur als autonome Individuen.
Als generationsübergreifendes Bindeglied dient das Familiengefühl, das in allen familienähnlichen Lebensgemeinschaften notwendig ist, um den Ausgleich zwischen den individuellen Wünschen und den Erfordernissen des Familiensystems nach Aufrechterhaltung und Kohäsion zu gewährleisten. Die individuelle Entwicklung des
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Familiengefühls geht einher mit dem Erwerb eines inneren Bildes der „Familie als Ganzem“, mit dem sich das Kind aktiv nach und nach identifiziert. Über die Identifizierung mit primären Bezugspersonen und der eigenen Familie werden aktiv „Familienrepräsentanzen“ aufgebaut, die über dyadische und triadische Muster hinausgehen, und aus denen sich in übergeordneter innerseelischer Struktur die „Familienidentität“ formt. „Mit dieser intrapsychischen Strukturbildung verfügt das Ich über eine spezifische Fähigkeit: die Vorstellung über und das Gefühl für eine Familie“ (ebd).
Generationsübergreifende Kontinuitäten bzgl. der Wiederholung von
Beziehungsmustern ließen sich bislang in zahlreichen Studien im Bereich der Entwicklungspsychologie in der Bindungsforschung empirisch belegen (s. Cierpka 2003, S.292). In der auf Studien basierenden „Attachment-Theorie“ konnten z.B. vorhersagbare Kontinuitäten zwischen dem Anpassungsverhalten der Mutter und ihren Eltern bis hin zum Mutter-Kind-Bindungsverhalten in der nächsten Generation und generationsübergreifende Wiederholungen im unsicheren Bindungsverhalten aufzeigen. Hellinger sieht sich dieser Thematik in zahlreichen in Aufstellungen bearbeiteten Partnerschafts- und neurotischen Schwierigkeiten gegenüber, in denen oft die sog. „unterbrochene Hinwendung“ zur Mutter ursächlich ist: Grundlage sei eine frühe Trennung des Kindes von der Mutter. Das Kind wird zutiefst verunsichert und von seinem Selbstverständnis als lebens- und liebenswertes Geschöpf abgeschnitten. Das kann dann dazu führen, dass das Kind der Mutter und dem Leben böse wird als Selbstschutz. Wenn jemand, dessen Hinbewegung zu Mutter oder Vater ganz früh unterbrochen wurde, später auf andere Menschen zugehen will, vor allem auf einen Partner, kommt die Erinnerung an diese Grundverletzung verstärkt zum Vorschein, und damit der Schmerz. Statt auf den anderen zuzugehen, beginnt eine Kreisbewegung. Da, wo es weitergehen könnte, biegt der Mensch nach rechts oder links ab und kommt an den gleichen lebensverneinenden Punkt zurück. Die unterbrochene Hinbewegung kann nachträglich ans Ziel gebracht werden: Bei Kindern könne es durch die Eltern geschehen, die ihr Kind so lange festhalten, bis die Widerstände aufhören, Erwachsene können dies im Rahmen einer (Festhalte)Therapie oder einer Aufstellung tun (Hellinger 2002, S.196f). Relevant ist hier wie in der Mehrgenerationenperspektive, dass in einer Generation abgewehrte schmerzhafte Affekte in der folgenden eine große Rolle spielen können. Weitere Themen können hier Traumatisierungen durch Kriegseinflüsse, Tod von Angehörigen, Vertreibung, Flucht, das Entwerten von Idealen (Wiedervereinigung),
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Arbeit zitieren:
Dipl.Sozialarbeiterin, Bacc.phil. Silke Maria Pfaller, 2005, Basiswissen Familienstellen, München, GRIN Verlag GmbH
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