1 Analyse des Bedingungsfeldes
1.1 Analyse der schülerspezifischen Lehr- und Lernbedingungen
Bei der FGW 07.4 handelt es sich um eine 11. Klasse (Einführungsphase) des Fachgymnasiums Wirtschaft mit 25 Schülerinnen und Schülern. Die Lerngruppe setzt sich aus 13 Schülerinnen und 12 Schülern zusammen, die zwischen 16 und 18 Jahren alt sind. Ein Schüler hat den Erweiterten Sekundarabschluss an einer Hauptschule erlangt, 16 Lernende an einer Realschule und ein Schüler an einem Gymnasium. Sieben Schüler und Schülerinnen besuchten im vergangenen Schuljahr die Einjährige Berufsfachschule Wirtschaft für Realschulabsolventinnen und Realschulabsolventen (Höhere Handelsschule).
Im Hinblick auf die schulische Vorbildung handelt es sich daher um eine homogene Lerngruppe, deren Leistungsvermögen mit gut eingestuft werden kann. Auch die Lernmotivation der Klasse ist grundsätzlich als gut zu bewerten, wobei diese aufgrund der anstehenden Sommerferien nachgelassen hat. Die aktivste Schülerin ist xxx. Sie beteiligt sich immer rege am Unterricht. Auch xxx, xxx, xxx und xxx leisten häufig gute Beiträge. Als ruhigste Schüler sind xxx, xxx und xxx zu nennen.
Hinsichtlich der Fachkompetenz im Umgang mit epischen Texten kennen die Lernenden das Modell des literarischen Erzählens aus der vorherigen Unterrichtseinheit. Auch die Merkmale einer Kurzgeschichte können vorausgesetzt werden. Ihre Interpretationskompetenz konnten die Lernenden bereits durch die Behandlung des Dramas „Emilia Galotti“ und bei der Interpretation von Lyrik trainieren. Der Begriff „innerer Monolog“ ist den Schülerinnen und Schülern aus der vorherigen Unterrichtssequenz bekannt.
Bezüglich der Methodenkompetenz ist festzustellen, dass die Schüler und Schülerinnen in Gruppenarbeiten mit anschließender Präsentation bereits geübt sind. Mit der produktionsorientierten Textarbeit haben die Lernenden bisher wenige Erfahrungen. Außerdem wurden sie zu Beginn dieser Unterrichtseinheit erstmalig mit dem Standbildbau konfrontiert. Dabei konnte festgestellt werden, dass es den Lernenden schwer fiel, ihre Körpersprache entsprechend einzusetzen. Die Sozialkompetenz der Klasse ist nach meinem Eindruck gut ausgeprägt. Die Lerngruppe akzeptiert sich gegenseitig und befolgt grundlegende Regeln im Umgang miteinander. Sie lassen meist ihre Mitschüler ausreden, hören ihnen zu und gehen angemessen auf deren Beiträge ein.
1.2 Situation der Referendarin
Seit Anfang des Schuljahres 2007/2008 hospitiere ich zwei Stunden in der Woche in dieser Klasse. Meine eigenen Unterrichtserfahrungen in dieser Klasse resultieren aus nur wenigen Stunden. Fachlich und persönlich fühle ich mich von der Klasse in meiner Rolle als Lehrerin akzeptiert sowie als Berufseinsteigerin unterstützt. Eine Unterrichtseinheit zu Kurzgeschichten habe ich bisher noch nicht durchgeführt. Meine Kenntnisse und Erfahrungen ergeben sich aus Recherchen in Fach- und Schulbüchern.
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1.3 Organisatorische Rahmenbedingungen
Der Deutschunterricht in dieser Klasse findet gewöhnlich montags in der 5./6. Stunde und donnerstags in den geraden Wochen statt. Für diese Unterrichtsstunde wurde von mir wegen der Raumgröße nicht der Klassenraum, sondern der Raum E18 gewählt. Weiterhin werden von mir für diese Unterrichtsstunde einige Requisiten bereitgestellt.
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2 Struktur der Unterrichtssequenz 2.1 Einordnung in die curricularen Vorgaben
Grundlage für die Anlage der Unterrichtssequenz sind die Rahmenrichtlinien des Niedersächsischen Kultusministeriums für das Unterrichtsfach Deutsch für Gymnasien, gymnasiale Oberstufe, Fachgymnasien, Abendgymnasien und Kollegs von 1990. Darin heißt es u. a., dass „die Schülerinnen und Schüler Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart kennen lernen“ sollen, „Freude am Lesen gewinnen“ sollen, aber auch „unterschiedliche Zugangsweisen kennen lernen und erproben 1 “ sollen. Die Unterrichtssequenz „Kurzgeschichten“ ist dem Themenbereich „Fiktionale Texte verschiedener Gattungen und Epochen, darunter der Aufklärung“ 2 zuzuordnen. Für dieses Themengebiet, das Kurzprosa, eine längere Erzählung oder einen Roman und ein Drama sowie Lyrik aus verschiedenen Epochen fordert, ist den Richtlinien ein Zeitwert von 42 Stunden für das ganze Schuljahr zu entnehmen. Hierbei sollen u. a. die Aspekte Thematik, Motive, Figuren und Probleme behandelt werden. Auch der schulinterne Stoffverteilungsplan der BBS Verden 3 sieht die Behandlung von Kurzprosa und den damit verbundenen Aspekten als verbindliche Unterrichtsinhalte in der Einführungsphase vor.
2.2 Struktur der Unterrichtssequenz (Makrostruktur)
Diese Unterrichtssequenz zu Kurzgeschichten wurde von mir aufbauend auf die vorherige Sequenz, in der die Schülerinnen und Schüler in die erzähltechnische Analyse eingeführt wurden, geplant. Die behandelten Kurzgeschichten befassen sich mit den Themen „Partnerschaft“ und „Beziehungsprobleme“.
1 Niedersächsisches Kultusministerium (1990): Rahmenrichtlinien für das Gymnasium, gymnasiale Oberstufe, Deutsch, gelten auch für
Fachgymnasium, Abendgymnasium und Kolleg.
2 Ebd.
3 BBS Verden: Stoffplan für das Fach Deutsch.
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GA - Gruppenarbeit, AB - Arbeitsblatt, EA- Einzelarbeit, KG-Kurzgeschichte, BB - Beobachtungsbogen, SA-Schüleraktivität
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3 Didaktische und methodische Entscheidungen zur Unterrichtsstunde 3.1 Sachdarstellung
Kurzgeschichten skizzieren Momente, in denen Menschen mit Ereignissen oder Personen konfrontiert werden, die ihr bisheriges Leben, ihre Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen in Frage stellen. Die vielen Leerstellen regen die Vorstellungskraft des Lesers an und lenken die Aufmerksamkeit vor allem auf das Genannte: Räume, Gegenstände, Handlungen, Gesten und sprachliche Äußerungen werden mit Bedeutungen aufgeladen, die über die eigentliche Situation hinausgehen. 4 Peter Bichsel thematisiert in seiner Kurzgeschichte „San Salvador“ (übersetzt: Heiliger Retter, Erlöser) die Ausbruchsphantasien eines verheirateten Mannes namens Paul. Der Schauplatz der Geschichte ist die Wohnung des Ehepaares Paul und Hildegard, die vor dem Problem einer abgekühlten Ehe stehen und offensichtlich nicht oder nicht mehr in der Lage sind, miteinander ein Gespräch über ihre Beziehung und sich selbst zu führen. Nach mehrmaligem Ausprobieren seiner neuen Füllfeder, schreibt Paul einen simulierten Abschiedsbrief an Hildegard mit dem Satz: „Mir ist es hier zu kalt, ich gehe nach Südamerika“ Dieser Satz kann in der Geschichte metaphorisch verstanden werden und macht somit die Kälte zwischen den Ehepartnern deutlich 5 . Scheller bezeichnet Standbilder als Elemente des szenischen Spiels und definiert sie als „bildliche Darstellungen von sozialen Situationen, Personen, Personenkonstellationen, Beziehungskulturen und Begriffen“ 6 . Standbilder entstehen, wenn Teilnehmer in Haltungen erstarren, die zeigen, wie sie zu bestimmten Situationen, Personen und Ereignissen stehen. Die Spieler entscheiden bei diesem Standbildverfahren selbst über die Haltungen, die sie zeigen möchten und setzen ihre nonverbale Kommunikation dementsprechend ein 7 . Ebenso besteht die Möglichkeit, dass Beobachter hinter die Spieler treten und Gedanken, die die Figur gerade haben könnte, formulieren. Der innere Monolog ist eine Form des Erzählens, der für die Darstellung von Gedanken benutzt wird. Dieser wird in der 1. Person Präsens gebildet. Der Erzähler schlüpft in Figuren hinein und versucht deren Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen wiederzugeben.
3.2 Analyse des Themas in Verbindung mit den Auswahl- und Reduktionsentscheidungen Die Auseinandersetzung mit dieser Kurzgeschichte kann unter verschiedenen Gesichtspunkten (Schichten) erfolgen. Es eröffnet sich zunächst eine psychologische Schicht, da die Figuren, insbesondere Paul, in der Kurzgeschichte Bichsels ein Problem mit der Monotonie der Alltagswelt haben. Weiterhin kann eine sprachliche Schicht betrachtet werden. Para- und Hypotaxen wechseln sich ab und verdeutlichen somit das Hin- und Herschwanken der Gedanken des Protagonisten, aber auch das planlose Tun Pauls. Häufige Wiederholungen unterstützen die Atmosphäre der Eintönigkeit. Ebenso können literaturtheoretische Aspekte anhand dieser Geschichte behandelt werden, wie beispielsweise die Analyse der Form, insbesondere des Erzählsystems. Eine vertikale Vernetzung des Themas des Prüfungsunterrichts kann den vorherigen und nachfolgenden Unterrichtsstunden zugeordnet werden. In den vorherigen Stunden haben sich die Lernen-
4 Scheller,Ingo: Szenische Interpretation. Seelze: Meyer, 2004.
5 Eine vollständige Interpretation der Kurzgeschichte befindet sich im Anhang.
6 Scheller, Ingo: Szenisches Spiel. Berlin: Cornelsen, 1998.
7 Ebd.
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den mit den Gattungsmerkmalen beschäftigt. In der folgenden Unterrichtsstunde sollen sie sich im Verfassen eines Interpretationsaufsatzes zu dieser Kurzgeschichte üben. Weiterhin benötigen sie diese Fähigkeiten und Kompetenzen für Unterrichtsinhalte in der Qualifikationsphase. Eine horizontale Vernetzung ergibt sich zum Unterrichtsfach Englisch. Auch hier sollen sich die Schülerinnen und Schüler mit literarischen Texten beschäftigen und die Intentionen des Autors erkennen 8 . Ebenso besteht eine Vernetzung zum Fach Religion, da u. a. ein Lernziel darin besteht, die menschlichen Grunderfahrungen zu deuten 9 .
Die Kurzgeschichte „San Salvador“ weist weiterhin eine fachliche Exemplarität auf. Sie erfüllt die Merkmale einer Kurzgeschichte, lässt eine Interpretation über das Verhalten der Figuren zu und kann weiterhin aus literaturtheoretischer und sprachlicher Sicht beurteilt werden. Obwohl die Kurzgeschichte bereits 1964 geschrieben wurde, weist sie auch eine persönliche Exemplarität auf, da auch die Schülerinnen und Schüler zunehmend mit der Monotonie des Alltags konfrontiert werden, sicherlich aber auch schon auf Probleme in der Ehe (Eltern, Verwandte, Freunde) und dem „Nebeneinanderherleben“ blicken konnten. Die Textauswahl bietet außerdem die Gelegenheit, das eingeführte Deutschbuch 10 zu nutzen und auf Textkopien zu verzichten. Eine quantitative Reduktion findet bezüglich der angesprochenen Schichten statt. Vorrangig geht es in der heutigen Stunde um die Figuren der Geschichte. Die sprachliche Schicht wird nicht explizit angesprochen, kann aber implizit von den Lernenden in ihren Interpretationen einfließen. Auch die literaturtheoretische Schicht soll erst in der Hausaufgabe und in der folgenden Unter-richtsstunde besprochen werden. Aufgrund der Schülerzahl bearbeiten die jeweiligen Gruppen nur eine Perspektive und treffen erst in der Präsentation mit der Partnerfigur aufeinander, so dass unnötige Redundanzen vermieden werden.
Eine qualitative Reduktion erfolgt hinsichtlich der Arbeitsaufträge, da die Schülerinnen und Schüler jeweils nur eine Perspektive fokussieren, wodurch die Komplexität und damit auch der Schwierigkeitsgrad herabgesenkt werden. Die Analyse des Bedingungsfeldes hat ergeben, dass die Lerngruppe sich bereits mit dem Standbildbau beschäftigt hat, der Einsatz der Körpersprache allerdings noch Schwierigkeiten aufweist. Die Lernenden schreiben daher die Gedanken eines Protagonisten in Form eines inneren Monologs auf und stellen auch nur diese eine Person in einem Standbild dar. Weiterhin entstehen die Darstellungen nicht situativ, sondern die Schülerinnen und Schüler können sich auf das Standbild und die Darbietung der Gedanken vorbereiten. Die mitgebrachten Requisiten sollen ihnen dabei helfen, die Figuren ihren Vorstellungen nach zu formen.
3.3 Zielentscheidungen
Groblernziel
Die Schülerinnen und Schüler sollen Interpretationshypothesen bezüglich des Verhaltens der Protagonisten der Kurzgeschichte „San Salvador“ von Peter Bichsel aufstellen, indem sie sich inner-
Geltenauch für Fachgymnasium, Abendgymnasium und Kolleg. November 1985.
10 Es handelt sich um das Deutschbuch: „Texte, Themen und Strukturen“ aus dem Cornelsen-Verlag.
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Arbeit zitieren:
Anke Gramann, 2008, Unterrichtsstunde: Interpretationsübung an epischer Kurzform: San Salvador von P. Bichsel , München, GRIN Verlag GmbH
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