Abstract
The development of the population is only one aspect of the economic prosperity of any community. Well-known scientists, such as Franz-Xaver Kaufmann in Schrumpfende Gesellschaft 4 , are thinking that this aspect is still not in the focus. Famous politicians and social scientists resist providing the adequate attention to that issue. 5
Germany is shrinking for many years and China faces an excess of age, forced by the One-Child-Policy. It is said that China gets old, before it gets rich 6 . But not only the quantity of population is relevant for the development of an economy, but also the qualification of the people is an important element.
In the era of globalisation the single nations are not longer isolated. At the same time they deal with each other and compete for market share and factors of production.
With this paper the author surveys relevant coherences between demography and economy based on the researched data of China and Germany.
4 Vgl. Kaufmann 2006, S. 11.
5 Vgl. ebd., S. 11. 6 Vgl. Seinitz 2006, S. 125.
III
Vorwort
Im Verlaufe meines Studiums Internationale Unternehmensführung konnte ich schon recht früh erkennen, dass wissenschaftliches Herangehen an eine Problematik sehr verschieden vom teilweise recht einseitigen Ansatz im Berufsalltag ist. Jede Fragestellung muss von vielen verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Die eindeutige Klärung der Aufgaben, zielgerichtetes empirisches Aufbereiten von Daten, vergleichendes Analysieren und die folgerichtig abgeleitete Bewertung für die Beantwortung der Fragen sind für mich persönlich die wertvollsten Errungenschaften aus den acht Semestern Studium.
Gerade die internationale Ausrichtung dieses Diplomstudienganges hat mich immer fasziniert und mir in der konstruktiven Lösung so mancher beruflichen Problemstellung schon oft weiter geholfen. Auch die Themenstellung dieser Arbeit ist eng mit meiner beruflichen Tätigkeit verknüpft. Meine Arbeitgeberin, die Plaston AG, agiert weltweit mit einer Mitarbeiterzahl von 400 Personen. Viele ihrer Kunden haben in Asien investiert, dort Produktionsstätten errichtet und es damit erforderlich gemacht, dass auch sie, als OEM vor vier Jahren in China eine Betriebsstätte eröffnet hat.
Zwar ist Deutschland noch immer der wichtigste Markt für die Plaston AG, aber die Umsatzverschiebung nach Asien ist bereits signifikant. Naturgemäß tauchen beinahe täglich die verschiedensten Fragen, Vorurteile, Halbwahrheiten und zum Teil auch falsche Einschätzungen der wirtschaftlichen Gegebenheiten in Deutschland und Asien auf. Oft ist es in der Hektik des Alltags nicht ganz einfach herauszufinden, was wahr oder falsch ist. Dieser Umstand hat mich dazu bewogen, mein Thema im Umkreis der zwei wichtigen Volkswirtschaften Deutschland und China zu wählen, um zumindest auf einige Fragen wissenschaftlich fundierte Antworten zu erhalten.
Ich danke an dieser Stelle meiner Familie, die während meines Studiums zweifelsohne die größten Opfer zu erbringen hatte. Dank gebührt auch meinem Diplombetreuer Dr. Volker Radke, der mich durch seine konstruktive Kritik immer wieder auf die richtigen Gleise geführt hat.
IV
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis VIII
1. Einführung 1
1.1. Problemstellung. 1
1.2. Zielsetzung 2
1.3. Vorgehensweise. 2
2. Relevante Theorien 4
2.1. Demografische Theorien 4
2.1.1. Einführung in die Demografie. 4
2.1.2. Bevölkerungstheorie nach Süßmilch 6
2.1.3. Bevölkerungstheorie nach Malthus 8
2.1.4. Die Biographische Fertilitätstheorie von Herwig Birg. 11
2.2. Ökonomische Modelle 12
2.2.1. Die Neoklassik 13
2.2.2. Produktionspotenzial/Wachstumstheorie 15
2.2.3. Die Humankapitaltheorie - Bildung und Wirtschaftswachstum 16
2.2.3.2. Grenzen der Humankapitaltheorie 19
2.2.4. Der Theorieansatz von John Maynard Keynes 20
2.2.5. Alwin Hansens Theorie der säkularen Stagnation. 22
2.2.6. Die Nachfrage der Haushalte 22
2.2.7. Die These vom Nachfrageausfall 23
2.2.7.1. Kurzfristige Auswirkungen der Veränderung der Bevölkerungszahl
24
2.2.7.2. Langfristige Auswirkungen der Veränderung der Bevölkerungszahl
25
2.2.7.3. Die Auswirkung der Altersstruktur auf den privaten Konsum 26
2.3. Die Versorgung der nicht mehr Erwerbstätigen. 27
3. Analyse der demografischen Situation 30
3.1. Bevölkerungszahl 30
3.2. Fertilität. 34
3.3. Anzahl der kinderlosen Frauen. 35
3.4. Lebenserwartung. 37
3.5. Durchschnittliches Alter der Bevölkerung 38
V
3.6. Die Altersstruktur. 39
3.6.1. Der Anteil der unter 15-Jährigen 40
3.6.2. Der Anteil der 15- bis 64-Jährigen (Erwerbsbevölkerung) 40
3.6.3. Der Anteil der Alten 42
3.7. Qualitative Daten der Bevölkerungsstruktur 43
3.7.1. Die Bildungsausgaben 43
3.7.2. Die Situation in der Pflichtschule Primärstufe. 44
3.7.3. Die Situation bei weiterführenden Schulen Sekundärstufe. 45
3.7.4. Die Situation an Hochschulen 45
3.8. Die wichtigsten demografischen Daten in Tabellenform. 47
4. Analyse der wirtschaftlichen Situation 48
4.1. Allgemeine Wirtschaftsdaten der Regionen. 48
4.2. Das Bruttoinlandsprodukt 48
4.2.1. Bruttoinlandsprodukt/Kaufkraftparität 50
4.2.2. Bruttoinlandsprodukt in Kaufkraftparität je Einwohner. 51
4.2.3. Der Verbraucherpreisindex 52
4.2.4. Wachstumsrate des Bruttoinlandproduktes. 53
4.3. Ausgaben der privaten Haushalte 54
4.4. Der Außenhandel 55
4.4.1. Der Offenheitsgrad 55
4.4.2. Exporte und Importe. 56
4.4.3. Die Handelsbilanz zwischen Deutschland und China. 57
4.5. Die wichtigsten Ergebnisse der ökonomischen Analyse in Tabellenform 58
5. Die Wirkung demografischer Faktoren auf die wirtschaftliche Situation in den
untersuchten Regionen 59
5.1. Einführende Betrachtung. 59
5.2. Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Nachfrage der
Haushalte. 60
5.2.1. Auswirkung der demografischen Entwicklung auf die Nachfrage der
Haushalte unter dem Aspekt der Bevölkerungszahl. 61
5.2.2. Auswirkung der demografischen Entwicklung auf die Nachfrage der
Haushalte unter dem Aspekt der Altersstruktur. 63
5.3. Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf das Angebot des
Humankapitals 65
VI
5.3.1. Investitionen in Humankapital in quantitativer Hinsicht. 65
5.3.2. Investitionen in Humankapital in qualitativer Hinsicht. 67
5.3.2.1 Deutschlands Investitionen in Humankapital in qualitativer Hinsicht
67
5.3.2.2. Chinas Investitionen in Humankapital in qualitativer Hinsicht. 70
5.3.3. Innovationsfähigkeit. 72
5.3.3.1. Deutschlands Innovationsfähigkeit 74
5.3.3.2. Chinas Innovationsfähigkeit 75
5.4. Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die
Unterhaltszahlungen an nicht mehr erwerbstätige Personen. 77
5.4.1 Der Generationenvertrag in Deutschland 77
5.4.1.1. Die Finanzierungslücke 77
5.4.1.2. Die Benachteiligung der Familien gegenüber Kinderlosen. 80
5.4.2. Das Altersrentensystem in China 81
5.4.2.1. Entwicklung des Rentensystems in urbanen Gebieten 81
5.4.2.2. Entwicklung des Rentensystems auf dem Land. 83
5.4.2.3. Entwicklung des Rentensystems für Regierungs- und
Verwaltungsangestellte 84
6. Zusammenfassung und Schlussbemerkung 85
Literaturverzeichnis 91
Anhang 96
VII
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Hochrechnung der Bevölkerungsentwicklung
Abb. 2: Zusammensetzung der Gesamtnachfrage
Abb. 3: Angebot und Nachfragemodell
Abb. 4: Entwicklung der Weltbevölkerung
Abb. 5: Entwicklung der Weltbevölkerung im Vergleich zwischen mehr und
weniger entwickelten Ländern
Abb. 6: Entwicklung der Bevölkerung Deutschlands und Chinas
Abb. 7: Bevölkerungswachstumsraten Deutschlands und Chinas
Abb. 8: Die Entwicklung der Land- vs. Stadtbevölkerung Chinas
Abb. 9: Lebendgeburten pro Frau in Deutschland und China.
Abb. 10: Anteil der kinderlosen Frauen in Deutschland pro Jahrgang
Abb. 11: Anzahl der Kinder in Familien.
Abb. 12: Lebenserwartung in Deutschland und China
Abb. 13: Durchschnittliches Alter der Bevölkerung in China und
Deutschland
Abb. 14: Alterspyramide Deutschland im Jahr 2005
Abb. 15: Alterspyramide China im Jahr 2005
Abb. 16: Anteil der unter 15-Jährigen in Deutschland und China
Abb. 17: Anteil der 15- bis 64-Jährigen in Deutschland und China.
Abb. 18: Struktur der Erwerbstätigen in Deutschland.
Abb. 19: Anteil der über 65-Jährigen in China und Deutschland
Abb. 20: Anteil der über 80-Jährigen in Deutschland und China
Abb. 21: Bildungsausgaben in des BIP in Deutschland und China
Abb. 22: Schüler der Primärstufe in Deutschland und China
Abb. 23: Schüler der Sekundärstufe in Deutschland und China.
Abb. 24: Studenten absolut in Deutschland und China.
Abb. 25: Anteil der Studenten in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen in
Deutschland
Abb. 26: Demografische quantitative Analyse Deutschlands und Chinas
Abb. 27: Demografische qualitative Analyse Deutschlands und Chinas
Abb. 28: Allgemeine Wirtschaftsdaten von Deutschland und China
Abb. 29: Regelkreise des Bruttoninlandsproduktes
Abb. 30: BIP zu aktuellen Preisen in USD in Deutschland und China
Abb. 31: BIP/KKP in USD in Deutschland und China
Abb. 32: BIP/KKP pro Einwohner in USD in Deutschland und China
Abb. 33: Verbraucherpreisindex in Deutschland und China
Abb. 34: BIP Wachstumsrate in Deutschland und China.
Abb. 35: Konsumausgaben der Haushalte in USD in Deutschland und China
Abb. 36: Ausgaben der Haushalte in vom BIP in USD in Deutschland und
China
Abb. 37: Offenheitsgrad von Deutschland und China.
Abb. 38: Exporte und Importe Deutschlands und Chinas
Abb. 39: Deutsche Einfuhr und Ausfuhr nach China
Abb. 40: Die ökonomische Analyse Deutschlands und Chinas
Abb. 41: Rentensystem nach Staatsdokumenten von 1994 und 1997.
VIII
Abkürzungsverzeichnis
APEC Asia-Pacific Economic Cooperation AQ Altersquotient bfai Bundesagentur für Außenwirtschaft BIP Bruttoinlandsprodukt BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung CDU Christlich Demokratische Union CIA Central Intelligence Agency CSU Christlich Soziale Union D Deutschland DM Deutsche Mark ESCAP European Society for Child and Adolescent Psychiatry EU27 Die 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft FuE Forschung und Entwicklung GDP Gross Domestic Product IMF International Monetary Fund KKP Kaufkraftparität Mrd. Milliarden OECD Organisation for Economic Cooperation and Development OEM Original Equipment Manufacturer PISA Programme for International Student Assessment PISA-E
UN United Nations USD Amerikanischer Dollar VRC Volksrepublik China
IX
1. Einführung
1.1. Problemstellung
Der Aufstieg Chinas zu einer führenden Wirtschaftsmacht beeindruckt, fasziniert und erschreckt im Westen Ökonomen, Geostrategen und auch Ökologen. 7 China kann in den vergangenen 26 Jahren mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum des Bruttoinlandproduktes von über 9 % eine in der Wirtschaftsgeschichte beispiellose Entwicklung für sich beanspruchen. 8 Deutschland dagegen erreicht zwar mit 2,7 % im Jahre 2006 (siehe Abb. 28) den höchsten Wert seit vielen Jahren 9 , es liegt damit aber an viertletzter Stelle unter den EU27-Ländern. 10 Nun ist das BIP ein Indikator für die wirtschaftliche Lage eines Landes; je höher also das jährliche Wachstum ausfällt, desto bedeutender ist auch die Entwicklung der Prosperität. Wirtschaftliches Wachstum ist »eine anhaltende Zunahme des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials.« 11 Realkapital, natürliche Ressourcen, technisches Wissen und Humankapital limitieren das Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft. 12 Zwei dieser Faktoren, nämlich das Humankapital und das Technische Wissen, finden ihr Limit im Vorhandensein einer ausreichenden Anzahl von gebildeten und leistungsfähigen Menschen.
Chinas Bevölkerungsentwicklung wurde jahrzehntelang durch Deng Xiaopings Ein-Kind-Politik geprägt, welche durch gesetzliche Regelungen versuchte, eine Bevölkerungsexplosion zu verhindern. Das Resultat dieser Lenkungsmaßnahme war, dass heute ein erheblicher Mangel an Frauen herrscht. 13 Die traditionelle Bevorzugung von männlichem Nachwuchs führte nämlich zu einer großen Anzahl von Schwangerschaftsabbrüchen, wenn die (mittlerweile verbotenen) Ultraschallprognosen weibliche Föten diagnostizierten. Für das Jahr 2006 weist China aber noch immer ein Bevölkerungswachstum von 0,59 % aus. In Deutsch-land hingegen schrumpft die Bevölkerung seit dem Jahr 2006 mit 0,02 % (siehe Abb. 7). 14
Die vorliegende Arbeit behandelt die Frage, welche Relationen zwischen der demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung einer Volkswirtschaft beste-
7 Vgl.Worldwatch Institute 2005, S. 7.
8 Ebd., S. 7.
9 Vgl. Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) e.V. 2006. 10 Vgl. Eurostat 2007, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung/BIP und Hauptaggregate. 11 Baßeler/Heinrich/Utecht 2006, S. 816. 12 Vgl. Mankiw 2004, S. 604. 13 Vgl. Seinitz 2006, S. 124. 14 Vgl. CIA 2006.
1
hen, und vergleicht in ihrem weiteren Verlauf diese Problematik in Deutschland und China.
1.2. Zielsetzung
Der Verfasser legt zunächst eine demografische und ökonomische Be-standsaufnahme der zwei oben genannten, wirtschaftlich bedeutenden Nationen vor.
In der Folge werden die Daten der beiden Hauptanalysen zusammengeführt, verglichen und in Relation gebracht. Schwerpunktmäßig sollen die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Konsumnachfrage der Haushalte, auf das Angebot des Humankapitals als Produktionsfaktor und auf die Unterhaltszahlungen an nicht mehr erwerbstätige Personen untersucht werden.
Im Detail erfolgt eine Analyse der Länder Deutschland und China. Da die demografische Entwicklung in den meisten industrialisierten Ländern Europas vergleichbar mit der Entwicklung in Deutschland ist, hat sie für den Wirtschaftsraum Europa Relevanz.
1.3. Vorgehensweise
Diese Arbeit ist in sechs aufeinander aufbauende Kapitel gegliedert. Nach dem einführenden ersten Kapitel werden im zweiten Kapitel wichtige demografische und ökonomische Modelle diskutiert, welche die Grundlage für diese Diplomarbeit bilden.
Kapitel 3 beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der demografischen Situation in den behandelten Wirtschaftsräumen Deutschland und China. Anhand verfügbarer Sekundärdaten werden vergleichende Schaubilder mit den wichtigsten Daten und Fakten präsentiert, wobei auf wesentliche Parameter wie Bevölkerungswachstum und Bevölkerungsstruktur näher eingegangen wird, ohne jedoch eine Bewertung der Situation vorzunehmen. Diese erfolgt erst in Kapitel 5.
Die wirtschaftliche Situation der abgehandelten Volkswirtschaften wird in Kapitel 4 überprüft. Auch hier sollen Schaubilder ein aktuelles Bild über den ökonomischen Status Quo vermitteln. Analog dem vorangegangenen Kapitel werden auch hier einzelne bedeutende Punkte im Detail behandelt, aber nicht bewertet.
2
In Kapitel 5 werden die Daten aus Kapitel 3 und 4 zusammengeführt. Hier werden insbesondere die Auswirkungen der festgestellten demografischen Daten auf die ökonomischen Faktoren Humankapital als Inputfaktor in der Produktivität, die Konsumnachfrage der Haushalte und die Auswirkung auf die Unterhaltszahlung an die nicht mehr Erwerbstätigen untersucht und bewertet.
Kapitel 6 fasst grundlegende Erkenntnisse der wichtigsten Kapitel nochmals zusammen.
3
2. Relevante Theorien
2.1. Demografische Theorien
In diesem Abschnitt werden die wichtigsten historischen Theorien für das heutige Verständnis der Demografie erläutert. Der limitierte Umfang der Arbeit erlaubt nur einen kurzen Einblick in die Hauptströmungen und muss viele Aspekte beiseite lassen. Üblicherweise geht es in der Demografie um zwei Hauptfragestellungen: erstens um die Entwicklung (und die Entwicklungsmöglichkeiten) der Quantität einer Bevölkerung. Die Theorien von Süßmilch und Malthus beschäftigen sich hauptsächlich mit dieser Frage. Zum Zweiten geht es um den Einfluss der Lebensumstände der Menschen auf das Fortpflanzungsverhalten der Population in der modernen Gesellschaft. Diesem Thema widmet sich Birg in seiner Bibliografischen Theorie der Fertilität. 15
2.1.1. Einführung in die Demografie
Die Demografie beschäftigt sich mit dem Zustand der Bevölkerung in bestimmten Regionen. Ausgangspunkt aller Überlegungen ist zunächst immer die Frage nach der Quantität der Bevölkerung in einer bestimmten Region. Darüber hinaus beschäftigen sich Demografen intensiv mit der Bevölkerungsstruktur, vor allem interessieren dabei die Verteilung nach Alter, Geschlecht, Staatsbürgerschaft und Kinderzahl. Der Bevölkerungsstand ändert sich permanent, und gerade diesen Veränderungen wird in der Demografie besonderes Augenmerk geschenkt. Aus einem anderen Blickwinkel geht es um die sozial relevanten Ereignisse wie Geburten, Sterbefälle und Kinderzahl, Anzahl von Hochzeiten und Scheidungen sowie Zu- und Abwanderung, da diese Prozesse die Volatilität in der Bevölkerungszahl maßgeblich beeinflussen. Von besonderer Bedeutung sind aber nicht nur die absoluten Werte, sondern auch die Veränderung über die Zeit sowie der Vergleich verschiedener Länder oder Regionen. 16
Bereits Platon und Aristoteles beschäftigten sich mit der richtigen Bevölkerungszahl 17 , aber den ersten großen Höhepunkt erlebte dieser Zweig der Sozialwissenschaften im 18. Jahrhundert in Deutschland. Ein erhebliches Problem stellte damals die Wiederbesiedlung der durch den Dreißigjährigen Krieg und durch Seuchen wie Pest und Cholera stark dezimierten Landstriche dar. Schon
15 Vgl. Birg 2004, S. 66.
16 Vgl. hierzu insgesamt Münz 2000, S. 1-2. 17 Vgl. Barth 1977, S. 180.
4
zu jener Zeit wurden Diskussionen um staatliche Maßnahmen der Familien-, Geburten- und Entwicklungspolitik geführt. Fragen zur Anwerbung von Zuwanderern und die Erhöhung der Lebenserwartung mit allen sozial- und gesundheitspolitischen Maßnahmen, die uns auch heute beschäftigen, waren schon in jenem Jahrhundert aktuell. Zwei Klassiker der Demografie aus dieser Zeit sind Johann Peter Süßmilch und Thomas Robert Malthus, der Süßmilch zeitlich unmittelbar folgte. Malthus’ Theorie unterscheidet sich aber grundlegend von der Süßmilchs. 18 Süßmilch gehörte der Strömung der Optimisten an, die davon ausgingen, dass ein Staat umso machtvoller sei, je größer die Bevölkerungszahl ist. Malthus hingegen gehörte der Strömung der Pessimisten an, welche die Ansicht vertraten, dass die Größe der Bevölkerungszahl dem (limitierten) Vorhandensein von Nahrungsmitteln angepasst sein müsse. 19 Beide Hypothesen wirken bis in die Gegenwart. In den folgenden zwei Abschnitten sollen deshalb die Kernaussagen sowie die Kritikpunkte beider Theorien dargestellt werden.
Die Bevölkerungsforschung basierte lange Zeit nur auf einer Quantitätstheorie der Population. Lediglich eine kleine Gruppe von Ökonomen begann in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Quantitäts-Qualitäts-Theorie der Bevölkerung zu entwickeln. Der Hauptgrund dafür war das allgemein verbreitete Vorurteil, dass in Ländern mit niedrigem Einkommen ein schnelles Bevölkerungswachstum die Möglichkeit einer Verbesserung der Bevölkerungsqualität ausschließe. 20 Mit heutigem Wissensstand kann anhand der von einem Land wie Indien hervorgebrachten technologischen Spitzenprodukte der Grund für die Entwicklung dieser Quantitäts-Qualitäts-Theorie als widerlegt gelten (Anm. d. Verf.), allerdings betrifft dies nicht die Eminenz des zusätzlichen Gesichtspunktes der Bevölkerungsqualität. In dieser Arbeit wird im Besonderen auf die Hu-mankapitaltheorie eingegangen. Sie dient neben den quantitativen Vergleichen der untersuchten Regionen Deutschland und China als Basis für einen qualitativen Vergleich. Da die Qualität (Ausbildung) einer Bevölkerung in enger Relation zum Angebot der Arbeitskräfte steht, wird diese Thematik unter den ökonomischen Theorien detailliert in Kapitel 2.2.3 abgehandelt.
18 Vgl. Birg 2005a, S. 10-12.
19 Vgl. Barth 1977, S. 186-187. 20 Vgl. Schultz 1986, S. 24.
5
2.1.2. Bevölkerungstheorie nach Süßmilch
Johann Peter Süßmilchs Hauptwerk Die Göttliche Ordnung in den Verhältnissen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen wurde bereits 1741, in der unruhigen Zeit der Thronbesteigung Friedrich II. veröffentlicht und kann heute als bahnbrechende Leistung gewürdigt werden. 21 Die demografischen Überlegungen zur Tragfähigkeit der Erde in diesem Buch seien tiefer durchdacht als in vielen Beiträgen zur Nachhaltigkeit der ökologischen und gesellschaftlichen Entwicklung unserer Zeit, meint Herwig Birg, Leiter des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik an der Universität Bielefeld. 22
Ein zentraler Bestandteil der Theorie Süßmilchs ist die Aussage, dass es keinen gleich gesinnten Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und dem Le-bensstandard der Bevölkerung gibt, sondern einen gegenläufigen. 23 Süßmilch begründet seine Aussagen möglichst immer durch empirische Untersuchungen und legt zahlreiche Daten und Ergebnisse vor, die seine Theorie stützen. Wer sich mit seinem Werk beschäftigt, wird unweigerlich von der enormen Anzahl von akribisch recherchierten und per Hand aufgezeichneten Tabellen beeindruckt (siehe Anhang). Das Kapitel XX: Die Menge der Bewohner des Erdbodens wird untersucht, sowol [sic] nach der möglichen als würklichen [sic] Anzahl, nebst einem Versuch, die gegenwärtige Menge der Menschen auf der Erde zu bestimmen ist ein Vorstoß in diese Richtung. Süßmilch schreibt: »Dieser Versuch ist mit vielen Schwierigkeiten verknüpft. Gewissheit wird also hierinn [sic] niemand fordern. Man wird daher auch nach der Billigkeit die unterlaufenen Fehler entschuldigen, und sie zu verbessern Gelegenheit geben.« 24 Als Hauptursache für die Ungenauigkeiten gibt er die beinahe völlige Unkenntnis der sogenannten Südländer und der wirklichen Größe Amerikas an. 25 Dennoch kalkuliert er anhand einer komplexen Hochrechnung eine theoretisch mögliche Anzahl von 14 Mrd. Menschen, die die Erde aufgrund ihrer Fruchtbarkeit ernähren könnte (siehe Anhang). Für seine Zeit errechnet er anhand penibler Modellrechnungen 1,08 Mrd. lebender Menschen (siehe Anhang). 26
21 Vgl. Barth 1977, S. 10.
22 Vgl. Birg 2005a, S. 10. 23 Vgl. Barth 1977, S. 20. 24 Süßmilch 1761, S. 172. 25 Vgl. Süßmilch 1761, S. 172. 26 Vgl. Süßmilch 1761, S. 233.
6
Für ihn war also die Erde mit der bestehenden Zahl noch extrem unterbevölkert. Im Kapitel X: Von der Bevölkerung eines Staates, als eine nothwendige [sic] Pflicht des Regenten nimmt er zum Verhältnis zwischen Bevölkerungszahl und Wohlstand einer Gesellschaft wie folgt Stellung:
»Diese mögliche, und den Nahrungsmitteln proportionierte Menge Unterthanen [sic] ist der Grund der Glückseligkeit, der Macht und Sicherheit, wie auch des Reichtums. Diese Absichten können ohne jenes Mittel nicht erhalten werden. Ein Staat, welcher nur die Hälfte jener Einwohner hat, die er vermöge [sic] seines Umfangs und seiner Nahrungsmittel haben könnte, wird auch nur halb so glücklich sein, als er sein könnte und solte [sic]. Es kann zwar ein Staat, welcher nicht alle möglichen Unterthanen [sic] hat, ruhig leben, er kann auch dem Anschein nach den nöthigen [sic] Ueberfluß [sic] haben; allein es ist doch auch unleugbar, daß [sic] er das alles nicht in dem selben Grade hat, als er es haben könnte, wenn er gehörig bevölkert wäre.« 27
Die damalige Zeit war, wie oben erwähnt, durch den Dreißigjährigen Krieg und die Pest von einer dramatischen Unterbevölkerung geprägt. Süßmilch legte in seinem Werk besonderes Augenmerk auf Lösungen, die zu einem nachhaltigen Bevölkerungswachstum führen. Viele dieser Vorschläge klingen auch heute sehr vertraut. So erstellte er vier Hauptregeln 28 , die durchaus auch aktuellen Politprogrammen entnommen sein könnten.
In seiner ersten, und für ihn wichtigsten Regel fordert er Kaiser Friedrich II. auf, man solle alles aus dem Weg räumen, wodurch Ehen vermieden werden. Die zweite Regel beschreibt die Notwendigkeit, alle Hindernisse zu beseitigen, die Eltern davon abhielten, Kinder zu bekommen. Er forderte Maßnahmen, »damit Eheleuten die Kinder und deren Erziehung nicht eine Last, sondern eine Lust seyn [sic] mögen«. 29 Um die Aktualität zu belegen, als Vergleich folgende Stelle aus dem aktuellen Regierungsprogramm der CDU/CSU:
»Die Familie ist die wichtigste Form des Zusammenlebens. Wir stehen zum besonderen Schutz von Ehe und Familie. Die Menschen wollen in glücklichen persönlichen Verhältnissen leben. Das können Ehe, Familie und andere Formen des Zusammenlebens sein, die Lebenssinn, Geborgenheit und Glück vermitteln. Weil
27 Süßmilch 1761, S. 396.
28 Vgl. ebd., S. 416 ff. 29 Süßmilch, 1762, S. 417.
7
wir Zukunft wollen, ist unser Maßstab: Vorrang für Familien und Kinder! Deshalb schaffen wir bessere Rahmenbedingungen für Familien und Kinder«. 30
Süßmilchs dritte Regel verlangt, dass der Staat menschliches Leben unter allen Umständen zu erhalten habe, und in seiner vierten Regel fordert er, der Staat solle sich durch eine kluge Regierungsform bemühen, die Einwohner im Lande zu halten und Fremde im Bedarfsfalle ins Land zu bringen. Auch hier ist eine augenscheinliche Parallele zur Gegenwart ersichtlich. Im Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2006 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist im Zusammenhang mit bereits jetzt fehlenden 15.000 Ingenieuren zu lesen (vgl. Kap. 5.3.3.1.):
»Die Rekrutierung von Ingenieuren aus dem europäischen Raum könnte Entlastung bringen, ist aber aus Erfahrung nur schwer umzusetzen. Zudem würde dann dort das erforderliche FuE-Wachstumsziel gefährdet. Denn zum einen sehen sich viele andere mittel- und nordeuropäische Länder auf Grund der demographischen Entwicklung ebenfalls mit Engpässen auf den Arbeitsmärkten für Hochqualifizierte konfrontiert. Zum anderen hat auch in Osteuropa die Umstrukturierung in Richtung Wissenswirtschaft ein hohes Tempo aufgenommen.« 31
Mit Bezug auf das Thema dieser Arbeit erlaubt sich der Verfasser folgende vereinfachte Interpretation der Schrift Süßmilchs: Eine ausreichend große Bevölkerungszahl ist Grundvoraussetzung für den Wohlstand einer Volkswirtschaft. Diese Erkenntnisse von Süßmilch finden auch in dieser Arbeit ihren Niederschlag, vor allem in Kapitel 5.2.
2.1.3. Bevölkerungstheorie nach Malthus
Thomas Robert Malthus’ Bevölkerungsgesetz mit dem Originaltitel An Essay on the Principle of Population, as it affects the Future Improvement of Society, with Remarks on the Speculations of Mr. Godwin, M. Condorcet, and other Writers aus dem Jahre 1798 gilt bis heute als eines der umstrittensten Werke zu diesem Thema. Schon zum Zeitpunkt seines Erscheinens war dieses Werk eine aufsehenerregende Lektüre. Innerhalb kürzester Zeit mussten sechs Auflagen gedruckt werden, um die Nachfrage zu bedienen.
30 Bundesvorstand der CDU und Parteivorstand der CSU 2005, S. 24.
31 Bundesministerium für Bildung und Forschung 2006, S. 93.
8
Herwig Birg schreibt, dass diese Theorie die Basis für die rassistische Bevölkerungslehre im Nationalsozialismus darstellt:
»Es war ein simples Prinzip - die gnadenlos strenge Auslese der Individuen einer Population nach ihrer Überlebenstüchtigkeit, das nach der Bevölkerungstheorie von Malthus - und der Evolutionstheorie von Charles Darwin, der sich ausdrücklich auf Malthus’ Bevölkerungslehre berief - die biologische Evolution vorantrieb und über Jahrmillionen zur Entstehung der höheren Arten und schließlich des Menschen führte.« 32
Der Verfasser dieser Arbeit steht der Theorie Malthus’ ebenfalls kritisch gegenüber, sie darf aber in einer Einführung zur Demografie nicht ausgeblendet werden.
Malthus stellt drei angeblich unbestreitbare Prämissen auf. Die erste Prämisse lautet sinngemäß: Alle vom Menschen erzeugten Nahrungsmittel folgen einem linearen Wachstumsgesetz. Die Menge erhöht sich in gleichen Zeitabständen um einen immer gleichen absoluten Betrag, was eine abnehmende prozentuale Steigerung je Zeiteinheit bedeutet. Die zweite Prämisse lautet: Die Bevölkerungszahl entwickelt sich dagegen mit steigenden prozentuellen Zuwächsen. Malthus schreibt, es sei göttliche Vorsehung, dass die Bevölkerung viel rascher zunehme als die Nahrung, dies sei ein allgemein gültiges Gesetz, 33 und begründete diese Feststellung mit der Bevölkerungsentwicklung der Vereinigten Staaten, wo (zu jener Zeit) eine Verdoppelung der Bevölkerungszahl innerhalb von 25 Jahren stattfinde (ohne Beleg!), was einer geometrischen Reihe entspreche. Er behauptet weiters (wieder ohne Beleg!), dass sich in jeweils 25 Jahren die Nahrungsmittelmenge um immer dieselbe Menge erhöhe, was einer linearen Entwicklung entspreche. 34 Diese Annahmen nimmt er als Basis für eine Hochrechnung für England. Er rechnet wie folgt:
»Die Bevölkerung der Insel wird auf etwa 7 Millionen geschätzt, und wir wollen annehmen, der gegenwärtige Ernteertrag reiche aus, um eine solche Zahl zu ernähren. Nach den ersten 25 Jahren würde die Bevölkerung 14 Millionen betragen, und da die Nahrungsmittelmenge ebenfalls verdoppelt worden wäre, würden die Mittel dem Bevölkerungswachstum entsprechen. Nach den nächsten 25 Jahren würde die Bevölkerung 28 Millionen zählen, doch die Unterhaltsmittel wür-
32 Birg2005a, S. 19.
33 Vgl. Barth 1977, S. 156. 34 Vgl. ebd., S. 22.
9
den nur zur Versorgung von 21 Millionen ausreichen. In der folgenden Periode würde die Bevölkerung auf 56 Millionen anwachsen, die Mittel für den Unterhalt aber könnten nur für die Hälfte dieser Zahl genügen. Am Ende des ersten Jahr-hunderts wäre die Bevölkerungszahl auf 112 Millionen angestiegen, während die Unterhaltsmittel nur für 35 Millionen ausreichen würden, so dass 77 Millionen gänzlich unversorgt blieben.« 35
Abb. 1: Hochrechnung der Bevölkerungsentwicklung und der Nahrungsmittel-
Seinedritte Prämisse lautet: Die Mehrheit der Menschen, also die Arbeiterklasse bzw. Unterschicht, steigert ihre Fortpflanzungsrate mit der Verbesserung der Lebensumstände.
Dass Malthus‘ Theorie falsch ist, bewies laut Birg im 19. Jahrhundert bereits Franz Oppenheimer, welcher proklamierte, dass die Bevölkerung nicht die Tendenz hätte, über die Unterhaltsmittel hinauszuwachsen, sondern die Unterhaltsmittel hätten die Tendenz, über die Bevölkerung hinauszuwachsen. 37 Dies sei leicht zu belegen, da im Weltdurchschnitt die Wachstumsrate der Nahrungsmittelmenge größer sei als die der Menschen. 38 Auch die anderen Prämissen sind längst durch die Geschichte widerlegt. So nimmt die Kinderzahl mit steigendem Wohlstand nicht zu, sondern ab. Malthus, wie übrigens auch Süßmilch vor ihm, geht in seiner Theorie sehr wenig auf die Auswirkung der Bildung auf die Entwicklung einer Gesellschaft ein. Seiner Ansicht nach ist die Not die treibende Kraft für jegliche Weiterentwicklung. Die Grundeinstellung des Menschen sei »nämlich träge, faul und jeder Arbeit abhold, es sei denn die Not zwinge
35 Vgl. Barth 1977, S. 22.
36 Vgl. ebd., S. 22. 37 Vgl. hierzu insgesamt Birg 2005b, S. 15. 38 Vgl. ebd., S. 15.
10
ihn.« 39 Seine Schrift hat eine feurige Diskussion über das Bevölkerungswachstum in Gang gesetzt und ist seit ihrer Veröffentlichung ein sehr umstrittenes Werk. Die Theorie erlebte einerseits »brausenden Beifall« 40 , wurde aber andererseits von zahlreichen Gegenbewegungen, wie dem Antimalthusianismus abgelehnt, weil sie beispielsweise im 19. Jahrhundert in England als Rechtfertigung für die Abschaffung der Armenhilfe diente. 41 Die Begründung nach Malthus ist klar: Arme Menschen bringen mehr Kinder zur Welt und vergrößern dadurch das Elend. 42 Bis heute wird von einer in den USA und England vorhandenen malthusianischen Denkschule vehement die Ansicht vertreten, dass bestimmte Formen der Entwicklungshilfe abgeschafft werden müssten. Gerade die Hilfe für Mütter und Kleinkinder in den besonders armen Ländern solle gestrichen werden, da das Elend umso größer werde, je mehr Kinder überlebten. 43 Laut Birg ist die Theorie von Malthus ganz klar auch die Basis für die rassistische Bevölkerungslehre im Nationalsozialismus. 44
Mit Bezug auf das Thema dieser Arbeit erlaubt sich der Verfasser folgende vereinfachte Interpretation des Werkes von Thomas Malthus: Eine zunehmende bzw. zu hohe Bevölkerungszahl hat eine negative Auswirkung auf den Wohlstand einer Volkswirtschaft. Im Verlaufe der vorliegenden Abhandlung wird des öfteren Chinas Ein-Kind-Politik erwähnt, welche auf ein ähnliches Denkmuster zurückzuführen ist (vgl. Kap. 3.2.). Aber auch das problematische Ergebnis in China widerlegt diese Theorie. 45
2.1.4. Die Biographische Fertilitätstheorie von Herwig Birg
In den industrialisierten Ländern haben sich die Lebensumstände im Vergleich zur früheren Zeit dramatisch verändert. Gerade die erreichte Qualität der Bevölkerung hat zu einem permanenten Wandel der ökonomischen, sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebensbedingungen geführt. 46 Immer höher werdende Ansprüche an die Flexibilität in der Wahl der angenommen Arbeit sowie des Arbeits- und Wohnortes führen dazu, dass langfristige Festlegungen im persönlichen Lebenslauf vermieden werden.
39 Vgl. Barth 1977, S. 156.
40 Birg 2005b, S. 14. 41 Vgl. ebd., S. 13. 42 Vgl. ebd., S. 15. 43 Vgl. ebd., S. 17. 44 Vgl. ebd., S. 18. 45 Vgl. Seinitz 2006, S. 124. 46 Vgl. Birg 2004, S. 66.
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»Die ungewollte demographische Konsequenz dieser Entwicklungstrends ist die permanente Zunahme des Anteils der Frauen an einem Jahrgang, der kinderlos bleibt.« 47 So sei die niedrige Geburtenrate nicht auf die Häufigkeit der Ein-Kind-Familie zurückzuführen (in Deutschland ist die Zwei-Kind-Familie die häufigste Familienform mit Kindern) sondern auf den Anteil der zeitlebens kinderlos bleibenden Frauen (siehe Abb. 10). 48 In unserer Gesellschaft fallen Entscheidungen über Bildungs- und Berufsauswahl sehr oft zeitgleich mit der Entscheidung für oder gegen eine Familienbildung. Hier beginnen sich die persönlichen Biographien zu polarisieren. Es entsteht eine Gruppe mit Kindern und eine Gruppe ohne Kinder. Innerhalb der Gruppe mit Kindern hat die Entscheidung für weitere Kinder bei weitem nicht mehr dieselben einschneidenden Konsequenzen wie beim ersten Kind. Seit 1965 bleibt bei den jüngeren Jahrgängen etwa ein Drittel zeitlebens kinderlos (siehe Abb. 10). Bei den Frauen mit Kindern hat die Geburtenrate einen idealen Wert von zwei Kindern pro Frau. 49 Diese Polarisierung sei gerade in Deutschland sehr hoch und werde sich mit großer Wahrscheinlichkeit noch fortsetzen. 50
Birg ist der Ansicht, dass die Frage, ob und gegebenenfalls wie viele Kinder jemand habe, in der modernen Gesellschaft dadurch bestimmt werde, wie hoch das Festlegungsrisiko des Einzelnen im Hinblick auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes seien. Er sagt, dass der Erfolg unserer Gesellschaft mit einer Instabilität der Familie, dem dadurch verursachten Rückgang der Geburtenrate und einer Überalterung erkauft werde. Eine Überalterung habe so gravierende Auswirkung auf die Funktionalität der sozialen Sicherungssysteme der Wirtschaft, dass die bisher gewohnte Prosperität durch die demografische Entwicklung langfristig gefährdet sei 51 (vgl. Kap. 2.3. und 5.4.).
2.2. Ökonomische Modelle
Dieser Abschnitt soll einen sehr groben Überblick über die Ökonomie vermitteln. Die Ökonomie ist die Erforschung der wirtschaftlichen Wirklichkeit; sie ist eine Erfahrungs- bzw. Realwissenschaft. Da sie sich mit dem wirtschaftlichen
47 Vgl. Birg 2004, S. 67.
48 Vgl. ebd., S. 67. 49 Vgl. Birg 2005b, S. 80. 50 Vgl. ebd., S. 82. 51 Vgl. Birg 2005b, S. 82.
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Handeln von Menschen beschäftigt, wird sie den Sozialwissenschaften zugerechnet. 52
Das Wort Ökonomie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Wirtschaft, Wirtschaftlichkeit, im übertragenen Sinn ‚jemanden, der einen Haushalt führt‘. Wie ein Haushalt muss auch eine Gesellschaft zahlreiche Entscheidungen treffen, welche Aufgaben von wem erledigt werden. 53 Sie braucht neben Grund, Boden und Kapital vor allem eine ausreichende Anzahl von Menschen mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und Fertigkeiten, um die nachgefragten Produkte und Dienstleistungen für eben diese Gesellschaft herstellen und darin auch verteilen zu können. Diese sogenannten Produktionsfaktoren sind knapp. Das heißt in diesem Zusammenhang, dass weniger davon vorhanden ist, als die Gesellschaft haben will. 54 Die Qualität der Bewirtschaftung dieser knappen Ressourcen entscheidet schlussendlich in hohem Maße über den Wohlstand einer Volkswirtschaft mit.
Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen angebots- und nachfrageorientierten Ansätzen: Den Ersteren werden die Neoklassik, die Theorie des Produktionspotenzials sowie die Humankapitaltheorie zugerechnet, den Letzteren der Theorieansatz von John Maynard Keynes, Alwin Hansens Theorie der säkularen Stagnation sowie die These vom Nachfrageausfall zugeschrieben. Kapitel 2.2.1. bis 2.2.7. geben einen Überblick über diese Modelle. Der Verfasser ist der Ansicht, dass Elemente aus beiden Sichtweisen Einfluss auf die komplexe Welt der modernen Ökonomie haben, weshalb in dieser Arbeit im weiteren Verlauf diese Gegebenheiten aus beiden Blickwinkeln untersucht werden.
2.2.1. Die Neoklassik
Mit Beginn der Neoklassik fanden ab etwa 1870 entscheidende Änderungen in der ökonomischen Methodik statt. Die für die vorliegende Abhandlung zweifellos bedeutendste Neuerung der Neoklassik war die Einführung der Theorie des Produktionspotenzials (vgl. Kap. 5.3.). Die Zunahme der Arbeitsproduktivität wird immer stärker vom Humankapital und weniger vom Sachkapital abhängig sein. 55 Die intellektuellen Faktoren des Humankapitals gewinnen gerade in den entwi-
52 Vgl.Baßeler/Heinrich/Utecht 2006, S. 1.
53 Vgl. Mankiw 2004, S. 3. 54 Ebd., S. 3. 55 Vgl. Homburg 1995, S. 352.
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ckelten Gesellschaften immer mehr an Bedeutung, da dort physische Arbeit immer mehr durch geistige Arbeit verdrängt wird. 56
Im Gegensatz zu den Klassikern, welche das volkswirtschaftliche Gesamtgeschehen interessierte, betrachteten die Neoklassiker einen Zeitpunkt und »ana- lysiertendie Allokation in diesem Zeitpunkt substantiell statisch«. 57 Die Theorie des Produktionspotenzials behandelt das Zusammenwirken der drei Faktoren Arbeit, Kapital und Boden. 58 Allokation bedeutet in diesem Zusammenhang die Verteilung dieser Produktionsfaktoren auf die vielfältigen Produktionsprozesse einer Volkswirtschaft. Nach der neoklassischen Theorie ist das Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft dann erreicht, wenn alle Produktionsfaktoren optimal eingesetzt sind. 59 Sie sucht eine Antwort auf die Frage, wie man die knappen Ressourcen auf die vorhandenen Produktionsmöglichkeiten verteilen sollte. Die Vertreter der Neoklassik interessierte also, wie viele Einheiten mit welchen Mitteln produziert werden können. Dabei wurde davon ausgegangen, dass immer eine entsprechende Nachfrage vorhanden ist.
Ein wichtiger Vertreter des Neoklassizismus war Jean-Baptiste Say, dessen Theorem wie folgt zusammengefasst werden kann:
»Geplantes Angebot und geplante Nachfrage müssen in einer geschlossenen Volkswirtschaft übereinstimmen. Wer am Markt ein Gut (etwa auch die eigene Arbeitskraft) anbietet, tut dies, um Einkommen zu erzielen, damit er selbst Güter kaufen kann. Er schafft durch sein Angebot von Gütern eine Nachfrage nach Gütern.« 60
Vereinfacht kann man das Saysche Theorem dahingehend auslegen, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage selbst schafft.
Die Neoklassik orientiert sich stark an Logik und Mathematik 61 und ist dafür verantwortlich, dass die bis heute gebräuchlichen mathematischen Methoden eingeführt wurden. 62 Die strikte Orientierung an Rechenmodellen hat aber auch Kritiker auf den Plan gerufen, die anzweifeln, dass sich die Wirtschaft in einem
56 Vgl. hierzu Kaufmann 2005, S. 76.
57 Felderer/Homburg 1999, S. 26.
58 Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien 2005, 2.2.5.3.1 Produktionsfaktoren.
59 Vgl. Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien 2005, 2.2.5.3 Allokation. 60 Suntum 2001, S. 96.
61 Vgl. Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien 2005, 2.2 Neoklassik.
62 Vgl. Felderer/Homburg 1999, S. 26.
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perfekten Umfeld abspielt. So sei gerade der Faktor Mensch keine konstante Größe. 63 Erik Händeler schreibt in Die Geschichte der Zukunft, dass die Tatsache der sich ständig verschiebenden Produktionsfunktion nicht mit dem technischen Fortschritt erklärt werden dürfe, sondern mit menschlichem, oft irrationalem Verhalten zu tun habe. 64 In dieser Phase der Wirtschaftstheorie wurde die Senkung von Löhnen als Patentrezept gegen Arbeitslosigkeit angesehen. Man ging davon aus, dass die Unternehmer, gestützt auf Kosteneinsparung, vermehrt investierten, und damit Wachstum und Vollbeschäftigung sichern könnten. 65 Die Weltwirtschaftskrise in den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts brachte Kritiker auf den Plan, denn damals trat das Gegenteil ein und schuf Raum für den nachfrageorientierten Ansatz von John Maynard Keynes (vgl. Kap. 2.2.4.). Aber bis heute kann kein Lehrbuch über Volkswirtschaft an den Begriffen wie Produktionspotenzial und Produktionsfunktion vorbei. Auch die Humankapital-theorie baut in gewisser Weise auf dem neoklassischen Ansatz auf, in welchem angenommen wird, dass alle Individuen - wie alle Markteilnehmer in einem vollkommenen Markt - versuchen, ihren Gewinn über Zeit im Markt zu maximieren. Um eine Maximierung zu erreichen, können sie in Bildung investieren und so ihre individuellen Fähigkeiten zu verbessern. 66 Die folgenden zwei Abschnitte beleuchten Produktionspotenzial und Humankapital etwas genauer.
2.2.2. Produktionspotenzial/Wachstumstheorie
Das Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft ist die gesamtwirtschaftliche Produktionsleistung (Output), die beim maximalen Einsatz aller Produktions-faktoren (Input) erbracht werden kann. 67 Schon im einleitenden Abschnitt wurde erwähnt, dass wirtschaftliches Wachstum »eine anhaltende Zunahme des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials« 68 sei. Dieses Wachstum drückt sich im BIP (Bruttoinlandsprodukt) als Indikator für die wirtschaftliche Lage eines Landes aus.
Die Produktionsfaktoren (Inputfaktoren) sind Arbeit, Realkapital und technischer Fortschritt. Die algebraische Darstellung dieser Funktion lautet:
63 Vgl. Händeler 2005, S. 191.
64 Vgl. ebd., S. 191. 65 Vgl. Willke 2000, S. 14. 66 Vgl. Clar/Doré, 1997, S. 162. 67 Vgl. Gabler, 2000, S. 2500. 68 Baßeler/Heinrich/Utecht 2006, S. 816.
15
Y = K = F = Wobei , und des technischen Fort- Output Kapital d Wirkungsra
schrittes ist. 69 Der Output, abhängig von den Werten des Inputs, steigt mit höherem und fällt mit geringerem Input. In der neueren Theorie wird häufig der Begriff Humankapital als Produktionsfaktor verwendet. In Kapitel 2.1.1. sind wir im Zusammenhang mit einer Bewertung der Bevölkerungsqualität ein erstes Mal auf diesen Begriff gestoßen. Im nächsten Abschnitt wird im Speziellen die Beziehung zwischen Bildung (also Humankapital) und Wirtschaftswachstum beleuchtet, und im weiteren Verlaufe dieser Diplomarbeit werden anhand von recherchiertem Datenmaterial die Limiten des Produktionsfaktors Humankapital in Deutschland und China einander gegenüber gestellt.
2.2.3. Die Humankapitaltheorie - Bildung und Wirtschaftswachstum
Sind höhere Bildungsausgaben eine Folge des allgemeinen Einkommenszuwachses oder sind sie Voraussetzung für höheres Wirtschaftswachstum?
In diesem Kapitel wird versucht, dieser Frage nachzugehen, wobei parallel der Ansatz der Humankapitaltheorie beleuchtet wird. Die Theorie des Humankapitals ist weder eindeutig der Demografie noch der Ökonomie zuzuordnen. Sie verbindet Elemente aus beiden Bereichen und beschäftigt sich sowohl mit den quantitativen als auch den qualitativen Faktoren in einer Bevölkerungsstruktur und deren Auswirkung auf die Ökonomie einer Gesellschaft.
Diese Komponente der Bevölkerungsentwicklung wurde vermutlich erstmals vom deutschen Nationalökonom Friedrich Liszt erwähnt. 70 Für ihn war die Arbeitsproduktivität keine natürliche Gegebenheit, sondern vielmehr das Zentralproblem der Entwicklung eines Landes. Er nennt in den Dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts in seiner Theorie der produktiven Kräfte im Wesentlichen vier Faktoren, die die Entwicklung einer Gesellschaft maßgeblich bestimmen: die natürlichen Gegebenheiten wie Klima und Bodenschätze, die kulturellen, rechtlichen und organisatorischen Bedingungen eines Landes, dessen landwirtschaftliche und industrielle Kraft und schließlich »die Summe aller individuellen Kräfte, welche in Form von Erziehung, Bildung und Erfahrung der Bevölkerung als ‚Nationalproduktivkraft‘ ihren Begriff finden« 71 . Er äußert die Ansicht, dass ein Vater, der seine Ersparnisse für die Bildung seiner Kinder opfere, die produktiven
69 Vgl. Gabler 2000, S. 2496.
70 Vgl. Kaufmann 2005, S. 72. 71 Vgl. Kaufmann 2005, S. 72.
16
Kräfte der nächsten Generation beträchtlich vermehre. Ein Vater dagegen, der seine Ersparnisse auf Zinsen anlege und die Erziehung seiner Kinder vernachlässige, schwäche die produktiven Kräfte der Nation. Kaufmann schreibt, dass dies eindeutig das Dilemma zwischen individueller und volkswirtschaftlicher Rationalität zeige, welches den Kern der Nachwuchssicherung ausmache. 72
Dieser Sachverhalt wurde in der neueren Humankapitaltheorie von Theodore W. Schultz wieder aufgenommen, nachdem er lange Zeit nicht berücksichtigt wurde. Schultz folgert 1986 in seinem Werk In Menschen investieren. Die Ökonomik der Bevölkerungsqualität, dass die moderne Demografie Bevölkerungsdaten mithilfe einer hoch entwickelten und strengen Methodik verarbeite. Die Projektionsdaten enthielten aus Sicht der Wirtschaftswissenschaft aber zu viel Statistik und zu wenig Theorie. Er behauptet, dass sich viele Zukunftsprognosen, die nur auf strenge Zahlenreihen verweisen, nicht bewahrheiten werden. 73
Durch einfaches Zählen kann kaum mehr als die Anzahl der Bevölkerung ermittelt werden. Qualitätsunterschiede und Qualitätsveränderungen sind aber nicht nur bei allen Produktionsfaktoren sowie den produzierten Gütern und Dienstleistungen zu beachten, sondern eben auch bei der Bevölkerung. 74 Schultz versteht unter Bevölkerungsqualität die Summe aus angeborener Bevölkerungsqualität und der durch geeignete Investitionen erworbenen und vermehrten Bevölkerungsqualität. 75 Ein großer Fehler bestehe darin, dass die Ausgaben für Ausbildung als Ausgaben für Konsum gesehen werden. Hier müsse mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass Ausbildung zum überwiegenden Teil Investition in eine wichtige Form des Kapitals, nämlich des Humankapitals, zu verstehen sei. 76 Es spreche viel dafür, dass Humankapital wichtiger sei als der Besitz von materiellem Kapital, da dieses die Voraussetzung für den sachgerechten Gebrauch von materiellem Kapital sei, schreibt Böttcher im Vorwort zum Werk von Schultz. 77 Schultz betrachtet es folgerichtig als großen Fehler, wenn öffentliche Bildungsausgaben als Wohlfahrtsausgaben und damit als Belastung für den Staatshaushalt gesehen werden. Schultz betrachtet die Bevölkerungsqualität als knappe Ressource (damit erhält sie einen ökonomischen Wert, dessen Erwerb mit Kosten verbunden ist). Wenn die Erträge, die durch eine höhere
72 Kaufmann 2005, S. 73.
73 Vgl. Schultz 1986, S. 22. 74 Vgl. ebd., S. 25. 75 Vgl. Schultz 1986, S. 26. 76 Vgl Schultz 1986, S. 25. 77 Vgl. Böttcher 1986, S. X.
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Bevölkerungsqualität erwirtschaftet werden, über den Kosten liegen, steige auch die Bevölkerungsqualität per se. 78
Im Rahmen der thematischen Zusammenhänge erlaubt sich der Verfasser folgende vereinfachte Interpretation der Humankapitaltheorie nach Schultz: Eine besser ausgebildete Bevölkerung mit höherer Lebenserwartung hat eine positive Auswirkung auf den Wohlstand einer Volkswirtschaft. Dieser Ansatz spiegelt sich in den Ausführungen in Kapitel 5.3. wider.
Zur eingangs gestellten Frage hat es in den letzten Jahren unzählige Untersuchungen gegeben, die den Einfluss der einzelnen Wachstumsfaktoren untersuchten. Die meisten setzten als Variable auch das Humankapital in ihrer Berechnung ein. Bodenhöfer hat einen Querschnitt der Studien überprüft und kommt zu dem Schluss, dass ein Vergleich problematisch sei, da es mehr als 50 Variablen gäbe, die signifikanten Einfluss auf das Wirtschaftswachstum einer Volkswirtschaft hätten. Aber die These, wonach das Humankapital eine wichtige Rolle im Wachstumsprozess spiele, sei bestätigt. 79
2.2.3.1. Bewertung des Humankapitals
Die zahlenmäßige Entwicklung ist in globaler Betrachtung von gegenläufigen Trends bestimmt. Auf der einen Seite haben wir es mit »furchterregendem« 80 Bevölkerungswachstum (Entwicklungsländer) zu tun, auf der anderen Seite mit einer schrumpfenden Gesellschaft (Industrie- und Schwellenländer). Die beiden in dieser Arbeit analysierten Länder stehen einer stagnierenden bzw. schrumpfenden Bevölkerungszahl gegenüber, weshalb im weiteren Verlauf auch nur auf diese Seite der Thematik eingegangen wird.
Mohr erwähnt, dass gerade in Gesellschaften mit abnehmender und alternder Bevölkerungsstruktur das Bildungswesen zur zentralen Säule ausgebaut werden müsse. 81 Er ist der Meinung, dass die demografischen Prozesse der Überalterung und Schrumpfung durch eine rationale Familienpolitik auf natürliche Weise (also durch die Erhöhung der Geburtenrate) sehr wahrscheinlich nicht mehr zu verändern sind. 82 Er errechnet für Deutschland einen Bevölkerungsrückgang
78 Vgl. Schultz 1986, S. 11.
79 Vgl. Bodenhöfer 1998, S. 38-39. 80 Mohr 1997, S. 117. 81 Vgl. Mohr 1997, S. 118. 82 Vgl. ebd., S. 119.
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