Inhaltsangabe
1. Einleitung 3
2. Die Ursprünge des Antisemitismus 5
3. Deutscher Antisemitismus im 19. Jahrhundert 7
3.1 Die katholische Kirche und der Ultramontanismus 9
3.2 Industrielle Revolution und Antisemitismus 11
3.3 Die Etablierung des Antisemitismus in der Gesellschaft 13
4. Der Ursprung des Berliner Antisemitismusstreits 15
4.1 Die Argumente von Heinrich von Treitschke 16
4.2 Reaktionen auf den Artikel 18
5. Fazit 20
6. Bibliographie 22
6.1 Aufsätze 24
6.2 Internetquellen 24
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1. Einleitung
Beginnend mit einem Zitat von Moses Mendelssohn, soll mit der vorliegenden Arbeit eine Auseinandersetzung mit der Problematik des Antisemitismus während der Kaiserzeit stattfinden.
Man kann einem verjährten Vorurteil alle Wurzeln durchschneiden, ohne ihm die Nahrung gänzlich zu entziehen. Es saugt solche allenfalls aus der Luft. Mit einem Worte, Vernunft und Menschlichkeit erheben ihre Stimme umsonst; denn graugewordenes Vorurteil hat kein Gehör." 1 Moses Mendelssohn
Der Begriff „Antisemitismus“ ist sehr vielseitig und hat an Bedeutungen innerhalb der letzten Jahrhunderte hinzugewonnen. Der Großteil der Bevölkerung verbindet diesen Begriff vorrangig mit der Shoah 2 , besser bekannt als der Holocaust, der während des Nazi-Regimes unter Hitler stattfand und als eines der größten Verbrechen der Menschheit gilt. Was war aber vor der Zeit des Nationalsozialismus? Gab es evtl. auch dort schon antisemitische Strömungen, auf die die Nationalsozialisten später nur noch aufbauen mussten? Diese Arbeit soll sich im Folgenden somit mit den historischen Traditionen der antijüdischen Stereotypen, die auch schon während der Kaiserzeit agierten, beschäftigen. Es soll dabei aufgezeigt werden, wie es zum ersten Auftreten des politischen Antisemitismus während der
1 Moses Mendelssohn wurde am 06.09.1729 in Dessau geboren und verstarb am 04.01.1786 in Berlin. Moses Mendelssohn war einer der berühmtesten Philosophen der deutschen Aufklärung, und der Begründer der jüdischen Aufklärung. Vgl. Bourel, Dominique: Moses Mendelssohn. Begründer des modernen Judentums. Eine Biographie. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Zürich 2007. S. 34.
2 Als „Shoah“, (hebräisch für „Unheil“, „große Katastrophe“) bezeichnet man heute im deutschen Sprachraum den Völkermord an mindestens 5,6 bis 6,3 Millionen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Heute wird der Begriff nur selten als Oberbegriff für alle NS-Massenmorde verwendet, sondern meist ausschließlich für den systematischen Judenmord; manchmal schließt er auch den Genozid an den als „Zigeuner“ Verfolgten mit ein. Vgl.: Aly, Götz: „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden. Frankfurt am Main 1998. S. 34 ff. Ebenfalls in: Benz, Wolfgang [Hrsg.]: Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. München 1996. S. 265 ff.
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Kaiserzeit kam. Hierzu wird es von Nöten sein, eine kurze, knappe Entwicklung der Judenfeindlichkeit bis zum 19. Jahrhundert wiederzugeben, um dann die Betrachtungsweise auf die geschichtliche und politische Entwicklung während der Kaiserzeit zu lenken. Dabei soll im Vorwege schon angemerkt sein, dass diese nicht den Anspruch auf Vollständigkeit stellt, sondern vielmehr einige Stationen beleuchtet. Anschließend wird die katholische Kirche mit ihrem Ultramontanismus näher betrachtet. Wie viel trug sie zum allgemein judenfeindlichen Bild der Zeit bei? Auch werden hierfür ausgewählte Zitate wiedergegeben, die die vorgetragenen Argumente unterstützen sollen. Natürlich dürfen die Umstände der damaligen Zeit nicht außer Acht gelassen werden. In Kapitel 3.2 wird es daher um die industrielle Revolution und deren Zusammenhang mit dem Antisemitismus gehen. Hier werden Begleitumstände, wie das Leben in Arbeitervierteln, mit in die Analyse aufgenommen. Die Etablierung des Antisemitismus in der Gesellschaft, sprich: Das Ankommen und die Reaktionen von Politikern, Journalisten und in diesem Zusammenhang sehr wichtig, die der breiten Masse, werden im darauf folgenden Kapitel näher untersucht. Ein weiterer Moment in der Kaiserzeit war der „Berliner Antisemitismusstreit“. Es soll daher einer weiteren Frage nachgegangen werden. Wie kam es dazu und welche Protagonisten spielten eine wesentliche Rolle? Hierfür ist es unablässig eine Analyse, des von Heinrich von Treitschke verfassten Artikels, „Unsere Aussichten“ 3 , aus dem Jahr 1879 vorzunehmen. Hierbei wird es vor allen Dingen um die Argumente von Treitschkes gehen, die er im Zusammenhang mit dem Antisemitismusstreit vortrug und welche Reaktionen diese hervorriefen. Abschließend wird einer seiner verbalen Kontrahenten, Theodor Mommsen, weltbekannter Historiker des 19. Jahrhundert, als
3 Vgl. Boehlich, Walter: Der Berliner Antisemitismusstreit. Frankfurt am Main 1965. S. 12.
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ausgewählter Protagonist des „Berliner Antisemitismusstreits“ vorgestellt. Bei ihm wird es darum gehen, wie er auf den Aufsatz von von Treitschke reagierte und welche Wirkungen dieses mit sich brachte. Im abschließenden Fazit wird eine kurze Zusammenfassung der dargestellten Problematik vorgenommen. Die Literaturlage zum Thema Antisemitismus während der Kaiserzeit ist mannigfaltig. Ausgewählte Politikwissenschaftler, wie beispielsweise Wolfgang Benz, Götz Aly und auch Walter Boehlich werden in dieser wissenschaftlichen Arbeit zitiert werden. Mit Hilfe derer und entsprechender Sekundärliteratur wird versucht werden zu klären, welche Umstände zu Zeiten der Regierung Wilhelm II. 4 herrschten und warum die jüdische Bevölkerung von Beginn an als Sündenbock dargestellt wurde.
2. Die Ursprünge des Antisemitismus
Um sich mit den Ursprüngen des Antisemitismus auseinanderzusetzen, ist es zwingend erforderlich zuerst eine Begriffsklärung vorzunehmen, um den Wurzeln auf den Grund zu gehen. Das Wort „Antisemitismus“, zusammengesetzt aus dem griechisch anti und Semiten, bedeutet im eigentlichen Sinne Semitengegnerschaft, obgleich griechisch „anti“ nicht „gegen“, sondern „anstatt“ heißt. 5 Der Begriff des Antisemitismus entstand im 19. Jahrhundert 6 und bezeichnet den Hass oder besser die Feindschaft gegenüber der jüdischen
4 Wilhelm II. hieß mit vollständigem Namen Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen und wurde am 27. Januar 1859 in Berlin geboren und verstarb am 04. Juni 1941 in Doorn in den Niederlanden. Er war der Sohn Friedrich III. und entstammte der Dynastie der Hohenzollern. Von 1888 bis 1918 war Wilhelm II. Deutscher Kaiser und König von Preußen. Vgl. Mommsen, Wolfgang J.: War der Kaiser an allem schuld? Wilhelm II. und die preußisch-deutschen Machteliten. Berlin 2002. S. 95 ff.
5 Das Wort hat seine übliche Bedeutung als politisches Schlagwort erst allmählich erhalten, ausgehend von dem Wort „Antichrist“, dessen ursprünglicher Sinn „anstelle Christi“ sich erst später in „Feind Christi“ verwandelte.
6 Der Begriff Antisemitismus wurde 1879 von Wilhelm Marr geprägt. Vgl. Laqueur, Walter: Gesichter des Antisemitismus. Berlin 2008. S. 23 ff.
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Bevölkerung. 7 Eine judenfeindliche Stimmung war in Europa seit dem 11./ 12. Jahrhundert unter den Begrifflichkeiten „Judenhass, Judo- oder Judäophobie“ 8 bekannt. In der antiken Zeit gab es dagegen nur Angriffe einzelner Schriftsteller gegen die Juden, die allerdings in Alexandria, wo komplizierte großstädtische Lebensverhältnisse herrschten, Ton und Färbung des modernen Antisemitismus annahmen. 9 Am Anfang der traditionellen Judenfeindschaft stand der Ablösungsprozess der frühen Christen vom Judentum, der sich im Konkurrenzkampf um den wahren Glauben, um die Anhängerschaft und um die Anerkennung durch Rom manifestierte. Hieraus entstand eine neue antijüdische Tradition, die teilweise an innerjüdische Streitigkeiten, wie sie auch schon im Neuen Testament verankert war, anknüpfen konnte. Das Selbstverständnis der Christen als "Versus Israel" 10 im neuen Bund, führte dazu, den Juden die Zugehörigkeit zum Gottesbund abzusprechen. Ihnen wurde vorgeworfen, Jesus als Messias verraten und gekreuzigt zu haben. 11 Damit waren sie nach christlicher Anschauung nicht nur als Feinde des wahren Glaubens, sondern als Widersacher Jesu und des Christentums par excellence zu betrachten. Als Gottesmörder, so die Überzeugung in weiten Teilen der Alten Kirche, waren sie dazu verdammt, heimatlos in der Welt umherzuirren und durch ihre elende Existenz die Wahrheit des Christentums zu bezeugen. 12 Diese theologisch-heilsgeschichtlich begründete Auffassung vom Judentum und von der jüdischen Existenz in der Diaspora 13 ging als
7 Ebenda.
8 Ebenda. S. 26.
9 Vgl. Boehlich: S. 10 ff.
10 Bezeichnet den Begriff: Wahres Israel. Vgl. Laqueur: S. 37.
11 Ebenda. S. 44.
12 Ebenda. S. 45.
13 Ursprünglich wurden mit „Diaspora“ geschlossene Siedlungen der Juden bezeichnet, die nach dem Untergang des Reiches Juda 586 v. Chr. zunächst im Babylonischen Exil entstanden und sich in den folgenden Jahrhunderten von hier und von Palästina aus ausbreiteten, die jüdische Diaspora. Seit der frühen Neuzeit wird der Begriff auch auf konfessionelle Minderheiten des Christentums bezogen. Der Begriff Diaspora = Verstreutheit bezeichnet seit dem späten 19. Jahrhundert hauptsächlich religiöse oder ethnische Gruppen, die
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fester Bestandteil der kirchlichen Glaubenslehre in das christlichabendländische Denken ein.
In der Literatur herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass ein politischer Antisemitismus erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung, der damaligen politischen Veränderungen und des sozialen Wandels 14 im Kaiserreich aufkam. Michael Bosch konstatierte hierzu: „Juden erhielten in der Vergangenheit immer wieder die Rolle der Sündenböcke mit einer uralten Geschichte." 15 Die Judenfeindschaft sei ,,[...] schon so alt wie die jüdische Diaspora selbst." 16 Im Laufe der Jahrhunderte verdichtete sich das negative Bild durch weitere verwerfliche Attribute und Stigmatisierungen, die auf das jüdische Volk projiziert wurden. 17 Wie bereits zuvor erwähnt, ist die Ablehnung der jüdischen Völker vor dem Hintergrund des ,,antisemitischen Missbrauchs" der hebräischen Bibel, des Alten Testaments zu sehen. Schon Herbert Strauss widerlegte in seiner Arbeit über die Wurzeln des Antisemitismus zahlreiche antijüdische Argumentationen, die sich auf die Bibel stützen. Er stellt vielmehr die These auf, dass ,,die hebräische Bibel eine Fülle von Anstößen, die der präjudizierte Leser leicht in ein Belastungsmaterial gegen das jüdische Volk und seine Religion verwenden kann", biete. 18 Bei diesen Anstößen handle es sich oft um gezielt eingesetzte Stilmittel, wie beispielsweise einer Sinn entfremdenden Übersetzung. Eine
ihre traditionelle Heimat verlassen haben und unter Andersdenkenden lebend über weite Teile der Welt verstreut sind. Vgl. Boehlich: S. 21.
14 Angesprochen sei in diesem Zusammenhang nur der Umbruch von der traditionellen über die bürgerliche in die moderne Gesellschaft. Vgl. Mommsen: S. 34 ff.
15 Vgl. Bosch, Michael [Hrsg.]: Antisemitismus, Nationalsozialismus und Neonazismus. Düsseldorf 1979. S. 79.
16 Ebenda.
17 Vgl. Heuer, Renate: Antisemitismus - Zionismus - Antizionismus 1850-1940. Frankfurt am Main 1997. S.
257.
18 Vgl. Strauss, Herbert A.; Kampe, Norbert: Antisemitismus. Von der Judenfeindschaft zum Holocaust. Frankfurt am Main/New York 1985. S. 31 ff. Ebenfalls in: Vetter, Matthias: Antisemiten und Bolschewiki. Zum Verhältnis von Sowjetsystem und Judenfeindschaft 1917-1939. S. 146.
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wertfreie Übersetzung der Texte entkräfte dagegen jegliche aufgestellte Vorhaltung. 19
Im Laufe der Geschichte entwickelte sich die Judenfeindlichkeit in den unterschiedlichen Teilen Europas verschiedenartig. Gerade Léon Polikov leistete mit seinem Werk: „Geschichte des Antisemitismus“ 20 unvergleichbare Aufklärungsarbeit. In seinem Buch verglich er die antisemitischen Entwicklungen in Frankreich, Russland und Deutschland. Der Autor wird im Folgenden noch häufig Erwähnung finden. Da der Fokus dieser Arbeit aber auf Deutschland gelegt werden soll, werden die Entwicklungsprozesse des Antisemitismus der anderen Länder ausgeblendet.
Im 4. Jahrhundert n. Chr. wurden bereits erste Einschränkungen, die den Ausschluss von Juden aus öffentlichen Ämtern zur Folge hatten, erlassen. 21 Es sollte hiermit das Ziel erreicht werden, eine Belehrung der Christen unmöglich zu machen. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass Juden im Laufe der Zeit aus einer stetig steigenden Zahl von ehrbaren Berufen ausgeschlossen wurden. Daher blieben ihnen ausschließlich Geld- Hausierer- oder Trödlergeschäfte für ihren Gelderwerb. 22 Antijüdische Bilder, wie das der ,,Judensau" 23 bauten darauf auf und überdauerten die Jahrhunderte bis in die heutige Zeit. 24 Der christliche Antisemitismus erlebte seit ab dem 12. Jahrhundert n. Chr. seine Wiedergeburt. Existierten in den vergangenen Zeiten Juden und Christen effektiv nebeneinander, arbeiteten nunmehr ,,[...] katholische Kirchenführer und ihre Geistlichkeit [...] an der Verwirklichung ihrer Vorstellung von den Juden als einem
19 Brakelmann, Günter; Rosowski, Martin [Hrsg.]: Antisemitismus. Göttingen 1989. S. 10 ff.
20 Poliakov, Léon: Geschichte des Antisemitismus. Band VII. Zwischen Assimilation und ,,Jüdischer Weltverschwörung". Frankfurt am Main 1988.
21 Vgl. Bosch: S. 27.
22 Ebenda. S. 30.
23 Vgl. Schoeps, Julius H.: Antisemitismus: Vorurteile und Mythen. München 1995. S. 22.
24 Ebenda. S. 21 ff.
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B. A. Catharina Trost, 2008, Assimilation und Antisemitismus: Juden im Deutschen Kaiserreich , Munich, GRIN Publishing GmbH
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