Hausarbeit Jens Steinwachs
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung. 1
2. Gesellschaftlicher Kontext 2
2.1 Soziale Ungleichheit 2
2.1.1 Individualiserung. 4
2.2 Rap-Milieu 6
3. Qualitative Inhaltsanalyse 8
3.1 Methatheoretische Grundlagen. 9
3.2 Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes 10
3.3 Kategorisierung. 11
3.4 Auswertung und Interpretation. 12
4. Diskussion und Ausblick 15
Literaturverzeichnis 17
Anhang 19
II
Hausarbeit Jens Steinwachs
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1. Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit entstand im Rahmen des Standardkurses „Einführung in die Politische Theorie und Methodenlehre“ an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster. Sie setzt sich mit der Fragestellung auseinander, ob das gesellschaftliche Phänomen Individualisierung von Jugendlichen aus dem Rap-Milieu als Bedrohung wahrgenommen wird.
Dem zentralen Erkenntnisinteresse wird sich anhand einer Inhaltsanalyse genähert, in der es zu untersuchen gilt, auf welche Art und Weise Individualisierung in Raptexten des Künstlers Kool Savas thematisiert wird. Da in dem Interpretationsrahmen dieser Analyse eine soziologische Theorie von Ulrich Beck zur Anwendung kommt, wird mit dieser Arbeit auch Kritik an dem derzeitigen Verhältnis von Individuum und Gesellschaft geübt.
Der Forschungsanstoß für diese Arbeit liegt darin begründet, dass die Verwendung einer soziologischen Theorie auf ein für viele Jugendliche alltäglichen Lebensbestandteil - der Rap-Musik - einen besonderen Reiz bietet. So vertraut diese Musik für Viele ist, so ungreifbarer erscheint sie für andere zu sein. Außerdem sind die Problematiken des Themas, wie noch in Kapitel 2 zu zeigen gilt, von fundamentaler gesellschaftlicher Relevanz. Die Komplexität und das Abstraktionsniveau der Arbeitshypothese sind attraktiv, erschweren aber ihrerseits eine wissenschaftliche Analyse. Denn es gilt eine umfassende gesellschaftliche Erscheinung (Individualisierung), relativ pragmatisch durch eine Inhaltsanalyse in Beziehung zu Rap-Texten zu setzen.
In den USA ist die Rap-Szene mit ihren Stars allgegenwärtig und generiert Milliarden-Umsätze. 1 Dort sind die Medien und das Straßenbild von der HipHop-Kultur bei weitem stärker geprägt, als dies in Deutschland zu konstatieren ist. Rapmusik ist in Deutschland gleichwohl Teil einer einflussreichen Jugendkultur, die gesellschaftlich nicht nur die Musik- und Medienlandschaft beeinflusst. In den letzten Jahren lässt sich z.B. auch verstärkt beobachten, dass Raptexte in den Schulunterricht eingebunden oder anderweitig pädagogisch eingesetzt werden. 2
1 Rap ist nicht nur Musik, es stellt vielmehr ein Lebensgefühl dar. Wer den Sprechgesang
hört, kauft oft auch die typische Kleidung und andere Konsumgüter, die wiederum von
den HipHop-Künstlern vermarktet werden. So wird P.Diddy (alias Sean Combs) im Jahr
2006 ein Vermögen von 346 Millionen Dollar zugeschrieben. Zum Vergleich: Paris Hilton:
65 Millionen Dollar. Vgl. Panache (2007).
2 Hiefür seien beispielhaft zwei Publikationen genannt: Färber (2000) und Verlan (2000).
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2. Gesellschaftlicher Kontext
In diesem Kapitel soll ein kurzer Einblick in Entwicklungen und Begrifflichkeiten gegeben werden, der für das weitere Verständnis von zentraler Bedeutung ist. Dabei wird der Interpretationsrahmen der Untersuchung dargelegt, der wiederum den enormen gesellschaftlichen Stellenwert des analysierten Themas zum Ausdruck bringen soll. Wie ist die Gesellschaft 3 gestrickt, in der wir alle heute zusammen leben? Diese Fragestellung wird von verschiedenen Soziologen 4 unterschiedlich beantwortet. 5 Für den Interpretationsrahmen dieser Arbeit sind die Phänomene "soziale Ungleichheit" und "Individualisierung" von zentraler Bedeutung. Diese beiden Aspekte scheinen, unabhängig vom Fokus der jeweiligen
Gesellschaftsanalysen, ein zentrales Charakteristikum unseres Zusammenlebens zu sein.
2.1 Soziale Ungleichheit
Eine entscheidende Problematik in unserer Gesellschaft ist soziale Ungleichheit 6 . Sie ist keine neue Erscheinung, sondern wo und wann immer Menschen zusammenlebten, waren einige besser gestellt als andere. Dies kann als Ungleichheit bezeichnet werden und muss zunächst nicht zwingend mit Ungerechtigkeit einhergehen. 7 Der Begriff soziale Ungleichheit beschreibt etwas, dass zusätzlich den Aspekt der Ungerechtigkeit umfasst. Sie liegt dann vor, wenn die Ungleichheit zwischen zwei Personen in ihrer Stellung in der Gesellschaft begründet und folglich als relativ dauerhaft anzusehen ist.
3 "Eine Gesellschaft ist [...] jeder nach innen einigermaßen gegliederte und nach außen
mehr oder weniger abgegrenzte Komplex zwischenmenschlicher Beziehungen."
Eikelpasch (1999), S. 12.
4 Wenn der Sinnzusammenhang dies zulässt, sind ungeachtet der sprachlichen Form hier
und in den folgenden Ausführungen immer beide Geschlechter gemeint.
5 Einige Perspektiven aus der Vielzahl sind: Risikogesellschaft, Internetgesellschaft,
Prekäre Arbeitsgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Wissensgesellschaft.
6 "Als soziale Ungleichheit bezeichnet man (1) wertvolle, (2) nicht absolut gleich und (3)
systematisch aufgrund von Positionen in gesellschaftlichen Beziehungsgefügen
verteilten, vorteilhafte bzw. nachteilige Lebensbedingungen von Menschen." Hradil
(2006), S. 207.
7 Es scheint z.B. gerecht zu sein, dass Entlohnung nach Leistung stattfindet. Ist es
ungerecht, wenn das Verhältnis von Leistung und Entlohnung enorme Dimensionen
annimmt und in unserer Gesellschaft dermaßen auseinanderdriftet? Jean-Claude Trichet
(Präsident der Europäischen Zentralbank): "Wir müssen einige sehr hohe Vergütungen
sehr, sehr aufmerksam untersuchen. Sie werden von den Menschen in unseren
Demokratien auf beiden Seiten des Atlantiks nicht verstanden.“ O.V. (2007), S. 42.
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Karl Marx hat sich anhand seiner Klassentheorie mit sozialer Ungleichheit auseinandergesetzt. „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat." 8 Unter der Klasse der Bourgeoisie versteht Marx alle Menschen, die die gesellschaftlichen Produktionsmittel besitzen. Proletariat ist im Umkehrschluss die Klasse der modernen Lohnarbeiter die darauf angewiesen sind ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können. Hieraus ergeben sich für die Menschen vorteilhafte bzw. nachteilige Lebensbedingungen, wenn davon ausgegangen werden kann, dass die Bourgeoisie die Lohnarbeit ausnutzt. 9 Marx benutzt bei der Einteilung in beide Klassen nur ein Einziges und zwar objektives Kriterium. Dies ist der Besitz oder Nichtbesitz von Produktionsmitteln. Im 19. Jahrhundert existierten nach Marx danach sozial und politisch handelnde Klassen, die aufgrund nahezu identischer Lebensbedingungen unter ihren Mitglieder zusammenhielten.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheinen die Menschen "vor dem Hintergrund der inzwischen erkämpften sozialen und politischen Rechte aus lebensweltlichen Klassenzusammenhängen [herausgelöst, d.V.] und zur Beschaffung ihres Lebensunterhaltes verstärkt auf sich selbst verwiesen." 10 Es findet ergo eine Individualisierung der sozialen Klassen statt, die unter 2.1.1 näher beleuchtet wird.
Abschließend wird die These aufgestellt, dass sich das Ausmaß sozialer Ungleichheit vor allem im Hinblick auf die finanziellen Rahmenbedingungen zukünftig zunehmend vergrößern wird. Inwiefern dies in der Gesellschaft wahrgenommen und sich ein Willen zu Veränderungen entwickelt, bleibt abzuwarten. Eine zentrale Frage ist dabei, ob die wesentlichen Ursachen für soziale Ungleichheiten im Bezug auf die finanziellen Lebensbedingungen überhaupt benannt und minimiert werden können. 11
8 Marx (1848), S. 462.
9 Vgl. Marx (1848), S. 492.
10 Beck (1986), S. 131.
11 In diesem Kontext sind sehr interessante Thesen in folgender Publikation enthalten:
Gesell (1950).
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2.1.1 Individualisierung
Der Begriff Individualisierung 12 bezeichnet je nach Sichtweise unterschiedliche gesellschaftliche Phänomene. In diesem Abschnitt wird kurz auf eine kritische Theorie 13 von Ulrich Beck eingegangen und dabei erläutert, welche Sinnbedeutung der Begriff Individualisierung in dieser Arbeit einnimmt.
Ulrich Beck unterscheidet zwei Individualisierungsschübe. Der erste liegt beim Übergang von der vormodernen zur modernen Gesellschaft, ergo in etwa im 19. Jahrhundert. 14 Der zweite Schub lässt sich ab ca. 1950 beobachten und ist vor allem durch folgende vier Aspekte charakterisiert: 15
- Fahrstuhleffekt, 16
- Diversifizierung von Lebenslagen und -stilen,
- die Bildungsexpansion führt zur Ausweitung der Individualisierung auf das weibliche Geschlecht, 17
- Entstandardisierung der Arbeitszeit und -weise.
Die Individualisierung führt bis dato dazu, dass sich die Menschen mehr und mehr aus traditionellen Bindungen wie Familie und Religion herauslösen und die vormoderne einheitliche Sozialordnung an Bedeutung verliert. 18 Der Einzelne wird im Zuge der funktionalen Differenzierung massenhaft nur noch zum Träger spezialisierter Rollen. 19 Nur so scheint das Individuum für die moderne Gesellschaft von Nutzen zu sein. Folgende Aussagen illustrieren das Credo der Individualisierung: "Mach etwas aus deinem Leben" oder "Ich bin Ich".
12 "Individualisierung bedeutet zunächst und vor allem die Freisetzung der Menschen aus
den hergebrachten Lebensformen und Traditionen von Klasse, Schicht,
Geschlechtsrollen, Familie, dörflicher Gemeinschaft etc." Eikelpasch (1999), S. 70.
13 "Kritische Theorie wird oft als Programm beschrieben, die die Intentionen von Karl Marx
unter veränderten historischen Bedingungen fortführt. Beiden zielen auf eine vernünftige
Einrichtung der Gesellschaft, die noch ausstehe." Abels (2007), S. 22.
14 Siehe hierzu Anlage 1.
15 Vgl. Beck (1986), S. 122ff.
16 Die Gesellschaft wird v.a. im Bezug auf Einkommen, Bildung und Konsum insgesamt
gesehen eine Etage höher gefahren, wobei sich die neu entstehenden sozialen
Ungleichheiten vergrößern. Vgl. Beck (1986), S. 125.
17 Die Aussage "Jeder ist seines Glückes Schmied" stammt aus dem 19. Jahrhundert und
verdeutlicht (man beachte die männliche Form "Jeder"), dass sich der erste Schub
ausschließlich auf das männliche Geschlecht (v.a. bürgerliche Unternehmer) ausgewirkt
hat. Es lässt sich aber noch heute feststellen, dass keine völlige Individualisierung von
Frauen stattgefunden hat. Eva Hermann fordert in ihrem Buch "Das Eva-Prinzip" im
Grunde die Aufhebung der (unvollständig) vollzogenen Individualisierung der Frau.
18 Siehe Anlage 2.
19 Hierunter ist zu verstehen, dass die Individuen in den spezialisierten Teilsystemen
(Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Religion, Politik) agieren, die z.T. widersprüchliche
Sinnwelten darstellen. In der vorindustriellen Gesellschaft waren diese Teilbereiche noch
sehr eng miteinander verflochten. Vgl. Eikelpasch (1999), S. 58.
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Ulrich Beck unterscheidet drei analytische Dimensionen der Individualisierung als Ergebnis gesellschaftlicher Transformationsprozesse: Freisetzungsdimension 20 , Entzauberungsdimension 21 und Kontroll- und Reintegrationsdimension. Die dritte Dimension beschreibt eine neue Art der sozialen Einbindung, welche zunächst paradox erscheint. Obwohl der Einzelne an persönlichen Freiheiten 22 gewonnen hat, und das ist auch gut so, findet eine besonders problematische Einbindung des Einzelnen in die Gesellschaft statt. Jeder steht nun vor der Möglichkeit sein eigenes Leben zu gestalten, unterliegt hierbei aber dem Zwang, dass er dies auf eigene Gefahr und unter nicht selbst gewählten Bedingungen (Stichwort: Privatisierung der Risiken) durchführt. 23 Erfolg und Misserfolg wird zu einer individuellen Angelegenheit, wobei sich Misserfolg vom Klassenschicksal zum persönlichen Versagen transformiert hat. 24
Individualisierung meint somit nicht die Befreiung des Einzelnen von den Fesseln der Gesellschaft, sondern eine Veränderung der Fesseln und damit eine neue Form der Vergesellschaftung. 25 So bestehen bspw. Vorgaben und Anforderungen an die Individuen seitens der sozialen Sicherungssystem, des Bildungssystems und des Arbeitsmarktes. "Die freigesetzten Individuen werden arbeitsmarktabhängig und damit bildungsabhängig, konsumabhängig, abhängig von sozialrechtlichen Regelungen und Versorgungen [...]. Dies alles verweist auf die besondere Kontrollstruktur 'institutionenabhängiger Individuallagen', die auch offen werden für (implizite) politische Gestaltungen und Steuerungen." 26 Daraus resultiert oftmals eine Überforderung für den Einzelnen.
Die These der Kolonialisierung der Lebenswelt von Jürgen Habermas bietet in diesem Zusammenhang einen Erklärungsansatz. Die These drückt aus, dass die Subsysteme Wirtschaft und Staat infolge des kapitalistischen Wachstums komplexer
20 Das Individuum wird aus historisch vorgegebenen Sozialformen, die v.a. durch Familie
und Religion bestimmt sind, zunehmend herausgelöst. Die sicherheitgebende Familie
und Sinnangebote (Glauben, leitende Normen), sowie Rollenerwartungen und
Handlungswissen verlieren zunehmend an Bedeutung. Vgl. Beck (1986), S. 206f.
21 Diese Dimension umfasst die Folgen, die sich aus der ersten Dimension ergeben:
Sinnverlust, Sicherheitsverlust und Orientierungsverlust. Vgl. ebd.
22 Vor allem Jürgen Habermas hat sich in seinen Publikationen mit der essenziellen Frage
beschäftigt: An welchen Maßstäben kann gemessen werden wie gerecht oder frei eine
Gesellschaft ist? Vgl. beispielsweise Habermas (2006). Es handelt sich bei der Theorie
des kommunikativen Handelns um den Anfang einer Gesellschaftstheorie, die sich
bemüht, ihre kritischen Maßstäbe auszuweisen. Vgl. Treibel (2006), S. 165.
23 "Nur wer sich zu disziplinieren weiß und in der Lage ist, die auf unmittelbare Befriedigung
drängenden Triebe und Wünsche aufzuschieben [eine Art der Gewaltanwendung, d.V.],
kann den Anforderungen der gesellschaftlichen Arbeit [...] gerecht werden." Auer (1998),
S. 29.
24 Vgl. Beck (1986), S. 130f.
25 Vgl. Eikelpasch (1999), S. 71. Wozu Individualisierung nach Beck führen kann: Anlage 3.
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Arbeit zitieren:
Jens Steinwachs, 2008, Individualisierung in Raptexten des Künstlers Kool Savas, München, GRIN Verlag GmbH
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