Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Juden in der SBZ am Beispiel von Berlin 5
2.1 Juden als zufällige Opfer des SED-Regimes am Beispiel von Dresden 7
2.2 Die Klassifikation der Opfer in der SBZ und die Wiedergutmachung 10
2.3 Der Wandel der SED zur Partei neuen Typus und die Folgen für die jüdische
Bevölkerung 12
3. Der Fall Paul Merker eine ostdeutsche Säuberungsaktion 16
3.1 Ein Konsolidierungsversuch nach der großen Fluchtwelle 1953 19
3.2 Das Verhältnis der DDR zu Israel in den 50iger und 60iger Jahren 22
4. Schlussbemerkung 25
5. Bibliographie 26
5.1 Aufsätze 28
5.2 Zeitungsartikel 29
5.3 Internetquellen 29
2
1. Einleitung
Das Thema jüdisches Leben in der DDR und der Umgang mit dem Holocaust ist bis heute ein Reizthema. Es wurden Werke von beispielsweise Mario Keßler veröffentlicht, der sich in seinem Buch „Die SED und die Juden – zwischen Repression und Toleranz“ 1 mit der
Entwicklung bis in das Jahr 1967 auseinandersetzte. Es ist wohl kaum verwunderlich, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema noch immer nicht von den politischen Kontroversen um den Platz der DDR in der deutschen Geschichte zu trennen ist. Daher erscheint es jedoch sehr wichtig, gerade im sechzigsten Jahr der Gründung des Staates Israel, einen weiteren Beitrag zur Aufarbeitung des Lebens der Juden in der DDR zu liefern. Der Anspruch der kommunistischen Bewegung eine „[...] Gesellschaft der Freiheit und sozialen Gleichheit aufzubauen, in der die Diskriminierung von Menschen aufgrund ethnischer und sozio-kultureller Merkmale ein für alle mal beseitigt sein sollte“ 2 , konnte bis
zum Zusammenbruch der DDR nicht realisiert werden. Auch hatten die Kommunisten sich vorgenommen, die Unterdrückung und Verfolgung der Juden der Vergangenheit angehören zu lassen.
Bekannt ist, dass in der DDR jüdisches Leben in Deutschland in der Weimarer Zeit und im Nationalsozialismus in der Schule vermittelt wurde. Ironischerweise gab es dagegen bis zum Ende der DDR faktisch keine Veröffentlichungen, die sich mit den antisemitischen Tendenzen der SED in den fünfziger und sechziger Jahren befassten. Gerade die politische Nähe zur Sowjetunion und die damit übernommenen Maßstäbe zum Umgang mit Israel, erschwerten die Bearbeitung dieses Themas nachhaltig. Selbst Keßler ist es nicht gelungen bei der Ausarbeitung seines Buches auch nur eine sowjetische Darstellung zum Thema SED und Juden bzw. Israel ausfindig zu machen.
Auch Angelika Timm beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Problematik. Bereits ihre Habilitation im Jahr 1987 befasste sich mit der „Programmatik und politischen Praxis der rechten israelischen Sozialdemokratie und Regierungsverantwortung und Opposition (1967- 1984).“ 3 Sie galt als eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen in der DDR. Inwieweit
ihre Texte allerdings als „frei von Indoktrination“ bezeichnet werden können ist bedenklich, da Timm ebenfalls bei den ersten Zusammentreffen zwischen der DDR-Regierung und israelischen Friedenskräften in den 80iger Jahren als Dolmetscherin fungierte. Aber auch nach der Wende beschäftigte sie sich weiterhin mit dem jüdischen Leben in der DDR. In ihrem 1 Keßler, Mario: Die SED und die Juden – zwischen Repression und Toleranz. Politische Entwicklungen bis 1967. Berlin 1995.
2 Ebenda. S. 10.
3 Vgl. http://web.fu-berlin.de/polmideast/Mitarbeiter/Angelika_Timm.htm. (16.09.2008)
3
wohl bekanntesten Werk 4 , befasst sie sich mit der Problematik: Wie antisemitisch war die
DDR? Sie kommt zu dem Fazit, dass die DDR maximal in der Zeit bis zu Stalins Tod antisemitische Züge aufwies, jedoch von einem generellen Antisemitismus gegenüber den jüdischen Gemeinden nimmt sie Abstand. Diese These wird in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und in einigen Teilen widerlegt werden.
Somit beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der frühen DDR 5 von 1945-1960.
Eine Fragestellung ist: Wie gestaltete sich der Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden? Hierzu wurden Einzelbeispiele genutzt, um es anschaulicher darzustellen. Zum Einen wäre da die Berliner Gemeinde, die allein schon ob ihrer Lage eine Besonderheit darstellte und zum Anderen Auszüge aus dem Gemeindeleben der Dresdner Gemeinde. Beide Gemeinden verband, dass sie nach der Gründung der DDR mit ähnlichen Problemen kämpfen mussten. Auch soll der Frage nachgegangen werden: War ein Gemeindeleben nach der großen Fluchtwelle möglich? Welche Einzelschicksale gab es? Hierzu soll der Fall Paul Merker näher beleuchtet werden. Weiterhin wird die Klassifizierung der Opfer und der Versuch einer Wiedergutmachung Thema der Arbeit sein. Hierbei wird es von Nöten sein, an ausgewählter Literatur zu beweisen, dass die DDR Mittel und Wege fand, jüdische Personen als Bürger Zweiter Klasse zu behandeln. Letztlich wird auch das Verhältnis zwischen der DDR und dem Staat Israel nach seiner Gründung angesprochen. Auch hier muss deutlich gemacht werden, wie die DDR ausstehenden Reparationsansprüchen auswich.
Die Literaturlage zu dieser Problematik ist sehr mannigfaltig, jedoch wird zumeist die Haltung der DDR zu Israel in den 70er Jahren thematisiert. In kaum einem Werk wird jedoch betrachtet, wie die Juden selbst ihr Dasein innerhalb der DDR in den frühen 50er und 60er Jahren empfanden. Um nun aber die oben genannten Fragen adäquat beantworten zu können, ist es von großer Bedeutung, eine Vielzahl Sekundärliteratur zu Rate zu ziehen, die sich mit den Lebensbedingungen in der DDR der 50er und 60er Jahre befasst. Hierzu werden Werke ausgewählter DDR-Spezialisten, wie beispielsweise, Hermann Weber, Manfred Wilke oder auch Hubertus Knabe verwendet.
4 Timm, Angelika: Hammer, Zirkel und Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel. Bonn 1997.
5 Von 1945-1949 SBZ (Sowjetische Besatzungszone)
4
2. Die Juden in der SBZ am Beispiel von Berlin
Arnold Zweig 6 , deutscher Schriftsteller, selbst Jude und überzeugter Sozialist,
zurückgekehrt aus seiner Emigration von Palästina in die SBZ im Jahr 1948, beschäftigte sich
intensiv mit dem jüdischen Leben in der DDR. Er erklärte: „Durch den Kampf gegen die
allgemeine Ungerechtigkeit von Klasse zu Klasse wird auch Juden als Juden Gerechtigkeit
gesichert [...] durch die Anwendung allgemeiner Prinzipien gesellschaftlichen Umbaus und
allgemeiner Gerechtigkeit finden sie ihre Sicherung.“ 7 Diese Worte Zweigs, sollten in der
Anfangsphase für Juden in der DDR, die das Konzentrationslager, das Gefängnis oder die
Illegalität überlebt hatten, zutreffen. Diese Juden wählten ganz gezielt ein Leben in
Ostdeutschland und wollten ein besseres Deutschland aufbauen. Es sollte durch sie eine
Gesellschaft entstehen, die den Sozialismus aufbaut, was ihrer Meinung nach die bessere
Gesellschaftsform war. Wie sah es nun aber in der SBZ, speziell in Berlin kurz nach
Kriegsende aus?
Die Jüdische Gemeinde zu Berlin war 1945 fast vollständig zerstört. Von 200.000
Berliner Juden hatten rund 140.000 durch die nationalsozialistische Verfolgung ihr Leben
verloren; 50.000 von ihnen waren ausgewandert. 8 Die noch Lebenden kamen häufig aus den
befreiten Konzentrationslagern und illegalen Verstecken. Der sowjetische Stadtkommandant
Nikolai Erastowitsch Bersarin 9 regte die Wiederherstellung der Jüdischen Gemeinde an.
Dieses geschah bereits im Juni/ Juli 1945. 10 Zuvor entstandene Stadtbezirksgemeinden gingen
in der Neugründung auf. Zum ersten Vorstand gehörten Erich Nehlhans 11 der als Vorsitzender
6 Arnold Zweig wurde am 10. November 1887 in Glogau, Niederschlesien geboren und verstarb am 26.
November 1968 in Ost-Berlin. Seine Familie war nur mäßig religiös. Er studierte Germanistik, Psychologie, Philosophie, Kunstgeschichte und Nationalökonomie. Seine Wege führten ihn von Breslau, unter anderem nach München, Berlin, Tübingen und auch Rostock. Sein literarisches Debüt war die „Novelle um Claudia“ aus dem Jahr 1912. Er entwickelte Freundschaften zu Lion Feuchtwanger und Sigmund Freud, die ihn in seinem weiteren Leben sehr beeinflussten. In die DDR kehrte er 1948 aus Haifa als überzeugter Sozialist zurück. In der SBZ und späteren DDR wurde Zweig sehr geehrt. Da er sich für den Sozialismus einsetzte, bekam er von Seiten der Bundesrepublik kaum Anerkennung. Am bekanntesten ist eine nach seinem Tod entworfene Briefmarke mit seinem Abbild. Vgl. Sternburg von, Wilhelm: „Um Deutschland geht es uns“ Arnold Zweig. Die Biographie. Berlin 1998. S. 13 ff.
7 Zit. nach Arnold Zweig. Vgl. Seydel, Heinz [Hrsg.]: Welch Wort in die Kälte gerufen. Die Judenverfolgung
des 3. Reiches im deutschen Gedicht. Berlin (Ost) 1968. S. 9.
8 Vgl. Timm: S. 34.
9 Nikolai Erastowitsch Bersarin wurde am 1. April 1904 in St. Petersburg, Russland geboren und verstarb bei
einem Unfall am 16. Juni 1945 in Berlin. Er war der erste sowjetische Stadtkommandant von Berlin, ernannt durch Marschall Schukow. Bersarin war von 1975 bis 1992 und ist seit 2003 wieder Ehrenbürger von Berlin. Vgl. Jahn, Peter [Hrsg.]: Bersarin, Nikolaj - Generaloberst, Stadtkommandant. Berlin 1999. S. 2 ff.
10 Vgl. Timm: S. 56.
11 Erich Nehlhans wurde am 12. Februar 1899 in Berlin geboren und verstarb am 15. Februar 1950 in einem
sowjetischen Zwangsarbeitslager. Er war Mitbegründer und später erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Im Jahr 1948 wurde er vom NKWD verhaftet und nur zwei Jahre später verstarb er in der Sowjetunion. Vgl. Rürup, Reinhard [Hrsg.]: Jüdische Geschichte in Berlin. Bilder und Dokumente. Berlin 1995. S. 26.
5
fungierte und der Auschwitz-Überlebende Julius Meyer 12 . Für Berlin war seit Anfang Juli die
Existenz mehrerer Besatzungsmächte charakteristisch. 13
Nach dem Einzug von US-Truppen kamen auch die Hilfsorganisationen „UNRRA“ 14
und die amerikanisch-jüdische Organisation „JOINT“ 15 in die Stadt. Mit der Unterstützung
von Nehlhans und Meyer konnten Juden nach Palästina und die Vereinigten Staaten
ausreisen.
Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Julius Meyer, geriet aber mit der
sowjetischen Besatzungsmacht in Konflikt. Er wurde verhaftet nachdem er einem jüdischen
Hauptmann der Roten Armee zur Flucht verholfen hatte. Ein Militärtribunal verurteilte
Nehlhans zu 25 Jahren Zwangsarbeitslager. In der Anklage hieß es, er habe „[...] aus
feindlicher Gesinnung gegen die Sowjetunion heraus Ende 1945 [...] eine jüdische Gemeinde
gegründet und sich systematisch mit der illegalen Verschickung jüdischer Bürger aus der
Tschechoslowakei und Polen nach Palästina und Amerika [...]“ 16 befasst. Die Eltern und
Geschwister Nehlhans waren unter Hitler vergast worden. Er selbst starb nur zwei Jahre
später nach seiner Verhaftung im sowjetischen Gulag. 17
In der SBZ wurden nach Kriegsende viele Entscheidungen von fortlaufender
Bedeutung getroffen. Im Juni/ Juli 1945 schloss der Hauptausschuss der Opfer des
Faschismus, in dem vorrangig parteitreue Kommunisten agierten, Juden und Zeugen Jehovas
von der Kategorie der antifaschistischen Kämpfer aus. „Sie alle [...]“, hieß es, „[...] haben
geduldet und Schweres erlitten, aber sie haben nicht gekämpft.“ 18 Dieses war ein Affront
gegen alle, die persönlich unter dem Hitler-Regime gelitten hatten. Dagegen protestierten
Julius Meyer und der evangelische Probst Heinrich Grüber. 19 Der Hauptausschuss hielt an
seiner prinzipiellen Unterscheidung fest, erkannte aber den Juden, die „Sternträger“ waren
oder das Konzentrationslager überlebt hatten, den Opferstatus und somit ihre Pensionen zu. 12 Julius Meyer wurde am 17. September 1909 in Krojanke/ Westpreußen geboren und verstarb 1979 in Brasilien. Er war 1952/53 Präsident des Verbands der Jüdischen Gemeinden in der DDR. Vgl. Burgauer, Erica: Zwischen Erinnerung und Verdrängung - Juden in Deutschland nach 1945. Reinbek 1993. S. 180f. 13 Vgl. Illichmann, Jutta: Die DDR und die Juden. Die deutschlandpolitische Instrumentalisierung von Juden und Judentum durch die Partei- und Staatsführung der SBZ/DDR von 1945 bis 1990. Frankfurt am Main 1997. S. 45- 47.
14 Die United Nations Relief and Rehabilitation Administration oder kurz UNRRA war eine Hilfsorganisation, die bereits während des Zweiten Weltkrieges am 9. November 1943 auf Initiative der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Chinas gegründet wurde. Vgl. Mähr, Wilfried: Von der UNRRA zum Marshallplan. Wien 1985. S. 56 ff.
15 JOINT meint das ‘American Joint Distribution Committee’. Vgl. Völter, Bettina: Judentum und Kommunismus. Deutsche Familiengeschichten in drei Generationen. Opladen 2002. S. 72. 16 Vgl. Rürup: S. 73.
17 Ebenda. S. 84.
18 Ebenda. S. 85.
19 Heinrich Grüber wurde am 24. Juni 1891 in Stolberg geboren und verstarb am 29. November 1975 in Berlin. Er war evangelischer Theologe und Gegner des Nationalsozialismus. Vgl. Rink, Sigurd: Der Bevollmächtigte. Probst Grüber und die Regierung der DDR. Stuttgart 1996. S. 112.
6
So genannte „Mischlinge“ oder Angehörige von „Mischehen“ waren hiervon allerdings ausgenommen. 20 Sehr anmaßend hielten die SED-Funktionäre an ihrer „Kämpfer-Opfer- Kategorisierung“ 21 fest. Weiterhin nutzten sie ihre Macht auch dazu, unangenehm gewordene
Dissidenten, unter Reduzierung ihrer Bezüge, zu Opfern herabzustufen. Auch wiesen die Parteiinstanzen Personen, die sich um den Opferstatus bemüht hatten ab, obwohl diese nachweislich wegen ihrer rassischen Verfolgung nach England emigriert waren. Ihre Erklärung hierfür war, dass diese als Kinder mit ihren Eltern nach Großbritannien gegangen wären. Sie hätten allerdings auch in Deutschland bleiben können, denn den „[...] Kommunistenkindern ging es ja ebenfalls im Hitler-Regime nicht gut“. 22 Die Vernichtungs-
strategie der Nazis gegenüber den Juden dürfte damals eigentlich auch dem törichtsten SED- Funktionär bekannt gewesen sein. Jedoch schützte diese die Überlebenden nicht vor deren Willkür.
2.1 Juden als zufällige Opfer des SED-Regimes am Beispiel von Dresden
Die Frage, ob Juden zufällige Opfer des SED-Remiges waren ist nicht die Einfachste, denn früh manifestierte die neue politische Elite die ideologische Leitlinie der zukünftigen DDR-Judenpolitik. Längst traten innerhalb der KPD-Spitze zwei inhaltlich eng miteinander verbundene Schwerpunkte in den Vordergrund: Erstens die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Opfer des Nationalsozialismus und zweitens die Wiedergut- machungsfrage. 23
In den Länderparlamenten der SBZ wurde diese Angelegenheit heterogen diskutiert. Auch Ressentiments gegen den jüdischen Bevölkerungsteil spielten eine Rolle, zumal einige kommunistische Widerstandskämpfer bei der „Rentenbemessung“ die „angebliche“ Privilegierung der „rassisch“ Verfolgten fürchteten, da diese bereits vor dem Krieg zu den „materiell Privilegierten“ gehörten. 24 Während die Länderparlamente längst in Sachen
„Wiedergutmachung“ agierten, vollzogen sich innerhalb der KPD lebhafte Debatten. Die Überlebenden des Holocaust mussten ihre Einordnung als Verfolgte zweiter Klasse durch die SED-Funktionäre erleben. 25 20 Vgl. Rürup: S. 96.
21 Ebenda.
22 Vgl. Rink: S. 44 f.
23 Vgl. Timm: S. 74.
24 Ebenda. S. 83.
25 Vgl. Keßler: S. 168.
7
Die 1947 in der SBZ gegründete „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“
(VVN) 26 strebte eine materielle und soziale Gleichbehandlung aller „politisch“ und „rassisch“
Verfolgten des NS-Regimes an. Doch das Ringen um die Anerkennung als „Opfer des
Faschismus“ gestaltete sich schwerfällig, denn in den Reihen der KPD/SED existierten
unterschiedliche Positionen zur „Shoa“ und zur „jüdischen Frage“. Walter Ulbricht 27 und
Hermann Matern 28 folgten der Auffassung, beide Themen seien ausschließlich der
Klassenfrage unterzuordnen. Der Antisemitismus des NS-Systems entspräche dem
nationalsozialistischen Antikommunismus. Damit schlossen sie sich treu Georgi Dimitroffs 29
Linie an, der auf dem XIII. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen
Internationale 30 (Komintern) 1935 die These formuliert hatte, der Faschismus sei für die
kommunistische Bewegung „die offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären,
chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. 31
Von da an verwendete die marxistische Geschichtsschreibung den einfachen Begriff
„Faschismus“ und leugnete so indirekt die Singularität des Nationalsozialismus. Die
marxistische Grundauffassung ging davon aus, dass über eine revolutionäre Umgestaltung
aller sozialen und ökonomischen Ursprünge, die Schaffung einer „klassenlosen
26 Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-
BdA) ist ein am 23. Februar 1947 gegründeter Verband mit Sitz in Berlin. Die VVN-BdA, ursprünglich VVN, ging aus nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland gegründeten Opferverbänden hervor, deren Mitglieder mehrheitlich politisch-ideologische Gegner des NS- Regimes waren. 1953 wurde die VVN auf dem Gebiet der DDR aufgelöst. An ihre Stelle trat das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer. Das Komitee war nicht als Verein organisiert, sondern als zentrale Organisation, die sich Beschlüssen des ZK der SED unterordnete und staatlich finanziert wurde. Vgl. Barck, Simone: Antifa-Geschichte(n): Eine literarische Spurensuche in der DDR der 1950er und 1960er Jahre. Köln 2003. S. 134 ff.
27 Walter Ernst Paul Ulbricht wurde am 30. Juni 1893 in Leipzig geboren und verstarb am 01. August 1973 am
Döllnsee nördlich von Berlin. Er war Staatsratsvorsitzender der DDR. Walter Ulbricht kehrte am 30. April 1945 aus seiner Emigration mit der „Gruppe Ulbricht“ zurück. Vgl. Frank, Mario: Walter Ulbricht. Eine deutsche Biographie. Berlin 2000. S. 10 ff.
28 Hermann Matern wurde am 17. Juni 1893 in Burg geboren und verstarb am 24. Januar 1971 in Berlin. Er war
wie Ulbricht deutscher Politiker und Mitglied der SED. Im September 1934 gelang ihm die Flucht aus dem Gefängnis Stettin-Altdamm. Er emigrierte in die Tschechoslowakei, dann über die Schweiz nach Frankreich. Im Lutetia-Kreis (1935-36) wirkte er mit am Versuch eine „Volksfront“ gegen die Hitlerdiktatur zu schaffen. Seine Flucht führte ihn weiter über Belgien in die Niederlande, nach Norwegen und schließlich nach Schweden. Im Frühjahr 1941 siedelte er nach Moskau über. Dort wurde er Mitglied im Nationalkomitee Freies Deutschland. Vgl. Timmermann, Heiner: Die DDR zwischen Mauerbau und Mauerfall. Münster 2003. S. 76.
29 Georgi Dimitrow Michajlow wurde am 18. Juni 1882 in Kowatschewzi, bei Radomir geboren und verstarb am
02. Juli 1949 im Sanatorium Barwicha bei Moskau. Er war ein bulgarischer Politiker und Begründer der
Dimitroff-These. Von 1935 bis 1943 war er Generalsekretär der Komintern, ab 1946 bulgarischer Ministerpräsident. Vgl. Zorn, Monika: Hitlers zweimal getötete Opfer: Westdeutsche Endlösung des Antifaschismus auf dem Gebiet der DDR. Freiburg i. Br. 1994. S. 318 ff.
30 Die Kommunistische Internationale (kurz KI oder Komintern, auch Dritte Internationale) war ein
internationaler Zusammenschluss kommunistischer Parteien (KP) zu einer weltweiten, gemeinsamen Organisation. Die Gründung erfolgte 1919 auf Initiative Lenins und aus der Opposition zur Zweiten Internationalen. Vgl. Bayerlein, Bernhard H.: Das neue Babylon. Strukturen und Netzwerke der Kommunistischen Internationale und ihre Klassifizierung. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung Berlin 2004. S. 181-270.
31 Wörterbuch der Geschichte. Faschismus-Definition zitiert von Georgi Dimitroff. Berlin 1984. S. 290.
8
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B. A. Catharina Trost, 2008, Jüdisches Leben in der SBZ/ DDR am Beispiel der Berliner und Dresdner Gemeinden, Munich, GRIN Publishing GmbH
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