umso klarer, wenn man sich bewusst macht, dass Hindenburg während des Ersten Weltkriegs die Oberste Heeresleitung inne hatte und als Vertreter der Dolchstoßlegende gilt, die besagt, dass das deutsche Heer aus dem Krieg unbesiegt hervorging und der Krieg nur durch das Wirken der Novemberrevolutionäre (wozu er auch Ebert zählte) verloren wurde. Deshalb ist es ihm auch ein Anliegen, „dem deutschen Volke wieder seinen würdigen Platz in der Welt zu verschaffen“(z. 14). Dabei geht es ihm einerseits um die Abschaffung des aus seiner Sicht ungerechten und herabwürdigenden Versailler Vertrags, andererseits um das Ansehen der Deutschen bei anderen Völkern und die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Einflusses (z. 23-26).
In diesem Zusammenhang kann auch der Begriff der Freiheit diskutiert werden, die nach Hindenburg durch Anstreben des „wahren Friedens“ (s.o.) erreicht werden soll, nach Ebert nur in „fester staatlicher Ordnung“(z.13), jedoch keinesfalls unter einer Gewaltherrschaft, bestehen kann.
Während Ebert sich hauptsächlich der Arbeiterklasse zuwendet und dem Volk für die Wahl dankt (z. 8-12), stellt Hindenburg eine besondere Beziehung zum Volk her: Einmal ruft er die Bevölkerung dazu auf, aktiv zum Wahren der Verfassung , Gesetze und Gerechtigkeit beizutragen (z. 5). Außerdem stellt er im zweiten Abschnitt eine Verbindung zu allen Deutschen her, sowohl zu den Bedürftigen als auch zur Jugend, in die er besondere Hoffnung setzt (z. 15-21). Er versucht hiermit ein Nationalgefühl herzustellen und sieht sich als Verkörperung dieses „Einheitswillens“ (z. 30).
Hindenburg sieht Deutschland in einer Krise, die er als „Not unserer Zeit“ (z.15) bezeichnet. Er geht auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme ein, die vom Versailler Vertrag her rühren und die es zu überwinden gilt. Dies steht im krassen Gegensatz zu seiner Einstellung zur Vergangenheit, die er als „ruhmreich“ bezeichnet (s.o.). Hindenburg kann also als Person charakterisiert werden, die die alten, traditionellen und konservativen Ideale („deutsches Kulturgut“, z. 28) unter der Herrschaft eines Kaisers schätzte. Hierbei teilte er die Denkweise vieler Menschen dieser Zeit, die sich nach dem alten monarchistischen System sehnten.
Ebert hingegen denkt genau gegensätzlich: Er setzt es sich zum Ziel, die Verfassung noch weiter auszubauen (z. 18) und mit Hilfe des wirtschaftlichen Aufschwungs für das Volk (nicht explizit deutsche) „Kulturfreiheit“ (z. 21) zu erreichen. Im Verlauf seiner Rede wird die Vergangenheit kaum erwähnt, dafür ist sie geprägt von dem optimistischen Gedanken an das „Streben“ (z. 21) Deutschlands zu neuer, parlamentarisch regierter Größe. Ebert ist also eher als ein in die Zukunft blickender Revolutionär zu sehen, der sozialistische Ideologien in das neue, demokratische deutsche Staatssystem einbringen wollte.
Die Darstellung der Gegenwart in den beiden Reden ist seltsam verdreht: Während Ebert in der Nachkriegszeit nichts von den Grausamkeiten und Folgen des Krieges erwähnt, tut Hindenburg genau dies im vom Aufschwung geprägten Zeitalter der Goldenen Zwanziger. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die beiden Autoren grundlegend verschiedene Persönlichkeiten aufweisen, die gegensätzlicher kaum sein können. Ebert tritt als vergleichsweise junger, revolutionärer, strebsamer Sozialdemokrat auf, während Hindenburg sich als konservativer, patriotischer und gerechtigkeitssuchender Veteran des alten Kaiserreichs darstellt. Mit diesen Eigenschaften wurde Hindenburg ein großes Ansehen zuteil, welches die Nationalsozialisten nach seinem Tod für sich und ihre Propaganda beanspruchten.
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Arbeit zitieren:
Felix Schäfer, 2008, Die Antrittsreden als Reichspräsident von Friedrich Ebert und Paul von Hindenburg, München, GRIN Verlag GmbH
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