Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1
Das Konzept der Civil Religion und seine Ursprünge 3
2
Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft 6
3
3.1. Der gesellschaftliche und religiöse Pluralismus 6
3.2. Das Spannungsverhältnis zwischen Liberalismus
und Republikanismus 8
Funktionen der Civil Religion für das politische System 10
4
4.1. Identitäts- und Einheitsbildung 10
4.2. Krisenbewältigung 15
5. Schlussbetrachtung 20
I. Bibliographie 22
II. Erklärung der wissenschaftlichen Redlichkeit 25
II
1. Einleitung
„Fellow citizens, we'll meet violence with patient justice - assured of the rightness of our cause, and confident of the victories to come. In all that lies before us, may God grant us wisdom, and may He watch over the United States of America 1 .“ Mit dieser zivilreligiösen Bekundung schloss Präsident George W. Bush seine Rede vom 20. September 2001. Die amerikanische Civil Religion, die erstmals von dem Soziologen Robert N. Bellah in seinem für diese Disziplin bahnbrechenden Essay von 1967 identifiziert wurde, ist nach wie vor für das politische System der USA von großer Bedeutung. Diese Betrachtung soll sich intensiv mit Bellahs Konzept auseinandersetzen und fußt daher auf der Prämisse, dass es in der USA eine Civil Religion tatsächlich gibt, was in der amerikanischen und in ihrer Fortführung in der deutschen Debatte durchaus kontrovers diskutiert wurde. Von dieser Prämisse ausgehend, soll die Frage geklärt werden, ob die Civil Religion in Amerika zur Schaffung eines 'echten' Wertekonsenses beiträgt oder bloß einen Stabilitätsfaktor darstellt, der über seine Nützlichkeit hinaus an keine tiefer verwurzelten Werte zurückgebunden ist. Beide Begriffe -Wertekonsens und Stabilitätsfaktor- beziehen sich auf eine Übereinkunft, die in bestimmter Art und Weise dem Schutz der Gesellschaft dient und damit legitimierend und integrativ wirken kann. Während ein Stabilitätsfaktor nicht mehr und nicht weniger als dies bewerkstelligt und gegenüber der politischen Ordnung nur affirmative Züge besitzen kann, ist ein Wertekonsens immer tieferen Idealen verbürgt und bildet verbindliche Leitregeln für die Gesellschaft.
Die gewählte Fragestellung hängt eng mit dem Integrationsproblem der modernen pluralistischen Gesellschaft und dem damit einhergehenden Legitimationsproblem des freiheitlichen demokratischen Staates zusammen. Braucht man eine die Gesellschaft stützende Moral, die auf der Religion aufbaut? Braucht der demokratische Staat eine Letztbegründung jenseits umstrittener Meinungen und Interessen oder würde dies zwangsläufig das Ende des Pluralismus bedeuten? Wie kann in einem System, das auf dem Widerstreit verschiedener Eigeninteressen beruht, das Gemeinwohl überhaupt erreicht werden?
1 Bush, George W.: Address to a Joint Session of Congress and the American People vom 20. September 2001 (http://www.whitehouse.gov/news/releases/2001/09/20010920-8.html, Zugriff am 29.07.2008).
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Im Hinblick auf diese grundlegenden Probleme für jede pluralistische Ordnung wurden verschiedene Lösungsansätze entwickelt. Die amerikanische Civil Religion stellt eine von ihnen dar. Nun soll geklärt werden, von welcher Natur diese überhaupt ist: Vermag sie das Legitimations- und Integrationsproblem zu lösen, indem sie ein Wertesystem aufbaut und damit auch einen Wahrheitsanspruch enthält, oder zementiert sie eine staatliche Ordnung, die auf bestimmten Konfliktregelungsmechanismen aufbaut, ohne aber Werte oder einen Wahrheitsanspruch für sich zu beanspruchen, wie es eigentlich Sinn jeder Religion ist? Der Begriff der Civil Religion, wie er in Bellahs Originaltexten verwendet wurde, soll beibehalten werden, weil die deutsche Übersetzung 'Zivilreligion' - wie in der Literatur (u.a. von Moltmann) verwiesen wurde - durchaus anders konnotiert werden kann und damit missverständlicher ist als ihr anscheinend amerikanisches Äquivalent. Primärquellen für diese Arbeit sind Bellahs bekannte Essays „Zivilreligion in Amerika“ (1967) und „Religion und die Legitimation der amerikanischen Republik“ (1978), gegebenenfalls wird auch auf sein Werk The broken Convenant verwiesen. Sekundärliteratur wird, wenn angebracht, hinzugezogen und ist wegen der breiten Debatte des Themas Civil Religion bzw. Zivilreligion in großer Fülle aufzufinden. Auf die im deutschsprachigen Raum ausgelöste Grundwerte- und Pluralismusdebatte soll nicht näher eingegangen werden, da im Zentrum dieser Betrachtung das amerikanische Phänomen steht.
Im folgenden Kapitel dieser Arbeit soll der Begriff der Zivilreligion nach Bellah näher definiert und erläutert werden und seine ideengeschichtlichen Prägungen bestimmt werden. Nach der Erläuterung des zugrundeliegenden theoretischen Konzepts sollen im dritten Kapitel die Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft umrissen werden: der gesellschaftliche und religiöse Pluralismus als allgemeine Grundlage für die Civil Religion und im Speziellen das Verhältnis von Liberalismus und Republikanismus im amerikanischen System. Sowohl Liberalismus als auch Republikanismus sind mit einer jeweils spezifischen Vorstellung von Aussehen und Funktion der Zivilreligion verbunden. Im vierten Kapitel soll die Bedeutung der Civil Religion für das politische System der USA unter Verwendung aktueller Beispiele aus der politischen Rhetorik bestimmt werden und analysiert werden, inwiefern in Hinblick auf ihre Funktionen die Civil Religion einen Wertekonsens etabliert oder einen reinen Stabilitätsfaktor darstellt.
2
2. Das Konzept der Civil Religion und seine Ursprünge
Bellah versteht unter 'Civil Religion' eine “öffentliche religiöse Dimension, [welche] sich in einer Reihe von Überzeugungen, Symbolen und Ritualen [ausdrückt]“ 2 und so ”gemeinsame Elemente der religiösen Orientierung“ 3 für die Mehrheit der Amerikaner schafft. Im Gegensatz zur eigentlichen Religion, die in den USA Privatsache und damit dem öffentlichen Raum entzogen ist, ist die Civil Religion öffentlich und übernimmt integrierende, legitimierende und stabilisierende Funktionen für das politische System (wie im vierten Kapitel näher ausgeführt werden soll).
Zu beachten ist, dass die Civil Religion diese Funktionen nicht innerweltlich ausüben will, sondern mit einem transzendenten Rückbezug und sakralen Motiven. Dies wirkt auf den ersten Blick verwunderlich, da in den Vereinigten Staaten die Trennung von Kirche und Staat in der Verfassung verankert ist und man daher keine religiösen Motive und Bezüge im öffentlichen Bereich erwarten würde. Die Problematik der Trennung von Kirche und Staat hat aber laut Bellah die Ausgangsbedingung für die Civil Religion geschaffen 4 . Diese ist - um seiner Analyse zu folgen - in ihrer Funktion klar vom privaten Glauben getrennt und vollständig kompatibel mit der Glaubensfreiheit, sie bildet quasi ein religiöse Dimension sui generis, die Einfluss auf den politischen Bereich hat und die Inklusion der gesamten Gesellschaft leistet, ohne aber von den einzelnen Kirchen und Glaubensrichtungen anhängig zu sein. So ist im politischen System Amerikas die religiöse Sphäre nicht völlig ausgeschaltet 5 , sie besteht in Form einer öffentlichen gemeinsamen Orientierung weiter. Bei Bellah besteht also eine Verquickung von Politik und Religion anstatt einer Trennung, allerdings ist diese ganz anderer Natur als beispielsweise die politische Religion oder der Fundamentalismus. Bei Bellah ist Civil Religion kein starres Prinzip, sondern verändert sich mit der Zeit: “wie jeder lebendige Glaube muss sie ständig neu ausgestaltet und an universalen Maßstäben gemessen werden 6 ”. Bemerkenswert ist dabei die Unbefangenheit, mit der er die Civil Religion dem 'lebendigen Glauben', also herkömmlicher Religiosität, gleichsetzt. Dabei sind die von
2 Bellah, Robert N.: Zivilreligion in Amerika, in: Kleger, Heinz/Müller, Alois (Hrsg.): Religion des Bürgers, Zivilreligion in Amerika und Europa, Münster 2. ergänzte Auflage 2004, S. 22.
3 Ebd.
4 Vgl.: Ebd., S. 21.
5 Vgl.: Ebd., S. 22.
6 Ebd., S. 38.
3
ihm identifizierten Merkmale der Civil Religion im Gegensatz zu jeder herkömmlichen Religion sehr vage und durchaus zu bestreiten. Bellah scheint es jedoch nicht um eine wissenschaftlich fundierte Theorie zu gehen, sondern um eine neue Betrachtungsweise eines alten Problems, das sich in einer Reihe von Erscheinungen manifestiert, die er in chronologischer Reihenfolge und an Beispielen aus der politischen Rhetorik betrachtet. Bellahs Civil Religion basiert auf der Übertragung des Erwähltheitglaubens und Bundesgedankens aus dem Alten Testament ('Exodus' aus Europa), die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung bilden ihre 'Heiligen Schriften'. George Washington wird mit Moses gleichgesetzt, Abraham Lincoln ist der Christus der Civil Religion, durch dessen 'Opfer' im symbolischen Sinne erst das Ende des Bürgerkrieges und die neue Einheit möglich wurden. Als ihre Denkmäler identifiziert Bellah den Arlington National Cemetery sowie den Friedhof von Gettysburg und als ihre Feiertage den Memorial Day, den unbedeutenderen Veterans Day, Thanksgiving sowie die Geburtstage von Washington und Lincoln 7 . Wesentlichstes Merkmal der Civil Religion ist aber ihr Rückbezug auf Gott, dem die amerikanische Nation Rechenschaft und Treue schuldet und der zum Schutz angerufen wird - hier zeigt sich die Parallele zum Bund Israels mit Gott, aber auch die ausgeprägt patriotischen Züge.
Die Idee einer Civil Religion geht auf Rousseau zurück. Im achten Kapitel des vierten Buchs seines Werkes Der Gesellschaftsvertrag legt er dar, wie eine “bürgerliche Religion” den Staat stützen kann. Durch die religion civile wird dem Bürger ein Moralkodex, ein Bündel von Dogmen gegeben, die ihn zum gemeindienlichen, gerechten Handeln verpflichten sollen und denen er sogar sein Leben unterordnen muss 8 . Im Gegensatz zum Christentum, das laut Rousseau zu einer inneren Spaltung des Menschen und zur Auflösung seiner Bindung an den Staatskörper führt 9 , fördert diese religion civile gerade den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der für Rousseau auf der Anerkennung der Dogmen der Existenz der „allmächtigen [...] Gottheit, [dem] zukünftigen Leben, [dem] Glück der Gerechten und [der] Bestrafung der Bösen sowie [der] Heiligkeit des Gesellschaftsvertrags und der Gesetze 10 ” aufbaut. Rousseaus Konzept ist mit einem Pluralismus an persönlichen Glaubensüberzeugungen konsistentebenso wie Bellahs Konzept - setzt aber die unangezweifelte Anerkennung des 'bürgerlichen
7 Vgl.: Bellah, Zivilreligion in Amerika, a.a.O., S. 26f., 30.
8 Vgl.: Rousseau, Jean-Jacques: Gesellschaftsvertrag, Reclam: Stuttgart 2003, S. 151.
9 Vgl.: Ebd., S. 147f.
10 Ebd., S. 151.
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Glaubensbekenntnisses' voraus. In diesem Sinne ist seinem Konzept also ein Toleranzproblem inhärent, da ein Nicht-Tolerieren des 'bürgerlichen Glaubensbekenntnisses' unweigerlich zum Ausschluss aus der Gesellschaft führt. Auch wenn Bellahs Konzept ideengeschichtlich auf Rousseau zurückgeht, sollte man nicht vergessen, dass der von Rousseau konzipierte Staat ein völlig anderer ist. Rousseaus Staat stellt gerade das Gegenmodell zum Pluralismus dar, das Gemeinwesen beansprucht die Totalität des Lebens seiner Bürger, die ihre Partikularinteressen und sich selbst veräußern müssen, um einen Gemeinwillen (volonté générale) zu formen. In Rousseaus Staat wird durch die Verpflichtung auf die oben genannten Dogmen ein Konsens 'aufgezwungen' und gleichzeitig ein nicht wegzudenkendes Stabilitätsprinzip für seine Staatskonstruktion etabliert. Eine Überhöhung des Politischen als Religiöses kann man sowohl Bellahs als auch Rousseaus Konstruktion anlasten, eine wesentliche Differenz zwischen beiden ist, wie Schieder folgerichtig erkannt hat, dass die Legitimation des freiheitlichen Staates eben nicht wie bei Rousseau erzwungen werden kann, weil der Staat nach seiner Trennung von der Kirche seinen Wahrheitsanspruch verloren hat 11 . Die amerikanische Gesellschaft basiert auf diesem zustimmungsbedürftigen Staat und kann daher nicht mit der Rousseauschen Dogmatik integriert werden.
Bellahs Konzept einer Zivilreligion geht auch auf die Betrachtungen von Alexis de Tocqueville in seinem Werk Über die Demokratie in Amerika zurück, in dem er schreibt, dass die Amerikaner ein Volk seien, dass sich zu “einem demokratischen und republikanischen Christentum 12 ” bekennt. Tocquevilles Anliegen ist in erster Linie zu analysieren, welchen Beitrag die Religion zum Erhalt einer freiheitlichen Demokratie leisten kann. Er benennt als Hauptaufgabe der Religion “die allzu heftige und ausschließliche Neigung zum Wohlergehen, die die Menschen in Zeiten der Gleichheit empfinden, zu läutern, zu regeln und einzuschränken 13 ”. Damit betrachtet er die Religion aus einer funktionalistischen Perspektive, ähnlich wie Washington in seiner Abschiedsrede 14 . Er befasst sich nicht mit theologischen Problemen, auch beschreibt er keine Civil Religion im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr welches Verhältnis der Amerikaner zur Religion er zu seiner Zeit vorfand und wie der Nutzen dieser 'demokratischen und republikanischen Form' des Christentums zu bewerten ist. Er
11 Vgl.: Schieder, Rolf: Civil Religion. Die religiöse Dimension der politischen Kultur, Verlagshaus Gerd Mohn: Gütersloh 1987, S. 52.
12 Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, DTV: München 1976, S. 332.
13 Ebd., S. 510.
14 Vgl.: Bellah, Zivilreligion in Amerika, a.a.O., S. 24.
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Arbeit zitieren:
BA Jennifer Lessmann, 2008, Die legitimierende und integrative Funktion der amerikanischen Civil Religion nach Bellah, München, GRIN Verlag GmbH
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