Die Entwicklung der Mediennutzung hat sich in den letzten 50 Jahren grundlegend verändert. Das liegt zum einen an den neuen Medien, wie dem Internet, und zum anderen an der gesellschaftlichen Weiterentwicklung der letzten fünf Dekaden. 2006 verfügten 93,8 Prozent der Haushalte in der Bundesrepublik Deutschland über einen Festnetzanschluss *1 , wohingegen es 1970 nur 20 Prozent waren *2 . Jeder fünfte Weltbürger *3 und 80,6 Prozent der Deutschen *1 besitzen heute ein Mobiltelefon. 2004 besaßen 40 Prozent der Haushalte zwei oder mehr Fernsehgeräte. 2007 hatten 68 Prozent der Deutschen Haushalte einen Internetanschluss, 65 Prozent der Einwohner ab zehn Jahren waren 2006 mindestens einmal am Tag online. Fast 40 Prozent der Internetnutzer chatten. Der häufigste Grund für die Internetnutzung ist das Empfangen und Versenden von Emails, dicht gefolgt von Informationsbeschaffung über Waren und Dienstleistungen. Die höchste Internetnutzung kann bei der jüngeren Generation, den Schülern und Studenten, festgestellt werden *1 . Diese rasanten Entwicklungen verändern den gesellschaftlichen Alltag und hier im Besonderen das Interaktions- und Kommunikationsverhalten. Die Situation der 1950er Jahre bilden in dieser Beziehung einen starken Kontrast zu heutigen modernen Gesellschaften, wie zum Beispiel die USA oder die BRD. Diese Gesellschaften haben sich stark durch Werterevolutionen, wie die 68er Bewegung in der BRD, und die industrielle Weiterentwicklung zu postindustriellen Gesellschaften, verändert. Die Protestbewegungen in den späten 60er Jahren beinhalteten die Forderung nach Revolutionierung des Alltags. Folgen waren die Auflockerung der Institution der Ehe, Einpersonenhaushalte oder nichteheliche Beziehungen gewannen die Mehrheit, eine freiere Kindererziehung, offenere Umgangsformen der Menschen untereinander und die Etablierung einer alternativen Kultur. Durch die Ablehnung der bestehenden Verhältnisse wurde ein großer gesellschaftlicher Wandel in Schwung gesetzt, mit erheblichen Auswirkungen auf die Interaktion und Kommunikation. Es setzte sich ein lockerer Umgangston durch, traditionelle Verhaltensmuster wurden durchbrochen und es herrscht mehr Freiheit und Toleranz, seitdem das Zeitalter der Postmoderne angebrochen ist. In den 50er Jahren galten strenge Werte, Normen und Etikette. In dem Buch „Wir alle spielen Theater - Die Selbstdarstellung im Alltag“ von 1959, untersucht Erving
1 Statistisches Bundesamt; Wirtschaftsrechnungen: Private Haushalte in der Informationsgesellschaft Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) 2006; Fachserie 15 Reihe 4 2 Informationen zu politischen Bildung 270; 1. Quartal 2001; Deutschland in den 70er / 80er Jahren; S.36
3 http://www.stern.de/computer-technik/telefon/:Statistik-Jeder-Mensch-Handy-/533529.html ; letzter Besuch: 2008-03-26
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Goffman Eindrucksvermittlung durch Inszenierungen im Alltag dieser Zeit, anhand der Perspektive des Theaters, mit der sozialen Welt als Bühne, in der jeder Einzelne durch bestimmte Verhaltensmuster, an bestimmten Orten, im Ensemble oder allein um eine bestmögliche Selbstdarstellung bemüht ist. Goffman stellt dar, „wie in normalen Arbeitssituationen der Einzelne sich selbst und seine Tätigkeit anderen darstellt, mit welchen Mitteln er den Eindruck, den er auf jene macht, kontrolliert und lenkt, welche Dinge er tun oder nicht tun darf, wenn er sich in seiner Selbstdarstellung vor ihnen behaupten will.“ *4 Um dieses Model aufzubauen benutzt er Begriffe aus dem Fachjargon. Zentrale Termini sind hierbei die ‚Rolle’, ‚Interaktion’, ‚Fassade’, ‚Ensemble’ sowie ‚Vorder- und Hinterbühne’. Goffman versucht also durch das Model des Theaters zu zeigen, wie man sich bewusst und unbewusst darstellt sowie, dass diese Selbstdarstellung immer stattfindet, wir demnach also alle Schauspieler sind. Er behauptet, dass sein Model charakteristisch für einen großen Teil sozialer Interaktion ist. Doch rentiert sich dieses Modell in der postmodernen Gesellschaft mit den veränderten
Kommunikationsmöglichkeiten und Mediensituation heutzutage noch? Um dieser Frage nachzugehen, werde ich im Folgenden das Theatermodell anhand Goffmans Definitionen auf die Gültigkeit in Bezug auf die veränderte Kommunikations- und Mediensituation untersuchen.
Goffman war ein Vertreter des symbolischen Interaktionismus und untersuchte Interaktion auf der Mikroebene. Menschliches Handeln wird hier durch die Beobachtung alltäglicher sozialer Interaktionen und Symbolen gedeutet. Das heißt, dass die alltägliche Situation die Grundlage dieser Beobachtung liefert. Doch genau das „Alltägliche“ hat sich in den letzten 50 Jahren stark verändert. So führte zum Beispiel das steigende Selbstbewusstsein der Frauen in den 70er Jahren zu einer neuen Tendenz im Geschlechterverhältnis. Die damals klare Grenze zwischen dem Zuständigkeitsbereich von Mann und Frau ist nun weitgehend aufgehoben. Heutzutage kann auch ein Mann Vaterschaftsurlaub beantragen, Kindergärtner oder Krankenpfleger werden und Frauen können als Piloten, Geschäftsführerinnen oder sogar als Kanzlerin Karriere machen. Durch diese Emanzipation und die Aufhebung der „separate spheres“ veränderte sich die Konstellation der Geschlechterrollen und somit auch ihre Alltagssituation. Ein anderes Beispiel ist die Entwicklung zur postindustriellen Gesellschaft, die eine größere
4 Erving Goffman, Wir alle spielen Theater - Die Selbstdarstellung im Alltag, Vorwort, Lord Ralf
Dahrendorf
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Arbeitsteilung beinhaltet, dadurch einen höheren Spezialisierungsgrad hervorbrachte, und somit neue Situationen fordert. Natürlich ist auch der technologische Fortschritt zu benennen, der den Alltag hinsichtlich der Interaktion und Kommunikation sowie dem Informationsfluss formt. Diese Tendenzen zeigen, dass sich die Beobachtungsgrundlage für Goffmans Modell bedeutend verändert hat. Das kann bereits die Aktualität des Modells einschränken.
Der zentrale Begriff des Theatermodells ist die Rolle. Goffman definiert diese als „vorbestimmte[s] Handlungsmuster, das sich während einer Darstellung entfaltet“ *5 . Dieses Handlungsmuster ist heutzutage in vielen Fällen nicht mehr klar festgelegt. Auch die Erwartungen an bestimmte Rollen haben sich gelockert und verändert, da die heutige Gesellschaft viel freizügiger geworden ist. Das schockierende Verhalten und Äußere der Jugendlichen in den 60er Jahren beeindruckt heute kaum noch jemanden. Zu Zeiten Goffmans achtete eine junge Dame in einem öffentlichen Verkehrsmittel auf ihre Haltung. Heutzutage wird in den S und U Bahnen häufig laut Musik gehört, ‚rumgefletzt’, Alkohol konsumiert und wenig Rücksicht auf andere Fahrgäste genommen. Allerdings ist dieses Verhalten eine neue Art Rolle. Zahlreiche weniger gebildete Jugendliche verkörpern diese Rolle der neuen ‚anti-Etikette-Generation’. Der Respekt gegenüber fremden Personen und deren Rollen ist gesunken. Das liegt nicht zuletzt an den Medien. Durch das Fernsehen werden viele Rollen genauer beleuchtet und entmystifiziert. „Der Polizist“ wird im Fernsehen durch Nahaufnahmen und der Darstellung anderer Rollen, wie beispielsweise der eines Vaters oder einen Ehemanns, personalisiert. Nach einem solchen Portrait, bei dem klar wird, dass hinter der abstrakten Etikette ein Mensch steckt, verringert sich die Erfurcht vor diesen Personen. Man bekommt mehr Einsicht in sonst fremde Rollen. Durch immer realistischer wirkende Perspektivwechsel, die durch das Fernsehen ermöglichst wurden, ist man nun sogar in der Lage Sympathie für einen Verbrecher zu entwickeln, sofern dieser dementsprechend dargestellt wird. Diese neue Abstraktionsmöglichkeit auf andere Rollen wirkt sich nun auch auf das Verhalten gegenüber diesen Personen aus. Das Hintergrundwissen ist nunmehr für viel mehr Menschen, denen diese Rolle oder dieser Status ursprünglich nicht zusteht, zugänglich. Das Wissen nimmt in allen Altersklassen zu, sodass die Differenzierung altersgebundener Rollen auch immer schwieriger fällt. Kinder werden nicht mehr von der Erwachsenenumgebung isoliert und bekommen durch das Fernsehen viel von dieser neuen Welt mit. All dies und die oben angesprochene Emanzipation und der Wertewandel führen zu immer größeren Variationsmöglichkeiten
5 Erving Goffman; Wir alle spielen Theater - Die Selbstdarstellung im Alltag; Einleitung; S. 18
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Arbeit zitieren:
Nastasia Mohren, 2008, Goffmans Theatermodel und die postmoderne Gesellschaft - soziologische Bedeutung neuer Kommunikationsmedien, München, GRIN Verlag GmbH
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