Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Historischer Überblick 4
2.1 Der Sklavenhandel 4
2.2 Von der Kolonialzeit zum Nationalstaat 6
2.3 Afrikanische Traditionen und brasilianischer Katholizismus 7
3. Synkretismus und Anti-Synkretismus in Bahia 9
3.1 Das Synkretismus-Konzept eine Definitionsfrage 9
3.2 Die Haltung der offiziellen Glaubensgemeinschaften 11
3.3 Die Glaubenswelt der Laien 13
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerung 15
Literaturverzeichnis.............................................................................................17
2
1. Einleitung
Die ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt Brasiliens, hat ihre Grundlage in der Kolonialzeit und nicht zuletzt im Import von Sklaven, die überwiegend aus West- und Zentralafrika nach Brasilien gebracht wurden. Für die Forschung über Synkretismus in der Religion stellen diese geschichtlichen Ereignisse entscheidende Fixpunkte dar. Auch für die Entwicklung der brasilianischen Gesellschaft, von der portugiesischen Kolonialzeit hin zu einem freien Nationalstaat spielt die schrittweise Eingliederung der Sklaven in das Sozialgefüge eine wichtige Rolle. Mit der Ankunft der afrikanischen Sklaven begann eine Interaktion verschiedener afrikanischer Religionen mit indianischen Vorstellungen und nicht zuletzt mit dem katholischen Christentum. Um das Konzept des Synkretismus in der Religionswissenschaft kritisch zu betrachten, möchte ich die Diskussion um den Begriff an den Verbindungen zwischen dem afro-brasilianischen Candomblé und dem Katholizismus in Brasilien exemplarisch aufarbeiten.
Zunächst möchte ich dazu einen Überblick über die historischen Ereignisse als Hintergrund für die (Anti-) Synkretismus-Debatte im Bezug auf Candomblé und Katholizismus geben. Dabei möchte ich der Frage nachgehen, welche afrikanischen Traditionen dem Candomblé zugrunde liegen und in welchen Bereichen diese mit dem Christentum in Brasilien in Berührung kamen. Ich möchte dabei keinen chronischen und umfassenden Geschichtsbericht liefern, sondern lediglich einige wichtige Aspekte in der historischen Entwicklung
herausstellen. 1 In einem zweiten Teil möchte ich ausgehend von einer allgemeinen Diskussion um Definition und Verwendung des Synkretismus-Konzepts, dessen Anwendung auf die konkrete Situation in Bahia untersuchen. Neben der Frage nach der Haltung der offiziellen Kirche mit dem Klerus und den PriesterInnen im Candomblé gegenüber Synkretismus in ihrer Religion soll auch der
1 Gute Einführungen in die geschichtlichen Ereignisse geben u.a. Becker 1995: 7-62 und Bastide
1971: 7-23.
Erfahrungsbereich der Gläubigen eine Rolle spielen. 2 Dabei stellt sich für mich vor allem die Frage, inwiefern das wissenschaftliche Konzept Synkretismus die Glaubenswirklichkeit der Menschen widerspiegelt.
2. Historischer Überblick
Ausgangspunkt für die soziale und kulturelle Interaktion der verschiedenen ethnischen Gruppen aus der sich die brasilianische Gesellschaft entwickelt hat ist der Sklavenhandel seit dem 16. Jahrhundert. Die, durch dieses menschenverachtende System geschaffene Ausgangslage prägt das Sozialgefüge Brasiliens bis heute. Trotz der erzwungenen Konversion zum katholischen Glauben haben sich die Afro-Brasilianer kulturelle und dabei vor allem religiöse Traditionen und Vorstellungen erhalten.
2.1 Der Sklavenhandel
Peter Clarke sieht im Candomblé Brasiliens das Ergebnis eines langen Prozesses, der mit dem Sklavenhandel im 15. Jahrhundert begann (Clarke 1998: 19). Den Annahmen von Philipp Curtin nach wurden in der Zeit des Atlantischen Sklavenhandels bis zu 9,6 Millionen Sklaven nach Amerika transportiert. Davon wurden über 3,6 Millionen allein nach Brasilien gebracht (Becker 1995: 23). Ralph Becker bezeichnet damit den Sklavenhandel als die „größte interkontinentale Migration der Weltgeschichte vor dem 19. Jahrhundert“ (Becker 1995: 8) – mit weit reichenden Folgen für die kulturelle und soziale Identität von vielen Individuen und der Gesellschaften in Amerika.
Der Herkunftsort der brasilianischen Sklaven ist überwiegend Westafrika, vor allem Bahia ist von den Nachkommen der Yoruba, aus dem heutigen Nigeria und Benin dominiert. Bis zu 70 % der heutigen Bevölkerung im Stadtumfeld von
Salvador de Bahia ist afrikanischen Ursprungs. 3 Die Abstammung der Sklaven
2 Im Mittelpunkt steht dabei Clarkes Text „Accounting for recent Anti-Syncretistic Trends in
Candomblé Catholic Relations“
3 Siehe Rehbein 1989: 34
4
lässt sich auch aus den noch heute bestehenden „Nacoes“ 4 herleiten. Diese wurden laut Roger Bastide von der portugiesischen Kolonialverwaltung eingeführt, um die Rivalität zwischen den verschiedenen Ethnien zu schüren und damit die Gefahr für mögliche Aufstände schon frühzeitig einzudämmen (Bastide 1979: 61).
Für Bastide stellt der Sklavenhandel trotz der radikalen Veränderungen im sozialen Gefüge keinen kompletten Bruch in den afrikanischen Traditionen dar (Bastide 1971: 26). Er sieht aber vor allem im Zusammenbruch der traditionellen Familienstrukturen einen radikalen Einschnitt für die Sklaven. Im Bereich der Religion bedeutete dies eine Neuinterpretation der religiösen Traditionen und neuer religiöser Einflüsse. (Bastide 1979: 59ff) So waren beispielsweise einzelne
Orisa 5 , die Gottheiten der Yoruba-Religion, oft an einzelne Familien oder Klans gebunden. Im Candomblé in Bahia wandelte sich dies in einen allgemeinen
Orixa-Kult mit der Verehrung vieler Orixa innerhalb eines terreiros. 6 Einen wichtigen Faktor für den Erhalt von (religiösen) Traditionen sieht Becker in der Form der Sklaverei in Brasilien. Durch die Einfuhr von Sklaven über einen langen Zeitraum wurde seiner Meinung nach der kulturelle Kontakt zu Afrika stärker gehalten: „Wenn, wie es in Brasilien geschah, der ‚Nachschub’ an kulturellem Wissen […] über einen großen Zeitraum nicht abbricht, ist zu erwarten, dass sich die Kultur genauer […] erhält“ (Becker 1995: 25). Besonders in der wachsenden Bedeutung des Begriffs „Afrika“ für die für die Sklaven sieht Becker eine Basis für eine Solidarisierung und eine Bildung neuer Wir-Gruppen, wie sie in den quilombos oder katholischen Bruderschaften Ausdruck fanden, die
im folgenden Abschnitt zur Sprache kommen. 7
4 Die Candomblé-Nationen, dazu gehören Jeje (mit Fon- und Ewe-Hintergrund aus dem heutigen Dahomey), Angola/Congo (Bantu aus dem heutigen Kongo, Angola, Mozambique und Sansibar), Nago (Yoruba aus dem heutigen Nigeria) und Caboclo (indianische Einflüsse) (Vgl. Clarke 1998: 19 und Omari 1984: 16)
5 Für die Bezeichnung der Gottheiten verwende ich die in der Literatur gebräuchlichen Schreibweisen, also für die Yoruba-Tradition Orisa und für den Candomblé Orixa
6 Terreiro ist die port. Bezeichnung für die „Candomblé-Häuser“ 7 Quilombos werden die Siedlungen der geflüchteten Sklaven und auch die Widerstandsgruppen selbst in Brasilien genannt
5
Quote paper:
Martin Büdel, 2007, Die Beziehungen zwischen Candomblé und katholischem Christentum, Munich, GRIN Publishing GmbH
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