Kunze : Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik des Bundestages - Seite 2
Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung. 4
1.1. Gegenstand und Ziel der Arbeit. 4
1.2. Qualitativ - Empirischer Zugang 7
1.3. Aufbau und Problemfelder der Arbeit 9
2. Theoretischer Bezugsrahmen der Studie 10
2.1. Vorüberlegungen und Begriffsbestimmung. 10
2.1.1. „Wahrnehmung“ als politikwissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand. 11
2.1.2. Möglichkeiten der „Wahrnehmung“ des Deutschen Bundestages 13
2.1.3. Die „Wahrnehmung“ des Deutschen Bundestages aus Sicht der quantitativen
Sozialforschung 16
2.2. Abgrenzung der Arbeit zu der Diskussion über politische Symbolik. 20
2.3. Parlamentarische Symbolik 24
2.3.1. „Wahrnehmung“ als Parlamentsfunktion 25
2.3.2. Dimensionen parlamentarischer Symbolik. 27
2.3.2.1. Symbolik parlamentarischem „Seins“ 28
2.3.2.2. Symbolik parlamentarischer „Tätigkeiten“ 30
2.3.2.3. Symbolik parlamentarischer „Stätten“ 32
2.4. Zusammenfassung und Forschungsleitende Fragestellung. 33
3. Untersuchung der Rezeption parlamentarischer Symbolik in der Bevölkerung 34
3.1. Theoretisch-methodischer Zugang 34
3.2. Operationalisierung. 36
3.2.1. Prägefaktor Interesse, Wissen, Hintergrund 37
3.2.2. Prägefaktor Informationsquelle 37
3.2.3. Prägefaktor individuell ästhetisches Empfinden 37
3.2.4. Prägefaktor Wahrnehmungsmöglichkeit 38
3.3. Erhebungsmethode. 38
3.4. Auswahl- und Untersuchungseinheit 40
3.5. Datenerhebung durch Interviews 41
3.6. Der Auswertungsprozess 43
3.6.1. Das Kategoriensystem 45
4. Ergebnisse Teil 1: Mittelbare Rezeption parlamentarischer Symbolik 49
4.1. Was wurde wahrgenommen? 49
4.1.1. Politik 50
4.1.2. Parlament. 54
4.2. Wie wurde parlamentarische Symbolik wahrgenommen? 57
4.2.1. Negativ oder „Die Meinung der Älteren“ 57
4.2.2. Positiv oder „Die Meinung der Jüngeren“ 60
4.3. Individuelle Bewertung von Ästhetik und Formfragen 62
5. Ergebnisse Teil 2: Unmittelbare Rezeption parlamentarischer Symbolik 63
5.1. Was wurde wahrgenommen? 63
5.2. Wie wurde parlamentarische Symbolik wahrgenommen? 67
6. Auswertung. 71
6.1. Besonderheiten der Gesprächssituation 71
6.2. Quantitative Gesamtbetrachtung. 73
6.3. Verdichtung der Untersuchungsergebnisse. 75
7. Fazit 77
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Literatur und Abbildungsverzeichnis 80
a) Abbildungen 80
b) Zeitungs- und Zeitschriftenartikel. 80
c) Fachbeiträge und -veröffentlichungen 80
Anlage 1 - Interviewleitfaden 84
Anlage 2 - Transkripte. 84
1. Überblick über die geführten Gespräche. 84
2. Verwendete Transkriptionsregeln. 84
3. A - Transkripte Teil 1 84
4. B - Transkripte Teil 2 84
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1. Einleitung
1.1. Gegenstand und Ziel der Arbeit
Diese Festestellung von Werner J. Patzelt in seinem 2001 erschienenen Aufriss über das Forschungsfeld „Parlamente und ihre Symbolik“, hat nach wie vor nichts an ihrer Gültigkeit verloren. Zwar werden dank zahlreicher Umfragen 2 fortwährend hypothetische Wahlentscheidungen der Bevölkerung in Erfahrung gebracht und somit ermittelt, welche Personen gegenwärtig die Gunst der Wähler besitzen und welche tatsächlichen oder mutmaßlichen Konsequenzen sich daraus für die politische Landschaft ergeben. Überwiegend zielen diese demoskopischen Erhebungen jedoch auf fast tagesaktuelle Wahrnehmungsrückkopplungen ab und werden nicht selten mit konkreten politischen Entscheidungen verknüpft. Politik ‚pur’ als rein sachliche Entscheidung gibt es jedoch nicht. „Sie muss dargestellt und vermittelt werden. Durch Symbolisches kann dabei Aufmerksamkeit erzeugt, Komplexität reduziert und Emotionalität geschaffen werden.“ 3 Symbolik macht Politik somit erst sichtbar. Da „keine politische Ordnung, wie sie von der institutionellen Gestaltung her auch immer konstruiert sein mag, […] auf die Stabilisierung durch eine symbolische Ordnung mit Mythen und Ritualen verzichten“ 4 kann, sind auch parlamentarisch repräsentative Regierungssysteme demnach darauf angewiesen, sich durch langfristig wirkende, symbolische Formen präsent zu halten. Der Bundesrepublik Deutschland wurde mit dem Grundgesetz ein „strikt parlamentarisches Regierungssystem nach dem ‚englischen Modell’ verfassungsrechtlich statuiert.“ 5 Wie jedem Parlament in parlamentarisch repräsentativen Demokratien, kommt dem
1 PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik. Aufriß eines Forschungsfeldes, In: DERS. (Hrsg.): Parlamente und ihre Symbolik. Programm und Beispiele institutioneller Analyse, Wiesbaden 2001, S. 39.
2 Siehe hierzu unter anderem: Das Geheimnis der Mitte - wie der Deutsche lebt, wie er liebt, was er denkt, In: Der Spiegel vom 21. April 2008, 17/2008, S. 68-87./ ZDF Politbarometer in Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe Wahlen e.V./ „Sonntagsfrage“ von TNS Emnid GmbH & Co. KG (EMNID).
3 SARCINELLI, ULRICH, zit. nach: STEGHERR, MIRJAM: Politik in Bildern, In: politik & kommunikation, 40, Berlin 2006, S. 15.
4 DÖRNER, ANDREAS zit. nach NULLMEIER, FRANK: Symbol und Demokratie, Souveränität und Verfassung, In: BUCHSTEIN, HUBERTUS und RAINER SCHMALZ-BRUNS (Hrsg.): Politik der Integration. Symbole, Repräsentation, Institution, Festschrift für Gerhard Göhler zum 65. Geburtstag, (= Schriftenreihe der Sektion Politische Theorien und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, Bd. 7), Baden-Baden 2006, S. 262.
5 ZEH, WOLFGANG: Parlamentarismus - Historische Wurzeln - Moderne Entfaltung, Heidel- berg/Hamburg 1978, S. 28.
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Deutschen Bundestag dabei die Funktion als zentrale Legitimationsinstanz zu, an dessen Stelle sich wesentliche Formen und Verfahrensgrundsätze des gesellschaftlichen Mit-und Gegeneinanders konkretisieren. Ein wesentlicher Stabilisierungsfaktor dieser bedeutungsvollen Stellung ist die parlamentarische Symbolik, „denn Repräsentation wurzelt auch in einer durch Symbole vermittelten emotionalen Tiefenschicht. Diese ist für das Gelingen von Repräsentation - verstanden als glaubhafte Vergegenwärtigung eines eben durchaus nicht Gegenwärtigen - genauso unverzichtbar wie der Legitimitätsglaube für die Entstehung und Geltung von Legitimität.“ 6 Für die Weimarer Zeit liegen erste Studien zu diesem Themenkomplex vor. 7 So steht denn auch das Parlament der Weimarer Republik beispielhaft dafür, zu welch fatalen Folgen institutioneller Vertrauensverlust der Bevölkerung führen kann: Begegneten dem Deutschen Reichstag bereits weite Teile der Bevölkerung mit Gleichgültigkeit, verlor er fast vollständig den Rückhalt in der Bevölkerung spätestens zu dem Zeitpunkt, als er auch „wissenschaftlich“ als „Schwatzbude“ 8 diskreditiert und für schädlich gehalten wurde. Auf diese Weise manifestierte sich die Ablehnung essentieller Bestandteile der herrschenden demokratischen Regierungsweise. Der Deutsche Reichstag (und damit das gesamte politische System) hatte somit in jenem Moment seine Legitimationsbasis verwirkt, als eine Alternative dazu aufgezeigt werden konnte. Bei mangelnder affektiver Verankerung des Parlaments in der Bevölkerung ist die ungehinderte Devaluation der im Parlament symbolisierten und praktizierten Prinzipien repräsentativer Demokratie auch heute noch jederzeit denkbar.
Als Indikator für das Vorhandensein oder Fehlen eines demokratisch-politischen Bewusstseins ist es somit besonders bedeutsam, wie die Bevölkerung seine Volksvertretung wahrnimmt. Das Wissen darum ermöglicht somit auch eine Einschätzung über die Bestandskraft des demokratischen Systems sowie der Erfolgsausichten für grundlegende politische Veränderungen.
Ausgehend von dieser Perspektive lautet die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit: Wie wird parlamentarische Symbolik in der Bevölkerung wahrgenommen?
Am Beispiel des Deutschen Bundestages soll dieser Fragestellung nachgegangen werden. Dabei ist zu beachten, dass nicht nur Zeichen und Bilder, welche im Alltagsverständnis als Symbole erkannt werden, eine sinnbildliche Funktion haben. Auch Wörter, Gegenstände und Sachverhalte stehen symbolisch für etwas anderes und lassen komple-
6 PATZELT, WERNER J.: Grundzüge einer ‚institutionellen Analyse’ von Parlamenten, in: DERS. (Hrsg.): Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S. 14.
7 Vgl. MERGEL, THOMAS: Parlamentarische Kultur in der Weimarer Republik. Politische Kommunikation, symbolische Politik und Öffentlichkeit im Reichstag (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 135), Düsseldorf 2002.
8 Vgl. KLEINERT, HUBERT: Abstieg der Parteiendemokratie, In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 35,
08/2007.
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xe Symbolsysteme entstehen, in denen sich die menschliche Wahrnehmung der Wirklichkeit spiegelt. 9 Die der Arbeit zugrunde liegende Vorannahme ist somit jene, dass die Symbolik des Bundestages in den Bereich fällt, den man mit „Würde des Parlaments“ umschreibt und deren Wahrung dem Präsidenten durch die Geschäftsordnung anvertraut ist. 10 Diese Zuordnung geht somit auch über die gängige Verbindung von Symbolik und Architektur 11 hinaus und wendet sich, in der demokratietheoretischen Debatte zur Stabilität politischer Systeme, einem eher am Rande betrachteten Forschungsbereich zu. 12 Die Relevanz des Themas und das zugrunde liegende Erkenntnisinteresse speisen sich jedenfalls aus der Feststellung, dass eine scheinbar äußerliche Parlamentskultur zu mehr oder weniger Anerkennung der parlamentarischen Demokratie beiträgt, auch wenn die „Beschäftigung mit [der] Symbolik von Volksvertretungen […] bislang zu Unrecht nur beiläufig Beachtung“ 13 fand.
Vor diesem Hintergrund sollen somit ausgehend von der Gesamtfragestellung folgende Forschungsfragen bearbeitet werden:
1. Welche Symbolisierungspraxen des Deutschen Bundestages gibt es? Wo findet überall Symbolisierung statt?
2. Welche Symbolisierungspraxen werden vom Bürger wahrgenommen? 3. Wie werden parlamentarische Symbole vom Bürger wahrgenommen? 4. Hat eine direkte Vermittlung Einfluss auf die Wahrnehmung?
Zwar ist der Deutsche Bundestag nicht reich an vordergründig zur Schau gestellten Symbolen oder Traditionen. 14 Aber insbesondere die „bewusst, ja demonstrativ getroffene Entscheidung, […] staatliche Repräsentation […] auf Transparenz, Offenheit und
9 Vgl. hierzu unter anderem BOURDIEU, PIERRE: Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt a. M. 1970./ BOURDIEU, PIERRE: Language and symbolik Power, 5. Aufl., Cambridge 1999./ CROW, DAVID: Zeichen, München 2005.
10 Vgl. § 7 Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages in der Fassung der Bekanntmachung vom 2. Juli 1980 (BGBl. I S. 1237), zuletzt geändert laut Bekanntmachung vom 26. September 2006 (BGBl. I S. 2210)./ WENG, GERHARD: Die Würde des Hauses, In: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 2, (1986), S. 248.
11 Siehe hierzu die Literaturübersicht in Anmerkung 138 des Kapitel 2.3.2.3. dieser Arbeit.
12 Vgl. hierzu unter anderem PRIBERSKY, ANDREAS: Symbole und Rituale - ein Thema am Rande der politischen/politikwissenschaftlichen Diskussion?, In: DERS. und BERTHOLD UNFRIED (Hrsg.): Sym- boleund Rituale des Politischen. Ost- und Westeuropa im Vergleich, (=Historisch-Anthropologische Studien, Bd. 4), Frankfurt a. M. 1999, S. 13-17./ ROERICHT, UTE und WERNER J. PATZELT: Wissen und Vertrauen. Zur öffentlichen Wahrnehmung von Parlamenten, In: PATZELT, WERNER J. (Hrsg.): Parlamente und ihre Funktionen. Institutionelle Mechanismen und institutionelles Lernen im Vergleich, Wiesbaden 2003, S. 433.
13 SCHÜTTEMEYER, SUZANNE S.: Editorial, In: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 37, (2006), S. 460.
14 Vgl. HARTMANN, JÜRGEN: Staatszeremoniell, Köln 2000, S. 185 ff./ ISENSEE, JOSEF: Staatsrepräsentation und Verfassungspatriotismus. Ist die Republik der Deutschen zu Verbalismus verurteilt?, in: GAUGER, JÖRG-DIETER und JUSTIN STAGL (Hrsg.): Staatsrepräsentation (= Schriften zur Kultur- soziologie, Bd. 12), S. 226 f.
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Zurückhaltung“ 15 zu beschränken, ist nicht gleichzusetzen mit einer Dekretierung des Verzichts auf symbolischer Darstellungen. Vielmehr, so wird diese Arbeit zeigen, ist eine Trennung instrumenteller, funktioneller und technischer Funktionen von ihrer jeweiligen symbolischen Dimension nicht möglich.
Die Beantwortung der Forschungsfragen erfolgt anhand dreier Symbolisierungsbereiche die sich bei einem Parlament anbieten als zeichenhafte Verdichtung symbolisch aufgeladen zu werden. Dabei wird sich zeigen, dass neben einer grundsätzlich positiven Wahrnehmung der parlamentarischen Symbolik, insbesondere ein bisher wenig beachteter Symbolisierungsbereich ein hohes Potential gegensätzlicher Wahrnehmung der Bevölkerung birgt.
Das konkrete Vorgehen und die zum Einsatz kommenden Untersuchungsmethoden, sowie die zu bearbeitenden Problemfelder werden im Folgenden näher erläutert.
1.2. Qualitativ - Empirischer Zugang
In den bereits oben angesprochenen Umfragen wird ein grundsätzliches Dilemma der quantitativ-repräsentativen Befragung exemplarisch deutlich. So lässt sich z.B. konstatieren, dass Mitte der 1950er Jahre ein relativ hoher Anteil der Bevölkerung (23%) kein Urteil darüber fällen wollte oder konnte, ob sie vom Deutschen Bundestag einen günstigen oder ungünstigen Eindruck hatten. Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er Jahre ging dieser Wert deutlich zurück und fiel auf konstante 12%. Aber bereits Anfang der 1990er Jahre stieg der Anteil der Bevölkerung, die über ihre subjektive Wahrnehmung zum deutschen Parlament „Kein Urteil“ abgaben wieder auf beachtliche 16% an. 16 Was diese „Kein Urteil“ Zahlen jedoch aussagen, bleibt im Grunde verborgen. Kein Urteil darüber fällen zu wollen oder zu können, kann zunächst einmal bedeuten, dass die Befragten kein Interesse daran hatten ein Urteil zu fällen. Es kann aber auch bedeuten, dass die Befragten mit der Frage nichts anzufangen wussten und sie deshalb im Zweifel lieber so beantworteten. Auch besteht die Möglichkeit, dass die persönliche Antwort eigentlich differenzierter ausgefallen wäre, sie sich aber nicht anders einordnen ließ oder die Befragten schlicht keine Lust hatten differenzierter zu antworten. Allein an diesem Beispiel zeigt sich, dass die Analyse über den Eindruck, die Wahrnehmung des Deutschen Bundestages schnell an ihre Grenzen stößt und mit einem quantitativen Vorgehen nur annähernd befriedigend beizukommen ist.
15 LAMMERT, NORBERT, Grußwort, in: FELDKAMP, MICHAEL F. und DIRK KUNZE: Mit Frack im Parlament. Ein Beitrag zur parlamentarischen Kultur und politischen Symbolik im Deutschen Bundestag, Baden-Baden 2009, S 3.
16 Vgl. hierzu die Frage des Institut für Demoskopie (IfD) Allensbach: „Haben Sie einen günstigen oder ungünstigen Eindruck von der bisherigen Arbeit des Bundestages in Bonn?“, In: SCHINDLER, PETER: Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1949 bis 1999. Gesamtausgabe in drei Bänden. Eine Veröffentlichung der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages, Baden-Baden 1999, Bd. III, S. 3537.
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Die Absicht Datenmaterial zu gewinnen, welches die Erkundung subjektiver Wahrnehmungswirklichkeiten unterstützt, bestimmte somit die Ausschau nach einer geeigneten Untersuchungsmethode. Eine auf die Erfassung tiefer liegender Einstellungen und subjektiver, kontextbezogener Wahrnehmungen ausgerichtete Untersuchung unter Berücksichtigung der aufgeworfenen Fragestellung, bedurfte eines methodischen Ansatzes, der verstehend und interpretativ ausgerichtet ist. Dieser Forderung entsprechen nur qualitative Methoden der sozialwissenschaftlichen Feldforschung, nicht quantitative naturwissenschaftlich orientierte Vorgehensweisen. Mit dem Prinzip der Orientierung am Subjekt und seinen Relevanzsystemen innerhalb eines bestimmten sozialen und historischen Kontextes ermöglicht die qualitative Sozial-forschung das Begreifen und Verstehen der empirischen Welt aus sich selbst heraus. Ihre Zielstellung ist eine möglichst authentische Erfassung der Wahrnehmungswelt der Beforschten. Die untersuchte empirische Welt selbst liefert die Antworten auf die Fragen nach den wesentlichen Zusammenhängen, Beziehungen, Prinzipien, Bedeutungen im Hintergrund ihrer beobachtbaren Phänomene. Hierin unterscheidet sie sich vom Vorgehen der Konstruktion einer deduktiven Theorie, die über strenge Forschungstechniken nach Bestätigung in der empirischen Welt sucht.
Qualitative Forschungsansätze favorisieren einen sinnverstehenden Zugang (mittels Interviews, Gruppendiskussionen, Beobachtungs- und Feldforschungsverfahren etc.) zu psychischen, sozialen und kulturellen Wirklichkeiten und sind von herausragender Bedeutung für alle Bereiche, in denen es um die Rekonstruktion, Verdichtung, Analyse und Bewertung alltagsweltlichen Materials geht. Ein qualitatives Vorgehen empfiehlt sich weiterhin, wenn ein spezifisches wenig untersuchtes Themengebiet erforscht werden soll und wenn nicht beabsichtigt ist, objektiv gültige Daten zu produzieren oder experimentelle Gesetzmäßigkeiten nachzuweisen sondern persönliche Wahrnehmungen zu erforschen. 17
„Symbole sind mehrdeutig, affektiv und stets interpretationsabhängig.“ 18 Sie sind somit keine undeutliche oder verdünnte Form einer konkreten Sache sondern immer einer Deutung unterworfen. 19 Dem Anliegen der Arbeit, der Erforschung der Rezeption par-
17 Vgl. unter anderem STRAUSS, ANSELM L.: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung, Aus dem Amerikan. von Astrid Hildenbrand, München 1991, S. 25 ff./ LAMNEK, SIEGFRIED: Qualitative Sozialforschung, 4. vollst. überarb. Aufl., Basel 2005, S. 6 ff./ FLICK, UWE: Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung, vollst. überarb. und erw. Aufl., Reinbeck bei Hamburg 2007, S. 39 ff./ MATTHES, JOACHIM: Einführung in das Studium der Soziologie, Reinbek bei Hamburg 1973.
18 GÖHLER, GERHARD: Politische Institutionen als Symbolsysteme, In: SCHMIDINGER, HEINRICH und CLEMENS SEDMAK (HRSG.): Der Mensch - ein „animal symbolicum“? Sprache-Dialog-Ritual, Darmstadt 2007, S. 301.
19 „Das Symbol bezeichnet und benennt nicht. […] Die Bedeutung sprachlicher Zeichen kenne ich, ich habe sie gelernt, die Bedeutung von Symbolen muss ich deuten. Erst durch ihre Deutung werden Gegenstände und Ereignisse zu Symbolen. Die symbolische Bedeutung ist die symbolische Deutung. Das Symbol ist kein semiotisches, es ist ein hermeneutisches Problem.“ Zit. nach KURZ, GER- HARD: Metapher, Allegorie, Symbol, 2. Aufl., Göttingen 1988, S. 80.
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lamentarischer Symbolik in der Bevölkerung, wird eine Untersuchung mittels qualitativem Ansatz somit am besten gerecht.
1.3. Aufbau und Problemfelder der Arbeit
Der Aufbau der Arbeit ist weitestgehend an der Abfolge der Untersuchungsschritte orientiert, welche für eine qualitative Untersuchung notwendig sind. Sie gliedert sich in zwei elementare und aufeinander aufbauende Teile, um zu klären, wie die parlamentarische Symbolik des Deutschen Bundestages in der Bevölkerung wahrgenommen wird. Bevor die Frage danach jedoch gestellt bzw. beantwortet werden konnte, wurde in einem ersten Schritt in Kap. 2. theoretisch in das Thema eingeführt. Dabei wurde unter anderem die Gesamtfragestellung in den Kontext der politischen Symbolik gestellt und nachfolgend auf Grundlage der vorhandenen Literatur die zu untersuchenden Dimensionen der parlamentarischen Symbolik erarbeitet.
Im Laufe der Arbeit zeigte sich sehr schnell eine erste Schwierigkeit bereits darin, dass allein durch die Verwendung des Begriffs „Wahrnehmung“ keine klare Definition vorgegeben war. Vielmehr unterlag der Begriff zunächst einer Perzeptionsdefinition, welche die Aufnahme von Reizen ohne bewusstes Erfassen und Identifizieren (z. B. bei flüchtigem Hinsehen) und ohne Reflexion umschreibt. 20 Es sollte jedoch Ziel dieser Untersuchung sein zu erfahren, inwieweit dieser erste Impuls verarbeitet wird - was also „bei den Bürgern wirklich ankommt“ 21 . Wahrnehmung musste somit zwangsläufig die Rezeption, die verstehende Auf- und Übernahme eines Impulses durch den Rezipienten mit einschließen. Deshalb war es notwendig in Kap. 2.1.2. eine Eingrenzung vorzunehmen, wie Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik grundsätzlich erfolgen kann. Da repräsentative Untersuchungen zu diesem Problemfeld in zwar überschaubarem aber ausreichendem Ausmaß vorlagen, konnte eine Beschränkung auf die Zusammentragung ohne eigenen Beitrag erfolgen. Nach der Darlegung der Relevanz für die politikwissenschaftliche Forschung und Verortung des Themas in der politikwissenschaftliche Diskussion konnte dann in Kap. 3. die qualitative Messung der subjektiven Einschätzung der wahrgenommenen Impulse erfolgen.
Ausschlaggebend für diesen Aufbau war die Tatsache, dass eine Untersuchung der Rezeption erst dann einsetzen kann, wenn Klarheit darüber besteht, auf welchem Wege parlamentarische Symbole überhaupt bewusst bzw. unbewusst wahrgenommen werden. Die Untersuchung der Wahrnehmung des Deutschen Bundestages und seiner parlamentarischen Symbolik umfasst im Sinne dieser Arbeit somit sowohl die Art und Weise der Übermittlung als auch die subjektiven Verarbeitung dessen was wahrgenommen wird.
20 Vgl. „Wahrnehmung“, In: Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 10 Bänden. 3., neu bearb. und erw. Aufl., Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 1999.
21 Vgl. Anmerkung 1.
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2. Theoretischer Bezugsrahmen der Studie
2.1. Vorüberlegungen und Begriffsbestimmung
Um einen Überblick zu bekommen, in welches Umfeld die Untersuchung zur Wahrnehmung der parlamentarischen Symbolik in der Bevölkerung eingeordnet werden kann, ist es zunächst sinnvoll zu erarbeiten, welche grundsätzlichen Aussagen sich zur Eingrenzung dieses Themas auf der Basis bereits empirisch erhobener Daten machen lassen. Eine erste ungenaue Feststellung hinsichtlich der Wahrnehmung des Deutschen Bundestages ist dabei jene, dass seit der Standortverlagerung nach Berlin ein erheblicher Aufmerksamkeitsanstieg der parlamentarischen Gebäude zu verzeichnen ist. 22 Aber auch wenn der Deutsche Bundestag das meist besuchte Parlament der Welt ist , 23 gibt dieser Befund keinerlei Auskunft darüber wie und mit welcher Wirkung der Bundestag wahrgenommen wird.
Etwas konkreter ist bereits die Feststellung, dass eine überwältigende Mehrzahl der Bevölkerung den Plenarsaal als das wichtigste Strukturelement des Deutschen Bundestages versteht. 24 Zwar werden daneben auch Ausschüsse und Fraktionen benannt aber es ist offenbar, dass die Bevölkerung das Plenum als zentrales Element parlamentarischem Handelns wahrnimmt. An dieser Aussage ist zunächst nichts erstaunlich Neues. 25 Aber auch wenn das Plenum damit funktionell überschätzt wird, ist sie nicht zwangsläufig zu kritisieren. Denn schließlich ist es eine zentrale Aufgabe des Bundestagsplenums, ein öffentlich sichtbares Forum politischer Artikulation zu sein. 26 Jedoch birgt dieses überbewerte Bild des Plenums als wichtigstes Handlungsinstrument immer auch die Gefahr von falschen Vorstellungen über Aufgaben und Arbeitsweisen des Parlaments. Dies kann dazu führen, dass selbst ein ordnungsgemäßes Funktionieren Anlass für Kritik bietet, was sich im harmlosesten Fall z.B. im Unmut über die geringe Aufmerksamkeit und Teilnahme der Abgeordneten an den Plenarsitzungen äußert. Der Plenardebatte im
22 Siehe hierzu beispielsweise DÖRNER, ANDREAS: Der Bundestag im Reichstag. Zur Inszenierung einer politischen Institution in der „Berliner Republik“, In: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 2, 2000, S. 237-246./ CULLEN, MICHAEL S.: Der Reichstag im Spannungsfeld deutscher Geschichte, 2. vollst. überarb. Aufl., Berlin 2004./ DANKBAR, CHRISTINE (HRSG.): Politische Orte. Wo die Entscheidungen fallen: vom Café Einstein bis zum Reichstag, Berlin 2004.
23 Vgl. DEUTSCHER BUNDESTAG: Jahresbericht 2007 des Besucherdienstes, In:
http://www.bundestag.btg/ButagVerw/Abteilungen/I/O/1/Besucherzahlen_2007.pdf, online 15. Mail 2008.
24 Vgl. hierzu insbesondere die tabellarische Übersicht über „Das Wissen der Deutsch über den Aufbau des Bundestages und die Wichtigkeit von dessen Strukturelementen“, In: PATZELT, WERNER J.: Ist der Souverän unaufgeklärt? Die Ansichten der Deutsche über Parlament und Abgeordnete, Dresden 1996, S. 9.
25 Vgl. hierzu unter anderem die Frage „Beraten alle Abgeordneten den ganzen Tag über zusammen in einem großen Saal oder wie wird sonst im Bundestag gearbeitet?“, In: BOYNTON, GEORGE R. und GERHARD LOEWENBERG: Der Bundestag im Bewusstsein der Öffentlichkeit 1951 - 1959, (=Politische Vierteljahresschrift, Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, 14), 1973, S. 3-25./ SCHINDLER, PETER: Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1949 bis 1999, a.a.O. Bd. III, S. 3539.
26 Auf die Parlamentsfunktionen wird in Kapitel 2.3.1 näher eingegangen
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Reichstagsgebäude - die „der Öffentlichkeit zugewandete Schauseite, die nur in zweiter Linie den instrumentellen, in erster Linie aber den symbolischen Funktionen eines Parlamentes dient“ 27 - muss damit jedoch eine zentrale Rolle in der Untersuchung um die Rezeption parlamentarischer Symbole zukommen. Einerseits weil die Erwartungshaltung an ihre parlamentarische Funktion von Seiten der Bevölkerung groß ist und sich damit andererseits ein öffentlich vermitteltes Bild einer genaueren Untersuchung unterziehen lässt. Darüber hinaus steht zu erwarten, dass der parlamentarische Symbolvorrat an eben jener Stelle zur vollen Entfaltung kommt.
In den folgenden Abschnitten soll somit dargelegt werden, welche grundsätzlichen Möglichkeiten sich dem Bürger bieten, parlamentarische Symbolik wahrzunehmen und welche Studien zu diesem Thema bereits existieren. Am Anfang der Betrachtung ist jedoch zunächst die Frage zu klären, wie sich dem Konzept der „Wahrnehmung“ politikwissenschaftlich und für die anstehende Untersuchung relevant angenähert werden kann.
Ein Konzept von „Wahrnehmung“ erweist sich trotz oder gerade wegen des generellen Sprachgebrauchs als schwer eingrenzbar. Die Festlegung einer Definition zum Zweck dieser Arbeit verkompliziert sich bereits dadurch, dass der Begriff in vielen wissenschaftlichen Disziplinen und der alltäglichen Sprache gleichermaßen Verwendung findet. Ausmachen lassen sich dabei sowohl normative als auch deskriptive Wahrneh-mungstheorien, deren Substanz teilweise völlig unterschiedliche Bedeutungsaspekte ins Auge fassen.
Für die Politikwissenschaft stellt „Wahrnehmung“ bisher eine Untersuchungseinheit von nicht übermäßiger Signifikanz dar. 28 Dabei wäre sie gerade in der Politik von großer Wichtigkeit: Wer etwas verhindern, verändern oder mitteilen will, muss erst einmal sicherstellen, dass seine Botschaft wahrgenommen wird. In anderen Wissenschaftszweigen wurden jedoch bereits in einer Vielzahl von Arbeiten und Untersuchungen sehr differenzierte Forschungsergebnisse zur „Wahrnehmung“ entwickelt. 29 Es liegt somit nahe, die dort gewonnenen Erkenntnisse dahingehend zu betrachten, inwieweit eine analoge Anwendung für die anstehende Untersuchung dienlich scheint. Zwar ist es sicher nicht zweckmäßig an dieser Stelle allzu intensiv auf sämtliche vorhandene Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsmodelle einzugehen, eine Abgrenzung und Definition
27 PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik. Aufriß eines Forschungsfeldes, a.a.O., S. 59.
28 Vgl. Anmerkung 12.
29 Vgl. dazu als Übersichtswerk LINDSAY, PETER H. und DONALD A. NORMAN: Einführung in die Psychologie, Berlin, Heidelberg, New York 1981.
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der Bedeutung von Wahrnehmung in dem für die nachfolgende Studie notwendigen Sinne ist jedoch geboten.
Einen ersten Ausgangspunkt bietet das klassische Modell der Kommunikationsforschung. 30 Hier schickt z.B. ein Absender eine Information über einen Kanal (Medium) an einen Empfänger. Entnimmt aber der Empfänger diese Information nicht, bleibt es beim Senden der Nachricht und zumindest der Grad der Wahrnehmung kann beim Empfänger in Frage gestellt werden, da sich nach Watzlawick eine Möglichkeit der „Nicht-Kommunikation“ ausschließt. 31 Diesen Ansatz entwickelt die Marketingforschung weiter, nach welcher die „Wahrnehmung“ der Reduktion, Selektion, Interpretation und Organisation von Reizen dient. Sie dauert im Allgemeinen nur Bruchteile von Sekunden und kann darüber hinaus eine weitere gedankliche Beschäftigung mit dem jeweiligen Reiz auslösen. 32 Selbst wenn aber am Anfang des Wahrnehmungsprozesses die Aufmerksamkeit steht, erfolgt nicht jeder Wahrnehmungsprozess bei klarer Aufmerksamkeit. Vielmehr werden Informationen auch bereits bei geringer Aufmerksamkeit (quasi nebenher) wahrgenommen. Dieser Zweiteilung zwischen der Wahrnehmung mit voller Aufmerksamkeit und der Wahrnehmung mit geringer Aufmerksamkeit trägt in besonderem Maße das „Elaboration Likelihood Model“ (ELM) Rechnung. 33 Dieses Modell der Sozialpsychologie beschreibt die zweigeteilte Reizverarbeitung einer Information beim Empfänger. So sprechen die Entwickler dieses Modells, zum einen von der „central route“ der Reizverarbeitung, welche bewusst mit der empfangenen Information umgeht und zum anderen von der „peripheral route“, bei der eine flüchtige Verarbeitung ohne großes Nachdenken erfolgt. 34 Die „central route“ nutzt eher die kognitive Verarbeitung und führt zu dauerhafter und resistenter Speicherung des Verarbeitungsergebnisses. Zu dieser Art von Wahrnehmung kommt es, wenn der Empfänger an der Information von vornherein interessiert ist, oder sich die Information z.B. aufgrund fehlender Umfeldreize sogar den am Thema uninteressierten Empfänger faktisch aufzwingt. Die „peripheral route“ dagegen basiert auf eher affektiver Verarbeitung, befasst sich oft mit Nebensignalen und führt nur zu flüchtiger Speicherung der Kernbotschaft. Bei diesem Wahrnehmungsvorgang geht es somit um Eindrücke und Assoziationen und nicht um
30 Das Sender-Empfänger-Modell der Kommunikation, das von Stuart Hall 1970 auf der Basis des Kanalmodells der Informationstheorie entwickelt wurde, definiert Kommunikation als Übertragung einer Nachricht von einem Sender zu einem Empfänger. vgl. HALL, STUART: Encoding and Decoding in the Television Discourse, zit. nach HEPP, ANDREAS: Cultural Studies und Medienanalyse. Eine Einführung, 2. Auflg., Wiesbaden 2004, S. 110.
31 Vgl. WATZLAWICK, PAUL, JANET H. BEAVIN und DON D. JACKSON: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, 10. unveränd. Aufl., Bern 2003, S. 50 ff.
32 Vgl. BERNDT, RALPH: Marketing I, 3. vollst. überarb. u. erw. Aufl., New York, Berlin, Heidelberg 1996, S. 68./ LACHMANN, ULRICH: Wahrnehmung und Gestaltung von Werbung, Hamburg 2002, S. 11 ff.
33 Vgl. PETTY, RICHARD E. und JOHN T. CACIOPPO: Communication and Persuasion. Central and Peripheral Routes to Attitude Change, New York 1986.
34 Vgl. Ebd., S. 3, 11 und 30 ff.
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tiefer gehende Analysen. Die Konsumentenforschung geht in diesem Zusammenhang davon aus, dass der Mensch ganz überwiegend Reize verarbeitet, die ihn über die Augen erreichen und unterscheidet im Bereich der Wahrnehmung ebenfalls zwischen „emotional“ (affektiv) und „rational“ (kognitiv). 35
Es spricht somit einiges dafür, bei einer Studie zur Wahrnehmung der parlamentarischen Symbolik des Deutschen Bundestages in der Bevölkerung diese Dichotomie der affektiven und kognitiven Wahrnehmungsprozesse zu berücksichtigen. Denn unabhängig davon ob es sich um eine politische Institution oder politischen Akteur handelt, erfolgreiche Kommunikation bedingt immer die Aufnahme von gesendeter Information durch einen Empfänger. Dieser kann sich entweder darum bemühen genau diese Information zu erhalten und wird danach suchen oder sie wird ihm präsentiert und er hat auszuwählen, ob er dieses Informationsangebot annimmt oder ablehnt. Besteht also der Anspruch etwas über den Grad und die Wirkung dieser gesendeten Information in Erfahrung zu bringen, muss die Wahrnehmung gemessen werden. Dies kann anhand einer Reihe von qualitativen und quantitativen Methoden geschehen. In einem nächsten Arbeitsschritt ist somit zu klären, wie Wahrnehmung hinsichtlich des Untersuchungsgegenstandes erfolgt. Konkret soll dargelegt werden, auf welche Weise der Deutsche Bundestag wahrgenommen wird und welche Schlüsse sich aus bereits vorliegendem Datenmaterial ziehen lassen. Beide Positionen sind für die politikwissenschaftliche Forschung schon deshalb relevant, weil „im Zeitalter der Massenkommunikation der Einfluss auf die öffentliche Diskussion und damit auf die veröffentlichte Meinung eine Grundbedingung politischer Herrschaftsausübung [ist]. Das Bemühen um öffentliche, medienvermittelte Resonanz gehört somit zum demokratischen Selbstverständnis politischer Systeme […]“ 36 .
2.1.2. Möglichkeiten der „Wahrnehmung“ des Deutschen Bundestages
Die Eingangs getroffenen Bestimmung der Institution Bundestag als debattierende Versammlung im Plenarsaal, ermöglicht durch diese räumlichen Zuspitzung sogleich eine einfache als auch klare Trennlinie bezüglich der Wahrnehmungsmöglichkeiten für den Bürger. Zwar ist es zur Erfüllung des instrumentellen Zwecks einer Plenardebatte, grundsätzlich unerheblich an welchem Ort sie erfolgt. 37 Aber auch wenn „das Parla-
35 Vgl. VON KEITZ, BEATE: Wahrnehmung von Informationen, in: UNGER, FRITZ (HRSG.): Konsumentenpsychologie und Markenartikel, Heidelberg 1986, S. 98./ KROEBER-RIEHL, WERNER und PETER WEINBERG: Konsumentenverhalten, 6. Aufl. München, 1996, S. 358ff. und S. 596-603.
36 SARCINELLI, ULRICH: Symbolische Politik. Zur Bedeutung symbolischen Handelns in der Wahlkampfkommunikation der Bundesrepublik Deutschland, (=Studien zur Sozialwissenschaft, Bd. 72), Opladen 1987, S. 213.
37 So tagt beispielweise das australische Landesparlament von Victoria traditionell einmal im Jahr an einem anderen Ort außerhalb Melbournes. Es verdeutlicht in diesem Sinne, dass der parlamentari- sche Alltag im ordnungsgemäßen Übereinklang mit den Leitideen des Parlaments ortsungebunden
Kunze: Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik des Bundestages - Seite 14
ment“ in anderer Gestalt an unterschiedlichen Orten erfahrbar ist, 38 ändert dies nichts an dem Umstand, dass der Deutsche Bundestag den zeichenhaften Nachweis eines ordnungsgemäß tagenden Parlaments, im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes in Berlin führt. Dort tritt er am dichtesten und sinnfälligsten zu Tage und wird dort als Institution in seiner Gesamtheit existent. Demzufolge ist das Parlament auch nur dort unmittelbar wahrnehmbar. Alle anderen Möglichkeiten des Kontaktes und der Beobachtung müssen somit zwangsläufig mittelbar erfolgen. Diese Unterscheidung in unmittelbare (vor Ort) und mittelbare (nicht vor Ort) Wahrnehmung lässt bereits eine nicht unerhebliche Ungleichheit vermuten, da die Möglichkeit, das Parlament direkt im Plenarsaal wahrzunehmen, nicht jedem Bürger gleichermaßen offen steht. 39
Mit einer Gesamtzahl von über 3 Millionen Besuchern pro Jahr, ist der Deutsche Bundestag zwar das meist besuchte Parlament der Welt, inwiefern diese Zahl jedoch eine qualitative Aussage zur unmittelbaren Wahrnehmung der bundesdeutschen Bevölkerung sein kann, zeigt ein Blick auf die Zusammensetzung dieser Besucherzahl: Gemäß dem Bericht des Besucherdienstes des Deutschen Bundestages über die Entwicklung der Angebote und Besucherzahlen, ist die Zahl der Besucherinnen und Besucher des Deutschen Bundestages in den letzten Jahren konstant geblieben. 40 Statistisch erfasst wurden dabei alle vom Besucherdienst betreuten Gäste. Diese machen neben den mengenmäßig zu vernachlässigenden privaten Einzelbesuchern den quantitativ relevanten Anteil aus. Die Zahl derer die ausschließlich die Dachterrasse und Kuppel des Reichstagsgebäudes besuchten ist mit etwa zwei Millionen die davon anzahlmäßig größte Gruppe. Bei einem durchschnittlichen Anteil von ca. 50 % ausländischer Touristen, 41 wird der Deutsche Bundestag somit statistisch gesehen von maximal 1,5 Millionen Bundesbürgern bzw. ca. 2 % der wahlberechtigten Bevölkerung unmittelbar wahrgenommen. 42 Der überwiegende Teil der Wahrnehmung erfolgt infolgedessen mittelbar und ist dabei den strukturellen Zwängen der allgemeinen Öffentlichkeit unterworfen. Denn sowohl das Parlament als Ganzes, als auch die Fraktionen und einzelne Abgeordnete wenden
ist. Der Deutsche Bundestag hat in seiner 60-jährigen Geschichte erst einmal - Gemeinsame Sitzung der Assemblée Nationale und des Deutschen Bundestages am 22. Januar 2003 in Paris - an einem anderen Ort als dem institutionellen Plenarsaal getagt.
38 So z.B. durch sich vor Ort sachkundig machenden Abgeordnetengruppen, Präsentation des Bundestages auf Messen und Ausstellungen und durch den Einsatz eines Infomobils innerhalb Deutsch-lands.
39 Untermauert wird diese Schlussfolgerung durch die Feststellung, dass die gegenwärtige Dominanz elektronischer Massenmedien jeder Form von Präsenzöffentlichkeit überlegen ist. Vgl. hierzu: GERHARDS, JÜRGEN und FRIEDHELM NEIDHARDT: Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit. Fragestellungen und Ansätze, Wissenschaftszentrum Berlin 1990, sowie JARREN, OTFRIED: Politik und politische Kommunikation in der modernen Gesellschaft, In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 39/94, S. 3-10.
40 Vgl. DEUTSCHER BUNDESTAG: Jahresbericht 2007 des Besucherdienstes, a.a.O.
41 So RD Rainer Wiebusch, stellvertr. Leiter des Besucherdienstes des Deutschen Bundestages, im persönlichen Telefongespräch am 29. Februar 2008.
42 Zahlen der Bevölkerung (82.258.000) und Wahlberechtigten (61.432.868), In:
www.statistikportal.de, online 15. März 2008.
Kunze: Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik des Bundestages - Seite 15
sich über parlamentsspezifische und parlamentsunspezifische Kanäle an ihre Zielgruppen. 43 Insbesondere die Massenmedien spielen hierbei die zentrale Rolle und liefern damit auch die Erklärung für die oben angeführte Fokussierung der Bevölkerung auf den Plenarsaal, 44 wenngleich dies nicht allein an der Medienkompatibilität der Plenardebatte liegt. Vielmehr ist dies auch dem Umstand geschuldet, dass ein Großteil der parlamentarischen Arbeit nicht-öffentlich stattfindet und aufgrund seines unspektakulären prozesshaften Charakters außen vor bleibt. Ohnehin ist der Deutsche Bundestag und Informationen darüber, im komplexen Medienangebot eine „zu verkaufende Ware“ 45 welche in Konkurrenz zu anderen Inhalten wahrgenommen werden kann aber keinesfalls muss. 46 Die folgenden Daten einer Studie zur Mediennutzung in Deutschland konkretisieren dies und geben einen Aufschluss über die Wahrnehmungswege zum Deutschen Bundestag. 47 Das Fernsehen nimmt (vor Radio, Internet, Zeitung und Buch) in der Auswahl des täglichen Medienkonsums den weitaus größten Teil in Anspruch und erreicht knapp 90% der Bevölkerung. Die Verfasser der Studie konstatieren jedoch eine „generelle Mindernutzung von politischen Informationssendungen“ 48 aus dem ohnehin nur 17-19% großen Angebots der politischen Themen öffentlich-rechtlicher TV-Sender. Bei den privaten Anbietern ist bereits eine Entpolitisierung des Angebots zu verzeichnen. So liegt der Politikanteil bei RTL (dem politischsten aller privaten TV-Programme) bei nunmehr nur knapp 3% des gesamten Fernsehangebots. Eine weitere interessante Feststellung ist jene, dass das Internet vorwiegend genutzt wird, um Pro-duktinformationen einzuholen, während nur 14% der Bevölkerung das Internet nutzen um etwas über Organisationen, Verbände und Parteien zu erfahren. Ob nun ein geringes Interesse an Politik zu diesem Wahrnehmungsverhalten führt oder ob das Angebot dafür verantwortlich ist, soll und kann nicht Gegenstand dieser Untersuchung sein. Festzuhalten bleibt jedoch, dass weder die große Reichweite der TV-Sender, noch das vorhande-
43 Nach Marschall haben sich die Akteure der parlamentarischen Arena in ihrem „Kommuniktionsmanagement“ auf die sich ständig wandelnden Strukturen der Öffentlichkeit eingestellt. Vgl. hierzu insbesondere MARSCHALL, STEFAN: Strukturwandel der parlamentarischen Öffentlichkeit, In: Zeitschrift für Politik, 50, 4, München 2003, S. 423-437./ MARSCHALL, STEFAN: Parlamentarische Öffentlichkeit - eine Feldskizze, In: OBERREUTER, HEINRICH, UWE KRANENPOHL und MARTIN SEBALDT (HRSG.): Der Deutsche Bundestag im Wandel. Ergebnisse neuerer Parlamentarismusforschung, 2. erw. Aufl., Wiesbaden 2002, S. 168-186./ MARSCHALL, STEFAN: Das Parlament in der Mediengesellschaft: Verschränkungen zwischen parlamentarischer und massenmedialer Arena, In: (=Politische Vierteljahresschrift, Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, 42), 2001, S. 388-413.
44 Vgl. Anmerkung 24.
45 MARSCHALL, STEFAN: Strukturwandel der parlamentarischen Öffentlichkeit, a.a.O, S. 433.
46 Vgl. KUSCHE, ISABEL: Wa(h)re Politik? Politische Kommunikationsforschung und Marketingtheorie, In: LAMLA, JÖRN und SIGHARD NECKEL (HRSG.): Politisierter Konsum - konsumierte Politik, Wiesbaden 2006, S. 283 ff.
47 Vgl. KRÜGER, UDO MICHAEL und THOMAS ZAPF-SCHRAMM: Sparten, Sendungsformen und Inhalte im deutschen Fernsehangebot 2006, In: Media-Perspektiven, 2007, 4, S. 166-186./ ZUBAYR, CAMILLE und HEINZ GERHARD: Tendenzen im Zuschauerverhalten, In: Media-Perspektiven, 2007, 4, S. 187-199.
48 Vgl. ZUBAYR, CAMILLE und HEINZ GERHARD: Tendenzen im Zuschauerverhalten, a.a.O., S. 195.
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ne Potenzial des Internets ausreichen werden, um das Ideal einer gesellschaftsumfassenden Agora zu simulieren bzw. diesem auch nur nahe zu kommen. Bei all diesen genannten Wahrnehmungsmöglichkeiten kann es sich keinesfalls um eine abschließende Aufzählung handeln. Dies wird bereits dadurch deutlich, dass der Deutsche Bundestag die mittelbare Wahrnehmung auch direkt beeinflusst. So präsentiert er sich z.B. regelmäßig auf Messen, ist mit einem Infomobil in ganz Deutschland unterwegs und unterstützt mit Wanderausstellungen auch den Abgeordneten im politischen und vorpolitischen Raum seines Wahlkreises. 49 Insbesondere dadurch wird erneut deutlich, dass Informationen über den Bundestag für den Bürger aus einem breiten Spektrum an Angeboten verfügbar und auswählbar sind. Das eingangs aufgeworfene Konstrukt der Trennschärfe zwischen mittelbarer und unmittelbarer Wahrnehmung wird dadurch verfestigt und sollte bei einer Bewertung von Aussagen zur Wahrnehmung der parlamentarischen Symbolik des Deutschen Bundestages berücksichtigt werden. Welche Aussagen dazu bereits vorliegen, soll der Überblick im folgenden Abschnitt zeigen.
Eine theoretisch gesicherte und konzeptionell geschlossene Erhebung welche Aufschluss über die Rezeption der parlamentarischen Symbolik des Deutschen Bundestages geben würde, existiert nicht. Es muss an dieser Stelle sogar festgestellt werden, dass selbst der theoretische Rahmen für eine repräsentative Bevölkerungsumfrage und das analytische Raster einer grundsätzlichen Interpretation der öffentlichen Meinung über den Deutschen Bundestag erst relativ spät Ende der 1980er bzw. 1990er Jahre herausgearbeitet wurde. 50 Zuvor war „Der Bundestag im Bewusstsein der Öffentlichkeit“ 51 zwar von 1951 bis 1959 zusammenhängend untersucht worden. Jedoch war diese Arbeit durch ihre zeitliche Eingrenzung und Konzentration auf die Unterstützungshaltung einer neuen Regierungsform geprägt.
Von diesen Arbeiten abgesehen, stehen nur vereinzelte Umfragen verschiedener Mei-nungsforschungsinstitute zur Verfügung, von denen manche nur einmal, andere zwar wiederholt, dann aber nicht immer in regelmäßigen Abständen durchgeführt wurden. 52
49 Vgl. http://www.bundestag.de/interakt/bundestagunterwegs/index.html, online 22. April 2008.
50 Siehe hierzu insbesondere: SCHÜTTEMEYER, SUZANNE S.: Bundestag und Bürger im Spiegel der Demoskopie. Eine Sekundäranalyse zur Parlamentarismusperzeption in der Bundesrepublik, (=Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung, Bd. 87), Wiesbaden 1986./ PATZELT, WERNER J.: Ist der Souverän aufgeklärt?, a.a.O.
51 BOYNTON, GEORGE R. und GERHARD LOEWENBERG: Der Bundestag im Bewusstsein der Öffentlichkeit 1951 - 1959, a.a.O.
52 Vgl. hierzu insbesondere die Übersicht der „Repräsentativumfragen über den Bundestag“ im Kapitel „23.7. Öffentliche Meinung über den Bundestag“, In: SCHINDLER, PETER: Datenhandbuch zur Ge- schichte des Deutschen Bundestages 1949 bis 1999, a.a.O. Bd. III, S. 3508-3540.
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Insbesondere zeichnen sich Umfragen über den Deutschen Bundestag aber dadurch aus, dass sie entweder den Parlamentarier ins Zentrum ihrer Betrachtung stellen oder verstärkt empirisch die Kongruenz der vorherrschenden Verfassungsideologie mit der Verfassungssoziologie 53 zu überprüfen suchen und somit auf die grundsätzliche Verortung des Bundestages im konstitutionellen Gefüge abzielen. Auch der Deutsche Bundestag selbst hat keine eigenen Versuche unternommen, ein Erkenntnisinteresse in diesem Punkt zu befriedigen. Zwar wurde einiges Datenmaterial unterschiedlicher Meinungsforschungsinstitute gesammelt, dies aber nicht systematisch ausgewertet. 54 Doch selbst diese Datensammlung scheint zwischenzeitlich eingestellt worden zu sein, da bereits mit dem ersten Anschlussband an die dreibändige Gesamtausgabe des Datenhandbuches des Deutschen Bundestages der gesamte Abschnitt zu „Bundestag und Öffentlichkeit“ der sich dieser Problematik widmete nicht mehr fortgeführt wurde. 55
Um an dieser Stelle ein ersten Bezugsrahmen für die anstehende Arbeit zu setzten, wurden die verfügbaren, generellen Umfragen der Meinungsforschungsinstitute der Zeit 1949 bis 1999 um relevante und spezifischere Studien jüngerer Zeit ergänzt. Dabei zeigt sich, dass vorrangig Abgeordnete, Arbeitsbereiche und Aufgaben des Parlaments im Vordergrund der Untersuchungen stehen und Wahrnehmungsempfindungen (wenn überhaupt) in Antworten auf Fragen nach einem „günstigen oder ungünstigen Eindruck der Arbeit“ 56 , einer „eher guten oder schlechten Meinung“ 57 oder „Vertrauen“ 58 zur Institution Bundestag zu suchen sind. Insbesondere die Frage nach dem „Vertrauen“ in den Deutschen Bundestag bietet dabei die Möglichkeit subjektive Bedeutungswirklichkeiten der Befragten sichtbar werden zu lassen. Ohne an dieser Stelle jedoch darauf eingehen zu wollen, dass unterschiedliche Ausprägungen der subjektiven Bedeutungsdimension von „Vertrauen“ nicht deutlich sind, wird auch an diesem Beispiel das Dilemma der quantitativen Forschung sichtbar. So wurde die Frage nach „Vertrauen“ in mehrere bundesdeutsche Institutionen von zwei unterschiedlichen Meinungsforschungsinstituten über mehrere Jahre wortgleich gestellt. Dennoch kam es dabei immer zu
53 Beide Begriffe (Verfassungsideologie und -soziologie) wurden durch Ernst Fraenkel geprägt, der die Vorstellungen in der öffentlichen Meinung und Politikwissenschaft von politischen Strukturen und Gebräuchen, die den Zielen der demokratischen Verfassung entsprechen (Verfassungsideologie) der Verfassungsrechtsordnung im weiteren Sinn, inklusive der Deutung der Verfassung in der allgemeinen Rechtsordnung (Verfassungssoziologie) gegenüberstellte und zu hinterfragen suchte. Vgl. dazu FRAENKEL, ERNST: Deutschland und die westlichen Demokratien. Mit einem Nachwort über Leben und Werk Ernst Fraenkels, erw. Ausg., 1 Aufl., Frankfurt am Main 1990.
54 Vgl. Anmerkung 52.
55 Vgl. FELDKAMP, MICHAEL F.: Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1994 bis 2003, Baden-Baden 2005.
56 SCHINDLER, PETER: Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1949 bis 1999, a.a.O. Bd. III, S. 3537.
57 Ebd., S. 3532.
58 Ebd., S. 3534.
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erheblichen Unterschieden in den Ergebnissen. Vertrauten beispielsweise 1982 laut EMNID 61 % der Bevölkerung der Institution Bundestag, kam INFAS bei gleicher Fragestellung zu einem Ergebnis von 74 %. 59 Auch zeigt sich bei der Auswertung der verfügbaren Zeitreihen ein deutlicher Antagonismus von wachsender Zustimmung zur Notwendigkeit eines Parlaments 60 bei gleichzeitig stetig steigendem ungünstigem Eindruck über die Arbeit des Bundestages 61 . Eine kontinuierliche Auswertung der Wahrnehmungsentwicklung parlamentarischer Symbolik ist aufgrund dieser Datenlage jedoch nicht möglich.
Eine erste analytische Zusammenfassung und grundsätzliche Interpretation der öffentlichen Meinung über den Deutschen Bundestag bildet die Arbeit „Bundestag und Bürger im Spiegel der Demoskopie“ 62 aus dem Jahre 1986. Entsprechend dem Anliegen der Arbeit bildet diese Sekundäranalyse, eine erstmalige Grundlage theoretisch und methodischer Überlegungen, sich den parlamentarischen Wahrnehmungsdimensionen der Bevölkerung zu widmen - wenngleich nur auf Basis eines Rasters der kognitiven Wahrnehmung und Leistungsbewertung des Bundestages. Bei der Betrachtung der Beziehungsanalyse zwischen Bundestag und Bevölkerung fällt jedoch auf, dass die Untersuchung zweigeteilt vorgenommen wird. Zunächst hinsichtlich der generellen Einstellung der Bevölkerung zum politischen System und anschließend zur konkreten Einstellung dem Parlament gegenüber. Die damit unterstellten Korrelationsaussagen, sollten auch in dieser Arbeit nicht unberücksichtigt bleiben. Aber auch wenn als Ergebnis der Studie unter anderem konstatiert wird, dass Gegensätze zwischen den Erwartungen und dem faktisch Wahrgenommenen nur teilweise zu schlechterer Parlamentsbewertung führen, bleibt leider festzuhalten: Über parlamentarische Symbolik und „affektive Bindungen an das Parlament sind zur Zeit keine gesicherten, auf Umfragen beruhenden Erkenntnisse möglich.“ 63
Eine weitere empirische Untersuchung, die sich mit der Bedeutung des Deutschen Bundestages im Regierungs- und Gesellschaftssystem der Bundesrepublik auseinandersetzte, ist die 1990 veröffentlichte Studie „Abgeordnete und Bürger“ 64 . Wie jedoch aus dem Titel bereits ersichtlich, wird in dieser Arbeit der Beziehung zwischen Bevölkerung
59 Vgl. SCHÜTTEMEYER, SUZANNE S.: Bundestag und Bürger im Spiegel der Demoskopie, a.a.O., S. 250.
60 Vgl. SCHINDLER, PETER: Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1949 bis 1999, a.a.O. Bd. III, S. 3540.
61 Auf die vom Institut für Demoskopie (IfD) Allensbach seit 1950 bis 1992 zehnmal gestellte Frage: „Haben Sie einen günstigen oder ungünstigen Eindruck von der bisherigen Arbeit des Bundestages in Bonn?“ antworteten 1959 lediglich 14% (Tiefststand) der Befragten mit „Ungünstig“. 1992 lag die gleiche Antwort bei 47 % (Höchststand). Vgl. SCHINDLER, PETER: Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1949 bis 1999, a.a.O. Bd. III, S. 3537.
62 SCHÜTTEMEYER, SUZANNE S.: Bundestag und Bürger im Spiegel der Demoskopie, a.a.O.
63 Ebd., S. 273.
64 HERZOG, DIETRICH, HILKE REBENSTORF, CAMILLA WERNER U.A.: Abgeordnete und Bürger. Ergebnisse einer Befragung der Mitglieder des 11. Deutschen Bundestages und der Bevölkerung, Opladen 1990.
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und Repräsentanten eine höhere Bedeutung beigemessen und damit weniger die Institution Bundestag in ihrer Gesamtheit untersucht. Demzufolge verwundert es nicht, wenn zwar eine repräsentative Befragung der wahlberechtigten Bevölkerung in die Untersuchung mit einfließt, den Aussagen von über 300 Bundestagsabgeordneten jedoch die zentrale Aufmerksamkeit gewidmet wird. Zwar wird festgestellt, dass der „politische Mitwirkungsanspruch der Bürger und ihrer sozialen und wirtschaftlichen Interessenträger […] nicht zuletzt von den kommunikativen Beziehungen des Parlaments zur Öffentlichkeit“ 65 abhängt, jedoch werden vornehmlich Ergebnisse über Zeitmanagement, Tätigkeitsschwerpunkte und Handlungsspielräume aus Sicht der Abgeordneten präsentiert. Weiterhin geht die Studie von nur zwei Kommunikationssträngen aus: zwischen Abgeordneten und Bürgern und zwischen Parlament und Interessengruppen. Damit versäumt es die Studie jedoch, den institutionell manifestierten Legitimationsanspruch des Deutschen Bundestages einer direkten Kommunikation mit dem Bürger gegenüberzustellen 66 und hinterlässt somit für diese Arbeit kaum relevante Aussagen. Eine 1996 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demoskopie Allensbach veröffentlichte Studie geht der Frage nach, ob die Bevölkerung aus parlamentarischer Sicht unaufgeklärt ist. 67 Der somit evidente Anspruch, Erkenntnisse über das parlamentarische Wissen der Bevölkerung zu explizieren, stellt einmal mehr die kognitive Dimension ins Zentrum dieser Untersuchung. Dementsprechend werden z. B. der Bekanntheitsgrad von Bundestags- und Landtagsabgeordneten, Vermutungen über die Amtsführung und Aufgaben eines Abgeordneten, Innerparteiliche Einflussmöglichkeiten und Aufgaben der Opposition aus Sicht der Bevölkerung analysiert. Dennoch bietet die Arbeit auch generelle Aussagen zur mittelbaren Wahrnehmung des Deutschen Bundestages in der Bevölkerung. So wird der Befund geäußert, dass die mit Abstand wichtigsten politischen Informationsquellen Fernseh- und Rundfunknachrichten sowie die Lokalzeitung sind. Da deren Berichterstattung auch den Deutungsrahmen der Ansichten über das Parlament prägt, dürfte somit folgenreich sein, was berichtet wird - und dies ist „Personalisiertes eher als Strukturelles, Außergewöhnliches häufiger als das Normale, Skandalisierbares mehr als das Gelungene“ 68 . Es wird sich zeigen inwieweit diese Erkenntnis in die Auswertung der anstehenden Untersuchung einzufließen hat. Eine weitere bedeutungsvolle Feststellung ist jene, dass „vor allem das politische Interesse dafür ausschlaggebend [ist], welche Ansichten man über Parlament und Abgeordnete“ 69 hat. Damit ist die vorgenommene Dualität in der oben erwähnten Studie „Bundestag und
65 Ebd., S. 19.
66 Siehe hierzu OBERREUTER, HEINRICH: Legitimation durch Kommunikation, In: FALTER, JÜRGEN W., CHRISTIAN FENNER und MICHAEL TH. GREVEN (HRSG.): Politische Willensbildung und Interessenvermittlung, Opladen, 1984, S. 240 ff.
67 PATZELT, WERNER J.: Ist der Souverän unaufgeklärt?, a.a.O.
68 Ebd., S. 2.
69 Ebd., S. 4.
Kunze: Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik des Bundestages - Seite 20
Bürger“ einmal mehr zur Anwendung gekommen. Die Erkenntnis dieser Zweiteilung sollte somit auch Eingang in die anstehende Untersuchung finden. Die jüngste Arbeit zur empirischen Beziehungsbetrachtung von Bevölkerung und Parlament greift die bereits oben erwähnte Variable „Vertrauen“ wieder auf, um sie für einen institutionellen Vergleich von Bundestag und Bundesverfassungsgericht zu nutzen. 70 Neben der Fokussierung auf Aussagen zu Leistungs- und Aufgabenbeurteilungen konkretisiert sich in dieser Studie erneut der Zusammenhang von politischem Interesse und parlamentarischer Wahrnehmung dergestalt, dass mit größerem politischem Interesse auch eine positivere Wahrnehmung des Bundestages einhergeht. Andererseits wird zur Untersuchung von „Vertrauen“ die Möglichkeit der institutionellen Selbstdarstellung und ihrer massenmedialen Vermittlung einbezogen und dabei erstmals explizit auf Formen symbolischer Darstellung zurückgegriffen. Dabei zeigte sich zwar, dass einerseits von nur 19 % der Bevölkerung der Versuch wahrgenommen wird, dass der Deutsche Bundestag seine Ziele und Funktionsweisen auch symbolisch zum Ausdruck bringt. Anderseits ließ sich aufgrund der Ergebnisse auch die Feststellung treffen, dass je besser man sich selbst über den Bundestag unterrichtet fühlt, die Praxen seiner symbolischen Selbstdarstellung umso nützlicher gefunden werden. 71 Leider flossen in diese Feststellung nur einzelne Deutungen zu vorgegebenen Symbolisierungspraxen (Kuppel, Sitzverteilung, Debattenkultur) ein. Eigenreflexionen der Befragten wurden nicht untersucht. 72 Somit kann noch immer keine Aussage dazu getroffen werden, wie parlamentarische Symbolik beim Bürger ankommt. Dennoch hat sich gezeigt, dass auch wenn die Datenlage zur Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik als bescheiden bezeichnet werden kann, „die symbolische Selbstdarstellung von BTag und BVerfG sehr wohl einen gewissen Einfluss darauf [hat], wie man beide Institutionen bewertet.“ 73 Diese ausnehmend konkrete Aussage bietet eine stabile Ausgangsposition und Basis für die anstehende Arbeit.
2.2. Abgrenzung der Arbeit zu der Diskussion über politische Symbolik
Eine grundlegende Problematik der Verknüpfung von Politik und Symbolik liegt darin, dass wann immer Politik als „symbolisch“ bezeichnet wird, zeitgleich der unterschwel- 70 PATZELT, WERNER J.: Warum verachten die Deutschen ihr Parlament und lieben ihr Verfassungsgericht? Ergebnisse einer vergleichenden demoskopischen Studie, In: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 2, 2005, S. 517-538.
71 Ebd., S. 523.
72 Nach Aussage des Sonderforschungsbereiches 537 wurde nur von einem kleinen Teil und für einen eingeschränkten Zweck eine Inhaltsanalyse der Antworten gemacht. Vgl. E-Mail sabine.friedel@tudresden.de vom 8. Mai 2008.
73 PATZELT, WERNER J.: Warum verachten die Deutschen ihr Parlament und lieben ihr Verfassungsge- richt?, a.a.O., S. 523.
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lige Vorwurf nach „bloßer“ Symbolik mitschwingt. 74 Gewissermaßen als stelle sie sich
inhaltsleer und substanzlos, inszeniert und lediglich durch Schlagworte „verschönt“ dar.
In den letzten Jahren wurde die Diskussion über politische Symbole insbesondere durch
die Umgestaltung und Nutzbarmachung des Reichstagsgebäudes als Parlamentsbau und
die Debatte über den Umzug des Bundestages nach Berlin einmal mehr deutlicher in die
Öffentlichkeit gebracht. Aber auch wenn nicht alle politischen Symbole zwangsläufig
so sichtbar wie der Reichstag sind, so sind sie in der Politik dennoch omnipräsent. 75
Folgte man jedoch der Argumentation von Murray Edelmann, würde der Terminus
„symbolisch“ für etwas stehen, dass allgemein als „falscher Schein“, Scheinpolitik,
bewusste Täuschung und Verschleierung verstanden werden könnte. In seinem Werk
„The symbolic uses of politics“ 76 - welches 1976 übersetzt das Konzept der „politi-
schen Symbolik“ in die deutsche Politikwissenschaft einführte - übte Edelmann bereits
1964 Kritik an der Selbstwahrnehmung der amerikanischen Gesellschaft als Musterde-
mokratie. Für ihn war zu diesem Zeitpunkt das demokratische Ideal bereits von einer
Praxis der ritualisierten Scheinpartizipation und gezielt verborgenen Interessenpolitik
verraten worden. 77 Würde man also diesem Argument vorbehaltlos folgen, würden zwei
Wirklichkeiten der realen Politik existieren: zum einen das dem Bürger medial zugäng-
liche der (ästhetischen) Inszenierung auf der einen Seite und das der sich im Stillen
vollziehenden Interessenpolitik politischer Eliten auf der anderen Seite. Es wäre die
Feststellung , dass somit etwas nicht Relevantes geschieht oder zumindest etwas anderes
als das, was zu sehen ist. Grundsätzlich stellte Edelman mit seiner Analyse jedoch fest,
dass alle politische Handlungen und Institutionen eine Doppelfunktion besitzen. 78 Ne-
ben ihrer zwangsläufigen instrumentellen Funktion erfüllen sie auch unabdingbar eine
symbolische Funktion, die nicht an die rationale Meinung, sondern an die emotionale
Reaktion des Publikums appelliert. Mit anderen Worten: „Politische Akte sind sowohl
instrumentell wie expressiv“ 79 aber auch politische Institutionen sind einerseits „Regel-
systeme der Herstellung und Durchführung verbindlicher, gesamtgesellschaftlich rele-
74
Vgl. dazu unter anderem HILDEBRANDT, TINA und HEINRICH WEFING: Was tun , wenn's brennt?, In:
Zeit -Magazin vom 28. Februar 2008./ SCHRATZENSTALLER, MARGIT: Symbole, In: Frankfurter
Rundschau vom 14. Oktober 2006./ KREUZER, HEINZ PETER: Erfolge nur auf Zufallsbasis, In: Berli-
ner Zeitung vom 25.08.2005.
75
Vgl. hierzu insbesondere GÖHLER, GERHAR:D Politische Institutionen als Symbolsysteme, a.a.O./
JESSEN , JENS: Symbolische Politik, In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20/2006, S. 3-6./
SCHWEMMER , OSWAL:D Die Macht der Symbole, In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20/2006,
7-14./ SCHÜLER, BERN:D Farben als Wegweiser in der Politik, In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B
20/2006, S. 31-38.
76
Edelmans „Politk als Ritual“ gilt als Klassiker der politischen Kommunikationsforschung, welcher
das Tor zu einer kulturwissenschaftlichen Analyse von Politikprozessen aufstieß. EDELMAN,
MURRAY : Politik als Ritual. Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen und politischen
Handelns , 3. erw. Aufl., Frankfurt am Main 2005.
77
Ebd. , S. 82 ff.
78
Ebd. , S. 27 ff.
79
Ebd , S 10
Kunze: Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik des Bundestages - Seite 22
vanter Entscheidungen“ und andererseits „Instanzen der symbolischen Darstellung von Orientierungsleistungen“. 80 Notwendig ist diese symbolische Seite der Politik schon deshalb, um die Komplexität der politischen Debatte zu begrenzen. Denn laut Künzli erfüllt ein Symbol immer (und nicht nur im politischen Bereich) die folgende Funktion: „Es reduziert ein komplexes Ganzes auf ein Einfaches, an sich unbedeutendes, durch den stell- 81 vertretenden Bezug aufs Ganze aber bedeutungs-, wert- und sinngeladenes Zeichen.“ Diese objektive Seite des Symbols erlaubt es der Bevölkerung, für welche die Politik ein „Zuschauersport“ 82 ist, eine konkrete Einstellung zur Politik zu entwickeln. Infolgedessen kann dieser Umstand als „Sichtbarmachung von Politik“ 83 definiert werden, da für den Großteil der Bevölkerung Politik mittelbar wahrgenommen wird und damit etwas ist, was „fern, distanziert und unnahbar ist“ 84 . Diese Distanz kann nur durch Symbolik überwunden werden.
Auch aus psychologischer Sicht schafft Symbolisierung „Ordnung in der uns umgebenden und erfahrenen Unordnung, im Chaos. Symbole erlauben uns, zu interpretieren, was wir erfahren und was wir sind“ 85 . Dennoch erfüllen nicht alle Symbole die gleichen Funktionen. Aus diesem Grund muss an dieser Stelle auf den Unterschied zwischen Verweisungssymbolen und Verdichtungssymbolen hingewiesen werden. Laut Edelman, sind „Verweisungssymbole eine einfache Methode, um objektive Elemente in Gegenständen oder Situationen zu verweisen; dabei werden die Elemente von jedem Menschen in gleicher Weise identifiziert.“ 86 Andererseits wecken dagegen Verdichtungssymbole „die Emotionen, die mit einer Situation verknüpft sind“ 87
Die politische Symbolik wird aber nicht zwangsläufig von nur einer bestimmten Gruppe gesteuert. Vielmehr sind es anthropologische, philosophische und eben psychische Gründe: die Doppelfunktion von politischen Handlungen und Institutionen existiert als solche und sind nicht das Ergebnis eines bestimmten Willens. Wahlen und Gesetzgebung, bilden beispielsweise echte rituellen Formen der Massenpartizipation der Politik, obwohl sie zunächst klaren instrumentellen Funktionen genügen. Laut Edelman existieren also zwei wichtige symbolische Formen der Politik: Ritus und Mythos 88 . Das Ritual ist dabei „eine motorische Aktivität, bei der sich die Beteiligten symbolisch zu einer gemeinsamen Unternehmung zusammenfinden.“ 89 Alle Rituale der Demokratie (zum Beispiel Wahlen, politische Diskussionen, parlamentarische Rituale wie die Plenarsit- 80 GÖHLER, GERHARD zit. nach SARCINELLI, ULRICH: Politische Kommunikation in Deutschland. Zur Politikvermittlung im demokratischen System, Wiesbaden 2005, S. 126.
81 BENEDETTI, GAETANO und UDO RAUFLEISCH: Welt der Symbole, Göttingen 1989, S. 234.
82 EDELMAN, MURRAY: Politik als Ritual, a.a.O., S. 4.
83 SARCINELLI, ULRICH: Politische Kommunikation in Deutschland, a.a.O., S. 126.
84 EDELMAN, MURRAY: Politik als Ritual, a.a.O., S. 5.
85 SARCINELLI, ULRICH: Politische Kommunikation in Deutschland, a.a.O., S. 126.
86 EDELMAN, MURRAY: Politik als Ritual, a.a.O., S. 5.
87 Ebd., S. 5.
88 Vgl. ebd., S. 13.
89 Ebd., S. 14.
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zung etc.) festigen dabei den Eindruck, „dass das politische System die individuellen Wünsche in eine Gesamtpolitik umsetzt.“ 90 Gleichermaßen dienen Mythen, wie die Gründung eines Staates oder gar die Heranziehung der Verfassung im politischen Alltag, „der Abarbeitung sozialer Spannungen“ 91 . Rituale und Mythen sind also symbolische Formen der Politik, die die Gesellschaft um gemeinsame Werte vereinigen und damit bei der Bildung der Gesellschaft, wenn auch in einer irrationalen Weise, mitwirken. Während Rituale, Repräsentationen und Symbole einerseits der Anpassung von Politik an die Gesellschaft dienen (oder die Interaktion zwischen beidem erklären können), besteht immer auch die Möglichkeit sie anderseits als Mittel politischer Herrschaft zu instrumentalisieren. Als Mittel des politischen „Quietismus“ 92 kann politische Symbolik zum manipulativen Instrument der Interessendurchsetzung gegenüber der Bevölkerung und als symbolische Politik missbraucht werden. Nach Ulrich Sarcinelli zielt symbolische Politik „nicht nur auf politische Interaktion ab, sie wird zum Instrument politischer Herrschaft, wenn bestimmte Deutungsmuster durchgesetzt werden und andere nicht.“ 93 Während politische Symbolik ein neutraler und omnipräsenter Teil einer politischen Kultur ist, wird symbolische Politik negativ konnotiert, als Teil einer politisch-strategischen Kommunikation. Die Ambivalenz des Symbols wird dadurch deutlich. Einerseits ist es notwendig um die komplexe Realität der Politik zu vermitteln, andererseits kann es zu einer politischen Kommunikationsform abgeändert werden, welche zu exzessiven Folgen wie dem Populismus führt.
Die politische Symbolik ist in der Öffentlichkeit wie auch in der Wissenschaft mit der politischen Kommunikation als Mittel der Macht verbunden. Aber nicht nur Handlungen einzelner Politiker oder Gruppen werden durch Symbolik vermittelt, sondern auch Institutionen. Der Deutsche Bundestag nutzt Symbolik (durch Architektur wie den Reichstag, Mythen wie die dargestellte Verfassungsordnung, Rituale wie die Plenarsitzung oder parlamentarische Dienstkleidung) um Sinn zu schaffen. Als zentrale Institution im parlamentarisch repräsentativen Regierungssystem, ist Symbolik für ein Parlament ein wesentlicher Stabilisierungsfaktor. Um dies näher zu beleuchten soll in den folgenden Abschnitten ein Überblick über die parlamentarische Symbolik erarbeitet werden. Am Anfang steht dabei die instrumentelle und symbolische Doppelrolle, welche auch bei der parlamentarischen Repräsentation berücksichtigt werden muss. Danach werden die unterschiedlichen Dimensionen parlamentarischer Symbolik aufgezeigt. Da die wissenschaftliche Forschung zu Fragen parlamentarischer Symbolik jedoch noch am Anfang steht, orientiert sich diese Arbeit inhaltlich an den Ergebnissen eines Symposi-
90 Ebd., S. 14.
91 MALINOWSKI, BRONISLAW zit. nach ebd., S. 15
92 SARCINELLI, ULRICH: Politische Kommunikation in Deutschland, a.a.O., S. 130.
93 Ebd., S. 127.
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ums des SFB 537 der Technischen Universität Dresden, welches zu diesem Thema durchgeführt wurde. 94
2.3. Parlamentarische Symbolik
Der Hinweis auf eine Doppelfunktion der Repräsentationsinstitutionen entspricht im Wesentlichen der bereits oben beschrieben Funktionsaufteilung zu politischen Handlungen und Institutionen. 95 In „Parlamente und ihre Symbolik“ macht sich Patzelt die Unterscheidung Edelmanns zu Eigen und bestätigt, dass auch Parlamente einerseits instrumentelle Funktionen und andererseits rein symbolische Funktionen zu erfüllen haben. Bevor aber die Funktionen eines Parlaments betrachtet werden, ist es notwendig die Begriffe Institutionalität und Institutionalisierung zu konkretisieren. Als Orte der Debatte sind Parlamente zunächst Inhaber eines starken Symbols des demokratischen Systems. Sie sind aber auch gleichzeitig Stätten des Streits und der Kritik. Wie kann eine solche Institution Garant der Stabilität der Demokratie sein? Laut Patzelt entsteht diese Stabilität aus drei Faktoren: strukturelle, instrumentelle und symbolische Stabilisierungsfaktoren. Die Funktionstüchtigkeit als Vertretungskörperschaft bildet den strukturellen Stabilisierungsfaktor, die gute Erfüllung der verschiedenen Funktionen des Parlaments (siehe Kapitel 2.2) gilt als instrumenteller Stabilisierungsfaktor. Diese beiden Stabilisierungsfaktoren werden von einem dritten, dem symbolischen Stabilisie-rungsfaktor ergänzt, der als Vermittler zwischen Akteuren und Adressaten wirkt. Die Kombination dieser Faktoren ist ein Zeichen für die Institutionalisierung der Parlamente.
Um nun die Rolle des Parlaments als Institution zu verstehen, können verschiedene Ebenen der institutionellen Analyse angeführt werden. Grundsätzlich bezeichnet der Institutionalitätsbegriff „einen besonderen Aggregatzustand sozialer Wirklichkeit“ 96 . Dieser Aggregatzustand kann sich zur Organisation entwickeln, wenn die Akteure dieser Organisation sich dauerhaft auf eine gemeinsame Leitidee einigen (Festigung des Handlungsverbandes von innen), oder wenn äußere Umstände die Akteure zusammen bringen (Festigung des Handlungsverbandes von außen). 97 Sobald diese Festigung des Handlungsverbandes das Parlament als Institution hat entstehen lassen, sind Legitimie-rungsfaktoren zur Gewährleistung seiner Stabilität zu finden. Diese Legitimierung wird nicht nur durch die gemeinsame Leitidee der Akteure sichergestellt, sondern auch durch
94 Die Ergebnisse dieses Symposiums sind in der bereits angeführten Publikation „Parlamente und ihre Symbolik“ von Werner J. Patzelt (Hrsg.) beim Westdeutschen Verlag in Wiesbaden, 2001 veröffentlicht worden.
95 Siehe Anmerkung 78.
96 PATZELT, WERNER J.: Grundzüge einer ‚institutionellen Analyse’ von Parlamenten, in: DERS. (Hrsg.): Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S. 22.
97 Vgl. ebd., S. 23.
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„Einbeziehung der emotionalen Tiefenschichten von Selbstdeutung: Das institutionelle an einer Ordnung ist die symbolische Darstellung ihrer Prinzipien und Geltungsansprüche“ 98 . Der Institutionszustand ist aber nicht statisch. Ein Parlament, das die Glaubwürdigkeit seiner Symbolik (oder generelle Glaubwürdigkeit) verliert, kann in eine Krise geraten. Die Stabilität des Parlaments ruht somit auf dem Gleichgewicht zweier Säulen: Einerseits muss eine Institution ihre instrumentelle Funktion erfüllen, andererseits hat sie auch ihre symbolische Funktion auszuführen. Die symbolische Funktion eines Parlaments dient „der Darstellung und Wirksamhaltung der Prinzipien und Geltungsansprüche eines Ordnungsgefüges“ 99 . Es erfüllt zum Beispiel das Demokratieprinzip schon durch seine eigene Existenz. Beide Funktionen (sowohl diese symbolische als auch die instrumentelle Funktion) sind jedoch miteinander verflochten: „allen Formen der Symbolisation kommen immer auch instrumentelle Funktionen zu und umgekehrt hat das Instrumentelle, Funktionelle, Technische stets zugleich symbolische Dimension“ 100 . Was aber sind die instrumentellen Funktionen des Parlaments und erwächst dem Deutschen Bundestag daraus unter Umständen sogar eine Verpflichtung „wahrgenommen“ zu werden? Dieser Frage wird im nachfolgenden Abschnitt nachzugehen sein.
2.3.1. „Wahrnehmung“ als Parlamentsfunktion
Wie sich gezeigt hat, ist die Aufstellung eines grundsätzlichen Funktions- bzw. Aufgabenkataloges eines Parlamentes die Voraussetzung dafür, um einen Untersuchungsrahmen zur Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik des Deutschen Bundestages entwerfen zu können. Problematisch ist jedoch, dass es eine abschließende Formulierung der Gesamtaufgabe des Bundestages nicht gibt. 101 Um sich der Problematik zu stellen, wird in diesem Zusammenhang für gewöhnlich ein Katalog zugrunde gelegt, den Walter Bagehot 1867 für das englische Unterhaus formuliert hat. Jedoch ist sowohl seine Aktualität als auch seine Übertragbarkeit auf den Deutschen Bundestag in der Politikwissenschaft nicht unumstritten. 102 So wird dieser Katalog von einigen Autoren als bis heute gültig bezeichnet und weitestgehend unverändert übernommen 103 , während ihn andere
98 Ebd., S. 24.
99 Ebd., S. 28.
100 Ebd., S. 29.
101 Vgl. SCHÄFER, FRIEDRICH: Der Bundestag. Eine Darstellung seiner Aufgaben und Arbeitsweise, 4. verb. und erw. Aufl., Opladen 1982, S. 15.
102 Diese Einschätzung beruht auf der weitgehend kritischen Literaturübersicht von Emil Hübner. Vgl. HÜBNER, EMIL: Die Beziehung zwischen Bundestag und Bundesregierung im Selbstverständnis der Abgeordneten des 5. Deutschen Bundestages, München 1980, S. 328-342.
103 Vgl. unter anderem HENNIS, WILHELM: Der Deutsche Bundestag 1949-1965. Leistung und Reformaufgaben, in: Der Monat, 18, 1966, 215, S. 28./ LOHMAR, ULRICH: Das Hohe Haus. Der Bundestag und die Verfassungswirklichkeit, Stuttgart 1975, S. 18./ SCHÄFER, FRIEDRICH: Der Bundestag, a.a.O., S. 15./ HÜBNER, EMIL und ERICH OBERREUTER: Parlament und Regierung. Ein Vergleich dreier Regierungssysteme, München 1977, S. 11f./ KLEIN, HANS HUGO: Aufgaben des Bundestages,
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Autoren modifizieren oder als komplett unbrauchbaren Funktionskatalog für den Bundestag verwerfen 104 .
Mit direktem - wenn auch ablehnendem - Bezug 105 auf den von Bagehot aufgestellten Katalog wurden von Gerhard Loewenberg bereits 1969 die wichtigsten Aufgaben des Bundestages auf drei Funktionen eingegrenzt: 1. Auswahl der Regierungsmitglieder, 2. Gesetzgebung und 3. Kommunikation zwischen Regierung und Öffentlichkeit. 106 Diese dritte Funktion, die Kommunikationsfunktion, könnte geeignet sein eine Verpflichtung zur „Wahrnehmung“ zumindest grundsätzlich zu bestimmen, da sie die soziologische Relation zwischen Bevölkerung und Parlament als Ganzes genauso mit einschließt, wie die Rückkopplung der Abgeordneten an ihre Wähler. Eine ähnliche Typologie der Parlamentsaufgaben wurde 2003 von Patzelt aufgestellt. 107 Auch er verdeutlicht anhand einer Trias die Bandbreite parlamentarischer Aufgaben in einer für die anstehende Untersuchung dienlichen Weise: So unterscheidet er auf das Parlament selbst bezogene, auf die Regierung bezogene und auf die Repräsentierten bezogene Aufgaben. 108 Im Grunde ist aber die letztendliche Präferenz eines spezifischen Aufgabenkataloges von nachrangiger Bedeutung, da nahezu alle alltagspraktisch-organisatorischen Arbeiten eine zunächst rein instrumentelle Funktion erfüllen. Als demokratische Routine - und darin liegt die Besonderheit - kommt ihnen aber zugleich auch eine wichtige symbolische Funktion zu. Durch diese Überschneidung ist es möglich, von einer manifesten oder einer latenten Funktion zu sprechen. Eine Funktion ist manifest, wenn sie schon die Leitidee der Institution direkt erfüllt, oder wenn sie Akteure oder Adressaten einer Institution erwarten oder in Rechnung stellen. Alle zusätzlichen Funktionen sind latente Funktionen. Die Grenze zwischen beidem ist aber nicht immer klar: nach dem Kontext kann eine bislang latente Funktion manifest werden (und umgekehrt). Instrumentelle wie auch symbolische Funktionen können deswegen in der parlamentarischen Praxis entweder manifest oder latent werden.
In: ISENSEE, JOSEF und PAUL KIRCHHOF (HRSG.): Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschland, II, Heidelberg 1987, S. 349.
104 Vgl. unter anderem LOEWENBERG, GERHARD: Parlamentarismus im politischen System der Bundesrepublik Deutschland, Tübingen 1969, S. 452./ STEIGER, HEINHARD: Organisatorische Grundlagen des parlamentarischen Regierungssystems. Eine Untersuchung zur rechtlichen Stellung des Deutschen Bundestages, Berlin 1973, S. 16./ THAYSEN, UWE: Parlamentarisches Regierungssystem in der Bundesrepublik Deutschland. Daten-Fakten-Urteile im Grundriss, Opladen 1976, S. 12.
105 „Er [Bagehot, der Verf.] maß den, wie er sie nannte, expressiven, belehrenden und informierenden Funktionen des House of Commons seiner Jahre eine größere Wichtigkeit bei als dessen gesetzgeberischen Funktionen. Diese Rangordnung […] war auf das deutsche System nie anwendbar.“ Zit. nach LOEWENBERG, GERHARD: Parlamentarismus im politischen System der Bundesrepublik Deutschland, a.a.O., S. 452.
106 Vgl. LOEWENBERG, GERHARD: Parlamentarismus im politischen System der Bundesrepublik Deutschland, a.a.O., S. 15.
107 Vgl. PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Funktionen, in: DERS. (HRSG.): Parlamente und ihre Funktionen, a.a.O., S. 13-49.
108 Vgl. ebd., S. 43.
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Aber auch wenn nicht alle Aufgaben die das Parlament erbringt unmittelbar eine Leistung für die Gesellschaft darstellen, sieht Patzelt die Darstellungsfunktion eines Parlamentes als einen prägenden Bestandteil für die Beziehung zwischen Repräsentierten und Repräsentanten. Für Andreas Dörner ist diese Kommunikations- und Darstellungsfunktion sogar aus Gründen der Überlebensfähigkeit notwendig und „durch sinnlich fassbare symbolische Formen in der Wahrnehmungswelt der Bürger präsent“ 109 zu halten. Dieser Ansatz findet sich auch in den Funktionskatalogen von Walter Bagehot und Gerhard Loewenberg. Aus beiden Katalogen erwachsen dem Parlament Aufgaben, die auf die kommunikative Dimension der Volksvertretung hinweisen (Artikulation, Forumsbildung, Vermittlung, Information, etc.) und somit auch die Verpflichtung einschließen, sich um die eigene „Wahrnehmung“ in der Bevölkerung zu kümmern. Wenn jedoch der Deutsche Bundestag von nur ca. 2 % der wahlberechtigten Bevölkerung unmittelbar wahrgenommen werden kann, ist er zur Erfüllung dieser Aufgabe auf Dritte angewiesen. Demzufolge hat der Bundestag vielfach gar keine Möglichkeit selbst zu beeinflussen, wie über ihn berichtet wird und wie er demnach wahrgenommen wird. Da Kommunikation „in Massendemokratien aber nicht mehr allein direkt stattfinden kann, muss die Verständigung vielmehr über Symbole stattfinden“ 110 . Doch welche Aspekte eines Parlamentes eignen sich überhaupt symbolisch aufgeladen zu werden?
2.3.2. Dimensionen parlamentarischer Symbolik
Um die Dimensionen parlamentarischer Symbolik konkretisieren zu können, ist ein Blick auf die symbolische Repräsentationsfunktion des Parlaments notwendig. Hannah F. Pitkin hat dazu eine Aufteilung in vier Klassen von Repräsentationstheorien vorgenommen. 111
Gemäß ihrer Definitionen kann Repräsentation zunächst „formalistisch“ 112 gesehen werden. Laut dieser Theorie ist Repräsentant, wer verbindlich für einen anderen handelt. Das Parlament tut dies beispielsweise für ein Staatsvolk. Diese Betrachtung aktiver Leistung, so Pitkin, berücksichtigt jedoch den Unterschied zwischen „darstellen“ und „vertreten“ nur ungenügend. 113 Wenn als Repräsentant gilt, in wem sich Repräsentierte vertreten fühlen bzw. wer dem Repräsentierten ähnelt, kann die darstellende Repräsen- 109 DÖRNER,ANDREAS: Parlament, politische Kultur und symbolische Form: Zur Semantik des Deutschen Bundestages im Berliner Reichstag, In: OBERREUTER, HEINRICH, UWE KRANENPOHL und MARTIN SEBALDT (HRSG.): Der Deutsche Bundestag im Wandel, a.a.O., S. 241.
110 BEICHELT, TIMM: Herrschaftskultur. Symbolisierung von Politik am Beispiel der bundesdeutschen Außenpolitik, In: SCHWELLING, BIRGIT: Politikwissenschaft als Kulturwissenschaft. Theorien, Methoden, Problemstellungen, Wiesbaden 2004, S. 152.
111 PITKIN, HANNA F.: The Concept of Representation, Berkeley, Los Angeles, London 1972.
112 „Formalistic View of Representation“, ebd., S. 38 ff.
113 Vgl. ebd., S. 59.
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tation sowohl „symbolisch“ 114 als auch „deskriptiv“ 115 sein. Die Folgerung dieser Betrachtung für den parlamentarischen Bereich wäre jedoch, dass das Parlament als repräsentative Stichprobe des Volkes zu verstehen ist. Hinsichtlich dieser offensichtlichen Verengung stellt diese Repräsentationstheorie keinen qualifizierten Ansatzpunkt für die anzugehende Studie dar. 116
Die wohl hilfreichste Repräsentationstheorie für die Analyse der Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik in der Bevölkerung ist die „interaktionistische“ 117 Theorie, welche umschreibt, was zwischen Repräsentanten und Repräsentierten geschieht. Wenn Konflikte und Diskrepanzen zwischen beiden auftreten, entsteht die Gefahr einer Zersplitterung der Gesellschaft. Um das politische Konfliktpotential zu befrieden, bedarf es einer akzeptierten politischer Steuerung. Diese Befriedung der Konflikte kann durch die symbolische Repräsentation parlamentarischer Repräsentation erreicht werden. Durch Mythen und Rituale kann politische Symbolik diese Rolle erfüllen (vgl. oben) und wäre damit „jenes emotionale und nicht interessenbezogene Band […], dass eine pluralistische Gesellschaft zusammenhält“ 118 , derer es bedarf, damit politische Systeme stabil bleiben. Zur besseren Differenzierung hat Patzelt hierfür eine überzeugende Kategorisierung von „mehr oder minder vielfältige[n] Symbolisierungsmöglichkeiten“ 119 gefunden und unterscheidet bei einem Parlament drei Symbolisierungsbereiche: „Was ein Parlament ist, was es tut, und wo es agiert“ 120 . Diesen wird im folgenden Abschnitt nachgegangen um anschließend darauf aufbauend die Operationalisierung der qualitativen Studie zur Wahrnehmung anhand dieser Symbolisierungsbereiche in der Bevölkerung vorzunehmen.
2.3.2.1. Symbolik parlamentarischem „Seins“
„Zu dem, was [ein Parlament] ist, gehören die folgenden symbolträchtigen Charakteristika: seine Stellung im politischen Institutionengefüge eines politischen Systems; die Weise, wie es zustan- 121 de kommt; sowie seine tatsächliche Zusammensetzung.“
Bereits die Architektur einer Verfassung ist symbolträchtig, da ihr zunächst objektiv entnommen werden kann wie weit z.B. die Kompetenzen des Parlaments reichen und ob es evtl. einem anderen Organ untergeordnet ist. Weiterhin erhält die parlamentarische
114 „Symbolic Representation“, ebd., S. 92 ff.
115 „Descriptive Representation“, ebd., S. 60 ff.
116 Vergleiche insbesondere Anmerkung 126.
117 „Representing as Acting For“, PITKIN, HANNA F.: The Concept of Representation, a.a.O., S. 112 ff.
118 NULLMEIER, FRANK: Symbol und Demokratie, Souveränität und Verfassung, a.a.O., S. 262.
119 PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik. Aufriß eines Forschungsfeldes, a.a.O., S. 56.
120 Ebd., S. 56. 121 Ebd., S. 56.
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Symbolik des Seins immer dann eine quasi-religiöse Bedeutung, wenn eine Verfassung mit einem starken Gründungsmythos der jeweiligen Gesellschaft belegt ist. Aber nicht nur der Verfassungstext ist wichtig. Vielmehr kommt es auf die Verfassungspraxis an, die Parlamentsverortung unter Bezug auf den tatsächlichen Standort innerhalb einer gelebten Verfassung. Denn Theorie und Praxis können unter Umständen in auffallendem Gegensatz zueinander stehen. So legte beispielsweise die Volkskammer der DDR, durch Übernahme sozialer Funktionen, größtmöglichen Wert auf ihre Darstellung als gesamtgesellschaftliche Institution und wollte damit auf den sorgsam hergestellten Zustand verweisen, der die Volkskammer zu einem „Spiegel“ des zu vertretenden Volkes glorifizierte hinter welchem alle westlichen Parlamente zurückbleiben würden. 122 Da sich aber Scheinparlamente wie die Volkskammer mehr auf die Darstellung und weniger die Umsetzung ihrer Befugnisse zu beschränken haben, sind Vertretungskörperschaften die sich aus demokratisch gewählten Mitgliedern zusammensetzen in der deutlich anspruchsvolleren Position sowohl symbolisch überzeugen als auch instrumentell wirken zu können. 123
Ein weiteres Symbolisierungsfeld des „parlamentarischen Seins“ ist der Prozess der Auswahl der Mitglieder und die tatsächliche Zusammensetzung eines Parlamentes. Denn bereits die Vorbereitung auf eine Parlamentswahl lässt sich unterschiedlich als z.B. „zivilreligiöse Liturgie, Folklore [oder] geschäftsmäßigen Pflichtvollzug“ 124 gestalten. Der Bedeutung des Deutschen Bundestags wird dementsprechend auch symbolisch durch die (wenn auch eher zurückhaltende) zeremonielle Ausgestaltung der Wahlbüros mit Flaggen betont und der verfassungsmäßigen Rolle des Deutschen Bundestages als Vertretung des ganzen Volkes durch die Verwendung der schwarz-rot-goldenen Bundesflagge Rechnung getragen. Aber „am intensivsten reagiert die Öffentlichkeit stets auf die Symbolwirkung der Zusammensetzung von Parlamenten“ 125 , weil die Vertretungskörperschaft dann als repräsentative Stichprobe des Volkes betrachtet wird. In Deutschland ist dieses Abbild der Bevölkerung aber auch trotz der Mischung von Mehrheitswahlrecht und Verhältniswahlrecht nicht erreichbar. 126 Die Bedeutsamkeit der Symbolik im Rahmen der Zusammensetzung von Parlamenten wird auch immer dann problematisch, wenn die symbolische Funktion stärker betont wird als die instrumentelle und es somit zu einem Scheinparlamentarismus kommt.
122 Vgl. SCHIRMER, ROLAND: Die Volkskammer und deren Selbstsymbolisierung, in: PATZELT, WERNER J. (HRSG.): Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S. 157-163.
123 Vgl. PATZELT, WERNER J.: Parliaments and their symbols. Topography of a field of research, In: CREWE, EMMA und MARION G. MÜLLER: Rituals in Parliaments. Political, Anthropological and Historical Perspectives on Europe and the United States, Frankfurt a. M. 2006, S. 173.
124 PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik. Aufriß eines Forschungsfeldes, a.a.O., S. 58.
125 Ebd., S. 58.
126 So kann in diesem Zusammenhang darauf verwiesen werden, dass der durchschnittliche Abgeordnete Mitte fünfzig ist, der gehobenen Mittelklasse entspringt über einen größeren Bildungshorizont als der Durchschnittsbürger verfügt. Vgl. dazu: PATZELT, WERNER J.: Parliaments and their symbols, a.a.O., S. 173.
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Als einziges direkt gewähltes Verfassungsorgan der Bundesrepublik Deutschland nimmt der Deutsche Bundestag nicht nur eine zentrale Position im politischen System ein, sondern ist auch normativ die demokratische Zentralinstanz mit unmittelbarer Legitimation durch die Bevölkerung. Diese symbolische Funktion des Parlaments ist sowohl ein wichtiges Element für die Selbstdarstellung des Parlaments als auch das demokratische System.
2.3.2.2. Symbolik parlamentarischer „Tätigkeiten“
Der am wenigsten untersuchte Symbolisierungsbereich ist in der alltagspraktischen Routinearbeit eines Parlamentes zu finden. Während sich die Symbolik des parlamentarischen Seins auf die mythologische Symbolisierung bezieht, ruht die Symbolik parlamentarischer Tätigkeiten auf der rituellen Symbolisierung. Im Gegensatz zu der inzwischen umfangreichen Literatur der Symbolisierungsmöglichkeiten von Parlamentsgebäuden 127 haben die durchaus nicht im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit stehenden symbolisch intendierten alltäglichen Rituale verschiedener Parlamente aber bisher wesentlich weniger politikwissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. 128 Diese Feststellung verwundert umso mehr, da gerade die Formen alltäglicher parlamentarischer Aktivität „erhebliche symbolische Aussagekraft“ 129 entfalten und diese „parlamentarische Routine […] nun einmal den vom Parlament zu übernehmenden Part der gelebten Verfassung“ 130 konstituiert und reproduziert. Spektakuläre „große Rituale“ 131 ziehen in diesem Zusammenhang allerdings mehr Aufmerksamkeit und öffentliches Interesse auf sich, als die täglichen Arbeitsroutinen des „kleinen Rituals“ 132 . Die Vereidigung von Regierungsmitgliedern, die Sondersitzungen des Parlaments, die Totenfeiern etc. entheben das Parlament in diesen festlichen, außeralltäglichen Momenten weitestgehend von seiner instrumentellen Funktion. Mit Pathos inszeniert soll eine emotionale Brücke zum Betrachter geschlagen und der konkrete Eindruck vermittelt werden, dass das Parlament seiner symbolischen Aufgabe nachkommt. Dabei - so der Anspruch - wird die Gesellschaft durch die Empfindung kollektiver, nationaler Verantwortlichkeit integriert. Wobei an dieser Stelle angemerkt
127 Siehe Anmerkung 138.
128 Vgl. PRIBERSKY, ANDREAS: Symbole und Rituale - ein Thema am Rande der politischen/politikwissenschaftlichen Diskussion?, in: DERS. und BERTHOLD UNFRIED (HRSG.): Symbole und Rituale des Politischen. Ost- und Westeuropa im Vergleich, (=Historisch-Anthropologische Studien, Bd. 4), Frankfurt a. M. 1999, S. 13-17./ PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S. 39 f.
129 PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S. 59.
130 Ebd., S. 59.
131 Vgl. ebd.. S. 60f.
132 Vgl. ebd., S. 59f.
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werden muss, dass die überwiegende Anzahl dieser „großen Rituale“ in modernen Demokratien vom Staatsoberhaupt durchgeführt werden.
Als „kleine Rituale“ sind die weniger spektakuläreren Zeichenhandlungen des Parlamentsalltags zu verstehen. Hierzu zählen beispielsweise der Beginn einer Plenarsitzung, das Verhalten beim Eintritt des Parlamentspräsidenten, die Organisation einer Plenarsitzung und „die plenarüblichen Rede-, Verhaltens- und Bekleidungssitten“ 133 . Dennoch kommt all diesen Ritualen mit ihren weniger eindrucksvollen Zeichenhandlungen eine starke geschichtspolitische Geltung zu, da der „jeweils verfügbare oder genutzte Zei-chenvorrat […] im größten Maße abhängig von geschichtlichen Kontinuitäten oder Brüchen“ 134 ist.
Dem Plenum, als geografisch nicht festgelegtem Ort, kommt dabei eine zentrale Schnittstellenfunktion zwischen symbolischer und instrumenteller Funktion zu. Instrumentell ist es zunächst für eine Plenardebatte irrelevant, ob sie z.B. in kreisrunder oder ovaler Sitzanordnung geführt wird. Was ein Parlament im Plenum jedoch tut - und wie es getan wird - dient in erster Linie dem symbolischen Nachweis, dass es in der Lage ist, demokratische Grundprinzipien mit handwerklichen Erfordernissen zu vereinbaren. Für die Öffentlichkeit ist es somit der zentrale Ort, an dem bewusste Kontinuität unter Beibehaltung überkommener Traditionen und Symbole ebenso möglich ist wie die bewusste Absetzung von Vergangenem und der Wunsch, auch zeichenhaft Neuanfänge zu setzen. Das diese Wahrnehmung von parlamentarischer Symbolisierung andere instrumentelle Funktionen zu dominieren scheint, ist in den vorangegangenen Kapiteln aufgezeigt worden.
Grundsätzlich sollte jedoch beachtet werden, dass dieser Symbolisierungsbereich nicht nur auf die Inhaber hoher Ämter zu begrenzen ist. Denn gerade in der Verschränkung aller der Öffentlichkeit zugewandten instrumentellen und symbolischen Funktionen, entfaltet insbesondere das Parlament eine umfassend symbolische Wirkung. Somit wäre auch jeder z.B. am Plenum Beteiligte, ein Mittel staatlicher Selbstdarstellung und zugleich Repräsentant des Staates. Helmut Quaritsch formuliert in diesem Zusammenhang:
„Jede dienstliche Rolle, festgehalten in der Dienstpostenbeschreibung und ausgefüllt durch Tradition und Erwartungen des Publikums, repräsentiert zugleich die Organisationseinheit und lässt
135 den Staat in einer konkreten Funktion erscheinen.“
Jeder Mitarbeiter des parlamentarischen Alltags nimmt somit eine bestimmte Funktion zur symbolischen Darstellung seiner Institution wahr. Konkrete Kompetenzen und evtl.
133 Ebd., S. 59.
134 Ebd., S. 59.
135 QUARITSCH, HELMUT: Weiteres zur „Selbstdarstellung des Staates“, In: Die öffentliche Verwaltung. Zeitschrift für öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft, 46, (1993), 24, S. 1071.
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dienstliche Kennzeichnungen und Hilfsmittel verhelfen dabei den jeweiligen Mitarbeitern „zu amtsgemäßer Selbstdarstellung“ 136 .
Ähnlich wie bei der Symbolik parlamentarischem Seins, besteht auch in diesem Symbolisierungsbereich die Gefahr, dass zeremonielle Formen die instrumentelle Funktion des Parlaments überwinden. Die Geschichte hat bereits gezeigt, dass diese zeremonielle Formen „nirgendwo so gut wie im Cäsarismus, im Jakobinismus und in den verschiedenen Formen des Totalitarismus gedeihen“ 137 .
2.3.2.3. Symbolik parlamentarischer „Stätten“
Die wohl breiteste Aufmerksamkeit erfährt der Symbolisierungsbereich der Parlamentsarchitektur. 138 Schon durch die örtliche Präsenz eines Parlamentsgebäudes, ist die darin enthaltene Symbolik sowohl dem Besucher, wie dem Wissenschaftler, dem Abgeordneten und jedem Adressaten gleichermaßen leicht zugänglich wenngleich sicher unterschiedlich deutbar. Für Patzelt wird eine parlamentarische Stätte symbolisch überall dort dargestellt, wo das Parlament oder ein Teil seiner Mitglieder mit bewusst parlamentarischen Funktionen handelt. 139 Dies kann in Funktionsräumen gleichermaßen geschehen wie in repräsentativen Gebäuden und Räumen. Aber auch durch Kunstwerke und Technik, welche mit den Gebäuden und Räumen im Zusammenhang stehen. Zu einer Verschränkung von symbolischen und instrumentellen Funktionen kommt es auch in diesem Symbolisierungsbereich. Das Beispiel des Europäischen Parlaments mit seinen örtlichen Verpflichtungen in Straßburg, Brüssel und Luxemburg kann an dieser Stelle angeführt werden, um diese Verflechtung zu veranschaulichen. Die Frage des Ortes berührt dabei sowohl rein technische Probleme als auch die symbolische Wirkung. Das Vorhandensein anderer Arbeitsstätten neben dem Plenarsaal hat instrumentelle und symbolische Folgen. Die Existenz von Büros für die Abgeordneten, Ausschussräume, Archivräume etc. erleichtern die parlamentarische Arbeit. Sie besitzen aber auch die stark symbolische Wirkung der Darstellung eines infrastrukturellen Reichtums und der Bedeutsamkeit des Parlaments.
136 ISENSEE, JOSEF: Braucht die Republik einen Präsidenten?, In: Neue juristische Wochenschrift, NJW, 47, (1994), 20, S. 1329.
137 RIVIÈRE, CLAUDE zit. nach PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S. 61.
138 Vgl. siehe hierzu unter anderem: ARNDT, ADOLF: Demokratie als Bauherr. Rede im Rahmen der Berliner Bauwochen 1960, In: Akademie der Künste: Anmerkungen zur Zeit, Heft 6, Berlin 1961, S. 10./ PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S.62-68./ CULLEN, MICHAEL S.: Parlamentsbauten zwischen Zweckmäßigkeit, Repräsentationsanspruch und Denkmalpflege, In: SCHNEIDER, HANS-PETER und WOLFGANG ZEH (HRSG.): Parlamentsrecht und Parlamentspraxis, Berlin, New York 1989, S. 1845-1889./ FLAGGE, INGEBORG und WOLFGANG JEAN STOCK (HRSG.): Architektur und Demokratie. Bauen für die Politik von der amerikanischen Revolution bis zur Gegenwart, Stuttgart 1992./ GAUGER, JÖRG-DIETER und JUSTIN STAGL (HRSG.): Staatsrepräsentation, a.a.O./ WEFING, HEINRICH: Parlamentsarchitektur. Zur Selbstdarstellung der Demokratie in ihren Bauwerken, (=Beiträge zum Parlamentsrecht, Bd. 31), Berlin 1995.
139 Vgl. PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S. 56.
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Am dichtesten und sinnfälligsten wird der Symbolisierungsbereich parlamentarischer Stätten am zentralen Parlamentsgebäude und Plenarsaal, dem sich die anderen Räumlichkeiten symbolisch unterordnen sollten. 140 Die Architektur des zentralen Parlamentsgebäudes steht also im Mittelpunkt der Diskussion über die Symbolik parlamentarischer Stätten. Dies gilt insbesondere für den Plenarsaal, der ein Schaufenster des Parlaments darstellt. 141 In diesem Bereich ist die symbolische Funktion des Parlaments ganz manifest. Als Musterbeispiel kann das Reichstagsgebäude in Berlin gesehen werden, wo die institutionelle Transparenz durch die gläserne Architektur symbolisiert werden soll. Die Reichstagkuppel über dem Plenarsaal repräsentiert gleichzeitig die Transparenz der parlamentarischen Arbeit und die Beziehung zwischen dem Volk und den Abgeordneten. Dank dieser Konstruktion „könne das Volk seinen Vertretern bei der Arbeit zusehen und stehe, wie die Demokratie es verlange, nicht unter oder neben, sondern eindeutig über ihnen“. 142 Durch die „radikale Modernisierung“ des Berliner Reichstags gelang, eine Charismatisierung des Bundesparlaments indem „ein Rahmen inszeniert wird, der dem Parlament eine quasi-sakrale Aura von Außeralltäglichkeit verleiht, die dem Bundestag zuvor gänzlich fern lag“. Daher, so schlussfolgert Patzelt weiter, „war bundesdeutscher Parlamentarismus über die Stätte seiner zentralen Institution noch nie so gut symbolisch stabilisiert, wie das seit 1999 der Fall ist.“ 143
2.4. Zusammenfassung und Forschungsleitende Fragestellung
Die in der Einleitung aufgeworfenen Fragen sollen an dieser Stelle wieder aufgenommen und kurz betrachtet werden, um das weitere Vorgehen dieser Arbeit zu skizzieren. Als zentrale Aussage kann im Rahmen des bisher Erarbeiteten zunächst festgehalten werden, dass sich der Deutsche Bundestag dem Bürger über ein breites Spektrum an Angeboten verfügbar macht und dabei eine zwangsläufige Wahrnehmungsdichotomie entstehen lässt. Dieser Bestimmung der mittel- und unmittelbaren Wahrnehmung trägt auch der Umstand Rechnung, dass der Deutsche Bundestag statistisch gesehen von ca. 2% der wahlberechtigten Bevölkerung direkt wahrgenommen wird. Der überragende Teil der Wahrnehmung erfolgt mittelbar, unterliegt den Zwängen der allgemeinen Öffentlichkeit und ist somit der „strukturellen Unvereinbarkeit zwischen Politik und Talkshow“ 144 unterworfen. Die Darstellung komplexer Inhalte und die mühsame Suche nach Mehrheiten sind beispielhafte elementare Bestandteile des Parlamentarismus und wer-
140 So1961 ein Architekt des Landtages von Baden-Württemberg. Vgl. CULLEN, MICHAEL S.: Parlamentsbauten zwischen Zweckmäßigkeit, Repräsentationsanspruch und Denkmalpflege, a.a.O., S. 1865.
141 Vgl. PATZELT, WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S. 63.
142 Ebd., S. 67.
143 Ebd., S. 68.
144 Vgl. TURNA, THOMAS: Die Leiden der jungen W., In: Der Spiegel vom 10. März 2008, 11/2008.
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den nicht selten durch die Medienkompatibilität der Plenardebatte reduziert oder verdrängt. Die zentrale Rolle und der damit verbundene instrumentelle Anspruch, die der Plenarsaal somit im Bewusstsein der Bevölkerung einnimmt, steht seiner bewusst symbolischen Funktionsseite somit nahezu unvereinbar gegenüber. Zu fragen wäre folglich, ob diese Gegensätzlichkeit durch direkte Wahrnehmung überbrückt werden kann und sich der Bevölkerung damit die Möglichkeit eröffnet vor Ort ein differenzierteres Bild zu machen. Dabei stehen dem Deutschen Bundestag „mehr oder minder vielfältige Symbolisierungsmöglichkeiten“ 145 zur Verfügung, welche als Ausfluss der kommunikativen Funktion das Parlament bei der Aufgabe unterstützen, in der Wahrnehmungswelt der Bürger präsent zu bleiben.
Zur Beantwortung der Frage, welche Symbolisierungspraxen sich dem Deutschen Bundestag bieten, kann an dieser Stelle somit zusammenfassend festgehalten werden, dass dies auf der Verflechtung von instrumentellen und symbolischen Funktionen beruht und von der Beantwortung der Fragentrias „Was ist es?“, „Was tut es?“ und „Wo ist es?“ abhängt. Somit bleiben die Fragen nach der Rückkopplung dieser Symbolisierungspraxen in der Bevölkerung zu klären. Anhand der Dokumentation einer empirischen Studie wird im Folgenden somit analysiert, welche Symbolisierungspraxen vom Bürger wie wahrgenommen werden und inwieweit die direkte Vermittlung Einfluss auf diese Wahrnehmung hat.
3.1. Theoretisch-methodischer Zugang
Die Untersuchung der Rückkopplung von Symbolisierungspraxen in der Bevölkerung bzw. „wie parlamentarische Symbolik beim Bürger ankommt“ 146 , hat die Auslotung von subjektiven Bedeutungsdimensionen zum Ziel. Es war demnach eine Untersuchungsmethode zu finden, welche den Einzelfall in seiner Individualität, Komplexität und im historischen Kontext berücksichtigen würde. Eine derartige Untersuchung exemplarischer Erkenntnisgewinnung schien bereits in einem frühen Stadium der Untersuchungskonzeption nur mittels qualitativer Forschungsmethoden erfolgversprechend, da eine quantitative Untersuchung die subjektiven Konzepte und Bedeutungen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen nur ungenügend berücksichtigen würde. Hinzu kam, dass sich die Forschung zur parlamentarischen Symbolik und insbesondere ihrer Wahrnehmung in der Bevölkerung in einem frühen Stadium befindet. Es war daher kaum möglich, den Forschungsstand soweit zu operationalisieren, um ihn in geeignete Fragestel-
145 PATZELT,WERNER J.: Parlamente und ihre Symbolik, a.a.O., S. 56.
146 Siehe Anmerkung 1.
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lungen zu verdichten, die dann mittels klassischer Untersuchungsmethoden aus dem Bereich der quantitativen Sozialforschung hätten bearbeitet werden können. Eine vorsichtige Annäherung an diese Leerstelle sollte somit mittels Methoden der qualitativen Sozialforschung vorgenommen werden. Als „Königsweg“ 147 wird dabei die Datenerhebung durch qualitative Interviews angesehen, obwohl Lamnek die teilnehmende Beobachtung als die qualitative Methode schlechthin bezeichnet. Er begründet dies damit, dass der Zugang in das soziale Feld mit der Absicht zu beobachten, zunehmend schwieriger wird, während es leichter ist, einzelne Personen zu einem Interview zu bewegen. Überdies spricht für die Beliebtheit der Interviews, dass die Informationen im Augenblick des Entstehens aufgezeichnet werden können, unverzerrt authentisch sind, intersubjektiv nachvollziehbar und beliebig oft reproduziert werden können, wodurch sich Kontrollmöglichkeiten ergeben, die dem qualitativen Interview einen methodisch und methodologisch hohen Status zuweisen. 148
Auch wenn eine qualitative Studie prinzipiell dem Grundsatz der Offenheit unterliegt, ist es zweckmäßig, ein notwendiges Maß an Standardisierung und Kontrolle zu berücksichtigen. 149 So war sicherzustellen, dass den Befragten die gleichen Gesprächsmöglichkeiten eröffnet wurden um die Vergleichbarkeit der Antworten zu erhöhen und insbesondere auf konstante Kontextbedingungen der Datenerhebung zu achten. 150 Um dies zu gewährleisten erfolgte eine frühzeitige Festlegung der bei der Untersuchung herangezogenen Begrifflichkeiten (Kap. 3.2.), Erhebungsmethode (Kap. 3.3.) und Samplestruktur (Kap. 3.4.). Die Dokumentation der Informationsgewinnung (Kap. 3.5.) und anschließenden Auswertung (Kap. 3.6.) belegen die Nachvollziehbarkeit und Grad an Standardisierung.
Die geringe Zahl der untersuchten Fälle der vorliegenden Studie resultierte aus dem erheblichen Zeitaufwand, den die interpretative Rekonstruktion sozialer Wirklichkeiten erfordert. Somit konnte im Rahmen dieser Arbeit die Konstruktion einer „formalen grounded theory“ 151 nicht geleistet werden. Die Exploration des Feldes diente zwar der Erkundung eines theoretisch noch wenig strukturierten Gegenstandsbereiches, aber es war vielmehr das Anliegen, innerhalb der Untersuchung Analysemethoden anzuwenden und zu entwickeln, die dem Gegenstand angemessen waren, um im Resultat valide Ergebnisse für die zu beantwortenden Fragen zu erlangen. In diesem Sinne wurden
147 LAMNEK, SIEGFRIED: Qualitative Sozialforschung, a.a.O., S. 329.
148 Vgl. ebd.
149 Vgl. ebd., S. 21.
150 Vgl. FLICK, UWE: Qualitative Sozialforschung, a.a.O., S. 174 f./ KUCKARTZ, UWE, THORSTEN DRESING, STEFAN RÄDIKER U.A.: Qualitative Evaluation. Der Einstieg in die Praxis, Wiesbaden 2007.
151 In diesem Zusammenhang sollte auf die von Glaser und Strauss entwickelte Spezifizierung „formaler Theorien“ hingewiesen werden, welche u. a. auf der Entwicklung „gegenstandsbezogener Theorien“ aufbauen und sich durch einen wesentlich höheren Allgemeinheitsgrad auszeichnen. Siehe hierzu: LAMNEK, SIEGFRIED: Qualitative Sozialforschung, a.a.O., S. 102 f.
Kunze: Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik des Bundestages - Seite 36
innerhalb dieser Arbeit im Prozess einer entdeckenden Forschung und der interpretativen Auseinandersetzung mit den erhobenen Daten, deskriptive Informationen, induktive Erkenntnisse und gegenstandsbezogene Theorienkonstrukte mit raumzeitlicher Beschränkung und geringem Allgemeinheitsgrad gewonnen. 152
3.2. Operationalisierung
Eine Annäherung an die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen ist im qualitativen Forschungsprozess grundsätzlich kein einmaliges, lineares Geschehen. Vielmehr ist gerade die Reflexion und Reformulierung der Fragestellung in den verschiedenen Phasen des Forschungsablaufes immer wieder notwendig. 153 Gleichwohl kann für diese Arbeit konstatiert werden, dass dieser Prozess der wiederkehrenden Überprüfung nur zu wenigen Detailveränderungen führte. Die in Kap. 1.1. bereits klar formulierte Fragestellung grenzte den Gegenstand der Untersuchung konkret ein, indem sie sich auf einen bestimmten Ausschnitt parlamentarischer Öffentlichkeit fokussierte und somit die Forschungsperspektive festlegte. Diese Reduktion bedeutete somit auch eine erste Strukturierung des Forschungsgegenstandes, wodurch das Untersuchungsdesign, die Auswahl und Festlegung der Methoden bestimmt wurde. Da die Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik in der Bevölkerung im Zentrum des Erkenntnisinteresses lag, sollten die Befragten die Möglichkeit erhalten, mit eigenen Worten zu beschreiben, was sie darunter verstehen und welche emotionalen Empfindungen damit bei ihnen verbunden sind. Dabei war zu beachten, dass die eigenen Wahrnehmungen immer auch durch die subjektive Deutung und die daraus resultierende Bewertung durch unterschiedliche interne und externe Prägefaktoren der Befragten determiniert ist. Denn erst die subjektive Interpretation gibt einem Impuls den Stellenwert einer überwältigenden Belastung oder eines nichtssagenden Reizes. 154 Da aber nicht a priori davon ausgegangen werden konnte, dass die Beantwortung der Fragestellung im Bewusstsein der Befragten auf Abruf wartete, waren die zentralen Fragen um personenzentrierte Fragen zu erweitern um Selbstreflexionen anzuregen und Wahrnehmungen und Befindlichkeiten z.B. durch Verknüpfung der Fragestellung an private Situationen hervortreten zu lassen. Somit sollen an dieser Stelle ausgewählte Faktoren kurz genannt werden, um zu verdeutlichen, welche inhaltlichen Aspekte die operationalisierte Datenerhebung prägten.
152 Vgl. ebd. S 100 ff.
153 Vgl. FLICK, UWE: Qualitative Sozialforschung, a.a.O., S. 132 ff.
154 Vgl. GEGENFURTNER, KARL R.: Gehirn und Wahrnehmung, Frankfurt a. M. 2004, S. 73ff.
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3.2.1. Prägefaktor Interesse, Wissen, Hintergrund
Wissensbestände oder Ordnungsraster zu Parlament, Politik und Symbolik sind das Ergebnis langjähriger Einflüsse aus Schulunterricht, politischer Gespräche im Elternhaus oder Bekanntenkreis, eine Erkenntnis von Filmen oder anderen kulturellen Aktionen, gespeist aus persönlichen Erfahrungen und der Nutzung bestimmter Informationsquellen. Insofern war bei der Datenerhebung dieser Faktor mit einzubeziehen, da davon auszugehen war, dass solche oft nicht ins Bewusstsein tretenden Bestände an Sach- und Strukturwissen die Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik in unbemerkter Selbstverständlichkeit beeinflussen und wenn überhaupt nur im vorausgesetzten Deutungsrahmen verbalisiert werden würden.
3.2.2. Prägefaktor Informationsquelle
Wie bereits in Kapitel 2.1.3. aufgeführt, besteht eine Korrelation zwischen dem Informationsverhalten (der Mediennutzung) in der Bevölkerung und der Wahrnehmung von Institutionen des politischen Raumes. Dieser Zusammenhang wird das Verständnis parlamentarischer Reizimpulse formen, umgekehrt aber auch von ihnen beeinflusst werden. Eine Einbindung dieses Faktors in die Datenerhebung erschien insbesondere deshalb höchst plausibel, da besonders die Darstellung parlamentarischer Symbolik, wie in Kapitel 2.1.2. erwähnt, zu einem erheblichen Teil auf indirekte Vermittlung angewiesen ist. Die sich zweifellos über längere Wirkungsketten erstreckende Beurteilungen massenmedial vermittelter Wahrnehmung wird aber nicht zuletzt auch an dem immer wieder berichtenswerten parteipolitischen Streit im Deutschen Bundestag liegen und sollte somit erhoben werden.
3.2.3. Prägefaktor individuell ästhetisches Empfinden
Bei einer Datenerhebung zur parlamentarischen Symbolik sind von den Befragten entscheidende Abstraktionsleistungen zu vollbringen und Distanzierungen im Antwortverhalten zu überwinden. Durch Berücksichtigung des individuellen ästhetischen Empfindens bestand zunächst die Möglichkeit einer Konkretisierung. 155 Indem den Befragten Gelegenheit gegeben wurde über Situationen in ihrem privaten Umfeld zu reflektieren, sollten sie über selbstreferentielle Äußerungen die eigenen Wertesysteme verdeutlichen und dem Untersuchungsgegenstand selbstständig gegenüberstellen. Diese Vorgehensweise war verbunden mit der Hoffnung, dass z.B. Äußerungen zu zeremoniellen Handlungen durch die Reflexion eigener im privaten Bereich ausgeführter Rituale (z.B.
155 siehe hierzu insbesondere das Kapitel „Die ästhetische Wahrnehmung“ in HARTMANN, NICOLAI: Ästhetik, 2. unverändt. Aufl., Berlin 1966, S. 50-61.
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Vorbereitungs- und Durchführungsaufwand an Weihnachtsfeiertagen) dem wirklichen subjektiven Relevanzsystem während der Datenerhebung angeglichen werden würden. Auch abstrakten Aussagen zur Akzeptanz symbolischer Elemente sollte mit konkreten Beispielen begegnet werden. Ein Konsumartikel, der es beispielsweise erlaubt im privaten Umfeld einen sichtbaren (symbolischen) Akzent zu setzen und berufliche und gesellschaftliche Wertschätzung einzufordern, ist die Wahl des privaten Automobils. Diese ist nicht selten getragen von (un)bewussten Assoziationen und somit ein möglicher Indikator zur Haltung und Einstellung zu Symbolen. 156
3.2.4. Prägefaktor Wahrnehmungsmöglichkeit
Auch das in Kapitel 2.1.2. aufgeworfene Konstrukt der Trennschärfe zwischen mittelbarer und unmittelbarer Wahrnehmung sollte bei der Operationalisierung der Untersuchung von Aussagen zur Wahrnehmung der parlamentarischen Symbolik des Deutschen Bundestages berücksichtigt werden. Die Einbindung dieser Komponente war somit die Konsequenz der in dieser Studie zentralen Unterscheidung der dichotomen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Bei der Datenerhebung hatte somit sichergestellt zu sein, dass getrennte Aussagen zur Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik in beiden Rezeptionsfeldern möglich waren, um evtl. unterschiedliche Wirkungen analysieren zu können.
3.3. Erhebungsmethode
Die Untersuchung der Fragestellung erfolgte durch eine zweigeteilte Erhebung verbaler Daten anhand eines halbstandardisierten Leitfaden-Interviews. Durch ihre Anpassung an natürliche Kommunikationsformen ermöglichen Leitfaden-Interviews grundsätzlich die Erhebung von subjektiven Sichtweisen einerseits und fokussieren andererseits die Aussagen der Befragten auf einen umgrenzten Gegenstand. Außerdem kann mit Hilfe des Leitfadens das Interview bei unergiebigen Darstellungen und Ausschweifungen der interviewten Person auf die für den Untersuchungskontext relevanten Themen zurückgeführt werden. Allerdings wurde bewusst vermieden, allzu schnelle Wertungen und Interventionen hinsichtlich inhaltlicher Abschweifungen vorzunehmen. Denn wenn „die Forderung nach der Rekonstruktion der Relevanzsysteme der Befragten ernst [genommen werden soll], dann sollte man sich auch auf ihre Relevanzen, auf ihr Thema einlas- 156 Vgl.unter anderem KREUTZFELD, MALTE: Billigautos kosten einen hohen Preis, In: die Tageszeitung vom 11. Januar 2008./ Ein Mythos und vier Wahrheiten. Das Auto unser liebstes Kind, In: Berliner Zeitung vom 30. Oktober 2007./ Das Auto - Für viele das Statussymbol Nummer eins, In: Verlag für die Deutsche Wirtschaft, Praxistipp vom 12. Juni 2005,
http://www.vnr.de/vnr/werbungkommunikation/erfolgreichpraesentieren/praxistipp_18782.html, on- line 31. März 2008
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sen.“ 157 Ein weiterer Vorteil der Leitfaden-Interviews ist, dass die erhobenen Daten durch die Fragen bereits in der Phase der Datenerhebung eine gewisse Struktur erhalten, durch die sich ihre Vergleichbarkeit erhöht.
Basis der Leitfadenentwicklung waren die Verfahren des Problemzentrierten Interviews nach Witzel und des Episodischen Interviews nach Flick. 158 Anliegen des Leitfadens war es anhand von Fragen und Erzählanreizen, Wissen über politisch-parlamentarische Sachverhalte und episodische Erzählweisen nach dem Ermessen der Befragten mitein-ander zu kombinieren. Hierzu wurden vom Interviewer mehr oder weniger offene Fragen gestellt, die von den Befragten in freier Form beantwortet werden sollten. Dabei orientierte sich die Reihenfolge der im Interview angesprochenen Themen an den Relevanzsystemen der Befragten, mit dem Ziel, den Sichtweisen des Einzelnen Raum zu geben. Diese Methode stellte sowohl eine homogene Themenabdeckung als auch flexible Möglichkeiten zu Nachfragen innerhalb des Gesprächsflusses sicher. Aber auch zentrale Kommunikationsstrategien des Gesprächseinstieges und Sondierungsfragen zur Erhebung weiterer Details hinsichtlich des bisher von den Befragten Dargestellten sowie spontan formulierte Ad-hoc-Fragen zu bedeutsamen Themenaspekten, welche nicht im Leitfaden enthalten waren, fanden Einfluss in das Interview. Bei der Konstruktion des Leitfadens und der Durchführung der Interviews wurden darüber hinaus Kriterien der Spezifität für das Fokussierte Interview nach Merton und Kendall berücksichtigt. 159 Die dadurch vorgenommene Zweiteilung der Interviews sollte sicherstellen, dass signifikante Aussagen zu den unterschiedlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten der Befragten erhoben werden konnten. Die Fixierung der erhobenen Daten wurde durch Tonaufzeichnungen sichergestellt, welche zum Auswertungsprozess transkribiert wurden. 160
Der erste Teil des Interviews ermöglichte zunächst die Erfassung episodisch situativer Formen des Erfahrungswissens der Befragten hinsichtlich ihrer mittelbaren Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik sowie die Erfassung von generalisiertem semantischen Wissen in Form von Begriffen und deren Beziehungen zueinander. 161 So wurde in Anlehnung an Flick zur Erfassung der Wirklichkeitskonstruktionen der Befragten, eine Auseinandersetzung mit dem Thema Symbolik mit der Beschreibung konkreter Situationen, in denen z. B. private Zeremonielle ihre Anwendung finden, in Zusammenhang gesetzt. Auf diesem Weg wurde individuelles Handeln in den entsprechenden Situationen aus der Sicht der Befragten rekonstruiert. Sowohl aus methodischer als auch aus
157 ROSENTHAL, GABRIELE: „…wenn alles in Scherben fällt…“ Von Leben und Sinnwelt der Kriegsgeneration, Opladen 1987, S. 122.
158 Siehe hierzu die überblicksartige Zusammenfassung in LAMNEK, SIEGFRIED: Qualitative Sozialforschung, a.a.O., S. 362 ff.
159 Siehe FLICK, UWE: Qualitative Sozialforschung, a.a.O., S. 195 ff./ Zur Spezifität: Ebd., S.196.
160 Aus Gründen der Zweckmäßigkeit wurden die Transkriptionsregeln der Anlage 2 beigefügt.
161 Vgl. FLICK, UWE: Qualitative Sozialforschung, a.a.O., S. 238.
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dramaturgischer Notwendigkeit nahm dieser erste Teil der Befragung den größeren zeitlichen Raum ein.
Der zweite Teil des Interviews erfolgte direkt im Anschluss an die „Vorgabe eines einheitlichen Reizes“ 162 (Besuch einer laufenden Plenarsitzung) dessen Wirkung hinsichtlich der unmittelbaren Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik bei allen Befragten untersucht werden sollte. Dabei war unter dem Aspekt der Perspektivenvielfalt die Erwartung, evtl. eine Wahrnehmungsveränderung dokumentieren zu können. Zielstellung des Leitfadens war zum einen, möglichst viele relevante Aspekte der Thematik erfasst zu haben und zum anderen in seinem Inhalt und Umfang der Fragestellung angemessen zu sein. Die Datenerhebung wurde somit getragen von einem umfangreichen, die Interviews sehr strukturierenden Leitfaden mit offenen Fragen zu Themen und Aspekten im Rahmen der Gesamtfragestellung. 163
3.4. Auswahl- und Untersuchungseinheit
Die Wahl der Interviewpartner ist eine der zahlreichen Auswahlentscheidungen im qualitativen Forschungsprozess. Zum einen sollen die von den Teilnehmern gewonnen Daten eine valide Beantwortung der Fragen ermöglichen und zum andern den Untersuchungsprozess quantitativ nicht überfrachten. Da die vorliegende Untersuchung darauf abzielt die Rezeption von parlamentarischer Symbolik in der Bevölkerung zu analysieren, war die Auswahleinheit „deutsche Bevölkerung“ als Klasse von Individuen somit die zentrale Bezugsgröße für die Analyse. 164
Die Einschränkungen der konkreten Untersuchungseinheit ergaben sich bereits aus den methodischen Vorbedingungen und insbesondere dem Forschungsansatz, eventuelle Veränderungen zwischen mittelbarer und unmittelbarer Wahrnehmung parlamentarischer Symbolik dokumentieren zu können. Die Befragten sollten somit wahlberechtigte Deutsche sein, welche den Deutschen Bundestag im Sinne dieser Arbeit noch nicht unmittelbar wahrgenommen hatten. Die erste Einschränkung erschien notwendig, um Legitimierungsbeziehung des Bundestages als zentrale Vermittlungsinstitution zwischen Volk und Regierung zu unterstreichen. Aber auch weil bei dieser Untersuchungseinheit die einleitend aufgeworfene „affektive, durch Symbole gefestigte Zuneigung“ 165 zu gewinnen wäre. Die zweite Einschränkung wurde als erforderlich erachtet, um die
162 Ebd., S. 195.
163 Siehe Anlage 1.
164 Zur Begriffsbestimmung Auswahl- und Untersuchungseinheit siehe: FUCHS-HEINRITZ, WERNER, RÜDIGER LAUTMANN, OTTHEIN RAMMSTAEDT U.A. (HRSG): Lexikon zur Soziologie, 3. Aufl., Opladen 1995./ Bei Flick werden diese Auswahlentscheidungen der in die Untersuchung einbezogenen Personengruppen nach Fallgruppenauswahl und Fallauswahl unterschieden, vgl. dazu FLICK, UWE: Qualitative Sozialforschung, a.a.O., S. 154 f.
165 Siehe Anmerkung 1.
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Dirk Kunze, 2008, Die Rezeption parlamentarischer Symbolik in der Bevölkerung, München, GRIN Verlag GmbH
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Caution.
Achtung! Diese Arbeit enthält nur ca. 70 Seiten substanzielle "Analyse" (von 210 Seiten) und die Ergebnisse sind mehr als dürftig. Zumal man anhand des Inhaltsverzeichnisses mit einem Satz die Ergebnisse zusammenfassen könnte. Im ersten Teil (theoret. Bezugsrahmen) scheint es, als wäre die Arbeit eine Umformulierung von W. Patzelts "Parlamente und ihre Symbolik". Allerdings ist Letzterer wesentlich klarer und reflektierter in seinen Formulierungen. Abschließend vielleicht noch ein Zitat aus D. Kunzes Arbeit, welches die "Erkenntnisse" des ganzen ersten Teiles zusammenfasst (man schaue sich bitte dazu mal das Inhaltsverzeichnis an !): "Zur Beantwortung der Frage, welche Symbolisierungspraxen sich dem Deutschen Bundestag bieten, kann an dieser Stelle somit zusammenfassend festgehalten werden, dass dies auf der Verflechtung von instrumentellen und symbolischen Funktionen beruht und von der Beantwortung der Fragentrias 'Was ist es?', 'Was tut es?' und 'Wo ist es?' abhängt."(Kunze, S.34)
Lieber Leser, glauben Sie bitte nicht, dass "somit" und "dies" irgendwelche inhaltlichen Verweisungen im Text bezeichnen. Zudem ist "dies" auch grammatikalisch falsch. Mein Urteil: D. Kunze hat ein großes Werk der methodologischen Redundanz erschaffen. Es scheint ihm nicht geschadet zu haben...
am Sunday, October 11, 2009-